Lesetetexte zur Historik-Konzeption bei Helmut Berve. 

 

Abb. entnommen aus: H. Berve, Gestaltende Kräfte der Antike. Aufsätze und Vorträge zur greichischen und römischen Geschichte, München 1966 2, zum 70. Geburtstag des Verfassers hg. von Edmund Buchner und Peter Robert FrankeEingangsphoto des Bandes.

Helmut Berve (1896 - 1979).

Zu Lebenslauf und wissenschaftlichem Werk eingehender:

Karl Christ, Römische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft, München 1982, S. 244 ff.

Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 282 ff, 263 ff.

Volker Losemann, Nationalsozialismus und Antike. Studien zur Entwicklung des Faches Geschichte 1933 - 1945, Hamburg 1977.

Siehe auch - unter Beachtung der Zitiervorbehalte - K. Brosig zu H. Berve im FORUM dieses Skripts.

Die Texte zu I demonstrieren die ursprünglich auf prosopographisch-realenzyklopädischem Gebiet entwickelte althistorisch-fachliche Kompetenz, zugleich auch- im Vorwort zum 1. Bde - frühe lebensphilosophische und politiknahe Denkansätze Berves.

Text II läßt das Interesse Berves deutlich werden, die 'Größe' einer historischen Person wie Augustus als auch für die Gegenwart erkenntnismotivierendes Moment bei seiner historischen Charakterisierung herauszuarbeiten.

Text III zeigt als bildungspolitische Programmschrift besonders deutlich eine Nähe der aus neoklassizistischen Bildungstraditionen mitbegründeten Zeit- und Wissenschaftskritik Berves zu Formen nationalsozialistisch-ideologischen Denkens, aber - bei genuerer Wahrnehmung - auch Bruchstellen.

Der in seiner ganzen Länge belassene Text IV läßt die von Berve auch nach dem Kriege vertretene Überzeugung erkennen, daß die 'Aristokratie' bei den Griechen der archaischen und klassischen Zeit eine alle Lebensbereiche bestimmende Lebenform gewesen - und in gewissen Zügen naturgegeben, beispielhaft oder eindrucksvoll auch für die Gegenwart - sei.

 

I. Inhaltsverzeichnisse und Vorworte der beiden Bände 'Das Alexanderreich auf prosopographischer Grundlage (Bd.1: Darstellung; Bd. 2: Prosopographie), München 1926.

 

INHALT [Bd. I]

Vorwort. Literaturverzeichnis. Abkürzungen.

DER KÖNIGLICHE HOF.

I. Die königliche Familie.

A. Die Gegensätze in Philipps Haus. 1. Olympias und der Kronprinz Alexandros. a. Die Erziehung des Kronprinzen Alexandros. b. Die Zeit von 340 bis zum Tode Philipps (336). 2. Kleopatra und die Familie des Attalos . 3. Amyntas. Sohn des Perdikkas. 4. Philipps Nebenfrauen uiid ihre Kinder.

B. Die königliche Familie unter Alexander. 1. Die in Europa lebenden Mitglieder. 2. Die in Asien lebendenMitglieder.

II. Die Lebenführung des Königs.

A. Das Liebesleben des Königs. 1. Der freie Verkehr mit Frauen. 2. Die Paederastie.

B. Das tägliche Leben . 1. Der normale Verlauf des Tages. 2. Der Rahmen des täglichen Lebens. a. Kleidung und Ausstattung. b. Wohnung und Quartier . c. Verkehr mit demKönige.

C. Die Unregelmäßigkeiten des Lebens. 1. Marsch und Kampf. 2. Festlichkeiten.

IIL Die Hoforganisation.

A. Allgemeines.

B. Die Hofämter. 1. Die hohen Hofämter. a. Die Somatophylakes. b. Die Hetairoi. c. Die königlichen Pagen. d. Die Ehrenämter. e. Spezialämter.
2. Niedere Aemter und Hofpersonal .

C. Die königliche Kanzlei. 1. Organisation . 2. Aufgaben der Kanzlei . a. Korrespondenz aa. Die Privatkorrespondenz des Königs. bb. Die diplomatische Korrespondenz. cc. Der amtliche Schriftverkehr im Reiche b. Die amtlichen Journale. aa. Die königlichen Ephemeriden. bb. Das Bematistenjournal. cc.. Die königlichen Entwürfe (hypomnemata). 3. Formen des Schriftverkehrs. a. Ausfertigung der Schreiben. b. Beförderung der Schreiben. c. Aufbewahrung der Schriftstücke.4. Nachwirkung der Kanzlei.

D. Der diplomatische Verkehr. 1. Die Gesandten. a. Gesandte an Alexander. b. Die Gesandten Alexanders. c. Gesandte bei Gegnern Alexanders. 2. Die Gastfreunde. a. Die Proxenoi. b. Die ldioxenoi. 3. Diplomaten verschiedener Art. 4. Diplomatisches Hilfspersonal.

IV. Die Hofgesellschaft.

A. Die geistige Umgebung Alexanders. 1. Die Philosophen. 2. Die Literaten. a. Die Geschichtschreiber. b. Die Dichter. 3. Die darstellenden Künstler . 4. Die Bildenden Künstler . 5. Die Ärzte .

B. Angehörige des Hoflagers ohne Amt.
C. Die großen Helfer Alexanders.

V. Kultus und Religion.

A. Kultische Handlungen. 1. Die Opfer. 2. Weihungen. 3. Religiöse Feste.

B. Die Mantik .

C. Religiöses Gefühl .

D. Die Religionspolitik . 1. Anknüpfung an den Mythos. 2. Die Gottessohnschaft. 3. Das Gottkönigtum. 4. Verhältnis zu den orientalischen Religionen. 5. Stellung zu den einzelnen Heiligtümern .

 

DAS HEER

I. Der Heeresbestand.

A. Die Kampftruppen. 1. Die makedonischen Truppen. a. Die Hetairenreiterei. b. Das Fußvolk der Pezhetairen. c. Die Hypaspisten. aa. Die Hypaspistenleibschaft. bb. Die Hypaspistentruppe. aaa. DasAgema. bbb. Die Hypaspistenmannschaft . d. Leichtbewafnnete Formationen. aa. Die leichten Reiter (prodromoi). bb. Das leichte Fußvolk (psiloi). aaa. Die Psiloi im engeren Sinne. bbb. Die Bogenschützen 131. 2. Die Truppen der Balkanstämme a. Die berittenen Truppen. aa. Die Thraker bb. Die Paionen b. Die Fußtruppen. aa. Die Thraker . bb. Die Agrianen. cc. Verschiedene Balkanstämme. 3. Die hellenischen Truppen. a. Pflichtmäßige Kontingente aa. Die thessalische Reiterei. bb. Die Bundesgenossen (symmachoi). b. Soldtruppen . aa.Die Xenoi. bb. Die Misthophoroi. cc. Die kretischen Bogenschützen. 4. Die orientalischen Truppen. a. Reiterei. b. Fußvolk . 5. Besondere Einzelformationen. a. Augenblicksformationen . b. Strafformationen. c. Die Elefanten.

B. Technische Truppen.

C. Die Flotte .1. Die hellenische Bundesflotte (334). 2. Die Flotte des Proteas (334 /2). 3. Die Flotte des Hegelochos (333/2). 4. Die kyprisch-phoinikische Flotte (332/1). 5. Die Stromflotte in Indien (326/5). 6. Die Ozeanflotte des Nearchos (325/4)167. 7. Die Reichsflotte der letzten Jahre (324/3).

D. Troß und Lager 109. 1. Der militärische Troß. 2. Der Troß des Heerlagers. 3. Das Lager .

E. Stärke und Zusammensetzung des Feldheeres. 1. Das Heer vor dem asiatischen Feldzug (336/5) . 2. Das Heer beim Übergang nach Asien (334)1. 3. Das Heer vom Übergang nach Asien (334) bis Gaugamela (331). 4. Das Heer von Gaugamela (331) bis zum indischen Feldzug (326). 5. Das Heer vom indischen Feldzug (325) bis zum Tode Alexanders (323).

II. Der Heeresorganismus.

A. Das Intendanturwesen . 1. Rekrutierung. Entlassung. Beurlaubung. 2. Die Verpflegung. 3. Die Bewaffnung. 4. Die Besoldung. a. Der regelmäßige Sold. b. Belohnungen und Geschenke. 5. Sanitäts- und Fürsorgewesen.

B. Die militärische Disziplin. 1. Die äußere Disziplin. a. Auszeichnungen und Strafen. b. Rangordnung und Chargen. c. Die makedonische Heeresversammlung. d. Der Offiziersrat. 2. Die innere Disziplin.

 

DIE VERWALTUNG DES REICHES.

I. Die Territorien des Reiches.

A. Makedonien. 1. Makedoniens Zustand bei Alexanders Thronbesteigung. 2. Die Verwaltung Makedoniens unter Alexander.

B. Thrakien.

C. Hellas. 1. Das griechische Mutterland. a. Die Bestimmungen der korinthischen Bundesakte. b. Alexander und die Gesamtheit des Bundes 231. c. Alexander und die einzelnen Staaten. a. Thessalien. bb. Kleine Stämme südlich Thessaliens. cc. Die Amphiktyonen. dd. Aitolien . dd. Ambrakia. Akarnanien. ee.Mittelgriechenland außer Theben. ff. Theben . ee. Athen . gg. Die Isthmosstaaten. hh. Die peloponnesischen Staaten außer Sparta. ii. Sparta . 2. Die Inselgriechen.3. Die Griechen Kleinasiens 249.

D. Die asiatischen Satrapien. 1 Die einzelnen Satrapien. a. Klein-Phrygien. b. Lydien . c. Karien 2. d. Lykien. Pamphylien. Pisidien . e. Groß-Phrygien. f. Kappadokien. g. Kilikien. h. Syrien. i. Ägypten. k. Babylonien. l. Armenien. m. Susiane. n. Persis. o. Karmanien . p. Medien. q. Parthien nnd Hyrkanien . r. Tapurer und Marder. s. Areia und Drangiane t. Arachosien u. Parapamisos v. Baktrien und Sogdiane. w. Indien westlich des Indus. x. Indien am Miittellauf des Indos. y. Indien am Unterlauf des Indos. z. Gedrosien und die Oreiten. 2. Die Vervaltung der Satrapien . a. Die persische Satrapienverwaltung. b. Die Satrapienverwaltung unter Alexander. aa. Bestelluug der Satrapen. bb. Kompetenzen der Satrapen . aaa. Die Mililitärgewalt. bbb. Die Finanzgewalt. ccc. Die Landesverwaltung.

E. Sonderbezirke innerhalb des asiatischen Reichsgebietes . 1. Die abhängigen Sondergebiete. a. Phoinikien b. Kypros. c. Das Reich des Abisares. d. Die Herrschaft des Poros. 2. Unabhängige Sondergehiete.

II. Die Städtegründungen.

A. Die einzelnen Städte. 1. Neugründungen. 2. Neubesiedlung vorhandener Städte.

B. Die Prinzipien der städtischen Kolonisation. 1. Die Form der Gründung und Besiedlung. 2. Die staatsrechtliche Stellung der neuen Städte. 3. Zweck und Bedeutung der Gründungen.

III. Das Finanzwesen.

A. Die Kriegskasse. 1. Die Entwicklung der Kriegskasse. 2. Die Organisation der Kriegskasse . 3. Einnahmen und Ausgaben.

B. Die Reichsfinanzen. 1. Die territoriale Entwicklung. a. Makedonien und Nebenländer . b. Die griechischen Staaten . c. Die Satrapien. aa. Untertanenland. bb. Eximierte Gebiete. cc. Königliche Domänen. d. Abhängige Sondergebiete im asiatischen Reich. 2. Einnahmen und Ausgaben. 3. Die Verwaltungsorganisation. a. Das Steuerwesen. aa. Die Ordnung in den Satrapien. bb. Die Finanzdirektoren . cc. Der Reichsschatzmeister. b. Die Schatzverwaltung. 4. Die Münzprägung.

IV. Die Außenpolitik

A. Beziehungen zu abhängigen Randstaaten. 1. Länder der Balkanhalbinsel. 2. Gebiete im Osten des asiatischen Reiches.

B. Beziehungen zu unabhängigen Ländern außerhalb des Reiches.

V. Die großen Kulturelemente des Alexanderreiches.

A. Makedonen und Griechen.

B. Abendland und Morgenland.

Nachträge und Berichtigungen.

VORWORT [zu Bd. I]

Das Reich Alexanders ist nicht wie das Imperium Romanum der Kaiserzteit ein geographisch feststehender Begriff, mit dem als einer konstanten Größe zu rechnen wäre, es ist vielmehr seinem Wesen nach ein Werdendes und in jedem Augenblicke, selbst während der letzten Regierungsjahre, nicht nur in seiner Organisation, sondern ebenso in seiner Ausdehnung ein Unfertiges. Beinahe von Tag zu Tag wandelt sich sein Gesicht, denn unaufhörlich erwachsen an den verschiedenen Gliedern neue Aufgaben, die neue Ordnungen verlangen, und vor allem der König selbst wird und wächst unablässig mit seinem Werke. Das ist um so bedeutsamer, als er an sich der einzige feste Punkt in der verwirrenden Fülle von Menschen und Erscheinungen bleibt, in seiner Hand stets die Fäden der gesamten Hof-, Heeres- und Reichsorganisation zusammenhält und die belebenden lichtbringenden Strahlen nach allen Seiten und in die weitesten Fernen von ihm ausgehen. Durch diese einzigartige Zentralisation ist es überhaupt nur möglich, daß eine prosopographische Behandlung der persönlichen Beziehungen der Zeitgenossen zum Könige mit einer Prosopographie des Alexanderreiehs, d. h. der in diesem Reiche wirkenden Menschen zusammenfällt, so unbedingt decken sich hier Herrscher und Staat. Nur wer um Alexander, den Menschen, in seiner ungeheuren, irrationalen Menschlichkeit ringt, kommt darum dem Wesen und Wert seines Werkes nahe. Niemals wird sich einer Betrachtung, die Vernunftgründe und hochpolitische Prinzipien in den Vordergruiid stellt, das Letzte an der Alexandergeschichte, das eigentliche Geheimnis der Riesenschöpfung erschließen; denn das ruht tief in der Person des Königs, durch die allein es lebt. Ein wundersames Zusammenwirken gegensätzlicher Elemente, erschreckend unbesonnener Leidenschaft mit vorsichitigen, nüchternen Erwägungen, glühendster Begeisterung mit kalterRealpolitik. religiöser Gebundenheit mit einer prachtvollen inneren Freiheit und schließlich die grandiose Selbstverständlichkeit, mit der persönliche Bedürfnisse, Neigungen und Wünsche gleichberechtigt neben die höchsten politischen Forderungen gestellt werden, um in dämonischen Taten zu herrlicher Einheit zusammenzuwachsen, dieses Wunder des Menschen Alexander ist die Seele seines Werkes. Geht man von diesem Werke aus und dringt von den Taten zum Täter, von den Schöpfungen zum Schöpfer, von der umgebenden Sphäre zum Mittelpunkt vor, dann aus der Fülle seiner Wirkungen auf Menschen und Länder, darf man ahnend den Genius spüren, den unmittelbar nur die Schau des ebenbürtigen Genius erreicht.

Die Anregung zu einer prosopographisdien Behandlung des Alexanderreichs verdanke ich meinem verehrten Lehrer Walter Otto (München), der mir während der gesamten Zeit der Abfassung in der liebenswürdigsten und aufopferndsten Weise mit Rat und Tat beigestanden hat. Er hat das Manuskript, welches im Sommer 1924 der Philosophischen Fakultät (I. Sektion) der Universität München als Habilitationsschrift vorlag, eingehend durchgearbeitet und mit zahlreichen kritischen Bemerkungen versehen, die ebenso wie die vielen mündlichen Hinweise nur gelegentlich im Text angeführt werden konnten, so daß ihm das Werk weit mehr verdankt, als äußerlich zutage tritt. Ihm an dieser Stelle meinen herzlichsten Dank zu sagen, ist mir ein wahrhaftes Bedürfnis.

Zu danken habe ich ferner der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, welche durch eine reiche Spende die Drucklegung des Buches ermöglichte, sowie dem C. H. Beck'schen Verlag, daß er trotz der schwierigen Wirtschaftlage das umfangreiche Werk annahm und sein Erscheinen in kurzer Zeit bewirkte.

 

INHALT [zu Bd. II]

Vorbemerkung

Abschnitt 1: Personen, welche mit Alexander nachweislich in Berührung gekommen sind [410 Seiten Lemmata].

Abschnitt 2: Personen, welche nachweislich mit Unrecht in eine persönliche Beziehung zu Alexander gesetzt worden sind [21 Seiten Lemmata].

Nachträge und Berichtigungen.

Beilage A: Stammbäume.

Beilage b: Namenlisten und Heimatlisten.

 

VORBEMERKUNG [zu Bd. 2]

Die im vorliegenden z\veiten Bande enthaltene Prosopographie des Alexanderreichs umfaßt sämtliche mit Namen bekannten Personen, welche zu Alexander dem Großen in eine wie immer geartete persönliche Beziehung getreten sind. Nur wenn diese durch die Überlieferung gegeben ist oder sich mit Not\vendigkeit aus ihr ergibt wie bei den zwischen323 und 319 (Tod des Antipatros) in leitenden Stellungen tätigen Makedonen, sind die betreffenden Personen aufgenommen \vorden, während Zeitgenossen des Königs, die lediglich als solche ohne ein bestimmtes persönliches Verhältnis zu ihm erscheinen., also die meisten Privatpersonen und rein lokalen Beamten der Zeit, ausgeschlossen bleiben mußten, sollte nicht die innere Einheit des Ganzen verloren gehen. Die allein im Alexanderroman, und zwar in seiner frühen griechischen Form (vgl. Ausfeld, Der griech. Alexanderroman 1906) erwähnten Zeitgenossen sind sämtlich berücksichtigt, soweit ihre Nennung nicht als sachlich falsch erwiesen werden kann; ist dies jedoch der Fall, so finden sie sich im zweiten Abschnitt verzeichnet, der eine Übersicht derjenigen Personen gibt, velche in alter oder neuer Zeit nachweislich zu Unrecht in eine persönliche Beziehung zu Alexander gesetzt worden sind.

Die Namensform im Titel der einzelnen Lemmata ist die griechische, wenn der Name in griechischer Form irgendwo überliefert ist; bei einigen nur von Curtius oder Justin genannten Personen mußte die allein bezeugte lateinische Form beibehalten werden. Die einzelnen Artikel bringen eine kritische Unntersuchung und Darstellung der jeweiligen Beziehungen zu Alexander auf Grund der antiken Überlieferung und unter Berücksichtigung der moderneit Literatur; für das Leben der einzelnen Personen vor bezw. nach Alexanders Zeit, soweeit von diesem etwas bekannt ist, konnte nur auf die einschllägige Literatur verwiesen werden.

Den beiden prosopographischen Abschnitten sind ferner die Stammbäume der bedeutendsten Familien sowie Namen- und Heimatlisten beigegeben: das Verzeichnis der Väter von Makedonen, die unter Alexander erscheinen, ist als ein Beitrag zur Prosopographie der Zeit König Philipps gedach.

 II. Aus: Helmut Berve, Kaiser Augustus (1934), in: ders., Gestaltende Kräfte der Antike. Aufsätze und Vorträge zur griechischen und römischen Geschichte, München 1966, S. 396 - 447 (S. 408 - 412).

... Die äußere Erscheinung des jungen Cäsar zeigte ein wundersames Gemisch von durchgeistigter Feinheit und unerbittlicher Willenshärte, von verhaltenem Feuer und marmorner Kälte, wie der Kopf keines anderen Römers der Zeit. Die Undurchdringlichkeit seiner Persona, der Maske, die er stets zu tragen schien und hinter der man Großes vermuten konnte, entfernte sein geheimnisvolles Innere vom Getriebe gemeiner Leidenschaften und Wirrnisse. Er blieb in einer fernen, höheren Sphäre, wo nicht menschliche Kraft aus sich, sondern eine göttliche Macht planvoll zu walten schien. Und zu diesem eignen Zauber, den nur feinere und tiefer blickende Geister spüren mochten, gesellten sich, uns kaum berührend, doch für die römischen Zeitgenossen bedeutungsvoll, gewisse bodenständige Züge echt römischer Art, wie sie in Senatorenkreisen damals selten geworden waren. Sie hoben den Cäsar mit besonderer Deutlichkeit gegen Antonius ab. Die Enge und Härte des Octaviers aus der latinischen Landschaft Velitrae, seine ruhige, weder von starren Dogmen noch von schäumenden Gefühlen beeinträchtigte Tatkraft, das mehr stumm Vordringende als glanzvoll Siegende seiner Politik, die unpathetische Nüchternheit endlich und der starke Realismus seiner Natur, der sich zeitlebens in der Freude an derben Umgangsformen und Genüssen kundtat, das alles mochte manchem eine gewisse Gewähr bieten für die erfolgreiche Selbstbehauptung dieses Mannes, an den wie an keinen sonst der wankende Staat sich klammern konnte. Und als nun im Jahre 36 Sextus Pompeius, der Herr der Meere, im Norden Siziliens endlich der überlegenen Feldherrnkunst von Octavians treuestem Gehilfen Marcus Vipsanius Agrippa erlag, als mit seinem Sturz der letzte, wenn auch entartete Verfechter des Freistaates gefallen war, da mußte sich zeigen, ob an jenen römischen Zügen des Siegers auch politisch etwas war.

Eine Macht militärischer Art stellten die republikanisch Gesinnten jetzt gewiß nicht mehr dar, doch bedeuteten sie, hinter denen das hohe Bild jahrhundertealter Überlieferung stand, eine geistige Macht, um so mehr, als es nicht bloß rückwärtsschauende Romantik war, was die besten in ihren Reihen bewegte, sondern ein vorwärtsgerichteter, von griechischem Geiste beflügelter Sinn, den man wohl als "neurömisch" bezeichnen darf. Hellenische Bildungskraft macht die, welche sie tief ergreift, nicht zu Graeculi, zu halben Griechen, sondern führt sie zum Bewußtsein und zur Entfaltung der eignen Art. Unter ihrem Einfluß wird der Römer zu einem, der weiß, was Römertum ist, und daraus den Antrieb nimmt, den Entartungen der Zeit zum Trotz wieder und ganz Römer zu werden. Seit dem Beginn des ersten Jahrhunderts hatte dieser Bildungsprozeß in Rom zu wirken begonnen, und waren es auch nicht allzu viele, an denen er sich vollzog, blieb er zudem vielfach auf die persönliche Ethik beschränkt, ohne die politische Haltung ernsthaft zu beeinflussen, so hatte doch der Freitod des jüngeren Cato zu Utica, die Wirkung von Ciceros staatstheoretischen Schriften und nicht zuletzt der Dolch des Brutus in der Brust des Monarchen bewiesen, welche Verbreitung und Kraft solche Gesinnung besaß. Die anfangs von den Römern, die ihr zuneigten, mehr philosophisch als praktisch genommene Lehre der Stoa oder verwandter Schulen mit ihrer Forderung nach freiwilliger Einordnung des einzelnen in die vernunftgemäße Weltordnung, ihrem Pflichtbegrift und der entschlossenen Absage an Willkürherrschaft und unbeschränkte Monarchie war eine fruchtbare Verbindung mit den Resten altrömischer Gesinnung und dem durch Cäsars Diktatur entflammten republikanischen Abwehrwillen eingegangen. Aus Gegenwartskräften aufsteigend und doch geschwellt von Traditionen aus Väter Zeit, in deren Bild allein sich römischem Empfinden Ideale verbindlich darbieten konnten, stellte dieses Neurömertum eine bedeutsame geistige Bewegung dar, mit der der wahre Staatsmann rechnen mußte. Octavian erwies sich zum ersten Male als ein Staatsmann großen Stiles durch die Art, wie er mit ihm rechnete.

Denn nach dem entscheidenden Siege über Sextus Pompeius, der die Möglichkeit gab, den dritten Triumvirn Lepidus jeder Macht zu entkleiden, setzte der Cäsar alles daran, die nunmehr führerlosen republikanischen Kräfte sich zu gewinnen, eh daß sie ein neues Haupt fanden oder gar dem Nebenbuhler Antonius zuneigten, der geringeren Haß auf sich gezogen hatte als er. Das war nur zu erreichen, wenn Octavian seinerseits jetzt deutlich zu erkennen gab, daß ihn nicht mehr bloß eigne Machtgelüste trieben, sondern das leitete, wozu der Triumvirtitel Rei publicae constituendae ihn eigentlich verpflichtete, die Festigung und Beruhigung des Staates. Er bemühte sich daher, durch offensichtliche Beobachtung der bisher so zynisch mißachteten Gesetze eine neue Richtung seiner Politik kundzutun, weigerte sich beispielsweise, das ihm angebotene Oberpontifikat anzunehmen, weil diese priesterliche Würde lebenslänglch und daher vor dem Tod ihres jetzigen Inhabers Lepidus nicht auf einen anderen zu übertragen sei, und erklärte feierlich, fortan nur noch auswärtige Kriege führen zu wollen. Auch die Übernahme der ihm angetragenen Tribunengewalt sollte wohl in diesem Sinne einen ersten Schritt aus der Willkür des Triumvirates zurück in die republikanische Verfassung bedeuten. Während der folgenden Jahre des wachsenden Gegensatzes zu Antonius ist dieser Kurs als ein betont römischer mit wachsender Bestimmtheit gesteuert worden. Erwies sich doch das Aufgreifen der neurömischen Bewegung und der Reste altrömischen Sinnes dem Machthaber des Westens als eines der wichtigsten Mittel für die Vorbereitung des unvermeidlichen Entscheidungskampfes gegen den hellenistisch regierenden Herrn der östlichen Gebiete, Antonius, den Prinzgemahl der ptolemäischen Königin. Freilich fehlte es der neuen Politik des Cäsarsohnes, der noch vor kurzem so ungeschminkt die monarchische Nachfolge seines Adoptivvaters erstrebt hatte, vorerst sehr an Gläubigen, zumal er gesetzloser Handlungen, sobald der Machtkampf sie forderte, auch jetzt sich keineswegs enthielt und nach wie vor außerordentliche, mit dem Geist des alten Freistaates unvereinbare Vollmachten in Anspruch nahm. Aber trotz solcher Rückfälle und Schlacken wuchs Octavian, während das Verhältnis zu Antonius sich mit jedem Monat schärfer zuspitzte, in den neurömischen Gedanken hinein, der aus einer beachtlichen geistigen Strömung und einem nützlichen Kampfmittel allmählich zum unentbehrlichen Bestandteil seiner Politik und, man darf sagen, seiner Persönlichkeit wurde. In diesem Zeichen führte er während der Jahre 35 bis 33 einen schwierigen Feldzug zur Unterwerfung der Dalmatiner und benachbarter illyrischer Stämme, den ersten wirklich dem Staate und seinem Wachstum dienenden Krieg, in dem seine Haltung sogar gewisser heroischer Züge nicht entbehrte. Aus dem bloßen Machtkampf des Tages begannen allmählich größere Ziele emporzusteigen.

Denn je mehr der Jüngling zum Manne wurde, um so mehr verlangte sein Sinn über den augenblicklichen Erfolg hinaus nach dem aufbauenden Werk. Es brach aus seiner Brust der architektonische Wille heimischer Staatskunst hervor, der niemals bloß dem vergänglichen Sieg, sondern stets der ewigen Dauer des römischen Namens gedient hatte. Da war es denn offenbar, daß weder nach außen noch im Innern die nackte Gewalt Roms Größe bedingt hatte, sondern die Tiefe und Festigkeit einer in geheiligten Überlieferungen ruhenden Staatsgesinnung. Nur wer sie neu erstehen ließ, konnte hoffen, Dauerndes zu schaffen. Aber ließ sie sich künstlich erwecken? Mußte nicht jeder Versuch nach dieser Richtung von vornherein zum Scheitern verurteilt sein? Den Mann der Tat berührten derartige Gedankengänge nicht. Er sah die klare Notwendigkeit, faßte das Ziel ins Auge und handelte. In einer Zeit, da krassester Materialismus, hemmungslose Selbstsucht, niedrige Interessenpolitik das öffentliche Leben vergiftet hatten, war der nationale Reformgedanke die einzige Idee, die sich über dem zerrütteten und zerrissenen Volk überhaupt noch aufrichten ließ. Der bauende Staatsmann mußte sie sich zu eigen machen, selbst wenn er weniger, als es bei Octavian durch Blut und stoische Bildung der Fall war, einen persönlichen Zugang zu ihr gehabt hätte. Dem modernen, oft allzu geistigen Betrachter mag es schwer fallen einzusehen, aber es muß eingesehen werden, daß der Erneuerer Roms vornehmlich von der praktischen Politik zum neurömischen Ideal kam und daß es überhaupt von der politischen Tat einen Weg zu großen geistigen und ethischen Zielsetzungen gibt. Wer das begriffen und an Augustus gespürt hat, dem hebt sich die viel erörterte Frage, ob der erste römische Kaiser bei seinen nationalen Reformen heuchelte oder glaubte, in der Sphäre des Politischen auf, in der Octavian als echter Römer alle wesentlichen Fragen dachte. Von ihr nämlich und nicht vom einzelnen und seinem privaten Gewissen her will alles verstanden sein, was Cäsars Erbe, nun freilich kaum noch sein geistiger Erbe, tat und wirkte, nachdem ihm der Sieg von Actium und Alexandreias Fall zum allmächtigen Herrn des gesamten Reiches gemacht hatte.

In diesem großen Entscheidungskampf, der um mehr ging als um die Frage, ob von den beiden Rivalen Antonius oder Octavian den Lorbeer davontragen würde, in diesem Krieg, wo der zu Bewußtsein erwachte lateinische Westen gegen den im letzten Jahrhundert wieder stark orientalisierten hellenistischen Osten stand, in diesem wahrhaft welthistorischen Ringen zweier Menschheitskreise wuchs der Cäsar vollends vom selbstsüchtigen Machtpolitiker zum Staatsmann und darüber hinaus zum Repräsentanten des Römertums empor. Noch freilich erkannten es nur wenige der Zeitgenossen, zumal in der Nobilität, sei es, daß man weiter dem Trugbild der Wiederherstellung des Senatsregimentes nachhing, sei es, daß man zutiefst dem Manne mißtraute, der sich vermaß, als Hort des Römertums gegen Antonius aufzutreten. Hielt er nicht nach wie vor die unselige, den Freistaat beleidigende Triumviralgewalt fest und mißachtete er nicht schnöde die Unverletzlichkeit des bei den Vestalinnen aufbewahrten Testaments seines Gegners, trotz aller Beteuerungen, die Gesetze zu achten? Es waren keineswegs nur gleichgültige oder minderwertige Elemente, die sich vor Kriegsbeginn mit den beiden Konsuln des Jahres 32 in das feindliche Lager begaben, sondern mancher gute Römer, dem Antonius' Exzesse und seine von Octavian moralisch gebrandmarkten Handlungen, selbst die Vergebung von Provinzialland an die Kinder der Kleopatra, weniger bedenklich schienen als die römisch zugestutzte, in ihren wahren Zielen aber undurchsichtige Politik des Caesarerben. .... 

III. Auszug aus: Helmut Berve, Antike und nationalsozialistischer Staat (1934), abgedruckt in: W. Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 283 ff. (291 - 299).

... Wenn die Wissenschaft und speziell die Wissenschaft vom Altertumum am Leben bleiben und ihr Daseinsrecht sieghaft behaupten will, so darf kein verdünntes Blut in ihren Adern rinnen. Sie muß zeigen, daß sie als Bildungswert anderes zu bieten hat als historisierende und philosophierende Reflexionen, deren matter Glanz zu schwach ist, ein klärendes Licht in die Gegenwart zu werfen. Sie muß zeigen, daß ihre Arbeit erschließen kann und zum Teil schon erschlossen hat eine unmittelbare lebendige Antike, die jeden Zeitgenossen ergreift, der mit regsamem und offenem Herzen ihre Bildwerke schaut, ihre Schriften liest, von ihrer Geschichte hört. Eine Antike, die anders ist als wir, fremd und doch nahe, weil sie unseres Geistes und Blutes ist, aber ein Gegenüber, wie es ein Lehrmeister sein soll. Und eine Antike, der man nicht erst geistesgeschichtlich nachweisen muß, daß sie für uns notwendig und unverlierbar sei, deren Werke und Menschen vielmehr aus sich so selbstverständlich, so gegenwärtig wirken, daß es genügt, sie einfach in ihrer Realität und Wahrheit hinzustellen. Dies zu tun, hat uns die Altertumswissenschaft der letzten Jahrzehnte das Rüstzeug gegeben, und es ist unsere Aufgabe, das Rüstzeug recht zu gebrauchen. Die Zeit der theoretischen Vorbereitung ist zu Ende, die Zeit der Tat bricht auch hier an.

Aber solche Tat kann man nicht erzwingen. Und wenn sie bisher ausblieb, wenn kein neues Verhältnis zum Altertum - ich vermeide das Wort Humanismus - entstand, wenn man gewissermaßen im geistigen Vorhofe stehen blieb, so nicht aus Schuld und Schwäche der Ringenden, sondern weil uns bisher der alles tragende Boden fehlte, von dem aus sich eine wirkliche Brücke zur Antike spannen konnte. Die Zerrissenheit unseres Daseins, seine individualistische Zersplitterung verhinderte auch hier jede einheitliche Haltung, und es war schon viel, wenn überhaupt eine Richtung sich durchsetzte, die dann angesichts der sonstigen Atomisierung leicht zu Selbstüberschätzung kommen konnte. Wir hatten keine gemeinsame Frage an die Antike mehr, wohl jeder seine spezielle - die mochte sehr ehrlich und ernst sein -, aber wo war die lebendige Frage aller, der die Antike und niemand besser als sie Antwort geben konnte? Sie war nicht da und eben dies war die Krise des humanistischen Bildungsgedankens in der letzten Zeit. Alles, was über seine Notwendigkeit geschrieben und geredet wurde, war, ich will nicht sagen an den Haaren herbeigezogen, jedoch so künstlich, zum mindesten so begrenzt in seiner Berechtigung, daß man über die Wirkungslosigkeit sich nicht verwundern braucht. Aber die Antike hat es wahrlich nicht nötig, sich anpreisen zu lassen, sie kann warten, bis Perioden geistiger Verwirrung und Ohnmacht zergehen vor einem neuen gemeinsamen Willen, der im Ringen um sich und seine Art sie anrufen wird, wie noch stets die deutsche Seele sich am tiefsten fand in der Auseinandersetzung mit der klassischen Welt.

Nun ist in diesem Jahre das Neue über uns gekommen. Der nationalsozialistische Staat bedeutet nicht die Ersetzung einer Staatsform durch eine andere, den Sieg einer von mehreren parallelen Richtungen, er bedeutet den Umbruch und die einheitliche Ausrichtung unseres gesamten Lebens, auch des geistigen. Mit anderen Worten, der gemeinsame Boden, von dem aus die Brücke sich spannen könnte, ist nun geschaffen, vorsichtiger gesagt, er setzt sich an und wird - das glauben und wollen wir alle - zu einem, ungespaltenen geistigen Boden unseres Volkes werden. Es wachsen wieder gemeinsame Lebensfragen, die heute vielfach noch mehr im praktischen Ringen des Tages als in gedanklicher Auseinandersetzung aufsteigen, doch niemals ohne den Geist eine gedeihliche Lösung finden können. Diese Fragen werden alle diejenigen, welche ernsthaft um sie ringen, auf die Antike führen, trotz dem Geschrei der Gegner, die meist gar nicht wissen, was sie blindwütig bekämpfen, und die Antike wird sich als notwendig erweisen, weil sie eben Antwort gibt, wie kein Stück Geschichte sonst. Gereinigt von den Schlacken der Modernisierung, in ihrer Eigenart, d. h. in ihrer Wahrheit wiederhergestellt, so gut der seiner selbst sich entäußernde Geist es vermag, und damit erst recht zum Lehrmeister geworden, erkannt in der einzigartigen Beispielhaftigkeit ihrer Erscheinungen, die alles Momentane ins Dauernde, alles Bedingte ins Absolute und ewig Gültige gesteigert zeigen, wird sie sich den Anforderungen, die man an sie stellt, gewachsen zeigen, wenn wir Professoren und Lehrer fähig sind, sie leibhaftig erstehen zu lassen. Darauf aber kommt es letzten Endes an. Nicht eine geistige Gegenwart, der die Blässe des Gedankens anhaften muß, entspricht unserem dem Intellektualismus absagenden Willen, nein, die sinnliche Gegenwart gilt es zu beschwören. Das ist zeitgeboten, und das ist auch im antiken Sinn.

Dabei wird die politische Geschichte notwendig im Vordergrund stehen; das ergibt sich aus unserer Situation, von der her wir unsere lebendige Frage an das klassische Altertum stellen. Denn der politische Mensch, der allein im Staat und durch den Staat sich Mensch weiß, soll Träger des neuen Deutschland sein. Nach ihm geht unser Verlangen, um ihn ringen wir. Ist es nötig, auseinanderzusetzen, daß in Hellas und, wenn auch anders geartet, in Rom das Ideal des politischen Menschen in einer Weise erfüllt worden ist, die man schlechthin vorbildlich nennen muß? Wenn allenthalben nach politischer Bildung verlangt wird, gerade auch für die höhere Schule - mir scheint hier ist politische Bildung zu gewinnen, und zwar am klarsten Quell, vorausgesetzt, daß wir nicht modernisieren, sondern rücksichtslos gegen uns selbst, der unverfälschten Wahrheit nachgraben. Denn nur sie in ihrer spröden Andersartigkeit kann uns lehren, jede bequeme Parallelisierung oder Verknüpfung betört und schadet nur; sie allein führt zu den Gründen hinab, wo wir an der fremden Erscheinung, in der Auseinandersetzung mit ihr uns der Wurzeln, des Zieles und des Sinnes unseres eigenen Strebens bewußt werden. Um es konkreter zu sagen: wir müssen wissen, daß die Griechen keine Nation waren, daß die Verwirklichung des politischen Menschentums dort auf Voraussetzungen mannigfachster Art ruhte, die für uns nicht zutreffen, wir müssen uns alles Hellenische stets im griechischen Wort und im griechischen Bildwerk vor Augen halten, damit wir scheiden lernen zwischen dem, was bei uns sein kann, und dem, was bei uns niemals sein wird. Das gilt nicht nur für die innere Erfüllung des Staates durch seine Bürger, auf die es bei der Erziehung vornehmlich ankommen wird, sondern auch hinsichtlich der Lehren, welche das historische Bild großer machtpolitischer Auseinandersetzungen im Altertum vermitteln kann. Wir sind keine Römer, und die Welt rings um uns ist eine andere als die Mittelmeerwelt. Trotzdem können wir aus der romischen Geschichte unendlich lernen. Nicht wegen äußerer Analogien, sondern weil auch hier Grundelemente der Politik in einer Einfachheit, in einer Klarheit und Entschiedenheit verwirklicht worden sind, daß es uns bei ihrer Betrachtung ist, als schauten wir ein Gesetz des politischen Lebens selbst. Und Gleiches werden wir erfahren, wenn wir mit anderen brennenden Fragen, nach dem Verhältnis von Staat und Wirtschaft, nach den Beziehungen zwischen Staat und Religion, nach der Möglichkeit einer nationalen Aktivierung - um nur einiges zu nennen - uns dem Altertum nahen. Halten wir uns mit aller Energie die historische Bedingtheit seiner Erscheinungen bewußt, dann erst erstehen sie uns in ihrer Unbedingtheit und reden heute zu uns, als seien sie von heute.

Ich kann im Rahmen dieser Ausführungen bloß andeuten,was die Antike den geistigen Bedürfnissen, die der nationalsozialistische Staat, d. h. die Volksgemeinschaft in ihm, verspürt, darzubieten hat, und wende darum den Blick vom spezifisch Politischen ab, soviel hier noch zu sagen wäre, benachbarten Gebieten zu. Mit dem neuen Staatsgedanken ist bei uns der Rassegedanke eng und programmatisch verbunden. Noch schillert er in den mannigfachsten Farben, bald anthropologisch, bald quasihistorisch, bald als eine seelisch-leibliche Forderung an das lebende Geschlecht im Hinblick auf die Zukunft. Die Antike vermag auch hier dank der plastischen Klarheit, die sie allenthalben zeigt, ein besserer Lehrmeister zu sein als alle anderen Zeiten, deren ethnische Struktur entweder so undurchsichtig ist, daß keine Erkenntnis daraus gewonnen werden kann, oder so unbekannt ist, daß nur allzuviel freier Raum für willkürliche, oft rührend primitive Konstruktionen bleibt. Die ganze Schwierigkeit des Rasseproblems wird an den Zuständen des klassischen Altertums deutlich - denn so einfach, daß alles Positive indogermanisch oder gar, wie man vielfach sehr unbekümmert sagt, nordisch sei, während alles andere etwa der Mittelmeerrasse angehöre, liegen die Dinge wahrlich nicht. Und zugleich wird auch die Bedeutung des Rasseinstinktes, die Möglichkeit und Wirkung einer Rassepolitik, das Ende einer Kultur durch Rassezersetzung beispielhaft sichtbar. Es sei nur hingedeutet auf die artbewußte Behauptung des Makedonenund Griechentums in der ersten Zeit des Hellenismus, der dann durch die zunehmende Vermischung der Abendländer mit den Orientalen seine Lebenskraft verlor, oder auf des Augustus zielsichere Bürgerrechtspolitik, die das wilde Einströmen fremdrassiger Freigelassener hemmte und die Lebenskraft des Römertums für zwei Jahrhunderte erhielt, schließlich auf den Untergang der antiken Welt überhaupt, der nicht zuletzt durch die Zersetzung der herrschenden Rasse bedingt war. Mir scheint, hier ist Brauchbareres zu lernen als aus Utopien über Rasseverhältnisse in grauester, schlechthin unbekannter Vorzeit.

Soweit nun der Rassegedanke der Gegenwart ein körperliches Ideal verwirklichen will - und ich glaube, dies ist seine wesentliche Seite -, soweit erweist er sich als ein Sproß jenes neuen Körperempfindens, das nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt während der letzten 20 Jahre zum Durchbruch gekommen ist und in all dem sichtbar wird, was unter dem Worte Sport zusammengefaßt werden kann. Hier bedarf es keines besonderen Hinweises, welche neue und enge Beziehung zur Antike sich aufgetan hat, eine Beziehung, die, wie mir scheint, bildungswichtiger ist als alle sogenannte geistige Gegenwart, weil hier die Wesensart des antiken Menschen unmittelbar die Wesensart des modernen Menschen ergreift. Man soll es begrüßen und nicht bespötteln, wenn heute ein junger Lehrer neben Latein und Griechisch auch die Fakultas für Leibesübungen hat. Der sportliche Sieg, der dem Griechen ein Höchstes in seinem Leben war, findet in unseren Tagen wieder ein begeistertes Verständnis, dem die Stimmung der Pindarzeit vernehmlicher reden kann als manchem Pindarphilologen, und auch die Plastik der Hellenen, die nie bloß ästhetisch genossen sein wollte, vermag unter solchen Umständen wieder naturhafter, intensiver und leiblicher zu wirken als in einer vorwiegend geistig orientierten Epoche.

Ja, es scheint überhaupt die Kunst der Antike, diese vielgeschmähte und doch unentbehrliche klassische Kunst jetzt in einem neuen Sinne lebendig werden zu wollen, in einem Sinne, der am besten gekennzeichnet wird durch einen Hinweis auf das, was man den preußischen Stil genannt hat. Die Herbheit und Strenge der griechischen Formen, die Absage an allen überflüssigen Tand, doch nicht an Schönheit und maßvollen Schmuck, die organische, gesetzesbewußte und schweigende Einfügung der individuellen Glieder ins geschlossene Ganze, das ihnen allen Ort und Sinn gibt, all dies zeigt sich den Kräften verwandt, die in altpreußischer Tradition und im Staatsgedanken des Dritten Reiches leben. Es wird, bewußt oder unbewußt, schon gespürt, daß die griechische Kunst die Kunst des politischen Menschen ist und darum notwendig verwandt dem künstlerischen Ausdruck, den unsere Gegenwart sucht, ohne bisher noch Formen gefunden zu haben. Ich darf auch hier auf des Führers Buch "Mein Kampf" verweisen, wo an mehr als einer Stelle die tiefe innere Beziehung zur hellenischen Kunst deutlich wird.

Was aber von der bildenden Kunst gilt, das gilt mit geringem Unterschied vom Geistesleben des Altertums überhaupt; denn die Kunst nimmt so wenig wie irgendein anderes Gebiet eine Sonderstellung in den einheitlich gerichteten klassischen Zeiten ein. Die Erziehung zum Gesetz kann auf geistigem Gebiete keinen besseren Helfer anrufen als den Geist der Griechen und Römer; denn wo haben Völker so unbedingt Gesetze geformt und Gesetzen gehorcht wie sie? Ich meine jetzt nicht das "wie das Gesetz es befahl" der Gefallenen von Thermopylae, auch nicht die Majestät der römischen Lex, sondern den aus der gleichen Wurzel stammenden Willen zum Gesetz, der als Formwille die ganze klassische Dichtung des Altertums beherrscht, der die Wissenschaft und ihre Methode geboren hat, der die lateinische Sprache in ihrer zwingenden Struktur, in ihrer kristallenen Logik schuf und dem römischen Recht seine unwiderstehliche Macht über alles juristische Denken gegeben hat. Geistige Schulung, so wie sie heute gewollt und gebraucht wird, Zucht nämlich, des allzu zuchtlos gewordenen Geistes zu Klarheit, Ordnung, Haltung und Form, kann immer noch die humanistische Bildung am besten geben. Sie hat das an früheren Geschlechtern sichtbar bewährt, und versagte sie darin in letzter Zeit, dann auf Grund jener Krisis, in der sie während der vergangenen Jahrzehnte nicht anders als unser gesamtes Leben stand. Zum Individualismus, wie Nichtkenner gern behaupten, erzieht das klassische Altertum ganz und gar nicht. Das konnte höchstens so scheinen, als die Welle des Historismus die überzeitlichen Werte der Antike zu begraben drohte und man mehr auf Hellenismus, auf Vorzeiten und Verfallsepochen als auf die Hochzeiten den Blick richtete. Nun, da aus jener Flut die klassischen Werte härter und unbedingter als je wieder aufsteigen, kann mit voller Überzeugung gesagt werden: Echte humanistische Bildung erzieht nicht zum Individualisten, zum geistigen Privatmann, sondern zum politischen Menschen - denn der antike Mensch war ein politischer Mensch - und überhaupt zu Einordnung in Form und Gesetz. Sie erzieht, wenn sie recht betrieben wird, zu den Tugenden, die der nationalsozialistische Staat braucht.

Was sie aber als Persönlichkeitsideal uns vor Augen stellt, nicht so sehr in den Idealbildern ihrer Philosophen als in ihrem realen geschichtlichen Leben selbst, das ist der heroische Mensch. Zahlreich sind die erhabenen Gestalten, die ihrem Schoße entstiegen sind. Stets hat sich an ihrer seelischen Größe der Sinn strebender Menschen erhoben, und nicht wenige Männer der geschichtlichen Tat haben hier ihre Vorbilder gefunden, die sie zu gewaltigen Leistungen anspornten. Denn mag die Geschichte des eigenen Volkes noch so reich an Helden sein, auch hier bewährt die Antike ihre einzigartige Beispielhaftigkeit. Gleich den Göttern und Helden Homers stehen die großen Männer ihrer Geschichte, ob Leonidas oder Perikles, ob Demosthenes oder Alexander, Cato oder Caesar, in einer plastischen Klarheit und menschlichen Greifbarkeit vor uns, die sie jedem, der ihnen einmal begegnet ist, unvergeßlich macht. Eben darum sind sie zum Vorbild berufen; sie zeigen sich gegenwärtig in den Stunden, da der ringende Mensch der Stärkung durch die Vision einer großen Erscheinung bedarf. Und es kann nicht anders sein, als daß sie auf ein Geschlecht, dessen Wille wieder sich auf das Heldische richtet, ihren unvergänglichen Zauber ausüben, wenn - ja, wenn wir sie zu beschwören wissen.

Das aber bleibt das Entscheidende: Werden wir die Antike lebendig machen, vom Katheder der Universität und vom Katheder der Schule, lebendig machen in ihrer ganzen realen Härte, in ihrer historischen Eigenart, darin zugleich, wie ich zeigte, ihr klassischer Wert ruht? Mir scheint, die Stunde dazu ist da in mehr als einem Sinne. Kein Zweifel, im Gegensatz zur Geistigkeit der hinter uns liegenden Epoche ruft die neu anbrechende Zeit nach der konkreten Geschichte. Ihre Schöpfungen, ihre Gestalten, ihre Schicksale verlangt sie von Angesicht zu schauen, gewillt, im starken Bewußtsein der eigenen Art den historischen Gegenstand in seiner fremden Eigenart zu fassen, und sicher nicht gewillt, sich ideengeschichtliche oder geschichtsphilosophische Betrachtungen als Geschichte darbieten zu lassen. Kein Zweifel auch, daß nicht mehr ein blanker Relativismus, der aus Mangel an einer eigenen festen Basis Wertungen scheut, sondern die entschiedene Wertung, wie sie in der Feststellung des klassischen Charakters der Antike liegt, dem Geist des neuen Staates entspricht; denn auch ihm ist Überzeugung und Glaube das Fundament seiner Existenz. Alles aber, was die Antike unserer Gegenwart zu geben hat, Erziehung zum politischen Menschen, rechte Harmonie von Körper und Geist, Form in der Kunst, Zucht und Gesetz dem Denken, herrliche Vorbilder eines hohen Menschentums, wird sie nur geben können, wenn wir, die diese Werte vermitteln sollen, an den klassischen Charakter des griechisch-römischen Altertums aufrichtig und zutiefst glauben. Nur der Glaube macht lebendig. Es genügt nicht, daß die klassische Bedeutung des Altertums gewissermaßen geisteswissenschaftlich bewiesen ist - so etwas erweckt die Schatten der Vorzeit nie -, sondern darauf kommt es an, daß wir diese Überzeugung stark im Blute tragen, daß wir leidenschaftlich die Antike suchen, sie mit unserer Sehnsucht beseelen, weil vieles, was in diesen Monaten aus den Tiefen des deutschen Herzens hervorgebrochen ist, für seine Formung, Befestigung und Dauer nach ihr als dem bewährten Helfer verlangt. Hier liegt die Schicksalsfrage der humanistischen Bildung: Ist uns die Antike eine solche tiefe Lebensnotwendigkeit? Jch glaube: ja! Und ich bin gewiß, daß die Bewegung, die über Deutschland nach dumpfer Verwirrung und materialistischer Öde wieder ideale Werte aufgehen ließ, daß diese Bewegung, mögen die Stimmen heute noch vielfach anders ertönen, auch einen der höchsten idealen Werte, die der abendländischen Menschenheit beschieden sind, in neuem Glanze wird leuchten lassen. Vorausgesetzt immer, daß wir wirklichen Glauben an ein klassisches Altertum haben und bewähren. Ist der vorhanden, dann, aber auch nur dann wird sich allen zeigen, daß sie im Grunde doch zueinander gehören, Antike und nationalsozialistischer Staat.

 

IV. Helmut Berve, Vom agonalen Geist der Griechen (1961), in: ders., Gestaltende Kräfte der Antike. Aufsätze und Vorträge zur griechischen und römischen Geschichte, München 1966, S. 1 - 20.

. Es gehört zu den tiefen historischen Einsichten Jakob Burckhardts, daß er - und mit ihm Nietzsche - als einen hervorstechenden Wesenszug der Griechen den Geist des Wettstreits erkannte, das Agonale, wie wir seither mit einem aus griechischen und lateinischen Elementen gebildeten Worte sagen. Die Lust am wechselseitigen Messen der Kräfte und Fähigkeiten, am Sichhervortun vor anderen ist freilich keineswegs bloß den Hellenen eigen gewesen, sie liegt offenbar in der menschlichen Natur. Schon die Beobachtung der Spiele bei den verschiedensten Völkern - nicht nur der Kinderspiele - führt zu dieser Feststellung. In seinem berühmten Buche "Homo Ludens" hat Johan Huizinga aus allen Teilen der Welt reiches Material vorlegen können, das er meisterhaft zu deuten verstand. Ihm wird, nächst Burckhardt, das Beste verdankt, was in neuerer Zeit über den agonalen Geist der Griechen geschrieben worden ist, mag gleich die einzigartige Stellung, welche das Volk der Hellenen auch in dieser Hinsicht einnimmt, nicht ganz zu ihrem Rechte gekommen sein. Diese einzigartige Stellung zu beleuchten ist das Anliegen der folgenden Ausführungen. Es scheint mir um so berechtigter, als einmal in der neueren Literatur zur griechischen Geschichte die Bedeutung des Agonalen teils unterschätzt, teils überbewertet, nirgends aber umfassend genug gewürdigt worden ist, zum anderen weil es sich um ein Phänomen handelt, das wie so vieles Hellenische als eine Art von Leitbild bis in unsere Tage fortwirkt. Steht es doch über so manchen, allerdings oberflächlicheren Erscheinungen der Gegenwart, nicht bloß den sportlichen Wettkämpfen, sondern auch der Verteilung von Nobelpreisen, der Prämierung von besten Filmen, der Bestellung von Schönheitsköniginnen und vielen Auszeichnungen ähnlicher Art.

Wenn aber, wie nicht zu bestreiten ist, der agonale Geist sich bei den Griechen in besonderem Maße entfaltet hat, so müssen dafür besondere Voraussetzungen gegeben gewesen sein. Der Hellene bewahrte sich - wie der Südländer überhaupt - auch als Erwachsener eine gewisse Kinlichkeit und damit zugleich die Lust am Spiel. Zugleich drängte ihn seine ungemeine geistige Wachheit, Spannungsgeladenheit und Leidenschaft zur Auseinandersetzung mit anderen, zum Streit, ja zum Kampf, den Heraklit als den Vater und König von allem bezeichnet. Sich an anderen zu messen war ihm Lebensbedürfnis. Hinzu kam eine Ruhmsucht ohnegleichen. Die Mahnung: "Immer der erste zu sein und voranzustreben den anderen" galt nicht nur für die homerischen Helden. Als ein Zoon politikon, ein Gemeinschaftswesen, das er seiner Natur nach war, verlangte der Grieche nach Anerkennung und Bewunderung in der Öffentlichkeit. Vor ihr, mochte sie kleiner oder größer sein, als der sichtlich Beste dazustehen, war Ziel und damit Ansporn jedes höheren Strebens. Auf allen Gebieten und in mannigfachen Lebenslagen konnte er sich hervortun, am ruhmreichsten aber bei den festlichen Wettkämpfen mit ihrer großen Zuschauerschaft. Diese Wettkämpfe des näheren hier zu schildern würde zu weit führen, doch ist es, wenn vom agonalen Geist der Hellenen gesprochen werden soll, unerläßlich, einige ihrer Hauptmerkmale wenigstens anzudeuten.

Ob aus Leichenspielen entstanden oder anderen Ursprungs, die öffentlichen Agone waren nicht nur ihrer Herkunft, sondern auch ihrem Sinne nach religiöse Feiern, "heilige Wettkämpfe". Das gilt sowohl für die olympischen und die anderen von allen Griechen beschickten Spiele als auch für diejenigen, an denen nur die Bevölkerung einer einzigen Landschaft oder die Bürgerschaft einer einzigen Stadt teilnahm. Seit der archaischen Zeit ist kaum irgendwo ein prächtiges Götterfest ohne Agone begangen worden. Gleich den Menschen erfreute sich an ihnen die Gottheit, der man die Leistungen wie eine Opfergabe darbrachte. Die gymnischen und hippischen Agone wurden mit der Zeit so vielfältig, daß den verschiedensten körperlichen Fähigkeiten Möglichkeit der Bewährung gegeben war. Und nicht minder mannigfach gestalteten sich die musischen Wettkämpfe in Chorgesang, Instrumentalmusik, Sololied. rhapsodischem Vortrag und Dichtung, später auch in der Redekunst. Sie waren den dafür empfänglichen Göttern geweiht. An gymnischen und erst recht an den hippischen Agonen sich zu beteiligen vermochten in der älteren Zeit nur die vornehmen, reichen Herren, doch erweiterte sich mit dem sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg der nichtadligen Schichten seit dem 6. Jahrhundert der Kreis. Im musischen Wettkampf aber werden sich längst Menschen aus der ganzen Breite des Volkes als Mitglieder der Chöre, Musiker und Einzelsänger gemessen haben. Sie alle wurden von der Leidenschaft des Agons ergriffen. Doch nicht nur sie, auch die Masse der Zuschauer und Hörer! Kein Wunder, daß diese dann in ihrer profanen Alltagswelt Agone in keramischer Fertigkeit, im Wollkämmen und dergleichen veranstalteten oder sich mit Wettkämpfen von Hähnen und Wachteln unterhielten. Je zahlreicher die festlichen Agone und die Menge der Anwesenden, um so allgemeiner wurde der Wunsch nach Wettkämpfen jeglicher Art.

Der Agon war ein Spiel, aber wie jedes Spiel hatte er seinen Ernst und seine Regeln. Bitter ernst wurde schon das vorausgehende Training genommen, und vollends der Kampf selbst, der nicht selten lebensgefährlich war, verlangte eine derartige Anspannung der Kräfte, daß das Wort "Agonia" die Bedeutung von Anstrengung oder Angst annehmen konnte und das von "Athlos" (Wettkampf) abgeleitete Adjektiv "athlios" zur Bezeichnung von Mühsal und Elend diente. Ernst und streng war ferner die Kampfordnung, auch wenn sie etwa im Ringkampf Griffe, im Faustkampf Schläge gestattete, die man heute nicht dulden würde, und der List Raum gab. Gewiß gehört List überhaupt zum Spiel, bei den Griechen aber fand sie, wie schon die Gestalt des Odysseus zeigt, stets besondere Bewunderung und war gleichsam legitim. Im übrigen standen die Regeln eines Agons im Zeichen der Gottheit des Festes. Bei dieser schwur der Wettkämpfer, sich ihnen zu unterwerfen, und eigens bestellte Behörden wachten über ihre Innehaltung. Sie, die Kampf- und Schiedsrichter, bestimmten auch den Sieger und erkannten ihm den Preis zu. Kein Wettkampf ohne Preis. Ursprünglich, und bei den meisten Agonen auch noch später, war er von beträchtlichem materiellen Wert; nur bei den vier großen panhellenischen Spielen zu Olympia, Delphoi, Nemea und am Isthmos bestand er in einem schlichten Kranz. Hier fand der agonale Geist, dem der Ruhm mehr galt als jeder materielle Gewinn, seinen reinsten Ausdruck. Der Perserkönig mochte, wie Herodot erzählt, darüber staunen, für den Griechen war Ehre der Kampfpreis für Leistung und Tüchtigkeit, für Arete. So sagt auch noch Aristoteles.

An Ehrungen fehlte es denn auch den Siegern nicht. Wer in Olympia vor den versammelten Griechen durch sein Können und die Gunst der Götter den Sieg errungen hatte, schien damit in eine fast übermenschliche Sphäre erhoben. Er hatte das Herrlichste erreicht, was einem Sterblichen zuteil werden konnte. Triumphal war seine Rückkehr in die Vaterstadt, wo man für seinen Einzug sogar einen Teil der Mauern niederlegte, da die Tore seiner Größe nicht mehr entsprachen. So hoch in der Wertung stand der Ruhm des Olympioniken, daß nicht bloß in älterer Zeit ein adliger Herr, dessen Gespann, ohne von ihm selbst gelenkt zu sein, den Preis davongetragen hatte, zeitlebens im ganzen griechischen Bereich ein Ansehen genoß, das auch in politische Münze umgesetzt werden konnte. Spartas Könige pflegten auf Feldzügen einen Mann bei sich zu haben, der in einem jener vier panhellenischen Wettkämpfe gesiegt hatte, und nur weil er dort den Kranz gewonnen, ist gelegentlich ein Kriegsgefangener freigelassen worden. Denn der große Agon war etwas Erhabenes. Man konnte es sich nicht anders denken, als daß schon Götter und Halbgötter sich ähnlich im Wettstreit gemessen hatten. Einige Gottheiten, etwa Apollon und Nemesis, galten geradezu als Walter der Agone. Und wie dem Griechen überhaupt starke Lebensmächte in Göttergestalt erschienen, so auch der Agon, dem zu Olympia eine Statue errichtet wurde.

Der festliche Wettkampf wurde zwischen Freien und Gleichen ausgetragen, deren Kreis die Adelsgesellschafl, das gesamte Bürgertum einer Polis oder alle Griechen umfassen konnte. Er ist auf dem Boden der Freiheit und Gleichheit erwachsen, hat aber auch seinerseits das Bewußtsein von Freiheit und Gleichheit gestärkt. Selbst ein Tyrann stand im Agon als Gleicher unter Gleichen. Die unabdingbaren Ordnungen ferner, denen der Wettkämpfer sich unterwarf, haben zu einer Zeit, als die staatliche Bindung noch sehr locker war und der Willkür mächtiger Herren kaum Schranken setzte, erheblich dazu beigetragen, daß der Gedanke des Rechtsstaates durchdrang. Als dann seit etwa 600 die Polis festere Form gewann, war es nur natürlich, daß sie durch Vermehrung und Ausgestaltung der heimischen Wettkämpfe die agonalen Leidenschaften im eigenen Bereich zu befriedigen und sich dienstbar zu machen trachtete. In Athen waren es die Großen Panathenäen, in Sparta das Karneienfest, an deren Agonen der Staatsbürger Ruhm finden, das Gemeinwesen sich glänzend darstellen sollte. Vor ihm in dem festgefügten Staat am Eurotas setzte sich aber zugleich die Überzeugung durch, daß der einzelne den höchsten agonalen Ruhm dadurch gewänne, daß er in Erfüllung der Gesetze und Bewährung als Krieger seine Mitbürger übertreffe. Dort zog man sich mehr und mehr von den panhellenischen Spielen zu Olympia zurück. Auch der Philosoph Xenophanes aus dem kleinasiatischen Kolophon meinte um 500, daß durch einen Sieger in den üblichen Agonen die Wohlfahrt seiner Heimatstadt nicht gefördert werde. Freilich bestimmte ihn wesentlich ein anderer Grund, sich mit Schärfe gegen die außerordentlichen Ehrungen eines solchen Mannes zu wenden, die Überbewertung nämlich der körperlichen im Vergleich zu seiner eigenen geistigen Leistung. Zwar gab es längst auch musische Agone, aber das einzigartige Verhältnis des Griechen zum Leiblichen, wie es sich seit dem mythischen Parisurteil auch in Schönheitswettkämpfen der Frauen oder im Streben nach dem Preis der vollkommensten Männlichkeit bekundete, verlieh nicht nur in frühen Zeiten, als der reisige Adel den Ton angab, den körperlichen Agonen das Übergewicht. So sind die Stimmen des Xenophanes und späterer Dichter, die nicht etwa gegen den Agon an sich - sie selber rangen mit ihren Werken an Götterfesten um den Sieg-, sondern gegen die Überschätzung der gymnischen Wettkämpfe Einspruch erhoben, wirkungslos verhallt. Auch die seit etwa 500 zu beobachtende Ausbildung eines Berufsathletentums, dem die Agone weniger Gottesdienst als Gelegenheit zu persönlichem Brillieren oder gar zum Erwerb kostbarer Preise bedeuteten, hat weder die Begeisterung der Hellenen für die gymnischen und hippischen Wettkämpfe noch die Huldigung für deren Sieger gemindert. Denn es ist nicht so, wie Burckhardt meinte, daß die Leidenschaft für Agone ein Merkmal der archaischen Epoche gewesen sei und in der von Kriegen erfüllten klassischen Zeit zurückgetreten wäre, weil wer den Krieg habe, den Agon nicht brauche. Wettkämpfe veranstalteten schon die homerischen Helden mitten im Krieg, desgleichen noch die Zehntausend des Xenophon oder Alexander mit seinem Heer. Daß die archaische Zeit weniger reich an Kriegen scheint als die folgenden Jahrhunderte, liegt vornehmlich an der Dürftigkeit unserer Kenntnis.

Krieg und Agon gehen also nebeneinander her und sind als Kampf aufs engste verwandt, so sehr, daß die Griechen den Krieg gern mit dem Wort Agon bezeichneten. Damit drängt sich die Frage auf, wie es mit dem agonalen Charakter der griechischen Kriege stand. Wäre es schon verfehlt, über dem in den Wettkämpfen sich bekundenden idealistischen Geist die auch dort zutage tretenden realistischen, eigensüchtigen, ja brutalen Wesenszüge des hellenischen Menschen zu übersehen, so erst recht, wenn es um den Krieg mit seinem blutigen Ernst ging, bei dem es zu so unagonalen Akten wie Vernichtung oder Versklavung des Gegners kommen konnte. Doch finden sich schon in sehr frühen Zeiten agonale Elemente der Kriegführung. Damals konnte es geschehen, daß in gewissen Zeitabständen die junge Mannschaft zweier Gemeinwesen, die seit jeher um ein Landstück im Streite lagen, in gleicher Stärke und Bewaffnung nach bestimmten Satzungen zum Kampf antrat. Sein Ausgang entschied über den Besitz des strittigen Territoriums und nur darüber. Ein italienischer Forscher hat dargetan, daß es sich dabei um einen agonalen Ritus handelte, in dem kriegerische Auseinandersetzung, Tapferkeitsproben im Rahmen der Männerweihe und Feier für eine Gottheit, die auf dem umkämpften Gebiet ein Heiligtum besaß, miteinander verquickt waren. Einige dieser uralten Begehungen lebten später als unpolitische, aber immer noch blutige Kämpfe bei der gemeinsamen Feier jenes Götterfestes fort. In anderen Fällen, etwa im dauernden Streit zwischen Sparta und Argos um die Landschaft Thyreatis, wirkten solche Bräuche sogar bis gegen Ende des 5. Jahrhunderts nach. Daß die Masse der beiden Heere sich nicht beteiligte, vielmehr bewußt ferngehalten wurde, daß die Kämpfenden sich nicht an der Bevölkerung vergreifen durften, gefangene Feinde als Gastfreunde zu behandeln und gegen Lösegeld freizugeben waren, macht den agonalen Charakter dieser Auseinandersetzungen besonders deutlich.

Ähnliches begegnet in der Ilias. Ist schon der Zweikampf der Helden zugleich ein Wettsreit um den ersten Rang unter ihren adligen Stammesgenossen, eine "Aristeia", so zeigt er sich auch darin als Agon, daß beispielsweise Hektor und Aias zwischen ihren Waffengängen Geschenke austauschen und in einem fast freundschaftlichen Verhältnis zueinander stehen. Es gelten ferner feste Regeln hinsichtlich der Waffen. Achilleus und Hektor haben bei ihrem letzten Kampf jeder nur einen Speer; kein weiterer wird ihnen nachgereicht. Der Gebrauch vergifteter Pfeile ist Frevel vor Göttern und Menschen. Ja, die dem Geist des ritterlichen Agons widersprechenden Fernwaffen wurden in einem langwierigen Krieg, der bald nach Entstehen der Ilias auf der Insel Euboia spielte, im Zeichen einer Gottheit feierlich ausgeschlossen. Andererseits - und das muß nicht minder betont werden - berichtet das Epos von durchaus unagonalen Kampfhandlungen. Dazu gehört nicht die Anwendung der List, die, wie wir sahen, auch in reinen Wettkämpfen erlaubt war, aber das Hinmorden im Schlaf, die Verfolgung des besiegten Gegners, Schleifung seiner Leiche, Zerstörung von Städten und Versklavung ihrer Bewohner. Noch bricht die im Kriege gegen einen verhaßten Feind entfesselte urtümliche Wildheit und Vernichtungswut immer wieder auf eine Weise hervor, daß jene agonalen Züge wie eine oberflächliche Verbrämung wirken. Erst das wachsende Verlangen nach einer verbindlichen gesetzlichen Ordnung seit der ersten Hälfte des siebten Jahrhunderts vermochte den Geist des Agons im Kriege stärker zur Geltung zu bringen, zumindest im griechischen Mutterland. Bald nach 600 verpflichtete sich die Mehrzahl der dortigen Stämme im Sinne des Delphischen Gottes, um den sie sich in einem sakralen Verband (Amphiktyonie) geschart hatten, keine Polis ihres Verbandes aufzuheben, keiner das Wasser abzuschneiden, kurzum: keinen totalen Krieg gegeneinander zu führen. Im Einklang mit dem Willen der Götter, der Hüter der Wettkampfregeln, stand fortan für mehr als ein Jahrhundert die Kriegführung der mutterländischen Griechen. Ihr agonaler Charakter ist unverkennbar. Während der großen panhellenischen Spiele herrschte Waffenruhe, selbst die Feste des Feindes wurden in dieser Weise geachtet, ganz zu schweigen von der Schonung der Heiligtümer im Gebiet des Gegners. Durch einen Herold hatte jede Fehde angesagt zu werden, Ort und Zeit ihres Austragens in einer Feldschlacht wurde vereinbart. Wohl war das Ringen auf dem Kampfplatz erbittert, aber wenn das feindliche Heer geworfen war, galt der Krieg als entschieden, und der unterlegene Partner erkannte, indem er um Herausgabe der Gefallenen zur Bestattung bat, die Entscheidung samt ihren Folgen - meist die Abtretung eines umstrittenen Landstriches - an. Der Kampfpreis war nach agonalem Recht dem Sieger zugefallen, der denn auch nicht über weitere Strecken zu verfolgen oder gar zur Belagerung und Eroberung der Stadt des Gegners zu schreiten brauchte, die mit Ausnahme ihrer Burg bezeichnenderweise im allgemeinen ohne Wehrmauern war. Er errichtete nur auf dem Schlachtfeld ein Siegeszeichen (Tropaion), doch durfte dieses nur aus Holz, nicht aus dauerhaftem Material bestehen. Wie im Agon sollte die Gegnerschaft nicht verewigt werden. Kam es trotz mehreren Waffengängen zu keiner Entscheidung, so rief man zur Schlichtung des Streites nicht selten einen unparteiischen Schiedsrichter an, wie ein solcher auch bei den Wettspielen fungierte.

Es soll nun nicht behauptet werden, daß die Hellenen des sechsten und beginnenden fünften Jahrhunderts sich stets an die Regeln agonaler Kriegführung gehalten hätten. Namentlich in den Randgebieten des Ostens und Westens, vor allem bei den sizilischen Tyrannen, die sich auch darin als Tyrannen zeigten, finden wir Vernichtungskämpfe und Versklavung oder doch Aufhebung ganzer Gemeinden. Aber die Kriege im Mutterland scheinen bis tief ins fünfte Jahrhundert weitgehend vom agonalen Geiste bestimmt gewesen zu sein, den die konservativen und frommen Spartaner selbst dann noch pflegten, als andere Staaten ihn kaum noch achteten. Freilich nicht den aufständischen Heloten gegenüber. Diese wurden als keine gleichwertigen Feinde angesehen, als keine "Gegenringer" (Antipaloi), wie man sonst mit einem Wort aus der Sprache der Agone griechische Gegner gern bezeichnete. Auch die außerhalb des Brauches der Hellenen stehenden Perser konnten eigentlich nicht als solche gelten. Um so bemerkenswerter ist es, daß man die kriegerische Auseinandersetzung mit ihnen als einen großen Agon empfunden hat, dessen Kampfpreis die Freiheit Griechenlands war. Mit Einhaltung der Festesruhe und Verzicht auf Verfolgung ist auch hier das agonale Gesetz gewahrt worden. Vor allem jedoch gab der gemeinsame Kampf Gelegenheit zum Wettstreit in den eigenen Reihen. Herodot weiß vom "aristeuein", vom Sichauszeichnen, einzelner Aufgebote oder Männer zu berichten. Er erzählt, wie nach der Schlacht bei Salamis der erste Preis den Aigineten, der zweite den Athenern zuerkannt wurde. Bei der Preisverteilung an die Befehlshaber kam es allerdings zu Hader, so daß nur der zweite Preis an Themistokles vergeben werden konnte, der dazu noch in Sparta einen besonderen Preis der Klugheit und Gewandtheit erhielt, während der Oberkommandierende, der Spartiat Eurybiades, den Preis der Tapferkeit davontrug. Auch nach der Schlacht bei Plataiai wurde ähnlich verfahren. Es handelt sich bei alledem nicht um Auszeichnungen nach Art von Ordensverleihungen, sondern um einen echten Agon der Griechen untereinander. Daß dieser mitten im schwersten Kampf der Hellenen um die Behauptung ihrer politischen Existenz ausgetragen werden konnte und tatsächlich ausgetragen wurde, ist wohl der augenfälligste Beweis für ihre agonale Haltung in jeder Lebenslage.

Aber nach den Erfahrungen mit dem an keine agonalen Spielregeln gebundenen Perser begann der ritterliche Geist der Kriegführung unter den Griechen zu schwinden. Vergeblich haben die Spartaner gegen die Ummauerung Athens Einspruch erhoben, weil Befestigung einer Stadt, wenn sie Schule machte, die Art der Fehden wandeln und zu unagonalen Belagerungskriegen führen mußte, wie es in der Zukunft denn auch geschah. Gefördert wurde dieses Schwinden durch die Bedeutung, welche jetzt der Seekampf gewann, für den die Regeln des Landkampfes nie gegolten hatten, sowie durch das Ausgreifen Athens als Herrn des Seebundes über die gesamte Aegaeis und nicht zuletzt durch die Säkularisierung des Lebens, wie sie sich gleichzeitig bei den Wettipielen im Zunehmen des Berufsathletentums zeigt. Im Banne eines eruptiv hervorbrechenden Herrschaftswillens, dem als Kampfziel die Unterwerfung anderer Staaten galt, griff eine nüchterne und radikalere Kriegführung Platz, die sich vor Aufhebung hellenischer Gemeinwesen, Versklavung ihrer Bewohner und Zerstörung einer Stadt nicht mehr scheute. Im Peloponnesischen Kriege ist von agonalem Geiste kaum noch etwas zu spüren. Am ehesten hielten an ihm die Spartaner fest, die nach wie vor sich zum Kampfe wie zu einem Götterfeste schmückten, durch vorausgehende agonale Übungen und in den Schlachten selbst durch wechselseitige Gesänge einander zu Höchstleistungen anfeuerten. Noch im vierten Jahrhundert zeichnete man in Sparta die besten Truppen der Bundesgenossen durch Preise aus und verachtete die neuen technischen Waffen, die Katapulte, weil sie, wie der König Agesilaos erklärte, der Tapferkeit keinen Raum ließen. Dabei war der Staat am Eurotas seit dem Siege über Athen selbst dem Geist gesetzloser Machtpolitik verfallen, dem Widersacher agonaler Auseinandersetzungen. Daß er damit letztlich seinen eigenen Sturz herbeiführte und hemmungsloses Herrschaftsstreben der größeren Staaten jetzt allgemein Hellas in Chaos und in Ohnmacht gegenüber der gefestigten Macht des Makedonenkönigs stürzte, läßt die agonale Kriegführung früherer Zeiten - ganz abgesehen von ihrem ideellen und sittlichen Wert - als einen notwendigen Faktor der Erhaltung eines Systems freier griechischer Gemeinwesen erscheinen.

Sind nun auch, so fragen wir weiter, im Bereich der Politik mit ihren nüchternen und harten Realitäten agonale Elemente erkennbar? Die Art der Kriegführung macht es mindestens für die älteren Zeiten wahrscheinlich. Es darf an die Bestellung von Schiedsrichtern bei langwierigen Konflikten und an die Autorität von Olympioniken im zwischenstaatlichen Verkehr erinnert werden. Doch geht es um mehr als um solche Einzelzüge. Schon die Engräumigkeit Griechenlands, die das Rivalisieren der zahlreichen Staatswesen begünstigte, mußte die einzelnen Adelsgesellschaften oder Bürgerschaflen zum Vergleich mit den Nachbarn reizen und das Verlangen, sich vor diesen auszuzeichnen, zu einem, wenn auch gewiß nicht dem einzigen, Motiv ihrer Politik machen. Um so mehr, als die politischen Energien der Hellenen primär nach innen, auf die Erfüllung des Ideals der rechten staatlichen Gemeinschaif gerichtet waren. Nicht nur wegen seiner militärischen Stärke, ja nicht einmal vorzugsweise ihretwegen, sondern weil es die beste und festeste gesetzliche Ordnung, die Eunomia, zu haben schien, hat Sparta lange Zeit in echt agonaler Weise als der erste unter den griechischen Staaten gegolten. Diese allgemein anerkannte Stellung brachte es mit sich, daß ihm im großen Perserkrieg die Führung sowohl zu Lande wie in dem ihm an sich fern liegenden Seekampf zufiel. Sie legte ihm aber auch eine Verantwortung für die übrigen Hellenen auf. In der Bezeichnung "Prostates von Hellas" kam beides, Vorsteherschaft und Anwaltschaft, zum Ausdruck. Eine ähnliche Position, die es zu höchster eigener Leistung und zur Achtung und Wahrung der Autonomie anderer Gemeinwesen verpflichtete, hat Sparta in seinem engeren Umkreis an der Spitze des sogenannten Peloponnesischen Bundes eingenommen. Auch der Delisch-Attische Seebund zeigte anfangs noch eine gewisse agonale Struktur, doch wurde er bald, als Athen vom Rausche expansiver Machtpolitik ergriffen ward, zu einem Instrument der Herrschaft des führenden Staates entstellt. Immerhin ist selbst in der Politik des Perikles, der auf diese Weise die materielle Basis für die Teilnahme aller Athener am Staatsleben schaffen wollte, das Bestreben erkennbar, Athen hinsichtlich seiner individuelle Freiheit und gesetzliche Bindung vereinigenden Verfassung, ja darüber hinaus in jeder Hinsicht zur besten, zur ersten Polis in Hellas zu machen und so im Wettstreit um diese Stellung Sparta zu überflügeln. Im kulturellen Bereich ist das glanzvoll gelungen, im politischen dagegen hat der entfesselte Dämon der Macht verhindert, daß die Stadt jemals zum agonalen Prostates von Hellas wurde, mochten gleich attische Redner des vierten Jahrhunderts sie mit diesem Ehrentitel schmüdcen. Aber auch Sparta mußte, indem es seit dem Peloponnesischen Kriege jenem ganz Griechenland erfassenden Dämon verfiel, als Prostates von Hellas abdanken. In den radikalen Machtkämpfen der folgenden Zeit hätte es sich in dieser Rolle auch dann nicht behaupten können, wenn es seiner alten Art treu geblieben wäre. Wie im Kriegswesen war in der Politik eine neue Epoche angebrochen, der die agonalen Werte nur noch wenig bedeuteten.

Es liegt an Wesen und Zielsetzung des griechischen Staates als einer durch Gesetze geformten Gesellschaft, daß agonale Tendenzen innerhalb seines engen Bezirkes besser zur Wirkung kommen konnten als in der von vornherein dem Machtstreben verhafteten Außenpolitik. "Aristoi", die Besten, hatten sich schon die adligen Herren der archaischen Zeit genannt, und seitdem der Kreis der Vollberechtigten erweitert worden war und die Polis feste Gestalt angenommen hatte, drängte Lust am Wettstreit und Ruhmsucht viele dazu, sich in ihren Gemeinwesen hervorzutun. Dieses Streben wurde von staatswegen bewußt gefördert und genutzt. So übertrug man in Athen die Choregie, das heißt die Aufstellung und Ausstattung der Chöre bei den dramatischen Aufführungen für Dionysos, vermögenden Bürgern, desgleichen die Vorsteherschaif eines Gymnasions oder die Ausrüstung der Kriegsschiffe, deren Rumpf die Polis stellte. Die Übernahme einer solchen Leistung (Leiturgie) wurde lange Zeit nicht bloß als Pflicht, sondern als Ehrensache angesehen, und agonaler Ehrgeiz spornte dazu an, bei Erfüllung der Aufgabe andere zu übertreffen. Auch wo nicht die Zuerkennung eines Preises winkte, wie er den Choregen und mit ihnen zugleich den Dichtern verliehen wurde, brachte hervorragende, allen sichtbare Ausführung einer Leiturgie erhöhtes Ansehen und gleichsam den Ruhm eines Siegers. Zwar behielten die großen panhellenischen Agone ihre Anziehungskraft: Die Heimatstadt, deren Name dort zusammen mit dem des Preisträgers ausgerufen worden war, fühlte sich in diesem erhoben und dankte ihm mit überschwenglichen Ehren. Aber die Tendenz ging, wie wir sahen, seit der stärkeren Abschließung der Staatswesen dahin, die agonalen Leidenschaften der eigenen Polis dienstbar zu machen. Sie sollte das Feld des Ehrgeizes ihrer Bürger sein. Für sie das Höchste zu leisten, sollte jeder im Wettstreit mit seinesgleichen alle Kräfte anspannen und üben. Vor allem in Sparta haben die Ephoren, deren Befugnisse gelegentlich geradezu als die von Kampfrichtern bezeichnet werden, durch Anstachelung der Rivalität einzelner Verbände Knaben, Jünglinge und Männer, ja selbst die Mädchen in diesem Sinne gelenkt. Doch auch in Athen wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, diejenige der zehn Gruppen des Rates der Fünfhundert, welche in ihrer Amtsperiode die Geschäfte am besten geführt hatte, mit einem Preis ausgezeichnet. Hier konnte zudem - anders als in Sparta - die Volksversammlung dank der allen Bürgern gewährten Redefreiheit zum agonalen Kampfplatz werden. "Jeder", heißt es bei Thukydides, "will selbst reden und im Wettstreit nicht unterliegen". Ob es um sachliche Gegensätze, persönliche Interessen und Feindschaften oder was immer ging, man erlebte die öffentliche Diskussion als Agon, deren Kampfpreis die Zustimmung der Mehrheit war. Ein unübertreiflicher Ringer - so bezeichnete ihn einer seiner Gegner - hat Perikles im Redekampf seine Rivalen überwältigt, immer wieder jenen Kampfpreis errungen und sich auf diese Weise jahrelang als Leiter des Staates behauptet. Er wurde dadurch im agonalen Sinne der "erste Mann", wie ihn Thukydides nennt, eine Stellung, die zwar nicht offiziell zugesprochen, aber von der Mehrheit des Volkes anerkannt war. Dagegen handelt es sich, wenn ein die Belange des niederen Volkes verfechtender Demagoge als "Prostates des Demos" bezeichnet wird, nur sehr bedingt um eine agonale Wertung. Hier liegt der Akzent durchaus auf der Anwaltschaft. Eher ist das Ringen zwischen dem oligarchischen und dem demokratischen Teile der Bürgerschaft um die richtige Staatsform als ein Agon angesehen worden, wie man denn auch an manchen Orten, wo es in blutigen Kampf überzugehen drohte, einen auswärtigen Schiedsrichter bestellt hat.

War also das innenpolitische Leben allgemein von agonalen Spannungen erfüllt, so erst recht der Bereich des Gerichtswesens. Bei den Verhandlungen, die der Schild des Achilleus im Relief gezeigt haben soll, waren mitten im "heiligen Kreis" der Richter zwei Goldtalente deponiert als Preis für den, der am richtigsten urteilte, und noch Xenophon machte um 360 den Vorschlag, Preise für diejenigen Hafenbehörden auszusetzen, die am schnellsten und gerechtesten Entscheidungen fällten. Ein Wettstreit also der Richter, ein Wettstreit aber auch der Parteien. Der Prozeß hieß schlechthin Agon. Es ging in alter Zeit nicht darum, daß die Richter objektives Recht fänden, sondern daß sie als Kampf- und Schiedsrichter eine Lösung verkündeten, die anzunehmen sich die Parteien - wie die Wettkämpfer - vorher eidlich verpflichtet hatten. Diese selbst aber rangen miteinander, einen für sie günstigen Schiedsspruch zu erhalten. Einst geschah das, indem sie durch Zahl und Ansehn ihrer Gefolgschaft sich zu überbieten suchten, später, indem sie danach trachteten, im Rede-Agon vor den Richtern den Gegner zu überwinden. Wie sehr selbst im Strafprozeß die Richter recht eigentlich Kampfrichter waren, zeigt der Fall des Sokrates. Zuerst erkennen sie im Streit zwischen Kläger und Angeklagten um die Schuldfrage der einen Seite den Sieg zu. Dann haben sie über die Strafe zu entscheiden, aber nicht frei. Denn sie geben entweder dem Antrage des Klägers oder dem des Verklagten statt, entscheiden also einen Agon. Es versteht sich fast von selbst, daß gerade das Prozeßwesen ein Hauptfeld der agonalen Leidenschaft gewesen ist, die den Griechen im Blute lag und durch die Erziehung hochgezüchtet wurde.

Vor allem in der leiblichen Erziehung, der ein so großer Wert beigelegt wurde, bediente man sich - das Vorbild unzähliger Agone vor Augen - des Wettstreites als Ansporns zu höchster Leistung. Körperliche Wettkämpfe jeglicher Art fanden in den Gymnasien statt, oft als Vorbereitung zu Jugend-Agonen an Götterfesten. Die Bürgerschaft erfreute sich nicht nur an ihrem Anblick, sie sah darin auch die beste Erziehung zur Wehrhaftigkeit der jungen Mannschaft. In Sparta vollends, wo das Lehen weithin auf Erhaltung und Steigerung der Wehrkraft ausgerichtet war, hat man von Staats wegen Wettkämpfe der Knaben und Jünglinge, sogar im Ertragen von Schmerzen, eingerichtet. Und auch die namentlich bei den Doriern, doch nicht nur bei ihnen, verbreitete Knabenliebe entbehrt nicht agonaler Züge. Denn wie sie den eifersüchtigen Liebhaber antreibt, sich unter den Rivalen um die Gunst des geliebten Knaben hervorzutun, so erweckt sie in diesem das Verlangen, durch Auszeichnung vor den Altersgenossen sich der ihm geschenkten Liebe würdig zu erweisen. Je mehr dann im Laufe der Zeit neben der leiblichen Erziehung die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten Pflege erfuhr, um so mehr wurde auch deren Entfaltung durch Wettstreit gefördert. In den Schulen erhielten die Knaben für bestes Lesen, Schönschreiben, Malen, Rezitieren von Dichtungen und sachliches Wissen Preise, nicht anders als für Leistungen körperlicher Art. Die Gefahr, daß dadurch wie bei den großen Agonen ein hohles Virtuosentum entstehen könnte, haben die Staatsphilosophen des vierten Jahrhunderts, im besonderen Platon, erkannt, der deshalb die agonistike Techne aus der Jugenderziehung verbannen wollte. Doch hatte er damit keinen Erfolg. Zu tief wurzelte im griechischen Menschen die Leidenschaft für den Agon.

Sie durchdrang das gesamte Leben. Die Sprache war voll von Ausdrücken, die der agonalen Sphäre entstammten, wofür sich viele Beispiele, nicht nur die bereits erwähnte Verwendung der Wörter "Agonia" und "athlios" beibringen ließen. Zahllose Eigennamen, gebildet in einer Zeit, als der Name noch etwas aussagte, waren mit "Aristos", der Beste, zusammengesetzt: Aristagoras, Aristogeiton, Aristoteles und so fort. Auch Namen mit "Protos", der Erste, begegnen nicht selten. Allenthalben wurde agonal gewertet und der Ruhm des Ersten und Besten begehrt. Bereits Homer hebt hervor, daß Nireus der Schönste unter den Danaern war. Herodot vergißt nicht zu bemerken, daß unter den Kämpfern in der schweren Schlacht von Plataiai Kallikrates der Schönste gewesen sei, und nur weil er seiner Zeit als der Schönste galt, erhielt Philippos von Kroton heroische Ehren. Die Frage, wer der Glücklichste, der Frömmste, der Weiseste sei, bewegte die Griechen immer wieder. Da menschliche Kenntnis nicht ausreichte, ihn zu bestimmen, wandte man sich an den Delphischen Gott, dessen Antwort zugleich darüber aufklärte, was wahres Glück, wahre Frömmigkeit, wahre Weisheit sei. Auch in den einzelnen Berufen wurde wie selbstverständlich eine Rangordnung agonaler Art vorgenommen. Unter den Ärzten räumt Herodot die erste Stelle denjenigen von Kroton, die zweite denen von Kyrene ein. Zwei Generationen später heißt es von einem vorzüglichen Steuermann gleich, daß er der beste aller Steuerleute war. Und wie Sparta und Athen die erste Stadt in Hellas sein wollten, so stritten noch in der römischen Kaiserzeit Pergamon und Smyrna um den Ruhm, die erste Stadt der Provinz Asia zu heißen.

Daß im Leben des Tages der Wettstreit eine ungewöhnlich große Rolle spielte, kann nach alledem nicht verwundern. Schimpf-Agone sind nicht nur auf den Straßen mit südlichem Temperament ausgetragen worden, sie gingen schon den Kämpfen der homerischen Helden voran, fanden seit den Zeiten des Archilochos Eingang in die Literatur und hatten in kultischen Begehungen für Demeter oder Dionysos ihren altgeheiligten Platz. Man spürt die Freude an ihnen auch in manchen attischen Prozeßreden. Wettkampf war ferner die beliebteste Unterhaltung bei geselligen Zusammenkünften, im besonderen bei den Symposien. Hier maßen sich die Teilnehmer im Trinken, im Überwinden der Schläfrigkeit, in manueller Geschicklichkeit oder im Rätselraten und Lösen verzwickter Fragen. Der Leiter des Gelages, der Symposiarches, stellte Aufgaben: etwa einen Tischgesang, ein Gedicht zu improvisieren oder - man denke an Platons "Gastmahl" - eine Lobrede auf Eros zu halten. Ein Kuß, ein Trunk ungemischten Weines und dergleichen wurden als Preis ausgesetzt. Doch nicht nur in der gehobenen Gesellschaft hat bei den Griechen jeder Zeitvertreib gern die Form eines Wettstreites angenommen. Das einfache Volk erfreute sich in derselben Weise. Ist es doch kaum bloß Erfindung des bukolischen Dichters, wenn Theokrit Wettgesänge der Hirten schildert. Auch die große Kunst der Hellenen war reich an agonalen Motiven und wurde zugleich durch den Geist des Wettkampfes zu höchsten Leistungen angespornt. Was die Siegerstatuen des Polyklet und anderer Künstler, die von einem Preisträger an einem der panhellenischen Agone in Auftrag gegeben worden waren, für die griechische Plastik bedeutet haben, ist kaum zu überschätzen. Und mögen die Agone von Bildhauern, die gelegentlich erwähnt werden, mehr oder weniger Wettbewerbe um die Erteilung eines Auftrages gewesen sein, wenngleich ihre Transponierung in mythische Vorzeit sie mit dem Glanz echter Wettkämpfe umgibt, Rhapsoden, Dichter jeglicher Gattung - zumal der dramatischen in Athen -, Rhetoren und Schriftsteller haben an Götterfesten um nichts als um den Preis und seinen Ruhm gerungen. Vor allem aber ist Gehalt und Form ihrer Schöpfungen weitgehend vom agonalen Geiste bestimmt worden. Ja, ganze Literaturgattungen wie die Epinikien, die Preisgesänge auf Sieger bei den gesamtgriechischen und anderen Agonen, oder in ihrer Nachfolge die Lobreden der Rhetoren, mit denen sie eine hervorragende Persönlichkeit oder eine Stadt als die erste und beste verherrlichten, verdanken ihm ihr Entstehen. Preislieder auf Knaben, Mädchen, Gefährten im politischen Freundeskreis, Gedichte, in denen nicht nur göttliche oder menschliche Rivalen, sondern sogar Sommer und Winter, Land und Meer um den Vorrang streiten, ziehen sich durch die gesamte griechische Literatur. Rede-Agone waren ein wesentlicher Bestandteil der Tragödie sowohl wie der Komödie, wo sie an die volkstümlichen und kultischen Schimpf-Agone anknüpften. Sie hatten aber ihren Platz auch in den Werken der Historiker, vorzüglich in dem des Thukydides, der sich ihrer bediente, um den die Politik zweier feindlicher Staaten oder miteinander ringender Volksführer bestimmenden Motiven Wort zu leihen.

Indem wir damit die tiefere Bedeutung berühren, die ein RedeAgon haben konnte, fällt unser Blick auf die bedeutende Rolle, welche der Wettstreit der Meinungen als Dialog im Geistesleben der Hellenen seit alters gespielt hat. In agonaler Rede und Gegenrede sind von ihnen die großen Fragen des Daseins gestellt, erörtert und geklärt worden. Das antithetische Denken des Heraklit und anderer Philosophen verleugnet so wenig wie die grundsätzliehen Auseinandersetzungen in den faszinierenden Rededuellen der Dramen seine Herkunft aus dem agonalen Trieb des griechischen Menschen. Am sinnfälligsten, freilich auch äußerlicher, tritt der Zusammenhang mit der Sphäre der öffentliehen Agone in Gebaren und Wirken der Sophisten hervor. Eitles Prahlen mit ihrem Können, selbstgefälliges Sichzurschaustellen, aber auch die gedanklichen Kunstgriffe dieser Ringer, wie sehon Zeitgenossen sie nannten, lassen sie geradezu als Verwandte der Berufsathleten erscheinen. Auch darin, daß sie sieh ihre Leistungen bezahlen ließen und es ihnen weniger um eine erhabene Sache als um virtuose Leistung ging. Immerhin haben sie durch Verfeinerung und Steigerung des geistigen Agons die Formen wissenschaftlicher Diskussion und ihre Methode begründet. Selbst der platonische Sokrates zeigt sich in dieser Hinsicht von ihrem Geiste ergriffen. Auch er ist ein Ringer im Agon, nur daß der Kampfpreis für ihn nicht Ruhm oder Lohn, sondern ein höherer, die Erkenntnis der Wahrheit, ist. Hatte sich das Virtuosentum der Athleten und Sophisten von seinem Ursprung entfernt, so kehrte mit Sokrates und den Sokratikern wenigstens der philosophische Agon zu den rein ideellen Werten und damit gewissermaßen zum alten, heiligen Sinn der Wettkämpfe zurück.

Damit nähern wir uns dem Ende. Es war die Absicht dieser Ausführungen andeutend darzutun, wie der Geist des Agons das gesamte Leben der Griechen durchdrungen hat. Nicht nur in der Frühzeit, sondern durch die Jahrhunderte hin. Die kindliche Freude am wetteifernden Spiel und mit ihr eine lebensfrische Auseinandersetzung mit den Härten des Daseins, ein jugendliches Sichselbstverschwenden ist den Hellenen nie verloren gegangen. "Ihr Griechen bleibt doch ewig Kinder", läßt Platon einen ägyptischen Priester zu Solon sagen. Aber dieser naive Drang zum Wettstreit hatte seinen Ernst und seine Größe. Indem er auf allen Gebieten zu höchsten Leistungen anfeuerte, wurde er eine der stärksten bewegenden und gestaltenden Kräfte, welche das einzigartige Phänomen der hellenischen Kultur entstehen ließen. Schon zu einer Zeit, als der Staat noch ein lockeres Gebilde war, setzte der agonale Geist für innen- und außenpolitische, für friedliche und kriegerische Auseinandersetzungen feste, religiös geheiligte Ordnungen. Er war es auch, der im geistigen Leben der folgenden Jahrhunderte der Philosophie und der Wissenschaft im Dialog den methodischen Weg der Erkenntnis wies. Und liegt nicht im agonalen Streben nach höchstmöglicher Vollendung, nach Verwirklichung der Idee des Schönen und Guten, Weisen und Frommen, Tapferen und Gerechten die Quelle dessen, was wir an den Griechen als ihren Idealismus bewundern? Freilich stand diesem Idealismus ein nicht minder ausgeprägter Realismus gegenüber, und zwar, bezeichnender Weise, in agonaler Spannung. Dieser nüchterne, harte, ja brutale Realismus darf nicht vernachlässigt oder gar übersehen werden. Stets lebendig und wirksam, hat er sich mit zunehmender Säkularisierung des Lebens allenthalben, vornehmlich aber in der hemmungslosen Machtpolitik einzelner Staaten, mit einer Gewalt zur Geltung gebracht, daß die agonale Tradition darüber verloren zu gehen drohte und nur noch im geistigen Bereich sich einigermaßen rein erhielt.

Doch auch der agonale Geist selbst hatte von Anfang an bei allem Glanz seine dunklen Seiten. Der Neigung zum Wettstreit war verschwistert die Neigung zu jeglichem Streit, zu Zank und Zwist, eine Eigenschaft der Griechen, die sich im privaten wie im politischen Leben häufig genug verderblich ausgewirkt hat. Schon der Dichter Hesiod kannte zwei Göttinnen des Streites: die Hader und Feindschaft setzende Eris und die den Sterblichen nützliche, weil zu größter Anstrengung anspornende Eris. Sodann die dem Hellenen innewohnende Sucht nach Ruhm, eine der Wurzeln aller Agone! Neid auf die Rivalen war von vornherein ihre Begleiterin, und die Wettkämpfe aller Art haben nicht wenig dazu beigetragen, daß dieser Wesenszug der Griechen sich ungehemmt entfalten konnte. Auch die Gefahr bloßen Virtuosentums, die im Agon mitangelegt war, hat sich, wie wir sahen, nicht bannen lassen. Und dennoch: Selbst wenn man diese negativen Momente gebührend betont, bleibt die außerordentliche Bedeutung und positive Wirkung des agonalen Geistes bei den Griechen bestehen. Gewiß finden sich agonale Spiele und Bräuche bei den meisten Völkern der Erde, zumal in ihrer Frühzeit, und zu nicht wenigen der genannten Einzelerscheinungen ließen sich hier oder dort Parallelen aufzeigen, auf die hier nicht eingegangen werden soll. Aber nirgends ist das agonale Moment für das gesamte Dasein so bestimmend und fruchtbar gewesen, so bewußt betätigt und gepflegt worden wie bei den Hellenen. Sie haben, indem sie einen ihnen in besonderem Maße eigenen Trieb gleichsam über sich selbst hinaushoben, ihm schöpferische Kraft und Gestalt liehen, hier wie sonst dem Einmaligen und mannigfach Bedingten Allgemeingültigkeit gegeben. Nicht ohne Grund fühlt man sich dort, wo heute Wettkämpfe ausgetragen werden, in Nachfolge der Griechen. Dieses Erbe sollte freilich auch stets daran erinnern, daß der hellenische Agon nicht bloß Unterhaltung, Konkurrenz und Tummelplatz der Eitelkeit war, sondern in der Zeit seiner Blüte mit religiös verankerten Normen die brutalen Kräfte bändigte und den Menschen zum Ringen um die Verwirklichung hoher Ideale erzog.


Zusammenstellung unf Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


HS Gizewski WS 1998/99