Zur Begründung eines römischen Katholizismus: »Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen«. Leo der Große: Predigt 4, 2-4.

Text der deutschen Übersetzung entnommen aus: Texte der Kirchenväter. Eine Auswahl, nach Themen geordnet. Zusammengestellt und herausgegeben von Alfons Heilmann in Zusammenarbeit mit Heinrich Kraft, 5 Bde. München 1964, Bd. 4, S. 135 - 138.


Auf der ganzen Welt wurde nur Petrus dazu auserkoren, das Haupt aller berufenen Völker, sämtlicher Apostel und aller Väter der Kirche zu sein. Darum ist trotz der vielen Priester und trotz der vielen Hirten unter dem Volke Gottes doch in eigentlichem Sinn Petrus der Leiter all derer, über die in erster Linie auch Christus herrscht. Bedeutenden und bewundernswerten Anteil an ihrer Macht gab also die göttliche Gnade diesem Manne. Und wenn auch nach ihrem Willen die übrigen Häupter der Kirche manches mit ihm teilen sollen, so hat sie doch alles, was sie anderen gewährte, stets nur durch ihn verliehen. Sämtliche Apostel fragt zum Schluß der Herr, welche Anschauung die Menschen von ihm hätten. Soweit sie nun berichten, was menschlicher Unverstand alles in ihm sieht, gehen sie die gleiche Antwort.

Kaum wird jedoch die Frage aufgeworfen, für wen ihn die Jünger halten, so bekennt der zuerst seinen Glauben an den Herrn, der den ersten Rang unter den Aposteln einnimmt. Gibt er doch die Antwort: »Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.« [Matth 16,16] Darauf entgegnete ihm Jesus: »Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas; denn nicht Fleisch und Blut hat dir das geoffenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist!« [Matth 16,17] Das heißt: Deshalb bist du selig, weil mein Vater dich belehrt hat, weil du dich nicht durch die Meinung der Welt täuschen ließest, sondern durch himmlische Erleuchtung unterwiesen wurdest, weil nicht Fleisch und Blut, sondern jener mich dir off ertbarte, dessen eingeborener Sohn ich bin. - »Und ich«, fuhr er fort, »sage dir.« - Das heißt: Wie mein Vater dir meine Göttlichkeit deutlich zeigte, so mache ich dir deine Bevorzugung kund: »Du bist Petrus.« Das heißt: Wenn auch ich der unerschütterliche Fels bin, ich der Eckstein, der aus beiden eines macht, ich das Fundament, außer dem keiner ein anderes legen kann, so bist doch auch du ein Fels, da du durch meine Stärke gefestigt wirst, so daß du durch diese Gemeinschaft an meiner persönlichen Macht Anteil hast. - »Und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. « - Auf diesem festen Grund, sagt er, will ich einen ewigen Tempel errichten, und der stolze Bau meiner Kirche, der bis zum Himmel ragen soll, wird sich auf dem Fundament dieses Glaubens erheben.

Dieses Bekenntnis [daß Christus der Sohn des lebendigen Gottes ist] werden die Pforten der Hölle nicht überwältigen und die Bande des Todes nicht umschlingen; denn dieses Wort ist ein Wort des Lebens. Wie es seine Anhänger zum Himmel erhebt, so stößt es seine Widersacher in die Hölle hinab. Um dieses Bekenntnisses willen sagt der Herr zum heiligen Petrus: »Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Alles, was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein. Und alles, was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.« [Matth 16,19] Freilich ging auch auf die anderen Apostel das Recht über, von dieser Befugnis Gebrauch zu machen; freilich gilt für alle Vorsteher der Kirche die in diesem Ausspruch enthaltene Bestimmung: aber nicht ohne Grund wird das, woran alle Anteil haben sollen, einem anvertraut. Wird ja gerade deshalb diese Vollmacht dem Petrus gesondert übertragen, weil über allen Leitern der Kirche die Person des Petrus steht. Dieses Vorrecht des heiligen Petrus gilt auch für seine Nachfolger, sooft sie, von seinem Gerechtigkeitssinn erfüllt, ein Urteil sprechen. Von allzu großer Strenge oder Milde kann aber da nicht die Rede sein, wo nichts vorbehalten oder nachgelassen wird, was nicht auch vom heiligen Petrus nachgelassen oder vorbehalten worden wäre.

Als das Leiden des Herrn nahte, das die Standhaftigkeit der Jünger auf eine harte Probe stellen sollte, sprach dieser: »Simon, Simon, siehe, der Satan hat nach euch verlangt, um euch zu sieben wie den Weizen! Ich aber habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht nachlasse. Und wenn du einst bekehrt bist, so stärke deine Brüder, damit ihr nicht in Versuchung fallet!« [Luk 22,31 f.J Allen Aposteln drohte die gleiche Gefahr, der Furcht zu unterliegen. Unterschiedslos bedurften sie der Hilfe des göttlichen Schutzes, da der Teufel alle zu versuchen, alle zu verderben trachtete. Und doch ist der Herr besonders für Petrus besorgt und betet namentlich für des Petrus Glauben, gleich als ob die Haltung der anderen standhafter wäre, wenn der Mut des Oberhauptes unbezwungen bliebe. In Petrus wird also die Kraft aller gefestigt und der Beistand der göttlichen Gnade so geregelt, daß die Stärke, die durch Christus dem Petrus verliehen wird, durch Petrus auf die Apostel übergeht.

Da wir also sehen, daß uns infolge göttlicher Anordnung ein so mächtiger Schutz zur Seite steht, so ist unsere Freude über die Verdienste und die Würde unseres Führers wohlberechtigt. Nur müssen wir auch dem ewigen König, unserem Erlöser, dem Herrn Jesus Christus dafür danken, daß er dem solche Vollmacht gab, den er zum Haupt der ganzen Kirche bestellte. Wird nun auch heutzutage von uns etwas in rechter Weise angeordnet oder ausgeführt, so ist dies der Wirksamkeit und Leitung dessen zuzuschreiben, zu dem gesagt wurde: »Und wenn du einst bekehrt bist, so stärke deine Brüder!«, an den der Herr nach seiner Auferstehung auf die dreimalige Versicherung unwandelbarer Liebe hin dreimal den bedeutungsvollen Ruf ergehen ließ: »Weide meine Schafe!« [Joh 21,17] Dies tut Petrus zweifellos auch jetzt noch. Als treubesorgter Hirte erfüllt er die ihm vom Herrn übertragene Aufgabe, indem er uns durch seine Mahnung stärkt und unablässig für uns bittet, damit wir keiner Versuchung zum Opfer fallen. Wenn er sicher auch allerorts dem gesamten Volke Gottes seine fürsorgende Liebe angedeihen läßt, in welch höherem Maße wird er dann erst uns, seinen Pflegekindern, seine Hilfe zuwenden, uns, bei denen er an heiliger Stätte in demselben Fleische, in dem er unser Oberhaupt war, im seligen Todesschlaf schlummert!


LV Gizewski SS 2007

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de