Kap. 3: Zu antiken Vorstellungen und Theorien von der Entstehung der Völker, Sprachen und Kulturen.

INHALT

1.Antike Völkerbegriffe und Erklärungsmodelle für die Vielfalt der Völker und Kulturen.

2. Abstammungsmythen, Genealogien und Völkertafeln in der vorderorientalischen und griechisch-römischen Antike.

3. Die Kulturstufentheorie in der griechischen Philosophie.

4. Völkerbezogene Formen antiker Bestimmung und Erklärung des Inhalts menschlicher 'Kultur'.

5. Die verschiedenen Gattungen wissenschaftlich-systematischer, bildungs- und unterhaltungsbezogener, religiöser oder pragmatischer Völkerdarstellung in der antiken Literatur.

6. Literatur, Medien, Quellen

1. Antike Völkerbegriffe und Erklärungsmodelle für die Vielfalt der Völker und Kulturen.

a) Völkerberiffe.

Um in der Antike verwendete Völkerbegriffe richtig zu verstehen, muß man, wie im Vorwort dargelegt, von den Besonderheiten eines neuzeitlich-europäischen Nationenbegriffs absehen, dessen mehrhundertjährige Entwicklung einen allgemeineren Volksbegriff nicht nur zu einem Staatsvolk-Begriff, sondern auch zum nationalstaatlichen Volksbegriff gemacht hat und heute, wenn man im kulturellen oder politischen Sinne von 'Volk' redet, vor allem gemeint zu sein pflegt.

Verfassungs- oder Herrschaftsordnung eines Staates im neuzeitlich-europäischen Sinne konnten in dre Neuzeitgeschichte zwar recht unterschiedlich aussehen - sie konnten etwa absolutistische Monarchien, aristokratische Republiken, föderal verfaßte Republiken, Militär- oder Parteidiktaturen oder auch parteinstaatliche oder plebiszitäre Demokratien verschiedener Art sein: nach neuzeitlich- staatstheortischem Verständnis, seit es von J. Bodin und H. Grotius formuluiert wurde, war aber in einem solchen Staate neben einem Staatsgebiet und einem in allen politischen Belangen funktionsfähigen und selbständigen Regierungssystem ein Volk das dritte wesentliche Element. Nicht nur ist neuzeitlich-staatstheortisch aber dieses Volk dem Staate essentiell zugeordnet, sondern umgekehrt auch der Staat dem Volke. Außerhalb der Staatenordnung gibt es aus dieser Perspektive allenfalls in einem annähernden, unvollständigen oder untypischen Sinne 'Völker'. Es handelt sich bei dem für die neuzeitliche Völkerrechts- und Politikpraxis wichtigen 'normalen' Volksbegriff jedenfalls um das Konzept eines Staatsvolkes (staatsbezogener Volksbegriff).

In diesen Staatsvolk-Begriff pflegten in der jüngeren Neuzeit zugleich auch bestimmte Momente sprachlicher, religöser, kultureller und politischer Tradition oder Ideologie so eingeordnet zu sein, daß denjenigen, die sie haben oder für die sie Geltung beanspruchen, notwendig - zumindest als zu verwirklichendes Postulat politischer Praxis (z. B. 'nationaler Einheit und Selbstbestimmung') - der Charakter eines Staatsvolkes zugedacht wird (nationalstaatlicher Volksgriff).

An beidem zeigt sich die Dominanz des politischen Moments in dem historischen Prozeß der neuzeitilch-europäischen Völkerbildung.

Demgegenüber ist die Verwendung bekannterer antiker Begriffe, die ungefähr dem europäisch-neuzeitlichen Nationen-Begriff entsprechen, weniger festgelegt, d. h. vielförmiger.

Mit der Nennung von Völkernamen - wie die 'Athener', die 'Spartaner', die 'Römer', die 'Juden', die 'Kelten', die 'Germanen' - pflegten in der Antike , wie in den weiteren Kapiteln illustriert werden wird, vor allem markante Brauchtumstraditionen verschiedener Art angesprochen zu sein. Die 'politische' Ordnung war gewiß bei Völkern mit 'Polis'- oder erweiterter Stadtsstaats-Verfassung (Griechenstädte, Römisches Reich, Punisches Reich) von großer Bedeutung, was sich etwa in den primär politischen Bedeutungsgehlaten etwa solcher Worte wie 'populus' oder 'demos' niederschlägt. Aber auch für Griechen und Römern spielte das die Politk teilweise einbegreifende, teils erheblich über sie hinausgehende Herkommen einschließlich ihrer Herkunfts- und Abstammungslegenden eine maßgebliche Rolle für die Auffassung von einem charakeristischen Wesen ihrer jeweiligen Völker. Die griechische Worbildung 'ethnos' (Volk) etwa geht aus dem Basiswort 'ethos' (Sitte) hervor, das etymologisch 'die Gewohnheit derjenigen, die eng zusammenleben' bedeutet und mit den lateinischen Worten 'suetus' (gewohnt) und suus' (sein) sprachlich stammverwandt ist. Die Bedeutung ferner des 'mos maiorum' bei den Römern geht über die im engeren, pragmatisch-dezisionären Sinne politische Ordnung weit hinaus und schließt bekanntlich Religion und Privatsphäre ein. Neben den Griechen oder Römern als 'politischen' gab es ferner solche Völker des Altertums, die zumindest während lä#nerer Zeiten eine verbindende, gemeinsame politische Ordnung nicht hatten und dennoch in der Antike ohne Einschränkung als Völker galten, weil andere, nicht-politische Momente als gemeinschaftsbildend wirkten und empfunden wurden: in diesem Sinne wirkten traditionelle Siedlungsgebiete, Sprachen oder Lebensweisen etwa bei den recht unterschiedlichen keltischen und germanischen Stämmen oder die Religion in Gestalt des 'Wortes Jahwes' etwa bei den Juden (in einer besonders gesteigerten monotheistischen Form in ihrer nachexilischen Geschichte seit dem 6. Jht. v. Chr.).

Im Rahmen einer antiken Völker-Typologie lassen sich unter diesen Bedingungen drei Typen hervorheben:

a) Völker mit einer besonders wirksamen einheitsstiftenden politischen Tradition ('politische Völker'),

b) Völker mit einer besonders wirksamen einheitsstiftenden religiösen Tradition ('Religionsvölker'),

c) Völker mit einheitsbestimmenden Herkunftsauffassungen und Brauchtumstraditionen ohne Prävalenz des Politischen oder Religiösen ('Brauchtums- und Herkunftsvölker).

Wie alle Typenbildungen haben auch diese etwas Vorläufiges an sich; sie ermögllichen bei dem Verständnis antiker Völkerberichte und Völkerbezeichnungen eine gewisse Voraborientierung, die dann ggf. einer konkreten Differenzierung bedarf.

b) Erklärungsmodelle.

Eine naheliegende Frage gegenüber der Vielfalt der Völkerwelt und der Kulturen ist in der Antike wie in anderen Epochen diejenige nach den Gründen der Entstehung dieser Vielfalt und ihrer nicht selten scharf abgegrenzten Unterschiedlichkeit, wo doch andererseits im Prinzip alle Menschen sehr ähnlich sind- nicht nur in ihrer physischen Gestalt, sondern auch in ihrem Seelenleben und in ihren grundsätzlichen Anlagen zum Sprechen, zu technischem und küntlerischem Handeln, zum Leben in Familien und größeren Gemeinschaften, zu Pietät und zu religiösem Verhalten, zu Erinnerung und zum Lernen, zu Phantasie und Zukunftsplanung, zu Arbeit und Genuß usw.

Gegenüber der heutigen Gegenwart, die - wie in Kap. 1 angesprochen - zur Erklärung der Völker- und Kulturvielfalt anthropologische, sprachentwicklungsgeschichtliche und kulturentwicklungsgeschichtliche Erklärungsmodelle heranzieht und auf deren Grundlage die Vielfalt der historischen Phänomene ordnet - steht dem Erklärer in der Antike in der Regel nur ein begrenzter Horizont geschichtlicher und seiner Zeit zugehöriger Völker zur Verfügung, auf deren - manchmal recht ungenaue - Kenntnis er seine Erklärungen gründen kann.

Das hat in den 'mythologisch' erklärenden Epochen vor der Entstehung antik-wissenschaftlicher Erklärungsansätze im griechisch-sophistischen und philosophischen Geistesleben drei Konsequenzen in Erklärungsmodellen für die Kultur- und Völkerentstehung, nämlich

a) einen tendenziellen Ethnozentrismus in dem Sinne, daß für den Erklärer entweder das eigene Volk oder aber ein anderes 'weltbeherrschendes' im Mittelpunkt seiner Beschreibung und Erklärung der ihm bekannten Völkerwelt steht,

b) eine nicht selten 'organizistische' Perspektive auf die Völkerwelt in dem Sinne, daß Völker als eine Art 'Organismen' gesehehn werden , d. h. als Wesenheiten, die - wie Lebewesen - irgendwann in eine 'Völkerfamilie' hinein 'geboren' werden, von Anfang an einen bestimmten, zur Verwirklichung drängenden Wesenkern in sich tragen und sich insoweit bis zu ihrem notwendigen Vergehen nach einem Jugend-, Erwachsenen- und Altersleben stets prinzipiell gleich bleiben und

c) die Hervorhebung des Schöpfungscharakters bei der Entstehung von Völkern in dem Sinne, daß diese als durch göttliche Bestimmung oder menschliche Begründung entstanden vorgestellt werden.

Aus diesen gedanklichen Prämissen erklärt sich die scheinbare Eignung von Abstammungsmythen und mythologischen Genealogien für die Erklärung des Wesens einzelner oder mehrerer Völker, bei letzterem außerdem auch der ja häufig genug auffälligen Ähnlichkeiten in der differenzierten Völkervielfalt.

Diese Formen mythologischen Erklärens bleiben auch in späteren Epochen neben bewußt nicht-mythologisch konzipierten ('rationalen') Erklärungsansätzen lebendig.

Letztere treten im Rahmen der sophistischen bzw. gesellschaftsbezogen-philosophischen Formen griechischen Gesteslebens seit dem 5. Jht. v. Chr. auf. Auch die Menschenwelt und die gesellschaftlichen Ordnungen werden im Rahmen dieser Entwicklungsform dialektisch-wissenschaftlichen Geistes einer methodischen, systematischen und 'rein wahrheitsbezogenen', d. h. auch sachliche Einwände sorgfältig überprüfenden und ausschließenden Untersuchung und Darstellung unterworfen. Sie tritt uns in der Textüberlieferung erstmalig vor allem an den dialektisch-philosphischen bzw. -wissenschaftlichen Werken Platons und Aristoteles gegenüber.

Drei Typen der Erklärung der Völker- und Kulturvielfalt sind aus dieser 'rationalen Geistigkeit' hervorgegangen:

a) Die 'Kulturstufentheorie': Die Verschiedenheit kultureller Formationen wird im ursächlichen Zusammenhang mit den technischen Fähigkeiten, der Fähigkeit zur gesellschaftlichen - insbesondere städtischen - Selbstorganisation und den typischen, von Natur und Tradition vorgegebenen Bedingungen der wirtschaftlichen Existenzsicherung gesehen. Derartige Ansätze haben wir in den unten wiedergegebenen Texten von Platon (Protagoras-Dialog) und Aristoteles (Politik, Buch 1) vor uns;

b) Die 'Klimatheorie': Anlagen und Leistungen der Völker werden in Abhängigkeit von den klimatischen Bedingungen ihrer Wohnistze auf der Oikumene gesehen. Dieser Typ hängt nicht notwendig, aber doch wissenschaftsgeschichtlich tatsächlich mit der Entdeckung der Kreisgestalt der Erde zusammen. Er findet sich in einem weiteren unten wiedergegebenen Text von Aristoteles (Poltik, 9. Buch).

c) Die 'Völkeranlagen-Theorie'. Sie setzt eine in dem o. e. Sinne eine 'organizistische' Völkerbetrachtung voraus und erklärt die kulturellen Unterschiede ebenso wie spezielle kulturelle Hochleistungen aus Völkercharakteren. Diesen Typ stellt der von Plinis d. Ä. stammende Text (Naturalis Historia, Buch 7) dar.

Alle diese Typen der Erklärung sind aus heutiger Sicht, wie früher (Kap. 1) angesprochen, unzureichend und teilweise irreführend. Sie haben aber - auch im Rahmen umformender Kombinationen und Rekombinationen - eine erhebliche wirkungsgeschichtliche Bedeutung sowohl in der Antike als auch in nachantiken Epochen gehabt.

2. Abstammungsmythen, Genealogien und Völkertafeln in der vorderorientalischen und griechisch-römischen Antike.

Übung 3 a.

AUFGABEN:

a) Was ist die Grundaussage und -absicht der nachfolgend wiedergegebene Textes?

b) Versuchen Sie, mit Ihren jetzt gegebenen Kenntnissen die im Text aufgeführten Völkerschaften räumlich und völkergeschichtlich zu identifizieren.

c) Wie groß ist der Horizont der dem Textautor bekannten Welt. Wie ist die Völkerwelt gegliedert?

d) In welcher Zeit könnte er danach entstanden sein?


Ein Mythos von der Entstehung der Vielzahl der Völker: die Söhne Noahs und der Turmbau zu Babel (1. Buch Mose, Kap. 10, 6 - 22, 11. 1 - 6).

Dt. Übersetzung: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments. Mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. Hg. von T. Schwegler, A. Herzog und J. Perk, (Große Familien-Bibel), Zürich u. a. O., S. 44 f. - Hebräischer Textauszg aus: Biblia Hebraica, unter Mitwirkung zahlreicher Wissenschaftler hg. von Rudolf Kittel, Stuttgart 1912 2 , S. 13.


Lösung.


Völkertafel 1. Mos. 10 f., übertragen ins Kartenbild.

Karte entnommen aus: Der Bibel-Atlas. Die Geschichte des Heiliegen Landes 3000 v. Chr. nos 200 n. Chr., ins Deutsche Übersetzt von W. Hertenstein und bearbeitet von J. Rehork, Augsburg 1990, S. 21 (Karte Nr. 15).

Eine paradigmatische, gleich zweifache mytholgische Erklärung der Vielfalt der Völker findet sich im biblischen Mythos von den Verzweigungen der Völkerwelt aus der Nachkommenschaft des Noah (1. Mos., Kap. 10) und in dem gleich anschlie0ßenden vom Turmbau zu Babel (1. Mos., Kap. 11). Dienst im ersten das Stammvaterprinzip und die genealogische Verzweigung als Erklärung für die Vielfalt der '70 Völker' der bewohnten Erde, so ist es im zweiten der göttliche Wille, der die ursprünglich einheitlicg sprechende Menschheit wegen ihrer Disposition zur zivilisatorischen ('tirmbauenden') Hybris mit dem seither die Welt behrrschenden 'babyloischen Sprachgewirr' bestraft.

An diesen mythologischen Erklärungsmodellen wird auch die Begrenztheit der ihnen zugrundliegenden Kenntnisse von der bewohnen Welt deutliche - obschon wir es mit einem vergleichsweise großen, Südwestasien, den östlichen Mittelmeerraum und das nordöstliche Afrika einbeziehenden, ungefähr dem 6. Jht. v. Chr. zuzuordnenden Horizont zu tun haben. Die Vorstellung von den '70 Völkern' der bewohnten Erde - fester Bestandteil biblisch geprägter Völkerweltvorstellungen der Antike und nachantiker Epochen - steht zur Realität der damaligen Welt in einem wahrscheinlich sehr starken Widerspruch. Das läßt sich zumindest prinzipiell aus den heutigen Verhältnissen auf der Welt herleiten: wie schon früher (Kap. 1) erwähnt, liegt die Zahl allein der größeren Sprachvölker der heutigen Welt bei 1000, und die Zahl der nach stammesverbandlicher und politischer Organisation abgrenzbaren Völker dürfte noch erheblich größer sein. Die Weltbevökerung in den Epochen der Altertumsgeschichte war zwar erheblich kleiner als die heutige, dürfte aber prinzipiell ebenso vielfältig, wenn nicht sogar noch vielfältiger abgegrenzt gewesen sein. Mit einem begrenzten Horizontwie dem der biblischen Völkertafel läßt sich das 'Stammvater'-Erklärungsprinzip für die Vielfalt der Völkerwelt noch vereinbaren; die Existenz verschiedenartiger menschlicher Populationen auf unterschiedlichen Kontinenten, abseits vorstellbarer und überschaubarer Verkehrs- und Generationsbeziehungen, war noch nicht zu erklären.

Erkennbar ist an beiden biblischen Mythen auch das Anliegen, eine Erklärung zu finden für den erklärungsbedürftigen 'Widerspuch', daß sich das Gattungswesen Mensch überall auf der bewohnten Welt im Prinzip gleich bleibt, obschon es in so vielen unterscheidlich konstellierten Populationen und Kulturformationen lebt: der Mensch ist als Gattungswesen von Gott geschaffen , aber wegen seiner Hybris aus dem Paradies ín die weite Welt hinausgeschickt und - nach der Sintflut - mit einer weiteren Strafe belegt: mit der Sprachenvielfalt.

Auch in anderen Regionen des Altertums lassen sich Aussagen über die Entstehung der vielgliedrigen Menschheit ausmachen, wenn auch nicht immer in der deutlichen Form, wie sie die Bibel enthält. In den griechisch-religiösen - und späterhin von den Römern übernommenen - Schöpfungsmythen etwa sind die Erklärungsansätze für die Völker-, Kultur- und Sprachenvielfalt der Menschheit nicht so deutlich, aber dennoch implizit angesprochen. So scheint es, daß der - etwa von Hesiod (Erga kai heremraai 109 ff.) - angesprochene Mythos von den fünf Zeitaltern der Menschhheit den Grund für die abgegrenzte Vielfalt der Völker in der menschlichen Disposition zum Streit sieht, welche sich im Laufe der Menschheitsentwicklung nach den Vorstellungen des Mythos immer ungehemmter durchsetzt. Im Prometheus-Mythos, dem zweiten griechischen Mythos über die die Entstehung der Menschheit, mögen feindliche Abgrenzung und Streit - als überwiegend negative Phänomene des Menschenschicksals - unter die Geschenke der Pandora gezählt worden sein.

3. Die Kulturstufentheorie in der griechischen Philosophie.

Übung 3 b.

AUFGABEN:

a) Was wissen Sie über die Epoche und die Personen, denen die nachfolgenden beiden Textauszüge historisch zuzuordnen sind? Was läßt sich aus den Terxtpassagen über ihren thematischen Zusammenhang entnehmen?

b) Wie ist im Platon-Dialog 'Protagoras' die Entwicklung der menschlichen Kultur von ihren Anfängen an erklärt?

c) Wie ist in der 'Politik' des Aristoteles die Verschiedenartigkeit der menschlichen Kulturformationen theoretisch begründet?


Dt. Übersetzung nach: H. W. Krautz, Protagoras. Griechisch-Deutsch. Übersetzung und Kommentar, Stuttgart 1987, S. 32 - 39.- Griech. Textauszug aus: H. W. Krautz, w. o., S. 36 und 38.


Menschliche Erwerbsarten, Naturanlagen und Kulturstufen. Aristoteles, Politik, 1. Buch. 8.und 9. Kap., 1256 a 15 - 1257 a 4, und 9. Buch, 7. Kap., 1327 b 19 - 38.

Dt. Übersetzung: Aristoteles, Politik. Übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes. Mit einer Einleitung unc Günther Bien, Hamburg, 1990 4, S. 15 - 17 und S. 251. Griech. Textauszug: Aristotelis Politica. Recognovit brevique adnotatione critica instruxit W. D. Ross, Oxford 1962, 1327 a 38 - 1328 a 52, S. 222 f.


Lösung.

Das in Platons Dialog 'Protagoras' vorgelegte Modell der Erklärung unterschiedlicher Kulturstufen der Menschheit - Naturvolkzustand, Zustand handwerklich-technischen Kulturfotrtschritts und städtisch-politisch organisierter Hochkultur - wird zwar im Gewande eines Mythos präsentiert. Aber es hätte genausogut - das bringt der Text ausdrücklich zur Sprache - in abstrakter Begrifflichkeit formuliert werden können. Es handelt sich demnach um eine 'rationale' Theorie.

Eine solche haben wir auch der Form nach in Aristoteles Ausführungen über den Zusammenhang von typischen Erwerbsarten in menschlichen Populationen und ihrer Kulturstufe - Sammler- und Fischer-Kulturen, vorratshaltend-bäuerliche Kulturen und händlerisch-städtische Kulturen - vor uns.

Auch seine Ausführungen über den ursächlichen Zusammenhang von Klima und menschlichen Anlagen sind vor allem eine 'rationale' Kulturtheorie inswoeit, als sie typische Formen menschlicher Kultur auf typische, klimabedingte Naturanlagen der jeweiligen kultirtragenden Bevölkerung zurückführen.

Die 'Kulturstufentheorie' wird in der antiken Historie, Ethnographie und Philosophie immer wieder angesprochen, so z. B. bei Strabon, Plinius, Caesar, Tacitus und Amminaus Marcellinus, immer wieder angesprochen und wirken bis in die heutigen evolutionsgeschichtlichen Modellbildungen der Ethnologie und Anthropologie nach. Ähnliches gilt für die 'Klima-Theorie', die sich allerdings in der neueren Neuzeit in verschiedenen 'rassetheorietischen' Erklärungsansätzen für die Vielfalt der Menschheit aufgelöst hat.

4. Völkerbezogene Formen antiker Bestimmung und Erklärung des Inhalts menschlicher 'Kultur'.

Entstehung und Inhalt der menschlichen Kultur. Aus: Plinius, Naturalis Historia 7, 191 - 215.

Lat. Text und deutsche Übersetzungen nach: C. Plinius Secundus d. Ä., Naturkunde (Naturalis Historiae libri XXXVII). Lateinisch- deutsch. Mehrere Bände. Hg. und übersetzt von Roderich König in Zusammenarbeit mit Gerhard Winkler, Darmstadt 1973 ff., Buch 7, S. 136 - 151.

Plinius Zusammenstellung der aus einzelnen Völkern kommenden Beiträge zu einem Kulturfortschritt der Menschheit sind in dreierlei Hinsicht bemerkenswert:

einmal wegen der Vorstellung eines der Menschheit gemeinsamen 'Kulturfortschritts' oder einer 'völkerübergreifenden 'Hochkultur' - um mit heutigen bedeutungsähnlichen Begriffen zu reden - ,

zum anderen wegen des Inhalts dessen was ihm, Plinius, als 'Hochkultur' in einem antiken Sinne gilt,

und schließlich wegen der Völkerbezogenheit des 'Kulturfortschritts: er wird zwar als von auch als von einigen Begabten erbracht, im wesentlichen aber - insbesondere wo Erfindernamen nicht genannt werden - als aus der Mitte von Völkern hervorgehend vorgestellt. Es scheint dabei als nörige Voraussetzung, daß im Hintergrund der einzelnen Beiträge zum 'Kulturfortschritt' jeweils ein Art 'Völker-Genius' vorgestellt wird.

Die organizistisch-völkerbezogene Erklärung der Völkerviellfalt ("jedes Volk für sich selbst Träger einer eigenen Entwicklung der Menschheitskultur") und folglich des Kulturfortschritts der Menschheit, die in der Antike, wie es scheint, nicht so häufig benutzt wird wie die 'Kulturstufen-' oder die 'Klima-Theorie", hat in nachantiker Zeit, insbesondere in den von nationenbezogenen ('nationalistischen') politischen Ideologien geprägten Epochen der europäischen Geschichte oder in 'historistischen' Formen des geschichtswissenschaftlichen Denkens', eine moderne, intensive Renaissance erfahren.

5. Die verschiedenen Gattungen wissenschaftlich-systematischer, bildungs- und unterhaltungsbezogener, religiöser oder pragmatischer Völkerdarstellung in der antiken Literatur.

Die systematische Beschreibung oder aspektuelle Charakterisierung antiker Völker findet sich je nach ihren etwa wissenschaftlich ordnenden, theoretisch-bildungsbezogenen, religiösen oder politisch-ideellen oder praktisch-politischen oder militärischen Darstellungmotiven in verschiedenartigen Gattungen antiker Literatur.

a) Volksentwicklungsgeschichte. Wird über das politische Handeln und Leiden oder über das von göttlicher Seite gewollte Geschick eines Volkes in regelmäßigen Abständen oder in der Absicht einer über die Zeiten gehenden kontinuierlichen Berichterstattung Buch geführt, so dürfte dem unter antiken Bedingungen stets eine Perspektive zugrundeliegen, die das Volk als durch göttliche Determination oder menschlichen Schöpfungsakt oder beides hervorgerufene, sich im Laufe der Geschichte entwickelnde Enheit begreift. Ein solches Modell kann man etwa in den historischen Büchern des Alten Testaments der Bibel ebenso wie in Livius Geschichte 'Ab urbe condita' wirksam sehen. Die historischen Ursachenkomplexe für die Entstehung eines israelitischen ebenso wie eines römischen Volkes sind in beiden Fällen in mythologischen Gründungsgeschichten verborgen. Doch sind diese wegen ihres mythologischen Charaklters nicht etwa bedeutungslos, sondern geben , wie oben angesprochen, eine 'organizistische' Perspektive als Rahmen für eine eine umfassende historische Charakterisierung vor.

b) Forschende und sammelnde Wissenschaft von fremden Völkern oder antiquarische Wissenschaft vom eigenen Volk. Hier kann man Reiseberichte, praktisch oder durch Bildungszwecke motivierte' Sammlungen von Nachrichten über fremde Völker oder auch eine antiquarische Berichterstattung über das eigene zusammenfassen. Auch hier gib es ein im Ansatz jeweils 'systematisches' Interesse, bei dem jedoch nicht die für das religiöse und politische Selbtsverständnis des Autors und seiner Leser wichtige entwicklungsgeschichtliche Zeitachse als zusammenfassendes Moment wirksam ist, sondern verschiedenartige eher enzyklopädische bildungs- und wissensbezogene Motive. Als Beispiele für diese Literaturgattung können die ethnographischen Exkurse in Herodots 'Historien', teilweise, soweit Völkerbeschreibungen enthaltend - auch Strabons 'Geographika' oder Plinius 'Naturalis Historia' genannt werden. Siehe dazu Kap. 4 und Kap. 5.

c) Deskriptive Geographie ('Chorographie') und mathemtisch-astronomisch orientierte Geographie. Auch hier geht es gelegentlich um im Ansatz systematische Völkerbeschreibungen, allerdings um solche im Rahmen der Verzweigungen einer in akademischen, aristotelischen oder stoischen Philosophie- und Wissenschaftstraditionen stehenden antiken Realwissenschaft 'Geographie'. Hier kann man u. a. - wiederum - Strabons 'Geographika' und Plinius 'Naturalis Historia' für die Chorographie einerseits und andererseits Ptolemaios knappe Aussagen über die Ortsbestimmung der Siedlungsgebiete fürr verschiene Völker auf der bekannten Erde in seiner 'Geographike Hyphegeisis' anführen. Siehe dazu Kap. 5 und Kap. 8.

d) Vergleichende 'Ethik' und 'Politik'. Hier geht es um im Prinzip ebenfalls systematisch angelegte Vergleich zwischen den Politikformen und Sittentraditionen verschiedener Völker, wie wir sie u. a. etwa bei Aristoteles oder bei Polybios finden. Siehe dazu oben zu P. 3 und Kap. 6.

e) Die Darstellung von Ländern und Völkern in religiösen oder mythologischen Texten. Als Beispiel diene wiederum das Alte Testament der Bibel, das sich sich aus primär religiösen Gründen auf vielfältige Weise nicht nur mit dem Volke Israel bzw. mit den Juden, sondern auch mit anderen Völkern des Alten Orients befaßt.

f) Völkercharakterisierungen in politischer, religiöser oder sonst öffentlich-praktischer Absicht. Hier handelt es sich nicht eigentlich um 'systematisch' konzipierte, Völkerdarstellungen, sondern um solche, die pragmatische, öffentlichkeitsbezogene Informationszwecke erfüllen sollen, was allerdings nicht ausschließt, daß sie manchmal manchmal dennoch recht ausführlich und um zutreffende erkenntnis bemüht sein können. Mit solchen haben wir es u. a. etwa in Flavius Iosephus 'apologetischer ' Darstellung des jüdischen Volkes oder in Caesars Beschreibung der Kelten und Germanen zu tun. Siehe dazu: Kap. 6 und Kap. 7.

g) Die Darstellungen von Ländern und Völkern in der Unterhaltungsrhetorik, in der Bunt- oder in der Reiseschriftstellerei und in allen Unterarten der Dichtung. Als Beispiele seien u. v. a. erwähnt: die Landesbesschreibung der nördlichen Schwarzmeerküte um Olbia durch den Rhetor Dio Cocceianus von Prusa, gennannt Chrysostomus (1./ 2. Jht. n. Chr.), die Reisebschreibungen griechischer Landschaften und Städte durch Pausamias, genannt Perhegetes (2. Jht. n. Chr.) oder die Beschreibung der Landschaften an Rhein, im Hunsrück und an der Mosel im Gedicht 'Mosella' des Ausonius (4. Jht. n. Chr.).

6. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

Klaus E. Müller, Geschichte der antiken Ethnologie, Hamburg 1997.

Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie mit Quellentexten. Auf Grundlage der verschiedenen Bearbeitungen von E. Metzke, H. Knittermeyer, E. Grassi und E. Kessler neu herausgegeben von H. Schnädelbach u. a., Bd. 1: Altertum. Durchgesehen und mit einem Nachwort versehen von M. Forschner, Hamburg 1990.

W. F. Orro, Herodot und die Frühzeit der Geschichtsschreibung, Einleitung zu: Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einführung von W. F. Otto, Stuttgart 1979, S. XI - XXVIII.

Quellen:

1. Buch Mose, Kap. 10, 6 - 22, 11. 1 - 6). Dt. Übersetzung: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments. Mit Einleitungen zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. Hg. von T. Schwegler, A. Herzog und J. Perk, (Große Familien-Bibel), Zürich u. a. O., S. 44 f. - Hebräischer Textauszg aus: Biblia Hebraica, unter Mitwirkung zahlreicher Wissenschaftler hg. von Rudolf Kittel, Stuttgart 1912 2 , S. 13.

'P': E. Kautzsch, A. Bertholet (Hg.), in Vbdg. mit zahlreichen Gelehrten, Die Heilige Schrift des Alten Testaments, Übersetzung und Kommentar, Tübingen 1922 4, S. 25 - 27.

Platon, Protagaras 320a - 323 a.Dt. Übersetzung nach: H. W. Krautz, Protagoras. Griechisch-Deutsch. Übersetzung und Kommentar, Stuttgart 1987, S. 32 - 39. - Griech. Textauszug aus: H. W. Krautz, w. o., S. 36 und 38.

Aristoteles, Politik, 1. Buch. 8.und 9. Kap., 1256 a 15 - 1257 a 4, und 9. Buch, 7. Kap., 1327 b 19 - 38. Dt. Übersetzung: Aristoteles, Politik. Übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes. Mit einer Einleitung von Günther Bien, Hamburg, 19904, S. 15 - 17 und S. 251. Griech. Textauszug: Aristotelis Politica. Recognovit brevique adnotatione critica instruxit W. D. Ross, Oxford 1962, 1327 a 38 - 1328 a 52, S. 222 f.


LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)