Lesetetexte zur Historik-Konzeption bei Eduard Meyer.

 

Abb. entnommen aus: Wolfgang Ribbe, Michael Erbe (Hg.), Berlinische Lebensbilder. Geisteswissenschaftler (4), Berlin 1989, S. 270 (in: Gustav Adolf Lehmann, Eduard Meyer, S. 269 - 286).

 Eduard Meyer (1855 - 1930).

Zu Biographie und wissenschaftlichem Profil:

Karl Christ, Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker inder Neuzeit, Darmstadt 1972, S. 286 ff.

Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 185 ff.

Gustav Adolf Lehmann, Eduard Meyer, in: Wolfgang Ribbe, Michael Erbe (Hg.), Berlinische Lebensbilder. Geisteswissenschaftler (4), Berlin 1989, S. 269 - 286.

Christhard Hoffmann, Eduard Meyer, in: Ward Wright Briggs, William Musgrave Calder III, Classical Scholarship. A Biographical Encyclopedia, New York, London 1990, S. 277 - 284.

Text I markiert das Interesse Meyers an theoretischen Aussagen über regelhafte Bedingungen und natürliche Prämissen menschlich-geschichtlicher Existenz, das in eigentümlichem Widerspruch zu den von ihm an anderer Stelle - s. VIII - formulierten Aussagen über eine spezifisch idiographische Aufgabe der Geschichtswissenschaft zu stehen scheint. Allerdings grenzt Meyer den hier in der Gliederung repräsentierten theoretischen Komplex als 'Anthropologie' von i. e. S. historischen Erkenntnissen ab, wie in den weiteren Bänden der 'Geschichte des Altertums' nachfolgen.

Text II macht einen neuen Horizont der Alten Geschichte bei Ed. Meyer deutlich, der mit der Einbeziehung der zeitlich und räumlich ausgehnten Bereiche einer Geschichte der verschiedenen Regionen des Alten Orients den bis dahin üblichen Horizont der Geschichte der Antike unübersehbar ausdehnt.

Text III macht deutlich, mit welcher Intensität Meyer der Sprachen und Schriften des Alten Orients zu seiner Zeit selbst annimt, um dessen Quellen wissenschaftlich sachgerecht althistorisch erschließen und dem Forschungsfortschritt der Altorientalistikmfolgen zu können zu können. Die Hinnahme einer Arbeitsteilung, die späterhin zwangsläufig wird, erscheint Meyer noch nicht als Problem.

Text IV läßt deutlich Meyers vaterländisches politisch-publizistisches Engagement in und nach dem ersten Weltkriege erkennen und zeigt zugleich, daß seine althistorisch-wissenschaftlichen Interessen mit diesem nicht deckungsgleich sind.

Text V formuliert zwei für eine universalgeschichtliche Komponente des Myerschen Historik-Konzepts wichtige Kategorien , nämlich Staat' und 'Kulturkreis'. Er macht damit deutlich, daß das historische Denken Max Webers nicht ausschließlich von einer nationstaatlichen oder nationalistischen Orientierung bestimmt wird.

Text VI formuliert Meyers Erklärung einer Varianz der Historik-Konzepte.

Text VII begründet die Notwendigkeit einer Geschichte des Alten Orients als Kulturkreisgeschichte.

Text VIII markiert auf markante und leidenschaftliche Weise Meyers Position sog. 'Methodenstreit' seiner Zeit.

 

I. Inhaltsverzeichnis des Teilbandes I, 1 der 'Geschichte des Altertums' (Einleitung. Elemente der Anthropologie) Stuttgart 1910 3 , in unveränderter 6. Aufl. 1953.

I. Die staatliche und soziale Entwicklung.

Die Entwicklungsgeschichte des Menschen § 1. Die sozialen Verbände und die Anfänge des Staats § 2 - 5. Der Staat und die Geschlechtsverbände § 6 - 3. Moral, Sitte und Recht § 14 - 17. Eigentum und Erbrecht § 18. 19. Die Frauen und Kinder. Der Rat der Alten. Soziale Gliederung § 20 - 22. Militärische Ordnungen § 23. 24. Elemente der politischen Organisation § 25 - 28. Stufen des Wirtschaftslebens und der Kulturentwicklung § 29 - 32. Beziehungen zwischen den Stämmen. Verkehr, Gastrecht, Beisassen § 33.34. Rasse, Sprachstamm, Volkstum § 35 - 39. Kulturkreise. Grundzüge der geschichtlichen Entwicklung. Individualität und Homogenität § 40 - 44.

II. Die geistige Entwicklung.

Primitives oder mythisches Denken. Seelen und Geister § 45 - 47. Das Zauberwesen § 48. 49. Die Götter und die Religion § 50 - 57. Die menschliche Seele und die Totenwelt § 58 - 62. Die Priesterschaft und das Ritual § 63. 64. Die ersten Stadien der religiösen Entwicklung § 65 - 68. Die Götter und die Gesetzmäßigkeit der Natur § 69. 70. Religion, Kultur und Tradition. Verhältnis zur Staatsgewalt und zur Moral § 71 - 74. Innere Umwandlung des Gottesbegriffs. Das ethische Postulat § 75 - 77. Religion und Individualität. Theologie. Priester und Religionsstifter § 78 - 83. Loslösung der Religion vom Volkstum. Universelle Religionen. Entstehung und Entwicklung der Kirchen § 84 - 86. Tradition und Individualität in der Weiterentwicklung der Religionen § 87 - 89. Philosophie und Wissenschaft § 90. 91. Technische Künste und Wissenschaften § 92-94. Die Welt der Phantasie. Spiel und Kunst § 95 - 98. Rückblick. Individuelle und allgemeine Faktoren als Grundmächte des geschichtlichen Lebens. Die Ideen § 99 - 103.

III. Die Geschichte und die Geschichtswissenschaft.

Inneres Wesen der Geschichte § 104 - 111. Die historische Methode § 112 - 116. Die geschichtliche Darstellung § 117. 118. Das historische Material. Allgemeine Geschichte der Schrift. Denkmäler und Urkunden § 119 - 125. Die historische Tradition § 126 - 129. Entstehung und Entwicklung der historischen Literatur § 130 - 135. Die Chronologie § 136 bis 142. Die Geschichte des Altertums § 143-147.  

II. Inhaltsverzeichnis des Teilbandes I, 2 der 'Geschichre des Altertums' (Die ältesten geschichtlichen Völker und Kulturen bis zum sechzehnten Jahrhundert), Stuttgart, Berlin 1913 3 , in unveränderter 8 Aufl. 1953 .

 

Erstes Buch: Aegypten bis zum Ende der Hyksoszeit.

Quellenkunde zur aegyptischen Geschichte.

Die Entzifferung der Hieroglyphenschrift §§ 148. 149. Denkmäler und Schriftsteller §§ 150-158. Chronologie §§ 159 bis 163.

I. Anfänge der Kultur und Geschichte Aegyptens.

Die Aegypter und ihre Nachbarn. Die nordafrikanischen Stämme §§ 164-167. Die älteste Kultur im Niltal §§ 168 bis 175. Die Gaue als Staaten §§ 176-181. Die aegyptische Religion §§ 182-191.

II. Die ältesten Staaten Aegyptens. Die Reiche der Horusverehrer.

Die Überlieferung §192. Das älteste unteraegyptische Reich. Die religiöse Entwicklung. Der Kalender §193 bis 197. Die Horusverehrer und die beiden Reiche §§ 198 bis 201. Die Entstehung der Schrift §§ 202.203. Älteste Entwicklung des Totendienstes §§ 204. 205.

III. Aegypten unter den Thiniten.

Die Vorgänger des Menes §§ 206-205. König Menes und
die erste Dynastie §§ 200-212. Zweite Dynastie §§ 213 bis 215. Kultur der Thinitenzeit. Die Kunst §§ 216-218. Der Staat. Königtum und Verwaltung §§ 219-224. Materielle Kultur. Literatur und Wissenschaft §§ 225. 226. Beziehungen zu den Nachbarn §§ 227-229.

IV. Das Alte Reich.

Die dritte Dynastie §§ 230. 231. Vierte Dynastie §§ 232 bis 235. Die Gräber des Alten Reichs §§ 236-240. Staat und Wirtschaft des Alten Reichs §§ 241-248. Die fünfte Dynastie und der Sonnendienst §§ 249-252. Auswärtige Beziehungen des Alten Reichs §§ 253.254. Die Kultur des Alten Reichs. Die Kunst §§ 255-260.

V. Der Ausgang des Alten Reichs und die Übergangsepoche.

Die Entwicklung des Feudalstaats und die sechste Dynastie §§ 261-264. Auswärtige Beziehungen. Nubien. Kämpfe in Syrien §§ 265.266. Achte Dynastie. Auflösung der Reichseinheit §§ 267-268 a. Kulturentwicklung der Übergangszeit. Die Anfange des solaren Monotheismus §§ 269 bis 272. Die Herakleopoliten §§ 273. 274.

VI. Das Mittlere Reich.

Das Emporkommen Thebens und die elfte Dynastie §§ 275 bis 279. Amenemhet 1. und die zwölfte Dynastie §§ 280. 281. Organisation und innere Geschichte des Reichs §§ 282 bis 287. Kriege und auswärtige Beziehungen. Nubien. Syrien. Griechenland §§ 287 a-291. Bauten. Das Faijum §§ 292. 293. Kunst und Literatur. Prophezeiungen §§ 294-297.

VII. Der Verfall des Mittleren Reichs und die Fremdherrschaft.

Die dreizehnte Dynastie §§ 298-302. Das Reich der Hyksos §§ 308-308. Die Vasallen der Hyksos. Siebzehnte Dynastie §§ 509.510.

 

Zweites Buch: Babylonien und die Semiten bis auf die Kossaeerzeit.

Quellenkunde zur babylonischen und assyrischen Geschichte.

Die Entzifferung der Keilschrift und die Assyriologie §§ 311 bis 313. Quellen der babylonischen und assyrischen Geschichte §§ 314-322. Chronologie §§ 323-329 a.

I. Die Semiten .

Geographische Grundlagen. Nordvölker und Semiten §§ 330 bis 335. Die semitischen Stämme und ihre Organisation §§ 336-341. Die semitische Religion §§ 342-351. Allgemeiner Charakter der Semiten §§ 352. 353. Älteste Geschichte und Kultur der Kanaanaeer und Phoeniker §§ 354 bis 358.

II. Sumerer und Semiten in Sinear.

Geographie Babyloniens §§ 359. 360. Die Volksstämme Sinears und der Nachbarländer §§ 361-363. Die Anfänge der Kultur in Sinear §§ 364-369. Die sumerische Religion §§ 370-375. Die Erfindung der Schrift §§ 376-378. Die Kunst. Verhältnis der sumerischen Kultur zur aegyptischen § 379.

III. Die ältesten sumerischen Staaten.

Die Stadtfürsten und die Könige von Opis und Kis §§ 380
bis 385. Lagai und Umma. Die archaische sumerische Kunst §§ 386-389. Andere sumerische Herrscher. Uruk. Lugalzaggisi §§ 390.391. Die Elamiten von Susa § 392.

IV. Das semitische Reich von Akkad.

Die Semiten von Akkad §§ 393. 394. Semiten und Gebirgsstämme im Norden. Subari. Amoriter §§ 395. 396. Die Eroberungen Sargons und seiner Nachfolger §§ 397-401. Das Reich von Akkad §§ 402.403. Die akkadische Kunst §§ 404.405.

V. Das Reich von Sumer und Akkad.

Ausgang des Reichs von Akkad. Sumerische Reaktion. Dynastie von Uruk § 406. Gudea von Lagas §§ 407-410. Die Invasion der Gutaeer §§ 411. 411 a. Dritte Dynastie von Uruk § 411 b. Die Dynastie von Ur §§ 412-415. Die Elamiten und die Dynastien von Isin und Larsa. Auflösung des Reichs §§ 416-418. Kulturelle Zustände. Die Nationalität. Die Kunst §§ 419.420. Soziale Verhältnisse. Recht und Wirtschaft §§ 421 424. Religion und Literatur §§ 425-429.

VI. Elamiten und Amoriter. Das Reich von Babel.

Ausbreitung der babylonischen Kultur. Die Gebirgsstämme §§ 430.431. Elam §§ 432. 432 a. Mesopotamien. Die Anfänge der Assyrer. Kappadokien §§ 433-435. Die Amoriterinvasion und die Anfänge des Reichs von Babel §§ 436 bis 439. Die Elamiten in Sinear. Aradsin und Rimsin von Larsa §§ 440-443. Chammurapi von Babel und sein Reich §§ 444-451. Die späteren Könige von Babel und die Könige des Meerlandes §§ 452. 453.

VII. Chetiter, Arier, Kossaeer und Assyrer.

Chetitische Invasion. Ende des Reichs von Babel. Die Dynastie des Meerlandes §§ 454.454 a. Vordringen der Arier. Das Pferd. Die Kossaeer §§ 455. 456. Die Herrschaft der Kossaeer in Babylonien §§ 457-461. Elam § 462. Assyrien §§ 463. 464. Das Reich Mitani und die Arier. Andere Staaten in Mesopotamien §§ 465. 466. Syrien. Choriter, Nordvölker und Arier. Babylonische Einflüsse §§ 467-471.

 

Drittes Buch: Die Völker des Nordens und Westens.

I. Kleinasien.

Das kleinasiatisch-armenische Hochland und seine Volksstämme §§ 472-476. Die kleinasiatische Religion und die chetitischen Denkmäler §§ 477-480. Die einzelnen Götter und Kulte §§ 481-489. Beziehungen der Kleinasiaten zu Syrien und Sinear § 490. Die älteste Kultur im westlichen Kleinasien. Troja §§ 491-497. Ausbreitung der trojanischen Kultur. Cypern. Beziehungen zum Orient und zu Europa §§ 498-500. Anfänge der chetitischen Kultur §§ 501.502.

II. Die Welt des Aegaeischen Meers.

Die Denkmäler §§ 503.504. Älteste Bevölkerung der Inseln und Griechenlands. Ausbreitung der Kleinasiaten. Die Pelasger §§ 505-507. Die ältesten Kulturschichten im Gebiet des Aegaeischen Meers. Das Festland, Kreta und die Kykladen §§ 508-512. Die altkretische Kultur des Kamaresstils §§ 513-517. Politische Entwicklung. Der neue Stil und die spätere kretische Kultur §§ 518. 519. Die ethnographischen Probleme. Eteokreter und Kafti. Lykier, Tyrsener und Philister §§ 520-524. Das europaeische Festland. Eindringen der Griechen §§ 525-527.

III. Die Kulturanfange in Europa.

Die nicht irdogermanischen Volksstamme Europas §§ 528. 529. Die steinzeitliche Kultur in Europa §§ 530-537. Die Anfange der Bronzezeit §§ 538-540. Die Kulturzusammenhange und die Abhangigkeit vom Süden §§ 541-545.

IV. Die Indogermanen.

Die indogermanischen Stämme und ihre geschichtliche Stellung §§ 546. 547. Die Entstehung und Gruppierung der Einzelsprachen §§ 548-550. Chronologische Bestimmungen. Die Kultur des Einheitsvolks §§ 551-555. Religion und Charakter der Indogermanen §§ 556-560. Das Problem der Heimat und Ausbreitung der Indogermanen §§ 561-570.

V. Die Stämme der Arier.

Das iranische Hochland. Ethnographie §§ 571. 572. Ausbreitung und Herkunft der arischen Stämme §§ 573-576. Nomadische und seßhafte Stämme. Die Kultur der Arier §§ 577-581. Religion und Priesterschaft der Arier §§ 582 bis 588. Charakter und Weiterentwicklung der Arier §§ 589 bis 591.

VI. Rückblick auf die Anfange der geschichtlichen Entwicklung.

Die Anfange der Entwicklung der Einzelvölker seit der neolithischen Zeit §§ 592-595. Die ältesten Epochen. Die Kultur der paläolithischen Zeit §§ 596. 597. Die Vorstufen des Menschengeschlechts §§ 598-600.

Indices.

I. Aegyptische Könige

II. Babylonische und assyrische Könige

III. Allgemeiner Index

 

Königslisten.

Aegypten.

Allgemeiner Überblick S. l7. Erste Dynastie S.140. Zweite Dynastie S. 146. Dritte Dynastie S. 174. Vierte Dynastie S. 181. Fünfte Dynastie S. 203. Sechste bis achte Dynastie S. 236. Elfte Dynastie S. 254. 261 f. Zwölfte Dynastie S. 270. Dreizehnte und vierzehnte Dynastie S. 308 f. Die Hyksos S.318. Siebzehnte Dynastie S.326 f.

Babylonien.

Dynastienliste des Berossos S. 351. Keilschriftliche Königsliste: Beilage zu S.360. Überblick der Dynastien S. 359 f. Folge der ältesten Dynastien S. 370. Dynastien von Opis (Kes) und Kis S. 486. Übersicht der ältesten Herrscherreihen S, 500. Die Könige von Akkad und die folgenden Dynastien S.551. Könige von Sumer und Akkad S.569. Die drei ersten Dynastien von Babel S. 657. Dritte und vierte Dynastie S. 866.

Elam.

Ältere Herrscher von Susa S.604 f. Spätere Könige S. 663.

Assyrien.

Liste der älteren Assyrerkönige S. 667 f.

 

Nachtrag: Die ältere Chronologie Babyloniens, Assyriens und Aegyptens.

Vorwort S. V.

1. Die Königslisten und die Chronologie Babyloniens und Assyriens S. 1.

2. Aegypten S. 40.

Nachtrag

  III. Auszug aus: Geschichte des Altertums, Teilband I, 2, Stuttgart, Berlin 1913 3 , in unveränderter 8 Aufl. 1953 (Die ältesten geschichtlichen Völker und Kulturen bis zum 16. Jahrhundert), S. 331 - 334: Zur Quellenkunde der babylonischen und assyrischen Geschichte. Die Entzifferung der Keilschrift und die Assyriologie.

311. Die Grundlage für die Entzifferung der Keilschrift und damit für die Erforschung der Denkmäler und Geschichte Babyloniens und Assyriens haben die Inschriften der Perserkönige geboten, die sich vor allem in den Ruinen ihrer Paläste in Persepolis und Susa, sowie am Grabe des Darius bei Persepolis befinden; sie sind der Forschung zuerst durch die sorgfältigen Kopien KARSTEN NIEBUHRS zugänglich geworden. Bekanntlich sind dieselben in drei Keilschriftgattungen und drei Sprachen abgefaßt. Zu der Lesung der ersten Gattung, des in einer sehr einfachen Silbenschrift geschriebenen persischen Textes, hat GROTFFEND 1802 den Weg gezeigt, indem er durch eine geniale Kombination die Namen der achaemenidischen Könige erkannte; BURNOUF und LASSEN haben 1836 seine Entdeckung ausgebaut, HENRY RAWLINSON durch die in langjähriger mühhseliger Arbeit gelungene Kopierung und selbständige Entzifferung der großen Inschrift des Darius an der Felswand von Behistun das Entzifferungswerk vollendet (1847). Durch die Lesung des persischen Textes wurde auch die der beiden in einem weit komplizierteren Schriftsystem geschriebenen Übersetzungen ermöglicht, die der zweiten Keilschriftgattung oder des Susischen (früher oft fälschlich Medisch oder Skythisch genannt) und die der dritten Gattung, des Babylonischen. Es zeigte sich, daß in der Sprache dieser dritten Gattung die zahllosen Inschriften auf den Ziegeln der babylonischen Stadtruinen (vorwiegend von den Bauten Nebukadnezars und Naboneds) abgefaßt waren, und daß derselben, wenn auch hier vielfach mit abweichenden Keilzeichen geschriebenen Sprache die Inschriften angehörten, welche seit 1842 auf den Palastwänden, Backsteintafeln und Cylindern der Ruinen Ninives und der übrigen Städte Assyriens zu Tage gefördert wurden. Die Entzifferung dieser babylonisch-assyrischen Schrift und Sprache ist seit 1849 den parallel laufenden, sich vielfach ergänzenden Forschungen von H. RAWLINSON, F. DE SAULCY, E. HINCKS, J. OPPERT gelungen. In den Anfangsstadien waren kühne Kombinationen unvermeidlich, die oft zu Mißgriffen und unhaltbaren Hypothesen führten; und da sich vielfach eine dilettantische und phantastische Popularisierung vorschnell der Ergebnisse bemächtigte und überdies gerade die gesichertesten geschichtlichen Entdeckungen mit dem Bilde von der Geschichte dieser Länder gar nicht übereinstimmten, welches man aus den ganz legendarischen Nachrichten der Griechen und den äußerst dürftigen Angaben des Alten Testaments gewonnen hatte, sind sie lange Zeit mit dem äußersten Mißtrauen aufgenommen worden und haben vielfach heftige Angriffe hervorgerufen, die zwar in Einzelheiten oft berechtigt waren, aber in Tendenz und Gesamtauffassung weit über das Ziel hinausgingen. Diese Kritik wurde scheinbar durch die Tatsache gestützt, daß, während im übrigen die Lesung und auch das Verständnis einfacher geschichtlicher Texte keine großen Schwierigkeiten bot und auch die fremden Namen meist sicher lesbar und identifizierbar waren, gerade die einheimischen Eigennamen von Menschen, Göttern und Städten in der Regel ideographisch geschrieben sind und daher ihre wahre Aussprache zunächst ganz unsicher war und fortwährend schwankte - bei nicht wenigen Namen ist sie auch jetzt noch nicht gefunden. Dadurch entstand ein sehr begreifliches Mißtrauen gegen die Zuverlässigkeit der Grundlagen der Entzifferung, das freilich sofort geschwunden wäre, wenn Kritiker wie v. GUTSCHMID sich die Mühe genommen hätten, die ersten Elemente der Schrift zu lernen. Denn in Wirklichkeit bereitet die Lesung der Keilschrifttexte weniger Schwierigkeiten als die der Hieroglyphen, zumal sie anders als diese auch die Vokale bezeichnen; daher kann über die Aussprache und die grammatische Form meist kein Zweifel sein und das Verständnis ist durchweg gesicherter als z. B. bei phoenikischen Inschriften. Aber jene Umstände erklären es, daß die Assyriologie viel länger und schwerer um ihre Anerkennung hat kämpfen müssen als die Aegyptologie; in Deutschland haben ihr erst EBERHARD SCHRADER (seit 1872) und FRIEDRICH DELITZSCH (seit 1874) den Boden erobert. Gegenwärtig indessen ist dieses Stadium längst überwunden, durch die solide fortschreitende Arbeit einer großen Zahl tüchtiger, methodisch geschulter Gelehrter ist die Grammatik und das philologische Verständnis der Texte durchweg auch im einzelnen erschlossen und fest begründet worden. Wenn die Assyriologie in dieser Beziehung, dank der oben hervorgehobenen Eigenart der Schrift, vielfach weiter kommen konnte als die Aegyptologie - ein Keilschrifttext läßt sich ohne Mühe lesbar transkribieren, ein hieroglyphischer Text dagegen nicht -, und wenn sie vortreffliche, methodisch und stetig fortschreitende wissenschaftliche Arbeiten in großer Zahl aufzuweisen hat, so leidet sie doch auch jetzt noch an der Jugendkrankheit, daß sie dem Dilettantismus nicht streng genug die Wege gewiesen hat. Nur zu oft werden vorschnelle und überkühne Hypothesen aufgestellt und mit stürmischer Hast weiten Kreisen verkündet, mitunter auf Gebieten, auf denen ihren Urhebern jede eingehendere Vorbereitung und wissenschaftliche Schulung fehlt. Es kommt hinzu, daß von den Assyriologen im Gegensatz zu den Aegyptologen die Durcharbeitung des monumentalen, archäologischen Materials sehr vernachlässigt ist. Was so von Einzelnen gesündigt wird, fällt auf die Wissenschaft als Ganzes zurück, und was sie an ephemerer Popularität gewinnt, schädigt ihre wissenschaftliche Stellung und hemmt oft weit über Gebühr die Anerkennung und Verwertung der zahlreichen gesicherten und bedeutsamen Ergebnisse, die sie bereits gewonnen hat.

 Über die Grundlagen der Entzifferung und des in den älteren Stadien der Assyriologie Erreichten orientieren am besten, außer J. OPPERT, Expedition en Mésopotamie, 1859 ff. (aus dem sich aber viele verfehlte
Vermutungen und willkürliche Lesungen lange Zeit erhalten haben), die Arbeiten von E. SCHRADER, Die assyrisch- babylonischen Keilinschriften ZDMG XXVI, 1872, und: Keilinschriften und Geschichtsforschung, 1878 (gegen A. v. GUTCHMIDS Angriff, Neue Beiträge zur Geschichte des Alten Orients, 1876). - Von GROTEFENDS Entzifferung war früher nur seine in HEERENS Ideen I; 2. Aufl. 1805, gegebene Darstellung bekannt; seine ersten Arbeiten (1802 und 1808) hat W. Meyer, Nachr. Gött. Ges. 1893, veröffentlicht.

312. Die babylonische Keilschrift, hervorgegangen aus der Anpassung einer ursprünglichen Hieroglyphensehrift an das Schreibmaterial, ist von den Sumerern erfunden worden und diente daher ursprünglich zur Schreibung des Sumerischen; auch hier stehen, wie im Aegyptischen, ideographische Wortzeichen und phonetische Silbenzeichen neben einander, nur das Element des reinen Lautzeichens (des Buchstabens) fehlt vollkommen. Diese Schrift ist dann von der semitischen Bevölkerung Sinears, den Akkadiern, übernommen und ihrer Sprache, für deren Charakter sie sehr wenig geeignet war, so gut es ging angepaßt worden. Es hat sich daraus eine Lautschrift gebildet, welche jede Silbe entweder durch eigene Zeichen, wie par, kit u. ä., bezeichnete oder auch in einfache, nur aus einem Konsonanten und einem Vokal bestehende Zeichen auflösen konnte, indem sie pa + ar, ki + it schrieb. Doch stehen daneben nicht nur zahlreiche, teils aus dem Sumerischen übernommene, teils neugebildete Ideogramme, sondern vielfach sind auch ganze Worte und Wortgruppen aus dem Sumerischen übernommen worden. Diese Zeichen sind dann nicht phonetisch, ihrem Lautwert nach, auszusprechen, sondern beim Lesen durch das entsprechende semitische Wort zu ersetzen (wobei die grammatische Form entweder unbezeichnet bleibt oder durch ein sogenanntes phonetisches Komplement angedeutet wird). Solche sumerischen "Ideogramme" werden in den semitischen Texten gerade für die gewöhnlichsten Wörter sehr häufig verwendet ...

IV. Vorwort Eduard Meyers zur Neuauflage des I. Bandes der 'Geschichte des Alktertums' i. J. 1925, S. III f. des Nachtrags.

Im Sommer 1914 glaubte ich so weit gekommen zu sein, daß ich, nachdem der erste Band meiner Geschichte des Altertums in dritter Auflage fertiggestellt war, die Fortführung der Neubearbeitung energisch in Angriff nehmen könne. Das hat der Ausbruch des Weltkrieges unmöglich gemacht. Der Verteidigungskampf für die Existenz unseres Volks, zu dessen Vernichtung sich unsere Feinde aus aller Welt in räuberischem Überfall zusammengeschlossen hatten, zwang zur Unterordnung aller Kraft und aller Tätigkeit unter das eine Ziel; und alsbald zeigte sich, daß es mir ganz unmöglich war, die innere Ruhe und die andauernde Konzentration der Gedanken zu gewinnen, welche eine Versenkung in die Probleme erfordert hätte, die in der Geschichte des alten Orients gestellt waren. So habe ich mich, soweit meine Arbeitskraft nicht durch die Anforderung in Anspruch genommen war, ein wissenschaftlich begründetes Verständnis der durch den Krieg geschaffenen Probleme zu gewinnen, und durch die Aufgaben, die dann, nach dem Zusammenbruch unseres Volkes, mir in amtlicher Stellung zugefallen sind, Arbeiten zugewandt, die zu den großen Fragen der Gegenwart in engerer Reziehung standen und Gemüt und Verstand stärker zu fesseln vermochten als die Gebiete jener fremden, wenn auch weltgeschichtlich so bedeutsamen Kulturen.

Jetzt endlich glaube ich so weit zu sein, daß ich die alte Aufgabe wieder aufnehmen kann. Ich hoffe, daß, wenn mir Leben und Arbeitskraft erhalten bleibt, es mir gelingen wird, zunächst die große Lücke vom sechzehnten bis zum sechsten Jahrhundert, welche zwischen dem ersten Bande und der Zeit des Perserreichs und der griechischen Geschichte im dritten und den folgenden Bänden klafft, wenigstens einigermaßen auszufüllen, wenn ich auch gezwungen bin, die Anlage etwas anders zu gestalten als im ersten Bande und über manche Einzelfragen kurz hinwegzugehn, da ich mit meiner Zeit sparen muß, wenn ich fertig werden will. Darauf soll dann die längst geplante Überarbeitung der übrigen Bände folgen, die vor allem das inzwischen neu gewonnene Material eintragen soll.

Dagegen ist es mir unmöglich, den ersten Band noch einmal wieder neu zu bearbeiten und durch die Ergebnisse der neuen Funde und Entdeckungen zu ergänzen, die uns inzwischen auf allen Gebieten in reichem Maße beschert worden sind. Er muß bleiben, wie er 1913 gestaltet ist, und die neue Auflage ist daher ein unveränderter Abdruck der vorigen. Nur auf einem Gebiete habe ich mich für verpflichtet gehalten, einen Nachtrag zu geben, auf dem der Chronologie. Hier ist in Babylonien und Assyrien eine gewaltige Vermehrung des Materials erfolgt: die einheimische Überlieferung liegt jetzt in der Hauptsache vollständig vor, und zugleich ist es möglich geworden, zu wesentlich korrekteren Daten zu gelangen als früher, und wenn auch noch nicht die absolute, so doch eine annähernd zuverlässige Zeitbestimmung zu erreichen. Darüber mußte der Benutzer meines Werkes wenigstens in Kurze unterrichtet werden. Auf dem aegyptischen Gebiet aber ist der Versuch gemacht worden, die von mir aufgestellte Chronologie durch eine andere, mit wesentlich höheren Daten, zu ersetzen; ich durfte die Verpflichtung nicht abweisen, dazu eingehend Stellung zu nehmen. Daher habe ich die hier folgenden Abhandlungen dem ersten Bande als nachträgliche Ergänzung beigefügt, die zugleich für die Darstellung der folgenden Epoche die unentbehrliche Grundlage schafft.

Berlin, den 12. April 1925. Eduard Meyer.

 

V. Auszug aus der 'Geschichte des Altertums', Teilband I, 1 (Einleitung. Elemente der Anthropologie) Stuttgart 1910 3 , in unveränderter 6. Aufl. 1953, S. 197 - 200: Staaten und Kulturkreise. Politische und Kulturgeschichte.

110. ... die Trennung von Kulturgeschichte und politischer Geschichte hat nur relative Berechtigung. Denn wie der Mensch und die Menschengruppe eine innere Einheit ist, so auch ihr geschichtliches Leben: die wahre und höchste Aufgabe der Geschichtswissenschaft kann daher nur die Darstellung dieses Lebens in seiner Totalität sein. Da ergibt sich dann ohne weiteres, daß von denn beiden die politische Geschichte die dominierenede Stellung einnimmt. Denn der staatliche Verband ist die maßgebliche äußere Organisation, von der Dasein und Lebensgestaltung aller seiner Mitglieder abhängt; seine Schicksale wirken daher unmittelbar nicht nur auf jeden Einzelnen, sondern auch auf jede aus ihm hervorgehende Lebensäußerung zurück und sind somit auch für die Kultur und das Wirtschaftsleben von entscheidender Bedeutung. Umgekehrt wirken dann diese wieder in gleicher Weise auf die Gestaltung und die Schicksale des Staates ein. Aber erst in dieser Einwirkung (die auch eine zersetzende Gegenwirkung sein kann) erhalten sie alle ihre historisch maßgebende Bedeutung; denn wie keine andere Gestaltung des menschlichen Lebens schließt der Staat alle zu ihm gehörigen Einzelwesen zu einer lebendigen Einheit zusammen und erfordert stets die volle Entfaltung und höchste Anspannung aller in ihm beschlossenen Kräfte, weil es sich bei ihm immer in letzter Linie um die Behauptung, und dann wieder um die möglichst vorteilhafte Gestaltung der Existenz handelt (vgl. Aristoteles' Äußerung § 5 A. [scil. die politische Gemeinschaft entstehe um des Lebens willen, bestehe aber tatsächlich zum Zwecke eines gut eingerichteten Lebens - rep. 1253 a; d. Hg.]). Wenn ein Staat dieser Forderung nicht entspricht und seine Aufgaben nicht voll zu erfüllen imstande ist, so ist das ein negatives historisches Moment, das die Gültigkeit dieses Satzes nicht aufhebt, sondern bestätigt. Wenn nun auch der innere Wert und Charakter einer geschichtlichen Entwicklung (auch der der handelnden Persönlichkeiten) wesentlich auf der Kultur beruht, die sich auch in der Gestaltung und Aktion des Staats ausprägt, so ist sie doch in ihrer äußeren Erscheinung wieder von dieser abhängig, da auf dem staatlichen Dasein nicht nur der Umfang dieses Wirkungsgebiets, sondern sogar die Existenz ihrer Träger beruht. Daher ist jede Periodisierung nicht nur der politischen, sondern auch der Kulturgeschichte und aller Geschichte überhaupt von den politischen Momenten abhängig, selbst dann, wenn sie in einer großen kulturellen Wendung das Wesentliche sieht, wie bei dem Untergang des Altertums. Denn dieser Kulturprozeß vollzieht sich ganz allmählich im Lauf von Jahrhunderten, würde aber, für sich allein genommen, noch nicht eine allgemeine Umwälzung aller Lebensverhältnisse herbeigeführt haben, da sich auch überlebte und innerlich abgestorbene Formen noch viele Generatinnen hindurch erhalten können. Erst die Zersetzung der staatlichen und nationalen Gestaltung und das dadurch herbeigeführte Eingreifen neuer Völker gibt ihm seine welthistorische Bedeutung, wie sie in diesem Falle zugleich den charakteristischsten Ausdruck der großen Umwandlung bildet.

111. Aber der einzelne Staat lebt niemals isoliert, sondern steht, auch wenn er das Volkstum als Ganzes umfaßt und einen nationalen Charakter trägt, innerhalb eines Staatensystems, wo die Vorgänge in dem einen Staat ununterbrochen mit denen in allen anderen in Wechselwirkung stehen, und weiter innerhalb eines Kulturkreises; und auch die verschiedenen Staatensysteme und Kulturkreise stehen wieder in Beruhrung mit einander, in Austausch und Wechselwirkung. Daher wird es eine der wichtigsten Aufgaben der Geschichtsforschung, die Entstehung dieser größeren Gruppen darzulegen. Von dem Moment an, wo sie sich gebildet haben und in ihren wirksamen Momenten die weitere Entwicklung der von ihnen umschlossenen kleineren Gruppen beherrschen, löst jede Geschichtsbetrachtung, die sich prinzipiell auf ein Einzelgebiet, einen einzelnen Staat, Volk, Kultur beschränkt, ihre Aufgabe nur unvollständig, da sie in diesem Rahmen die Totalität der Entwicklung nicht zu umfassen vermag. Alle Geschichte, die wirklich ihr Ziel erreichen will, muß ihrer Betrachtungsweise und Tendenz nach notwendig universalistisch sein, sei es, daß sie das Gesamtgebiet behandelt, sei es, daß sie ein Einzelobjekt mit dieser inneren Beziehung auf das Ganze darstellt. Die nächste größere Einheit bilden die großen Kulturkreise, die sich im Verlauf des historischen Prozesses gebildet haben. Aber auch von diesen sind der orientalische und der hellenische im Altertum (der dann zu dem hellenistisch-römischen erwächst) und der christliche und islamische in Mittelalter und Neuzeit so eng mit einander verwachsen und stehen die ihnen entsprechenden Staatensysteme ununterbrochen in so enger Wechselwirkung, daß nur eine beide gleichmäßig berücksichtigende Gesamtbetrachtung das volle Verständnis ihrer Geschichte ermöglicht. Der dritte große Kulturkreis, der ostasiatische (indochinesische), steht zwar mit jenen immer in Beziehungen - Beziehungen, die mit dem Einbruch der Arier in Indien beginnen, im Perserreich und weiter im Reich Alexanders und den hellenistischen Staatenbildungen sich lebhafter gestalten, in der Sassanidenzeit sich fortsetzen, und durch die islamische Eroberung und dann das Mongolenreich immer bedeutsamer werden -; aber diese Beziehungen sind doch weder intensiv noch umfassend genug, um seine Geschichte mit der der westlichen Völker zu einer Einheit zusammenfassen zu können. Lediglich das Grenzgebiet, das nördliche Vorderindien, partizipiert an beiden Entwicklungen und erfährt abwechselnd Einwirkungen von beiden Seiten, während sich seine eigene Wirkung fast ausschließlich nach Osten und Norden hin erstreckt bat; eben darum kann es in der Geschichte der westlichen Kulturkreise und Staatensysterne nicht als selbständiges Glied, sondern nur als Grenzland berucksichtigt werden. Eine Zusammenfassung aller drei Gebiete zu einer wirklichen geschichtlichen Einheit mit ununterbrochener Wechselwirkung hat sieh erst in den letzten Jahrhunderten allmählich vorbereitet und ist in den letzten Jahrzehnten zu voller Realität geworden. Seitdem gibt es tatsächlich eine Weltgeschichte, das ist eine allgemeine, die Menschheit des ganzen Erdballs zu einer Einheit zusammenfassende Geschichte. Von diesem Standpunkt der Gegenwart rückschauend, kann jetzt auch die Entwicklung dieser Weltgeschichte, die Darlegung der Momente, welche innerhalb der einzelnen Gruppen auf die Bildung dieser Einheit hingewirkt haben, einheitlich dargelegt und die Einzelgeschichte ihr untergeordnet werden. Dagegen für die älteren Stadien der Entwicklung bleiben die beiden großen Hauptgebiete, das des vorderasiatisch-europäischen und das des ostasiatischen Kulturkreises, nach wie vor gesonderte Einheiten mit selbständiger Geschichte. 

 

VI. Auszug aus Teilband I, 1 der 'Geschichte des Altertums' (Einleitung. Elemente der Anthropologie) Stuttgart 1910 3 , in unveränderter 6. Aufl. 1953, S. 200 f.: Zur historischen Methode.

112. Die erste Aufgabe der historischen Forschung ist die Ermittlung historischer, d. h. wirkender Vorgänge oder Tatsachen. Aber indem sie diese selbst als geworden zu begreifen strebt, muß sie die Momente zu erkennen suchen, von denen ihr Entstehen bedingt war. Dieser historische Schluß geht von der Wirkung auf die Ursache, und ist daher seinem Wesen nach notwendig problematisch. Er kann niemals zu absoluter, logischer Sicherheit der Erkenntnis fuhren, sondern immer nur zu psychologischer Überzeugung von der Richtigkeit des kausalen Urteils. Daher führt die geschichtliche Forschung immer wieder zu neuen Problemen, zu immer erneuten Versuchen, die entscheidenden Momente der geschichtlichen Wirksamkeit richtig zu erfassen. In den Vorgängen, in denen ein Forscher die ausschlaggebenden Gründe und Motive des Ereignisses erkannt zu haben glaubt, sieht ein anderer nur Begleiterscheinungen, während er die wahren Anlässe, die eigentlich wirkenden Faktoren, auf ganz anderem Gebiete sucht. Denn immer ist seine Subjektivität, die Auffassung, mit der er an die Ereignisse herantritt, für ihn das Bestimmende; und diese ist wieder abhängig von den seine Gegenwart beherrschenden Tendenzen, welche immer neue Momente als wirksam erkennen lassen, und daher das Urteil über das, was wirksam ist und gewesen ist, ständig verschieben. Damit ändert sich zugleich die Auffassung der Tatsachen selbst, von denen die Forschung ausgeht. Denn erst durch die historische Betrachtung wird der Einzelvorgang, den sie aus der unendlichen Masse gleichzeitiger Vorgänge heraushebt, zu einem historischen Ereignis. Seine Gestalt wird aber nicht nur durch den Prozeß der Forschung, die Ermittlung neuer und die Berichtigung altbekannter Einzelvorgänge, modifiziert, sondern jede Verschiebung in der Auffassung des Wirksamen affiziert das Ereignis selbst: was für die eine Auffassung ein entscheidender Vorgang ist, wird für die andere irrelevant und verliert jede historische Bedeutung, was für jene eine innere Einheit ist, wird für diese lediglich eine Gruppe gleichzeitiger Vorgänge, die sich nicht unter einen Begriff zusammenfassen lassen, und umgekehrt. Im letzten Grunde freilich ist das nichts der Geschichtswissenschaft Eigentümliches; sondern in jeder Wissenschaft, die innerlich fortschreitet und nicht im Dogmatismus erstarrt ist, vollzieht sich ununterbrochen derselbe Wandlungsprozeß, den wir hier am historischen Objekt zu verfolgen haben.

 

 VII. Auszug aus Teilband I, 1 der 'Geschichte des Altertums' (Einleitung. Elemente der Anthropologie) Stuttgart 1910 3 , in unveränderter 6. Aufl. 1953, S. 249 - 252: Die Geschichte des Altertums als innere Einheit.

l45. Wie jede Sondergeschichte zwar für sich dargestellt werden kann, aber im Grunde doch immer nur einen Teil eines umfassenden Ganzen bildet (§ 111), so ist die Geschichte des Altertums eine große innere Einheit. Sie beginnt zwar mit einzelnen Staaten und Kulturen; aber diese verwachsen mit einander und beeinflussen sich immer intensiver, bis schließlich wenigstens die meisten von ihnen vollständig in die Einheit eines großen Staates und einer großen Kultur aufgehen. Diese Entwicklung darzulegen, ist die größte, die eigentliche Hauptaufgabe der Geschichte des Altertums. Wenn irgendwo, ist daher hier eine zusammenfassende, einheitliche Darstellung geboten, welche die Einzelgeschichten als untergeordnete Teile diesem großen Zusammenhang einfügt. Eine derartige Behandlung kann nur synchronistisch sein, allerdings nicht etwa mechanisch in der Art Diodors, daß Jahr für Jahr die Vorgänge bei den einzelnen Völkern äußerlich in ein Jahrschema eingereiht werden, sondern so, daß die zeitliche Folge der einzelnen Epochen die Grundlage gibt und dadurch die universellen Zusammenhänge und gegenseitigen Einwirkungen in ihrer Bedeutung klar hervortreten. Nach diesem Grundgedanken ist das vorliegende Werk angeordnet.

146. Im Altertum selbst hat diese Auffassung vielfache, ja sogar vorwiegende Vertretung gefunden. Schon der Anordnung Herodots liegt sie zu Grunde: systematischer tritt sie dann vor allem bei Ephoros, Polybios, Poseidonios hervor. In ein mechanisches Schema umgesetzt beherrscht sie die chronographischen Systeme und z. B. Diodors Weltgeschichte; durch die christlichen Chronographen, vor allem den von echt historischem Geist beseelten Eusebios, hat sie durch Hereinziehung der biblischen und der mit ihr verbundenen altorientalischen Geschichte eine wesentliche Erweiterung erfahren. Ebenso hat es in der Neuzeit, auch nachdem das überlieferte Schema der Chroniken und der vier Weltreiche Daniels abgestreift war, an derartigen Versuchen nicht gefehlt: das Bedeutendste hat HEEREN geleistet, dessen Handbuch der Geschichte der Staaten des Altertums (zweite, sehr verbesserte Auflage 1810) die Folgezeit nichts Gleichwertiges an die Seite zu setzen vermocht hat. Auch NIEBUHR hat in seinen Vorlesungen diese Aufgabe wenigstens zum Teil durchgeführt. Dann aber ist sie ganz hinter die Bearbeitung der Einzelgeschichten zurückgetreten; diese dominieren so sehr, daß der allgemeine Überblick und die Erkenntnis der Zusammenhänge oft selbst recht gelehrten Forschern ganz verloren gegangen ist. Zum Teil trägt die gewaltige Vermehrung sowohl des Materials wie der Intensität der Forschung daran Schuld; daneben hat sich die Wirkung des einseitigen Klassizismus sehr stark geltend gemacht. Wo noch wieder der Versuch einer zusammenfassenden Bearbeitung unternommen worden ist, hat er nicht zum Ziele geführt. MAX DUNCKERS Geschichte des Altertums ist nicht über die Anfänge des peloponnesischen Kriegs hinaus gelangt, und hat die tieferen Zusammenhänge nur ungenügend herauszuarbeiten vermocht; größere Bedeutung hat sein Werk nur für die Geschichte des Orients besessen (§ 147). Als dann, im höchsten Alter, RANKE daran ging, eine Weltgeschichte zu schreiben, wagte er sich an ein Gebiet, für das ihm alle eingehendere Vorarbeit fehlte: er hatte sich mit der Geschichte des Altertums nur in jungen Jahren nebenbei beschäftigt, und hielt sich für berechtigt, die ergebnisreiche wissenschaftliche Arbeit eines halben Jahrhundeits so gut wie völlig zu ignorieren; so konnte der Versuch nur vollständig mißglücken.

147. Die Geschichte des alten Orients ist erst im Lauf des 19. Jahrhunderts durch die stetig fortschreitende Erschließung seiner Denkmäler und seiner Sprachen und Literaturen der historischen Forschung und Darstellung zugänglich gemacht worden. Dabei hat sich gezeigt, daß die dürftigen Nachrichten, die man bis dahin in griechischem Gewande über die Jahrtausende bis auf die Begründung des Perserreichs besaß, ganz unzulänglich waren; auch die aus Manetho und Berossos erhaltenen Fragmente waren, obwohl sie brauchbare Nachrichten enthielten, doch für eine erfolgreiche Rekonstruktion der Geschichte viel zu dürftig. Die einzige originale Quelle aber, die bis dahin zugänglich war, das Alte Testament, war nicht nur, wie sich jetzt gezeigt hat, sogar für die Erkenntnis der entscheidenden Momente der politischen Geschichte der Israeliten selbst viel zu lückenhaft, sondern auch nur in sehr geringem Maße dem geschichtlichen Verständnis erschlossen; erst allmählich ist durch die fortschreitende literarische und sachliche Kritik möglich geworden, es wirklich als Geschichtsquelle zu begreifen und zu verwerten. Als dann die Entdeckungen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer größeren Umfang annahmen, sind den Einzeluntersuchungen und den Geschichten der Einzelvölker alsbald auch Darstellungen gefolgt, die das neuerschlossene Material zusammenzufassen versuchten. Darin, daß er, obwohl ihm eigene Kenntnis der Sprachen fehlte, das in umsichtiger Weise vermocht hat, besteht die Bedeutung der Geschichte des Altertums von MAX DUNCKER; jede der fünf, jedesmal total umgearbeiteten Auflagen seines Werks gibt einen trefflichen Überblick der jeweiligen Ergebnisse der Forschung. Volle Kenntnis des Materials, begründet auf rastloser und erfolgreicher Arbeit auf aegyptologischem Gebiet, besitzt G. MASPERO, der früher in einem kürzeren Abriß (Geschichte der morgenländischen Völker im Altertum, übersetzt von PIETSCHMANN 1877), neuerdings in einem ausführlichen, reich illustrierten Werke (Histoire ancienne des peuples de l'Orient classique, 3 vol. 1895 ff.) eine Darstellung der gesamten Geschiehte des alten Orients gegeben hat.

Von älteren seinerzeit recht nützlichen Werken wären etwa noch G. RAWLINSON, The five great Monarchies of the Ancient Eastern World, und seine History of Herodotus zu nennen. Systematische Darstellung der Quellenkunde: C. WACHSMUTH, Einleitung in das Studium der alten Geschichte, 1895. Das an kühnen Hypothesen und Kombinationen überreiche Werk von HOMMEL, Grundriß der Geographie und Geschichte des alten Orients, 1. Hälfte 1904, kann ich nur als völlig verfehlt bezeichnen. 

VIII. Auszug aus: Zur Theorie und Methodik der Geschichte, in: Ed. Meyer, Kleine Schriften zur Geschichtstheorie und zur wirtschaftlichen und politischen Geschichte des Altertums, Halle 1910, S. 6 - 12: Zur Kontroverse über die Bedeutung der 'modernen Sozialwissenschaften' für die Geschichte. 

... Damals, vor einem Vierteljahrhundert wandte sich diesen Problemen nur vereinzelt ein regeres Interesse zu. Seitdem haben sie eine stetig wachsende Bedeutung gewonnen und ein Jahrzehnt lang die lebhaftesten Diskussionen hervorgerufen. Es ist bekannt, daß man den Versuch unternommen hat, von ihnen aus das ganze Wesen der Geschichte umzuwandeln und eine neue Art der Geschichtsbehandlung zu schaffen, die den Anspruch erhebt, allein die wissenschaftliche zu sein und allein der tiefer in das Wesen der Dinge eingedrungenen Erkenntnis der "modernen" Denkweise und den Bedürfnissen der Gegenwart zu entsprechen, während man die bisher herrschende Geschichtsschreibung für rückständig und unwissenschaftlich erklärt und kurzerhand zum alten Eisen wirft.

Im einzelnen gehen die neuen Theorien weit auseinander; aber gemeinsam ist ihnen allen ein Grundgedanke, der ihren eigentlichen Kern bildet. Man abstrahiert aus den Naturwissenschaften einen allgemeinen Begriff der Wissenschaft überhaupt, und findet, daß die herkömmliche Geschichtsbehandlung unter diesen sich nicht subsumieren läßt. Nun folgert man daraus nicht entweder, dafs dieser naturwissenschaftliche Begriff der Wissenschaft falsch oder zu eng ist und verändert oder erweitert werden muß, oder aber, daß die Geschichte keine "Wissenschaft" ist - das würde dem Historiker als solchem vollkommen gleichgültig sein, ihm genügt es, daß die Geschichte existiert -; sondern man stellt das Postulat auf, daß der bisherige Betrieb der Geschichte verkehrt sei, daß die Geschichte - oder wie man, mit volltönenderem Titel, gern sagt, die "Geisteswissenschaft" - sich nach den Normen der absoluten "Wissenschaft" in bescheidener Anlehnung an das glänzende Vorbild der Naturwissenschaften umzugestalten habe.

Alle Naturwissenschaft ist, wenigstens in der Theorie *),

 *) In der Praxis freilich dürfte sie damit schwer auskommen. Wenn der Naturforscher ein neues Gestirn, ein neues Tier, eine neue Pflanze, ein neues Mineral, ein neues chemisches Element entdeckt, so ist das ohne Zweifel ein wissenschaftliches Ergebnis, aber es hat mit der Gesetzmäfsigkeit der Erscheinungen an sich garnichts zu tun, sondern er konstatiert nnd registriert einfach die gegebene, d. h. die zufällige Tatsache, daß das neugefundene Objekt neben unzähligen anderen in der realen Welt existiert und die und die Eigenschaften bat. Der Versuch, dieses neue Objekt in das System einzuordnen und unter dem Gesichtspunkt der Gesetzmäßigkeit zu betrachten, ist ein zweiter, von jenem prinzipiell vollständig gesonderter Akt der wissenschaftlicben Tätigkeit. Natürlich kann jene Entdeckung auch umgekehrt von wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgehen, die diese Gesetzmäfsigkeit theoretisch postulieren und dann in der realen Welt die Bestätigung durch die Entdeckung finden; so in typischer Weise bei der Auffindung des Neptun, aber ähnlich vielfach auch in der Physik und Chemie oder jetzt bei der Auffindung der von der Theorie seit langem postulierten, aber in der Praxis Jahrzehnte hindurch vergeblich gesuchten Überreste der Vorstufen des Menschengeschlechts. Immer aber bringt auch alsdann das neugefundene Objekt neben den im voraus theoretisch koustruierten Eigenschaften etwas Neues; es zeigt eine spezifische Eigenart, die sich aus der Theorie niemals hätte ermitteln lassen, und die zunächst empirisch festgelegt werden muß und dann erst den Postulaten der Gesetzmäfsigkeit mitergeorduet werden kann.

beherrscht von der Idee der Gesetzmäßigkeit; sie stellt sich die Aufgabe, den gesetzlichen Verlauf, d. h. die notwendige Verkettung von Ursache und Wirkung zu erkennen, die in allen Einzelvorgängen gleichmäßig und unabänderlich wiederkehrt. Jetzt wird der Geisteswissenschaft und der Geschichte dieselbe Aufgabe gestellt: auch sie soll Gesetze entdecken und in den Einzelvorgängen nachweisen. Daraus folgt, daß diese Einzelvorgänge degradiert werden zu einer bloßen Materialsammlung. Nicht sie in ihrem Verlauf erzählend darzustellen soll die wahre Aufgabe der Geschichtswissenschaft sein, sondern aus ihnen die ewigen Gesetze alles historischen, menschlichen Lebens zu entdecken, und deren Walten alsdann durch die Einzelvorgänge zu illustrieren, indem man diese unter jene subsumiert.

Diese Forderung führt in der Tat zu Konsequenzen, welche die gesamte bisherige Darstellung und Auffassung der Geschichte über den Haufen werfen. Diese Konsequenzen lassen sich in drei Hauptsätze zusammenfassen:

I. Für historisch bedeutungslos werden erklärt und sind daher bei einer wissenschaftlichen Behandlung der Geschichte womöglich vollständig auszuscheiden, oder, wenn das bei dem gegenwärtigen Stand unserer Erkenntrns noch nicht gelingen dürfte, wenigstens nach Möglichkeit in den Hintergrund zu drängen alle rein individuellen Momente, die wir bisher als für den Verlauf der historischen Entwicklung entscheidende Faktoren betrachtet haben; nämlich:
1. der Zufall in den Ereignissen selbst, in dem ganzen später zu erörternden weiten Umfange dieses Begnffs;
2. der freie Wille, der Zwecke setzt und nach ihnen die Vorgänge zu gestalten sucht, und daher, auch wenn er sein Ziel nicht zu erreichen vermag, bestimmend in den Verlauf der Entwicklung eingreift - auf der Negation des freien Willens als eines historischen Faktors beruht der Streit um die Bedeutung der Persönlichkeit in der Geschichte;
3. die Bedeutung der "Ideen", d. h. bestimmter dominierender Vorstellungen und Forderungen, weIche die Menschen einer gegebenen Epoche in weitem Umfang beherrschen und Denken, Ziele und Haudeln der einzelnen Individuen bestimmen.

II. Für das eigentlich historisch Bedeutsame erklärt man die Massenerscheinungen, das Typische, im Gegensatz zu dem bisher in den Vordergrund gestellten Individuellen. Die Menschheitsgeschichte ist daher ausschließlich Geschichte menschlicher Gemeinschaften, Gruppen, Gesellschaften irgend welcher Art: "die Geschichte als Wissenschaft hat also zum Gegenstande die menschlichen Gesschaften und ihre Veränderungen" sagt P. BARTH. *)

 *) Die Philosophie der Geschichte 1, 1897, 8. 4. BERHEIM, Lehrbuch der historischen Methode, 2. Aufl. 1894, S.5 definiert die Geschichte als die Wissenschaft von der Entwicklung der Menschen in ihrer Betätigung als soziale Wesen [in der 3. Auflage, 1903, S.6. "die Wissenschaft, welche die Tatsachen der Entwicklung der Menschen in ihren (singulären wie typischen und kollektiven) Betätigungen als soziale Wcsen im kausalen Zusammenhange erforscht und darstellt"]. Ich sehe nicht ein , wie man unter eine solche Detinition anders als durch Gewaltsamkeit etwa eine Geschichte des spanischen Erbfolgekriegs oder Napoleons subsumieren kann, von den unzähligen kleineren und kleinsten Gegenständen eifriger historischer Forschung ganz zu schweigen. Gewiß handeln wie überall, so auch hier die Menschen als soziale Wesen, so gut wie der Kaufmann, wenn er ein Geschäft absehließt; aber das ist für die Geschichte selbstverständliche Voraussetzung; und die Entwicklung des Menschen ist in allen diesen Fällen keineswegs das Objekt der historischen Forschung und des historischen Interesses.

Die empirische Geschichte behandelt, etwa wie die beschreibenden Naturwissenschaften, diese menschlichen Gesellschaften im einzelnen, die Geschichtsphilosophie ihre Grundformen, "die Typen der Gesellschaften" und "die Prinzipien, nach denen die Fortbildung von den früheren zu den späteren stattgefunden hat" (BARTH. l. c. S. 8). "Eine vollkommene Soziologie" sagt derselbe Schriftsteller (ib. S. 10), "würde sich mit der Geschichtsphilosophie ganz und gar decken, sie unterscheiden sich schließlich nur noch dem Namen nach". Das ist vollständig konsequent: wenn diejenige Geschichte, welche wir bisber kannten, vollkommen aufgehoben und ins Nichts verbannt wird, fällt mit ihr auch die Wissenschaft, welche nach dem Wesen und der Eigenart dieser Geschichte fragte, die Geschichtsphilosophie *)

 *) Daß ich ebensowenig wie E. BERNHEIM die philosophierende Betrachtung der Universalgeschichte, wie sie neben so vielen anderen in typischer Weise HEGEL versucht hat, als Geschichtsphilosophie anerkennen kann, bedarf kaum der Bemerkung.

und nur die Anthropologie oder Soziologie bleibt übrig.

Welche unter den verschiedenen geselschaftlichen Formen, die wir bei den Menschcn finden, vorzugsweise oder vielleicht sogar ausschließlich das Object der echten Geschichtswissenschaft bilden soll, darüber gehen bekanntlich die Meinungen weit auseinander. Für weite Kreise sind gegenwärtig die wirtschaflichen Klassen, ihre Entwicklung und ihr Ringen mit einander der einzige Gegenstand der Geschichte, der die Aufmerksamkeit eines aufgeklärten Menschengeistes in Anspruch zu nehmen und die Forschung zu beschäftigen verdient; auf sie werden alle anderen Erscheinungcn als auf die eigentlichen Grundfaktoren alles menschlichen Lebens zurückgeführt, namentlich auch die rein politischen und die religiösen Gruppen, die früher im Vordergrunde der Betrachtung standen. Bei den Historikern im engeren Sinne, die der modernen Richtung angehören, so vor allem bei LAMPRECHT, sind dagegen die Nationen die maßgebenden gesellschaftlichen Einheiten *),

 *) LAMPRECHT, Jahrb. für Nationalök., Bd. 68,1897, S. 590: "Die Untersucbung hat . . hinübergeführt zum Begriff der Nation als der regulären Größenerscheinung des geschichtlichen Lebens, in die das Leben des Einzelnen eingeschlossen ist, und in deren Entwicklung sich typische Stufen unterscheiden lassen Es gibt gewiß noch andere Massenerscheinungen in der Geschichte als die Nationen. Aber es besteht kein Zweifel darüber, daß diese teilweise mehr singulär nnd fast stets verwickelterer Natur sind als jene, und daß zu ihrem Verständnis erst die Erscheinung der Nation genau und enigehend begriffen sein muß".

deren fortschreitende Entwicklung, die durchaus als Massenentwicklung betrachtet wird, den eigentlichen Inhalt der Geschichte bildet.

III. Nun bestehen freilich die Massen aus Individuen, und es ist daher auch für den eingefleischtesten Anhänger der modernen Richtung unmöglich, ganz um diese herum zu kommen. Aber soweit man sie in der Geschichte noch duldet, dürfen sie nicht als das in Betracht kommen, was sie erst zu Individuen macht, als Einzelwesen eines bestimmten, sie von allen anderen unterscheidenden Charakters und als selbständige Potenzen, deren freier Wille bestimmend in den Verlauf der Geschichte eingreift, sondern nur als Typen der Massenerscheinungen und als gesetzlich bedingte Wesen, die durch irgend einen Anlaß für die historische Betrachtung momentan aus den großen Massen hervorgehoben werden. Die Wirksamkeit seelischer Vorgänge kann die "Geisteswissenschaft" unmöglich leugnen, und eine Geschichte, welche seelische Eindrücke, Erwägungen und Willensentschlüsse nicht anerkennt und durch chemische und mechanische Vorgänge im Gehirn ersetzt, ist noch nicht geschrieben worden und würde auch selbst der kühnste der Modernen nicht schreiben können, wenn er nicht vorher eine neue Sprache erfunden hätte. Aber alle seelischen Vorgänge verlaufen gesetzmäßig, und die Normen, nach denen sie sich mit Notwendigkeit abspielen, gibt die Psychologie: so ist nach dieser Lehre die Geschichte, soweit die Individuen für sie überhaupt in Betracht kommen, nichts als angewandte Psychologie, die nur darum ihr Ziel nicht vollständig erreichen kann und immer eine unvollkommene (und daher im Grunde recht minderwertige) Illustration der Psychologie bleiben wird, weil unser Material, mag es auch noch so reich sein, hier eine vollkommene Erkenntnis niemals möglich machen kann.

Aber im Grunde besagen die einzelnen Individuen herzlich wenig gegenüber den Massen: sie sind nicht imstande und verdienen auch kaum, Objekte wissenschaftlicher Forschung zu sein. Die Massenpsychologie, die "sozialpsychischen" Faktoren, das ist es worauf es ankommt. "Die sozialpsychischen Entwicklungsstufen" sagt LAMPRECHT (in der "Zukunft", 2. Januar 1897, S. 8 [siehe jetzt seine Schrift: Moderne Geschichtswissenschaft, 1905, die mit dem Satze beginnt: "Moderne Geschichtswissenschaft ist an erster Stelle sozialpsychologische Wissenschaft".) ... "folgen in bestimmter Reihe auf einander, sie haben nichts Singuläres in ihrer Motivation: denn innerhalb derselben Nation geht infolge des beständigen Wachstums der psychischen Energie des nationalen Wirkens immer die eine kausal aus der anderen hervor. Bei diesem Charakter ist es klar, daß die sozialpsychischen Entwicklungsstufen die Entwicklungsstufen des geschichtlichen Lebens im Verlaufe der nationalen Geschichte überhaupt sind: sie sind typisch; und darum liegt in ihnen allein, und niemals in den Perioden der sogenannten politischen Geschichte, eine wahrhaft wissenschaftliche Periodisierung der nationalen Geschichte vor". Es ist bekannt, daß LAMPRECHT diese Stufenfolge, die für alle historischen Nationen gilt, zunächst in der deutschen Geschichte entdeckt und dadurch eine ganz neue Aera für die gesamte Geschichtswissenschaft begründet hat. Es sind die Kulturzeitalter des Animismus, Symbolismus, Typismus, Konventionalismus, Individualismus und Subjektivisinus, welch letzterer in der Gegenwart in die Epoche der Reizsamkeit eingetreten ist. Diese sechs Zeitalter der geistigen Kulturgeschichte decken sich genau mit den Stufen der Wirtschaftsgeschichte: kollektiv-okkupatorische Wirtschaft, individuell-okkupatorische Wirtschaft, kollektive (markgenossenschaftliche) Naturalwirtschaft, individuelle (grundherrliche) Naturalwirtschaft, genossenschaftliche Geldwirtschaft (Gilden und Zünfte), individuelle Geldwirtschaft. *)

 *) Außer LAMPRECHT''s Deutscher Geschichte s. vor allem seinen Aufsatz "Was ist Kulturgeschichte?" in der Deutschen Zeitsch. f. Geschichtsw. I, 1896, S.128 ff. Das Zeitalter des Symbolismus gibt sich in der Geschichte des deutsehen Nationalbewußtseins darin zu erkenuen, daß die Germanen sich auf den Stammvater Mannus zurückführen, das des Typismus (Karolinger und Ottonen) in dem Aufkommen der Volksbezeichnuug 'Teutisci'; der Koonventionalismus ist die Ritterzeit, der Individualismus das 16. bi 18. Jahrhnudert, der Subjektivismus das19. Jahrbundert.

In solche Formeln wird von der modernen Richtung der unendliche Reichtum der Geschichte hineingezwängt! Die lebendigen Gestalten werden erschlagen, und an ihre Stelle treten blasse Phantome und vage Allgemeinheiten. Auch wenn die neuen Schlagwörter besser gewählt wären und scharfumrissene Vorstellungen zu erwecken vermöchten, würde mit ihnen blutwenig gewonnen sein, eben weil sie sich notwendig an das Allerllgemeinste halten müssen und daher der unendlichen Mannigfaltigkeit des realen Lebens niemals gerecht werden können. Aber unsere Zeit ist nun einmal beherrscht von dem Triebe nach Schlagworten und von dem Wahne, etwas zu wissen und eine Erscheinung zu begreifen, wenn sie mit Schlagworten um sich wirft. Wir haben erfahren und erfahren es täglich, wie manche Nationalökonomen mit dem Schema der Natural-, Geld- und Kreditwirtschaft das Geheimnis der historischen Entwicklung erfaßt und auf eine einfache Formel gebracht zu haben glauben; und seitdem sind noch gar manche weitere Formeln derselben Art wie die LAMPRFCHT'schen aufgestellt worden und werden uns gewiß noch weitere beschert werden. Natürlich finden sie alle großen Zulauf; wird doch dadurch das Erlernen der geschichtlichen Tatsachen unendlich erleichtert, ja fast unnötig gemacht, und zugleich dem, der diese Formdn beherrscht, das Gefühl einer unendlichen Überlegenheit über alle anderen verschafft: von der Höhe der "modernen Weltanschauung" herab kann er mit voller Geringschätzung auf die rückständigen Geister herabsehen, die noch in den alten Bahnen wandeln und vom Tatsächlichen nicht loskommen können.


Zusammenstellung und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


HS Gizewski WS 1998/99