Kap. 1: Einführung: Länder, Völker und Sprachen der antiken Welt in systematischer Übersicht aus heutigem Kenntnisstand.

INHALT

1. Grundlegende Begriffe und zuständige Fachwissenschaften.

2. Die Geographie der antiken Welt.

3. Die Anthropologie der antiken Welt.

4. Die Kulturstufen, Kulturen und Kulturkreise der antiken Welt.

5. Die Sprachen der antiken Welt.

6. Die Schriften der antiken Welt.

7. Historische System- und Prozeßstrukturen der antiken Welt.

8. Literatur, Medien und Quellen.

1. Grundlegende Begriffe und zuständige Fachwissenschaften.

Ein Grund für die wissenschaftlich nötige Spezialisierung im Bereich der der 'Antike' zugewandten heutigen Wissenschaftsdisziplinen ist die ungeheure räumliche und zeitliche Extension, auf die dieser Begriff sich bezieht - eine Extension, die im Verlaufe der knapp zweihunderthährigen Wissenschaftsgeschichte des wissenschaftlich-allgemeingeschichtlichen Fachteilgebiets 'Alte Geschichte' nicht kleiner, sondern aus grundsätzlichen sachlichen Überlegungen immer größer geworden ist. Obschon der Kreis der Altertumskulturen, die unter dem Begriff 'Antike' zusammengefaßt werden können, auch heute wissenschaftlich unterschiedlich eng oder weit gefaßt wird, so ist doch - etwa seit dem Werk Eduard Meyers - zumindest eine relativ weiter Antikenbegriff üblich geworden, der die frühen Hochkulturen des Alten Orients ebenso umfaßt wie diejenigen des griechischen und römischen Altertums. Grenzen zur 'Vor- und Frühgeschgeschichte', d. h. zu den Entwicklungen der den antiken 'Hochkulturen' zeitlich und räumlich benachbarten 'Nicht-Hochkulturen' lassen sich dabei öfters sachlich kaum noch rechtfertigen; denn die Hochkulturen interagieren ja mit vielen ihrer 'narbarischen' Nachbarn intensiv, und in ihren Schriftquellen tauchen diese deshalb ja auch immer wieder auf - manchmal in sehr klarer Beleuchtung. Und ferner werden die Grenzen zu anderen frühen 'Hochkulturbildungen' auf der Welt (etwa in China oder Amerika) - zumindest wenn man danach fragt, was denn den Kern einer 'Altertumshochkultur' ausmacht und dann notwendig auf einen komparatistisch verwendbaren, strukturgeschichtlich konzipierten Begriff kommt partiell fragwürdig; weit entwickelte Landwirtschafts- und Handwerkstechniken, die die Versorgung größerer Bevölkerungsmengen ermöglichen, politisch. d. h. überverwandtschaftlich verfaßte Populationsverdichtungen, Bildung von Städten oder ähnlichen Siedlungsorten; Auspägung staatsreligiöser und militärischer Strukturen, Schriftgebrauch und die auf seiner Grundlage möglichen sozialen, institutionellen und geisteskulturellen Entwicklungen: all dies gibt es nicht nur im Kulturkreis des nahöstlich-mediterranen Altertums. Diese Gründe, auch andere Weltregionen bei einer Allgmeingeschichte des Altertums konzeptionelell mitzuberücksichtigen, bleiben selbst dann virulent für künftige fachliche Entwicklungen , wenn es sich aus anderen Gründen, nämlich im Hinblick auf die voneinander jahrtausendlang weitgehend separierten Weltregionen, in denen die veschiedenen Hochkulturkreise sich entwickelten, rechtfertigen läßt, sie bis auf weiteres als geschichtlich nicht zusammengehörige wissenschaftliche Objekte zu behandeln; denn wenn auch die Geschichte dieser Kulturkreise jahrtausendelang separiert war, so sind sie doch strukturell vergleichbar und in späteren Geschichtsepochen historisch zusammengewachen.

Aber selbst dann, wenn man sich aus Gründen der wissenschaftlichen Üblichkeit, der Arbeitskapazität und der Übersichtlichkeit bei einem Thema wie dem dieses Skripts beschränkt, und zwar auf die im westlichen Eurasien und am Nordrand Afrikas entstehenden, von gemeinsamen Erstformen abstammenden, sich gegenseitig bedingenden, wenn auch unterschiedlich ausdifferenzierenden vorderoriantalisch-mediterranen Hochkuturen der Antike, so muß man dennoch zeitlich einen Rahmen von mehreren Jahrtausenden - von der frühesten (sumerischen) Hochkultur noch im 4. Jahrtausend v. Chr. bis zu der gewöhnlich am Ende des 6. Jhts. n. Chr. gesetzten Marke zum europäischen 'Mittelalter - in Rechnung stellen. Auch ein sehr großer Raum - nämlich der gesamte westeurasiatische und nordafrikanische - ist prinzipiell einzubeziehen, selbst wenn einige Regionen Europas, Westasiens und Nordafrikas über lange Zeiten der 'Alten Geschichte'im Dunklen liegen; denn dies gilt nur, was die antike Quellenüberlieferung, und durchaus nicht so weitgehend, was die Aussagen der archäologischen Forschung betrifft. Dies belegt neben manchen Details einer Geschichte schriftloser Völker generell, daß dieser große Raum in bestimmten für die Kulturentwicklung besonders wichtigen Momenten immer wieder gleichsinnige Entwicklungen aufwies: so etwa die Verbreitung der Landwirtschaftstechniken, des Bronze- und Eisenerzgebrauchs oder der Alphabetschrift, um nur diese Beispiele zu nennen.

Die in diesem Raume während dieses Zeitraums historisch in Erscheinung tretenden Völker nach ihren kulturgeographischen, sprachlichen und ethnographischen Verhältnissen zu erfassen kann einer wissenschaftlichen Disziplin wie der 'Alten Geschichte' trotz ihres sachlich notwendigerweise weit gefaßten Gegenstands ohne eine weitgefächerte interne Spezialisierung und ohne die Beiziehung dessen, was andere jeweils einschlägig auf bestiimmte Fragen des Themas spezialisierte, verwandte Wissenschaftsdisziplinienen betrifft, nicht gelingen.

Fachgebietsintern in einem inhaltlichen Sinne gemeint sind dabei zum Beispiel solche wie: Sumerologie, Assyriologie, Iranistik, Ägyptologie, Geschichte des alten Israel oder der Phönizier, der Kelten oder der Germanen einschließlich der entsprechenden Philologien - und auch spezialgegeschichtliche Fachgebiete wie Wissenschafts- ,Technik- oder Schriftgeschichte. .

Von den Nachbarwissenschaften sind beispielsweise zurate zu ziehen: die physikalische und die Kultur-Geographie, soweit sie frühere Epochen der Geschichte des westlichen Eurasien betrifft, die Anthropologie, die Ethnographie, die Vor- und Frühgeschichte, die Archäologie, die Liguistik und die allgemeine Sprachgeschichte einschließlich insbesondere der Indogermanistik.

Vergleicht man das Wissen, das der Antike über ihre Völker und deren Geschichte, Kulturen und Lebensbedingungen zur Verfügung stand, mit demjeninigen, über das unsere Zeit verfügt, so gibt es - trotz nicht weniger beeindruckender Kontinuitätslinien - einige markante Differenzen.

Sie äußern sich unter den im folgenden kurz angesprochenen Aspekten

a) der Geographie der antiken Welt,

b) der Anthropologie der antiken Welt,

c) der Kulturstufen, Kulturen und Kulturkreise der antiken Welt,

d) der Sprachen der antiken Welt,

e) der Schriften der antiken Welt und

f) der historische System- und Prozeßstrukturen der antiken Welt.

Es ist sinnvoll, diese Aspekte vor einer Beschäftigung mit manchen teilweise beeindruckenden Textquellen aus der Antike zusammenfassend zu benennen, weil eine direkte Anknüpfung an solche Texte, die im Rahmen des Gesamtthemas im Mittelpunkt der Ausfmerksamkeit stehen sollen, zumindest untergründig den Eindruck erzeugen kann, als seien ihre in späteren antikenebegeisterten Zeiten oft oft als maßstabsetzend und prinzipiell richtig angesehenen Erkenntnisse und Vorstellungen tatsächlich stets im wesentlichen richtig oder vollständig gewesen. Unsere Zeit zumindest hat nicht nur vielfach andere Perspektiven auf das Thema 'Antike Völkergeschichte' als die Antike selbst. Sie weiß auch , zumindest mithilfe einiger - zumal der neuzeitlich entstandenen - Forschungsrichtungen - wie z. B. der Archäologie - auf vielen Gebieten erheblich mehr über die o. g. Wissnesgegenstände als Gelehrte oder andere literarische Autoren der Antike wußten und wissen konnten und die von ihnen stammende antike Literatur folglich ausweist..

2. Die Geographie der antiken Welt.

Übung 1 a.

AUFGABEN:

Das Ihnen vorliegende Kartenbild enthält die Rekonstruktion einer antiken Erdkarte, nämlich der des Eratosthenes von Kyrene (2. Jht. v. Chr.), deren Inhalte bei bei Strabon, Geographika, Buch 1 und 2, im Detail überliefert sind. Prüfen Sie folgende Fragen auf der Grundlage Ihres gegenwärtigen Wissens:

a) Wo liegt der Kernbereich der Kenntnis des im 2. Jht. v. Chr. lebenden Griechen Eratostehenes über die bewohnte Welt? Wie werden die Grenzbereiche der bekannten Welt vorgestellt?

b) Welchen Gebietsanteil der Oikumene nehmen die griechisch sprechenden Völker oder Volksgruppen (vgl. die Grenzen des Alexanderreichs) ein?

c) Wie wird die Erde als ganze vorgestellt?

d) Wo ist auf dieser Erde die 'Oikumene' lokalisiert?

e) Welche Einwände könnte es zur Zeit des Eratosthenes gegen die Vorstellung einer sphärischen Erdgestalt gegeben haben? Was folgte, wenn man konsequent von einer Kugelgestalt der Erde ausging, daraus an weiteren Fragen über die Beschaffenheit und Zugänglichkeit der Weltregionen und die Lage der Welt Lage im All?


Entnommen aus: Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., München 1990, S. 22.


Lösung.

a) Physische Geographie.

Während der ganzen Antike gab es über die Verteilung der Land- und Wasserflächen auf der Erde und die Gestalt der Kontinente, ja prinzipiell über die Gestalt der Erde, ihre Lage und Bewegung im kosmischen Raum - und die Konsequenzen daraus für Annahmen über die von Menschen bewohnbare Welt - ein prinzipiell unrichtiges und jedenfalls nur sehr fragmentarisches Wissen. Dieses entwickelte sich, ausgehend von und parallel zu primär mythologischen Vorstellungen, aus den Anfangsgründen griechischer Naturphilosophie und Astronomie einerseits, im Laufe der Jahrunderte dichter werdenden und systematisierten Nachrichten über Reisen und Entdeckungen andererseits zu einem selbst noch in ptolemäischer Zeit sehr wenig umfassenden Weltbild. Nur über etwa ein Viertel der - immerhin - als Kugel erkannten Erde und über diese nur im nahöstlich-mediterranen 'Zentrum'ihrer 'Oikumene' gab es dabei ein etwas genaueres geographisches Wissen.

b) Kulturgeographie.

Über Demographie, Siedlungs-, Produktions- und Verkehrsverhältnisse ihrer verschiedenen Populationen gab es in den antiken Kulturen gewisse umfänglichere, allerdings praktisch-administrativ oder militärisch motivierte Kenntnisse, dieallerdings nur teilweise in die damaligen Formen theoretisch-wissenschaftlicher oder historisch-deskriptiver 'Geographie' eingingen. Diese Kenntnisse waren überdies prinzipiell durch die Grenzen der Herrschaftssysteme - also etwa des römischen Reiches - begrenzt, in denen sich die Geographie entfaltete. Entsprechende Kenntnisse über benachbarte Ländern, insbesondere solche mit 'barbarischen' Populationen, konnte sich ein Geograph in der Regel nur aus Berichten von Gewährsleuten, sei es zeitgenössischen, aber in der Regel nicht-wissenschaftlich spezialisierten, sei es auch früher lebenden verschaffen. Das hat nicht selten zu vereinfachenden und verzerrenden Darstellungen, jedenfalls aber zu unsystematischen und fragmentarischen Aussagen führen müssen. Der 'biblischen Zahl' von 70 Völkern (Gen. 10 f.) auf der Oikumene etwa stehen nach heutiger Kenntnis mindetstens etwa 1000 größere Populationen mit eigenen Sprachen auf der Erde gegenüber.

3. Die Anthropologie der antiken Welt.

Übung 1 b

AUFGABE:

Für die Bildung besonderer menschlicher Gemeinschaften aller Art ist ein Grundprinzip wichtig, das sich aus dem beigefügten Schaubild entnehmen läßt. Um welches Prinzip könnte es sich handeln?


Entnommen aus: R. Knußmann, Vergleichende Biologie des Menschen. Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik, Stuttgart, New York 1980; S. 216.


Lösung.

a) Biologische Anthropologie.

Für die Unterschiedlichkeiten der äußeren Erscheinungsformen der Menschen, die für die gegenseitige Wahrnehmung von Bevölkerungsgruppen im Rahmen von interaktiver Stereotyp-Bildungen so wichtig ist, hatte die Antike keine angemessenen Erklärungsmöglichkeiten. Ansätze solcher Erklärungen finden sich etwa in 'Klima-Theorien' der griechischen Philosophie (Aristoteles, pol. 9, 3), die zugleich auch für die Erklärung kultureller Differenzen herangezogen wurden. Doch sind sie, soweit erkennbar, unstrukturiert und waren, wie die lieterarischen Quellen zeigen insoweit auch offen für eine Vielzahl gesellschaftspraktisch bedingter Vorurteile in Kriegs- ebenso wie in Friedenszeiten (Beispiel: prinzipiell freundliche, distanzierte oder feindliche Barbarenbegriffe).

b) Kulturanthropologie.

Auch für die Herausbildung kultureller, sprachlicher und ethnischer Differenzen und Abgrenzungen zwischen menschlichen Populationen entwickelten sich in der Antike nur unvollkommen taugliche theoretische Erklärungsansätze. Neben ihnen behaupteten überwiegend mythologische Erklärungsmuster, das Feld, die faktisch Vorgänge räumlich oder ethnisch spezifischer Traditionsbildungen, Gründungs- und Erfindungsprozesse in den Mittelpunkt stellten; evolutionäre Zusammenhänge, Differenzierungen und Systemüberlagerungen werden nur gelegentlich und dann rudimentär, etwa in Abstammungslegenden, zur Sprache gebracht.

4. Die Kulturstufen, Kulturen und Kulturkreise der antiken Welt.

Altertumskulturen und andere Kulturformationen auf der Welt

um 500 v. Chr.

und

zur Zeit um Christi Geburt.

Entnommen aus: A. Sherratt u. a. (Hg.), Die Cambridge-Enzyklopädie der Archäologie, übersetzt aus dem Englischen von Claus Bruder u. v. a., München 1980, S. 448 f.

a) Archäologie.

Die stofflichen Manifestationen früherer Epochen menschlichen Lebens und menschlicher Arbeit, einschließlich der stofflichen Zeugnisse menschlicher ´Geschichte, die Schrifttexte enthalten, waren für die Antike im Rahmen 'antiquarischer' Sammeltätigkeit und Schriftstellerei (Beispiel: Pausianias Beschreibung Griechenland) durchaus von einem gewissen Interesse, etwa aus Bildungsgründen, ästhetischen Motiven oder politischem Traditionsbewußtsein. Ein systematisches wissenschaftliches Interesse an ihnen der Art, wie es sich in der Neuzeit aks Seitenaspekt zur Geschichtswissenschaft entwickelte und die Kenntnis lange vergangener uind vergessener, auch nicht-hochkulturell geprägter Völker und Kulturen immens beförderte, gab es in der Antike allerdings nicht. Entsprechend unklar und geringfügig waren oder wurden im Laufe der Zeiten in der Antike oftmals Kenntnisse über solche Völker und Kulturen, die keine größere Bedeutung mehr für die Gegenwart hatten (Beispiel: Herodots Zusammenfassung des assyrischen und des babylonischen Reiches in einem einzigen Begriff) oder als barbarische nur einen exotischen Unterhaltungszeiz auf die Zeitgenossen des antiken Berichterstatters ausübten.

b) Ethnographie und Ethnologie.

Die antiken Formen der Völkerbeschreibung sind ein Teil der letztlich auf Reiseberichterstattungen beruhenden deskriptiven antiken 'Geographie'. Die Kenntnis der Völker der bewohnten Welt bei griechischen und römischen geographischen Autoren ist um so genauer, je näher diese Völker sich im vorderorientalisch-mediterranen Kernbereich der antien Oikumene befinden und je zugänglicher au den allgemein nutzbaren Verkehrslinien der antiken Welt sind. Andererseits ist aber die Völkerbeschreibung - wie die Geographie generell - von zumeist nicht wissenschaftlich interessierten Gewährsleuten abhängig, sie hat in vielerlei Hinischt keine wissenschaftlich angemessenen begrifflichen Voraussetzungen entwickelt (Beispiel: Analyse von Verwandtschaftsverhältnissen), beschreibt nicht selten mit Mitteln einer Analogiebildungen aus dem eigenen gewohnten Lebenskreis (Beispiel: Götterwelt) und ist zumindest partiell - etwa aufgrund hintergründig wirkender religiöser oder mythologischer Erklärungsmuster - auch dogmatisch (Beispiel: 70-Völker-Vorstellung im Bereich der jüdischen und der christlichen Religionsradition).

5. Die Sprachen der antiken Welt.

Linguistisch-sprachgeschichtlich rekonstruierte Wortschatzzonen des indogermanischen Komplexes im 2. Jahrtausend v. Chr.

Karte aus: G. Devoto, Geschichte der Sprache Roms. Indogermanische Bobliothek, 1. Reihe. Aus dem Italienischen übersetzt von I. Oppelt, Heidelberg 1968, S. 9 ff. - Die indogermanischen Ursprünge des Lateinischen -, S. 23) = G. Devoto, Avviamento alla etimologia italiana, Frienze 1967, S. 489 f.

Die Antike kennt noch nicht, wie die Neuzeit, eine historische Linguistik, insbesondere noch nicht die für die linguistische Entwicklung so maßgeblich gewordene Indogermanistik. Die Sprachgeschichte der einzelnen Sprachen des Altertums wird nur in dem begrenzten, wenn auch wissenschaftlich-traditonbildenden Umfang einer 'Etymologie' der griechischen und der lateinischen Sprache zum Thema antiker Wissenschaft (Beispiel: Festus, De verborum significatione). Es ist in diesen Epochen daher noch nicht möglich, über evolutuinär-sprachgeschichtliche Zusammenghörigkeiten unterschiedlicher Sprachen, über ihre Fremdwort-Rezeptionspozesse und die lautliche oder syntaktische Umformung von Sprachsystemen auch in gewissem Umfang historische Schlußfolgerungen zu ziehen. Die Vielfalt der Sprachen erscheint der Antike insoweit im allgemeinen als etwas von Anfang an Angelegtes, gewissermaßen mit dem 'Genius' eines Volkes Verbundenes, in religiös-mythologischer Deutung entsprechend etwa als etwas von Gott Geschaffenes (Beispiel: Geschichte vom Turmbau zu Babel in Gen. 10 f.).

6. Die Schriften der antiken Welt.

Ähnlich wie bei den Sprachen vermag antike Gelehrsamkeit auch bei den im Raum der Antike üblichen Schriftsystemen grundsätzliche Unterschiede und gemeinsame Quellen, etwa bei den Alphabetschriften, allenfalls zu ahnen, nicht aber sicher festzustellen und für kulturhistorische Schlußfolgerungen zu nutzen, wie sie im Rahmen heutiger schrift- und sprachgeschichtlicher Forschungsrichtungen möglich sind (Beispiel: Plinius Aussagen über die die Erfindung der Schrift in Naturalis Historia 78, 191 f.).

Die historische Evolution der wichtigsten Schriftsysteme auf der Welt.

Entnommen aus: Bilder, Schriften, Alphabete. Von J. Jordan, B. Mertens. J. Mrosek, C. Richartz u. a., Staatl. Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1985 3, Zeitleiste (Einschlagdeckel).

7. Historische System- und Prozeßstrukturen der antiken Welt.

Der Blick der Antike auf die Geschichte ihrer Völker, d. h. deren politische Institutionen, Religion, Kultur, ethnische Traditionen und deren handelnd hervorgetretene historische Persönlichkeiten, ergab sich in der Regel aus einer politisch, ethnisch oder religiös motvierten Perspektive, die sich mit einem entsprechenden politischen oder religiösen oder sonst gruppenspezifischen Selbst- und Traditionsbewußtsein zu verbinden pflegte. Dies brauchte nüchterne und umfassende Beobachtung, ja das Prinzip überparteilicher oder unparteiischer Beurteilung, nicht auszuschließen (Beispiel: Die griechische Perspektive Herodots auf die Perser. in: Historien 1, 131 ff.), war aber natürlicherweise verankert in in einer maßstabgegebenden Vergleichsebene der Auffassungen, die eng mit der eigenen Herkunft und politischen Zugehörigkeit des Autors zusammenhängen pflegt.

Der Unterschied dieser Art der Betrachtung und Darstellung der Völkergeschichtle zu heutigen Formen historischen Wissens über Völker und Kulturen der 'Alten Welt' besteht in den bis heute hinzugekommenen vielfältigen Formen geschichtlichen Perspektivenwechsels (z. B. zwischen 'Völkergeschichte', 'Universalgeschichte', Kulturgechichte und Religionsgeschichte), der in der Antike allenfalls ansatzweise üblich war, ferner in ihrer 'Verwissenschaftlichung' und inhaltlichen und methodischen Spezialisierung.

Zwar gibt es auch ein historisches Erbe antiker historischer Ethnographie und Geographie in den heutigen Wissenschaften, die sich mit der Geschichte von Völkern und Kulturen - zumal jenen der Antike - befassen. Dieses Erbe besteht einmal durchaus in einem wissenschaftsdiaklektisch begründeten, methodischen Ansatz überparteilicher bzw. unparteiischer Darstellung dessen, was nach kritischer Prüfung als wahre Aussage zu einem völkergeschichtlichen Thema feststellbar ist. Zum anderen hat sich aus ihm vielfach ein nationales, kulturelles oder religiöses Selbstverständnis in Völkern späterer Epochen gebildet, die sich in der Nachfolge antiker Völker sahen und sehen (Beispiele: Nachwirken der ethnographischen Aussagen der 'Germania' des Tacitus im neuzeitlich-nationalen Bewußtsein der Deutschen oder der Aussagen der hebräischen Bibel über das israelitische bzw. jüdische Volk in modernen Formen jüdisch-nationalen Selbstbewußtseins).

Dennoch gibt es natürlich gegenüber einer zumeist typisch 'griechischen' oder 'römischen' Perspektive der überlieferten antiken historisch-ethnographischen Literatur in heutiger Zeit eine erheblich veränderte Perspektive auf die Antike: Nicht mehr vorwiegend die kulturelle Vorbildhaftigkeit und Maßstäblichkeit der griechisch-rrömischen Hochkulturleistungen, die Bewunderung für eine Antike in einem kulturell-normativen Sinne, wie sie etwa die Rensaissance bewegte, stehen antreibend im Hintergrund einer Betrachtung antiker Völkergeschichte, sondern ein immer umfassender werdendens Konzept von der Entwicklung der Altertumskulturen auf der Welt und der Stellung der 'Antike' in diesem universalgeschichtlichen Zusammenhang.

8. Literatur, Medien und Quellen.

Siehe auch das Allgemeine Literatur-, Medien- und Quellenverzeichnis.

Literatur:

Paulys Realenzyklopädie der classischen Altertumswissenschaft, hg. von G. Wissowa, W. Kroll u .a., Stuttgart 1893 ff.

The Princeton Encyclopedia of Classical Sites, hg. von A. Stillwell, W. L. Mac Donald und M. H. Mc Allister, Princeton, Nevv Jersey 1976.

W. Schmid, O. Stählin, Geschichte der griechischen Literatur, Handbuch der Altertumswissenschaft VII. Abt., 1. Teil (Die klassische Periode der griechischen Literatur), Bde.1 - 5, (1929 - 1934) ND München 1946 - 1959, 1. Teil, 1. Bd., S. 74 ff. (Epik, einschl. Homer und Hesiod), S. 708 ff.( frühe Geschichtsschreibung), S. 714 ff. (ionische Naturphilosophie), S. 760 ff. (Wissenschaften, einschl. Mathematik und Astronomie); 1. Teil, 2. Bd., S. 550 (Geschichtsschreibung des frühen 5. Jht., speziell Herodot); Bd. VII, 1, 3, S. 12 ff. (Sophistik, einschl. Protagoras), S. 217 ff. (Sokrates); 1. Teil, 5. Bd., S. 3 ff. (Thukydides), 236 ff. (Demokrit).

W. v. Christ, O. Stählin, W. Schmid, Geschichte der griechischen Literatur, Handbuch der Altertumswissenschaft VII. Abteilung, 2. Teil (Die nachklassische Periode der griechischen Literatur, (1914 - 1935) ND München 1966 - 1971, 2. Teil, 1. Bd., S. 204 ff., 383 ff.ff. (Geschichtsschreibung, Beschreibende Geographie, Naturwissenschaften in hellenistischer und römisch geprägter Zeit, einschl. Eratosthenes, Poseidonios, Polybios und Strabon); 2. Teil, 2. Bd., S. 806 ff. (Philosophie und Wissenschaften, einschl. Mathematik und Astronomie, etwa Ptolemaios und Kleomedes).

Martin Schanz, Carl Hosius, Geschichte der römischen Literatur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian, Handbuch der Altertumswissenschaft, VIII. Abt., 4 Teile, (1920 - 1927), ND München 1966 - 1971, Teil 1, S. 168 ff. (Annalisten, Historiker, einschl. Cato d. Ä.), S. 316 ff. (Polit. Historiker, einschl. Caesar), und S. 552 ff. (Polyhistoriker und Geographen, einschl. Varro) ; Teil 2, S. 287 ff. (Universalhistoriker, Geographen, Kartenwerke, Bibliothekare), S. 386 ff. (Vitruv), S. 580 ff. (Historiker und Geographen, einschl. Tacitus), S. 768 ff. (andere Fachschriftsteller, u. a. Plinius d. Ä.); Teil 3, S. 48 ff. (Historiker, Philosophen und Fachgelehrte im 2., 3 und beginnenden 4. Jh. n. Chr., beginnende christlich-theologische Literatur; diese Epoche nur in einigen Aspekten für das Skript-Thema interesant, z. B. mit einer Schrift des Apuleius von Madaura 'De caelo') ; Teil 4, Bd. 1, S. 47 ff. (Historiker und Geographen, einschl. Ammianus Marcellinus): Teil 4, Bd. 2, S. 166 ff. (Enykolpädisten, einschl. Martianus Capella), S. 360 ff. (Christl. Lit., einschl. Augustinus und seiner philosophischen Schriften).

A. Sherratt u. a. (Hg.), Die Cambridge-Enzyklopädie der Archäologie, übersetzt aus dem Englischen von Claus Bruder u. v. a., München 1980.

M. Hendl, A. Bramer u. a (Hg.), Lehrbuch der physikalischen Geographie, Frankfurt a. M. 1987.

David Crystal, Die Cambridge-Enzyklopädie der Sprache. Dt. Übersetzung und Bearbeitung von S. Röhrich, A. Böckler und M. Jansen, Frankfurt, New York 1995.

Harald Haarmann, Universalgeschichte der Schrift, Frankfurt, New York 1990

R. Knußmann, Vergleichende Biologie des Menschen. Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik, Stuttgart, New York 1980.

F. R. Vivelo, Handbuch der Kulturanthropologie. Eine grundlegende Einführung, München 1988.

Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt M. 1987.

Fischer-Länderkunde Bd. 4: Nordafrika und Vorderasien, hg. von H. Mensching und E. Wirth, Frankfurt 19902, und Bd. 8: Europa, hg. von W. Sperling und A. Karger, Frankfurt 19902.

H. Sonnabend (Hg.), Mensch und Landschaft in der Antike. Lexikon der historischen Geographie, 1999.

M. Cary, The Geographic Background of Greek and Roman History, Oxford 1950.

F. Hommel u. a., Geographie und pohtische Geschichte des Altertums (HdA III), Nördlingen 1883.

H. Kiepert, Lehrbuch der Alten Geographie, Berlin 1878.

W. B. Lockwood, Überblick über die indogermanischen Sprachen, Tübingen 1975.

Arpad Szabo, Das geozentrische Weltbild. Astronomie, Geographie und Mathematik der Griechen, München 1992.

Orbis Terrarum, Internationale Zeitschrift für Historische Geographie der Alten Welt. Publikationsorgan der Ernst-Kirsten-Gesellschaft für Historische Geographie der Alten Welt, Hg.: Erika Simon, Eckart Olshausen, Friedrich Saurewein, Holger Sonnabend, Franz-Steiner-Verlag, Stuttgart. Zu den festen Rubriken der Zeitschrift gehört ein ausführlicher Literaturbericht.

Medien:

Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., München 1990, S. 22.

Bilder, Schriften, Alphabete. Von J. Jordan, B. Mertens. J. Mrosek, C. Richartz u. a., Staatl. Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1985 3, Zeitleiste (Einschlagdeckel).

Joachim Herrmann, dtv-Atlas zur Astronomie. Tafeln und Texte, München 1983 7.


LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)