Lesetexte zur Historik-Konzeption bei T. Mommsen. 

 
 
 

Abb. T. Mommsens in jüngeren und älteren Jahren aus: Ward Wright Briggs, William Musgrave Calder III, Classical Scholarship. A Biographical Encyclopedia, New York, London 1990, S. 285 (in: Alexander Demadt, Theodor Mommsen, S. 285 - 310) und: Wolfgang Ribbe, Michael Erbe (Hg.), Berlinische Lebensbilder. Geisteswissenschaftler (4), Berlin 1989, S. 176 (in: Hartmut Galsterer, Theodor Mommsen, S. 175 - 194).

 Theodor Mommsen (1817 - 1903).

Zu Biographie und wissenschftlichem Profil:

Karl Christ, Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker in der Neuzeit, Darmstadt 1972, S. 84 ff.

Karl Christ, Römische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft, München 1982, S. 58 ff.

Wilfried Nippel (Hg.), Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 128 ff.

Alexander Demandt, Theodor Mommsen, in: Ward Wright Briggs, William Musgrave Calder III, Classical Scholarship. A Biographical Encyclopedia, New York, London 1990, S. 285 - 310.

Hartmut Galsterer, Theodor Mommsen, in: Wolfgang Ribbe, Michael Erbe (Hg.), Berlinische Lebensbilder. Geisteswissenschaftler (4), Berlin 1989, S.175 - 194.

Text I macht die Konzeption Mommsens deutlich, bei der Darstellung des 'römischen Staatsrechts' einen - in den Quellen des römischen Rechts nicht thematisierten und für die gemeinrechtliche Anwendung des römischen Rechts im 19. Jht. nicht zentralen - systemischen Aufbau der öffentlicen Institutionen Roms zum eigentlichen Gegenstand der Darstellung zu machen. Er befindet sich insoweit auf einer damaligen Grenzlinie zwischen den Disziplinen Jurisprudenz (des Gemeinen Rechts) und 'Alte Geschichte'.

Text II widmet sich in einer Mommsens Problembewußtseins für Konstitutions-Fragen markierenden Weise dem - unter dem Aspekt einer antiken 'Souveränitär' - politisch zentralen, verfassungsjuristisch dagegen eher unergiebigen Thema der sehr variabel gestaltbaren 'außerordentlichen' Amtsbefugnisse, die zu verleihen und zeitweilig an die Stelle 'ordentlicher' - in streng definierten Amtstypen und Verfahrensnormen prozedierender - politischer Praxis zu setzen, allerdings auch der römischen Republik möglich und durch den Staatszweck ggf. gerechtfertigt erscheint. Zugleich zeigt sich ein rechtshistorisch-'formgeschichtlicher' Ansatz, der für die Erklärung der Entstehung etwa der 'außerordentlich' konturierten Amtskomptenzen des 'Prinzipats'-Kaisertums nutzbar gemacht wird.

Text III verdeutlicht den neuen Ansatz, die nicht-literarischen, d. h. epigraphisch oder durch Grabungstätigkeit erschlossenen historischen Zeugnisse, bei einer Geschichtsdarstellung der römischen Kaiserzeit vorrangig - d. h. kritisch gegenüber der literarischen Überlieferung der Kaisergeschichte - zu nutzen. Das verbindet sich mit einer Verlagerung des Interesses von der Hof- auf eine provinziale Geschichte.

Text IV macht deutlich, wie im Rahmen einer Vorlesung das Mittel einer historisch-realistischen Gesamteinschätzung eines Themas, dem im politisch-nationalen Denken der damaligen Gegenwart ein hoher Symbol- und Gefühlswert zukommt, auch zu didaktischen Zwecken - nämlich zur Erzeugung einer Zurückhaltung im historischen Urteil - eingesetzt wird. Er steht mithin für die von Mommsen öfters unterstrichene, auch didaktische Funktion der Geschichtsdarstellung.

  

I. Aus dem Vorwort zur zweiten Auflage (1876) in: Theodor Mommsen, Römisches Staatsrecht, Bd. 1, Leipzig 1887 3 , S. XI - XIII.

Wenn der Staat ein organisches Ganze ist, so müssen wir, um ihn zu begreifen, theils die Organe als solche in ihrer Besonderheit, theils die aus dem Zusammenwirken mehrerer Organe hervorgehenden Functionen verstehen; und wenn das letztere durch die materiell geordnete Darlegung geschieht, so ist das erstere die Aufgabe des Staatsrechts. Es genügt nicht, dass uns der Prätor theils im Krieg commandirend, theils im Civilprozess rechtsprechend, theils bei den Volksfesten spielgebend begegnet; wir müssen das Amt als solches in seiner Einheit anschauen, um sein Eingreifen in jede einzelne Function zu verstehen. Insbesondere die Eigenthümlichkeit des römischen Gemeinwesens, das in den oberen Sphären nicht ein einzelnes Organ für eine einzelne Funetion entwickelt hat, sondern dessen Wesen es ist, die höheren Behörden an dem ganzen Staatswesen zu betheiligen, fordert diese Behandlung mit zwingender Nothwendigkeit. Das Wesen des Imperium ist so sehr das correlate Eingreifen in verschiedene Kreise, dass es weder innerhalb der Militäralterthümer noch innerhalb des Civilprozesses deutlich gemacht werden kann, obgleich Krieg wie Prozess auf ihm beruhen. Die künstlich verschlungene Institution der Censur ist wohl ein integrirender Theil der militärischen wie der finanziellen Ordnungen; aber jede Darstellung der einen wie der anderen muss sie voraussetzen, da sie selber weder eine militärische noch eine finanzielle noch überhaupt eine nach materiellen Gesichtspunkten abgegrenzte Magistratur ist. Darum findet auch das Staatsrecht naturgemäss seine Grenze da, wo dieser allgemein politische Charakter der einzelnen Einrichtung aufhört. Die gesammte Technik des Kriegswesens, welche dem staatlichen Gedanken nicht unmittelbar gehorcht, gehört nicht in das Staatsrecht; die einzelnen Kategorien der Civilklage wie des Criminalprozesses können darin ihre Erörterung nicht finden, so nothwendig es die Frage zu beantworten hat, mit welchen Organen der Staat in die verschiedenen Rechtshändel eingreift. Wenn die Stellung des Magistrats mit Commando oder Jurisdiction nur derjenige begreifen wird, der das Staatswesen in seiner Gesammtheit ins Auge fasst, so kann die Competenz des Kriegstribuns und des Centurionen sehr wohl den Kriegsalterthümern vorbehalten werden, ebenso wie es füglich den Prozesshandbüchern überlassen werden kann, das Wesen des Geschwornen darzustellen, Wenn daher auch bei dieser nothwendigen Doppelbehandlung Wiederholungen unvermeidlich sind und im einzelnen Fall vielfach äussere Rücksichten und selbst Zufälligkeiten die Grenze hüben und drüben bestimmen, so bleibt doch jeder Darstellung ihr besonderer und wesentlich ihr eigener Kreis. Die Institution des römischen Provinzialstatthalters und die des römischen Municipiums, wie beide in der späteren Republik und unter dem Principat sich gestaltet haben, können in dem römischen Staatsrecht nicht fehlen: die Aufzählung der einzelnen Provinzen oder Gemeinden und der nicht principiell wesentlichen Besonderheiten einer jeden würde in diesem Zusammenhang nur verwirren. Wenn es also wissenschaftlich gerechtfertigt erscheint neben dem Staatsrecht überhaupt die einzelnen politischen Functionen in ihrer Eigenartigkeit zu erörtern, so ist dagegen die Frage, welche derselben in ein Handbuch der römischen Alterthümer gehören, von ganz anderer Art und in der That mehr von äusseren Momenten abbängig als von der inneren Nothwendigkeit der Methode. Das Civil- und das Criminalreeht so wie der Civil- und der Criminalprozess fordern nothwendig eine gesonderte Darstellung, entziehen sich aber nach dem Gang unserer wissenschaftlichen Entwickelung der Behandlung in einem Handbuch dieser Art. Aber auch sonst wird es wesentlich nach Zweckmässigkeitsrücksichten zu bestimmen sein, welche Seiten des öffentlichen Wesens neben der Sacralordnung und den sogenannten Privatalterthümern für die Sonderbehandlung in einem solchen Gesammtwerk sich eignen oder nicht eignen. Das Kriegswesen freilich und die Staatsfinanzen werden unbedingt einer solchen bedürfen; wie weit es räthlich erscheint darüber hinauszugehen, ist hier und von mir nicht zu erörtern. Ich habe innerhalb des Gesammtwerkes denjenigen Theil zu bearbeiten übernommen, dessen Grenzen Becker in seiner 'römischen Staatsverfassung' in zweckmässiger Weise festgestellt hatte; die Oekonomie des Handbuchs überhaupt rührt nicht von mir her und beschränke ich daher auch hier mich darauf im Allgemeinen die Stellung zu bezeichnen, welche ich für meine Arbeit innerhalb desselben ja in Anspruch nehme. Es ist der allgemeine Theil der Darstellung des römischen Gemeinwesens, der hier im Anschluss an die hergebrachte Bezeichnung der 'Staatsalterthümer' als 'römisches Staatsrecht' gegeben wird, der Versuch eine jede Institution darzustellen sowohl als Glied des Ganzen in ihrer Besonderheit wie in ihrer Beziehung zu dem Organismus überhaupt. Darin liegt allerdings auch die eminente Schwierigkeit dieser Arbeit, dass dafür der Darstellende überall ebenso der vollständigen Kenntniss auch derjenigen Einzelheiten bedarf, die er nicht erörtert, wie der vollständigen Einsicht in das Wesen des römischen Organismus überhaupt. Indess soll der Mensch sich die Aufgabe nicht desshalb verkleinern, um sich seine Unzulänglichkeit dadurch zu verbergen

  

II. Die ausserordentlichen Magistraturen der Republik. 3. Buch, Kap. 10 aus T. Mommsen, Abriss des römischen Staatsrechts, Leipzig 1907 2 , S. 186 - 189.

Ausserordentliche, das heisst auf dem gewöhnlichen Wege durch Zusammenwirken der Magistratur und der Bürgerschaft, aber für den einzelnen Fall creirte Beamte können in dreifacher Beziehung vorkommen: theils für die in der Competenz keines ordentlichen Amtes liegenden und insofern als Reservatrechte der Gemeinde aufzufassenden Geschäfte; theils für ordentliche, aber aus irgend einem Grunde den beikommenden Beamten entzogene Verrichtungen; theils endlich für Umgestaltung des Gemeinwesens überhaupt. Die erste Kategorie dieser Magistraturen ist wohl ausserordentlicher Art, aber principiell im Wesen der Gemeindeordnung gegeben; die zweite ist ein Bruch, die dritte die Suspension der bestehenden Gemeindeordnung.

(Ausserordentliche Beamte für ausserordentliche Amtsgeschäfte) Die ausserordentlichen Aemter der ersten Kategorie betreffen diejenigen Verrichtungen, welche die Gemeinde keinem Beamten generell ordentlich übertragen hat, sondern zu deren Vornahme es immer eines Gemeindebeschlusses für den einzelnen Fall bedarf. Dieser Beschluss kann zugleich die dafür bestimmten Personen bezeichnen; regelmässig aber fällt derselbe mit dem Wahlact der betreffenden Magistrate nicht zusammen, sondern ordnet diesen an. Nach ältester republikanischer Ordnung - für das Königthum hat diese Beschränkung schwerlich bestanden - unterliegen dieser exceptionellen Behandlung theils die politischen Prozesse (perduellio), theils die unentgeltliche Weggabe voll Gemeindeboden sei es an einen Gott (duoriri aedi dedicandae) sei es an Bürger oder Bundesgenossen (Beamte agris dandis assignandis). Auch für einzelne andere wichtige über die Competenz der Magistratur hinausgehende Geschäfte, für den Abschluss von Friedensverträgen, für die Gewährung von Darlehen aus der Staatskasse an Private, auch wohl für die Münzprägung, bevor dafür ständige Beamte bestellt wurden, ist durch Comitialbeschluss die Wahl von Specialheamten angeordnet und ihnen die Vollmacht normirt worden.

(Ausserordentliche Beamte für ordentliche Amtsgeschäfte) Wenn die Einsetzung von ausserordentlichen Magistraturen für die der ordentlichen Beamtencompetenz entzogenen Verrichtungen der Verfassung entspricht und die Comitien dabei nur von der ihnen zukommenden Befugniss Gebrauch machen, so ist dagegen die Uebertragung ordentlicher Amtsgeschäfte auf ausserordentliche Beamte insofern ein Rechtsbruch, als die ordentliche Magistratur dadurch in ihrem Recht verkürzt wird, und liegt daher streng genommen ausserhalb der Machtsphäre selbst der Volksgemeinde. Allerdings gilt dies nur von dem Oberamt. Für Verrichtungen, die in die Competenz der Censoren und der Aedilen fallen, für grössere Bauten, für Massregeln in Betreff des Getreidemarktes und der Kornspenden, überhaupt für Hülfsgeschäfte jeder Art sind häufig specielle Curatoren erwählt worden, ohne dass in einem solchen Volksschluss eine Verfassungsverletzung gefunden wird. Aber wo das Imperium der Amtshandlung zu Grunde liegt, ist die Uebertragung derselben an einen andern als den verfassungsmässig beikommenden Beamten unzulässig. lm städtischen Imperium ist wohl der einzige dagegen verstossende Act die Bestellung von Zweimännern mit consularischer Gewalt zur Vornahme der Consulwahlen in dem Jahre nach der Ermordung des Dictators Caesar. Welche Ausnahme nach Zeit und Art die Regel bestätigt. - Auch bei der feldherrlichen Amtführung zeigt sich in der Einhaltung des Princips, obwohl dieselbe hier in jeder Weise schwierig und oft gefahrvoll ist, die volle Strenge der politischen Zucht, auf welcher die Grösse und die Macht Roms schliesslich ruht. Die erste uns bekannte und vermuthlich die erste überhaupt vorgekommene Verletzung dieses Gesetzes ist die im J. 535 (213 v. Chr.) während des hannibalischen Krieges und unter ganz eigenartigen politischen Verhältnissen erfolgte Uebertragung consularischer Gewalt auf M. Marcellus. Diese wurde überdies dadurch gemindert, dass derselbe das prätorische Imperium in ordentlichem Wege besass; und von solcher Ausstattung des Prätors mit der Titulatur und theilweise auch mit den Insignien des höheren Oberamts ist bei der wesentlichen Gleichheit der beiden Aemter von da an sehr häufig Gebrauch gemacht worden. Aber wenn der praetor pro consule nur im formalen Sinne gegen jenes Gesetz verstösst, so ist wirkliche Verletzung desselben, Verleihung des militärischen Imperium an einen Privaten in eigentlich republikanischer Zeit nur ein einziges Mal vorgekommen und zwar ebenfalls während des hannibalischen Krieges, als unter noch schwererem politischen und personalen Druck im J. 543 (211 v. Chr.) das Commando in Spanien von den Comitien dem Sohn des dort gefallenen Feldberrn, dem amtlosen Jüngling P. Scipio übertragen ward. Mehr als ein Jahrhundert verging, bis die sullanische Oligarchie dem jungen Pompeius im J. 673 (81 v. Chr.) wieder ein ähnliches Mandat gab. Bald darauf machte der durch die kurzsichtigen sullanischen Ordnungen herbeigeführte Mangel eines ordentlichen allgemein competenten Commandos, wie es das ältere consularische gewesen war, dem Piratenwesen gegenüber die Einrichtung ausserordentlicher Imperien unvermeidlich, von denen das im J. 687 (67 v. Chr.) angeordnete wiederum einem Privaten und zwar demselben Pompejus übertragen wurde. Diese ausserordentlichen militärischen Imperien, durch die Comitien vergeben und rechtlich auf deren Vollgewalt gestützt, leiten nach Art und Zeit den Principat ein, dessen Wesen wie seiner Zeit dargelegt werden wird, eben in dem von der ordentlichen Magistratur losgelösten schrankenlosen Militärcommando besteht.

(Beamte mit constituierender Gewalt) Die dritte Kategorie der ausserordentlichen Beamten bilden die Beamten constituirender Gewalt. Wir fassen unter diesem Namen zusammen den Decemvirat der Zwölftafelgesetzgebung, die sullanische und die caesarische Dictatur, welche mit der älteren nur den Namen gemein haben, und den nach der Ermordung Caesars eintretenden Triumvirat. In die Darstellung des Staatsrechts gehören sie insofern nicht, als dieses nur die geordneten Institutionen zum Gegenstand hat, diese Aemter aber wenn nicht auf einer Negation, doch auf einer Suspension der bestehenden Einrichtungen beruhen und es ihre Aufgabe ist Gesetze zu geben (leges scribere) und das Gemeinwesen zu ordnen (rem publicam constituere). Ihren Rechtsgrund haben sie weniger in den Comitialbeschlüssen, aus denen sie hervorgegangen sind, da nach der bei den Römern durchaus überwiegenden Auffassung die Verfassung auch die Comitien bindet, als in dem Nothstand, welcher allerdings jede Illegalität und jede Revolution legitimirt. Eine Definirung der constituirenden Gewalt lässt sich nicht geben; ihr Wesen ist die Schrankenlosigkeit und wir können nur das Fehlen jeder Macht- wie jeder Zeitschranke exemplificiren. Die erstere tritt am bestimmtesten hervor in der Befugniss, auch ohne Zustimmung der Bürgerschaft Gesetze zu geben und Beamte zu ernennen; in der der ordentlichen Magistratur schlechthin entzogenen Verfügung über den Grundbesitz der Gemeinde, woraus die sogenannten Militärcolonien der sullanischen und der caesarischen Zeit hervorgegangen sind; in der nicht bloss nicht durch das Provocationsrecht, sondern nicht einmal durch irgend welche Rechtsform eingeschränkten capitalen Coercition und Judication, wovon die sullanischen und die triumviralen Proscriptionen die folgerichtige juristisch unanfechtbare Consequenz sind. Wie dem Inhalte ist auch der Zeit nach die constituirende Gewalt rechtlich unbegrenzt; wenn bei der Uebernahme derselben ein Endtermin bezeichnet ist, so ist damit lediglich die Absicht des Inhabers ausgesprochen und steht es bei ihm diese zu ändern. Allerdings ist die constituirende Gewalt ihrem Wesen nach ephemer, insofern die Staatsordner verpflichtet sind, wenn sie ihrem Auftrag genügt zu haben glauben, ihr Amt niederzulegen und die neu geschaffene Ordnung walten zu lassen, wie dies die Decemvirn hätten thun sollen und Sulla nnd Augustus in der That gethan haben. Schwerlich hat Caesar die Dictatur in gleicher Weise aufgefasst, da er sie auf Lebenszeit übernahm; aber auch wenn wie dies wahrscheinlich ist, er das Amt als bleibendes hat gestalten wollen, so kann doch auch seine Dictatur, da er über seinen Tod hinaus keine Verfügung getroffen bat, staatsrechtlich nur als ephemere Einrichtung betrachtet werden, nicht als auf Dauer angelegte Umgestaltung der bestehenden Ordnung.

 

 III. Aus der Einleitung zum 5. Bande der Römischen Geschichte (Die Provinzen von Caesar bis Diocletian), Berlin 1904, S. 5.

... wenn einmal ein Engel des Herrn die Bilanz aufmachen sollte, ob das von Severus Antoninus beherrschte Gebiet damals oder heute mit größerem Verstande und mit größerer Humanitat regiert worden ist, ob Gesittung und Völkerglück im Allgemeinen seitdem vorwärts oder zurückgegangen sind, so ist es sehr zweifelhaft, ob der Spruch zu Gunsten der Gegenwart ausfallen würde. Aber wenn wir finden, daß dieses also war, so fragen wir die Bücher, die uns geblieben sind, meistens umsonst, wie dieses also geworden ist. Sie geben darauf so wenig eine Antwort, wie die Ueberlieferung der früheren Republik die gewaltige Erscheinung des Rom erklärt, welches in Alexanders Spuren die Welt unterwarf und civilisirte.

Ausfüllen läßt sich die eine Lücke so wenig wie die andere. Aber es schien des Versuches werth einmal abzusehen sowohl von den Regentenschilderungen mit ihren bald grellen, bald blassen und nur zu oft gefälschten Farben wie auch von dem scheinhaft chronologischen Aneinanderreihen nicht zusammenpassender Fragmente, und dafür zu sammeln und zu ordnen, was für die Darstellung des römischen Provinzialregiments die Ueberlieferung und die Denkmäler bieten, der Mühe werth durch diese oder durch jene zutällig erhaltene Nachrichten, in dem Gewordenen aufbewahrte Spuren des Werdens, allgemeine Institutionen in ihrer Beziehung auf die einzelnen Landestheile, mit den für jeden derselben durch die Natur des Bodens und der Bewohner gegebenen Bedingungen durch die Phantasie, welche wie aller Poesie so auch aller Historie Mutter ist, nicht zu einem Ganzen, aber zu dem Surrogat eines solchen zusammenzufassen. Ueber die Epoche Diocletians habe ich dabei nicht hinausgehen wollen, weil das neue Regiment, welches damals geschaffen wurde, höchstens im zusammenfassenden Ausblick den Schlußstein dieser Erzählung bilden kann; seine volle Würdigung verlangt eine besondere Erzählung und einen andern Weltrahmen, ein bei schärferem Verständniss des Einzelnen in dem großen Sinn und mit dem weiten Blick Gibbons durchgeführtes selbständiges Geschichtswerk.

 

IV. Gründe für die Änderung der römischen Germanienpolitik unter Augustus. Auszug aus der Mitschrift einer Vorlesung Theodor Mommsens über die römische Kaisergeschichte. Entnommen aus B. und A. Demandt (Hg.), Römische Kaisergeschichte. Nach den Vorlesungs-Mitschriften von Sebastian und Paul Hensel 1882/86, München 1992, S. 125 - 128.

Jahr auf Jahr, sechs Jahre hindurch wurden Expeditionen ausgeführt, die man doch nicht als bloße Razzias betrachten kann. Ohne große Feldschlachten rückte Tiberius dem Erfolg immer näher. Durch seine Züge 8/7 v.Chr. hat er wirklich Germanien zu einer unterworfenen Provinz gemacht.

Da trat die Politik des kaiserlichen Hauses hindernd dazwischen. Es kam zum Zerwürfnis zwischen Augustus und Tiberius. Dieser verließ das Heer, und mit Recht klagte Augustus, daß er von Tiberius verraten sei (se destitutum esse ab Tiberio dixit - Dio LV, 13). Von nun an bleiben hier die Operationen vollständig liegen. Ganz entsprechend der augusteischen Principatspolitik konnte und sollte eine so wichtige Unternehmung eben nur von einem kaiserlichen Prinzen ausgeführt werden. Der einzige, der dazu imstande war, hatte die Aufgabe abgelehnt, so wurde sie überhaupt nicht in Angriff genommen.

Allerdings finden wir auch in den nächsten zehn Jahren einige kleinere Unternehmungen. Domitius Ahenobarbus ging von Pannonien aus über die Elbe. Die Hermunduren erhielten Wohnsitze in Bayern angewiesen. Aber zu ernsten Unternehmungen kam es doch erst nach dem Tode des Gaius und Lucius, als nach seiner Adoption 4 n. Chr. Tiberius wieder im Felde erschien. 4 n.Chr. ging er über die Weser, im Jahr darauf finden wir ihn an der Lippe beschäftigt, er blieb bis zum Dezember im Felde. Er war sehr energisch bei diesen Feldzügen. Das folgende Jahr 6 n.Chr. sollte die letzte Entscheidung bringen. Sie mußte gegen die Markomannen errungen werden. Diese hatten in Böhmen unter Marbod ein gewaltiges Reich gegründet. Es ist jedoch möglich, daß man ihre Macht absichtlich dem Publikum gegenüber übertrieb, um den Krieg gegen sie zu motivieren. Aber es war jedenfalls eine nicht zu unterschätzende Macht, zum Teil (die Infanterie) römisch organisiert. Der Hauptschlag sollte von der Donau aus geführt werden. Bei dieser Armee befand sich Tiberius selbst; der Rheinarmee unter Gaius Sentius Saturninus kam eine bloß sekundäre Bedeutung zu.

Es läßt sich erkennen, daß diese Berechnung auf politisch richtiger Grundlage beruhte. So wie die Grenzen jetzt waren, bildeten Rhein und Donau die zwei Katheten eines rechtwinkeligen Dreiecks. Sie erforderten sehr viel Truppen und waren zum Teil - so die Donaulinie - schwer zu decken. Viel mehr Sicherheit hätte die Besetzung der Hypotenuse gegeben, und diese wäre ungefähr durch die Elblinie repräsentiert worden. Und das war bei entschlossenern konzentriertem Anmarsch gar nicht so unausführbar. Schon stand Tiberius fünf Tagesmärsche jenseits der Donau, als alle seine Pläne durch den pannonisch-dalmatischen Aufstand durchkreuzt wurden, der in den vom Militär entblößten, nur höchst oberflächlich pazifizierten Landschaften ausbrach. An diese Vorgänge, die Tiberius zur Rückkehr zwangen, knüpfte dann Augustus die schon erwähnte Armee-Reorganisation an.

An sich war der Krieg kein welthistorisches Ereignis, eher eine ganz gewöhnliche Reaktion, wie sie bis dahin in jeder, noch nicht gänzlich unterworfenen Nation entstanden ist. Dennoch betrachtete man den Aufstand als eine furchtbare Gefahr für Italien. Die Führer der Dalmater und der Breuker hießen beide Bato, darum spricht man vom bellum Batonicum (Dio LV, 29). Noch hatten die Römer nicht mit Marbod angebunden und konnten daher nach der Donau umkehren. Das ganze südliche und nördliche Donaugebiet war allerdings im Aufstand, aber die großen Städte wurden von den Donaukelten nicht genommen. Es war wie eine nationale Erhebung in den dalmatischen Gebirgen, im Winkel zwischen Drave und Save, wo die Breuken wohnten. Dort fiel die Entscheidung. Vier Jahre, von 6 bis 9 n.Chr., dauerte der Kampf, über den wir nichts wissen, der aber hartnäckig genug war. Der Adoptivsohn des Tiberius, der zwanzigjährige Germanicus, erfocht sich dort seine ersten Lorbeeren. Das wurde nachher von politischer Bedeutung.

Als man hier zu Ende war, hätte man mit der um acht Legionen vermehrten Streitmacht gegen Böhmen aufbrechen können. Aber fünf Tage, nachdem der Sieg aus Pannonien in Rom gemeldet war, kam die Nachricht von der Niederlage des Varus an, der mit drei Legionen vertilgt worden war. Ein großer Schlag, aber an sich konnte er doch nur als retardierendes Element wirken.

Grundsätzlich ist die topographische Frage nicht sehr bedeutend, aber auch nicht schwierig. Der saltus Teutoburgiensis wird nur in einer einzigen Quelle, im Tacitus (ann. I, 60) genannt. Er lag zwischen den Quellen von Lippe und Ems, und das weist auf den Osning, parallel der Weser, den man als saltus bezeichnen kann. Daß die Katastrophe bei den Cheruskern stattfand, ist nicht glaublich. Man hat den Führer der Feinde mit dem Ort verwechselt. Richtig ist die Angabe, daß Varus an der Weser gelagert war. Wo, ist unbestimmt, aber die Römer setzten sich namentlich an der Lippe fest. Aliso lag in der Nähe von Paderborn. Von da an die Weser verlief die Straße über den Osning, und das führt darauf, das Lager bei Minden an der Weser zu bestimmen. Aber es handelt sich um einen Hinterhalt, eine Verlockung.

Man berichtete dem Varus, ein entferntes Volk habe sich erhoben, er möge es zu Paaren treiben. Er brach mit einem großen Teil des Heeres auf, mit drei Legionen, zwei blieben an der Weser bei Minden im Lager zurück. Ganz entschieden ist er von der großen Heerstraße abgelockt worden. Wohin, ist ganz unbestimmt. Allzu weit aber vom Osning kann es nicht gewesen sein; denn der Rückmarsch hat nicht lange gewährt, und die Katastrophe war im Osning, in der Gegend von Osnabrück.

Über die Katastrophe sind wir gut unterrichtet. Es sind genau dieselben Vorgänge wie in jedem Germanenkrieg. Drusus und Germanicus hatten ähnliche Schwierigkeiten, nur wurden sie besser überwunden. Auch Varus hätte eine totale Niederlage seiner gut disziplinierten Truppen verhüten können. Zuerst schlugen sie noch regelmäßig Lager, dann wurden sie immer unordentlicher und endlich fand man das Schlachtfeld. Der Grund der Katastrophe ist in persönlichen Momenten zu suchen. Varus führte drei Legionen, drei Alen und sechs Kohorten, also bei normaler Truppenstärke 20000 Mann; es waren aber sicherlich viel weniger, denn wir wissen von starken Detachements, die vermutlich aus Alen, nicht aus Legionen bestanden. Man kann also maximal 15000 Mann ansetzen. Sehr wesentlich war die Entfernung von der Militärstraße. Dazu kommt noch die Jahreszeit, der Spätherbst. Es war schwer, auf ungebahnten Wegen zu marschieren. Hauptsächlich war die Truppe demoralisiert. Es waren wohl Rekrutenlegionen mit den Nummern 17, 18 und 19; diese Ziffern fehlen nachher, sie wurden nicht wieder vergeben. Diese drei Legionen hatten zu denen gehört, die neu errichtet worden waren. Das ist begreiflich. Die alten Legionen waren an der Donau; die neuen hatte man in das neue Germanien gesetzt. Natürlich war eine große Anzahl alter Soldaten und Centurionen darunter. Dann taten die Offiziere nicht ihre Schuldigkeit. Varus war mit einer kaiserlichen Pn'nzessin vermählt, und das wird bei der Beförderung mitgewirkt haben. Er war ein Friedensgeneral und kein richtiger Führer. Auch Augustus fühlte dies, als er von ihm Rückgabe der Legionen verlangte. Aber daß ein Legat des Varus die Reiter zusammennahm und abritt, das war unerhört. Natürlich gingen beide Teile, Fußvolk und Reiterei, zugrunde.

Wir wundern uns zunächst darüber, daß man die Katastrophe in dem Grade tragisch nahm. Gewiß war es ein schmerzlicher Schlag für eine soldatische Nation, und es soll nicht geleugnet werden, daß dies mit Recht geschah. Aber ein bleibender Verlust wurde es denn doch nicht. Daß drei Adler und 15000 Mann die ganze Regierungspolitik ändern konnten, das ist wunderbar. Ein solcher Umschwung trat aber ein.

Die Konsequenzen des Sieges waren bedeutend. Die Freiheitspartei der Germanen gewann überall in Deutschland das Übergewicht. Den Kopf des Varus sandte Arminius an Marbod, um sich mit den Sueven zum gemeinsamen Handeln zu vereinigen. Das hatte den Römern die Lage wesentlich erschwert. Die Germanen begnügten sich auch nicht damit, die Gefallenen auszurauben, sondern gingen nach Aliso, das nicht verproviantiert war und dessen Besatzung sich durchschlagen mußte. Auch die beiden letzten Legionen aus dem Lager bei Minden gelangten unter Nonius Asprenas glücklich nach Castra Vetera an den Rhein. Hier waren sie nötig, denn die Germanen in Gallien wurden ebenfalls ungeduldig. Das rechte Rheinufer und die ganze Lippelinie waren verloren, eine bedenkliche Situation.

Aber um so mehr hätte man die Scharte energisch auswetzen müssen. Der pannonische Krieg war beendet, und die Truppen waren disponibel. Tatsächlich rückte Tiberius zur Rheinarmee und ging über den Rhein. Er machte einen Vorstoß und blieb 10 und 11 in Germanien. Trotzdem ist ein völliger Umschwung bemerkbar. Aliso wurde nicht wieder hergestellt. Man beobachtet eine Defensive mit offensiver Form. Germanien war aufgegeben. Es blieb nur ein Scheingermanien am linken Rheinufer, Germania Superior und Inferior. Der Grund für den Umschwung lag in der inneren Politik.


Zusammenstellung und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


HS Gizewski WS 1998/99