Lesetexte zur Historik-Konzeption bei J. G. Droysen.

 

Abb. entnommen aus: Wolfgang Ribbe, Michael Erbe (Hg.), Berlinische Lebensbilder. Geisteswissenschaftler (4), Berlin 1989, S. 128 (in: Hans Joachim Gehrke, Johann Gustav Droysen, S. 127 - 142).

Johann Gustav Droysen (1808 - 1884).

Zu Biographie und wissenschaftlichem Profil:

Peter Leyh, Vorwirt zu: Johann Gustav Droysen, Historik. Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857). Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedruckten Fassung., hg. von P. Leyh, Textausgabe, Stuttgart 1977, S. IX - XXX.

Arnaldo Momigliano, Wege in die Alte Welt, übersetzt von Horst Günther, Berlin 1991, S. 177 ff.

Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 128 ff.

Hans Joachim Gehrke, Johann Gustav Droysen, in: Wolfgang Ribbe, Michael Erbe (Hg.), Berlinische Lebensbilder. Geisteswissenschaftler (4), Berlin 1989, S. 127 - 142. 

Die Texte zu I - das Inhaltsverzeichnis aus der 'Historik' (1882) und eine Passage 'über den Kosmos dr sittlichen Welt' aus dem Text, verdeutlichen einerseits Aufbau und kategorialen Apparat der Droysensche Historik-Konzeption und machen andrerseits ihre geschichtsphilosophische und auch -theologische Verankerung, die von Hegel geprägt ist, besonders deutlich.

Text II: Wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung für die Historikerbildung und das Gesamtthema des Hauptseminars wird hier in einer PDF-Datei ein gut dreißigseitiger Kernbereich des Textes der 'Historik' Droysens (Fassung 1882) - ohne Inhaltsverzeichnis (s. u. II.), Vorworte und zwei an sich wichtigen Beilagen ('Die Erhebung der Geschichte zum Range einer Wissenschaft' und 'Natur und Geschiche' Anlagen) wiedergegeben. Aus dem Gesamttext lassen sich prägnant formulierte geschichtsphilosophische Bezüge und die zu Droysens Zeit feststehenden Kriterien, Methoden und Arbeitsformen einer spezifisch wissenschaftlich definierten Disziplin 'Allgemeingeschichte' detailliert entnehmen.

Text III läßt die enge Beziehung zwischen dem althistorischen Interesse Droysens an der 'Epoche des Hellenismus' und seinen Einstellungen zur damaligen kulturelln und politischen Gegenwart erkennen.

 

I. Besonders hervorgehobene Auszüge aus Droysens 'Historik': Inhaltsverzeichnis der letzten Druckfassung (1882) der 'Historik' Drosens und einige Paragraphen aus dem dortigen Abschnitt 'Systematik'. Aus: Johann Gustav Droysen, Historik. Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857), Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedruckten Fassung.Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart 1977, S. IX und 435 f.

 

A. INHALTSVEREICHNIS DES GRUNDRISSES DER HISTORIK (letzte Druckfassung 1882).

Vorwort.

Einführung.

Einleitung.

Die Methodik.

I. Die Heuristik.

II. Die Kritik.

III. Die Interpretation.

Die Systematik.

I. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Stoffen.

II. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Formen.

III. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Arbeitern.

IV. Die geschichtliche Arbeit nach ihren Zwecken.

Die Topik.

Beilagen.

1. Erhebung der Geschichte zum Rang einer Wissenschaft.

2. Natur und Geschichte.

3. Kunst und Methode. 

B. AUS DEM ABSCHNITT 'SYSTEMATIK'.

§ 45 Das Gebiet der historischen Methode ist der Kosmos der sittlichen Welt.

Die sittliche Welt ist je in ihrer rastlos bewegten Gegenwart ein endloses Durcheinander von Geschäften, Zuständen, Interessen, Konflikten,Leidenschaften usw. Sie kann nach vielerlei Gesichtspunkten, technischen, rechtlichen, religiösen, politischen usw., betrachtet und wissenschaftlich behandelt werden.

Was in ihr täglich geschieht, wird von keinem Verständigen als Geschichte getan oder gewollt. Erst eine gewisse Art, das Geschehene nachmals zu betrachten, "macht aus Geschäften Geschichte".

Die sittliche Welt nach ihrem Werden und Wachsen, nach dem Nacheinander ihrer Bewegung auffassen, heißt sie geschichtlich auffassen (§ 15).

§ 46 Das Geheimnis aller Bewegung ist ihr Zweck (to hothen he kinesis). Indem die geschichtliche Auffassung in der Bewegung der sittlichen Welt deren Fortschreiten beobachtet, deren Richtung erkennt, Zweck auf Zweck sich erfüllen und enthüllen sieht, schließt sie (§ 12) auf einen Zweck der Zwecke, in dem sich die Bewegung vollendet, in dem das, was diese Menschenwelt bewegt, umtreibt, rastlos weitereilen macht, Ruhe, Vollendung, ewige Gegenwart ist.

§ 47 Der Mensch nach seiner "Gottähnlichkeit" hat für seine Spanne Leben im Endlichen unendliches Subjekt, Totalität in sich, sich selber Maß und Zweck zu sein; aber nicht, wie die Gottheit, auch Ursprung seiner selbst, hat er zu werden, was er sein soll.

Erst in den sittlichen Gemeinsamkeiten wird der Mensch; die sittlichen Mächte formen ihn (§ 12). Sie leben in ihm und er lebt in ihnen.

In die schon gewordene sittliche Welt - das erste Kind schon hatte Vater und Mutter - hineingeboren, um bewußt, frei, verantwortlich zu sein, schafft sich der Mensch, jeder an seinem Teil (§ 42), in und aus den sittlichen Gemeinsamkeiten seine kleine Welt, die Bienenzelle seines Ich.

Jede bedingt und getragen durch die ihr nachbarlichen, sie bedingend und tragend; alle zusammen ein rastlos wachsender Bau, getragen und bedingt durch das Sein der kleinen und kleinsten Teile.

§ 48 In ihren Individuen bauend und formend, im Arbeiten werdend, schafft die Menschheit den Kosmos der sittlichen Welt.

Ihr Werk würde wie ein Gebirge von Infusorienschalen sein ohne das rastlose Wachsen und Werden ihrer sittlichen Gemeinsamkeiten, ohne Geschichte.

Ihre Arbeit würde wie Dünensand unfruchtbar und ein Spiel der Winde sein ohne das Bewußtsein der Kontinuität, ohne Geschichte.

Ihre Kontinuität würde eine nur sich wiederholende Kreisbewegung sein ohne die Gewißheit der Zwecke und des höchsten Zweckes, ohne die Theodizee der Geschichte.

§ 49 Die sittliche Welt ist geschichtlich zu betrachten:

1. nach dem Stoff, an dem sie formt;

II. nach den Formen, in welchen sie sich gestaltet;

III. nach den Arbeitern, durch welche sie sich auferbaut;

IV. nach den Zwecken, die sich in ihrer Bewegung vollziehen.

 

II. Teilabdruck der letzten Druckfassung der Droysenschen 'Historik' (1882).Aus: Johann Gustav Droysen, Historik. Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857), Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedruckten Fassung.Textausgabe von Peter Leyh, Stuttgart 1977, S. 417 - 450.

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III. Zusammenfassende Charakterisierung der späteren hellenistischen Zeit. Aus dem Schlußkapitel des 3. Bandes der 'Geschichte des Hellenismus' von J. G. Droysen. (1877/78 2 ), hg. von Erich Bayer, München 1980, S. 416 - 418.

... Wir sahen im Früheren, wie dieselbe Tendenz individueller, persönlichster Entwicklung, die in sich aufzunehmen der unendliche Vorzug der Hellenen gegen die Barbaren war, die hellenische Politie von innen heraus zu zerstören begann. Eine fünfzigjährige Revolution hat die Welt durchzogen; wie durchrissen und verwandelt sind nun alle staatlichen Verhältnisse. Wohin irgend die griechische Eroberung gedrungen, und drüber hinaus, ist das Alte in jäher Zertrümmerung oder nach langsamer Verwitterung gestürzt; aus den Fragmenten, oft in wüster Eile, sind dürftig gegründete, unfest gefugte Neubauten aufgetürmt, zum Teil schon wieder halb in Trümmern, oder, ehe fertig, zerfallend, nirgends mehr aus dem ureigenen Wesen der Völker gestaltet, und wo es doch durchzudringen scheint, ist es sich selbst nicht mehr ähnlich. Wir sahen, welche seltsamen neuen Gestaltungen Griechenland so versuchte; so wenig sie dem entsprachen, was man erstrebte, so bestimmt zeigten sie den verwandelten Geist der Zeit, aus dem sie hervorgingen. Am stärksten und bewußtesten freilich war dort der Ausdruck einer neuen Zeit, aber von andern anders gedeutet und ausgesprochen, schien sie in wachsendem Zerwürfnis auch den Rest gesunder Ursprünglichkeit, der sich in den trägeren Schichten der Gesellschaft noch gerettet hatte, hinwegzuzehren. Nur in monarchischen Massenbildungen mochte man hoffen, die Möglichkeit kräftiger staatlicher Gestaltung zu finden; und je tiefer unter der geistigen Überlegenheit der neuen Herrschaft die bewältigten Völker standen, desto dreister und scheinbar sicherer gründete sich unumschränkte Regierungsgewalt und freies Schalten mit den materiellen Kräften der Untertänigen. Aber auch nur scheinbar; eben unter solchen Einflüssen entwickelten sich unerwartet an entlegenen Punkten oder in staatlich unbeteiligten Beziehungen Reaktionen, die auch jene Massenbildungen bald anzubröckeln oder von innen heraus zu zersetzen begannen.

Es wird eine tiefere Bedeutung haben, wenn sich in dem Formellen dieses Verlaufes gewisse Analogien mit dem zeigen, was in dem Bereich der christlichen Welt spät, aber dann in raschem Fortschreiten und endlich in unserem Jahrhundert in voller Schärfe hervortritt. Auch die Gegenwart ist aus dem festen Bestande ursprünglicher, naturgemäßer Verhältnisse völlig hinweggedrängt, von den umsonst angepriesenen "historischen Grundlagen" provoziert sie auf das Vernunftrecht als das edelste und lebenskräftigste Resultat historischer Entwicklung; über den verworrenen oder gewaltsam gehaltenen Wirklichkeiten breitet sich ein weites Netz von Theorien und Idealen, die doch nirgend die Kraft haben, sich in dauern-der, alldurchdringender Gestaltung zu verwirklichen oder das Tiefe und Tiefere drunten zu fassen und emporzuheben; - im religiösen Leben vorherrschend dieselbe Kühle oder Äußerlichkeit, dasselbe Überwiegen der Lehre und im besten Fall des äußeren Dienstes, nur daß den Inbegriff tiefster sittlicher und intellektueller Interessen in positivem Ausdruck eben doch unser Glaube umfaßt, und wir uns, solange jene Interessen nicht aufhören, das geistige Leben zu bewegen, nach aller Entfremdung und Verirrung doch immer wieder zu demselben zurückgewiesen sehen, ja, wenn nur im Irren und Suchen redlich, für ihn selbst neue und neue Bereiche finden und erwerben; - in der Philosophie, nachdem sie in ähnlicher Weise den nur historischen Glauben, die nur empirische Wirklichkeit mit großartigster Energie überwältigt hat, dieselbe Forderung der bewußten subjektiven Beteiligung, und nun endlich dieselbe Wendung zu einer ethischen Gestaltung, in der allein jener Dualismus, an dem sie sich selber krank fühlt, überwunden werde, nur daß eben die Religion selbst, in der sie ihre Lebenswurzeln hat, diese Versöhnung in unmittelbarster Gewißheit hat und weiß; - im Staatlichen dieselbe wirre, beängstigende Unruhe, die Kontinuität aller nationalen Rechtsbildungen ebenso völlig durchrissen, die klaren kristallinischen Formen eines autonomen Werdens ebenso zertrümmert und verwitternd, statt deren ebenso Gestaltungen zufälliger Siegesgewalt, willkürlich wohlmeinender Verständigungen, Bevormundung da, wo das Gefühl der Mündigkeit sich laut und lauter ausspricht, theoretische, doktrinäre Versuche, unfähig, die vorhandenen Ansprüche und Bedürfnisse zu befriedigen, gegen so irrationale Staaten- und Rechtsbildungcn dann Auflehnung konfessioneller, ständischer, nationaler Oppositionen, - Erscheinungen, die denen der hellenistischen Zeit mannigfach ähneln, nur daß es in unserer Zeit die sozusagen privatrechtlichen, aus dem überwiegend sozialen Leben des Mittelalters überdauernden Trümmer ständischer, korporativer, territorialer Verhältnisse sind, gegen welche sich die rationellen Tendenzen der neuen Zeit zur Verwirklichung der reinen Staatsidee, zur definitiven Feststellung des Verhältnisses zwischen Volk, Staat und Kirche drängend erheben, während eben der Staat in seiner unmittelbarsten Ursprünglichkeit, der patriarchalische, die Theokratie, die in sich ungegliederte Politie, dem Hellenismus vorauslagen, und ihre Trummer sein Erbe sind.

Eben das ist sein Wesen. Mit ihm zum ersten Mal erfüllen und durchdringen die Welt gemachte Zustände, Formen, die Verstandeswillkür schuf, Tendenzen, mehr von dem, was gesucht wird, als von dem, was gegeben ist, bestimmt. Es ist eine Zeit der Absichtlichkeit, des Bewußtseins, der Wissenschaft, des verschwundenen Jugendhauches der Poesie, des zerstörten historischen Rechtes. Das ist die ungeheure Revolution, die seit Alexander und Aristoteles der griechische Geist über die Welt verbreitet hat. Die Zeit des Naturstaates ist dem Prinzip nach überwunden, wie in der Geschichte des Erdkörpers ähnliches geschehen; die erste granitene Schale der Menschheit in ihren starr gewaltigen Formen ist zersetzt und zerbröckelt, es beginnt sich ein Boden zu weiterer, reicherer Lebensentwicklung zu bilden. Eine völlig neue Weise des Daseins, man könnte sagen, ein neuer Aggregatzustand der Menschheit ist errungen; es gilt, demselben einen dauernden Ausdruck, eine sichernde Gestalt zu erringen, ihn tief und tiefer alle Lebenskreise durchdringen zu machen. ...


Zusammenstellung und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


HS Gizewski WS 1998/99