Lesetetexte zur Historik-Konzeption bei Rigobert Günther.

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 Rigobert Günther (geb. 1928).

Zu Biographie und wissenschaftlichem Profil:

Matthias Willing, Althistorische Forschung in der DDR. Eine wissenschaftsgeschichtliche Studie zur Entwicklung der Disziplin Alte Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Gegenwart (1945 - 1989), Berlin 1991.

Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 300 ff., 306 ff.

Gottfried Härtel, Rigobert Günther 60 Jahre, ZfG 36, 1988, 5, S. 438-439.

Siehe auch - unter Beachtung der Zitiervorbehalte - R. Lange zu R. Günther im FORUM dieses Skripts.

Text I gibt eine frühe Veröffentlichung des Autors wieder, die deutlich seine hochschulpolitische Funktion markiert, aber auch - bei genauerer Wahrnehmung - einige Vorbehalte und Bruchstellen gegenüber wissenschaftshinderlichen Formen parteilicher Ideologie erkennen läßt.

Der in vollem umfang wiedergegebene Text II markiert ein religionsgeschichtliches Interesse, das eine Interpretation religiöser Formen der Antike, besonders des Christentums, als Formen eines inversiv-kollektiven Bewußtseins unterdrückter Bevölkerungsklassen versucht und insoweit jedenfalls auch den religionskritischen Prämissen eines DDR-amtlichen Marxismus entspricht.

Text III macht in charakteristischer Weise deutlich, wie gewissen Vorgaben der amtlichen Ideologie ("der Leninsche Klassenbegriff") prinzipiell oder formal als Leitbegriffe althistorischer Tätigkeit respektiert bleiben, jedoch im Rahmen eines begrifflichen Spielraums wissenschaftsinternen Erfordernissen angepaßt werden (z. B. bei der Annahme von drei Klassen in der frühen und von sechs Klassen in der späteren römisch-republikanischen Geschichte).

Die Textauszüge zu IV machen in Aufbau, Wortwahl und Argumentationsgang markant die Behauptung des Eigenwerts einer marxistisch-wissenschaftlichen Altertumsgeschichte gegenüber einer 'bürgerlichen' und die Abstimmung einer Lehrbuchterminologie mit den amtlich-ideologisch für die Hochschullehre vorgegebenen Zielsetzungen deutlich.

I. Auszug aus: R. Günther, Der Beschluß des ZK der SED 'Die Verbesserung der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft der DDR' und das Studium der Alten Geschichte, ZfG 3, 1955, Heft 6, S. 904 - 907.

... Obwohl eine mit fortschrittlichen Methoden arbeitende Altgeschichtswissenschaft erst im Werden begriffen ist, kann doch schon von gewissen Erfolgen in der bisherigen Arbeit gesprochen werden. An verschiedenen Universitäten unserer Republik sind junge Kräfte bemüht, die Erfahrungen der sowjetischen Altertumswissenschaft sowie der Volksdemokratien in ihren Diplomarbeiten, Dissertationen, Forschungsaufträgen als auch in der Ausarbeitung von Vorlesungen und Seminaren mit Erfolg anzuwenden. Einige stehen in brieflicher Verbindung mit Wissenschaftlern der Sowjetunion und der Volksdemokratien sowie mit Wissenschaftlern Westdeutschlands und des kapitalistischen Auslands. Dies ist um so fruchtbringender, als es in unserer Republik gegenwärtig keinen amtierenden Lehrstuhlinhaber für die alte Geschichte gibt und die Gefahr besteht, daß die jungen Nachwuchskräfte sich in falsche Theorien verrennen und sich allein von ihnen nur schwer wieder lösen können. In den althistorischen Abteilungen der Universitäten Halle/Saale und Leipzig existieren bereits größere Sammlungen von übersetzten Arbeiten sowjetischer Forscher und der Gelehrten der Volksdemokratien. Es beginnen die Auseinandersetzungen um bestimmte althistorische Probleme. In ihren ersten Publikationen bemühen sich unsere Althistoriker, die Geschichte der Produzenten der materiellen Güter, die Entwicklung der Produktionsinstrumente und der Produktionsverhältnisse in der alten Welt in den Vordergrund zu stellen. Die Hinweise der Klassiker des Marxismus-Leninismus zur alten Geschichte wurden in Berlin in langer mühevoller Kleinarbeit zusammengestellt und kommentiert und werden voraussichtlich im kommenden Jahr veröffentlicht. Wichtige Arbeiten sowjetischer Althistoriker und Archäologen wurden übersetzt und veröffentlicht. Es wird mit Vorarbeiten zu einer politischen Ökonomie der Sklavenhaltergesellschaft begonnen. Unter Führung der Partei der Arbeiterklasse entwickelt sich eine Kraft, die allen Verfälschungen und Entstellungen auch in der Geschichte des Altertums den Kampf ansagt.

Natürlich gibt es noch erhebliche Mängel. Ein großer Mangel besteht z.B. in der Unterschätzung der philologischen Quellenkritik und der archäologischen Quellen. Verschiedentlich wird die Wirtschaftsgeschichte der alten Welt vulgarisiert dargestellt. Vielfach noch wird in Arbeiten dogmatisch von isoliert stehenden einzelnen Hinweisen der Klassiker des Marxismus-Leninismus ausgegangen. Damit wird das eigene wissenschaftliche Denken zur Bequemlichkeit erzogen und die Geschichte in starkem Maße simplifiziert. Die Althistoriker mussen sich angewöhnen, in ihren Arbeiten von den archäologischen, philologischen, kultischen etc. Quellen auszugehen, diese Quellen mittels der historisch-materialistischen Methode zu interpretieren und wichtige Hinweise unserer Klassiker des Marxismus-Leninismus, wenn es sich als notwendig erweist, zur Bestätigung der eigenen Ansichten anzuführen. Marx und Engels haben ihre Ergebnisse zu althisrorischen Problemen in mühseligen, langen quellenkritischen Studien erarbeitet. Um zu gleichen Ergebnissen zu kommen, müssen wir die gleiche Methode anwenden. Mehr und mehr müssen unsere Althistoriker beweisen, daß sie Anhänger des schöpferischen Marxismus sind. Außerdem ist die Auseinandersetzung mit den Ansichten bürgerlicher Althistoriker Westdeutschlands und des kapitalistischen Auslandes noch völlig ungenügend. Besuche westdeutscher Althistoriker in unserer Republik werden kaum dazu benutzt, zu einem wissenschaftlichen Meinungsstreit zu gelangen. Es kommt vor, daß westdeutsche Professoren, die zu Gastvorträgen in unsere Republik kommen, förmlich angebetet werden, da in der Deutschen Demokratischen Republik angeblich seit zehn Jahren in der alten Geschichte kein Leben mehr vorhanden ist. Um die Arbeit auf dem Gebiet der Geschichte des Altertums zu verbessern, müssen die Althistoriker noch in bedeutend stärkerem Maße als bisher für die Hebung des theoretischen Niveaus ihres Fachgebietes Sorge tragen, indem sie sich mit den Grundproblemen des historischen Materialismus auseinandersetzen. Solche Fragen, wie der Übergang von der patriarchalischen zur antiken Sklaverei, der Ubergang von der zeitweiligen Übereinstimmung der Produktivkräfte mit den Produktionsverhältnissen in der Sklavenhaltergesellschaft in das Stadium des offen zutage tretenden Widerspruchs zwischen den Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, der Klassenkampf in seinen unterschiedlichsten Formen in den verschiedenen Etappen der alten Geschichte, die Entstehung einer neuen Produktionsweise im Schoße der alten Gesellschaft im Verlaufe der Spätantike, die Rolle der Volksmassen im Altertum müssen in das Zentrum der Forschungsarbeit gestellt werden. Darüber hinaus ist es wichtig, die Geschichte der Ideen des Altertums im richtigen Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Basis zu untersuchen.

Um den Rückstand in der althistorischen Arbeit aufzuholen, ist es notwendig, ein Zentrum für die Lehre und Forschung an einer Universität der Deutschen Demokratischen Republik zu gründen, das als organisatorische Grundlage die Arbeit auf dem Gebiet der alten Geschichte koordiniert und anleitet, an dem Althistoriker nach einem besonderen Spezialisierungsplan im Rahmen der allgemeinen Geschichte ausgebildet werden. Auf die Dauer wird es natürlich nicht möglich sein, ohne die Anleitung erfahrener Forscher und Lehrer auszukommen. Für eine gewisse Zeit aber wird ein gut zusammenarbeitendes Kollektiv qualifizierter jüngerer Kräfte diesen Mangel wenigstens in begrenztem Umfange ausgleichen können. Diese Schwerpunktbildung ist weiterhin notwendig, um den Spezialisierungsplan für Altbistoriker zu verwirklichen und die Forschungsaufgaben zu lösen. Deshalb muß diese Abteilung die gesamten Gebiete der althistorischen Arbeit, wie alter Orient, Griechenland, Rom und Hilfs- bzw. Quellenwissenschaften in sich vereinigen. Hier kann dann dem Nachwuchs die Förderung zuteil werden, die er so dringend nötig hat. Es wäre am günstigsten, dieses Zentrum der alten Geschichte an der Karl-Marx-Universität Leipzig zu gründen, da es z.Z. dort die besten Voraussetzungen dafür gibt.

Von der althistorischen Forschung müssen verschiedene langfristige Aufgaben in Angriff genommen werden, wie z.B. Sammlung und Auswertung des gesamten zur Verfügung stehenden altertumswissenschaftlichen Quellenmatenals über die Sklaverei, eine Aufgabe, die nur durch eine weitreichende Kollektivarbeit zu lösen ist, Ausarbeitung der Grundlagen einer politischen Ökonomie der Sklavenhaltergesellschaft zusammen mit den Wirtschaftswissenschaftlern, Erforschung der Geschichte des römischen Germanien unter besonderer Berücksichtigung der wirtschaftlichen und kulturellen Beeinflussung der Germanen durch die Römer, Erforschung der Klassenkämpfe im Altertum, eine marxistische Analyse der Geschichtsschreibung des Altertums, die kritische Auseinandersetzung mit der althistorischen Forschung vom Humanismus bis zur Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Historiographie, ihrer Tendenzen und der ihr zugrunde liegenden Ideologien.

Natürlich kann man bei der Lösung dieser gewaltigen Aufgaben nur schrittweise vorwärtsgehen.

Es ist kein Zufall, daß in Westdeutschland die rassistischen, modernisierenden und die dem Persönlichkeitskult huldigenden Schriften aus der Zeit des Faschismus heute neu aufgelegt
werden. Der westdeutsche Imperialismus benutzt auch die Geschichte des Altertums für seine wissenschafts- und volksfeindliche Politik. Auch an Hand der Geschichte des Altertums sucht er vergeblich zu beweisen, daß der Kapitalismus das höchste erreichbare Stadium in der Entwicklung der Gesellschaft sei; Leugnung der gesetzmäßigen Entwicklung der Gesellschaft, Zurückdatierung des Kapitalismus in die graue Vorzeit, Konstruieren einer scheinbaren Ausweglosigkeit aus dem Kapitalismus, Verächtlichmachung aller Freiheitsbewegungen in der antiken Welt, das ist im wesentlichen das Bild des Imperialismus in der modernen althistorischen Geschichtsschreibung in Westdeutschland und in Westeuropa. Das Bild wäre unvollständig, wenn man daneben nicht die Bemühungen patriotischer westdeutscher Althistoriker hervorheben würde, das Bild der Antike unverfälscht der Nachwelt zu erhalten.

Unsere Althistoriker haben somit wichtige und verantwortungsvolle Aufgaben zu lösen. Sie werden sie nur lösen können, wenn sie in ihren Arbeiten jene Arbeitsmethode anwenden, die unsere Klassiker des Marxismus-Leninismus erarbeitet haben, die dialektische Methode verbunden mit der materialistischen Weltanschauung in ihrer Anwendung auf die Erforschung der menschlichen Gesellschaft, den historischen Materialismus.

 

II. Rigobert Günther, Die sozialutopische Komponente im frühen Christentum bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts., Sitzungsberichte der Sächischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-historische Klasse, Band 127, Heft 7, Akademie-Verlag Berlin, 1987, S. 3 - 19.

[Die griechisch geschriebenen Zitate des Vorlagetextes wurden in vereinfachte deutsche Transskripption gebracht., und auch geringfügige Modifikationen der Schreibweise erschienen sinnvoll; Die Umschrift slwischer oder einige Sonderzeichen anderer europäischer Sschriftem könen hier nicht angemessenwiedergegeben werden; d. Hg.].

Utopisches Denken ist keine Errungenschaft der Neuzeit. Es hat eine Vorgeschichte, die weit in die frühen Perioden der Menschheitsgesehichte zuückreicht, wenn auch der Begriff selbst - Utopia - erst im Jahr 1516 von Thomas Morus mit dem Erscheinen seiner Schrift über den besten Zustand des Staates und über die Insel Utopia geprägt und verbreitet wurde. (1)

Antike Vorstellungen über eine soziale Gerechtigkeit und eine vollkommene Gesellschaft kennen wir seit den Epen Homers, vor allem aber Hesiods. Etwa gleichzeitig treffen wir ähnliche Gedanken in der Prophetie der Judäer. Voranzusetzen ist, daß die Utopie von Beginn an mit sozialen Vorstellungen verbunden war: mit Ideen über einer wünschenswerten Zustand des gesellschaftlichen Lebeus, der zur historischen Realität in völligem Gegensatz stand, und dies gedachte Leben wurde entweder weit in die Vergangenheit zurückverlegt oder in eine ferne Zukunft projiziert.

Die soziale Utopie verhält sieh kritisch zu ihrer eigenen Gegenwart, auch wenn sie ihre eigene Gesellschaft weit in die Vergangenheit datiert, wenn das Maß für die Beurteilung der Gegenwart der Urzeit entlehnt wird. Utopisch ist nicht nur eine Phantasie über eine in der Zukuiift zu errichtende Gesellschaft, utopisch ist auch eine Denkweise, die die soziale Norm zur Beurteilung der Gegenwart mit den Mitteln des Mythos in grauer Vorzeit findet. Beides fehlt in der Antike nicht.

Der Begriff Sozialutopie bezeichnet eine Stufe in der Geschichte des gesellschaftlichen Denkens, deren unentwickelter Charakter selbst in der wenig entwickelten Gesellschaft im Rahmen der Klassengesellschaft begründet ist. Utopisches Denken ist daher ursprünglich vor allem mit dem Mythos verbunden. Er war es, der namentlich dem Menschen in den frühesten Perioden seiner Entwicklung als Mittel diente, sich die Welt der Natur und der Gesellschaft denkend anzueignen und zu deuten.

Auf einer bestimmten Stufe in der Entwicklung der sozialen Utopie tritt die Apokalyptik hinzu. Als eine besonders radikale Denkform vollzieht sie gedanklich einen Bruch mit der Gegenwart, sieht sie im Kommen eines neuen Zeitalters, einer neuen Welt, einer neuen Weltordnung, eines Gottesreiches, verwirklicht durch die Ankunft eines göttlichen Gesandten, eines Messias, eines Gottes selbst, die Lösung dcr sozialen Widersprüche des ,,eisernen" Zeitalters, einer unheilvollen Gegenwart. Die real existierende Welt wird vernichtet, das Reich eines herrschenden irdischen Königs geht unter, das kommende Reich wird bildhaft mit den Farben der sozialen Utopie ausgestaltet. Bis es soweit ist, wird entweder die bestehende Weltordnung und das
herrschende Reich ideologisch bekämpft, oder sie wird - wie im Urchristentum - relativiert, sekundär, uninteressant. Auf jedeinFall trägt die Apokalyptik in dcer sozialen Utopie zu ihrer politischen Piofilierntig bei. (2)

Die soziale Utopie wünscht eine radikale Veränderutig bestehender Zustände im Leben der Gesellschaft. Soziale Widerspruche hatten den Wunsch zur sozialen Veränderung hervorgerufen. Das gesellschaftliche Bewußtsein reflektierte diese Widersprüche und suchte Wege zu ihrer Überwindung in der Phantasie, wobei diese Phantasie zugleich objektiv wie subjektiv eine kritische Position zur Gegenwart einnahm, ohne allerdings in jedem Fall als Schilußfolgerung historisch entsprechendes Handeln hervorzurufen. Neben sozialutopischen Hoffnungen und Wünschen der einfachen Menschen gab es auch sozialutopische Vorstellnungen aristokratischer Kreise: diese stehen nicht im Vordergrund dieser Untersuchung.

Ich möchte vor allem auf drei Ausdrucksformen der sozialen Utopie in der Antike hinweisen:

1. auf die Lehre vom Goldenen Zeitalter der Menschheit, das ursprünglich weit in die Vergangenheit zurückverlegt wurde. Seit etwa hellenistischer Zeit wurde diese Lehre ergänzt durch die Erwartung der Wiederkehr des Goldenen Zeitalters, die besonders in italischer Prophetie ihren Ausdruck fand; (3)

2. auf die Vorstellungen vom Sonnengott in Verbindung mit dem Gott der Gerechtigkeit, dem kein Frevel auf Erden verborgen blieb und dcer den sozial Schwachen zur Gerechtigkeit verhalf. Diese Lehre wurzelte in alten vorderorientalischen Mythen. (4)

3. auf die Lehre von einem kommenden Messias, der in mancherlei Gestalt, häufig aber gesehen als Sonnengott oder als der Gesandte des Sonnengottes, den Menschen das Reich des ewigen Friedens und der sozialen Gerechtigkeit in der Wiederkehr des Goldenen Zeitalters oder in der Ankündigung vom Kommen eines neuen Aion, eines Gottesreiches, brachte. (5) Diese Lehre wurzelte in verschiedenen Ideen teils iranischer Herkunft (Mithra), teils judäischer Herkunft (die Propheten), teils kleinasiatischer Herkunft (der [megas basileus] der Hystaspes-Apokalypse), die zum griechischen Helios [dikaiosynes] und zum römischen Lichtgott Apollon in Beziehung standen.

Kaiser Augustus benutzte dann als Repräsentant der herrschenden Klasse im Römischen Reich die zuletzt genannte Vorstellung, um in seiner Regierungszeit auf den Saecularfeiern des Jahres 17 v. u. Z. die Rückkehr des Goldenen Zeitalters zu verkünden, wobei Apollon als sein Schutzgott galt. (6 ) Noch über anderthalb Jahrhunderte später verbreitete der christliche Bischof
Melito von Sardes die Auffassung, der Welt seien seinerzeit zwei Heilande
geschenkt worden, Jesus und Kaiser Augustus. (7)

Vor allem der Sonnengott galt als Hüter des Rechts, als Ursprung der Gesetze, als Beschützer der Waisen und Witwen, der Hilfsbedürftigen und Schwachen. Wahrheit und Gerechtigkeit werden schon in altbabylonischer Mythologie Kinder des Sonnengottes genannt. Antonius, der römische Rivale Octavians, der östliche Prophezeiungen zur ideologischen Rechtfertigung seiner Herrschaft nutzte, indem er an hellenistische Erlöservorstellungen anknüpfte, bezeichnete sich als den "neuen" Dionysos, seine Gattin Kleopatra VII. von Ägypten nannte sich "neue" Isis und beider Sohn nannten sie Helios, wie schon in altorientalischer Zeit der Sonnengott als Sohn der höchsten Gottheiten und Mittler zwischen ihnen und den Menschen galt. (8)

Medea rief in der gleichnamigen Tragödie des Euripides als Rächer des Treuebruchs lasons Zeus, Dike, die Göttin der Gerechtigkeit und Helios, den Sonnengott an (Vers 764 f.). In der jüdischen Religion wurde die Idee von der Sonne der Gerechtigkeit mit der Messiaserwartung verbunden. Bei dem Propheten Malachias 4, 2 ist vom Weltgericht des Messias die Rede, der als Sonne der Gerechtigkeit charakterisiert wurde: "Euch aber, die ihr seinen Namen fürrchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil ist unter ihren Schwingen". Damit einher geht die Schilderung einer kommenden neuen Zeit. (9)

Seit dem 2. Jahrhundert v. u. Z. äußern sich die sozialutopischen Gedanken im griechiscb-hellenistischen und im italischen Raum zunehmend in Gestalt von Prophezeiungen, Apokalypsen, Orakeln und ähnlichen Verkündigungen. Diese Ideen sind politisch nicht neutral, sie sind gegen eine fremde Herrschaft, gegen einen anderen Staat gerichtet, der als Unterdrückung empfunden wird, etwa gegen die makedonisch-ptolemäische Herrschaft in Ägypten oder gegen das römische Imperium im östlichen Mittelmeerraum, auch werden sie zur ideologischen Mobilisierung von Bürgern im Rivalitätskampf um die Herrschaft verwendet.

Im sogenannten ägyptischen Töpferorakel an der Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert v. u. Z., das gegen die ptolemäische Herrschaft auftritt, heißt es, daß nach einer Zeit des Unheils ein vom Sonnengott gesandter gerechter König erscheinen werde, der von der Göttin Isis eingesetzt über Ägypten herrschen und Wohlstand, Frieden und Glück dem Lande zurückgeben wird. (10)

Im Aufstand des Aristonikos von Pergamon von 133 bis 129 v. u. Z. bezeichnet Aristonikos seine Mitaufständischen als Heliopoliten, als Bürger eines (zu schaffenden) Sonnenstaates. (11)

Aus der Zeit der Kriege Mithradates VI. Eupator (111-63 v. u. Z.), des Königs von Pontos in Kleinasien, der den Sonnengott in seinem Namen trug, kennen wir die sogenannte Hystaspes-Apokalypse: Rom werde durch einer großen König vernichtet werden, der vom Himmel gesandt die Schwachen und Rechtlosen befreit. (12)

Im ältesten Buch der jüdischen Sibylle, dem 3. Buch, das in das Ende des 2. Jahrhunderts und in das 1. Jahrhundert v. u. Z. gehört, wird erneut die Erwartung einer baldigen Ankunft eines Messias geäußert. Auch dieser Messias wird vom Sonnengott gesandt. Er befreit die Menschen von der Unterdrückung und bringt ihnen den langersehnten Frieden. Darin werde das Goldene Zeitalter zurückkehren. Herr dieser neuen Weltzeit aber ist der Sonnengolt selbst, der seinen Gesandten als Messias zu den Menschen schickt: "Und dann wird Gott von der Sonne her einen König senden, der auf der ganzen Erde dem bösen Kriege ein Ende bereiten wird." (13)

Nicht zuletzt steht in dieser Reihe auch die 4. Ekloge Vergils, des römischen Dichters, der in diesem Gedicht im Jahre 41 v. u. Z. die Wiederkehr des Goldenen Zeitalters unter der Schirmherrschaft Apollons im Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes verkündet. (14 ) Octavian wie Antoriius zusammen mit Kleopatra VII. nutzten im Kampf um die Alleinherrschaft im Römischen Reich Ideen der sozialen Utopie zur ideologischen Beeinflussung der Bürger, es war auch ein Kampf zwischen dem römischen Apollon und dem "neuen" Dionysos und der "neuen" Isis des Ostens.

Im 2. und 1. Jahrhundert v. u. Z. sind es also vor allem folgende Vorstellungen, die das sozialutopische Denken prägen:

1. Die Erwarttrrrg einer sich dem Ende nähernden Welt, von dem Wechsel des Zeitalters, eines Aion oder eines zu Ende gehenden Saeculum.

2. Die Vorstellung von einem rettenden "großen König", von einem Weltenerlöser, einem [soter tou kosmou], wie Augustus selbst bezeichnet wurde, vom Sonnengott gesandt und beschützt.

3. Die Hoffnung auf den Beginn eines neuen Aion, einer neuen Zeit, die den Menschen den ewigen Frieden bringen wird und Gerechtigkeit. Zuweilen wird diese Idee mit der Wiederkehr des Goldenen Zeitalters, eines Sonnenstaats, verbunden, zuweilen mit der Begründung eines Gottesreiches auf Erden.

4. Der zu erwartende Wandel sollte in naher Zukunft vor sich gehen.

Das früheste Christentum, so komplex es auch zusammengesetzt war und so wenig es eine Einheit bildete, konnte also auf ein umfangreiches und bekanntes Arsenal mythischer Vorstellungen und Überzeugungen zurückgreifen, um sich den Volksmassen verständlich zu machen. Sowohl die "Judenchristeb" wie die "Heidenehristen" und die unterschiedlich entwickelten frühen christlichen Gemeinden in Syrien, Kleinasien, Griechenland und in Rom waren im 1. Jahrhundert mehr oder weniger Apokalyptiker. Gerade in der Tatsache, daß Spuren und Ausläufur der viel älteren sozialutopisehen Ideen, die zum Traditionsgut der Antike gehörten, die verschiedenen christlichen Gemeinden beeinfliißten, liegt mit ein Grund der besonderen Attraktivität der christlichen Religion. (15)

Wenn ich mich im folgenden vor allem mit Zeugnissen beschäftige, die im Neuen Testament und bei den sogenannten Apostolischen Vätern mit der Zeitalterlehre, der Idee der Abfolge der Aionen, verbunden sind, so deshalb, weil sie sowohl auf ältere hebräische und griechische Vorstellungen zurückgreift und gleichzeitig in der sozialen Utopie verwurzelt ist. Die Problematik des Alters der einzelnen neutestamentlichen Schriften, die sich auf etwa hundert Jahre verteilen, und ihre zeitliche Abfolge ist in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung, da das 1. Jahrhundert und die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts insgesamt zur Untersuchung anstehen.

Die Lehre von den Weitzeitaltern steht seit Hesiod im Mittelpunkt griechischer sozialutopischer Gedanken. Dabei wechseln Ausdrücke wie [chronos, kairos gennea, kosmos], doch auch [aion] ist bereits bei Hesiod in der Bedeutung von 'Zeitalter' bezeugt (Theog. 609), ebenso bei Aischylos in den "Schutzflehenden" (V. 582). Bei Euripides in der Tragödie "Die Kinder des Herakles" wird Aion als Sohn des Gottes der Zeit Chronos bezeichnet (V. 900).

Die Vorstellung vom Ende des Aion, von der Erwartung eines neuen zukünftigen Aion, vom Kommen einer besseren Welt, Weltordnung oder Weltzeit ist in den Schriften des frühen Christentums unübersehbar. So sehr auch ältere hebräische Auffassungen diesen Ideen zugrunde liegen, bleibt doch zu konstatieren, daß dieser Traditionsstrom eben auch in der antiken und hellenistischen Sozialutopie seine Quelle besitzt. Schon der Ausdruck [basileia tou theou] für das Gottesreich erinnert daran, daß in hellenistischen Orakeln und Apokalypsen sozialutopischen Inhalts der Messias stets als "König" erscheint. Die Menschen leben in der Endzeit. Im kommenden Zeitalter, im Gottesreich, leben sie im Frieden, in harmonischer Gemeinschaft und in Freiheit. Mit der sozialutopischen Erwartung der Wiederkehr des Goldenen Zeitalters kehrt die Welt zu ihrem Ursprung zurück. Die Geschichte findet ihr Ende und zugleich einen neuen Anfang. Der christlichen Verkündigung liegt die gleiche Idee zugrunde. So wie in der sozialen Utopie im neuen Goldenen Zeitalter das Leben gänzlich anders ist, total unterschieden vom Leben in der historischen Wirklichkeit, so unterscheidet sich auch in der christlichen Lehre das Leben in der zukünftigen Welt, im Gottesreich völlig vom Leben in dieser Welt (Markus 12, 18-27). In beiden Vorstellungsbereichen wird den Menschen eine bessere Zukunft verkündet. (16)

Die zu Ende gehende gegenwärtige Weltzeit, vergleichbar mit dem "eisernen Zeitalter" der sozialen Utopie, muß von den Christen schon zu ihren Lebzeiten überwunden werden, wie auch der Sonnengott sein glückliches Zeitalter bereits in der Gegenwart vermittelt: "Und gleicht euch nicht der gegenwärtigen Welt an . . .," (kai me syschematizesthe to aioni touto) for dert Paulus im Römerbrief 12, 2. Die Ordnung, die Weisheit dieser Welt taugt überhaupt nichts im kommenden Zeitalter. Wo ist der Redekünstler, der diese Welt noch verteidigt? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt ausgelöscht? (ouchi emoranen ho theos ten sophian tou kosmou toutou) fragt Paulus rhetorisch (1. Korinther 1, 20). Es gehe den Christen nicht um das, was diese Welt zusammenhält; es gehe ihnen auch nicht um die Herren dieser Welt, die umkommen werden, wenn die neue Zeit anbricht, in beiden Zusammenhängen verwendet Paulus den Aionbegriff: [sophian de ou tou aionos toutou oude ton archonton tou aionos toutou ton katargoumenon] (1. Korinther 2, 6), sondern vor den Aionen, vor allen Weltzeitaltern, hat Gott schon sein kommendes Reich verkündet: [pro ton aionon] (1. Korinther 2, 7). Diese Lehre aber ist den Herren dieses Aion unbekannt geblieben: [hen oudeis ton archonton tou aionos toutou egnoken] (1. Korinther 2, 8). Was in dieser Welt als oberstes Gebot gilt, ist beidem Gott (des neuen besseren Zeitalters) Dummheit (1. Korinther 3, 19). Korinther3,19).Für die Menschen dieses Zeitalters aber ist das Ende aller Zeiten (ta tele ton aionon) gekommen (1. Korinther 10, 11). (17)

Paulus verband die Aionenlehre mit der Prophezeiung der Weisheit Gottes, da er sie sowohl bei den Judäern vom AlternTestament her als auch bei den Griechen und Römern von der sozialen Utopie her als bekannt voraussetzen konnte.

Auch im Galaterbrief 1,4 stellt Paubis die gegenwärtige Welt in das Bild der unbrauchbaren, schändlichen, nichtswürdigen (d. h. eisernen) Welt, aus der Gott die Menschen erretten werde: . . . [... hopos exeletai hemas ek tou aionos tou enestotos ponerou ..].

Bleiben wir noch bei den zweifelsfrei echten Paulusbriefen. Die apokalyptische Naherwartung des Gottesreiches setzt sich zugleich mit der nichtig gewordenen Weisheit dieser Welt und mit den Herren dieser Welt, die umkommen werden, auseinander. (18) Paulus mußte nicht konkreter werden; jeder halbwegs gebildete Römer (nicht nur die römischen Bürger) zu Lebzeiten des Paulus wußte, daß das neue Goldene Zeitalter eigentlich schon unter Kaiser Augustus begonnen hatte, das unter der Schirmherrschaft Apollons stand. Die Invektiven Paulus', die sich auch auf Zeugnisse Jesu stutzen konnten, gegen die Weisheit dieser Welt, gegen die gegenwärtige Weltordnung, gegen die Herren dieser Welt, denen die wahre Verkündigung desn euen Gottesreiches in Wahrheit unbekannt geblieben war, - das alles konnte sich nur gegen eine Auffassung richten, die im Kaiser den [soter tou kosmou], den Weltenerlöser, sah. Augustus hatte der sozialen Utopie den Stachel der Aufsässigkeit gegen die Herrschenden gezogen, hatte sich selbst als den von den Volksmassen erwarteten und vom Sonnengott gesandten und beschützten Bringer des neuen Goldenen Zeitalters ausgegeben. Nein, wandten Jesus und Paulus dagegen ein, das kommende Zeitalter Gottes ist zwar nahe, aber die gegenwärtige Welt ist immer noch schändlich rind verrtufen. Einen schärferen Affront gegen die Verheißung des Goldenen Zeitalters durch Augustus konnte es nicht gehen. In seinen Briefen setzt sich Paulus indirekt auch mit dem Mißbrauch der sozialen Utopie durch die römischen Herrscher auseinander. Im 2. Korintherbrief 4, 4 wendet sieh Paulus gegen den "Gott dieser Welt", der den Sinn der Ungläubigen verblendet bat, daß sie nicht das helle Licht des Evangeliums von der Klarheit Christi, der das Ebenbild Gottes ist, erkennen können. Der "Gott dieser Welt" erinnert sehr an den Kaiserkult, der mit dem Tode des Augustus eingefuhrt wurde. (19)

Letztlich aber ist die ganze Problematik, die sich noch mit dieser Weh beschäftigt, für Jesus, Paulus und für die frühen Christengemeinden von geringem Interesse. Denn das Gottesreich war ja nahe, und morgen schon konnte es erwartet werden. Bei aller Kritik wird die gegenwärtige Welt völlig relativiert und für einen Christen zweitrangig, und das trennt das fruhe Christentum wiederum von der sozialen Utopie.

Noch in dieser Generation wird das Ende der Zeiten erwartet (1. Thessalonicher, Kap. 5). Die Zeit ist kurz, schrieb Paulus im 1. Korinther 7, 29, ähnlich auch im Römer 13, 11. Die Ordnung dieser Welt vergeht ([paragei gar to schema tou kosmou toutou], 1. Korinther 7,31).

Immer wieder betonen auch die drei synoptischen Evangelien die Sorgen dieser Welt (Markus 4,19; vgl. Matthäus 13, 22), aber das Ende dieser Welt ist nahe (Matthäus 13, 39f.; 13, 49: 24, 3: 28, 20). Die [synteleia tou aionos] steht bevor. Doch der zukünftige Aion ([ho aion mellon]), die zukünftige Welt (Matthäus 12, 32) hebt sich deutlich von der gegenwärtigen ab und liegt beileibe nicht im Himmel. Wie auf den Inseln der' Seligen gibt es im zukünftigen Aion das ewige Lehen (Markus 10, 30; Lukas 18, 30). Die Aionenabfolge [ap' aionos], [tou aionos touto], und [en to aioni to erchomeno, eis tous aionas] findet sich auch im Lukkasevangelium (1 , 33; 1, 70; 16, 8; 18, 30; 20,34 f.).

Anders stellt sich der Gebrauch des Aionbegriffs im Johannesevangelium und in der Johannesapokalypse dar. In beiden Quellen ist der Aionbegrff formalisiert, erstarrt und erscheint im Johannesevangelium zwar dreizehnmal, aber stets nur in der Bedeutung von Ewigkeit. Nicht anders ist es im 1. Johannesbrief (2, 17), im 2. Johannesbrief (2) und im Judasbrief (13; 25). Ähnlich formelhaft wird der Begrift in der Johannesapokalypse verwendet, immer in der Bedeutung "von Ewigkeit zu Ewigkeit" ([eis tous aionas ton aionon]). Vereinzelt wird diese Bedeutung auch von Paulus gebraucht und geht auf hebräische Tradition zurück.

Die Sicht auf das zukünftige, zu erwartende Zeitalter verstärkt sich noch in einigen Deuteropaulinen. Von allen Aionen und allen Geschlechtern an war das Geheimnis von der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die der Messias Christus verkündete, verborgen gewesen, heißt es im Kolosserbrief 1, 26 f. Der Aion dieser Welt wird von dem zukünftigen Aion im Epheserbrief scharf abgesetzt (1, 21; 2, 2; 2, 7). Die Herrscher dieser Welt sind die Herrscher der Finsternis (6, 12); dies erinnert an gnostische Vorstellungen.

Man sollte sich daran erinnern, daß Kaiser Domitian im Jahre 88 ebenso wie Kaiser Augustus im Jahre 17 v. u. Z. Saekularfeiern veranstaltete. Wieder wurde die Ankunft eines neuen Goldenen Zeitalters verkündet. Auf Münzen zeigt sich der Kaiser stehend vor einem Tempel in übermenschlicher Größe vor knieenden Frauen, die ihn anbeten. (25) Die Beziehung des Herrschers der Finsternis aus dem Epheserbrief 6, 12 auf den Kaiser und Gott Domitian, der zudem auch lokal begrenzt Christen verfolgen ließ, liegt nahe.

In den Pastoraibriefen etwa zu Beginn des 2. Jahrhunderts bestätigt sich das Bild. Gott ist der König aller Aionen ([basileus ton aionon]) im 1. Timetheushrief 1,17. Das ist alte soziahrtopische Tradition; schon Hesiod nennt Kronos, den Gott des Goldenen Zeitalters, einen König (Werke und Tage 111). Die Johannesapokalypse 19, 16 bezeichnete den Erlöser als König der Könige ([basileus basileon]). König hieß auch de' Messias in der Hystaspesapokalypse und im 3. Brich der jüdischen Sibylle.

Auf die eigene Zeit bezieht der 1. Tirnotheusbrief 4, 1 die "letzten Zeiten", die angebrochen sind, und im 2. Timotheushrief 3, 1 bezeichnet der Verfasser diese als "schreckliche Zeiten" ([kairoi xhalepoi]). Der2. Timotheusbrief 4,10 hebt auch deutlich die jetzige Welt ([ton nyn aiona]) von der kommenden ab. Die gleiche Formulierung findet sich im Titusbrief 2, 12.

Von der Naherwartung des Endes aller Aionen ist auch der Hebräerbrief gekennzeichrret (9, 26). Gott ist der Schöpfer der Aionen (1, 2). Die Kräfte der zukünftigen Welt strahlen durch den Erlöser bereits jetzt auf die Christen aus (6, 5). Das Ende aller Dinge ist nahe gekommen, mahnt der 1. Petrusbrief 4, 7 die Menschen. Die künftige Herrlichkeit steht bald bevor (5, 1). Der 1. Johannesbrief 2, 18 unterstreicht, daß die "letzte Stunde" angebrochen ist. Die Ankunft des Herrn ist nahe, äußert sich der Jakobusbrief 5, 8..

Die Schriften der sogenannten Apostolischen Väter sind frühchristliche literarische Zeugnisse vom Ende des 1. Jahrhunderts bis etwa zur Mitte des 2. Jahrhunderts, also etwa zeitgleich endend mit dem 2. Petrusbrief des Neuen Testaments, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen worden sind. Ignatins von Antiochia, Anfang des 2. Jahrhunderts, betont in seinem Epheserbrief 11, 1, daß die letzten Zeiten angebrochen sind. Im gleichen Brief 17, 1 beschwört Ignatius, daß sich die Christengemeinde davor hüten müsse, nicht vom Herrscher dieser Welt ([archon tou aionis toutou]) gefangen genommen zu werden. Sonst würde das bevorstehende Leben ([prokeimenon zen]) hinfällig sein. Der Brief Polykarps an die Philipper aus der Mitte des 2. Jahrhunderts stellt in 5, 2 den gegenwärtigen Aion in Gegensatz zum künftigen.

Die Didache, um et'ca 125 datierbar, enthält im Kapitel 16 eine Apokalypse. Sie ist ebenso wie frühere Apokalypsen gut antirömisch und mit sozialer Verheißung. In den letzten Tagen dieser Welt erscheint dann der große Täuscher, der Verführer der Welt, der [kosmoplanes], und er wird wie Gottes Sohn erscheinen (16, 4). Diese Charakterisierung ist gewiß auf den römischen Kaiser gemünzt, der im Kaiserkult verehrt wurde. Hinzu kommt, daß auch Kaiser Hadrian, in seiner politischen Propaganda auf Münzen verkündete, das Goldene Zeitalter sei zuruckgekehit. Auf der Rückseite eines Aureus vom Jahr 121 erscheint Hadrian als Gott Aion, der eine Kugel in der Hand hält, darauf der Vogel Phoenix als Symbol ursprünglich nichtchristlieher Auferstehung und des ewigen Leberis. (21) Den Vogel Phoenix finden wir später auch auf verschiedenen frühchristlichen Katakombenbildern in Rorm. (22) Die Münzlegende lautet: "Saec(ulum) aur(eum)". Der Gott Aion ist in sozial- utopischer' Tradition auch ein Bringer des neuen Goldenen Zeitalters. Sein Kult geht in die Zeit des hellenistischen Alexandria zurück. (23)

Entsprechend dem Barnabasbrief (um 125) ist diese Welt eine gesetzlose, ungerechte, gottlose Zeit (4, 9: [anomos kairos]). Gottes Sohn aber, der Messias, werde diese ungerechte Welt vernichten (15, 5). Das werde der Anfaug einer neuen Welt sein ([...allou kosmou arche]).

Im 2. Klemensbrief (um 150) ist wieder vom zukünftigen Reich Gottes und dem ewigen Leben die Rede (5, 5); dann erwartet die Christen eine glückliche Zeit (19,4: [makarios chronio]).

Der Hirte des Hermas (um 150) vergleicht die kommende neue Welt, den [aion ho erchomenos], mit dem ewiger Sommer (Sim. IV 2; W. 53, 2). Auch ein solcher Vergleich kann an den Schilderungen des Lebens etwa auf den Sonneninseln des Jambulos nicht vorübergehen.

Immer wieder hatte, sich das junge Christentum mit dem vergöttlichtert Kaiser und mit der angeblichen Wiederkehr des Goldenen Zeitalters auseinanderzusetzen. Die in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts erneut aufflammende Naherwartung des Montanismus widersprach nicht nur der jetzt institutionalisierten Kirche, sondern auch messianischen Ansprüchen des römischen Kaisers. Kaiser Commodus (180 - 192) ließ sich als 'Cosmocrator' darstellen. Auf Münzen erscheinen die Legenden 'Temporum Felicitas' und 'Saeculum Felicitas'. Auch er ließ ein 'Saeculum Aureum Commodianum' feierlich verkünden (24); aber wie die Goldenen Zeitalter seine' Vorgänger blieb auch dies Utopie, und den Christen blieb ihre Hoffnung auf das Kommen des Gottesreiches erhalten. Ähnlich wie für die Autoren der älteren Apokalypsen und Orakel war für den Verfasser der Johannesapokalypse und der Didache eine "friedliche Koexistenz" mit der römischen Ordnung nicht möglich. Der Gegensatz zwischen Imperium und christlicher Religion war grundsätzlicher Natur. Nachdem durch die eusebianische Reichstheologie im 4. Jahrhundert die christliche Kirche ihre Identität gegenüber dem römischen Staat fast eingebüßt hatte, löste Augustin die Kirche aus dieser Verstrickung, indem er auf den im Urchristentum verwurzelten Gegensatz zwischen römischem Staat und christlicher Lehre zurückgreifen konnte. Vor allem war das apokalyptische Verständnis der Christenverfolgungen eine kräftige Strömung im Leben der frühen Kirche. Wann immer Verfolgungen über die Christen kamen, lösten sie eine apokalyptische Stimmung aus und ließen die Verfolgten das Römische Reich als das Reich der Gottlosigkeit auffassen, das bei der zweiten Ankunft Christi zum Untergang verurteilt war, so wie der "große König, von der. Sonne gesandt", Rom in den älteren Prophezeiungen ein Ende bereitete.

Die sozialutopisehen Hoffungen der Antike waren im Allgemeinen diesseitig ausgerichtet. Zwar kannte man auch die Inseln der Seligen, wo die Seelen der verblichenen Philosophenherrscher ein angenehmes Leben nach dem Tode führten, aber dies blieb eher eine Ausnahme. Auf den Sonneninseln des Jambulos, auf den Tnseln des Euhemeros, im Goldenen Zeitalter Hesiods war für ein jenseitiges Leben kein Platz. "Himmel" war in jüdischer Denkweise ein Ersatzwort für "Gott". Himmelreich und Gottesreich sind miteinander identisch, aber das besagt nicht, daß das Gottesreich ursprünglich schon im Himmel liegen mußte. (25) Wenn Paulus im Philipperbrief 3, 20 schrieb: "Unsere Heimat (resp. Gemeinschaft) ist im Himmel" ([hemon gar to politeuma en ouranois hyparchei])), so bedeutet das soviel wie "Unsere Heimat ist bei Gott" (26). Von einem Gottesreich im Jenseits nach dein Tode ist bei der apokalyptischen Nahemrartung noch keine Rede. (27)

Diese Welt wird jene Welt, die erwartet wird, - das sind nicht Diesseits und Jenseits; es sind zeitlich nachfolgende Zeiten oder Weltordnungen. Diese Welt ist die Welt des Teufels (Joh. 8, 44), das aber ist das eiserne Zeitalter der sozialen Utopie.

Im Begriff von der Welt geht es dem christlichen Religionsstifter nicht um den geographischen Begriff, sondern um den zeitlichen. Bei Lukas 12, 56 heißt es: "Ihr Heuchler! Die Gestalt der Erde und des Himmels könnt ihr rufen; wie prüfet ihr aber die Zeit ([kairos]) nicht? '[kairos]' und '[aion]' sind häufig auswechselbar, so auch bei Lukas 18, 30, oder in Joh. 7, 6 und 7, 8; "Meine Zeit ([kairos]) ist noch nicht gekommen". "Meine Zeit ist noch nicht erfüllt".

Der Ausspruch bei Lukas 17, 21: "Das Reich (Königreich - [basileia]) Gottes ist unter euch", - an die Pharisäer gerichtet, stellt sich neben den Vers Vergils in der 4. Ekloge: "iam regnat Apollo" - "schon herrscht Apollon", gemeint ist der Bringer des neuen Goldenen Zeitalters. Und der Satz Jesu "Mein Reich ist nicht von dieser Welt" ([he basileia he eme ouk estin ek tou kosmou toutou]), übrigens nur bei Johannes 18, 36 überjiefert, daher spätere Tradition und interpolatiorisverdächtig, reiht sich in diese Tradition ein, gemeint ist der Aion, die Weltordnung, die Zeit, und nicht ein Jenseits nach dem Tode.

Ich stimme in dieser Beziehung der Aussage von Ernst Bloch in seinem Werk "Das Prinzip Hoffnung" zu, der schrieb: "Das Reich von jener Welt wurde erst nach der Kreuzeskatastrophe als jenseitig interpretiert, vor allem, nachdem die Pilatus, gar die Nero selbst Christen geworden waren; denn es lag der herrschenden Klasse alles daran, den Liebeskommunismus so spirituell wie möglich zu entspannen." (28) Mein Reich ist nicht von dieser Welt - stellt sich neben den schon zitierten Ausspruch: Meine Zeit hat sich noch nicht erfüllt! Meine Zeit ist noch nicht gekommen!

Der Sonnengott, die Sonne und göttliches Feuer nehmen in der älteren sozialen Utopie eine zentrale Position ein. Im weit gespannten christlichen Synkretismus in der Spätantike nimmt auch Jesus Züge des Sonnengottes der Gerechtigkeit auf. In das 4. Jahrhundert gehört das Christusmosaik ans der Nekropole unter dem Petersdom, das Jesus als Sonnengott darstellt. Der Geburtstag des Sonnengottes wird unter Kaiser Konstantin I. zum Geburtstag Jesu erklärt, und noch in der Mitte des 5. Jahrhundert erregt sich Papst Leo I. (440-461) über die, wie er meint, Unsitte, daß sich gläubige Christen vor Eintritt in den Petersdom erst zum Sonnenaufgang hin verneigten. Diese Interpretatio sacra des Sonnenkultes und des Sonnengottes bezog auch die soziale Funktion des Sonnengottes ein: Im Traumbuch des Artemidoros gilt ein Traum des Sklaven vom Sonnengott und von der Sonne als ein Hinweis auf seine baldige Freilassung. (29) Das Christentum hat zwar die Sklaverei nicht abgeschafft, aber doch die Freilassung von Sklaven als besonders gottgefälliges Werk propagiert.

Sonnenhafte Bezüge sind im Neuen Testament häufig: Die Gerechten werden im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten (Matthäus 13, 43); Jesu Antlitz leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden hell und gläuzend wie das Licht (Matthäus 17, 2). Am Eirde der Welt wird sich die Sonne verfinstern, und der Mond wird seinen Schein verlieren (Matthäus 24, 29). Als Jesus starb, verfinsterte sich die Sonne (Matthäus 27, 45). Übrigens hat auch der römische Geschichtssehreiber Cassius Dio 56, 29, 3 im Zusammenhang mit dem Tode des Kaisers Augustus im Jahre 14 eine Sonnenfinsternis überliefert. Sonnenprodigien, die das Ende eines Zeitalters voraussagen, die im l. Jahrhundert v. u. Z. mehrfach dem römischen Senat gemeldet wurden, sind im liber Prodigiorum des Julius Obsequens zusammengestellt. (30)

Die Ähnlichkeit mit dem Messias älterer Apokalypsen, der in Feuer gekleidet ist, der von der Sonne kommt, ist bemerkenswert. Wie in der älteren sozialen Utopie der Sonnengott oder auch Herakles als Mittler zwischen dem höchsten Gott und den Menschen gilt, so heißt es auch im 1. Timotheusbrief 2, 5: Denn es ist ein Gott und Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus ([heis gar theos, heis kai mesites theou kai anthropon, anthropos Iesous Christos]). Das Neue Testament enthält Vorstellungen über den Gleichheitskommunismus und über die Gütergemeinschaft, die wir auch auf den Sonneninseln des Jambulos finden. Dafür stehen das Beispiel vom Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20, 1 - 16). Die Apostelgeschichte 2, 45 und 4, 34 f. kennt die Gütergemeinschaft der jüdisch-christlichen Gemeinde in Jerusalem. Allerdings war sie eine Konsumtionsgemeinschaft, keine Produktionsgemeinschaft, und hatte daher, als nichts mehr zu konsumieren war, keinen langen Bestand.

Wenn man sich die mehr als hundertjährige Geschichte des Niedergangs und des Untergangs der römischen Republik mit ihren furchtbaren Kriegen, Zerstörungen und Proskriptionen vergegenwärtigt, so ist die Friedenssehnsucht der Menschen, wie sie sich in den frühen christlichen Quellen artikuliert, sehr wohl verständlich. Frieden war stets ein Grundbestandteil Goldenen Zeitalters und Zeichen der Herrschaft des von der Sonne gesandten Messias.

Für das Christentum war es wesentlich, daß es den ewigen Frieden
einem Gottesreich für alle Menschen ohne Rücksicht auf ihre soziale und ethnische Herkunft verkündete, in dem Arme und Rechtlose ihre Hoffnungen und Wunsche verwirklicht sehen sollten. Nicht zuletzt deshalb war es den Massen verständlich: es hatte mit den unpersönlichen römische Staatsgöttern gebrochen und bekämpfte die Moral der herrschenden Sklavenbesitzer. Es brachte seinen Protest gegen den Reichtum, gegen die herrschende Klasse und gegen den Krieg zum Ausdruck. Darin vor allem bestand seine Volkstümlichkeit.

Das Christentum hatte mit seiner Entstehung seinen Anhängeru neue persönliche und gemeinschaftliche Ziele gestellt, die objektiv auf die Veränderung und Zersetzung dessen hinleiteten, was bisher als gültige sozialpolitische Norm im Zusammenleben der Völker und der Menschen galt. Der Friede sollte verwirklicht werden, indem die Liebe Gottes zu den Menschen auf das Verhältnis zwischen den Menschen übertragen wurde. Die Idee der christlichen Humanität, der Brüderlichkeit, der Nächsten- und Feindesliebe ergriff in der römischen Kaiserzeit einen zunehmend größeren Teil der Volksmassen. (31)

Friede auf Erden wurde ein Bestandteil des christlicher Programms (Lukas 2, 14), und Friede sei mit euch (Lukas 24, 36) wurde zur allgemeinen christlichen Grußformel.

Im Mittelpunkt aber der Äußerungen im Neuen Testament, die die Friedenssehnsucht der Menschen betreffen, steht die Bergpredigt des christlichen Religionsstifters. Unter den Seligpreisungen ragt eine besonders hervor: selig sind die Frieden Schaffenden; denn sie werden Kinder Gottes heißen ([makarioi hoi eirenopoioi]- Matthäus 5,9). Niemals zuvor hatte im Mittelmeerraum eine Religion die Nächsten- und Feindesliebe mit solcher Konsequenz in das Zentrum neuer moralischer Normen gestellt.

Nächstenliebe forderten auch die Bestimmungen des Alten Testaments> aber die Folgerungen der Bergpredigt (Matthäus 5, 44) gingen darüber hinaus und hinterließen einen bedeutsamen Eindruck.

So utopisch diese ethische Forderung nach christlichen zwischenmenschliehen Beziehungen in jener Zeit der Klassengesellschaft auch waren, so unmöglich es war, diese Forderungen auf die Gesamtheit der Beziehungen zwischen den Menschen und den Völkern zu übertragen, so sehr faszinierten sie vor allem die Armen und Geknechteten, die Leidtragenden der Gesellschaft, die in ihrer Friedenssehnsucht bisher immer betrogen wurden.

Dein Reich komme! - hieß es im Vaterunser, und dies erwartete Gottesreich war die erhoffte neue Zeit, das wiederkehrende Goldene Zeitalter, der neue Aion, die neue Welt.

Der römische Staat ehrte und anerkannte dagegen nur den Frieden, der mit dem Sieg römischer Waffen errungen worden war, - das war der "römische Frieden", die Pax Romana. Auf Münzprägungen erscheinen daher oft die römische Friedensgöttin Pax gemeinsam mit der Siegesgöttin Victoria, die ihren Fuß auf den Nacken Besiegter setzt oder erbeutete Waffen in Brand steckt. (32) Den Unterworfenen in den römischen Provinzen brachte dieser Frieden Not und Unterdrückung, wie Tacitus in seiner Agricolabiographie den Anführer eines Aufstandes im Jahre 83 in Britannien, Calgacus, bitter beklagen läßt: "Diese Räuber der Welt (d.h. die Römer, R. G.) durchwühlen, nachdem sich ihren Verwüstungen kein Land mehr bietet, selbst das Meer; wenn der Feind reich ist, sind sie habgierig, wenn er arm ist, sind sie ruhmsuchtig, nicht der Orient, nicht der Okzident hat sie gesättigt; als einzige von allen begehren sie Reichtum und Armut in gleicher Gier. Plündern, Morden, Rauben nennen sie mit falschem Namen Herrschaft (Imperium), und wo sie eine Einöde hinterlassen, da nennen sie es Frieden" (Kap. 30, 4).

Aber dieser römische Frieden entsprach der rauhen historischen Wirklichkeit, und die allgemeine Friedensverkündigung des Christentums mußte genau so Utopie bleiben wie die seiner Vorgänger, die den Frieden im Goldenen Zeitalter erhofften. Es gab aber im 1. Jahrhundert keine radikalere Friedensbotschaft als die der christlichen Religion.

Die christliche Idee vom Frieden war konkret, utopisch und irrational zugleich. Paulus stellte sie höher als die menschliche Vernunft (Philipperbrief 4, 7). Das erleichterte den christlichen Kaisern und Heerführern der Spätantike wie den Herrschern in späteren Klassengesellschaften, den Bereich der Politik, der mit dem Menschlichen (Fleischlichen), Rationellen verbunden war, ihren Klasseninteressen unterzuordnen, ohne damit gegen das christliche Friedensgebot zu verstoßen. Der Friede Gottes sollte in den Herzen der Menschen wohnen, hieß es im Kolosserbrief 3, 15. Diese schöne Forderung blieb aber so allgemein, daß sie zu nichts Konkretem verpflichtete. Die antagonistischen Klassengegensätze waren damit nicht zu überbrücken.

Fügt man alles zusammen, so ergibt sich, daß viele einfache Menschen im Römischen Reich, die unterschiedlichen Klassen und Schichten angehörten, in der christlichen Botschaft vom Gottesreich, von der zukünftigen Welt, von der kommenden Zeit, vom Frieden als der allgemein zwischenmenschlichen Norm, die höchste Stufe dessen sehen konnten, was ihnen bisher durch den breiten Traditionsstrom sozialer Utopie bekannt war. Gegenüber der hellenistischen Sozialutopie gab es aber auch einen weseittlichen Unterschied. Hatte die soziale Utopie etwa seit dem Ende des :3. Jahrhunderts v. u. Z. das soziale Handeln der Unterdrückten und Entrechteten gefördert, so verlor im Christentum die soziale Aktivität, die auf Veränderung bestehender Zustände gerichtet war, ihren Rang. Das heißt nicht, daß soziale Aktivität im Christentum nichts mehr zählte, die karitativen Anstrengungen im frühen Christentum sind beispielsweise unübersehbar. Aber insgesamt wird bei der apokalyptischen Naherwartung des frühen Christentums jegliche soziale Aktivität zweitrangig beurteilt, handelt es sich doch stets um Maßnahmen, die auf diese Welt gerichtet waren, und diese gegenwärtige Welt war zum Untergang verurteilt.

Friedrich Engels hob einmal hervor, daß das Christentum eine religiöse Entwicklung eingeleitet habe, "die eins der revolutionärsten Elemente in der Geschichte des menschlichen Geistes werden sollte." (33) Vielleicht war es gerade das soziale Wunschdenken, das im 2. und 1. Jahrhundert v. u. Z. in Zeiten härtester Klassenauseinandersetzuitgen im Römischen Reich stellenweise die Bedeutung eines ideologisch untermauerten sozialen Programms annehmen konnte, daß das Christentum diese von Friedrich Engels skizzierte Entwicklung nehmen konnte. Nach dem Abflauen apokalyptischer Naherwartung des kommenden Gottesreiches gewann soziale Aktivität - natürlich im Rahmen der bestehenden Gesellschaftsordung - im frühen Christentum an Bedeutung.

Die soziale Utopie insgesamt ist eine Widerspiegelung des Aufbegehrens der Menschen gegen Ungerechtigkeit, eine Reflexion der Sehnsucht der Menschen nach einem Leben ohne Kriege, ohne Hunger, ohne Not und auch ohne Sklaverei. Die Schaffung des Gottesreiches auf Erden wurde eine revolutionäre Losung der kühnsten menschlichlichen Geister das ganze Mittelalter hindurch bis in die frühe Neuzeit.

ANMERKUNGEN

1 Grundlegend für die geschichtsphilosophische Ausgangsposition für die Beurteilung der sozialen Utopie in der Antike: R. Müller: Sozialutopisches Denken in der griechiuschen Antike, Sitz.-Ber. der Akademie der Wiss. der DDR, 3 G 1982, Berlin 1983; derselbe: Menschenbild und Humanismus der Antike (Reclam Universalbibl. Bd. 841). Leipzig 1980, darin vor allem der Aufsatz: Zur sozialen Utopie des Hellenismus (S. 189 - 201); R. Günther - R. Müller: Die soziale Utopie im Altertum. Leipzig (Edition) (im Druck); außerdem R. Günther: Der politisch-ideologische Kampf in der römischen Religion in den letzten zwei Jahrhunderten v. u. Z. In: Klio 42, 1964, S. 209 - 298.
2. R. Günther, a. a. O. S. 254 f.; J. Bidez, F. Cumont: Les mages hellénisées, Paris 1938; R. Günther: Der Klassencharakter der sozialen Utopie in Rom in den letzten zwei Jahrhunderten v. u. Z. In: Sozialökonomische Verhältnisse im Alten Orient und im Klassischen Altertum (Hg. von R. Günther und G. Schrot). Berlin 1961, S. 94 - 105).
3 A. Alföldi: Redeunt Saturnia regna. In: Chiron 5, 1975, S. 165 ff.; B. Gatz: Weltalter, Goldene Zeit und verwandte Vorstellungen. Hildesheim 1967; H. J. Mähl: Die Idee des Goldenen Zeitalters, Heidelberg 1965; R. Müller: Sozialutopien der Antike. In: Das Altertum 23, 1977, S. 227 ff.
4 F. J. Dölger: Die Sonne der Gerechtigkeit und der Schwarze. Münster 1919, S. 87 f.; F. Boll: Die Sonne im Glauben und in der Weltanschauung der alten Völker. In: F. Boll, Kleine Schriften zur Setrnkunde des Altertums, hg. von V. Stegemann, Leipzig 1950. F. J. Dölger: Die Sonne der Gerechtigkeit auf einer griechischen Inschrift von Salamis auf Cypern. In: Antike und Christentum 6, 1936, S. 138 ff.; F. J. Dölger: Sol salutis. Münster 1920, S. 30 ff.; Th. W. Africa: Aristonicus, Blossius and the City of Sun. In: International Review of Social History 6, 1961, S. 116 ff.; W. W. Tarn: Alexander Helios and the Golden Age. In: Journal of Roman Studies 22, 1932, S. 135 ff.
5 F. Cumont: La fin du monde selon les mages occidebteaux. In: Revue de l'histoire des religions 103, 1931, S. 33 ff.; N. A. Maschkin: Eschatologia i messianizm poslednij period rimskoj respubliki. In: Izv. AN SSSR, der. istorii i filosofii 3, 1946, no. 5; H. Jeanmaire: Le messianisme de Vergile, Paris 1930; S. 17 ff.
6 R Euseb., hist. eccl. 4, 26, 7 ff.; A. Harnack: Reden und Aufsätze, Bd. 1 Gießen 1906, S. 305 f.; derselbe: Mission und Ausbreitung des christentums in den ersten drei Jahrhunderten, Bd. 1 Leipzig 1906, S. 223 f.; W. Otto: Augustus Soter. In: Hermes 45, 1910, S. 457.
8 H. Jeanmaire: Dionysios. Paris 1951, S. 446 ff.; I. Becher: Octavians Kampf gegen Antonius und seine Stellung zu den ägyptischen Göttern. In: DasAltertum 11, 1965, S. 40 - 46; dieselbe: Augustus und Diobysos - ein Feindverhältnis? In: Zeitschrift für ägypt. Sprache und Altertumskunde 103, 1976, S. 88 ff. Bereits im Jahr 42 v. u. Z. ließ sich Antonius als "neuer Dionysos" anerkennen; Plutarch Anton. 24, 26.
9 Vgl. auch die Weisheitr Salomos 5, 6: .... das Licht der Gerechtigkeit hat uns niucht geleuchtet, und die Sonne ist uns nicht aufgegangen.
10 U. Wilcken: Zur ägyptischen Prophetie. In: Hermes 40, 1905, S. 544 f.; R-Reitzenstein: Ein Stück hellenistischer Kleinliteratur. Nachrichten der wissenschaftlichen Gesellschaft zu Göttingen 1904.
11 Srabon 14, 1, 38; V. Varvrinek: La révolte d'Aristonicos. In: Rozpravy Ceskoslovenské Akadmie VED, rocnik 67, 1957, 2.
12 H. Windisch: Die Orakel des Hystaspes, Amsterdam 1929. Die Fragmente sind gesammelt bei J. Bidez, F. Cumont: Les mages hellénisées. Paris 1938, Bd. 2, S. 359 ff.
13 Text und Übersetzung der Oracula Sibyllina bei A. Kurfess: Sibyllinische Weissgungen, Tusc, 1951; E. Kautzsch: Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments, 2. Bd. Tübingen 1900; H. Jeanmaire: La Sibylle et le retour del'âge d'or, Paris 1939; A. Rzach: Sibyllinische Weltalter. In: Wiener Studien 34, 1912, S. 114 ff.
14 E. Norden: Die Geburt des Kindes. Leipzig (2) 1931; F. Dornseiff: Die sibyllinischen Orakel in der augusteischen Dichtung. In: Römische Literatur der Augusteischen Zeit. Eien Aufsatzsammlung, besorgt von J. Irmscher uu. K. Kumaniecki. Berlin 1960, S. 43 ff.; A. Kurfess: Vergils 4. Ekloge und die Oracula Sibyllina. On: Hist. Jahrrb. 73, 1954, S. 120 ff.
15 R. Günther: Der Einfluß der sozialen Utopie auf das frühe Christentum. In: Das Altertum 15, 1969, S. 91 ff.
16 W. Hartke: Vier urchristliche Parteien und ihre Vereinigung zur apostolischen Kirche, Bd. 1 Berlin 1961, S. 318 ff.
17 Die Analyse der Aion-Terminologie erfolgt auf der Grundlage der Vollständigen Konkordanz zum Griechischen Neuen Testament, hrsg. von K. Aland. Bd.I, Teil 1, Berlin, New York 1983, und von G. Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament. 1. Bd. Stuttgart 1933.
18 Vgl. hierzu und zu den Problemen der Naherwartung K. Aland: Das Ende der Zeiten. Über die Naherwartung im Neuen Testament und in der Alten Kirche. In: K. Aland: Neutestamentliche Entwürfe (Theologische Bücherei, Neues Testament Bd. 63). München 1979, S. 134 - 182.
19 Vg. F. Taeger: Charisma. Studien zur Geschichte des antiken Herrscherkultes, Bd. 2 Stutgart 1960, S. 210 ff.
20 H. Mattingly: Coins of the Roman Empire in the British Museum, vol II , London 1930, Nr. 424.
21 H. Mattingly, a. a. O., vol III, London 1936, Nr. 312.
22 Z. B. in der Calixtus-Katamkombe in Rom.
23 A. Alföldy: From the Aion Plutonios of the Ptolemies to the Saeculum Frugiferum of the Roman Emperors. In: Greece and the Eastern Mediterranean in Ancient History and Prehistory. Studies presented to F. Schachermeyr (ed. K. H. Kinzl). Berlin, New York 1977, S. 1 - 30.
24 M. R. Kaiser-Raiss: Die stadtrömische Münzprägung während der Alleinherrschaft des Commodus. Untersuchungen zur Selbstdarstellung eines römischen Kaisers. Frankfurt a. M. 1980, S. 48 f.; SHA, vita Commodi 14, 3.
25 T. Holtz: Jesus aus Nazareth. Berlin 1979, S. 53 ff.
26 K. Aland: Das Verhältnis von Kirche und Staat nach dem Neuen Testament und den Aussagen des 2. Jahrhunderts. In: Neutestamentliche Entwürfe (wie Anm. 18) S. 16 - 123; besonders S. 50 ff.
27 Vgl. dazu R. Meyer: Der Auferstandene und die Erdenzukunft. Stuttgart 1938, S. 12.
28 E. Bloch: Freiheit und Ordnung. Abriß der Sozialutopien. Reclam Universalbibliothek Bd. 1090 Leipzig 1985, S. 41.
29 Artemidoros, Onirocrit. 2, 36; Beziehungen des Sonnengottes zu niederen Schichten auch bei Vettius Valens, Anthol. p. 1, 7 ff. ed. Kroll; Accius bei Cicero, de divinatione 1, 22, 45; dazu B. Bilinski, Accio ed i Gracchi. Roma 1958, S. 27 f.
30 Vgl. R. Günther: Der politische Kampf in der römischen Religion in den letzten zwei Jahrhunderten v. u. Z. In: Klio 42, 1964, S. 209 - 236. 275 - 283; R. Bloch: Les prodiges dans l'antiquité classique. Paris 1963.
31 R. Günther: Die Friedenutopie des Urchristentums. In: Geschichtsunterricht und Staatsbürgerkunde 28, 1986, 1, S. 35 - 37.
32 Zusammenstellungen bei G. G. Belloni: Espressioni iconographiche di 'Eirene' e di 'Pax'. In: Autori vari: La pace nel mondo antico (a cura di M. Sordi). Milano 1985, S. 127 - 145; N. Hannestad: Roman Art and Imperial Policy. Aarhus Univ. Press 1986, S. 62; K. Kraft: Zur Münzprägung des Augustus (Sitz.-Ber. der Wiss. Gesellschaft an deer Hohann Wolfgang Gothe-Universitöt Frankfirt VII 5). Wiesbaden 1969.
33 F. Engels: Zur Geschichte des Urchristentums. In: Marx - Engels Werke Bd. 22, Berlin 1963, S. 459.
Als Textausgabe des NeuenTestameents wurde die Editio XXVI von Nestle-Aland: Novum Tesamentum Graece, Stuttgart 1983, zugrundegelegt.

 

III. Rigobert Günther, Klassen, Stände und Schichten in der antiken Gesellschaftsordnung, Sitzungsberichte dre Sächischen Akdemie der Wissenschaften zu Leipzig, Phil.-hist. Klasse Bd. 130, Heft 4, Akademie-Verlag Berlin, 1990, S. 3 - 17.

(Geringfügige Veränderungen der Schreibweise gegenüber der Vorlage, d. Hg.).

Der Begriff der Klasse ist eine moderne wissenschaftliche Abstraktion, der zusammen mit den Begriffen der ökonomischen Gesellschaftsformation, des Klassenantagonismus und der Klassenstrnktur Historikern und anderen Gesellschaftswissenschaftlern dazu dient, objektive soziale Zusammenhänge der geschichtlichen Entwicklung genauer und adäquater zu erfassen, vor allem die Dialektik des historischen Prozesses zu begreifen und darzustellen.

Der Klassenbegriff ist demnach für den Historiker aber nur dann ein unentbehrliches Mittel, wenn er in seiner jeweiligen Historizität verstanden und definiert wird, wenn er also stets in seine konkrete historische Umwelt der jeweiligen Gesellschaftsformation eingebunden wird. Der Klassenbegriff ist auch auf die frühen Klassengesellschaften anwendbar, wenn es gilt, große Personengruppen in ihrer geschichtlichen Entwicklung zu erfassen, die durch ein relativ stabiles soziales Verhalten gekennzeichnet sind und sich durch andere soziale Termini nur unscharf beschreiben lassen.

Gegenwärtig ist die internationale Diskussion über die Anwendbarkeit des Klassenbegriffs auf die antike Geschichte in großer Bewegung; es werden viele neue Fragen an die Geschichte gestellt, manche früherer Untersuchungen werden erneut diskutiert - sowohl von marxistischen wie von nichtmarxistischen Historikern. (1)

Für den Althistoriker, der sich mit der Geschichte der Antike beschäftigt, ergeben sich besondere theoretische Probleme, da es z. B. in der antiken Gesellschaftsordnung zu keiner Zeit eine einheitliche Klassenstruktur gab. So bestand im Römischen Reich niemals eine wirtschaftliche und soziale Einheit; in den hellenistischen Staaten wie in den Ostprovinzen des Römischen Reiches existierten zwei Klassengesellschaften, die antike und die altorientalische, nebeneinander. Mit den Ausführungen des US-amerikanischen Althistorikers William V. Harris möchte ich mich etwas eingehender beschäftigen.

Auf dem internationalen Kongreß der Society for Studies on Resistance Movements in Antiquity "Forms of Control and Subordination in Antiquity" im Januar 1986 bei Susono in Japan hielt William V. Harris einen sehr beachteten Vortrag über das Thema "On the Applicability of the Concept of Class in Roman History." (2) Es ging Harris um das Problem der inneren gesellschaftlichen Unterordnung. Das Leben der Einzelnen war in der römischen Gesellschaft bestimmt durch vorhandenen oder fehlenden Reichtum, durch den rechtlichen Status und durch das Bürgerrecht; hinzu kamen das soziale Ansehen, die soziale Stellung, die Klassenzugehörigkeit. Harris erscheint es als eine Binsenwahrheit (a truism), daß die Römer sehr klassenbewußt waren. (3) Den Klassenbegriff verwendet er in einem allgemeinen Sinne, als 'natural term'. (4) Er hebt hervor, daß auch innerhalb der freien Bürgerschaft Macht und Reichtum die Bürger teilten. Der Lebensweg, den der einzelne einschlagen konnte, war je nach der sozialen Position des Betreffenden sehr unterschiedlich.

Harris hebt zu Recht die Schwierigkeiten hervor, die einzelnen Stände (ordines) der römischen Gesellschaft mit bestimmten Klassen zu identifizieren. Hinzu kommt, daß große Teile der römischen Bürgerschaft von der lateinischen ordo-Terminologie nicht oder nur unvollkommen erfaßt werden. Der ordo-Standesbegriff wurde von den römischen Autoren im wesentlichen den Ständen der herrschenden Klassen vorbehalten, wie etwa im 'ordo senatorius', 'ordo equester' und im 'ordo decurionuum'. Darunter zerfließen dann die Begriffe, sind uneinheitlich und zeitlich sehr verschieden, nicht konstant.

Die einzelnen Bezeichnungen für die Zugehörigkeit zu einem sozialen Stand oder zu einer Schicht sind nicht fest geprägt; erst seit dem 2. Jahrhundert wurde dann die Unterscheidung zwischen 'honestiores' und 'humiliores' präziser.

Harris weist auch die These zurück, die im Begriff der sozialen Stratifikation das Mittel der historischen Unterscheidung innerhalb der römischen Bürgerschaft sieht. Dieser Begriff ist sehr eng mit unterschiedlichen Kennzeichen des sozialen Prestiges verbunden und berücksichtigt zu wenig die außerordentliche Ungleichheit im Reichtum, in der Machtausübung und in der Nutzung der Vorzüge der bestehenden Gesellschaft, was Harris 'amenities' nennt.

Dann beschäftigt er sich mit dem Klassenbegriff. Er weist den Einspruch, der ihn aus semantischen Gründen ablehnt, zurück. Auch hält er die Ansichten derer für intrusive und irrelevant, die mit der Nichtanwendung des Klassenbegriffs öffentlich bekunden wollen, sie seien keine Marxisten. (5 ) Ebenso hält er es für nicht überzeugend, den Klassenbegriff nur dann anzuwenden, wenn in der betreffenden Klasse auch ein entsprechendes und entwickeltes Klassenbewußtsein vorhanden sei, und gewiß besaßen die antiken Römer - wenn auch kein modernes Klassenbewußtsein - dennoch ein ausgeprägtes soziales Bewußtsein über ihre Stellung in der Gesellschaft in einer bestimmten sozialen Position; kollektive Gruppeninteressen sind durchaus nachweisbar. Klasse und Stand fallen nicht zusammen, und zu einer Klasse können auch Menschen unterschiedlicher sozialer Position gehören. Harris meint, daß zum Beispiel Sklaven und freie Tagelöhner einer Klasse angehören. Dem entspricht, wie er ausführt, daß reiche senatorische Großgrundbesitzer und reiche Werkstättenbesitzer ebenfalls einer Klasse zugeordnet werden können. Natürlich, und das ist bezeichnend für Rom, bestimmt der Reichtum allein noch nicht die Zugehörigkeit zur herrschenden Klasse, aber ohne ihn ging es ja auch nicht. Ein neureicher Freigelassener vom Typ des Trimalchio konnte niemals in Rom zur herrschenden Klasse gehören. Mit Recht hebt Harris hervor, daß die Klassenstruktur in der Antike nicht von vornherein unbedingt auf zwei Klassen begrenzt sein muß.

Harris vertritt die Ansicht, daß der Klassenbegriff kulturgeschichtlich von Land zu Land und von Sprache zu Sprache unterschiedlich definiert werden müsse, da man unter "Klasse" in jeder modernen Sprache etwas Unterschiedliches verstehe. Und er definiert dann knapp, wie man nach seiner Meinung im Englischen die Klasse bestimmen könnte: ,,A class is a segment of a community; its members live at a broadly similar economic level and dispose of broadly similar amenities; their occupations (at least as far as men are concerned) enjoy similar amounts of prestige; They are more or less cut off, or cutthemselves off, from social intercourse with members of other classes; and the mmbers tend to share some values which are not shared by other dasses." (7) Es bleibe eine Frage der weiteren Forschung, ob es nützlich ist, die römische Welt als eine Klassengesellschaft zu beschreiben, ferner wieviele Klassen existierten und wie Personen einzuordnen sind, die sich gewissermaßen zwischen den Klassen befanden. Eigentum oder fehlendes Eigentum an den Produktionsmitteln oder die vorhandene oder fehlende Kontrolle darüber genügen ihm als Kriterien des Klassenbegriffs nicht.

Ausgehend von diesen Ansichten schlägt Harris dann die Annahme von drei Klassen in der antiken Gesellschaft vor:

1. die Masse der wohlhabenden reichen Bürger, deren Wohlstand vor allem auf der Arbeit von Sklaven und von anderen abhängigen Arbeitskrähen beruht; hinzu kommen für die männlichen Familienmitglieder ein bestimmter Anteil an der politischen Macht und an der Bildung;
2. die Klasse der besitzenden Bürger, die mindestens über ein Minimum an Land und an familiären Arbeitskräften oder als erfahrene Handwerker über einen Laden verfügen, um unabhängig leben zu können; diese Klasse verfügt kaum oder gar nicht über Sklaven, und
3. die Klasse der mercennarii, der Tagelöhner und abhängigen Arbeitskräfte, und zu dieser Klasse zählt Harrris auch "almost all slaves". (8)

Der Autor unterstreicht den hypothetischen Charakter seines Schemas, und er betont die Dynamik und die Mobilität der antiken Klassenverhältnisse, und darin hat er ohne Zweifel recht. Der Hinweis auf einen Klassenantagonismus sei dagegen nach seiner Meinung nicht notwendig, um die Sklavenaufstände zu erklären. Manche Sklavenerhebungen seien auch ohne das Klassenkonzept verständlich. Außerdem könne die antike Geschichte nicht auf eine Geschichte des Klassenkampfes reduziert werden. Gegen die letztere These ist m. E. nichts einzuwenden.

Der Klassenbegriff sei in der Antike vor allem brauchbar in der Systematisierung der Gesetzgebung und in der Rechtsprechung, in der Geschichte der antiken Erziehung und Bildung und in der Bewertung der Heiratspolitik römischer Bürger.

William Harris stellt außerdem die Frage, inwieweit das von ihm vorgeschlagene Klassenschema für das gesamte Römische Reich gültig sein könne oder ob man nicht vielmehr regionale und zeitliche Unterschiede in der Klassenstruktur annehmen müsse. Auch das Problem des Verhältnisses zwischen Masse und Stand erfordere noch weitere Forschungsarbeit.

In verschiedenen Fragen stimme ich Harris zu und sehe in seinen Darlegungen einen wichtigen Beitrag zur weiteren Diskussion und Klärung strittiger Fragen der Geschichtswissenschaft, in denen theoretische und methodologische Probleme behandelt werden. In einigen Punkten bin ich anderer Ansicht als er, und in diesen handelt es sich vor allem um folgende Sachverhalte:

1. Ich halte einen allgemeinen wissenschaftlichen Klassenbegriff für notwendig und für möglich, der nicht im modernen Sprachgebrauch nach modernen Sprachgebieten untergliedert ist. Für die populärwissenschaftliche Verbreitung sind sicher Erläuterungen in dieser oder jener modernen Sprache unumgänglich; aber für die wissenschaftliche sozialgeschichtliche Analyse können und sollten sich die Historiker Ökonomen, Philosophen und Soziologen auf einen gemeinsamen Klassenbegriff einigen.
2. Die Existenz von Klassen anzuerkennen und Klassenantagonismus und Klassenkampf zu negieren, halte ich für einen Widerspruch, der sich nur schwer lösen läßt. Ohne die antike Geschichte auf den Klassenkampf und auf den Klassenantagonismus reduzieren zu wollen, halte ich doch beides für nachweisbar
3. In diesem Zusammenhang lassen sich meines Erachtens die großen Sklavenaufstände in der römischen Republik im 2. und im 1. Jahrhundert v u. Z. nicht ohne Anerkennung eines Klassenantagonismus erklären.
4. Der Klassenbegriff ist in der Antike wohl doch umfassender anwendbar als in den von Harris genannten Bereichen.
5. Die Sklaven möchte ich doch eher in einen rechtlichen Stand und in einer Klasse unterscheiden und diese außerdem nicht den 'mercennarii' und abhängigen Arbeitskräften zuordnen.

In keiner anderen Epoche der Klassengesellschaft als in der anüken war es möglich, daß jemand durch einen juristischen Akt auch seine Klassenzugehörigkeit in der Gesellschaft verändern konnte. Ein Sklave aber, der freigelassen wurde, veränderte damit auch seine Klassenzugehörigkeit, und seine nach der Freilassung geborenen Kinder wurden in Rom als 'ingenui' angesehen.

Vor allem in der umfangreichen Schicht der kaiserlichen Sklaven gab es Aufstiegsmöglichkeiten, die auch wahrgenommen wurden. In den Forschungen vor allem von P. Weaver, G. Boulvert, H. Chantraine und J. K. Kolosovskaja (9 )wurde der Nachweis erbracht, daß es unter den kaiserlichen Sklaven und Freigelassenen eine regelrechte Laufbahn gab, die von niederen Ämtern zu höheren führte. Kaiserliche Sklaven konnten Finanzverwalter einer ganzen Provinz werden, und für sie war der soziale Aufstieg oft leichter möglich als für Angehörige unterer Bevölkerungsschichten, die zu den Freien zählten.

Natürlich dürfen wir dabei nicht außer Acht lassen, daß es sich bei den kaiserlichen Sklaven zwar um eine zahlenmäßig sehr umfangreiche Schicht, aber letztlich doch um eine Minderheit in der gesamten Sklavenschaft handelte, und wir dürfen nicht ihre sozialen Bedingungen auf die anderer Sklaven übertragen, obwohl es auch unter den privaten Sklaven eine sehr gehobene Schicht von Verwaltern, Buchhaltern, Geschäftsführern, Kassensekretären, Vorarbeitern und Kaufleuten gab, die selbst ihrerseits wiederum Sklaven besaßen und gewissermaßen per procura ihren Herrn Geschäfte betrieben.

Diese kaiserlichen Sklaven oder die Sklaven als Verwalter von Grundbesitzungen, von Handels- und Geldgeschäften würde ich dem juristischen Stand der Unfreien zuordnen, während ich den Begriff der Sklavenklasse allein auf die Sklaven anwende, die in der Produktion materieller Güter auf dem Lande oder in der Stadt einschließlich ihres Transports tätig waren.

Trennlinien zwischen herrschenden und ausgebeuteten Klassen waren im Römischen Reich rechtlich scharf ausgeprägt. (10) Die herrschenden Klassen waren ständisch strukturiert, und diese Stände waren weitgehend in sich abgeschlossen. Bestimmte Vermögenssätze waren Voraussetzung für die Zugehörigkeit zu diesen Ständen. Ihre Privilegien waren recht genau bestimmt. Die ausgebeuteten Klassen und Schichten setzten sich aus sozial wie rechtlich sehr heterogenen Menschengruppen von Freien, Freigelassenen und Sklaven zusammen, die in den Städten und auf dem Land lebten. Zuweilen wird die ordo-Terminologie auch auf sie angewandt, etwa als 'ordo plebeiorum' u. ä. Aber dennoch wirkt der ordo-Begriff in diesem Bereich künstlich; unterhalb des 'ordo decurionum' existiert keine rechtlich ständisch abgestufte Gliederung. Deutlich sind nur die rechtlichen Unterschiede zwischen Freigeborenen (ingenui), Freigelassenen (liberti) und Unfreien (servi), ohne daß diese drei Gruppen Stände bezeichnen. Weiter gab es rechtliche Unterschiede zwischen römischen Bürgern und Fremden, peregrini, die nicht das römische Bürgerrecht besaßen. Darüber hinaus gab es weder bei den Römern noch bei den Griechen einen Begriff, der etwa dem modernen Begriff "Gesellschaft" entsprechen könnte. Während in der frühen römischen Republik die Plebs insgesamt einen rechtlich abgesonderten Stand darstellte, bezeichnet Plebs in der späten Republik und in der Kaiserzeit die Masse der einfachen, ärmeren Bürger.

In der Antike finden wir auch keinen Begriff, der den Begriff der Klasse umreißen oder vorwegnehmen könnte. Aber so sehr eine sozialgeschichtliche Analyse das soziale Selbstverständnis einer historischen Epoche berücksichtigen muß, so kann er sich doch darauf nicht beschränken, sondern muß Fragen an die Geschichte stellen, die von der Gegenwart des Historikers bestimmt sind.

Ich bin der Ansicht, daß die von V. I. Lenin gegebene Definition der Masse nach wie vor den wissenschaftlichen Ansprüchen entspricht und allgemeine Gültigkeit besitzt. Einige Darlegungen, die die vorkapitalistischen Klassen betreffen, müssen auf der Grundlage neuer Forschungsergebnisse präzisiert werden. Danach sind Klassen Personengruppen, die sich in einer sozialökonomischen Formation nach ihrer Rolle im System der Produktionsverhältnisse, nach Produktionsbedingungen, nach ihren jeweiligen Lebensbedingungen und nach den durch diese Verhältnisse bestimmten Interessen voneinander unterscheiden. (11) Nichts ist darin festgelegt, daß wir es in den Klassengesellschaften stets nur mit zwei oder drei Klassen zu tun haben. Nichts steht darin geschrieben, daß die Klassenzugehörigkeit einzig und allein nur nach der Eigentümerschaft oder nach dem fehlenden Eigentum an den Produktionsmitteln beurteilt werden soll. Die Klassen unterscheiden sich untereinander durch die verschiedenen tatsächlichen historischen Bedingungen (12) ,wozu auch die Nutzung oder die mangelnde oder fehlende Nutzung der Vorzüge, die eine Gesellschaft ihren Bürgern bietet, die 'amenities' von Harris , die ökonomische und soziale und kulturelle Position der verschiedenen Personengruppen gehört. Wenn ich im Anschluß an Lenin das wesentliche Unterscheidungsmerkmal der Klassen in ihrem jeweiligen Standort in der gesellschaftlichen Produktion sehe (13 ), so ist dies Spektrum "gesellschaftliche Produktion" namentlich in den vorkapitalistischen Massengesellschaften viel breiter als etwa "Eigentiimer" und "Nichteigentümer" von Produktionsmitteln. Mit der differenzierten Eigentümerqualität verschiedener Personengruppen sind recht unterschiedliche Besitzverhältnisse, Lebensbedingungen und soziale Interessen verbunden, so daß überhaupt nicht von vornherein eine Zweiteilung der Klassen in der antiken Gesellschaft in Betracht kommen kann. Wesentlich für die Klassenzugehörigkeit ist die Rolle dieser Personengrupen in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und in der Art und Weise der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen. (14 ) Aus diesen Gründen würde ich beispielsweise die Angehörigen der senatorischen Großgrundbesitzeraristokratie und die Kurialen in den Städten des Römischen Reiches nicht ein und derselben Klasse zuordnen. Wenn Lenin die Gegensätze zwischen Sklavenbesitzern und Sklaven als erste große Klassenscheidung hervorhob (15), dann war dies nicht die einzige in der antiken Cesellschaftsformation. Die Vereinfachung der Klassengegensätze voflzog sich erst in der Epoche des Kapitalismus. (16)

Harris hat ohne Zweifel recht, wenn er betont, daß Klassen historisch objektive Größen darstellen, unabhängig davon, ob sich die Klassen dieser Tatsache bewußt sind oder nicht. Klassenorganisation und Klassenbewußtsein sind Merkmale moderner Klassen, wie sie sich seit dem Niedergang und Untergang des Feudalismus entwickelten. Die Klassen als historische Erscheinungen durchlebten selbst einen historischen Entwicklungsprozeß vom Niederen zum Höheren. In der antiken Gesellschaftsordnung, in der eine wirtschaftliche und soziale Vereinheitlichung fehlt, wie sie der Kapitalismus hervorgebracht hat, sind sogar regionale und temporale Unterschiede in der Bildung und Entwicklung von Klassen - etwa im Vergleich der antiken griechischen Stadtstaaten zum Römischen Imperium und im Römischen Imperium selbst - erkennbar.

Die antiken Sklaven besaßen niemals eine Klassenorganisation und ein Klassenbewußtsein. In größeren Sklavenaufständen ahmten sie die militärische Organisation der Herrschenden nach. In den beiden großen sizilischen Sklavenaufständen von 136 bis 132 und von 104 bis 101 v. u. Z. war den Sklaven, die sich vornehmlich aus den Gebieten des östlichen Mittelmeerraums rekrutierten, das hellenistische Königtum Vorbild und Muster. Es gab soziale Gruppeninteressen unter den Sklaven in der 'familia urbana', in der 'familia rustica' und in der 'familia Caesaris', um nur einige zu nennen. Es existierten soziale Ideen, die sie unter bestimmten Bedingungen zur Rechtfertigung ihrer Forderungen und sozialen Vorstellungen nutzten. Aber solche Ideen, wie etwa die politische Nutzung des Sonnengott- und des Zeitaltermythos, waren keineswegs nur auf Sklaven beschränkt.

Die Klassen bestehen in ihrem gesellschaftlichen Umfeld nicht friedlich nebeneinander. Zwischen einigen Klassen, die die Herrschaft ausüben oder an der Herrschaft beteiligt sind, bestehen objektiv bündnisartige Verbindungen, die von gemeinsamen Interessen bestimmt sind, wenn auch die besonderen Interessen dieser Klassen immer wieder zur Geltung kommen und unter bestimmten Umständen auch Konflikte hervorrufen können. Einen Mangel in der Klassendefinition von Harris sehe ich darin, daß die Ausbeutung und die Unterdrückung bestimmter Klassen nicht berücksichtigt wird und daß die Frage des Klassenkampfes nur in dem Sinne berührt wird, daß die antike Geschichte nicht auf eine Geschichte des Klassenkampfes reduziert werden könne. Eine positive Aussage, worin sich dennoch eigentlich antike Klassenkämpfe zeigen, findet sich nicht.

Eine Klassenharmonie gab es auch in der Antike nicht. Die unterschiedlichen Klasseninteressen hatten soziale Konflikte, Klassenkämpfe, zur Folge, auch wenn in der Antike wie in anderen Klassengesellschaften divergierende lnteressen von Personen und Gmppen innerhalb einer Klasse auch schwerwiegende Konflikte hervorrufen konnten. Eine unterdrückte, ausgebeutete Klasse ist die Lebensbedingung einer anderen Klasse, die sich den Produzenten und das Mehrprodukt oder den Mehrwert der ausgebeuteten Klasse aneignet. (17) Aber es wird häufig nicht beachtet, daß es ohne diesen Gegensatz auch keinen Fortschritt in der Gesellschaft gibt. (18 ) Solche Kämpfe waren die Aufstände der Sklaven in der Antike, auch wenn diese Aufstände niemals die gesamte Klasse erfaßten, auch wenn es unter den Sklaven in diesen Kämpfen unterschiedliche Zielvorstellungen gab. Der Kampf der verarmten, verschuldeten und nur über geringen Besitz verfügenden Plebejer in den "Ständekämpfen" der frühen römischen Republik gegen die Patrizier trägt Klassencharakter; Klassencharakter sehe ich auch in den Erhebungen römischer Provinzialbevölkerung, vor allem der unteren Schichten, gegen das durch den römischen Staat repräsentierte Ausbeutungs- und Unterdrückungssystem, obwohl in diesen Bewegungen auch andere Motive und Interessen mit berücksichtigt werden müssen. Friedrich Engels hob einmal hervor, daß es ein Gesetz der Arbeitsteilung sei, das der Klassenteilung zugrunde liege. (19) Gewiß sind in der Antike nicht alle politischen Kämpfe Klassenkämpfe, und Engels betonte ausdrücklich, daß diese Beurteilung mehr für die moderne Geschichte zutreffe. (20 ) Es ist also notwendig, die Klassen stets in ihrer spezifischen historischen Form zu sehen.

Lenin sah in der antiken Sklavereigesellschaft wie im Feudalismus ständische Klassen. Die Stände verkörpern Formen der Klassenunterschiede und setzen die Teilung der Gesellschaft in Klassen voraus. (21) Hier berücksichtigt Lenin wohl vor allem, was die Antike betrifft, die römischen Verhältnisse. Definiert man die Klassenstruktur der antiken Gesellschaftsordnung als eine ständische Klassenstruktur, so ergeben sich methodologische Schwierigkeiten, da es z. B. im antiken Griechenland keine rechtlich abgestuften Stände in den Poleis (vielleicht mit Ausnahme Spartas) gibt und da im Römischen Reich große Teile der Bürgerschaft nicht in den Ständen erfaßt wurden. Zumindest für die fortgeschritteneren unter den griechischen Stadtstaaten trifft eine ständische Einteilung nicht zu. Das antike Athen kennt beispielsweise keine Stände. Sieht man die Eupatriden als einen besonderen Stand an, so hatte dieser höchstens in der Zerfallspenode der Gentilordnung und in der Periode der Entstehung der Polis seine Bedeutung, später nicht mehr. Geomoren und Demiurgen waren dagegen nie Stände mit unterschiedlichen Rechten und entsprachen wohl mehr einer idealisierten Systematisierung der athenischen Frühzeit in der späteren Geschichtsschreibung. Eher könnte man die athenische in sich abgeschlossene Bürgerschaft im Ganzen im 5. Jahrhundert v. u. Z. als einen Stand ansehen, und so ist vielleicht die Bemerkung von K. Marx und F. Engels in der "Deutschen Ideologie" zu verstehen, wo sie ein Klassenverhältnis zwischen Bürgern und Sklaven formulierten. (22) Jedenfalls sind regionale Unterschiede in der Klassenstruktur zwischen dem antiken Griechenland und dem Römischen Imperium deutlich erkennbar.

Eine dem römischen Patriziat vergleichbare Abschließung der Aristokratie gab es in Athen nicht, auch keine der Plebs vergleichbare Schwurgemeinschaft, die der 'lex sacrata' entsprechen könnte. Während in Rom der Patriziat einen geschlossenen Stand darstellte, galt dies für die athenische Bürgerschaft im Ganzen etwa seit der Zeit des Kleisthenes, also seit dem Ende des 6. Jahrhunderts v. u. Z. Die athenische Bürgerschaft bildete sozial eine in sich geschlossene Minderheit, die auf der Isonomie beruhte. Aus dem athenischen Areopag wurde kein Senat, vergleichbar mit Rom.

Temporale und regionale Unterschiede in der Klassenstruktur und Klassenentwicklung finden sich im Römischen Reich. Die Klassen der frühen Republik sind andere als im spätrömischen Kaiserreich, und die antike Klassenstruktur etwa im römischen Ägypten und Syrien entsprach nicht derjenigen in Italien oder in Gallien.

Andererseits müssen wir auch präzisieren, daß die Ständeeinteilung in Rom nicht die gesamte Bevölkerung, auch nicht die gesamte Bürgerschaft erfaßte. Hinzu kommt, daß beispielsweise die Klassengrenzen in der frühen römischen Republik den Stand der Plebejer aufspalteten. Gehörten die wohlhabenden, reichen Plebejer, die um politische Gleichberechtigung mit den Patriziern, um die Beteiligung an der politischen Macht kämpften, denen die Aufhebung des Eheverbots mit den Patriziern gelang, zur gleichen Klasse wie die verarmten, verschuldeten und mittellosen Plebejer? Die sehr unterschiedlichen Forderungen beider Gruppen in den "Ständekämpfen" verdeutlichen die unterschiedlichen Klassen und ihre Positionen in einem Stand.

Ebenso ist zwischen Stand und Klasse der Unfreien, der Sklaven zu differenzieren. Zur Klasse der Sklaven rechne ich alle Unfreie, die in der Produktion, Werterhaltung und im Austausch materieller Güter tätig waren. Daneben gab es aber eine erhebliche Zahl von Sklaven, die als Aufseher, Verwalter, Sekretäre und vor allem in den staatlichen und kaiserlichen Ämtern Aufsichts-, Kontroll- und Ausbeuterfunktionen übernommen hatten. Letztere waren zwar auch der Willkür ihrer Besitzer unterworfen, gehörten zum Stand der Unfreien, doch zur Klasse der Sklaven würde ich sie nicht rechnen. Die Klasse der Sklaven schuf mit ihrer Arbeit die wesentlichen Voraussetzungen für die Existenz der herrschenden Klasse in der Antike.

Allerdings muß diese Aussage dahingehend präzisiert werden, daß sie nur für einige Jahrhunderte der Blütezeit der antiken Produktionsweise und nur für einige besonders romanisierte Territorien des Römischen Imperiums nachzuweisen ist. K. Hopkins verfällt demgegenüber in das entgegengesetzte Extrem, wenn er meint, es sei bedeutungslos, die Sklaverei als Grundlage der antiken Zivilisation anzusehen; in keinem Fall basiere sie mehr auf der Produktivität von Sklaven als auf der Produktivität anderer Arbeitskräfte. (23)

In der frühen römischen Republik finden sich etwa folgende Klassen:

- die Klasse der reichen Grundeigentümer und -besitzer, Nutznießer des 'ager publicus', im wesentlichen identisch mit dem Stand der Patrizier; sie eignen sich das Mehrprodukt ihrer bäuerlichen Klienten, der Tagelöhner, der Schuldknechte (nexi) und der Sklaven an. Diese Klasse erweitert und stabilisiert sich durch die Hinzunahme der Oberschicht der Plebs seit dem 4. Jahrhundert v. u. Z.;
- die Klasse der freien Kleinproduzenten, deren Eigentum im wesentlichen auf familienwirtschaftlicher Grundlage, kaum oder gar nicht auf der Grundlage der Sklavenarbeit, reproduziert wird;
- die Klasse der Tagelöhner und der abhängigen unbemittelten Arbeitskräfte;
- die entstehende Klasse der Sklaven, die sich seit dem 6. Jahrhundert v. u. Z. bildet und in einigen Zentren der antiken Gesellschaft Roms dann von etwa 200 v. u. Z. bis etwa 200 u. Z. vorherrscht.

Mit der zunehmenden römischen Expansion und der Bildung eines Römischen Reiches, das weite Teile des Mittelmeerraumes umspannte, differenzieren sich die Klassenverhältnisse; es gibt keine wirtschaftliche Einheit. Sie unterscheiden sich im Osten namentlich in den Gebieten, die vorher zu den hellenistischen Königreichen gehörten, von Territorien, die im Westen des Reiches lagen und die vor der römischen Eroberung noch keine eigene Klassengesellschaft gekannt hatten. In den östlichen Provinzen, in Ägypten, in Syrien und in Kleinasien hatten sich auch unter römischer Herrschaft Reste der altorientalischen (patriarchalischen) Klassengesellschaft erhalten, die sich auch auf die Klassenentwicklung auswirkten. Auch war das soziale Gewicht einzelner Klassen und Schichten im Gesamtverband des Römischen Reiches nicht einheitlich.

In großen Umrissen bestehen dann in der späten Republik und in der frühen Kaiserzeit folgende Klassen:

- die Klasse der Großgrundbesitzer, die im wesentlichen dem Senatoren- und zum Teil dem Ritterstand angehören und die sich das Mehrprodukt der Sklaven, Kolonen, Tagelöhner und abhängiger freier Arbeitskräfte aneignen;
- die Klasse der Eigentümer von mittelgroßen Villenwirtschaften auf städtischem Territorium, die vorwiegend dem Ritterstand und der Oberschicht des Dekurionenstandes angehören;
- die Klasse der reichen Eigentümer städtischer Werkstätten und anderer außerhalb der Landwirtschaft befindlichen Unternehmungen; dazu auch gehörig die Schicht der reichen Kaufleute des Fernhandels und Geldverleiher. Sie gehören vor allem dem Dekurionenstand an, zum geringeren Teil auch dem Ritterstand, den mittleren Schichten der Städte, soweit ihr Vermögen den Zensus des Dekurionenstandes nicht erreichte, und den Freigelassenen;
- die Klasse der städtischen und bäuerlichen freien Kleinproduzenten (plebs urbana und plebs rustica), unter denen die Kolonen eine besondere Schicht darstellen;
- die Klasse der freien und abhängigen Tagelöhner, Saisonarbeiter, Freigelassenen, die sich in Abhängigkeit vom Freilasser befinden.
- die Klasse der Sklaven.

Die Spätantike, die in die Übergangsepoche zum Feudalismus einmündet, ist wiederum dadurch gekennzeichnet, daß sich die traditionellen Klassenstrukturen der Antike zu verwischen beginnen, ohne daß sich neue feudale Klassenstrukturen bereits herausgebildet haben. Die antiken Klassenstrukturen werden unscharf. Wesen und Erscheinung dieser Übergangsepoche lassen sich oftmals nur unzureichend in Begriffen charakterisieren, die aus der Analyse voll ausgebildeter Klassengeselischaften, etwa des Kapitalismus, gewonnen sind. (24) Dabei ging es um eine Neuformierung von Gesellschaftsklassen, die zeitlich mehrere Jahrhunderte umfaßte. Der Übergang von der antiken Gesellschaftsordnung zum Feudalismus vollzog sich nicht nahtlos. Wir finden in dieser Übergangsepoche eine außerordentliche Dynamik und zugleich eine große Instabilität der Strukturen und Institutionen. Sklavereigesellschaft und germanische Gentilgeselischaft konnten nicht mehr weiter und nicht mehr nebeneinander bestehen. Aber erst zwischen dem 5. Jahrhundert und dem 8. Jahrhundert entstanden die Grundstrukturen des Feudalismus. Diese Ubergangsepoche ist daher von verschiedenen Zwischenstrukturen gekennzeichnet. Zu ihnen gehörten einmal die "freien Bauern" der germanischen Stammesverbände und der germanischen Königreiche, die weder eine Schicht in der Gentilgeselischaft noch eine Klasse der Feudalgesellschaft darstellten und die in sich sehr differenziert waren. Es fehlt in dieser Übergangsepoche eine stabile Gliederung der Gesellschaft in Klassen, ebenso findet sich noch keine stabile ökonomische Basis. Beides bildet sich erst heraus. Die germanischen Königreiche des 5. und 6. Jahrhunderts sind in diesem Sinne noch keine Klassengesellschaft und noch kein Staat. Beides bildet sich erst. Aus dem über Sklaven und Kolonen verfügenden Großgrundbesitzer wurde nicht über Nacht der Feudalherr; der spätantike Kolone, erst jetzt kann man von einer Institution des Kolonats sprechen, wurde nicht mit einem Sprung höriger Bauer und der Sklave nicht mit einem Mal ein feudal-abhängiger Leibeigener. Die Dynamik, die Mobilität der sozialen Veränderungen prägte sich in kurzlebigen instabilen sozialen Zwischenstrukturen aus.

Zu diesen Zwischenstrukturen gehören auch die sich immer mehr annähernden Sklaven und Kolonen, die sich in einem gemeinsamen Knechtsschaftsverhältnis angleichen. Desgleichen lassen sich auch die in den staatlichen 'fabricae' arbeitenden Sklaven und in Knechtschaft arbeitenden "freien" Handwerker nicht mehr unterscheiden. (25)

Wieder erscheint es mir notwendig, auf die Historizität des Klassenbegriffs hinzuweisen. Hinzu kommt, daß auch die Stände der römischen Antike in der Spätantike in Auflösung begriffen sind. E. Müller-Mertens hat durchaus recht, wenn er hervorhebt, daß Menschen vom Stande eines 'servus' in der Spätantike verschiedenen Klassen und Schichten angehören können. (26) Es gab Sklaven, die als Landarbeiter auf dem Großgrundbesitz tätig waren, andere Sklaven, die als quasi-Kolonen ein Grundstück bewirtschafteten und dem Großgrundbesitzer einen festgesetzten Anteil am Jahresertrag abzuliefern hatten; andere Sklaven besaßen einen Laden in der Stadt, und es gab Sklaven, die selbst Sklaven besaßen und eine große Zahl von Sklaven, die in Verwaltung und Leitungen Funktionen der herrschenden Masse ausübten. Ähnlich differenziert waren auch Sklaven in städtischen oder ländlichen Handwerkstätten, in den 'vici', in 'canabae', im Handelsgeschäft u. a. Stand und Klasse der Sklaven fielen in der Antike und erst recht in der Spätantike nicht zusammen.

Was sich in der Spätantike deutlich abzeichnet, ist ein in sich differenziertes und sehr dynamisches Knechtschaftsverhältnis, das die bisherigen Klassen- und Schichtengrenzen verwischt. In diesem Knechtschaftsverhältnis, dafür findet sich der Terminus 'condicio', das die bisherigen Klassengrenzen verwischt, finden wir Sklaven, die keine Sklaven mehr sind, Kolonen, die keine Kolonen der frühen Kaiserzeit mehr sind, und beide, Sklaven und Kolonen, sind noch keine feudalabhängigen Bauern. Soziale Termini werden unscharf, weil die soziale Wirklichkeit der Übergangsepoche die früheren Unterscheidungen hinfällig gemacht hat. Soziale Termini, die Sklaven und Kolonen bedeuten, werden austauschbar; weil sie auch in der sozialen Wirklichkeit austauschbar wurden, weil sie in der Ubergangsepoche eine Zwischenstruktur bilden. Ebenso gibt es in der Spätantike keine mit Sklaven und Kolonen arbeitende Großgrundbesitzeraristokratie mehr, die typisch für die frühe Kaiserzeit war. Die Grundherrschaft des Frühmittelalters bereitete sich vor.

Zu Beginn des 5. Jahrhunderts ließ die römische Großgrundbesitzerin Melania (die Jüngere), die über ein Jahreseinkommen von 1600 römischen Pfund Gold aus Besitzungen in Italien, Sizilien, Spanien, Britannien und Nordafrika verfügte, aus christlicher Überzeugung 8000 ihrer 24000 Sklaven frei, die anderen 16000 wollten nicht freigelassen werden. Allein in ihren italischen Besitzungen in der Nähe Roms besaß sie 60 Dörfer. Die Gesamtzahl ihrer Sklaven wird zwischen 50000 und 100000 geschätzt. (27) Es ist zu vermuten, daß sie wohl in erster Linie 'servi casati 'oder Quasi-'coloni' waren. In derselben Zeit suchten Kaiser durch Gesetze zu verhindern, daß Bauern, die vor "Barbaren" auf der Elucht waren, oder Gefangene, die man von ihnen freigekauft hatte, versklavt wurden. (28) Zur Zeit Justinians quälen sich Juristen mit spitzfindigen Erklärungen ab, um noch eine Unterscheidung zwischen Kolonen und Sklaven zu finden. (29) Wir können daher annehmen, daß die Termini 'coloni' und 'servi' austauschbar wurden, weil sie auch in der sozialen Wirklichkeit austauschbar wurden, weil sie in einem allgemeinen Knechtschaftsverhältnis eingebunden waren, aus dem schließlich der feudalabhängige Bauer hervorging.

Victor Vitensis, nordafrikanischer Bischof im 5. Jahrhundert, nannte die von den Vandalen drangsalierten und verfolgten katholischen Bischöfe einmal 'servi Vandalorum', dann 'rusticani' dann auch 'relegati colonatus iure'. (30 ) Der gallo-römische Schriftsteller Sidonius Apollinaris bezeichnete ein und denselben Abhängigen, der in seinem Haushalt lebte, in einem Atemzuge als 'originalis', 'inquilinus', 'tributarius' und 'colonus'. (31)

Die Sklaven gewinnen in der Spätantike eine zunehmend wirtschaftliche Selbständigkeit. In den germanischen Königreichen ziehen im 6. und 7. Jahrhundert bewaffnete 'servi' mit in den Krieg, ohne vorher formell freigelassen zu sein. Die Peculiarhaftung des Herrn für seine Sklaven schwindet, tritt zurück und wird schließlich ganz abgeschafft. Manche sozialen Termini kehren sich völlig um. Als 'ingenui' gelten im fränkischen Königreich im 6. Jahrhundert die Franken, nicht mehr die Romanen. Königliche Sklaven der Burgunder waren in ihrem Wehrgeld dem eines freien Stammesangehörigen gleichgesetzt.

Mit dem Klassen-Stände-Schichten-Modell der klassischen Antike kommen wir da nicht mehr zurecht.

Zunahme des Patroziniums (32), Verknechtung der Kolonen, Rückgang der Sklaverei, partieller Niedergang der Stadt, Zwangskorporationen im Handwerk, ungeheurer Reichtum auf der einen Seite, grenzenlose Verarmung auf der anderen Seite kennzeichnen die Sozialgeschichte der Spätantike. Die römische Staatskasse hatte große Mühe, den Geldforderungen Alarichs oder der Hunnen nachzukommen, dabei überstiegen die geforderten Summen nicht das Jahreseinkommen eines reichen Großgrundbesitzers.

Nunmehr bilden sich auf dem Lande große starke Produktionseinheiten, Voräufer einer mittelalterlichen Grundherrschaft, eben auch eine Zwischenstruktur.Der Großgrundbesitzer verfügte über alle wirtschaftlichen Mittel und über eineArt Militärgewalt zur Sicherung seiner Autorität. Auf diesen riesigen Besitzungen finden sich nicht nur Handwerker für die Herstellung landwirtschaftlicher Geräte, so hebt Palladlus in seinem 'opus agriculturae' um 410 die 'ferrarii ', 'ignarii', 'doliorum cuparumque factores' hervor (33), sondern auch Werkstätten verschiedener Art, die für den Markt produzierten. Märkte verlagern sich aus der Stadt auf die Güter. 'Precarium', 'autopragia' und patrocinium' bereiten das feudale Lehen vor. Es wurden Bedingungen für den Übergang zum Feudalismus geschaffen. Noch fehlt eine zusammenfassende Untersuchung über die sozialen Typenbegriffe in der lateinischen und griechischen Literatur der Spätantike. Aber vieles deutet darauf hin, daß z.B. die Termini eines Sklaven und eines Kolonen zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert einen persönlich abhängigen Gutsarbeiter bezeichnen, der über kein Eigentum an den Produktionsmitteln verfügte.

Die Übergangsepoche zum Feudalismus besaß Klassencharakter: aber die alten Klassen der antiken Gesellschaftsformation hatten ihre Bedeutung verloren, und die neuen Klassen der Feudalordnung bildeten sich erst heraus Es exi- stieren Zwischenstrukturen sowohl in der sich zersetzenden Gentilgeselischaft der Germanen als auch in der untergehenden antiken Gesellschaft. Sie sind durch Dynamik, Instabilität und Kurzlebigkeit gekennzeichnet. Am Ende dieser Übergangsepoche gehen aus ihnen die feudalen Klassen hervor

 

ANMERKUNGEN

Dazu Literatur in Auswahl: G. Alföldy, Die römische Gesellschaft, Stuttgart 1986. Ders., Römische Sozialgeschichte, 3. Aufl., Wiesbaden 1984, G. E. M. de Ste. Croix, The Class Struggle in the Ancient Greek World, London 1981. M. I. Finley, Ancient Slavery and modern Ideology, London 1980. Antike Abhängigkeitsformen in den griechischen Gebieten ohne Polisstruktur und den römischen Provinzen, hrsg. von H. Kreißig und F. Kühnen (= Schriften zur Geschichte und Kultur der Antike 25), Berlin 1985. E. M. Staerman, V. M. Smirin, N. N. Belova und J. K. Kolosovskaja, Die Sklaverei in den westlichen Provinzen des Römischen Reiches im 1.-3. Jahrhundert, Stuttgart 1987. A. Demandt, Die Spätantike. Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian 284 - 565 n.Chr, in: Handbuch der Altertumswissenschaft III.6, München 1989, vor allem S.272 - 321.
2 Forms of Control and Subordination in Antiquity, ed. by Tom Yuge and Masaoki Doi, Leiden - New York - Kobenhavn - Köln 1988,S. 598 - 61O.
3 S.598.
4 S.606, 599
5 S.602.
6 S.603.
7 5.604.
8 S. 605.
9 P. R. C. Weaver, Familia Caesaris. A Social Study of the Empperors Freedmen and Slaves, Cambridge 1972. G. Boulvert, Domestique et fonctionnaire sons le Haut-Empire romain. La condition de l'affranchi et de l'esclave du prince, Paris 1974. Ders., Les esclaves et les affranchis imperiaux sous le Haut-Empire romain: rôle politique et administrativ, Neapel 1970. H. Chantraine, Freigelassene und Sklaven im Dienst der römischen Kaiser. Studien zu ihrer Nomenklatur, Wiesbaden 1967. J K. Kolosovskaja, Die Sklaverei in den Donauprovinzen, in: F. M. Staerman, V. M. Smirnin, N. N. Belova und J. 1K. Kolosovskaja (wie Anmerkung 1) S.240-262.
10 Vgl. G. Alföldy, Soziale Stmkturen im Imperium Romanum, in: G. Alföldy, Die römische Gesellschaft, WiesbadenI
11. V. I. Lenin, Der ökonomische Inhalt der Volkstümlerrichtung und die kritik in dem Buch des Herrn Struve, in: V. I.. Lenin, Werke, Bd. 1, Berlin 1963, S. 425 f.
12 V I. Lenin, Perlen volkstümlerischer Projektemacherei in: V I. Lenin, Werke, Bd. 2, Berlin 1961, S.4 71.
13 V. I. Lenin, Vulgärsozialismus und Volkstümlerei, wiederbelebt durch die Sozialrevolutionäre, in: V. I. Lenin, Werke, Bd. 6, Berlin 1959, S. 256.
14 V. I. Lenin, Die große Initiative, in: V. I. Lenin, Werke, Bd. 29, S. 410.
15 V. I. Lenin, Über den Staat, in: V. I. Lenin, Werke, Bd. 29, S. 466.
16 K. Marx, F. Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: Marx-Engels Werke, Bd. 4, Berlin 1959,S. 463.
17 K. Marx, Das Elend der Philosophie, in: Marx-Engels Werke, Bd. 4, S.181.
18 K. Marx, Das Elend der Philosophie, S. 91 f.
19 F. Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Marx-Engels W'erke, Bd 19, Berlin 1962, S. 225.
20 F. Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: Marx-Engels Werke, Bd. 21, Berlin 1962, S. 300.
21 V. I. Lenin, Das Agrarprogramm der russischen Sozialdemokratie, in: V. I. Lenin, Werke, Bd. 6, Berlin 1959, S.103. Ders., Perlen volkstümlerischer Projektemacherei, in: V. I. Lenin, Werke, Bd. 2, S. 471.
22 Marx-Engels Werke, Bd. 3, Berlin 1962, S. 23.
23 K. Hopkins, Slavery in Classical Antiquity, in: CIBA Foundation Symposium in Caste and Race, London 1967, S. 172.
24 J. Herrmann, Allodismus, gentilpolitische Institutionen und Stammesstaaten, in: Eigentum. Beiträge zu seiner Entwicklung in politischen Gesellschaften, hrsg. von J. Köhn und B. Rode, Weimar 1987, S.184.
25 N. Charbonnel, La condition des ouvriers dans les ateliers imeériaux au IVe et Ve siècle, in: Travaux et recherches de la Fac. de droit de Paris, Sér. Sciences Historiques 1, 1964, S. 61 - 93.
26 E. Müller-Mertens, Servus/Sklave - Klasse oder Stand? Reflexion auf terminologische Probleme der Feudalismusanalyse, in: Feudalismus - Entstehung und Wesen (= Studienbibliothek DDR - Geschichtswissenschaft 4), Berlin 1985, S. 313.
27 Dazu vgl. M. 1. Finley (Anmerkung 1), S. 123; A. Demandt (Anmerkung 1), S. 285, 291 f.
28 Codex Theodosianus 10, 10, 25; 5, 7, 2; 5, 6, 3.
29 Codex lustinianus 11,48, 21, 1 (530).
30 Victor Vitensis, Historia persecutionis Africanae provinciae 1, 14; 2, 10; 3, 20.
31 Sidon. Apoll., epist. 5, 19 (um 468/469 geschrieben).
32 J. - U. Krause, Spätantike Patronatsforrnen im Westen des Rönuschen Reiches, München 1987. Ders., Das spätantike Städtepatronat in: Chiron 17,1987,S. 1 - 80..
33 Palladins, opus agriculturac 7, 1. Palladius erwähnt, wenn er von Sklaven handelt, nur Haussklaven.

 

IV. Inhaltsverzeichnis und Einleitung aus: Horst Dieter, Rigobert Günther, Römische Geschichte bis 476. Mit 113 Abbildungen und 10 Karten. Berlin 1990 3.

[Die Umschrift slwischer oder einige Sonderzeichen anderer europäischer Sschriftem könen hier nicht angemessenwiedergegeben werden; d. Hg.]

 

A. INHALTSVERZEICHNIS.

1. Einleitung.

2. Entstehung und Konsolidierung des römischen Staates.
2.1. Altitalien an der Wende vom 2. zum 1. Jt. v. u. Z.
2.2. Latium und die "sieben Hügel" von der ältesten Besiedlung bis zur Entstehung der Stadt Rom.
2.3. Der älteste römische Staat. Die Kurienordnung.
2.4. Die Sklaverei im ältesten Rom.
2.5. Klassenkampf und Ständekampf. Patriziat und Plebs.
2.6. Die Eroberung Italiens.
2.7. Die wirtschaftlichen Verhältnisse Italiens bis zum Beginn des 3.. Jh. v.u.Z.
2.8. Die frühe römische Kultur.

3. Die Entstehung der römicshen Großmacht.
3.1. Die Auseinandersetzungen zwischen Rom und Karthago. Der erste Punische Krieg.
3.2. Roms Innen- und Außenpolitik zwischcn dem ersten und zweiten Punischen Krieg.
3.3. Der zweitc Punische Krieg.
3.4. Die römische Expansion in das östliche Mittelmeergebiet und der dritte Punische Krieg.
3.5. Der römische Staat um die Mitte des 2. Jh. v. u. Z.
3.6. Die wirtschaftlichen Verhältnisse Italiens in der Zeit der Punischen Kriege.
3.7. Die römische Kultur im 3. und 2. Jh. v. u. Z.

4. Die Verschärfung des Klassenkampfes im Imperium Romanum. Der Weg zur Militärdiktatur .
4.1. Der erste sizilische Sklavenaufstand und die Erhebung des Aristonikos. Die Gracchenbewegung.
4.2. Die römische Außenpolitik in den letzten Jahrzehnten des 2. Jh. v. u. Z. Der Jugurthinische Krieg. Einfälle der Kimbern und Teutonen.
4.3. Der zweite sizilische Sklavenaufstand und die Bewegung des Saturninus.
4.4. Der Bundesgenossenkrieg und die Diktatur Sullas.
4.5. Der Spartacusaufstand.
4.6. Die Politik des Pompeius und des Cicero. Die Verschwörung des Catilina.
4.7. Das erste Triumvirat und die Politik Caesars. Die Eroberung Galliens.
4.8. Die Diktatur Caesars. Die Bürgerkriege des zweiten Triumvirats und der Untergang der Republik.
4.9. Die wirtschaftlichen Verhältnisse im letzten Jahrhundert der Republik.
4.10. Die römische Kultur von der Gracchenzeit bis zum Untergang der Republik.

5. Die frühe römische Kaiserzeit. Der Prinzipat.
5.1. Die Entstehung des Kaiserreichs und der Klassencharakter des Prinzipats.
5.2. Der Prinzipat bis zur Mitte des 1. Jh.
5.3. Der Prinzipat in der zweiten Hälfte des 1. Jh.
5.4. Politische Ideologie und Kultur im Prinzipat bis zum Ende des 1. Jh.
5.5. Die wirtschaftliche Entwicklung im Prinzipat bis zum Ende des 1. Jh.
5.6. Die politische Entwicklung des Prinzipats im 2. Jh.
5.7. Die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im 2. Jh.
5.8. Die kulturelle Entwicklung im 2. Jh.
5.8.1. Die Verbreitung orientalischer Kulte und die Entstehung des Christentums
5.9. Die gesellschaftliche Krise im 3. Jh. Der Untergang des Prinzipats.
5.9.1. Die politische Entwicklung bis zum Untergang des Prinzipats
5.10. Die kulturelle Entwicklung in der Krise des 3. Jh.

6. Die spätrömische Kaiserzeit. Der Dominat.
6.1 Die Grundlagen des Dominats.
6.2. Die Zeit Diokletians und Konstantins I.
6.3. Von den Nachfolgern Konstantins I. bis zum Ende des 4. Jh.
6.4. Die kulturelle Entwkklung im Dominat bis zum Ende des 4. Jh.
6.5. Der Untergang des Weströmischen Reiches.
6.6. Die germanischen Staatenbildungen auf römischem Boden in der Völkerwanderungszeit.
6.6.1. Der Staat der Burgunder.
6.6.2. Die Staaten der Westgoten und der Sueben .
6.6.3. Der Staat der Vandalen.
6.6.4. Der Staat Odoakers und der Ostgoten.
6.6.5. Das Frankenreich.
6.7. Das Oströmische Reich (Byzanz) bis zur Zeit Justinians.

7.Anhang.
7.1.Quellen- und Literaturübersicht (empfehlende Bibliographie).
7.1.1.Die wichtigsten literarischen Quellen (Textausgaben und deutsche Übersetzungen).
7.2. Arbeiten der Klassiker des Marxismus-Leninismus.
7.3. Nachschlagewerke.
7.4. Allgemeine Darstellungen.
7.5. Die wichtigsten Periodica der DDR, die althistorische Arbeiten enthalten.
7.6. Spezielle Literatur.
7.7. Verzeichnis der Tafelabbildungen.
7.8. Kartenverzeichnis.
7.9. Tabelle der Maße und Münzen.
7.10. Zeittafel.
7.11. Personen- und Sachregister.

 

B. EINLEITUNG.

Die Geschichte des römischen Staates ist ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte der antiken Sklavereigesellschaft. Rom nutzte die Erfahrungen seiner Vorgänger im Vorderen Orient sowie vor allem der Etrusker, Griechen und Karthager und entwickelte sie weiter; es bildete für Jahrhunderte das Zentrum dieser ökonomischen Gesellschaftsformation. Auf der Grundlage der auf Sklaverei beruhenden Produktionsweise schöpfte Rom alle Möglichkeiten gesellschaftlicher Entwicklung aus; die Geschichte Roms steht für Jahrhunderte synonym für die Geschichte einer ganzen Gesellschaftsordnung. Rom prägte das Antlitz seiner historischen Epoche. In der materiellen wie geistigen Kultur schuf es wie Griechenland und die hellenistische Staatenwelt Werte, die zum kulturellen Erbe gehören und bis in die Gegenwart nachwirken.

(Vom Stadtstaat zum Weltreich) Stand am Anfang der antiken Sklavereigesellschaft der Stadtstaat, die griechische Polis, so war im Verlaufe ihrer Entwicklung ein riesiges Weltreich entstanden, das Imperium Romanum, das von der Biskaya bis nach Mesopotamien, von Schottland bis zur Sahara und zum Sudan reichte. Dazwischen lag die Zeit des Hellenismus, in der versucht wurde, den Stadtstaat mit dem große Flächen umspannenden Staat zu verbinden. Da aber in den hellenistischen Reichen das ökonomische und soziale Erbe der altorientalischen Klassengesellschaft auf dem Lande kaum verändert wurde, erwiesen sie sich letztlich als zu instabil und mußten Rom weichen, das die letzte und höchste Entwicklungsstufe der Sklavereigesellschaft darstellte, wo der Sklave Hauptproduzent aller materiellen Güter wurde. Bildete die Arbeit der freien Bauern, Handwerker und Sklaven eine wichtige Voraussetzung für den Aufschwung der antiken Gesellschaft innerhalb der stadtstaatlichen Ordnung, so führten das Anwachsen der Sklaverei, die Entfaltung der Ware-Geld-Beziehungen, die zunehmende Arbeitsteilung, die sich zuspitzenden sozialen Widersprüche und die allmählich einsetzende hemmende Rolle der Produktionsverhältnisse zur Krise und schließlich zur Überwindung des Stadtstaates und des Hellenismus.

(Klassenkampf) Die Geschichte Roms war in hohem Maße eine Geschichte von Klassenkämpfen, von heroischen Aktionen der Volksmassen, die auch am Untergang des römischen Staates maßgeblich beteiligt waren. Sie drängten in der frühen Geschichte dieses Stadtstaates die herrschende Klasse dazu, ihre progressive Rolle wahrzunehmen; sie sind zusammen mit der herrschenden Klasse die Schöpfer dieses Staates. Die Klassen-und Ständekämpfe der frühen Republik trugen zur Ausformung der Spezifik von Ökonomie, Politik und Kultur der römischen Gesellschaft im stadtstaath.chen Rahmen und noch darüber hinaus bei. Die Volksmassen waren es auch, die schließlich diesen Staat entscheidend erschütterten und den Sieg einer höheren Gesellschaftsordnung ermöglichten. Die Kämpfe zwischen Sklaven und Sklavenbesitzern, zwischen freien Kleinproduzenten und Großgrundbesitzern, zwischen Schuldnern und Gläubigern, zwischen römischen Landmagnaten und der ausgebeuteten Bevölkerung in den Provinzen und nicht zuletzt zwischen Römern und Barbaren bildeten die hauptsächlichen Triebkräfte in diesem langwierigen Prozeß. Wenn auch der Spartacusaufstand noch keine revolutionäre Umwälzung einleitete, so erschütterte er doch die bestehende politische Ordnung und trug zusammen mit anderen Kräften zum Untergang der republikanischen Staatsordnung bei. In Rom erreichten die sozialen Widersprüche einen Höhepunkt; die Produktions- und Eigentumsverhältnisse wurden im römischen Imperium vielfältig und weitgehend entwickelt. Im Ergebnis der Klassen- und Ständekämpfe der frühen Republik erhielt eine breite Masse freier Bürger den Zugang zum privaten Eigentum am Boden; sie verhinderten, daß die Patrizier ihren Anspruch, einzige vollberechtigte römische Eigentümer zu sein, aufrechterhalten konnten.

(Rom und seine Umwelt) Die frühe römische Geschichte, die Entstehung des römischen Stadtstaares, ist tief eingebettet in die Geschichte Altitaliens. Etrusker, die griechischen Stadtstaaten Süditaliens sowie die umbrisch-sabellischen Stämme standen in Beziehungen zu dem zunächst noch kleinen Gemeinwesen am Unterlauf des Tibet, das im 6. Jh. v. u. Z. unter etruskischer Herrschaft den Namen Roma erhielt. Etruskische wie griechische Städte, in denen sich bereits klassengesellschaftliche Strukturen herausgebildet harten, übten einen bedeutenden Einfluß auf den entstehenden römischen Stadtstaat aus. Im Gegensatz zu Athen und anderen griechischen Städten können wir in Rom die kontinuierliche, organische Herausbildung der Klassengesellschaft und die Entstehung des Staates aus der sich zerserzenden Urgesellschaft nicht so deutlich fassen. Schon die ältesten Überlieferungen vermitteln kein klares Bild mehr von der römischen Gentilordnung, weil Rom von dem Zeitpunkt an, als es in das Licht der geschichtlichen Überlieferung tritt, sich in den Quellen bereits als etruskische Koloniegründung mit klassengesellschaftlichen Merkmalen darstellt. Nach der Beseitigung der etruskischen Königsherrschaft gegen Ende des 6. Jh. v. u. Z. wurde der latinisch-sabinischen Aristokratie, den Patriziern, in Rom der Weg zur Macht geebnet.

Die republikanische Staatsform entsprach der inneren Kräftekonstellation in Rom und war der adäquate Ausdruck für die ökonomisch und politisch beherrschende Stellung der Aristokratie im Rahmen des Stadtstaates. Diese Staatsform erfüllte die Aufgaben zur Leitung und Kontrolle eines überschaubaren Territoriums mit einer Wirtschaft, die noch auf unentwickelter Sklaverei und auf der Kleinproduktion freier Bauern und Handwerker beruhte. Nach der Vertreibung der Etrusker brauchte Rom rund 100 Jahre, um sich seinen Nachbarn gegenüber zu behaupten.

(Roms Expansion) In nicht ganz weiteren 150 Jahren unterwarf es alle Städte und Stämme Italiens. In dieser Zeit entwickelte und festigte sich die auf Sklaverei beruhende Produktionsweise, bis sie etwa seit dem Beginn des 2. Jh. v. u. Z. das gesamte gesellschaftliche Leben beherrschte. Nach der Eroberung Italiens führte Rom einen mehr als hundertjährigen Kampf gegen seinen bedeutendsten Rivalen im westlichen Mittelmeer, gegen Karthago. In drei Kriegen unterwarf es weite Teile des westlichen Mittelmeerraums, Karthago wurde zerstört; in mehreren Kriegen wurde Rom auch Herr des östlichen Mittelmeeres. Massen von versklavten Kriegsgefangenen, Frauen und Kinder eingeschlossen, dazu viele von Piraten verschleppte und auf Sklavenmärkten verkaufte Menschen förderten zeitweilig die Extensivierung der römischen, auf Sklaverei beruhenden Wirtschaft, die Bildung großer Latifundien, von denen sich die überwiegend mit Sklaven wirtschaftenden Großgrundbesitzer eine Erweiterung ihres Mehrprodukts erhofften. Diese Latifundien jedoch erwiesen sich bald als wenig rentabel, sie waren nur wenig mit dem Markt verbunden und bedeuteten nicht zuletzt durch die Konzentration zahlreicher Sklaven zunehmend eine Gefahr für den Staat. Zukunftsträchtiger erwies sich für die herrschende Klasse der Weg der Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion auf den kleineren und mittelgroßen Villenwirtschaften, die auf städtischem Territorium lagen, enger mit dem Markt verbunden waren und in denen eine kleinere, dafür aber überschaubare und leicht zu kontrollierende Zahl von Sklaven arbeitete, die durch Arbeitsteilung, Qualifizierung, Spezialisierung und kontinuierliche Tätigkeit über das ganze Jahr dem Sklavenbesitzer ein hohes Mehrprodukt zuführten. Dagegen ging die Zahl der freien kleinen Bauemwirtschaften Italiens zurück, ohne jedoch völlig an Bedeutung einzubüßen.

(Volksbewegungen) Im Zusammenhang mit den seit der Mitte des 2. Jh. v. u. Z. sich zuspitzenden sozialen Widersprüchen und den sich daraus ergebenden Klassenkämpfen sah sich der römische Staat, der trotz aller territorialen Expansion in seiner politischen Struktur ein Stadtsraat geblieben war, vor komplizierten Situationen. Die herrschende Klasse konnte ihnen nur begegnen, wenn sie sich über die traditionellen Formen bisheriger Machtausübung hinwegsetzte. Diese Formen reichten nicht mehr aus, die Existenz des Staates, der von mächtigen Volksbewegungen erschüttert wurde, im bisherigen Rahmen zu gewährleisten; nur unter Aufbietung aller militärischen Kräfte wurde Rom der Sklavenkriege Herr. Provinzen standen gegen die römische Unterdrückung auf. Mit Terror und in Straßenkämpfen zwang die Senatsarisrokratie die Volksbewegung der landlosen und landarmen Bauern und der verarmten städtischen Bürger in Italien nieder. Nur mit Hilfe von Kompromissen und durch raffinierte diplomatische Methoden bezwang die herrschende Klasse die italischen "Bundesgenossen", die nicht mehr länger als Menschen zweiter Klasse hinter den römischen Bürgern zurückstehen wollten. In römisches Gebiet eingedrungene germanische Stämme konnten erst nach schweren Kämpfen und Niederlagen bezwungen werden.

(Enstehung der anziken Militärdiktatur) Die republikanische Ordnung wurde ein Hemmnis für die weitere gesellschaftliche Entwicklung, die zur Errichtung einer antiken Form der Militärdiktatur drängte, wofür die Heeresreform des Marius, die Formen der Alleinherrschaft Sullas, des Pompeius und Caesars und das Triumvirat Octavians, Antonius' und Lepidus' Voraussetzungen schufen. Während der Bürgerkriege Caesars lag die römische Republik in der Agonie, bis Octavian und Antonius ihr schließlich den Todesstoß versetzten.

(Übergang zum Kaisereich) Mit dem Übergang zum Kaiserreich vollzogen sich notwendige Veränderungen in der politischen Ordnung; es handelte sich aber dabei stets um Veränderungen im Rahmen der gegebenen Gesellschaftsordnung, innerhalb der Sklavereigeselischaft. Sie hatten nicht die Bedeutung einer sozialen und politischen Revolution. Noch war es möglich, mit Veränderungen der Machtstruktur der Krise Herr zu werden. Im 3. Jh. u. Z. war dieser Weg nicht mehr gangbar.

(Grundlagen des Prinzipats) Das frühe römische Kaiserreich, der Prinzipat, befriedigte die politischen des Prinzipars Bedürfnisse der herrschenden Klasse, die in der Sicherung und dem Ausbau ihrer politischen Macht bestanden, besser als die Republik. Repräsentierte in der Republik allein die Senatsaristokratie die politisch herrschende Klasse, so konnten Augustus und die folgenden Kaiser nicht umhin, alle Kreise der heterogenen Klasse der Sklavenbesitzer an der weiteren Entwicklung des Staates zu interessieren und neue Aktivitäten dafür auszulösen. Sonderrechte von Gruppierungen innerhalb der herrschenden Klasse galt es im Interesse der Klasse als Ganzes zu eliminieren, obgleich dieser Prozeß nur langsam in Gang kam. Der Prinzipat beruhte auf dem politischen Bündnis zwischen kaiserlicher Zentralgewalt, Senatsaristokratie, Ritterschaft und Munizipalaristokratie und auf der Ausbeutung der Sklaven sowie der freien und abhängigen Kleinproduzenten. Er verband sich mit wesentlichen Zügen der antiken Militärdiktatur, und zunehmend bestimmte das Heer, wer Herrscher sein sollte. Die republikanischen Staatsämter wurden zwar beibehalten, verloren aber als Träger politischer Macht ihre Bedeutung und wurden mehr und mehr Ehrenämter. Die Urbanisation der Provinzen förderte maßgeblich die Romanisierung des Reiches und trug entscheidend dazu bei, die auf Sklaverei beruhende Produktionsweise in den neu eroberten Gebieten, besonders in den Westprovinzen, zu verbreiten. Die ersten 200 Jahre des Prinzipats waren eine Zeit der erneuten, relativen Festigung der auf Sklaverei beruhenden Produktionsverhältnisse, die sich in den einzelnen Provinzen unterschiedlich durchsetzten. Die Wirtschaft erlebte einen Aufschwung, der Handel erreichte die entferntesten Provinzen, und römische Waren wurden darüber hinaus weit jenseits der Grenzen des Reiches gehandelt. An die Stelle der unzähligen Sklaven, die auf den Großgütern, den Latifundien, arbeiteten, begannen schon seit dem 2. Jh. v. u. Z. allmählich Pachtbauernwirtschaften zu treten, die von Kolonen bewirtschaftet wurden und in denen sich das System des Großgrundeigentums mit der abhängigen Kleinwirtschaft verband. Gegen Ende des 1. Jh. u. Z. hatte sich der Kolonat in Italien und in einigen Provinzen, vor allem in Nordafrika, durchgesetzt; aber der Kolonat bedeutete ursprünglich noch nicht die Krise der Sklaverei; er entwickelte sich neben den Villenwirtschaften und verbreitete sich dort erst in der späten Kaiserzeit. Auch besaßen anfänglich noch viele Kolonen eigene Sklaven. Nur eine Form der Sklaverei hatte sich als nicht mehr entwicklungsfähig erwiesen, und an ihre Stelle trat allmählich der Kolonat.

(Krise der Sklaverei) Gegen Ende des 2. Jh. u. Z. entwickelte sich die allgemeine Krise der auf der Sklaverei Sklaverei beruhenden Gesellschaftsordnung im Römischen Reich. Die Periode progressiver Entwicklung des Kolonats ging zu Ende; die Kolonen verschuldeten und wurden mehr und mehr vom Großgrundbesitzer persönlich abhängig. Gleichzeitig begann ein Prozeß, der zur sozialen Nivellierung aller ausgebeuteten Klassen und schließlich zu ihrer sozialen Assimilation führte, ohne daß damit bestehende rechtliche Unterschiede aufgehoben wurden. Die Städte verarmten und verschuldeten; die Finanzen waren zerrüttet, die militärische Kraft wurde schwächer. Die Sklaverei verlor ihre bis dahin überragende wirtschaftliche und soziale Bedeutung. Allmählich begann sich auch das politische Bündnis zwischen den einzelnen Schichten der herrschenden Klasse aufzulösen: Die Munizipalaristokratie verlor mit dem Niedergang der Stadt und der Sklaverei ihre Bedeutung, und es begannen die für das 3. Jh. typischen Auseinandersetzungen zwischen der Munizipalaristokratie und der Großgrundbesitzeraristokratie, die ihre Güter aus den städtischen Territorien nach dem Vorbild der kaiserlichen Domänen herausgelöst hatte.

(Kampf zwischen Großgrundbesitzer- und Munizipalaristokratie) In der Krise des 3. Jh. brach die politische Ordnung des Prinzipats zusammen. Die Großgrundbesitzeraristokratie ging aus den Kämpfen als Sieger hervor; sie wurde aber nicht zum Vorkämpfer für neue Eigentumsverhältnisse, sondern suchte unter allen Umständen die Verhältnisse des Kolonats und der Sklaverei zu erhalten. Die Munizipalaristokratie büßte ihre ökonomische und politische Vorrangstellung ein; die Sklavenbesitzer und die Sklaven bildeten nicht mehr die Hauptklassen der Gesellschaft. Wie am Ende der Republik, versuchte die herrschende Klasse durch eine erneute Veränderung der politischen Struktur die Krise zu überwinden. Aber es handelte sich jetzt nicht nur um eine Krise der politischen Ordnung, sondern um eine allgemeine, gesamtgesellschaftliche Krise, die durch bloße Strukturveränderungen der politischen Macht nicht mehr behoben werden konnte.

(Grundlagen des Dominats) Ende des 3. Jh. begann die Periode des späten römischen Kaiserreichs, des Dominats; herrschende Klasse wurde allein die Großgrundbesitzeraristokratie. Die Produktionsweise der Spätantike entsprach der einer untergehenden Sklavereigesellschaft mit Elementen künftiger feudaler Produktionsverhältnisse. Ausgebeutete Klassen waren die eingeschränkt selbständig wirtschaftenden Kolonen und die Sklaven, die sich, betrachten wir ihre Stellung im Produktionsprozeß und ihre soziale Lage, allmählich den Kolonen annäherten; ihr rechtlicher Status blieb unverändert. Der spätantike Kolonat modifizierte zwar die noch bestehenden antiken Eigentumsverhältnisse, veränderte sie aber nicht grundsätzlich, und er blieb daher ein Bestandteil der untergehenden Sklavereigesellschaft. Im 4. und 5. Jh. nahmen die Klassenkämpfe in verschiedenen Provinzen des Ostens wie des Westens den Charakter umfassender Volksbewegungen an. Vereinzelt trat die aufständische bäuerliche Landbevölkerung auch für die Stärkung ihrer bäuerlichen Besitzrechte gegenüber den Großgrundeigentümern auf. Zur Unterdrückung der Klassenkämpfe und zur Abwehr der äußeren Gegner gelangte die antike Form der Militärdiktatur auf die höchste Stufe ihrer Entwicklung. Unterschiedliche Entwicklungen im Osten und im Westen des Imperium Romanum führten im 4. Jh. zur Teilung in ein Oströmisches und ein Weströmisches Reich, wenn auch staatsrechtlich die Fiktion der Reichseinheit beibehalten wurde.

(Germanen im Weströmischen Reich) Im 5. Jh. traten germanische und andere Stämme und Stammesverbände an die Stelle der früheren Volksbewegungen. Sie zwangen dem weströmischen Weströmisehen Staat für sie vorteilhafte Foederatenverträge ab und erlangten im Verlaufe des Jahrhunderts ihre politische Unabhängigkeit.

(Untergang Westroms) Ein Aufstand der germanischen Söldnertruppen in Italien, die die Aufteilung des Großgrundbesitzes und Untergang bäuerliche Besitzrechte am Land für sich forderten, führte im Jahre 476 das Ende des weströmischen Staates herbei. Die Masse der freien germanischen Bauern und Söldner widerstand im 5. Jh. den Versuchen des untergehenden Weströmischen Reiches, sie zu assimilieren und zu romanisieren, um sie in die römische Gesellschaft zu integrieren. Sie übernahmen von der römischen Sklavereigesellschaft gesellschaftliche Strukturelemente, die sie für ihre eigene staatliche und wirtschaftliche Entwicklung nutzen konnten, grenzten sich jedoch von Rom ab, nicht zuletzt durch die Übernahme des Arianismus. Diese werdende Klasse freier Kleinproduzenten veränderte schließlich die Produktions- und Eigentumsverhältnisse so gründlich, daß sie die bedeutendste revolutionäre Kraft wurde, die schließlich dem Neuen zum Durchbruch verhalf. Auch dort, wo sich die Volksbewegungen zur Rechtfertigung ihres Kampfes auf gesellschaftliche Lehren stützten, in denen es um die Wiederherstellung vergangener sozialer Zustände ging, trug dieses Ideengut dennoch fortschrittlichen Charakter, da der Kampf der Volksmassen dem objektiven historischen Prozeß entsprach.

Der Untergang der antiken Sklavereigesellschaft fiel nicht mit dem Sturz des letzten weströmischen Kaisers zusammen. Wohl bedeutete das Jahr 476 eine Zäsur, aber der Untergang der alten Ordnung war damit nicht abgeschlossen, die Ühergangsepoche zum Feudalismus hatte erst begonnen. Gegen Ende des 6. Jh. war die alte Gesellschaft endgültig überwunden und der Weg frei für den kraftvoll einsetzenden Feudalisierungsprozeß.

(Epoche der sozialen Revolution) In einer sozialen Revolution der freien und abhängigen Kleinproduzenten entstand im Verlaufe von etwa 400 Jahren die Gesellschaftsordnung des Feudalismus. Zur führenden gesellschaftlichen Kraft wurde in dieser Epoche der sozialen Revolution das germanische Königtum und seine Aristokratie; ein Teil der herrschenden Klasse der untergehenden Sklavereigesellschaft paßte sich den sozialen Veränderungen an und wurde ebenfalls Bestandteil der neuen herrschenden Klasse. Im 6./7. Jh. war die Frage: "Wer- Wen?", die Frage nach der neuen politischen Macht in dieser sozialen Revolution im Interesse der entstehenden Feudalklasse entschieden worden. Zwar gab es auch im Feudalismus - sogar bis in die Neuzeit - Reste von Sklaverei, die aber im gesamtgesellschaftlichen Rahmen bedeutungslos blieben.

Die neue herrschende Klasse formierte sich im Untergangsprozeß zweier Gesellschaftsordnungen, der Sklavereigesellschaft und der Gentilordnung, und entstand selbst erst im Verlaufe des Feudalisierungsprozesses.

(Ursachen der Größe Roms) Roms Beitrag zur Weltgeschichte und seine Größe lagen darin, daß sich die herrschende Klasse, gedrängt durch die Aktionen der Volksmassen, über die sozialen Widersprüche kompromißlos hinwegsetzte und die Möglichkeiten der auf Sklaverei beruhenden Gesellschaftsordnung voll ausschöpfte. Rom fand den für eine Sklavereigesellschaft einzig gangbaren Weg, um vom Stadtstaar zu einem hochentwickelten, über ein halbes Jahrtausend stabilen Großreich zu gelangen, das Möglichkeiten für die Entwicklung der Produktivkräfte bot, bis der Charakter der Produktionsverhältnisse die endgültige Schranke darstellte, innerhalb derer es keine Weiterentwicklung mehr gab. Dabei übernahm Rom Erfahrungen der hellenistischen Königreiche, ohne durch die dort weiterbestehenden altorientalischen Produktionsverhältnisse auf dem Lande behindert zu sein.

(Entstehung neuer Völker und Staaten) In der Übergangsepoche zum Feudalismus entstanden in Europa Völker und Staaten, die für die Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit von wesentlicher Bedeutung sein sollten.

(Marxistische Geschichtsschreibung) Auf den vorangegangenen Seiten wurde eine Hauptlinie der marxistischen Interpretation der römischen Geschichte gezeichnet; sie fußt vor allem auf Erfahrungen und Forschungen sowjetischer Historiker. An Arbeiten, z. B. von E. S. Golubcova, S. I. Kovalev, A. R. Korsunskij, V. I. Kuziscin, G. L. Kurbatov, N. A. Maskin, A. V. Misulin, F. M. Necaj, A. I. Pavlovskaja, M. E. Sergeenko, E. M. Staerman, Z. I. Udalcova und von S. L. Utcenko, orientiert sich die internationale marxistische Erforschung der römischen Geschichte. Hinzu kommen weitere wichtige Anregungen von Gelehrten aus anderen sozialistischen Ländern. Unterschiedliche Auffassungen und einen Meinungsstreit gibt es zu verschiedenen Problemen, etwa über die Bewertung der großen Sklavenaufstände der späten Republik als einer frühen Erscheinungsform der sozialen Revolution (S. L. Utcenko), über die Bedeutung des städtischen und außerstädtischen Grundeigentums für die Krise der antiken Eigentumsverhältnisse (E. M. Staerman), über das Problem der Revolution in der Spätantike (A. R. Korsunskij), über die Entwicklung der Klassenstruktur im Verlaufe der römischen Geschichte (S. L. Utcenko, E. M. Staerman), über die wirtschaftliche Entwickung in der späten Republik und im frühen Kaiserreich (V. I. Kuziscin, M. E. Sergeenko) u. a. Die Verfasser des Lehrbuches haben mit eigenen Forschungsarbeiten, deren Ergebnisse vor allem in die Kapitel über die Geschichte der späten Republik, die Entstehung und Entwicklung des frühen Christentums und die Spätantike Eingang gefunden haben, ihren Beitrag geleistet. Der aktuelle Forschungstrend geht in den marxistischen Publikationen zur römischen Geschichte dahin, neue detaillierte Untersuchungen zu einzelnen Prozessen der römischen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte stets im Zusammenhang mit einer Überprüfung des theoretischen und methodologischen Rüstzeugs vorzunehmen, um damit nicht nur schlechthin neue Tatsachen bekanntzumachen, sondern auch das theoretische und methodologische Instrumentarium zu verfeinern und zu erweitern. Systematische Untersuchungen zu längs- oder querschnittartig verfolgten Problemen und Erscheinungen sind zahlreicher als Gesamtdarstellungen. Marxistische Forschungen konzentrieren sich besonders auf soziale Übergangszonen, auf die Brennpunkte der Entstehung der römischen Gesellschaft, auf Probleme, die sich durch das Nebeneinanderbestehen römischer und hellenistischer Verhältnisse in den Ostprovinzen ergaben, sie beschäftigen sich mit der Peripherie des römischen Imperiums im Wechselverhältnis zu den noch in der Gentilordnung lebenden Stämmen, dem Übergang zur feudalen Gesellschaftsordnung und mit der Rolle der Volksmassen in der geschichtlichen Entwicklung.

Betrachtet man die erschienene Literatur zur römischen Geschichte in der internationalen marxistischen Geschichtswissenschaft insgesamt, so ist in vergangener Zeit eine Reihe von Spezialuntersuchungen erschienen, die besondere Beachtung verdienen. Die Entstehung des römischen Staates und den Kampf zwischen Patriziern und Plebejern stellten in vergangener Zeit vor allem F. M. Necaj, 'Obrazovanie rimskogo gosudarstva ' (Minsk 1972) und der ungarische Althistoriker E. Ferency "From the Patrician State to the Patricio-Plebejan State" (Amsterdam 1976) dar. Mit dem Thema der großen Sklavenaufstände in der späten Republik beschäftigten sich mehrere grundlegende Aufsätze des ungarischen Althistorikers E. Maroti und des tschechischen Althistorikers P. Oliva. Der französische marxistische Historiker J. P. Brisson veröffentlichte in seinem Buch "Spartacus" (Paris 1959) eine Geschichte der bedeutenden Sklavenerhebungen der späten Republik. E. M. Staerman publizierte die Ergebnisse ihrer Arbeit in: "Die Blütezeit der Sklavenwirtschaft in der römischen Republik" (in deutscher Übersetzung, Wiesbaden 1969), und zusammen mit M. K. Trofimova setzte sie diese Studien für Italien im frühen Kaiserreich fort: "Rabovladelceskie otnosenija v rannej rimskoj Imperii" (Moskau 1971). Die Geschichte des letzten Jahrhunderts der römischen Republik stand im Mittelpunkt mehrerer Forschungsarbeiten von S. L. Utcenko, darunter "Cicero und seine Zeit" (Berlin 1978), "Julij Cesar" (Moskau 1976) und "Krizis i padenie rimskoj respubliki" (Moskau 1965). Soziale Veränderungen in der frühen Kaiserzeit untersuchte E. M. Staerman in ihrem Buch "Die Krise der Sklavenhalterordnung im Westen des Römischen Reiches" (Berlin 1964). V. I. Kuziscin gab der wirtschaftsgeschichtlichen Forschung, die sich mit der Entwicklung der städtischen Villenwirtschaften und der Latifundien beschäftigt, in mehreren Aufsätzen und zwei Büchern "Genesis rabovladelceskich latifundij v ItaIii« (Moskau 1976) und "Rimskoje rabovladelceskoe pomeste" (Moskau 1973) wesentliche neue Anregungen. In diesem Zusammenhang muß auch der Beitrag von M. E. Sergeenko über die Geschichte des römischen Handwerks "Remeslenniki drevnego Rima" (Leningrad 1968) genannt werden.

Die sozialen Kämpfe des 3. Jh. stehen auch im Mittelpunkt der Darstellung des italienischen Althistorikers M. Mazza »Lotte sociali e restaurazione autoritaria« (Catania 1970). Mehrere namhafte ungarische, rumänische und bulgarische Althistoriker und Archäologen haben die Geschichte ihrer Länder zur Zeit der römischen Herrschaft dargestellt. E. S. Golubcova veröffentlichte nach langjährigen Studien zwei Bücher zur hellenistischen und römischen Entwicklung Kleinasiens bis zum Ende des Prinzipats: "Selskaja obscina Maloj Azii (III. v. do n. e. - III v. n. e.)" (Moskau 1972) und "Idelogija i kultura selskogo naselenija Maloj Azii (I - III vv.)" (Moskau 1977). O. V. Kudrjavcev behandelte die Geschichte der Balkanprovinzen in römischer Zeit in seinem Buch "Ellinskije provincii balkanskogo poluostrova vo vtorom veke n. e." (Moskau 1954). Eine neue zusammenfassende Darstellung der Entstehung des Christentums findet sich in dem Buch von M. M. Kublanov "Vozniknovenie Christianstva" (Moskau 1974).

Da die Geschichte des Oströmischen Reiches gewissermaßen den »Vorspann« zur byzantinischen Geschichte bildet, sei auch auf Arbeiten sowjetischer Byzantinisten, vor allem von A. P. Kazdan, G. L. Kurbatov, M. J. Sjuzjumov und Z. I. Udalcova hingewiesen.

Eine zusammenfassende marxistische Darstellung der Spätantike fehlt noch. Wichtige und orientierende Vorarbeiten dafür wurden jedoch besonders von E. M. Staerman "Krizis anticnoj kultury" (Moskau 1975), I. F. Fichman "Egipet na rubeze dvuch epoch" (Moskau 1965) und "Oksirinch - gorod papirov" (Moskau 1976), N. V. Pigulevskaja "Byzanz auf den Wegen nach Indien" (Berlin 1969), G. L. Kurbatov "Rannevizantijskij gorod" (Leningrad 1962), Z. I. Udalcova "Italija i Vizantija v VI veke" (Moskau 1959), A. R. Korsunskij "Gotskaja Spanija" (Moskau 1969) und von G. G. Diligenskij "Severnaja Afrika v IV-V vekach" (Moskau 1961) geleistet.

Als ein Beitrag von Althistorikern der DDR zur Erforschung der römischen Geschichte muß das Erscheinen von zwei repräsentativen Sammelbänden angesehen werden: "Die Rolle der Volksmassen in der Geschichte der vorkapitalistischen Gesellschaftsformationen", hg. von J. Herrmann und I. Sellnow (Berlin 1975) und "Beiträge zur Entstehung des Staates", hg. von J. Herrmann und I. Sellnow (Berlin 1973).

In größeren zusammenhängenden sozial- und kulturgeschichtlichen Abhandlungen, im zweiten Band der "Kulturgeschichte der Antike: Rom" , hg. von R. Müller (Berlin 1978), im Abriß "Weltgeschichte bis zur Herausbildung des Feudalismus", hg. von I. Sellnow (Berlin 1977), sowie in der Monographie von J. Herrmann "Spuren des Prometheus" (Leipzig-Jena-Berlin 1975) werden grundlegende Prozesse gesellschaftlicher Entwicklung im antiken Rom in marxistischer Sicht dargestellt.

In stärkerem Maße widmeten sich Althistoriker der DDR der Geschichte der römischen Kaiserzeit, der Spätantike und der Geschichte der germanischen Stämme und Stammesverbände. Hier sind vor allem die Forschungen und Publikationen von W. Seyfarth "Römische Geschichte. Kaiserzeit" in zwei Bänden (Berlin 1974) und "Soziale Fragen der spätrömischen Kaiserzeit im Spiegel des Theodosianus" (Berlin 1963), von W. Hartke "Römische Kinderkaiset" (Berlin 1951), von K.-P. Johne "Kaiserbiographie und Senatsaristokratie" Berlin 1976), von W. Held "Die Vertiefung der allgemeinen Krise im Westen des Römischen Reiches" (Berlin 1974), von R. Günther und H. Köpstein (Herausgeber) "Die Römer an Rhein und Donau" (Berlin 1975) und von H.- J. Diesner "Kirche und Staat im spätrömischen Reich<"(Berlin 1963), "Der Untergang der römischen Herrschaft in Nordafrika" (Weimar 1964) und "Die Völkerwanderung" (Leipzig 1976) zu nennen.

Für den Ausgang der römischen Geschichte sind auch byzantinistische und religionsgeschichtliche Arbeiten, vor allem von J. Irmscher, H. Ditten, H. Köpstein, F. Winkelmann, P. Nagel und K. Rudolph, zu beachten.

Eine grundlegende Darstellung der Entwicklung römischer Eigentumsverhältnisse enthält das Buch von E. Ch. Welskopf "Die Produktionsverhältnisse im Alten Orient und in der griechisch-römischen Antike" (Berlin 1957). M. Robbe nahm mit seiner Arbeit "Der Ursprung des Christentums" (Leipzig- Jena-Berlin 1967) eine marxistische Interpretation der Entstehung des Christentums vor. Die stadtrömischen Denkmäler der materiellen Kultur beschrieb E. Paul in seinem Buch "Antikes Rom" (Leipzig 1970); ein "Abriß der gnechischen und römischen Kunst" (Leipzig 1970) stammt aus der Feder von G. Zinserlinn

Die Geschichte der Germanen stand in den vergangenen Jahren im Mittelpunkt intensiver Forschungen, die sich in zahlreichen Aufsätzen und mehreren großen Publikationen niederschlugen. An dieser Stelle sollen besonders die Werke "Gesellschaft und Kunst der Germanen" von G. Behm-Blanke (Dresden 1973), "Germanen zwischen Thorsberg und Ravenna" von F. Schlette (Leipzig-Jena-Berlin 1974, zweite Auflage), das Handbuch "Die Germanen",Band 1, hg. von B. Krüger (Berlin 1976, Band 2 in Vorbereitung) und der Sammelband "Römer und Germanen in Mitteleuropa", hg. von H. Grünert (Berlin 1976, zweite Auflage) hervorgehoben werden.

In diesen und anderen Arbeiten leisteten DDR-Historiker einen wesentlichen Beitrag zur internationalen Erforschung der Geschichte der römischen Kaiserzeit und der Germanen.

Die bürgerliche Historiographie zur Geschichte des antiken Rom hat in Europa eine Tradition, die bis in die Zeit der Renaissance zurückreicht. Besonders seit dem Beginn des 19. Jh. wuchs das Interesse an der römischen Geschichte. Historiker, Altphilologen und Archäologen bereicherten mit ihren Forschungen das Tatsachenmaterial und vervollkommneten die Forschungsmethoden. Andererseits modernisierten und idealisierten bürgerliche Wissenschaftler die römische Gesellschaft, beschrieben vor allem die politische und Kulturgeschichte, einige standen auch dem überlieferten Quellenmaterial mit übertriebener Skepsis gegenüber. Im einzelnen besitzen die meisten jener Werke zwar einen bedeutenden wissenschaftsgeschichtlichen Wert, sind sie doch oft eine wichtige Quelle für die Geschichte der bürgerlichen politischen Ideologie, in die sie die römische Geschichte einbetteten, doch ist die geschichtliche Darstellung meist veraltet.

In ihrer Gesamtheit ist die Literatur zur römischen Geschichte heute nur noch mit Hilfe moderner Datenverarbeitung überschaubar. In den meisten kapitalistischen Ländern Europas und in den USA erschienen in den vergangenen drei Jahrzehnten zahlreiche Abhandlungen. Über sie informiert K. Christ "Römische Geschichte. Einführung. Quellenkunde. Bibliographie" (Darmstadt 1973), der auszugsweise auch Titel aus sozialistischen Ländern erwähnt.

(Bürgerliche Geschichtsauffassungen) Die bürgerlichen Verfasser haben in ihren Arbeiten neues Tatsachenmaterial veröffentlicht und zur weiteren Erforschung der römischen Provinzialgeschichte beigetragen, auch wurden auf dem Gebiet der prosopographischen Forschung ansprechende Leistungen vorgelegt. Mehr Althistoriker als in früheren Jahrzehnten wandten sich sozialgeschichtlichen Fragen zu. Die politisch-ideologische Grundhaltung wurde jedoch bestimmt von Theorien, wie der "Abendland"- Theorie, der Idealisierung des antiken Individualismus, dem Europazentrismus, Strukturalismus und einer überhöhten Rolle der christlichen Kirche. Immer deutlicher wird ein Trend vor allem in der BRD- Geschichtsschreibung, die Geschichte der unterdrückten Klassen in der antiken Sklavereigesellschaft, namentlich der Sklaven gewissermaßen als "Sozialparmer" in das herrschende Gesellschaftssystem zu integrieren und die antagonistischen Klassengegensätze zu verschleiern. Das Ausbeutungssystem der römischen Gesellschaft wird teilweise idealisiert, man propagiert den römischen Konservatismus und den Persönlichkeitskult. Die imperialistischen "Entwürfe für Europa" werden als Bewahrung und Fortsetzung des "antiken Erbes" demonstriert.

Wie in der Gegenwart sucht man in der römischen Vergangenheit einen Pluralismus von Kulturen und sozialen Schichten; Klassenkampf und eine gesetzmäßige Entwicklung der Gesellschaft werden strikt geleugnet. Die Sklaverei wird häufig einseitig, lediglich als sozialpsychologisches Problem behandelt. Hauptvertreter dieser Auffassungen sind Joseph Vogt (1), Hermann Bengtson (2,) Franz Bömer (3), Siegfried Lauffer (4) und Alfred Heuß (5). Strukturalistische Theorien wurden in jüngster Zeit vor allem von Geza Alföldy (6) vorgetragen.

(Bürgerliche Geschichtsphilosophie) Die Geschichtsschreibung der BRD hat kaum neue theoretische Konzeptionen zur römischen Geschichte hervorgebracht. Sie geht auf Anschauungen der bürgerlichen Geschichtsphilosophie der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts (O. Spengler) oder noch früher zurück. Besondere Resonanz finden die Theorien von A. Toynbee. Dabei wird in zahlreichen Darstellungen zur römischen Geschichte ersichtlich, daß nämlich bedeutende Einzelleistungen und wichtige Teilergebnisse, gründliche auf philologischer Kritik beruhende Interpretationen antiker Quellen in ihrer Aussagekraft nicht die Bedeutung erlangen, weil sie in das dominierende konservative Geschichtsbild hineingepreßt werden.

Neben den literarischen Quellen [Hinweis auf das Quellenverzeichnis des Werkes, d. Hg.] gewinnen in immer größerem Umfang die archäologischen Quellen, Denkmaler der materiellen Kultur, zunehmende Bedeutung. Sie ergänzen, korrigieren und präzisieren die Aussagen der literarischen Quellen und sprechen uns unvermittelter an. Denn bei der kritischen Würdigung der antiken Geschichtsschreibung darf nicht übersehen werden, daß ihre Verfasser den Standpunkt dieser oder jener Richtung der herrschenden Klasse wiedergeben.

(Geschichtsquellen) Die uns erhaltenen antiken Geschichtsquellen, die in den entsprechenden Kapiteln des Buches ihre Würdigung finden, geben im allgemeinen einen guten Überblick über die römische Geschichte, obwohl manche Zeitabschnitte besser, andere weniger gut überliefert sind. Viele Werke der römischen Geschichtsschreibung sind nur mit dem Titel oder in Bruchstücken erhalten. Es bleibt zu hoffen, daß Ausgrabungen weitere Reste antiken Schrifttums zutage fördern, wie sich dies in den vergangenen Jahrzehnten durch Funde in Höhlen am Nordwestrand des Toten Meeres (Qumran) und im ägyptischen Wüstensand (Nag Hammadi) für die religionsgeschichtliche Forschung ergeben hat. Daher verfolgen die Althistoriker auch mit großem Interesse die alljährlichen Neufunde antiker Inschriften und Schriftrollen (Papyri), die wichtige Geschichtsquellen darstellen und von den Hilfswissenschaften der Epigraphik und der Papyrologie der wissenschaftlichen Arbeit zugänglich gemacht werden. Bedeutsam für die wirtschafts- und kulturgeschichtliche Forschung ist die Numismatik. Die Verbreitung der Münzen, die Entwicklung des Münzgewichts und ihres Feingehalts an Edelmetallen, des Wechselverhältnisses zwischen den Münzmetallen, aber auch die Münzbilder und -aufschriften, bedeuten eine wertvolle Erweiterung des antiken Quellenmaterials.

Horst Dieter / Rigobert Günther

 

ANMERKUNGEN

1 Constantin der Große und sein Jahrhundert, 2. Aufl. München 1960, Der Niedergang Roms, Zürich 1965, Sklaverei und Humanität. Studien zur antiken Sklaverei und ihrer Erforschung, 2. Aufl. Wiesbaden 1972.
2 Grundriß der römischen Geschichte mit Quellenkunde. I. Republik und Kaiserzeit bis 284 n. Chr., 2. Aufl. München 1970.
3 Untersuchungen über die Religion der Sklaven in Griechenland und Rom, 4 Bände, Wiesbaden 1958 - l964.
4 Die Sklaverei in der griechisch-römischenWelt. XI. Internat. Historikerkongreß, Rapports, Bd. II, Stockholm 1960, S. 71 - 97.
5 Römische Geschichte, 3. Aufl. Braunschweig 1971.
6 Römische Sozialgeschichte, Wiesbaden 1975.

Zusammenstellung und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


HS Gizewski WS 1998/99