D. Magnus Ausonius, Mosella (Auszüge: 1 - 32; 318 - 347; 381 - 411).

Deutsche Übersetzung mit kleineren Modifikationen entnnommen aus:D. Magnus Ausonius, Mosella. Lateinisch-deutsch. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Paul Dräger,, Düsseldorf, Zürich 2004, S. 7 - 9, 33 - 35 und 39 - 41.


1 - 32

Überquert hatte ich die schnelle Nava, während sie nebelreich dahinfloß, nachdem ich die neuen Mauern bewundert, die um das alte Vincum gelegt waren, wo einst Gallien dem latinischen Cannae gleichgekommen ist und unbeweint die Scharen hilflos überall auf den Fluren liegen. Indem ich von dort die einsame Reise durch waldreiches unwegsames Gelände beginne und auf keine Spuren menschlichen Anbaues blicke, gehe ich vorüber am trockenen Dumnissus - auch das Umland leidet Durst und an Tabernae, das von einer ganzjährig fließenden Quelle bewässert wird, und an den Fluren der Sauromaten, die erst kürzlich Bauern zugemessen wurden, und erblicke schließlich im vordersten Grenzgebiet der Belger Noiomagus, die berühmte Festung des verewigten Constantinus.

Reiner ist hier auf den Feldern die Luft und Phoebus entriegelt schon mit hellem Licht heiter den purpurschimmernden Olymp, und nicht mehr braucht man, da sich die Zweige durch wechselseitige Fesseln miteinander verschlingen, den durch grünes Dunkel verdrängten Himmel zu suchen, sondern fließendes Licht und rötlichen Himmelsglanz neidet den Blicken nicht der freie Luftstrom eines klaren Tages. Hinein in die Schönheit und die Pracht meiner Vaterstadt, des strahlenden Burdigala, trieb mich damals alles durch einschmeichelnde Schau: die Giebel der Landhäuser, die von überhängenden Ufern emporragten, und die duch Bacchus grünen Hügel und die lieblichen Fluten der unten mit leidem Rauschen dahingleitenden Mosella.

Sei gegrüßt, Strom, gelobt von den Äckern, gelobt von den Bauern, dem die Belger die Stadt verdanken, die der Herrschaft gewürdigt wurde, Strom, an den Rebenhöhen bewachsen von duftverbreitendem Bacchus, bewachsen, tiefgrüner Strom, an den grasigen Ufern! Schiffetragend wie ein Meer; mit Gefälle zu talab fließenden Wogen wie ein Fluß, und an kristallldarer Tiefe Seen nachahmend, kannst du sowohl Bächen in hüpfendem Lauf gleichkommen als auch mit lauterem Trunk eiskalte Quellen übertreffen: Alles hast du allein, was eine Quelle, was ein Bach und ein Strom und ein See und das Meer haben, das durch einen Schutzdeich zurückflutet, der in zwei Richtungen Durchlaß gewährt. .....

318 - 347

[Architekten von Rang], so ist es erkennbar, haben in den Ländern der Belger den Villen-Bau angeleitet und so auch die hochragenden Villen, Schmuckstücke am Flusse, errichtet. Die eine ist auf dem Damm eines durch seine natürliche Beschaffenheit erhöhten Felsens, eine andere gegründet auf einem Sockel des vorspringenden Ufers, die dritte zieht sich zurück und beansprucht den Strom, der in einer Einbuchtung gefangen ist, für sich. Jene, die einen Hügel einnimmt, der am höchsten den Strom überragt, verschafft sich leichte Aussicht über bebautes Land, über Wildnis, und wie an eigenen Ländereien labt sich die glückliche Schau. Eine andere , die mit niedriger Basis auf bewässerten Wiesen angelegt ist, gleicht sogar die natürlichen Vorzüge eines sich steil erhebenden Berges aus und stößt drohend mit erhöhtem Dach in den Himmelsraum vor, indem sie einen hohen Turm emporreckt, wie der Pharus von Memphis. Eine weitere hat die Eigentümlichkeit, daß man die in einem umzäunten Wasserbecken eingeschlossenen Fische mitten im sonnigen Brachland der Klippen fangen kann. Wieder e8ine Villa, auf die höchsten Höhen gestützt, betrachtet den drunten hingleitenden Fluß, wobei schon der Blick hinab Schwindel erregt.

Was soll ich Hallen erwähnen, die an grünenden Wiesen gelegen sind, und Dächer, die sich auf unzählige Säulen stützen? Was Bader, die, am Sockel des Flusses errichtet, rauchen, wenn Mulciber, aus seinem glühenden Versteck herausgelockt, seinen keuchend ausgestoßenen Feueratem durch die hohlen Wandverkleidungen sich emporwälzen läßt und den eingeschlossenen Dampf mit seinem Gluthauch zusammenballt? Gesehen habe ich, wie manche, die vom vielen Schwitzen im Bad erschöpft waren, die Bassins und die Kühle der Becken verschmähten, um sich am lebendigen Wasser zu laben, dann, durch den Strom erquickt, mit plätscherndem Schwimmen den eiskalten Fluß zerteilten. Wenn aber von cumanischen Küsten ein Gastfreund hier wäre, würde er glauben, daß das euböische Baiae ein verkleinertes Abbild von sich dieser Gegend geschenkt habe: So sehr zieht sowohl ihre Schönheit als auch ihr Glanz an, und doch erzeugt das Vergnügen keine Verschwendung.

381 - 411

Sei gegrüßt, großer Erzeuger sowohl von Früchten als auch von Männern, Mosella! Dich zieren berühmte Adlige, dich eine Jugend, im Krieg geübt, dich Beredsamkeit, wetteifernd mit latinischer Zunge. Ja, auch Sittsamkeit und eine bei strenger Stirn fröhliche Veranlagung hat die Natur deinen Zöglingen zugestanden, und nicht verweist Rom allein voll Stolz auf die vormaligen Catonen oder gilt als nur einziger Wahrer von Recht und Billigkeit Aristides und rückt das alte Athen ins rechte Licht.

Aber was schmälere ich, indem ich an allzu lockeren Zügeln ausschreite, von Liebe zu dir bezwungen, den Lobpreis? Birg, Muse, die Schildkröten-Lyra, wenn die Saiten mit dem letzten Lied angeschlagen sind! Die Zeit wird kommen, da mich, während ich bei Werken der ruhmlosen Muße die Sorgen lindere und die Sonnenseiten des Alters wohlig genieße, der Reiz meines Stoffes empfiehlt; da ich Mann für Mann die Taten der Belger und die väterlichen Sitten, ruhmreiche Vorzüge, besinge. Empfindsame Lieder werden mir mit dünnem Faden die Pieriden weben und mit feinem Einschlag die befestigten Aufzüge durchschießen; auch unsere Spindeln werden Purpur bekommen. Wer wird von mir dann nicht genannt sein? Rühmend in Erinnerung bringen will ich die friedlichen Ackerbauern und die Gesetzeskundigen und Redegewaltigen, den erhabenen Schutz für Verklagte; die das Rathaus als die höchsten unter ihren Bürgern sah, als Vornehmste und als eigenen Senat; die die gefeierte Beredsamkeit der von Knaben in der Purpurtoga besuchten Schule zum Ruhm des alten Quintilian emportrug; und die ihre Städte lenkten und den Richterstuhl rein von Blut und schuldlos die Beile erstrahlen ließen; oder die über die Völker der Italer und die unter dem Nordwind geborenen Britannier unter dem Titel der zweiten Präfektur geboten; und den, der das Haupt der Welt, Rom, sowohl Volk als auch Väter, nur nicht unter dem ersten Namen lenkte, obwohl er gleich war den Ersten: ........


LV Gizewski SS 2007

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de