Sachlich sind generell die in diesem Rahmen eines Diskussionsforums für Lehrzwecke wiedergegebenen Arbeiten - im Hinblick auf manche in ihnen von den Autoren und auch vom Hg. belassenen Mängel und Unrichtigkeiten - nur bedingt publikationsfähig. Sie eignen sich nur bedingt zum geschichtswissenschaftlichen Zitieren , es sei denn, sie sind hier ausdrücklich als überarbeitet deklariert. D. Hg.


 

Michael Pietsch zu Michael I. Rostovtzeff.

Kurzreferat zu Roszovtzeffs 'Gesellschaft und Wirtschaft im römischen Kaiserreich'.

1. Biographie.

Rostovtzeff wurde 1870 als Sohn eines Gymnasialdirektors in der südlichenUkraine geboren. Er gehörte damit dem gehobenen Bürgertum in Russland an. Das russische Bürgertum war die Schicht des zaristischen Russland, die sich stark an den Sitten und Gebräuchen Westeuropas orientierte. Sein Vater war ein zumindest in Rußland anerkannter Altphiloge, der bereits früh im Sohn das Interesse für die Alte Geschichte weckte. Die Prägung durch das Elternhaus, die Orientierung am westlichen Ausland und der kulturelle Austausch im Vielvölkerstaat des Zarenreiches bestimmten den Werdegang Rostovtzeffs. Privilegiert durch seine Herkunft und seinen Stand schlug Rostovtzeff die akademische Laufbahn ein. Bereits mit 20 Jahren schloß er sein Studium erfolgreich ab und bereiste die Grabungsstätten antiker Städte in Westeuropa, wobei Pompeii ihn besonders beeindruckte und einen Keim der unten eingehender zu besprechenden "Sozial- und Wirtschaftsgeschichte" legte.

1903 wurde Rostovtzeff zum Professor an die Universität von Petersburg berufen. Er erforschte die Römische Reichsverwaltung während der Kaiserzeit und die archäologischen Grabungsstätten im südlichen Rußland. Besonders interessierte ihn hierbei der kulturelle Austausch zwischen der griechisch-römischen Welt und den alten Völkern auf dem Gebiet des Zarenreiches. Dabei versuchte er immer, historische Probleme mit aktuellen politischen Ereignissen zu verknüpfen, ja geradezu Parallelen herauszuarbeiten. So verglich er das Kolonat des Römischen Kaiserreichs mit den Reformen nach der Februarrevolution 1906, andere Versuche dieser Art begleiteten seine Publikationen auch später. [1] Bereits vor dem ersten Weltkrieg war Rostovtzeff international bekannt, er pflegte Kontakte im gesamten westlichen Ausland.

2. Exilerfahrungen.

Diese Kontakte waren neben seinem Stand der Grund, warum nach der Oktoberrevolution für ihn kein Arrangement mit den Kommunisten möglich war. [2] Er wählte 1918 das Exil, das ihn nach Oxford und später nach Yale an der amerikanischen Ostküste trieb. Sein Ruf als Forscher und als "advocat of [...] international coorperation" [3] öffneten ihm die Türen. Nach anfänglichen Problemen und Versuchen an der exilrussischen Politik Anteil zu nehmen, wurde er aber in die internationale Altertumsforschung voll eingebunden. Ausgehend von seinen Untersuchungen zur Verwaltung des Römischen Kaiserreichs und den Arbeiten zur Alltagskultur römisch-griechischer Städte an der Schwarzmeerküste veröffentlichte er Anfang der 20er Jahre erste Arbeiten zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Altertums, denen dann 1925 sein in englischer Sprache herausgegebenes Werk "Social and Economic History of the Roman Empire" (Deutsch: "Gesellschaft und Wirtschaft im Römischen Kaiserreich", von 1931) folgte. Bis 1941 veröffentlichte Rostovtzeff. Seine Werke sind in zwei Bibliografien zusammen gefaßt (siehe Literaturverzeichnis).

3. Hauptwerk: Gesellschaft und Wirtschaft im römischen Kaiserreich, 2 Bände, Leipzig 1931.

Das untersuchte Buch stellt die überarbeitete deutsche Fassung des 1925 erschienenen englischen Originals dar. Die Überarbeitung von Lothar Wickert wurde von Rostovtzeff ausdrücklich autorisiert. Auch einzelne Forschungsdebatten seit 1925 wurden im Anmerkungsapparat aufgenommen. Das Buch teilt sich in seiner deutschen Ausgabe in zwei Bände, die bereits eine Zweiteilung seines Werkes unterstreicht. Auffallend ist zum einen die Illustration des Buches und der ausgedehnte Anhang, der im Widerspruch zum sehr sparsamen Fußnotenapparat des Textes steht. So ist die Darstellung sehr flüssig geschrieben, der eigentliche Beleg findet nur im Anhang statt. Dies hebt zwei Adressatengruppen hervor: Rostovtzeff versteht sich als Lehrer und als Forscher und bedient mit dieser Unterteilung des Werkes beide Gruppen gleichrangig. Wie bereits oben angedeutet, sieht Rostovtzeff deutliche Parallelen zwischen der modernen und der antiken Gesellschaft. Er sieht den Unterschied nicht als qualitativen sondern eher als quantitativen an. [4] Er unterstreicht dies, indem er sich bewußt moderner Ausdrücke wie "Bürgertum", "Klasse?"und "Proletariat" bedient. [5] Entsprechend seiner Beschäftigung mit der Alltagskultur des griechisch-römischen Kulturraums und laut Christ neuartig für die Historik nimmt die Auswertung des gesamten Archäologischen Niederschlages breiten Raum ein: "Niemals zuvor waren Bauten, Plastiken, Vasen, Geschirr jeder Form und Qualität, Wirtschaftsgüter aller Art, Gerät, Münzfunde Wirtschaftsweise, Eigentumsformen und Arbeitorganisation, kurz der gesamten Niederschlag einer Kultur und alles Zeugnisse ihres Wirtschaftslebens in einer ähnlich weiträumigen und zugleich differenzierenden Weise erfaßt und ausgeschöpft worden". [6] Neben der Zweiteilung des Werkes gibt die Gliederung weitere Anhaltspunkte über die Sichtweise des Autors. Breiten Raum nimmt die späte Römische Republik ein, deren Krise er analysiert, wobei er positiv die Reformen des Augustus und seiner Nachfolger beschreibt. Im zweiten Band nimmt die Entstehung der Militäranarchie breiten Raum ein. Die Beschreibung der Zeit der Soldatenkaiser und der Untergang des städtischen Bürgertums unter der Macht der Armee nimmt einen breiten Raum ein. Dies ist ein direkter Bezug zu seinen eigenen Erfahrungen der Russischen Zeitgeschichte und dem Untergang seines Standes in Rußland. Seiner Ansicht nach ist Zivilisation ein Produkt einer abgegrenzten Oberschicht, die sich ständig gegen die Barbarei der Unterschichten verteidigen muß und in beiden verglichenen Gesellschaften der Armee aus Unterschichtsoldaten unterlag. [7] Besonders auffällig wird dies wenn Rostovtzeff die Spätantike als "orientalische Zwingherschaft" und Zeitalter des Verfalls beschreibt. Aus heutiger Sicht scheint diese Sicht überholt und verbaut die Sicht auf die spezifische Leistung dieses Zeitalters mit seinem mutigen Bekenntnis zu einer sophistischen Sicht- und Lebensweise die sich im Übergang des römischen Kaisertums zum christlichen Kaisertum vollzog, den verwaltungstechnischen Neuerungen, die in die Nachfolgereiche des Mittelalter aufgingen. [8]

ANMERKUNGEN:

[1] DBS, S. 357
[2] Welles, S. 143
[3] Welles, S. 142
[4] DBS, a.a.O.
[5] ebd.
[6] Christ, S. 343
[7] DBS, a.a.O.
[8] Brown, S. 20 f.

4. Literaturangaben.

Brown, Peter: Die letzten Heiden, 1995 (Engl. Ausgabe von 1978).
Christ, Karl: Von Gibbon bis Rostovtzeff, Darmstadt 1972.
DBS / JJP: Rostovtzeff, Michael Ivanowitsch, in: Cannon, John / Davis,R.H.C. / Doyle, William / Greene, Jack P: The Blackwell Dictionary of Historians, Oxford 1988, S. 356-358.
Gilliam, J.F.: Addenda to the Bibliography of M. I. Rostovtzeff, Historia 36 (87), S. 1-8.
Welles, C. Bradford: M. I. Rostovtzeff [Nachruf], in: Gnomon 25 (53), S. 142-144.
Welles, C. Bradford: Bibliography [? ] M. Rostovtzeff, Historia 5 (56), S. 358-81.
Wes, Marinus A.: Michael Rostovtzeff. Historian in Exile. Russian Roots in an American Context, Stuttgart 1990 [Historia Einzelschriften, H. 65].


HS Gizewski WS 1998/99