Zu Zielen und Methoden eines frühhumanistischen Lateinunterrichts.

Lateinischer Text und deutsche Übersetzung entnommen aus: Erasmus von Rotterdam, Familiarum colloquiorum formulae - Schülergespräche. Lareinisch - Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Lore Poelchau, Stuttgart 1982, S. 47 - 51.

Lateinische Fassung:

Monitoria

Paedagogus. Puer.

Paed. Tu mihi videre non in aula natus, sed in caula, adeo moribus es agrestibus. Puerum ingenuum decent ingenui mores. Quoties alloquitur te quispiam, cui debes honorem, compone te in rectum corporis statum. Aperi caput. Vultus sit nec tristis nec torvus nec impudens nec protervus nec instabilis, sed hilari modestia temperatus: oculi verecundi, semper intenti in eum cui loqueris, iuncti pedes, quietae manus. Nec vacilles alternis tibiis, nec sint gesticulosae manus, nec mordeto labrum, nec scabito caput, nec fodito aures. Vestis item ad decorum componatur, ut totus cultus, vultus, gestus et habitus corporis ingenuam modestiam et verecundam indolem prae se ferat.

Puer. Qui si mediter?

Paed. Fac.

Puer. Siccine satis?

Paed. Nondum.

Puer. Quid si sic?

Paed. Propemodum.

Puer. Quid si sic?

Paed. Hem, satis est. Istuc tene. Ne sis inepte loquax aut praeceps. Nec vagetur animus interim, sed sis attentus, quid ille dicat. Si quid erit respondendum, id facito paucis ac pudenter, subinde praefatus honorem, nonnumquam et addito cognomento honoris gratia. Atque identidem modice flectas alterum genu, praesertim ubi responsum absolveris. Nec abeas, nisi praefatus veniam aut ab ipso dimissus. Nunc age, specimen aliquod huius rei nobis praebe. Quantum temporis abfuisti a maternis aedibus?

Puer. lam sex ferme menses.

Paed. Addendum erat: domine.

Puer. lam sex ferme menses, domine.

Paed. Non tangens desiderio matris?

Puer. Nonnumquam sane.

Paed. Cupis eam revisere?

Puer. Cupio, domine, si id pace liceat tua.

Paed. Nunc flectendum erat genu. Bene habet. Sic pergito. Gum loqueris, cave ne praecipites sermonem aut haesites lingua aut palato immurmures, sed distincte, dare, articulate consuescito proferre verba tua. Si quem praeteribis natu grandem, magistratum, sacerdotem, doctorem aut alioqui virum gravem, memento aperire caput nec pigeat inflectere genu. Itidem facito, cum praeteribis aedem sacram aut imaginem crucis. In convivio sic te praebebis hilarem, ut semper memineris, quid deceat aetatem tuam. Postremus omnium admoveto manum patinae. Si quid datur lautius, recusato modeste; si instabitur, accipe et age gratias; mox decerpta portiuncula, quod reliquum est, illi reddito aut alicui proxirne accumbenti. Si quis praebibet, hilariter illi bene precare. Sed ipse bibito modice. Si non sitis, tarnen admoveto cyathurn labiis. Arride loquentibus, ipse ne quid loquaris, nisi rogatus. Si quid obsceni dicetur, ne arride, sed compone vultum quasi non intelligas. Ne cui obtrectato, ne cui temet anteponito. Ne tua iactato, ne aliena despicito. Esto cornis etiam erga tenuis fortunae sodales. Neminem deferto. Ne sis lingua futili. Ita fiet, ut sine invidia laudem invenias et amicos pares. Si videris conviviurn esse prolixius, precatus veniam ac salutatis convivis subducito te a mensa. Vide ut horum rnernineris.

Puer. Dabitur opera, mi praeceptor. Nurnquid aliud vis?

Paed. Adito nunc libros tuos.

Puer. Fiet.

48 Monitoria



Deutsche Übersetzung:

Anstandsunterricht.

Pädagoge. Junge.

Pädag. Du scheinst mir nicht am Hofe, sondern im Schafstall geboren zu sein, so bäurisch sind deine Sitten. Einem Jungen aus gutem Hause steht gutes Benehmen wohl an. Sooft dich jemand anredet, dem du Ehrfurcht schuldest, steh gerade und nimm die Kopfbedeckung ab. Mach kein mürrisches oder finsteres Gesicht, schau nicht dreist oder keck oder unstet drein, sondern geziemend heiter und bescheiden. Richte deinen Blick immer respektvoll auf den Gesprächspartner; halte deine Füße beisammen und deine Hände ruhig. Tritt nicht von einem Fuß auf den andern und gestikulier nicht mit den Händen; beiß dir nicht auf die Lippen, kratz dich nicht am Kopf und bohr nicht in den Ohren. Auch deine Kleidung soll anständig und schicklich sein, so daß sich in deiner ganzen Erscheinung, deinem Aussehen, deinen Gebärden und deiner Haltung natürliche Bescheidenheit und ein respektvolles Wesen ausdrückt.

Junge. Wie wär's, wenn ich es übe?

Padag. Tu das.

Junge. Ist es so recht?

Pädag. Noch nicht.

Junge. Wie ist es, wenn ich es so mache?

Pädag. Beinah.

Junge. Wie ist es so?

Pädag. Hm, das geht an. Das behalte bei. Red nicht läppisch und unüberlegt daher. Laß deine Gedanken nicht abschweifen, sondern gib auf das acht, was der andere sagt. Ist eine Antwort vonnöten, dann antworte kurz und bescheiden und nenne von Zeit zu Zeit den Titel des anderen und füg gelegentlich als Ehrenbezeugung den Namen hinzu. Mitunter mußt du das eine Knie ein wenig beugen, besonders wenn du geantwortet hast. Und geh nicht weg, ohne zuvor um Erlaubnis gebeten zu haben oder entlassen worden zu sein. Wohlan denn, gib uns ein Beispiel hierfür. - Wie lange bist du von daheim fort?

Junge. Nahezu sechs Monate.

Pädag. Du hättest »Herr« hinzusetzen müssen.

Junge. Nahezu sechs Monate, Herr.

Pädag. Hast du keine Sehnsucht nach deiner Mutter?

Junge. Manchmal schon.

Pädag. Möchtest du sie wieder besuchen?

Junge. Das möchte ich wohl, Herr, wenn es mit ihrer freundlichen Erlaubnis möglich ist.

Pädag. Jetzt hättest du das Knie beugen müssen. Gut. Mach so weiter. Hüte dich beim Sprechen davor, die Wörter zu überstürzen oder zu stottern oder bei geschlossenen Zähnen zu murmeln. Vielmehr gewöhn dich daran, deine Worte klar, deutlich und gut artikuliert vorzubringen. Wenn du an einem älteren Menschen, einem Würdenträger, einem Geistlichen, Gelehrten oder sonst einem bedeutenden Menschen vorbeigehst, denk daran, deine Kopfbedeckung abzunehmen, und laß es dich nicht verdrießen, das Knie zu beugen. Das gleiche sollst du tun, wenn du an einer Kirche oder einem Kruzifix vorbeikommst. Bei einem Gastmahl laß deine Fröhlichkeit nur so weit gehen, als du dessen eingedenk bist, was sich für dein Alter ziemt. Als letzter von allen greif nach der Schüssel. Wird etwas besonders Köstliches gereicht, dann lehne bescheiden ab; wenn man dir zusetzt, nimm es an und bedank dich; wenn du deine Portion genommen hast, reich das übrige gleich zurück oder reich es dem weiter, der dir zunächst sitzt. Wenn dir jemand zutrinkt, tu ihm freundlich Bescheid, trink aber selbst mit Maßen. Wenn du nicht durstig bist, mußt du doch den Becher an die Lippen führen. Schau den Sprechenden freundlich an, sprich aber selbst nur, wenn du gefragt wirst. Sagt man etwas Obszönes, dann lache nicht, sondern tu so, als ob du nicht verstehst. Sag nichts Abträgliches von einem anderen und erheb dich nicht über andere. Du sollst nicht mit Eigenem prahlen und Fremdes verachten. Sei auch freundlich zu Gefährten, deren Vermögen gering ist. Schwärze niemand an. Halte deine Zunge im Zaum. So wirst du, ohne Mißgunst zu erregen, Anerkennung finden und dir Freunde verschaffen. Wenn du siehst, daß ein Gelage allzu ausschweifend wird, dann mußt du urn Entschuldigung bitten, dich von den Tischgenossen mit einem Gruß verabschieden und dich von der Tafel entfernen. Schau, daß du dies im Gedächtnis behältst.

Junge. Ich will mich bemühen, mein Lehrer. Willst du sonst noch etwas?

Pädag. Geh jetzt an deine Bücher.

Junge. Jawohl


LV Gizewski SS 2007

Autor: Christian Gizewski, EP: Christian.Gizewski@tu-berlin.de