Lesetetexte zur Historik-Konzeption bei Michail Ivanovitsch Rostovtzeff.

 

 

Abb. entnommen aus: Ward Wright Briggs, William Musgrave Calder III, Classical Scholarship. A Biographical Encyclopedia, New York, London 1990. S. 405 (in: Rufus Fears, M. Rostovtzeff, S. 405 - 418).

 Michael Ivanowitsch Rostovtzeff (1870 - 1952).

Zu Biographie und wissenschaftlichem Profil:

Karl Christ, Von Gibbon zu Rostovtzeff. Leben und Werk führender Althistoriker inder Neuzeit, Darmstadt 1972, S. 334 ff..

Heinz Heinen, s. v. 'Michael Rostovtzeff', in: Volker Reinhardt (Hg.), Hauptwerke der Geschichtsschreibung, Stuttgart 1997, S. 539 - 543.

Rufus Fears, M. Rostovtzeff, in: Ward Wright Briggs, William Musgrave Calder III, Classical Scholarship. A Biographical Encyclopedia, New York, London 1990, S. 405 - 418.

Text I markiert folgende Positionen Rostovtzeffs: Mißtrauen in die schriftliche Überlieferung. Hervorhebung der Bedeutung einer 'überpersonalen' Wirtschafts- und Sozial gegenüber einer 'pragmatisch-personalen' Geschichtsschreibung. Eine vorsichtige programmatische Öffnung gegenüber den Nachbargebieten 'moderner' Geschichtswissenschaft wie Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Politologie, Psychologie, 'Kulturwissenschaften'. Ein universeller, d. h. prinzipiell auf verschiedene Weltregionen anwendbarer Begriff des 'Altertums', bei allerdings faktischer Zentrierung auf die mediterran-vorderorientalische Antike, Hervorhebung einer Bildungs-Legitimation der 'Alten Geschichte' in ihrem traditions- und rezeptionsgeschichtlichen Fortwirken.

Die Texte zu II verdeutlichen das durchgeführte Konzept einer Wirtschafts- und Sozialgeschichte der römischen Kaiserezeit. Sie ist primär aus althistorisch-allgemeingeschichtlicher, nicht aus antiquarischer oder archäologischer Foschungsabsicht verfaßt, stellt mit der schon mit-konzipierten Wirschafts- und Sozialgeschichte des Hellenismus eine Einheit dar, ist sich aber auch der fachdisziplinären Begrenzungen bewußt, auf die ein so weitgespannter Forschungsrahmen faktisch stoßen muß. Insoweit ist die ausdrückliche Erwähnung der zahlreichen und vielfältigen Wissenschaftskontakte, die dem Werk zugrundeliegen, auch von inhaltlicher Bedeutung.

Die Texte zu III markieren, wie das althistorische Interesse Rostovtzeffs durch seine Erlebnisse der Zeitgeschichte - der russischen Revolution d. J. 1917 ff. (> 'Terrorregime') - mitgepägt ist.

Die Texte zu IV machen über die schon in den Texten zu II angesprochenen Aspekte hinaus deutlich, daß die Darstellung Rostovtzeffs in einen an ein größeres Publikum adressierten, allgemeinverständlich gehaltenen Haupttext und einen wissenschaftssprachlich gehaltenen Anmerkungstext etwa gleichen Umfangs aufgeteilt ist. Im Rahmen dieser Aufteilung erhalten Abbildungen eine neue wissenschaftlich argumentierende Bedeutung.

Die Texte und die Abbildung zu V verdeutlichen den zur Zeit Rostovtzeffs neuen medialen Einsatz des Bildes in allgemeinverständlich formulierten wissenschaftlichen Argumentationszusammenhängen (d. h. nicht als bloßer Hilfs-Skizze für wissenschaftssprachliche Texte oder als unterhaltsamer Illustration).

 

I. Textpassagen aus der Einleitung zur 'Geschichte der Alten Welt' (A History of the Ancient World [1924 1 russ., 1926/27 1 engl.] , übers. ins Dt. von Heinrich Schrader), Wiesbaden 1941/42 (engl. 3) , S. 9 -18. 1. Ziele und Methoden der Geschichte. 2. Die alte Geschichte, ihre Probleme und ihre Bedeutung.

1. Ziele und Methoden der Geschichte.

... Wenn die Tatsachen, die der Geschichtsschreiber gesammelt hat, in zeitlicher Abfolge geordnet und endgültig zu den betreffenden Orten und Völkern in Beziehung gesetzt sind, so bilden sie doch erst das Skelett der Geschichte. Diese Tatsachen, besonders wenn sie in schriftlicher oder mündlicher Überlieferung erhalten sind, erfordern Nachprüfung. Wir sagten bereits, daß der Mensch nicht nur einen starken Trieb hat, die Wahrheit zu erfahren, sondern auch eine gleich starke Neigung, sie bewußt oder unbewußt zu entstellen. Die Neigung des Menschen zu dichterischem Schaffen und die Fruchtbarkeit seiner Einbildung lassen ihn oft die Tatsachen wiederholen, bis sie nicht mehr erkennbar sind; er füllt Lücken aus, wo sein Wissen aussetzt, und verändert, was er weiß; er vermischt den Bereich religiöser und fabelhafter Vorstellungen mit dem der wirklichen Ereignisse. Mythos und Legende sind von der Geschichte nicht zu trennen; sie wachsen noch in unserer Zeit um große geschichtliche Ereignisse und noch mehr um große geschichtliche Persönlichkeiten empor. Zugleich werden die Tatsachen auch absichtlich unter dem Einfluß verschiedener Beweggründe entstellt - sei es materieller Vorteil oder das Streben, den Ruf des Berichterstatters oder seiner Freunde zu verteidigen, oder die Absicht, einen besonderen Gesichtspunkt oder eine politische Theorie zu stützen. Der Einfluß des Patriotismus wirkt sich hier aus: der Verfasser will beweisen, daß die Nation, der er angehört, allen andern überlegen ist, daß sie immer recht und ihre Gegner immer unrecht haben. Wir dürfen nie vergessen, daß geschichtliche Ereignisse nicht mechanisch, sondern von Menschen überliefert werden, von bestimmten Persönlichkeiten mit besonderen Charaktereigentümlichkeiten. Nur wenige von ihnen haben sich bei der Überlieferung geschichtlicher Ereignisse, die sie in der einen oder andern Hinsicht nahe angingen, vom Vorurteil frei erhalten können. Daher muß der Geschichtsforscher beim Sammeln der Tatsachen sie zugleich prüfen und Sicherheit darüber gewinnen, daß sie der Wirklichkeit entsprechen. Es handelt sich hier um eine verwickelte und schwierige Aufgabe: sie erfordert große Vorsicht und Vertrautheit mit verschiedenen Methoden der Prüfung. Diesen Teil der geschichtlichen Forschungsarbeit nennen wir historische Kritik.

Wenn der Geschichtsschreiber seine Tatsachen gesammelt und geprüft hat, so geht er zu ihrer Darstellung über. Aber während man Methoden entwickelt und vervollkommnet hat, um die Tatsachen zu sammeln und zu verstehen, sie zeitlich festzulegen und zu einer kritischen Beurteilung zu kommen, hat sich gleichzeitig eine neue Anschauung von der Aufgabe des Geschichtsschreibers, von dem unmittelbaren Ziel seiner Bemühungen herausgebildet. Die Zahl der historischen Tatsachen ist unendlich, und sie beziehen sich auf verschiedene Seiten der unendlichen Mannigfaltigkeit des menschlichen Lebens. Was innerhalb dieser Menge von Tatsachen ist wertvoll und bedeutsam? Welche Seiten des Lebens verdienen mehr erforscht zu werden als andere? Lange Zeit hindurch war die Geschichte hauptsächlich politische Geschichte; die Geschichtserzählung beschränkte sich auf einen Bericht über die wichtigsten Krisen des politischen Lebens, oder auf einen Bericht über Kriege und große Heerführer. Aber schon die Griechen sahen, daß diese Tatsachen, die politischen und kriegerischen Ereignisse der Menschengeschichte, wohl wichtig sind, daß es aber noch wichtiger ist, die Ursachen dieser Ereignisse und ihre Verknüpiung miteinander und mit den andern Erscheinungen des Gemeinschaftslebens festzustellen. Es wurde klar, daß der Krieg, trotz des tiefen Eindrucks, den er hervorbringt, nur ein Abschnitt im Leben der Menschheit ist und nicht der wichtigste, daß Ursprung und Verlauf von Kriegen mit der Entwicklung des wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Lebens und der Kultur eng verbunden sind. Von diesem Gesichtspunkt aus sind Politik und Krieg in der Geschichte der einzelnen Gruppen der Menschheit nicht minder interessant und bedeutsam geworden. Aber das menschliche Auge hat sich für die ungeheure Bedeutung des Studiums der Bedingungen menschlicher Entwicklung während derjenigen Perioden geöffnet, die nicht vom Krieg gestört waren. Anderseits hat eine nachdenklichere Haltung gegenüber den geschichtlichen Ereignissen die sehr große Bedeutung der Persönlichkeit in der Geschichte der menschlichen Entwicklung erkannt. Daher trachtet der Geschichtsforscher danach, die Psychologie der hervorragendsten Persönlichkeiten der Geschichte aufzuklären und Licht über ihren Charakter und die Bedingungen zu verbreiten, die ihn schufen. Und allmählich ist eine andere Tatsache ans Licht getreten: daß nämlich nicht nur die Psychologie der Persönlichkeiten einen bedeutsamen Einfluß auf den Verlauf der geschichtlichen Entwicklung ausübt, sondern daß die Geschichte nicht minder, vielleicht sogar noch mehr, von der Psychologie einzelner Gruppen von Menschen, der Gruppenpsychologie', beeinflußt wird; das findet seinen Ausdruck ebenso bei kleineren Menschengruppen, z. B. der Familie, wie bei größeren Einheiten Stamm, Land und Nation. Schließlich wurde es deutlich, wie stark diese 'Gruppenpsychologie' akute Krisen im Leben der Gemeinschaft beeinflußt hat, die in Kriegen und Revolutionen ihren Ausdruck finden.

Bei der Bemühung um das Verständnis des verwickelten Aufbaus des sozialen Lebens arbeitet die Geschichtsforschung Hand in Hand mit den Richtungen wissenschaftlicher Untersuchung, die sich allmählicb sowohl von der Geschichtsforschung wie von der Philosophie getrennt haben: das sind Wirtschaftswissenschaften, Gesellschaftslehre, Staats- und Rechtswissenschaft, Psychologie und Wissenschaften, die sich mit dem geistigen Leben des Menschen und den besonderen Schöpfungen seiner Kultur wie Literatur und Kunst beschäftigen.

In enger Verbindung mit andern Richtungen menschlicher Erkenntnis strebt die Geschichte danach, mehr und mehr eine Wissenschaft zu werden, deren Endziel es ist, die Gesetze zu bestimmen, nach denen das Leben der Menschen abläuft, und den regelmäßigen Vorgang, durch den ein Typus des Gemeinschaftslebens von einem andern ersetzt wird. Dennoch bleibt die Geschichte zugleich ein Zweig der Literatur; denn die Erzählung der Ereignisse und ihre lebhafte und farbige Übermittlung, zusammen mit der wahrheitsgemäßen und künrtlerischen Zeichnung bedeutender geschichtlicher Charaktere, wird irnrner eine der Hauptaufgaben des Geschichtsforschers bleiben, eine Aufgabe von rein literarischer und künstlerischer Art. Während sie mehr und rnehr ein Teilgebiet der exakten Wissenschaft wird, kann und darf die Geschichte ihren literarischen und darum persörlichen Charakter nicht verlieren. 

2. Die alte Geschichte, ihre Probleme und ihre Bedeutung.

Die alte Geschichte ist die Geschichte der Entwicklung des Menschen in der ältesten Zeit sernes Daseins. Sie erzählt, wie er in dieser Zeit die Zivilisation schuf und entwickelte, von der die Kultur aller jetzt vorhandenen Nationen abgeleitet ist. Unter Zivilisation verstehe ich die Erschaffung derjenigen Forrnen politischen, gemeinschaftlichen, wirtschaftlichen und
kulturellen Lebens, die uns vom Wilden unterscheiden. Der Wilde lebt weiter unter den prirnitiven Bedingungen, die sein Leben dem des Tieres gleichmachen und es vom Leben des zivilisierten Menschen unterscheiden.

Diese alte Zivilisation, die sich allrnählich über die Welt ausgebreitet hat, wurde zuerst im Nahen Osten entwickelt, hauptsächlich in Ägypten, Mesopotamien und Mittelasien, auf den Inseln des Ägäischen Meeres und der Balkanhalbinsel. Vom Nahen Osten ging sie auf den Westen über, und zwar zunächst nach Italien; von Italien aus eroberte sie ganz Westeuropa und einige Gebiete im Innern des Erdteils. In dieser Zivilisation gab es eine Abfolge von Epochen hoher Entwicklung - eine Reihe schöpferischer Perioden, die unschätzbare Güter nicht nur stofflicher Art, sondern auch auf dem geistigen Gebiet der Kultur hervorbrachten. Es gab auch Perioden zeitweiligen Stillstands und Niedergangs, in denen die schöpferischen Kräfte dieses oder jenes Teils der Alten Welt für eine Weile geschwächt waren. Ein Höhepunkt kulturellen Schaffens wurde in Ägypten und Babylonien im dritten Jahrtausend erreicht; dann wiederum in Ägypten im zweiten Jahrtausend und gleichzeitig in Kleinasien, teilweise auch in Griechenland; in Assyrien, Babylonien und Persien im achten, siebenten und sechsten Jahrhundert; danach in Griechenland vom sechsten bis zum zweiten und in Italien im ersten vorchristlichen und im ersten nachchristlichen Jahrhundert. Seit dem zweiten Jahrhundert n. Chr. läßt sich ein allgemeiner Stillstand der schöpferischen Kraft in der ganzen Alten Welt beobachten, vom dritten Jahrhundert an ein fast vollständiges Schwinden dieser Kraft und ein allmählicher Rückgang zu immer primitiveren Lebensbedingungen. Aber die Grundlagen der Kultur blieben am Leben und wurden erhalten - im Westen durch Italien und die westeuropäischen Provinzen des römischen Reiches, im Osten durch das byzantinische Reich, also in der Balkanhalbinsel und Kleinasien. Sie wurden von neuen Herrschaftsmittelpunkten übernommen, die sich im Westen infolge der fortschreitenden germanischen Eroberung von Teilen des weströmischen Reichs bildeten, im Osten von den slavischen Staaten der Balkanhalbinsel und Rußlands sowie von den großen islamischen Mächten, Zuerst unter arabischer, dann unter türkischer Führung. So bauten sich nach ihrer Übernahme auf ihnen neue Kulturen auf; die Völker Europas gewannen so die Möglichkeit, ihre eigene schöpferische Kultur in Gang zu setzen, nicht von der niedrigsten Stufe vorgeschichtlichen Lebens, sondern von dem vergleichsweise hohen Niveau aus, das die Alte Welt der Nachwelt vermacht hatte.

Daher kann man nicht sagen, daß die alte Zivilisation irgendwann endgültig verschwunden sei: sie lebt noch immer, als Grundlage aller wichtigeren Bekundungen moderner Kultur. Aber ihre schöpferische Periode währte etwa vom Beginn des dritten Jahrtausends v. Chr. bis zum zweiten Jahrhundert n.Chr., mehr als dreitausend Jahre lang, eine Zeit, die zweimal so lang ist wie diejenige, in der die heutige europäische Kultur entwickelt worden ist.

Unter geographischem Gesichtspunkt betrachtet, gehört die Zivilisation des Altertums einem einzelnen, und zwar einem nicht großen Teil der Welt an: sie war auf einen kleinen Teil des westlichen und mittleren Asiens und der Mittelmeerküste beschränkt. Sie erreichte ihre höchste Entwicklung an den Gestaden des Mittelmeers und kann daher 'Mittelmeerkultur' heißen. Sie war nicht auf ein Volk oder eine Rasse beschränkt: eine Reihe von Nationen hatte an ihrer Hervorbringung tätigen Anteil. Die ersten Pioniere waren die Sumerer in Babylonien und die ältesten Bewohner von Ägypten, die wahrscheinlich afrikanischer Herkunft waren; dann folgten die Semiten Westasiens und die in Mittelasien beheimateten Arier, die Völker des Kaukasus und Kleinasiens, die Iranier in Persien und Mittelasien; endlich die Griechen in Kleinasien und im Balkan, die Italiker und Kelten in Italien. Unter allen diesen Nationen ragten die Griechen durch die Kraft ihres schöpferischen Geistes empor; ihnen vor allem verdanken wir die Grundlagen unseres kulturellen Lebens.

Aber erinnern wir uns daran, daß die erhabenen Schöpfungen Griechenlands aus der Kultur entwickelt worden sind, die der alte Orient erreicht hatte; daß die griechische Zivilisation erst infolge einer neuerlichen, ausgedehnten Berührung mit den östlichen Kulturen, nach der Eroberung des Ostens durch Alexander den Großen, Weltbedeutung erhielt; daß sie zum Eigentum des Westens, also des neueren Europa, nur dadurch wurde, daß Italien sie in ihrer Gesamtheit übernahm. Erinnern wir uns auch daran, daß allein Italien sie in ihrer römischen Form allen den Teilen der Alten Welt zugänglich gemacht hat, die es zu kulturellem Leben vereinigte. Wenn die Zivilisation des Orients und Griechenlands nicht auf den östlichen Teil der Alten Welt beschränkt blieb, sondern zur Grundlage der Kultur für den Westen und das moderne Europa ward, so hat Europa das Italien und Rom zu verdanken. Wenn daher die Zivilisation des Altertums eine völkische Kennzeichnung erhalten soll, so muß sie griechisch-römisch heißen.

Die Beschäftigung mit dieser alten griechisch-römischen Zivilisation ist von außerordentlicher Bedeutung für jeden einsichtigen Träger der modernen Kultur und muß einer der Hauptgegenstände höherer Bildung sein.

Die Erschaffung einer einheitlichen, weltumspannenden Zivilisation und gleicher sozialer und wirtschaftlicher Bedingungen geht heute vor unseren Augen im ganzen Umkreis der zivilisierten Welt vor sich. Dieser Vorgang ist verwickelt, und es ist oft schwierig, über ihn Klarheit zu gewinnen. Wir müssen daher im Auge behalten, daß die Bedingungen, unter denen wir leben, nicht neu sind, und daß die Alte Welt ebenfalls mehrere Jahrhunderte hindurch ein Lehen führte, das in Kultur und Politik, in seinen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen einheitlich war. Die moderne Entwicklung weicht in dieser Hinsicht von der alten nur im Ausmaß, nicht im Wesen ab. Die Alte Welt erlebte die Schöpfung eines weltumspannenden Handels und die Entstehung einer Industrie von großem Maßstab. Sie durchlief eine Periode wissenschaftlich begründeten Landbaus und die Entwicklung des Kampfes zwischen den verschiedenen Bevölkerungsklassen, zwischen Kapital und Arbeit. Sie erlebte auch eine Zeit, in der jede Entdeckung sofort zum Eigentum der ganzen zivilisierten Menschheit ward, in der die Nationen und Völker üher die gewaltige Ausdehnung des römischen Reiches hin in tägliche, dauernde Berührung miteinander traten, und in der die Menschen zu verstehen begannen, daß es etwas Höheres gebe als örtliche und nationale Interessen nämlich das Interesse der Menschheit im ganzen. Mit einem Worte: die Alte Welt erlebte in kleinerem Maßstab denselben Entwicklungsvorgang, den wir jetzt erleben. Wenn wir die Stufenfolge dieser Entwicklung betrachten, so werden wir sehen, wie nahe und eng wir mit jener Welt verbunden sind. So schuf die Alte Welt beispielsweise die drei Haupiformen der Herrschaft, die sich noch in unserem politischen Leben erhalten haben. Es sind dies erstens die monarchische Form, bei der das Land von einer zentralen Bürokratie beherrscht wird und alle Fäden der Regierung in den Händen des Monarchen allein zusammenlaufen; sodann der sich selber regierende freie Staat, in dem alle politisch gleich sind und die Macht auf dem souveränen Volk und seinen erwählten Vertretern ruht; endlich das föderative System, das in einem politischen Bunde eine Anzahl von freien, sich selber regierenden politischen Einheiten zusammenschließt. Bis zum heutigen Tage sind wir über diese drei grundlegenden Herrschaftsformen nicht hinausgekommen; bis zum heutigen Tage kämpfen wir mit dem großen Problem der politischen Organisation - wie es möglich ist, persönliche Freiheit und Selbstregierung der einzelnen Teile mit einer einzigen, starken und einsichtigen Herrschgewalt zu verbinden.

Ebenso groß ist unsere Abhängigkeit vom Altertum in den Bereichen von Wissenschaft und Kunst. Die moderne exakte Wissenschaft ist ganz auf das Verfahren des Experiments begründet, und dieses wurde zuerst von griechischen Denkern des vierten und dritten Jahrhunderts auf die Naturwissenschaften angewendet. Unsere Philosophie und Ethik gründet sich immer noch auf die wissenschaftlichen Methoden abstrakten Denkens, die von den Philosophen des Altertums, besonders von Platon und Aristoteles, ausgebildet worden sind. In der Literatur und den bildenden Künsten bauen wir lediglich auf Grundlagen, die der Genius der Schriftsteller und Künstler des Altertums gelegt hat. Wir gestalten aufs neue dieselben literarischen Ideen und dieselben künstlerischen Themen, die sie ursprünglich geschaffen haben. Endlich lebt im Bereich der Religion ein großer Teil, wenn nicht die Gesamtheit der modernen Menschheit von Glaubensvorstellungen, die zuerst von Menschen des Orients und des Westens zur Zeit des klassischen Altertums gewonnen wurden. Vergessen wir nicht, daß Christus zur Zeit des Augustus und Tiberius lebte; daß die jüdische Religion eine der Religionen des semitischen Orients ist; daß sich der islamische Glaube bei den arabischen Semiten bildete, die stark von griechischer Zivilisation beeinflußt waren. Diese wenigen Hinweise genügen, um darzutun, daß die Erforschung des Altertums von außerordentlicher Bedeutung für uns ist. Denn niemand kann die Gegenwart verstehen, wenn er nicht eine klare Vorstellung von der Entwicklung der Staatsform und Zivilisation in der Alten Welt hat.

 

II. Auszüge aus: M. I. Rostovtzeff, Gesellschaft und Wirtschaft im Römischen Kaiserreich, übersetzt von Lothar Wickert, Leipzig 1929 (1. .Inhaltsverzeichnis der beiden Bände. 2. Aus dem Vorwort zur englischen Ausgabe (Bd. I, S. V ff.).

 

1.Inhaltsverzeichnis der beiden Bände.

Bd. 1:

I. Italien und der Bürgerkrieg.

II. Augustus und die Politik der Erneuerung und des Wiederaufbaues.

III. Die Nachfolger des Augustus: die Julier und Claudier.

IV. Die Herrschaft der Flavier und die aufgeklärte Monarchie der Antonine.

V. Das römische Reich unter den Flaviern und Antoninen. Die Städte. Handel und Industrie.

VI. Das römische Reich unter den Flaviern und Antoninen. Stadt und Land in Italien und den europäischen Provinzen Roms.

Bildtafeln [34, d. Hg.].
Anmerkungen zum Text [91 von 348 Seiten, d. Hg.]

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Bd. 2:

VII. Das römische Reich unter den Flaviern und Antoninen. Stadt
und Land in den asiatischen und afrikanischen Provinzen Roms.

VIII. Die Wirtscbafts- und Sozialpolitik der Flavier und Antonine.

IX. Die Militärmonarchie.

X. Die Militäranarchie.

XI. Das römische Reich in der Zeit der Militäranarchie.

XII. Die orientalische Zwingherrschaft und das Problem des Verfalls der antiken Kultur.

Erläuterungen zu den [64, d. Hg.] Bildtafeln.

Anmerkungen zum Text [100 von 422 Seiten, d. Hg.].

Nachträge.

Liste der Kaiser von Augustus bis Konstantin.

Namen- und Sachregister.

Stellenregister.

 

2. Aus dem Vorwort zur englischen Ausgabe (Bd. I, S. V ff.).

Als ich dieses Buch schrieb, war es nicht mein Ziel, unsere wissenschaftliche Literatur um eine neue Geschichte der römischen Kaiserzeit zu bereichern. Meine Absicht ist bescheidener und hält sich in engeren Grenzen. An guten zusammenfassenden Darstellungen der kaiserlichen Außenpolitik, der Verfassungsgeschichte des römischen Reiches, des Systems der Zivil- und der Militärverwaltung und der Heeres- Organisation fehlt es nicht; das Munizipalwesen Italiens und eines Teils der Provinzen hat fähige Bearbeiter gefunden, und es sind auch bereits Versuche gemacht worden, die historische Entwicklung aufzuzeigen, die das Provinzialgebiet unter der Herrschaft der Römer genommen hat. Aber noch niemand hat sich die Aufgabe gestellt, das soziale und wirtschaftliche Leben des römischen Kaiserreichs in seiner Gesamtheit monographisch darzusteHen und die Hauptlinien seiner Entwicklung zu ziehen. Zur Klärung des einen oder anderen Teilproblems und zur Aufhellung bestimmter Zeitabschnitte sind wertvolle Beiträge geliefert worden. Die meisten dieser Beiträge jedoch, darunter das treffliche Werk von L. Friedländer, sind vom Standpunkte des Antiquars geschrieben, nicht von dem des Historikers; und die soziale und wirtschaftliche Entwicklung des Reiches mit der Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte oder mit der inneren und äußeren Politik der Kaiser in Zusammenhang zu bringen, hat noch keiner unternommen. Das vorliegende Buch ist der erste Versuch in dieser Richtung. Ich täusche mich nicht darüber, daß das Ergebnis keineswegs befriedigend ist. Die Aufgabe, die ich zu lösen hatte, war schwierig und kompliziert. Das Material ist dürftig und zersplittert. Statistiken haben wir nic,ht. Die Erklärung der wenigen Tatsachen, die für uns greifbar sind, unter- liegt der Diskussion, und die meisten Folgerungen, die die moderne Forschung aus ihnen gezogen hat, sind hypothetisch und oft recht willkürlich. Aber bei all ihrer Schwierigkeit ist die Aufgabe doch äußerst reizvoll. Ich bin überzeugt, daß eine wirklich umfassende Geschichte der römischen Kaiserzeit nur dann geschrieben werden kann, wenn eine gründliche Untersuchung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse vorausgegangen ist.

Ein kurzes Wort über die Verteilung des Stoffes und die Art der Behandlung wird dem Leser willkommen sein. Das erste Kapitel, das die späte Republik behandelt, ist eine bloße Skizze. Eine umfassendere Untersuchung würde einen ganzen Band füllen; ich hoffe, sie dem- nächst im Zusammenhang einer Gesamtbehandlung der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des Hellenismus liefern zu können. Die nächsten beiden Kapitel, in denen ich über die Zeit des Augustus und die Militärtyrannis seiner nächsten Nachfolger spreche, gehen weniger ins einzelne als die folgenden, die das zweite und dritte Jahrhundert behandeln; das hat seinen Grund darin, daß ich für die wesentlichsten Punkte meiner Darstellung auf neuere Literatur verweisen kann, in der das gleiche Thema gründlich und mit vollständigen Quellennachweisen erörtert wird. Das Kernstück meines Buches sind die Kapitel IV-XI, die der am meisten vernachlässigten Periode in der Geschichte der römischen Kaiserzeit, dem zweiten und dritten Jahrhundert, gewidmet sind. Das letzte Kapitel ist wieder eine Skizze, die nur in großen Zügen den Unterschied in der sozialen und wirtscliaftlichen Struktur des frühen und des späten Kaiserreichs beleuchten soll.

Das Werk gliedert sich in zwei Teile, Text und Anmerkungen. Im Text wollte ich eine lesbare allgemeine Darsiellung der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung des Reiches geben, die jedem verständlich sein soll, der sich für den Gegenstand interessiert. Die Anmerkungen zerfallen in zwei Klassen. Wo ich für alle Einzelheiten auf gute neuere Bücher oder Aufsätze verweisen kann und wo mein eigenes Urteil auf den Arbeiten anderer beruht, haben die betreffenden Anmerkungen im allgemeinen einen rein bibliographischen Charakter. Ich weiß wohl, daß die Bibliographie von Vollständigkeit weit entfernt ist. Mein Buch ist weder ein Lehrbuch noch ein Handbuch. In der Regel habe ich darauf verzichtet, Verweise aufveraltete Literatur anzuhäufen. Zitiert sind diejenigen Schriften, die ich mit Sorgfalt gelesen und aus denen ich gelernt habe; diejenigen, die mich nicht gefördert haben, sind nicht genannt, da auch der Leser schwerlich aus ihrer Lektüre Nutzen ziehen könnte. Neuere Schriften in den Anmerkungen zu kritisieren, habe ich im allgemeinen vermieden; ich habe es nur dann getan, wenn ich als das führende Werk über irgendein Thema ein Buch zitieren mußte, dessen Ergebnisse von denen, die ich selbst aus dem gleichen Material gewonnen habe, abweichen. Die meisten Anmerkungen jedoch sind nicht bibliographischen Inhalts. Für diejenigen Abschnitte, zu deren Ausarbeitung ich das Material selber zusammenstellen und erklären mußte, da die neuere Literatur mich im Stiche ließ, habe ich in der Regel solche Anmerkungen gegeben, die in Wirklichkeit kleine Spezialuntersuchungen darstellen und eher als Exkurse und Anhänge zu bezeichnen wären. Einige dieser Anmerkungen sind recht lang und strotzen von Zitaten; walirscheinlich wird sie nur der Spezialist von Anfang bis zu Ende lesen.

Die Abbildungen, die ich dem Text beigegeben habe, sind nicht dazu da, den Leser angenehm zu unterhalten. Sie bilden einen wesentlichen Teil des Buches, nicht minder wesentlich als die Anmerkungen und die Zitate aus literarischen oder urkundlichen Quellen. Sie sind dem großen archäologischen Denkmälervorrat entnommen, der für jeden, der sich mit der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte beschäftigt, ebenso wichtig und unentbehrlich ist wie die schriftliche Überlieferung. Einige meiner Folgerungen und Ergebnisse basieren in erster ~inie auf archäologischem Material. Ich bedauere es, daß ich nicht mehr Abbildungen geben konnte und gezwungen war, mich auf die Wieder- gabe von Musterbeispielen aus der realistischen Kunst der Kaiserzeit zu beschränken und Erzeugnisse der Industrie wie Töpfe, Lampen, Glas, Reste von Textilien, Schmuckstücke, Metallarbeiten usw. auszuschließen. Da es unmöglich war, eine ausreichende Serie von Tafeln dieses Inhalts zu geben, zog ich es vor, auf diese Art von Abbildungen überhaupt zu verzichten.

Am Ende seiner Vorrede pflegt der Autor von dem angenehmen Rechte Gebrauch zu machen, diejenigen zu nennen, die ihm bei der Arbeit geholfen haben. Meine Liste ist lang. Sie zeigt, wie ernsthaft ich bemüht war, meme Arbeit auf eine möglichst breite Grundlage zu stellen, und wie wenig Krieg und Revolution mit all dem Unheil, das sie mit sich brachten, der internationalen Solidarität der Gelehrten etwas anzuhaben vermochten. Die einzige trübe Ausnahme bildet die gegenwärtige russische Regierung, die es - wenigstens mir - unmöglich macht, die in Rußland aufgespeicherten Schätze für wissenschaftliche Zwecke zu verwerten.

Das Buch ist meinem lieben Freunde J. G. C. Anderson gewidmet: die Widmung soll ein wenn auch unzulänglicher Ausdruck dafür sein, wie sehr ich seine Mitarbeit zu schätzen wußte und wie dankbar ich ihm bin. Anderson hat nicht nur mein Manuskript revidiert und mein Englisch lesbar gemacht - magni sudoris opus; er hat auch sämtliche Korrekturen gelesen, eine vernünftige Zitierweise eingeführt und die Zitate zum großen Teil nachgeprüft. Was aber nicht minder wichtig ist, er hat mich in vielen Fällen zu entschiedener Stellungnahme veranlaßt, wo ich geneigt war, mich unbestimmt zu äußern: offenbar widerstrebt der geistigen Eigenart des Engländers, der sich darin vom Slawen unterscheidet, jeder Mangel an Präzision des Gedankens oder Ausdrucks. Sehr oft hat er mich auch davon abgehalten, übereilte und daher irrige Schlußfolgerungen zu formulieren. Endlich haben sein großes Wissen und seine gesunden Anregungen mir in vielen Fällen weitergeholfen, wo ich selbst nicht klar zu sehen vermochte.

Bei der Abfassung der Kapitel über die römischen Provinzen und der Sammlung des Abbildungsmalerials hatte ich mich der liberalsten Hilfe einer großen Zahl von Fachgenossen zu erfreuen. Es sind: in England Sir Frederic Kenyon, H. I. Bell, O. M. Dalton, H. R. Hall, C. F. Hill, H. Mattingly und A. H. Smith vom Britischen Museum, D. G. Hogarth, E. Thurlow Leeds, Miss M. V. Taylor und B. Ashmole vom Ashmolean Museum in Oxford, A. E. Cowley und der Stab der Bodleiana; in Frankreich der verstorbene E. Babelon, R. Cagnat, J. Carcopino, R. Dussaud, E. Espérandieu, P. Jouguet, A. Merlin, E. Michon, P. Perdrizet, L. Poinssot, E. Pottier, M. Prou; in Deutschland G. Rodenwaldt, K. Schumacher und R. Zahn; in Italien W. Amelung, S. Aurigemma, G. Brusin, G. Calza, M. Della Corte, A. Minto, R. Paribeni, A. Spano, P. Sticotti; in Österreich R. Egger, J. Keil und E. Reisch; in Polen der verstorbene P. Bienkowski; in Serbien N. Vulic; in Bulgarien B. Filow und G. Kazarow; in Rumänien V. Parvan; in Belgien F. Cumont und F. Mayence und in den Vereinigten Staaten E Robinson und Miss G. F. Richter vom Metropolitan Museum, das Field Museum of Natural History zu Chikago und die Wisconsin Universität und Bibliothek - alle haben sie ihr Bestes getan, um mir die mühsame und schwierige Arbeit zu erleichtern. Ich bitte sie, meinen aufrichtigsten Dank entgegenzunehmen.

 

III. 'Autokratie und Terroregime' - die Anteilnahme der Gegenwart an der Geschichte. Auszüge aus: M. I. Rostovtzeff, Gesellschaft und Wirtschaft im Römischen Kaiserreich, übersetzt von Lothar Wickert, Leipzig 1929. 1. Zur Regierung des Kaisers Septimus Severus. Bd. II, S. 112 - 115. 2. Anmerkungen (S.321 f.).

1. Text (Bd. II, S. 112 - 115).

Es ist hier nicht der Ort, den Kampf um die kaiserliche Macht, der mit der Ermordung des Pertinax und der Thronbesteigung des Didius lulianus einsetzte, in seinem ganzen Verlauf zu schildern; das jedoch muß betont werden, daß der Kampf anhaltender und erbitterter war als der, der dem Tode Neros gefolgt war. Der Gegenstand des Kampfes war politischer Natur, insofern jeder Heerkörper versuchte, seinen Führer auf den Kaisertliron zu erheben. Separatistische Bestrebungen sind nicht zu bemerken. Aber in Wirklichkeit hatte jedes der drei Heere, die sich aus den drei Hauptteilen des Reiches rekrutierten, die keltisch-römische Armee des Albinus, die illyrisch-thrakische des Severus und die asiatisch (syrisch-arabisch)-ägyptische des Niger ihren besonderen Charakter und ihre besonderen Hoffnungen; die Erbitterung, mit der der Kampf ausgefochten wurde, ist für diese Gegensätze bezeichnend und ließ die spätere Teilung des Reiches in seine keltisch-germanischen, slawischen und orientalischen Bestandteile vorausahnen. Eine andere wichtige Begleiterscheinung der Prätendentenkriege war das Offenbarwerden der hoffnungslosen Schwäche Italiens. Die Prätorianer, die einst so tapfer für Otho gefochten hatten, waren jetzt weder imstande noch gewillt, für ihren eigenen Kandidaten das Leben einzusetzen, wer es auch immer sein mochte. Sie fügten sich den Provinzialtruppen und baten um Gnade. Ferner ist zu beachten, daß die Kriege nach dem Tode des Commodus nicht nur Italien in Mitleidenschaft zogen, sondern sich über das ganze Reich ausdehnten und die blühendsten Reichsteile, Gallien und Kleinasien, die wirtschaftlich höchststehenden und ertragreichsten Provinzen, zugrunde richteten. Und endlich ist es kein Zufall, daß es die freien Bauern Germaniens, Thrakiens und Illyriens waren, die Bewohner der jüngsten römischen Provinzen, die den Sieg davon- trugen. Sie erwiesen sich als stärkere und bessere Stützen ihres Feldherrn als die gallischen Pächter oder die Hörigen und Bauern Asiens und Ägyptens. (9)

Die Regierung des Septimius Severus, seiner orientalischen Frau und seiner halborientalischen Kinder ist für die Geschichte des römischen Reiches von hoher Wichtigkeit. Über ihren Charakter und ihre historische Bedeutung gehen die Ansichten auseinander. Hervorragende Gelehrte sind der Meinung, daß Septimius Severus der erste war, der mit den Traditionen und der Politik der Antonine brach und den Weg zur umfassenden Barbarisierung des römischen Reiches beschritt. Nach anderen war Septimins Severus "ein vaterlandsliebender und zugleich weitblickender Herrscher, dessen Streben dahin ging, die Kultur und die materiellen Vorzüge Italiens und der älteren Provinzen auf diejenigen an den Grenzen des Reiches auszudehnen." Beide Ansichten dürften ein Körnchen Wahrheit enthalten. Die Regierung des Septimius Severus und seiner unmittelbaren Nachfolger war zu gleicher Zeit das letzte Stadium einer Entwicklung, die von den Antoninen heraufgeführt worden war, und der Anfang einer neuen Gestaltung der Dinge, die nach den schrecklichen Erfahrungen der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts mit einer völligen Umformung des römischen Staates nach orientalischem Muster endete. Sehen wir uns jetzt die Tatsachen an. (10) Septimins Severus verdankte seinen Erfolg als Usurpator dem Militär. Er erhielt seine Macht aus der Hand der Soldaten, und er vermochte sie zu behaupten, weil die Soldaten gewillt waren, ihn zu stützen. Dem Senat zwang er sich auf, und die Anerkennung und Legalisierung seiner Macht wurde vom Senat unter militärischem Druck beschlossen. In dieser Hinsicht war seine Stellung noch viel unsicherer als die des Commodus, des Sohnes und legitimen Erben des M. Aurel. Daraus erklären sich seine Bemühungen um die Gunst des Senats und ebenso - nachdem es ihm klar geworden war, daß er sich beim Senat viel geringerer Beliebtheit erfreute als seine Rivalen Niger und Albinus, und nachdem er den einen wie den anderen glücklich aus dem Wege geräumt hatte - die grausame Schreckensherrschaft, die seinen Siegen folgte und mit der Ausrottung der hervorragendsten Senatoren endete. Von Anfang an war es ihm vollkommen klar, daß seine dynastische Politik, sein fester Entschluß, seine Macht auf seine Kinder zu vererben, im Senate unfehlbar auf Widerstand stoßen mußte; bedeutete eine solche Tendenz doch den offenen Bruch mit den Traditionen der Antonine, einen Bruch der gleichen Art, wie er den Senat veranlaßt hatte, Commodus, den letzten der Antonine, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen. Solange Septimius Severus die Absicht heuchelte, das Adoptionssystem aufrecht zu erhalten, das heißt solange er Albinus als Mitregenten anerkannte, blieb der Senat ruhig. Sobald aber der Kaiser nach der Niederlage des Pescennius Niger seine Beziehungen zu Albinus abbrach und seinen Sohn Caracalla zum Mitregenten ernannte, begann der offene Kampf mit dem Senat, der nicht eher ein Ende fand, als bis die Senatsopposition endgültig niedergeworfen war. Die bekannte Tatsache, daß die Schreckensherrschaft des Siegers sich nicht nur in Rom und Italien auswirkte, sondern mit großem Nachdruck auch auf die Provinzen ausgedehnt wurde, besonders auf die des Ostens und auf Gallien, wo der Provinzadel seine Rivalen unterstützt hatte, läßt sich nicht nur aus seinen finanzieilen Schwierigkeiten erklären. Severus wußte, daß die Aristokraten der Provinz, die in den größten und reichsten Städten ihren Wohnsitz hatten, zu den ergebenen Anhängern der Dynastie der Antonine gehörten und daß sie nicht ohne Protest eine Herrschaflsform akzeptieren würden, die auf der Verneinung derjenigen Grundsätze beruhte, von denen die Politik der aufgeklärten Monarchie sich hatte leiten lassen; so bemühte er sich, diese Opposition ebenso zum Schweigen zu bringen, wie er es in Rom und Italien getan hatte. (11)

In Anbetracht der Gegnerschaft des Senats und eines großen Teils des Provinzadels sah Severus sich gezwungen, dem Heere ein Zugeständnis nach dem anderen zu machen. Ich meine hier nicht seine Spenden und Geschenke an die Soldaten der Provinzialheere während des Kampfes gegen seine Rivalen, ebensowenig die Auflösung der Prätorianergarde, die Einführung eines neuen Rekrutierungssystems für diese Truppe oder die Stationierung einer Legion in der Nachbarschaft Roms. Das waren Sicherheitsmaßnahmen, die sich der Kaiser nicht durch Erwägungen militärischer Art diktieren ließ - also nicht durch den Wunsch, eine schlagfertige Armee zur Hand zu haben, um sie gegebenenfalls gegen die Feinde an den Reichsgrenzen zu führen -, sondern durch die Notwendigkeit, eine Mehrzahl zuverlässiger Truppenkörper in Italien bereitzustellen, um sich ihrer zur Stützung seiner Macht bedienen und sie sogar, wenn nötig, gegeneinander kämpfen lassen zu können. Die Albánoi [Albanoi, d. Hg.] waren dazu da, die Prätorianer in Schach zu halten; die frumentarii, die equites singulares und die städtischen Kohorten standen als starke Truppeneinheiten unabhängig nebeneinander und konnten in dem Augenblick nützlich werden; wo die Prätorianergarde oder die neue Albanerlegion etwa einmal den Versuch machen sollte, dem Kaiser ihren Willen aufzuzwingen oder ihn abzusetzen. Die wichtigen Konzessionen, die Severus dem Heere machte, waren die dauerhafteren unter den militärischen Reformen, die er einführte. Daß er das Offizierkorps gänzlich barbarisiert hätte, ist zuviel gesagt: die Offiziere entstammten noch immer in der Regel den Reihen der senatorischen und munizipalen Aristokratie des Reiches. Aher es ist klar, daß in die Reihen dieser Aristokratie mehr und mehr die Elite der gemeinen Soldaten Eingang fand, die Zenturionen, die jetzt sämtlich mit ihren Nachkommen in den Ritterstand erhoben wurden. Indem Severus das Privileg des goldenen Ringes einfachen Soldaten gewährte, betonte er den Grundsatz, daß jeder Soldat, wenn er nur tapfer und kaisertreu war, durch Beförderung zum Zenturio Mitglied der bevorrechteten Stände werden könne. Die Militarisierung der oberen Schichten bedeutete jedoch nicht unmittelbar ihre Barbarisierung.

Die Zenturionen waren durch ihren Dienst im Heere mehr oder weniger romanisiert; freilich können wir mit Sicherheit sagen, wenn wir die Zusammensetzung des Heeres am Ende des zweiten Jahrhunderts, von der im vierten Kapitel die Rede war, in Betracht ziehen, daß bei den meisten diese Romanisierung nur sehr oberflächlich war. Eine andere Maßnahme, die in die gleiche Richtung weist, war die Mititarisierung der Verwaltung, die in der Weise erfolgte, daß der Kreis der den Rittern offenstehenden Verwaltungsressorts erweitert und die Kompetenzen der ritterlichen Beamten vermehrt wurden. Die Ernennung eines Ritters zum Statthalter von Mesopotamien, die Einsetzung von Rittern als Befehishabern der parthischen Legionen zu Albano und in Mesopotamien, die erhöhte Bedeutung der Prätorianerpräfektur, der zeitweilige Ersatz der Prokonsuln senatorischer Provinzen durch Prokuratoren, endlich die Rolle, die die Ritter jetzt unter den comites Augusti spielten, all diese Dinge lassen erkennen, daß Severus darauf ausging, dem gemeinen Soldaten allmählich die höchsten Posten in der kaiserlichen Verwaltung zugänglich zu machen.

Auf der anderen Seite stehen schwerwiegende Zugeständnisse an das Militär, die den kriegerischen Geist notwendig untergraben und eine einflußreiche Militärkaste innerhalb des Reiches ins Leben rufen mußten: die Erhöhung des Soldes, die Vorrechte, die den Veteranen gewährt wurden (Befreiung von den munizipalen Liturgien), die Förderung des Vereinslebens in den Standlagern, endlich die in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzende gesetzliche Anerkennung der Soldatenehen, die die allmähliche Abwanderung der verheirateten Soldaten aus den Kasernen in die canabae zur Folge hatte. Offenbar wich der Kaiser mit solchen Konzessionen nur dem Zwange der Verhältnisse. Wir brauchen nur an die vielen Militärrevolten zu denken, die besonders ganz im Anfang seiner Regierung vorkamen, um die Schwierigkeit zu würdigen, die für Severus die Festigung seines Einflusses bei den Soldaten bedeutete. Fehlschläge wie das klägliche Scheitern aller Versuche, im zweiten Partherfeldzug Hatra zu nehmen, erklären sich aus dem Mangel an Disziplin bei den Soldaten der europäischen Legionen und sind ein Beweis dafür, daß die Politik des Severus tatsächlich für die Aufrechterhaltung der Manneszucht verderblich war und daß sie nicht dem freien Willen des Herrschers entsprang, sondern durch die bittere Notwendigkeit diktiert wurde. Seine letzten Worte an seine Söhne - "seid einig, bereichert die Soldaten, alles andere verachtet" - stehen in vollem Einklang mit seiner ganzen Politik, auch wenn sie nicht echt sein sollten; eine Annahme, die kaum berechtigt wäre. Zweifellos war Severus der erste, der seine Macht fest und unbeirrt auf das Heer gründete ... . (12)

 

2. Anmerkungen ( Bd. II, S. 331 ff.)

...

9 Die neuesten und besten Monographien über die Regierung des L. Septimuis Severus sind J. Hasebroek 'Untersuchungen zur Gesch. des Kaiers Septimius Severus' (1921); vgl. ders., Die Fälschung der Vita Nigri und Vita Albani in den Scr. Hist. Aug. (1916); und M. Platnauer ,The Life and Reign of the Emperor L. Septimins Severus (1918). Diese Bücher geben eine vollständige, bis zur Gegenwart geführte Bibliographie. Dazu ferner V. Macchioro, L'Impero Romano nell' età dei Severi, Riv. stor. ant. 10 (1905) S.201 ff. und 11 (1906) S.285 ff. u. 341 ff.; O. A. Harrer ,The Chronology of fhe Revolt of Pescennius Niger, J.R.S. 1920 S.155 ff.; Fluss RE II A (1923) Sp. 1940 ff.; und über Iulia Domna M. G. W. Williams, Amer. Journ. Arch. 6 (1902) 5.259 ff. und G. Herzog, RE X Sp. 926 ff.

10 Über die Kontroverse s. M. Platnauer a. O. 5. 162 ff.; vgl. seinen Aufsatz J.R.S. 10 (1920) S. 196. Seit Gibbon (History of the Decline and Fall of the Ronan Empire I S.125) ging die allgemeine Überzeugung dahin, daß Severus' Herrschaft für das römische Reich verhängnisvoll gewesen sei. Der letzte, der diesen Standpunkt betonte, war A. von
Domaszewski Gesch. d. röm Kaiser II S.262. Platnauer nennt sein pominertes und natürlich übertreibendes Urteil "little more than nonsense". Seine eigene Ansicht ist zusammengefaßt an der im Text wiedergegebenen Stelle (aus J.R.S. 10 [1920] S.196). Zweifellos befindet er sich durchaus im Irrtum, wenn er die Persönlichkeit und die Regierung des Septimius Severus idealisieren zu sollen glaubt. Indem dieser seine persönliche Macht, die er seinen Söhnen zu vererben wünschte, auf die Gefolgschaft der Armee gründete, indem er die Truppen bestach und verdarb, brach Septimlus Severus endgültig mit den Traditionen der Antonine. Eine andere Frage ist es, ob es möglich war, diese Traditionen noch länger aufrechtzuerhalten und ob die Regierungsform des römischen Reiches sich nicht doch früher oder später zur Militärautokratie entwickeln mußte. Auf jeden Fall hat Septimius Severus mit der Usurpation der Macht und mit der Treulosigkeit, die er dem Senat und Albinus gegenüber walten ließ, bewußt den neuen Weg beschritten und die neue Phase in der Geschichte der Kaiserzeit inauguriert, die über eine lange Militäranarchie direkt zu der orientalischen Zwingherrschaft des Diokletian und Konstantin geführt hat. Ich sehe nicht ein, weshalb nicht eine weitere Reihe von Kaisern vom Typ eines Traian, Hadrian und M. Aurel hätte imstande sein sollen, die ruhige und verhältnismäßig glückliche Periode in der Geschichte des Reiches noch um eine Anzahl von Jahrzehnten zu verlängern, wäre nickt die Unfähigkeit und Schwäche des Commodus und der Ehrgeiz und die skrupellose Politik des Septimius Severus dazwischen gekommen.

11 Umfangreiche Konfiskationen nach dem Sieg über Pescennius Niger: Cass. Dio 74, 8, 4 und 9; Scr. Hist. Aug., Sev. 9, 7: multas etiam civitates eiusdem partis iniuriis adfecit et damnis; vgl. Cass. Dio 74, 9, 4; Herod. 3, 4, 7. Über die Politik des Septimius Severus nach dem Siege über Clodius Albinus s. J. Hasebroek a. O., S.101 ff.

12 Über die Politik der Barbarisierung des Heeres s. A. von Domaszewski , Rangordnung, S. 83 ff. und 122 ff. Gegen seine Übertreibungen s. H. Dessau, Hermes 1910 , S. 1 ff. und M. Platnauer a. O. S.158 ff. (wo Dessaus Aufsatz übersehen wird). Vgl. A. Stein, Der röm. Ritterstand (1927), S.413. Stein hat gezeigt, daß Domaszewski, wenn auch seine Annahme einer vollkommenen Ausschaltung der Italiker und der römischen Bürger im Westen (Spanien, Gallien) aus der militia equestris eine Übertreibung ist, doch die allgemeine Richtung der Politik des Severus, die ihren Höhepunkt in der Zeit der Militäranarchie erreichte, richtig definiert. In seinem chronologischen Überblick über die Regierung des Septimius Severus hat Hasebroek oft Gelegenheit, von den militärischen Reformen des Kaisers zu sprechen. In der Hauptsache teilt er die Ansichten v. Domaszewskis. So übertrieben manche Aufstellungen v. Domaszewskis auch sein mögen, jedenfalls hat er bewiesen, daß Septimius Severus einen entscheidenden Schritt zur Barbarisierung der Armee, besonders des Offizierkorps, getan hat. Dessau mag recht haben, wenn er betont, daß diese Barbarisierung nicht auf einen Streich durchgeführt wurde. Aber ich kann nicht verstehen, wie man gegen das direkte Zeugnis unserer Quellen den Unterschied zwischen den Provinzialtruppen und der vorseverischen Prätorianergarde leugnen kann. Die Noriker, Spanier und Makedonen dieser Garde waren die Nachkommen römischer Kolonisten, die entweder aus Italien stammten oder völlig romanisierte Provinzialen waren, zum größten Teil Städter, während die Donaulegionen sich aus thrakischen und illyrischen Bauern zusammensetzten, die überhaupt schwerlich Latein sprachen: dennoch wurden sie jetzt die Pflanzschule der Zenturionen und Offiziere. In den Augen der Einwohnerschaft Roms waren diese Leute Barharen (sinnlos ist die Bemerkung von O. Th. Schulz,Vom Prinzipat zum Dominat, S. 25 ff Anm. 48). Es kann ferner nicht zweifelhaft sein, daß Septimius Severus die Soldaten durch verschwenderische Geschenke, durch Erhöhung des Soldes und Lockerung der Disziplin demoralisierte. Man braucht nur die Donative Revue passieren zu lassen, mit denen er die häufigen Revolten dämpfte und die Soldaten bestach (Scr. Hist. Aug., Sept. Sev. 7, 6; Cass. Dio 46, 46, 7 und Scr. Hist. Aug., Sept. Sev. 8, 9; J. Hasehroek a. O. S. 41 und 46 über die Revolten und S.24 und 129 über die Geschenke), und an das Betragen der Soldaten in Rom (Scr. Hist. Aug., Sept. Sev. 7, 2-3 : tota deinde urbe milites in templis, in porticibus, in aedibus Palatinis quasi in stabulis manserunt, fuitque ingressus Severi odiosus atque terribilis, eum milites inempta diriperent vastationem urbi minantes) und vor Hatra zu denken (Platnauer a. O. S.121). Auffallend ist auch der Nachdruck, mit dem der Biograph des Pescennius Niger dessen strenge Disziplin und das musterhafte Betragen seiner Truppen betont im Gegensatz zu der mangelhaften Disziplin im Heere des Severus, Scr. Hist. Aug., Pesc. Nig. 3, 6; 4, 6 usw. Was die 'Verritterlichung' der Verwaltung anbetrifft, so ist zu den von Platnauer und Hasebroek gesammelten Tatsachen noch der Ersatz von Prokonsuln durch Prokuratoren hinzuzufügen (C. W. Keyes, TheRise of the Equites in the Third Century of the Roman Empire [1915], S.3 ff. und J. Keil F.E. III S. 139 f. Nr.54 und S. 110 f. Nr.20). Von einer radikalen Anderung in Zusammensetzung der Senatorenschaft können wir jedoch nicht sprechen. Die Tatsache, daß in dieser Körperschaft die geborenen Italiker gegenüber den Provinzialen in der Mehrzahl waren (Sintenis Die Zusammensetzung des Senats unter Septimius Severus und Caracalla [1914, Diss.] S. 29, vgl. A. Jardé, Etudes critiques sur la vie et le règne de Sévère Alexandre [1925), Appendice: L'Album sénatorial sous Sévère Alexandre, S.119 ff.), im Gegensatz zu der Politik Traians und der Antonine, zeigt sein Mißtrauen gegenüher den Vertretern des Provinzadels. Von zwei Übeln wählte er das kleinere. Die Italiker waren wenigstens näher und weniger reich. Unter den Provinzialen zog er die Orientalen den Senatoren aus dem Westen vor, und bei dieser Vorliebe ließ er sich gewiß durch andere Erwägungen leiten als durch die bloße Rücksicht auf die Sympathien seiner Frau. Der einzige demokratische Schritt, den er tat, war die Einführung einiger primipili in den Senat (A. v. Domaszewski, Rangordnung S.172; Fluss RE II A Sp. 1981). Über Soldatenehe Wohnen in den canabae s. J. Hasebroek a. O. S.127 und Fluss RE II A Sp. 1992. Zweifellos war die Mehrheit der Soldaten unverheiratet und wohnte weiter im Lager; vgl. Dio 78, 36, 2 und Herod. 3, 8, 5, ferner Stuart Jones, Companion S.240.

  

III. Auszüge aus: M. I. Rostovtzeff, Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte der hellenistischen Welt (1941), übers. ind Deutsche von M. Wodrich, G. und M. Bayer, Darmstadt 1984 (1. Inhaltsverzeichnisse für alle drei Bände. 2. Aus dem Vorwort (Bd. 1, S. V ff.).

 

1. Inhaltsverzeichnisse für alle drei Bände.

1. Bd.:

KAP. 1. DIE POLITISCHE ENTWICKLUNG

A. DER NACHFOLGEKRIEG UND DIE BILDUNG DER FÜHRENDEN HELLENISTISCHEN MONARCHIEN.

B. DIE KONSOLIDIERUNG DER HELLENISTISCHEN MONARCHIEN. DAS
HELLENISTISCHE GLEICHGEWICHT DER KRÄFTE.

C. DER POLITISCHE NIEDERGANG DER HELLENISTISCHEN MONARCHIEN.

KAP. II. DIE ALTE WELT IM VIERTEN JAHRHUNDERT V. CHR.

A. PERSIEN.

B. GRIECHENLAND.

KAP. III. ALEXANDER UND DIE DIADOCHEN.

KAP. IV. DAS GLEICHGEWICHT DER KRAFTE.

TEIL I. DIE STÄDTE GRIECHENLAND UND DIE INSELN

TEIL II. DIE GRÖSSEREN MONARCHIEN

A. MAKEDONIEN.

B.ÄGTPTEN.

1. Die Quellen.2. Ägypten vor Philadeiphos.3. Philadelphos' Reform der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. 4. Der ägyptische Herrsehaftsbereich.
5. Steigerung des Ertrags der natürlichen Hilfsquellen. 6. Handel, Münz- und Bankwesen . 7. Der Wohlstand Ägyptens. 8. Alexandria und Philadelphia.


C. DAS SELEUKIDENREICH.

1. Die Quellen 2. Die allgemeine Politik der Seleukiden 3. Wirtschafts- und Finanzpolitik . 4. Staat und Gesellschaft 5. Die griechischen Stadtstaaten, soweit sie nicht von den Königengegründet wurden. 6. Der Wohlstand des Seleukidenreiches. 7. Baktrien .

TEIL III. DIE KLEINEREN MONARCHIEN.

A. PERGAMON.
B BITHYNIEN.
C. PONTUS UND PAPHLAGONIEN.
D. GALATIEN.
E. DIE STADTSTAATEN DES SCHWARZMEERGEBIETES UND DAS BOSPORANISCHE KÖNIGREICH.

----------

2. Bd.:

KAP. V. DIE AUFLÖSUNG DES GLEICHGEWICHTS DER KRÄFTE
UND DIE RÖMISCHE EINMISCHUNG.

I. GRIECHENLAND.

II. DIE MONARCHIEN.

A. MAKEDONIEN.
B. KLEINASIEN, DAS SCHWAREMEERGEBIET, RHODOS UND DELOS.
C. DAS SELEUKIDENREICH.
D. ÄGYPTEN.

KAP. VI. DAS RÖMISCHE PROTEKTORAT UND DER ANFANG DER RÖMISCHEN HERRSCHAFT.

I. GRIECHENLAND, MAKEDONIEN UND DAS SCHWARZMEERGEBIET.

II. RHODOS, DELOS UND DIE ANDEREN INSELN.

III. DIE ÖSTLICHEN MONARCHIEN.

A. KLEINASIEN.
B. DAS SELEUKEDENREICH UND SEINE NACHBARN.
C. ÄGYPTEN.

KAP. VII. DIE RÖMISCHE HERRSCHAFT. DIE QUELLEN.

1. MITHRIDATES.
2. VON DER ZEIT DES MITRIDATES BIS ZU DEN BÜRGERKRIEGEN
3. DIE BÜRGERKRIEGE.
4. NACHWORT.

KAP.VIII. ZUSAMMENFASSUNG UND NACHWORT: NEUE ERSCHEINUNGEN IM GESELLSCHAFTS- UND WIRTSCHAFTSLEBEN DER HELLENISTISCHEN WELT .

EINLEITUNG: DIE PHASEN DER ENTWICKLUNG.

I. EINIGE ERSCHEINUNGEN DES GESELLSCHAFTLICHEN LEBENS

1. DIE EINHEIT DER HELLENJSTrSCHEN WELT .
2. DIE GRIECHEN UND DIE EINHEIMISCHEN IN DEN ORIENTALISCHEN MONARCHIEN UND DIE GRIECHEN DES MUTTERLANDES.
A. Die Griechen der Diaspora .
B. Die Einheimischen in den östlichen hellenistischen Monarchien
C. Die Griechen Altgriechenlands

II. EINIGE ERSCHEINUNGEN DES WIRTSCHAFTSLEBENS.

1. BEVÖLKERUNG UND KAPITAL.
2. NEUE QUELLEN DES REICHTUMS.
3. DIE NUTZUNG DER NATÜRLICHEN QUELLEN DES REICHTUMS.

A. Landwirtschaft.
B. Industrie.
C. Handel und Bankwesen.

III. DAS VERMÄCHTNIS DER HELLENISTISCHEN WELT.

-----------

3. Bd.:

ANMERKUNGEN [454von 1600 Seiten ausschließlich Tafelabbildungen mit Kommentaren, d. Hg.].

EXKURS 1: Athenische Münzfunde aus Ägypten, von Dr. J. G. MILNE.

EXKURS II: Die ägyptischen Bergwerke auf der Sinaihalhinsel, von Prof. R. P. BLAKE.

EXKURS III: Veränderungen des Münzfußes durch Ptolemaios 1., von E. 5. G. ROBINSON (Britisches Museum).

EXKURS IV: ,Pergamenische' Ware, von Frederick 0. WAAGE.

VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN.

REGISTER: Namen und Sachen. Quellen.

 

2. Aus dem Vorwort ( Bd. 1, S. V ff.).

Es ist kaum notwendig, die Bedeutung des sogenannten 'hellenistischen' Zeitalters für die Geschichte der Menschheit zu betonen. Wie jeder Kenner der Alten Geschichte weiß, ist die veraltete Auffassung von diesem Zeitalter als einer Zeit des Verfalls der griechischen Kultur und eines kläglichen Zusammenbruchs des griechischen politischen Lebens unbegründet oder wenigstens einseitig und irreführend. Ohne Zweifel entfalteten die Griechen des hellenistischen Zeitraums eine starke schöpferische Tätigkeit in allen Bereichen ihres Lebens, und viele, manchmal grundlegende Neuerungen in der politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Alten Welt sind ihnen zu verdanken; unter ihrem segensreichen Einfluß veränderten andere Völker ihre eigenen Einrichtungen und erreichten dadurch in mancher Hinsicht glänzende Ergebnisse.

Dieses Buch beschäftigt sich mit einer Seite der hellenistischen Welt. Um zu bestimmen, was ich unter dem Begriff 'Hellenistische Welt' verstehe, sind vielleicht einige Worte nicht unangebracht. Die Geschichte des modernen Wortes 'hellenistisch' und die verschiedenen Bedeutungen, die man ihm unterlegte, können hier nicht ausführlich besprochen werden. Es genügt zu sagen, daß die Bezeichnung, wie ich sie gebrauche, für Chronologie, Geographie, Politik und Kultur eine scharfe Abgrenzung erlaubt. Unter 'Hellenistischer Welt' verstehe ich die Welt, die durch Alexanders Eroberung des Ostens geschaffen wurde und die so lange bestand, wie die Staaten, in die sie zerfiel, ihre politische Unabhängigkeit behaupteten und die Griechen in diesen Staaten in allen Bereichen des Lebens ihre führende Rolle behielten, - das heißt ungefähr von Alexander bis zu Augustus. Sie umfaßte die Fläche des früheren Alexanderreiches mit einigen geringfügigen Erweiterungen, so dem Bosporanischen Königreich, bestimmten Teilen Kleinasiens, dem sizilischen Königreich Hierons II. und einigen griechischen Stadtstaaten. Obwohl diese niemals einen Teil des Alexanderreiches bildeten, waren sie ihrer Struktur und Kultur nach griechisch und unterschieden sich in dieser Hinsicht nicht von der übrigen hellenistischen Welt.

Meine Untersuchung ist darum nicht eine Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte der gesamten Alten Welt im hellenistischen Zeitraum. Wichtige Teile habe ich bei meiner Untersuchung ausgeschlossen, so einerseits die sogenannten 'Barbaren' Europas, Afrikas und Asiens - Skythen, Sarmaten, Thraker, Illyrier, Kelten und Iberer; und andererseits zwei Gruppen hochzivilisierter, gutorganisierter Staaten, eine im Westen - Italien, den größten Teil Siziliens und Karthago - und eine andere im Osten und Süden - China, Indien, Parthien, Südarabien, Nubien und Meroe.

Diese geographische Einschränkung meines Forschungsbereiches erfordert einige Worte der Erklärung, vor allem was die beiden eben erwähnten Gruppen hochzivilisierter Staaten und Völker betrifft, die in wechselndem Ausmaß unter griechischem Einfluß standen und verschiedentlich einige griechische Staaten und andere organisierte Gruppen griechischer Siedler umfaßten. Der Ausschluß der westlichen Gruppe war durch einige Überlegungen geboten, deren wichtigste ich in folgender Weise formulieren möchte: Obwohl zwischen den beiden führenden Staaten des Westens, Rom und Karthago, und dem östlichen Teil der Mittelmeerwelt sehr enge Beziehungen bestanden und das griechische Element in ihrer Bevölkerung stark vertreten war, waren diese beiden nicht eigentlich griechische Staaten, noch auch ist der Charakter ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Struktur und ihrer Kultur in seinen bestimmenden Zügen als griechisch zu bezeichnen. In Italien gestalteten die 'Italiker' allmählich ihr eigenes, besonderes politisches, gesellschaftliches, wirtschaftliches und kulturelles Leben und verbreiteten es im Laufe der Zeit über Sizilien, Gallien und Spanien; in Afrika taten die Phöniker das gleiche. Diese Gegenden können darum kaum in den Begriff 'Hellenistische Welt' eingeschlossen werden, so nahe sie dieser auch stehen mochten. Die Untersuchung ihres besonderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Struktur während des hellenistischen Zeitraums im Lichte ihrer eigenen Vergangenheit und mit der notwendigen Beachtung des Einflusses, den der östliche Teil der Alten Welt auf sie ausübte, wäre gewiß ein anziehendes und höchst wichtiges Unternehmen. Aber dies würde viel Raum und zahlreiche Spezialforschungen erfordern. Wenn eine solche Untersuchung in dieses Buch aufgenommen worden wäre, wie ich es ursprünglich erwogen hatte, so hätte dies seinen Umfang verdoppelt, ohne viel zu einem richtigen Verständnis des griechischen und hellenistischen Ostens beizutragen. Der Gegenstand erfordert eine Behandlung in einem eigenen Werk, dessen Schwerpunkt im Westen liegen würde, doch ich bin zu alt, um diese Aufgabe zu übernehmen. Ich weiß, daß meine Ansicht über die Zweckmäßigkeit dieser geographischen Beschränkung von der Mehrzahl der modernen Altertumsforscher nicht geteilt wird. Ich muß ihre Kritik auf mich nehmen.

Bei der zweiten, der östlichen und südlichen Gruppe der Kulturstaaten, die mehr oder weniger eng mit der hellenistischen Welt verbunden sind, ist es ähnlich. Die meisten standen - wenn auch in wechselndem Ausmaß - unter dem Einfluß der hellenistischen Kultur und nahmen einiges von ihr auf, wodurch ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in gewissem Ausmaß beeinflußt wurde. Aber sie wurden niemals integrierende Bestandteile der hellenistischen Welt, nicht einmal in dem Maße wie Italien und Nordafrika. Sie behielten ihre volle nationale und politische Eigenständigkeit, und ihr gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben im hellenistischen Zeitraum war praktisch eine Fortsetzung ihrer Vergangenheit, nur leicht von fremden, das heißt hellenistischen Einflüssen berührt.

Eine Prüfung ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung in hellenistischer Zeit, der fremden Elemente, die hierzu beitrugen, und der Rolle, die darin der allgemeine Wandel spielte, den die Eroberungen Alexanders in der Alten Welt hervorriefen, ist eine der wichtigen Aufgaben, vor denen ein Historiker des Altertums steht. Doch wie beim Westen ist es ein eigenes Unternehmen, das im Rahmen dieses Buches nicht durchgeführt werden kann. Außerdem bedarf es dazu besonderer Befähigungen und Kenntnisse (in erster Linie der Kenntnis mehrerer orientalischer Sprachen), die ich nicht besitze. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der hellenistischen Welt wurde meiner Meinung nach durch den Verlauf, den diese Entwicklung in ihren östlichen und südlichen Randgebieten nahm, nicht entscheidend beeinflußt.

Nichtsdestoweniger habe ich, wann und wo immer die Berührung mit diesen beiden Staatengruppen und mit den sogenannten 'Barbaren' mir als wichtiger und - in einigen Fällen - als entscheidender Faktor in der Entwicklung der hellenistischen Welt erschien, ihr nach meinem Vermögen die nötige Aufmerksamkeit geschenkt. Dies ist der Grund, weshalb der äußerste Westen und der äußerste Osten der hellenistischen Welt im zweiten Band dieses Werkes eine größere Rolle spielen als im ersten.

Bei der Darstellung der hellenistischen Welt habe ich mich auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Seite beschränkt, jedoch nicht, weil diese Seite des hellenistischen Lebens von modernen Gelehrten vernachlässigt worden wäre; mehrere bedeutende Altertumsforscher haben in allgemeinen Darstellungen des hellenistischen Zeitraums oder in Einzelmonographien über bestimmte Teile ausgezeichnete Kapitel aufgenommen, die sich mit Gesellschaft und Wirtschaft befassen. Ich habe das Ziel meines Buches auch nicht so beschränkt, weil ich diesen Bereichen eine größere Bedeutung für das Verständnis des hellenistischen Lebens zugesprochen hätte als der Politik, dem Recht, der Kultur und der Religion. Wenn ich auch die Bedeutung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Seite des menschlichen Lebens im allgemeinen für sehr wichtig halte, so überschätze ich sie doch auch nicht nach marxistischer Art. Mein Grund für die Beschränkung meines Forschungsgebietes ist rein persönlich: Ich glaube, daß ich hier zuständiger bin als auf anderen. Ich habe mich jedoch in diesem wie in anderen historischen Werken, die ich verfaßt habe, an den Grundsatz gehalten, daß die Vielfältigkeit des Lebens niemals vergessen und eine einzelne Seite niemals als grundlegend und entscheidend betrachtet werden darf.

Bei dem Material für die hellenistische Welt habe ich die gleiche Methode angewandt wie bei meiner vorhergehenden Untersuchung über das Römische Kaiserreich. Das vorliegende Werk, dies sei betont, ist nicht als eine erschöpfende Darstellung der Gesellschaft und Wirtschaft der hellenistischen Welt gedacht noch auch als eine Abhandlung über antike Wirtschaft und Soziologie. Ich habe versucht, einige Seiten Geschichte vorzulegen, und in dem Titel, den ich dafür gewählt habe, liegt der Ton nicht so sehr auf 'Gesellschaft' und 'Wirtschaft' als auf 'Geschichte'. Dieses Ziel erklärt die Gliederung des Buches. Ich war genötigt, das Material in historischer Folge darzulegen, den allgemeinen Zug der Entwicklung zu beschreiben und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erscheinungen im Lichte der allgemeinen politischen, staatengeschichtlichen und kulturellen Entwicklung der Zeit darzustellen. Diese Methode ist natürlich nicht ohne Bedenken. Sie erfordert viel Raum. Außerdem lenkt sie in gewissem Ausmaß die Aufmerksamkeit des Lesers ab und macht gelegentliche Wiederholungen unvermeidlich. Aber sie hat den Vorteil, daß sie die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Seiten des menschlichen Lebens nicht als trockene Abstraktionen in Form von Statistiken und Tabellen darstellt, sondern als lebendige, dynamische Erscheinungen, mit anderen, gleich bedeutenden Seiten eieses Lebens untrennbar und eng verbunden. Um dem Leser die Möglichkeit zu geben, die Ergebnisse meiner geschichtlichen Untersuchung zusammenzufassen, habe ich den sieben historischen Kapiteln ein achtes hinzugefügt, in dem ich einige Grundelemente der hellenistischen Wirtschaft, die wir als Schöpfungen dieses Zeitraums betrachten können, aufzuzählen und bisweilen in größerer Ausführlichkeit als in den historischen Kapiteln zu erörtern suche.

Das Buch, das ursprünglich als kurzer Abriß geplant war, ist im Laufe der Arbeit unerträglich lang geworden, mehr als doppelt so lang als mein Werk über das Römische Kaiserreich. Dies ist sehr bedauerlich. Es liegt viel Wahrheit in der witzigen Bemerkung eines der größten hellenistischen Schriftsteller: méga biblíon, méga kakón [mega biblion, mega kakon, d. Hg.]. Aber das Werk ließ sich nicht viel kürzen. Dies erklärt sich zum Teil aus der oben erwähnten Darstellungsmethode; aber es ist in der Hauptsache auf die Eigenart unserer Überlieferung zurückzuführen, die unzulänglich und hoffnungslos verstreut ist, sehr schwierig zu datieren, zu ordnen, zu verstehen und zu deuten. Die Probleme treten in langer Reihe auf, und nur wenige können mit einiger Wahrscheinlichkeit gelöst werden. Unter diesen Umständen war es unmöglich, reine Behauptungen aufzustellen, ohne die dazugehörigen Nachweise vorzuführen und zu erörtern. Ich bin mir durchaus des Ärgernisses bewußt, das solche Erörterungen erregen können, und der Unterbrechungen, die sie leider in den Fluß meiner Erzählung bringen. Aber sie waren unvermeidlich, da ich nicht die Absicht hatte, das, was im allgemeinen nichts als mehr oder weniger wahrscheinliche Vermutung war, als Tatsachen darzustellen.

Dieser allgemeinen Erklärung möchte ich noch einige Bemerkungen hinzufügen, die die Gliederung des Buches und das von mir verwendete Material betreffen. Bei der Behandlung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der hellenistischen Welt suchte ich diese trotz der zunehmenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Differenzierung als eine Einheit zu fassen. Doch da ihre Hauptteile weitgehende Besonderheiten aufweisen, die im Laufe der Zeit sogar noch deutlicher hervortraten, war es notwendig, die Kapitel IV, V und VI in Abschnitte zu unterteilen, die sich mit den einzelnen Teilen der hellenistischen Welt befassen. Bei dieser Unterteilung bin ich nicht einem starren Schema gefolgt. Da der Schwerpunkt allmählich von einem Teil dieser Welt zum anderen wanderte, ist bestimmten Gebieten in einigen Zeiträumen größere Bedeutung beigemessen und mehr Aufmerksamkeit und Raum geschenkt worden als in anderen, und die Reihenfolge der Behandlung änderte sich in jedem Kapitel. (1)

 1 Zum Beispiel im Falle von Rhodos und Delos. In Kap. IV sind diese wichtigen Zentren wirtschaftlichen Lebens in dem Abschnitt besprochen, der sich mit den Städten des griechischen Festlands und der griechischen Inseln befaßt, während sie in Kap. V im Zusammenhang mit den orientalischen Monarchien behandelt sind und ihnen in Kap. VI ein eigener Abschnitt gewidmet ist.

Ich war jedoch bestrebt, dabei ein gewisses Gleichgewicht zu erhalten. Es war sehr schwer, sich nicht von der Überfülle des Materials an der einen Stelle und der Dürftigkeit an einer anderen beirren zu lassen zum Beispiel eine Überbetonung von Delos und Athen auf Kosten Rhodos' und der anderen führenden Städte der hellenistischen Welt, oder von Ägypten auf Kosten Syriens, Makedoniens und Pergamons zu vermelden. Und doch ergab es sich zwangsläufig, daß den etwas besser bekannten Gegenden ein etwas größerer Raum zugewiesen wurde, ohne Rücksicht auf ihre Bedeutung in einem bestimmten Zeitraum, damit von dem verfügbaren Material möglichst vollständiger Gebrauch gemacht werden konnte.

Was das von mir verwendete Material betrifft, so habe ich versucht, mich nicht auf schriftliche Quellen zu beschränken, sondern auch aus den archäologischen und numismatischen Zeugnissen den größtmöglichen Nutzen zu ziehen. Ich bin mir durchaus darüber klar, wie schwierig dies Unternehmen war und wie unvollkommen die Ergebnisse sind. Viel ist auf dem Gebiet der Archäologie und Numismatik im letzten Jahrhundert geschehen, eine gewaltige Menge wissenschaftlicher Erkenntnisse hat sich angehäuft. Aber in dieser glanzvollen Entwicklung ist der Anteil des hellenistischen Zeitraums etwas schmal geblieben. Nicht daß man wenig Material entdeckt hätte - das Materialist im Gegenteil überwältigend -, aber man hat seiner systematischen Sammlung, Datierung und Untersuchung, vor allem vom wirtschaftlichen Standpunkt aus, seht wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist daher wahrscheinlich, daß Irrtümer in dem Teil meines Buches, der auf diesem Material beruht, noch zahlreicher sein werden als in dem, der aufschriftlichen Quellen fußt. Aber ein Streben in dieser Richtung war ein Gebot der Notwendigkeit, und ich durfte mich nicht von der Furcht vor dem Tadel von Kritikern abschrecken lassen, die auf dem Gebiet der Archäologie und Numismatik mehr Erfahrung besitzen als ich.

Glücklicherweise bin ich in der Lage gewesen, archäologisches und numismatisches Material nicht nur für mich selbst und als Hinweis verwenden zu können, sondern dem Leser auch dank der Großzügigkeit der Clarendon Press einiges in Abbildungen auf gesonderten Tafeln und in Textzeichnungen vorzulegen. Die Abbildungen sind nicht in der Absicht beigegeben, den Leser zu unterhalten und ihn für die Trockenheit des Textes und der Anmerkungen zu entschädigen. Sie bilden einen wichtigen, wesentlichen Teil des Werkes. Es war keine leichte Aufgabe, unter den Tausenden von Gegenständen, die in Museen lagern, und unter den Hunderten von erhaltenen Ruinen antiker Gebäude und Städte das Typischste und Instruktivste herauszusuchen. Die Auswahl war groß und die Auswahlgrundsätze waren mannigfaltig. Ich suchte ein gerechtes Gleichgewicht zwischen zwei Gruppen von Denlimälern einzuhalten: den Skulpturen, Malereien, Mosaiken und Ruinen antiker Siedlungen, die das antike Leben widerspiegeln, und den Illustrationen zur wirtschaftlichen Tätigkeit der hellenistischen Welt, vor allem auf dem Gebiete der Industrie.

Wenn ich bei der Illustration meines Buches mehr oder weniger erfolgreich gewesen bin, so verdanke ich dies zu einem großen Teil denjenigen Einrichtungen und Personen, die mir in großzügiger Weise Aufnahmen und Abgüsse zur Verfügung stellten und mir bei Auswahl, Datierung und Deutung der verschiedenen abgebildeten Gegenstände sachkundigen Beistand leisteten. Die Liste ihrer Namen ist sehr lang, sie wird am Ende dieses Vorworts aufgeführt werden. Hier will ich mich darauf beschränken, die Namen meiner wichtigsten Berater zu nennen und ihnen meinen Dank auszudrücken: Prof. J. D. Beazley in Oxford, Miss Gisela M. A. Richter vom Metropolitan Museum New-York, und Prof. Dr. R. Zahn, ehemals Direktor der Klassischen Sammlung der Staatlichen Museen Berlin, auf dem Gebiet der Archäologie; und Mr. E. T. Newell, Vorsitzender der American Numismatic Society, und Prof. A. R. Bellinger in Yale auf dem der Numismatik.

Zu den Anmerkungen in diesem Werke, die unfangreicher sind als in meiner Social and Economic History af the Roman Empire, werden wenige Worte genügen. In ihnen wird der Leser die wichtigsten antiken Quellen (literarische, epigraphische, papyrologische, numismatische und archäologische) finden und Hinweise auf moderne Werke, die sich mit den angeschnittenen Problemen beschäftigen. Bei der Anführung des wichtigsten epigraphischen, papyrologischen, archäologischen und mumismatischen Materials habe ich mich bemüht, mit der fieberhaften Tätigkeit moderner Forscher Schritt zu halten, die mit der Veröffentlichung neuer Texte und Denkmäler und mit der Ergänzung, genaueren Datierung und Deutung der alten beschäftigt sind. Das hat sich als eine keineswegs leichte Aufgabe erwiesen, denn moderne Anstrengungen in dieser Richtung bringen einen ununterbrochenen Strom von Aufsätzen, Anmerkungen und Besprechungen hervor, die über Dutzende von Zeitschriften und Hunderte von Bücher verstreut sind, und ich bin eines restlosen Gelingens nicht gewiß. Es war auch nicht leicht, alle die größeren und kleineren modernen Beiträge zu dem in diesem Buch beandelten Gegenstand zu benützen. Die Zahl dieser Beiträge ist überwäligend groß und wächst mit jedem Tag. Wenn ich einiges übersehen habe, so muß ich die Verfasser und meine Leser um Nachsicht bitten.

In diesem Zusammenhang muß ich hinzufügen, daß das Bestreben, neues Material und moderne Beiträge in erforderlichem Maße zu benützen, die Veröffentlichung des Buches beträchtlich hinausgezögert hat. Es war im Manuskript im Jahre 1936 fertig. Seitdem habe ich es zweimal überarbeitet. Aber ich konnte dies nicht ein drittes Mal tun. Ich habe darum zu meinem größten Bedauern das Material und die modernen Untersuchungen, die in der zweiten Hälfte des Jahres 1938, sowie 1939 und 1940 erschienen, nicht mehr systematisch herangezogen, obwohl ich auf einiges gelegentlich verwies, so weit es in der Korrektur eingefügt werden konnte. Meine Belege für das Quellenmaterial und die modernen Arbeiten sind natürlich in den letzten Kapiteln eher auf dem laufenden als in den ersten. ...

 

IV. Der didaktische Einsatz des Bildes bei der Geschichtsdarstellung. Auszug aus: M. I. Rostovtzeff, Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte der hellenistischen Welt (1941), übers. ind Deutsche von M. Wodrich, G. und M. Bayer, Darmstadt 1984. 1. Verzeichnisse der Tafeln und Textabbildungen des 1. Bandes. 2. Ein Beispiel: die kommentierte Tafel XXXVIII.

 

VERZEICHNIS DER KOMMENTIERTE TAFELN :

I. Porträt Alexanders des Großen. - II. 1. Marmorkopf des Lysimachos; 2. Marmormaske des Ptolemaios Soter. - III. Vergrößerte Münzporträts: 1. Seleukos Nikator; 2. Ptolemaios Soter; 3. Demetrios Poliorketes; 4. Antiochos 1.; 5. Philadeiphos und Arsinoe - IV. 1. Bronzebüste des Seleukos I.; 2. Kopf einer Marmorstatue des Euergetes I. (oder Philadeiphos?) - V. 1. Herme des Königs Pyrrhos von Epirus; 2. Kopf einer Statue des Attalos 1. von Pergamon. - VI. 1. Kopf einer Marmorstatue, wahrscheinlich Arsinoe II., die Gemahlin des Philadeiphos; 2. Kopf einer Marrnorstatue, wahrscheinlich Berenike II., die Gemahlin des Euergetes. - VII. Vergrößerte Münzporträts: 1. Antiochos III.; 2. Antiochos IV.; 3. Demetrios I. von Baktrien; 4. Philetairos von Pergamon; 5. Philipp V. - VIII. Der Geschichtsschreiber und Staatsmann Polybios. - IX. Vergrößerte Münzporträts: 1. Nikomedes II. von Bithynien; 2. Pharnakes 1. von Pontus; 3. Mithridates VI. von Pontus; 4. Demetrios II. von Syrien; 5. Antiochos VIII. und Kleopatra Thea von Syrien. - X. 1. Bronzene Porträtmaske eines Seleukidenkönigs (Antiochos IV.?); 2. Marmorkopf des Ptolemaios VI. Philometor. - XI. Münzen des späten fünften und des vierten Jahrhunderts v. Chr. XII. 1. Ausschnitt aus dem bemalten Wandrelief des Petosirisgrabes; 2. Vasen aus Al-Mina; 3. Attische Scherbe aus Susa. - XIII. Attische Hydria aus dem Grabhügel Baschowa Mogila (Bulgarien). - XIV. Silber-'Phiale' aus dem Grabhügel Baschowa Mogila (Bulgarien). - XV. Griechische und gräko-thrakische Funde aus dem Grabhügel von Panagürischte (Südhulgarien). - XVI. Beispiele für den thrako-skythischen Tierstil. - XVII. Alexander und Dareios III.: Mosaik aus Pompeji (Casa del Fauno). - XVIII. Münzen des späten vierten Jahrhunderts v. Chr. - XIX. Offiziere und Soldaten der hellenistischen Heere: Grabstelen. - XX. Terrakottastatuette und Tongefäße aus einem Grab im ägyptischen Sudan. - XXI. Künstierleben im Athen des vierten und beginnenden dritten Jahrhunderts v. Chr.: Reliefs. - XXII. Das Athen Menanders, wie es sich in der zeitgenössischen Komödie widerspiegelt: Relief und Terrakottastatuetten. - XXIII. Griechenland in der Zeit des Menander: zwei Damen. - XXIV. Griechenland in der Zeit des Menander: zwei Epheben. - XXV. Industrielles Leben in Griechenland im frühen dritten Jahrhundert v. Chr.: Megarische Schalen. - XXVI. Industrielles Leben in Griechenland im frühen dritten Jahrhundert v. Chr.: Megarische Homerische' Schale. - XXVII. Priene (Rekonstruktion). - XXVIII. Die frühen hellenistischen Könige. - XXIX. Die frühen hellenistischen Könige. - XXX. Leben in griechischen Städten: erste Lebensjahre und Kindheit
XXXI. Leben in griechischen Städten: Knaben und junge Männer. - XXXII. Leben auf dem Lande: Terrakottastatuetten. - XXXIII. Leben in den Städten und auf dem Lande: Statuetten. - XXXIV. Leben in griechischen Städten und auf dem Lande: Terrakottastatuetten. - XXXV. Büste der Alexandria als Herrin der Meere. - XXXVI. Fayenceporträts hellenistischer Königinnen. - XXXVII. Soldaten des Ptolemäerheeres: zwei Grabstelen aus Alexandria. - XXXVIII. Beiträge zum ptolemäischen Ägypten: 1. Mosaik aus Palestrina; 2. Wandmalereien aus Pompeji. - XXXIX. Leben in der ägyptischen XdQU: Votivstele und Terrakottastatuetten XL. Fruchtbarkeit und Reichtum im ptolemäischen Ägypten: 1. Mosaik aus Antiochia; 2. Mosaik aus Leptis Magna - XLI. Frübhellenistische Keramik aus Ägypten. XLII. Frübhellenistische Keramik aus Ägypten. - XLIII. Hellenistisches Glas aus dem Ptolemäerreich. - XLIV. Hellenistisches Glas aus dem Ptolemäerreich. - XLV. Toreuten und Goldschmiede im ptolemäischen Ägypten. - XLVI. Textilindustrie im ptolemäischen Ägypten. - XLVII. Toreuten und Goldschmiede im ptolemäischen Ägypten. - XLVIII. Metallarbeiten im ptolemäischen Ägypten. - XLIX. Leben in Alexandria: 1. Malerei aus der Nekropole Mustafa Pascha; 2. Bankettzelt des Philadelphos L. Leben in Alexandria: Lampen und Terrakottastatuetten. - LI. Das Seleukidenreich und seine Beschützer: 1. Die Tyche von Antinchia; 2. Kultrelief aus Dura-Europos. - LII. Macht und Wohlstand der Seleukiden:l. Das Grabmal von Belevi; 2. Terrakottastatuette. - LIII. Indische Elefanten im Dienste der Seleukiden. - LIV. Königliche Gewichte der Seleukiden. - LV. Königliche Gewichte der Seleukiden. - LVI. Karawanen und Schiffe im Seleukidenreich. - LVII. Söldner der hellenistischen Heere: zwei Grabstelen. - LVIII. Einer der fremden Siedler im ptolemäischen Idumäa: aus dem Grab von Marissa. - LIX. Alltagsleben im hellenistischen Mesopotamien und Syrien: Statuetten und Siegel. - LX. Griechisch-syrische Industrie: Schalen. - LXI. Griechisch-syrische Industrie Terrakotten; Goldschale aus Sibirien. - LXII. Baktrien im Dienste der Nomaden: Goldarbeiten im Tierstil. - LXIII. Pergamon, seine Architektur und Kunst: 1. Rekonstruktion der Akra; 2. Der sterbende Gallier. - LXIV. Anatolische Keramik. - LXV. Terrakotten aus Amisos. - LXVI. Ein Galater. - LXVII. Gegenstände aus dem keltischen Lehen in hellenistischer Zeit und aus dem Lehen in Kleinasien und Südruilland. - LXVIII. Südrußland in hellenistischer Zeit: 1. Goldplatte; 2. Megarische Schale; 3. Glasgefäße.

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TEXTABBILDUNGEN

1. Lagerhaus in AI-Mina. Aus Sir Leonard Woolley, Excavations at AI Mina, Sueidia, J.H. S. LVIII. Mit Genehmigung des Verfassers und des Council of the Society for the Promotion of Hellenie Studies. - 2. Deckel eines Holzsarkophags aus Magdola, Fayum, mit Malerei, die einen Teppich darstellt. - 3. Rekonstruktion des Leuchtturms von Alexandria (Pharos), erbaut von Sostratos von Knidos. Nach H. Thiersch, Pharos, Ant., Islam und Orient, 1909. - 4. Rekonstruktion des hellenistischen Europos aus der Vogelschau.

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TAFEL XXXVIII

1. Dieses Mosaik gibt die charakteristischen Züge des ptolemäische Ägyptens wieder. Der obere Teil ist eine art zoologischer Atlas des ägyptischen Sudan, mit allen wirklichen und Fabeltieren dieser gegend und ihren Namen in Griechisch (vgl. Philostr., Vit. Apoll. VI 24 und Ael., De nat. Anim.). Der untere Teil gibt ein allgemeines Bild Ägyptens, vor allem des Deltas, während der Überflutung. In der rechten Ecke ein Bauernhaus mit einem Taubenschlag daneben, in der linken Nilpferde und Krokodile. Von den beiden Gebäuden in der Mitte unten ist eines ein Pavillon mit einem großen Vorhang, hinter dem ein turmartiges Landhaus mit einem großen, von einer Mauer umschlossenen Garten zu sehen isr. Im Pavillon ein Gruppe Soldaten, bei der Vorbereitung eines Festes, voran ein lorbeerbekränzter Offizier, der ein Hornsignal gibt.; er wird von einer Frau mit Palmzweig begrüßt, die ihm eine girlande oder ein Diadem reicht. Sein Signal scheint einer Abteilung Soldaten zu felten, die auf einem Kriegsschiff heranrudern. Neben diesem Pavillon eine Gesellschaft von Zivilisten, auch Frauen, die unter einer Pergola zu den Klängen der Musik zechen. Hinter diesen Gebäuden zwei weitere Schmuckbänder. Im unteren ein Kleines Heiligtum, durch das eine Prozessionn schreitet. Hinter der Pergola ein Heiliger Bezirk und ein Weidenstall, vielleicht ein moscotrófion [moschotrophion, d. Hg.] oder ein Viehstall; rings herum fliegen Ibisse. Dasobere Band besteht aus großen Tempeln. Der größte hat neben dem Haupteingang zwei Pylonen und ägyptische Kolossalstatuen; vor ihm ein Reiter auf einem Esel, dem sein Diener mit dem Gepäck folgt. Hinter der Pergola und dem Stall drei weitere Tempel: der erste ein Isisheiligtum ([ibion, d, Hg..], vgl. P. Fouaud I, 16), der nächste ein typisch ägyptisches Heiligtum mit zwei Türmen und der dritte ein griechisch-ägyptischer Tempel. Im Wasser verschiedene Tiere, Blumen, Einheimisehe in Kanus (eines mit Lotos beladen) und zwei Vergnügungs- und Jagdboote mit Kabinen. Das ganze Mosaik ist das beste und getreueste aller Darstellungen des ptolemäischen und römischen Agyptens und gibt eine lebendige Vorstellung von seinem Aussehen. Die Zeit ist umstritten. Ich stimme mit Miss M. E. Blake überein, die sagt: "Meiner Meinung nach . . . ist das Nil- und Fischmosaik von Palestrina hellenistisch und nicht römisch und mag irgendwann zwischen Sulla und Hadrian geschaffen worden sein. Der Vorwurf. . . atmet durchaus hellenistischen Geist". Ich möchte hinzufügen, daß es die Übereinstimmungen zwischen dem Mosaik und Aelian, De Nat. Anim., vgl. O. Marucci (s. Beschreibung Taf. XLII) und zwischen ihnen und dem Tierfries des hellenistischen Grabes von Marissa (Taf. LVIII) mehr als wahrscheinlich machen, daß alle auf eine hellenistische Quelle zurückgehen, vielleicht auf eine illustrierte zoologische Abhandlung. Aus A. Engelmann, Antike Bilder aus römischen Handschriften, 1909, Taf. 29, 4. Ich kann hier nicht alles zitieren, was über das Mosaik geschrieben worden ist. Es genügt, die letzten Arbeiten zu erwähnen, die Literaturangaben vom neuesten Stand enthalten: O Marucci, Bull. Comm. 1895, S.32 ff.; 1904, S.258 f.; Diss. Pont. Acc., ser. 2, X (1912), S.177 ff.; 5. Reinach, Rép d. peint., S.374; M. H.. Swindler, Anc. Paint., S.318, Anm. 336; M. Rostovtzeff, Soc. and Ec. Hist. R.E., Taf. XLI; Eva Schmidt, Studien z. Barberinischen Mosaik in Palestrina, Zur Kunstgeschichte des Auslandes, Nr.127, 1929; M. E. Blake, The pavements oft he Roman buildings usw., Mem. Am. Ac. Rome VIII (1930), S.139 ff.

2. Die hier abgebildeten Malereien (sie gehören zu einer Wanddekoration des Dritten Stils) stellen (das erste) einen monumentalen Eingang zu einem heiligen Hain und (das zweite) vielleicht einen Eingang zu einem königlichen Park dar. Die Besonderheiten der Architektur weisen darauf hin, daß es sich hier nicht um Gebäude handelt, die zu römischen Villen gehören, sondern um hellenistische Bauwerke in Kleinasien und Syrien oder im ptolemäischen Agypten. Ich habe diese und ähnliche hellenistische Malereien in meinem Aufsatz: Die helienistisch-römische Architekturiandschaft, Röm. Mitt. XXVI (1911), S.47 ff., Abb. 26-8, behandelt. Die Aufnahmen wurden von Prof. A. von Gerkan zur Verfügung gestellt.


Zusammenstellung und Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski


HS Gizewski WS 1998/99