Kap. 7: Die Bilder antik-mediterraner Völker von Barbarenvölkern in ihrer Nachbarschaft (am Beispiel der Barbarenbeschreibung der römischen Autoren Caesar, Tacitus und Ammianus Marcellinus).

INHALT

1. Die Tradition des Barbarenbegriffs in der Antike und seine jeweilige politische Aktualisierung, insbesondere im Kriegsfalle. Seine Entwicklung im Römiscchen Reich.

2. Barbarenvölker im Zugriff des römischen Reiches.

3.Barbaren unter römischer Herrschaft auf dem Wege zur provinzialen Eingliederung.

4. Von Rom nicht beherrschbare, aber außerhalb der Grenzen bleibende Barbaren.

5. Barbaren in Bewegung auf die Grenzen des Reiches.

6. Literatur, Medien, Quellen.

1. Die Tradition des Barbarenbegriffs in der Antike und seine jeweilige politische Aktualisierung, insbesondere im Kriegsfalle. Seine Entwicklung im Römischen Reich.

Übung 7.

AUFGABEN:

Beantworten Sie mit ihren jetzt gegebenen Möglichkeiten folgende Fragen:

a) Wieso fügt Caesar dem Bericht über seine Kriegsführung in Gallien die unten zu. P. 2 wiedergegebenene ethnographische Charakterisierung der Gallier und der Germanen bei?

b) In welchen Punkten nehmen Sie eine genauere Kenntnis Caesars über das von ihm Mitgeteilte an?

c) Wo folgt Caesar Ihres Erachtens üblichen antik-ethnographischen und -geographischen Vorstellungen seiner Zeit über die Barbarenwelt, und wo dürfte es sich bei seinen Angaben sogar um Fehlinformationen handeln?


An dieser Stelle ist an die allgemeinen Ausführungen zu antiken Völkerbildern und -stereotypen in Kap. 6, zu P. 1 anzuknüpfen; denn der 'Barbarenbegriff' in seiner antiken Begriffsgeschichte faßt eine Klasse von Völkerbildern und öfters auch Völkerstereotypen zusammen.

In seiner griechischen Form grenzt der Barbarenbegriff vor allem die griechisch sprechenden oder die in gemeinsamen griechisch-religiös bestimmten Kultraditionen stehenden Völkerschaften von andersartigen Völkern ab. Diese Grenzen sind jedoch fließend und schließen wenigstens auch einige anderssprachige Völkerschaften ein, die in der griechischen Völkerwelt als religiös oder kulturell nahstehend anerkannt sind. Andererseits macht - in dieser griechischen Perspektive - etwa ein bestimmter hochkultureller Entwicklungsstand ein Volk noch nicht zu einem nicht-barbarischen. Das zeigt sich etwa an der Einordnung der Perser als 'Barbaren' bei Herodot. Ferner ist etwa bei Herodot und mehr noch bei Aristoteles erkennbar, wie der Barbarenbegriff, angewandt auf solche Völker, mit denen Teile der die Griechenwelt im Kriege liegen, eine stereotyp-pejorative Nebenbedeutung annehmen kann.

Der von den Römern, d. h. von den uns überlieferten literarischen Autoren lateinischer Sprache, übernommene griechische Barbarenbegriff hat analoge, aber auch etwas veränderte Funktionen. Primär grenzt er nämlich zwischen einer zivilisierten, von den Römern mit ihrer 'pax Romana' befriedeten Welt und einer solchen 'barbarischer' Regierungs- und Friedensunfähigkeit und Rechtslosigkeit ab. Der Innenbereich der von den Römern dominierten Zivilisation hat polyethnischen Charakter; er schließt nicht nur Römer und Griechen, sondern viele andere Völker zusammen, allerdings zu einer militärisch und politisch zentral gesteuerten Verkehrs- und Kulturgemeinschaft. Der Barbarenbegriff hat aus dieser - einerseits polyethnischen, andererseits aber römisch dominierten - Perspektive etwas prinzipiell Peioratives, und sein enger Zusammenhang mit den Problemen prinzipiell dauernder Kriegführung gegen die Völker außerhalb des Reiches und der Notwendigkeit fortwähernder Grenzsicherungsanstrengungen gegen sie wird bei den einzelnen Autoren, die ihn anwenden - etwa Caesar, Tacitus oder Amminaus Marcellinus -, immer wieder deutlich erkennbar , auch wenn ihre Berichte andererseits von einer gewissen Nüchternheit und sogar - bei Caesar und Tacitus - systematischen Ausführlichkeit gekennzeichnet sind.

Der 'römische Blick' auf die Barbaren ist aber auch - wie Völkerbilder im allgemeinen - von jeweils zeitbedingten Interessen und Hintergrundsmomenten bestimmt, die es erlauben, eine gewisse Klassifikation vorzunehmen. So macht es einen Unterschied, ob die römische Macht, mit der sich der jeweilige Autor als Angehöriger des römischen Volkes und Handelnder für römische Interessen bewußt und unbewußt identifiziert,

Entspricht den beiden ersten Typen eine relative Ruhe, Sachlichkeit und Systematik der Darstellung, die sie äußerlich-formal - wenn auch nicht dem Motiv nach - in die Nähe antik-wissenschaftlicher Ethnographie rücken, so läßt der dritte unmittelbar konflikts- und kriegsbezogene Typ eine größere persönliche Handlungsbereitschaft und Leidenschaft - nämlich Identifikation mit der eigenen römischen Sache, Abneigung gegen die Barbaren und Enttäuschung über Unfähigkeit, Charakterlosigkeiten und Fehlentscheidungen auf römischer Seite - und damit zusammenhängend sicherlich auch eine gewisse stereotype Voreingenommenheit deutlicher hervortreten als bei den anderen Typen. So spiegeln sich in den verschiedenen Typen von Barbarenbildern die verschiedenen Stufen der Unmittelbarkeit und Dringlichkeit der prinzipiell stets vorhadenen Konflikte zwischen Römern und Barbarenvölkern wieder. Noch allgemeiner und in einem eher anthropologisch-unhistorischen Sinne könnte man vielleicht sagen, daß diese Typen exemplarisch sind für Perspektiven von Völkern aufeinander, welche sich - äußerlich voneinander abgegrenzt - miteinander in fortwährenden Interessenkonflikten und häufigen oder heftigen Kriegen befinden.

Leider gibt es für die Epochen der hier erörterten Autoren auf der Gegenseite für die ersten Jahrhunderte der römisch-germanischen Beziehungen keine und späterhin - in der Zeit einer germanischen Präsenz innnerhalb des spätantiken römischen Reiches - kaum eine entsprechende literarische Überlieferung der römischerseits beschriebenen Barbarenvölker, aus der ihre Perspektive auf die Römer in ähnlicher Weise deutlich und authentisch hervorginge. Ihre Vorstellungen von den Römern und von sich selbst sind dennoch gewiß anders gewesen als die der Römer von ihnen und sich selbst. Nur indirekt aus römischen Quellen - wie etwa aus den bei Caesar, Tacitus oder Ammianus Marcellinus überlieferten Reden von Barbarenführern - oder aus späteren, schon in den literarischen Traditionen derc Antike gefertigteb historischen Werken über germanische Völker - wie zum Beispiel der 'Gotengeschichte' des Iordanis - , andeutungsweise auch aus archäologischen Resten ist derartiges zu erschließen. Ein stark religiös-mythologisch bestimmtes Volks- und Dynastenbewußtsein germanischer Stämme, relativ feste Brauchtumstraditionen und auch auf ein speziell den Römern gegenüber hervorgehobenes ethnisches Selbstbewußtsein scheinen bestimmend gewesen zu sein; dieses dürfte auf der römischen Gegenseite zu Zeiten gewiß fesselnde, wenn auch fremdartige Kulturleistungen, zu Zeiten aber auch eine rücksichtslose Verweigerung berechtigter Interessen oder einen grundlosen Anspruch auf Bevorrechtigung und Vorherrschaft wirksam gesehen haben.

2. Barbarenvölker im Zugriff des römischen Reiches.

Barbarenvölker im Zugriff des römischen Reiches: Kelten und Germanen in Caesars Bellum Gallicum 6, 11 - 28.

Dt. Übersetzung und lat. Text aus: Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico. Der Gallische Krieg. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Marieluise Deissmann, Stuttgart 1991, S. 321 - 343.

Caesar (100 - 44 v. Chr.) urteilt aus dem Interesse und der Perspektive des mit dem prokonsularischen Imperium für die gallischen Provinzen Roms ausgestatteten Feldherrn und Politikers, der seinen politischen Opponenten ebenso wie seinen Anhängern in Rom, für die er im Winter 52 / 51 v. Chr. - in der Zeit des Beginns seines Machtkampfes mit Pompeius und dem Senat - die ersten sieben Bücher des 'Bellum Gallicum' schrieb, erklären will, welcher Art Völkern bei Galliern und Germanen gegenüber er römische Interessen während seiner langjährigen, seit dem Jahre 58 v. Chr. währenden Statthalterschaft in Gallien hat vertreten müssen und weiterhin zu vertreten hat: nämlich Barbarenvölkern

mit kriegerischen Qualitäten und einer deshalb ausgepägten Unfähigkeit, sich einerseits miteinander und andererseits vor allem mit den Römern dauerhaft friedlich zu arrangieren,

expansionsbereit, wo sich eine Möglichkeit dazu ergibt,

und stammverwandt mit britannischen oder germanischen Völkerschaften außerhalb Galliens, die immer wieder in die gallischen Verhältnisse hineinzuwirken pflegen, wenn es ihnen vorteilhaft erscheint.

Allerdings darf man annehmen, daß ihn diese erkennbare politisch-pragmatische Hauptabsicht seines Werks nicht etwa daran hindert, sondern ihn vielmehr darin bestärkt, über Gallier und Germanen prinziüiell nur überprüfbar Zutreffendes oder doch wenigstens hinreichend Glaubhaftes zu schreiben; denn es gibt unter den Römern seiner Zeit genügend militärisch-politische Kenner der gallischen und germanischen Verhältnisse, als daß unsinnige Nachrichten über sie nicht alsbald in der römischen Öffentlichkeit als solche zur Sprache gebracht werden würden. Wenn der Bericht auch aus heutiger Sicht verschiedene Unrichtigkeiten und Pauschalurteile enthält, so doch nicht aus einer Verfälschungsabsicht heraus, sondern weil Caesar und seine römische Umwelt gleichermaßen es im Rahmen ihrer Überprüfungsmöglichkeiten für zutreffend oder glaubhaft halten. Wie Herodot, Strabo oder Plinius d. Ä. gibt Caesar das wieder, was er selbst - ohne dafür unbedingt eigene Erfahrungen gemacht zu haben, sondern auch aufgrund der Berichte von Gewährsleuten - für hinreichend überprüft und glaubhaft hält.

Allerdings bietet er eine primär an praktisch-politischen Informationsbedürfnissen orientierte knappe Fassung des zu Berichtenden an , wobei er seine rhetorisch-stilistischen Fähigkeiten für eine Optimierung der von ihm politisch kalkulierten Informationswirkung nutzt.

Aus diesen Gründen erscheint es ebenso unrichtig, Caesars Gallier- und Germanen-Exkurs etwa als im antiken Sinne wissenschaftlich-ethnographisch, wie, sie als durch unrichtige, undifferenzierte 'Muster' eines traditionsreichen griechisch-römischen Barbarenbegriffs bestimmt auzufassen. Zwar nimmt er offenkundig Fehlinformationen (wie z. B. die Nachricht vom 'Einhorn') und Denkweisen (wie z. B. Elemente der 'Klima-Theorie', s. Kap. 2, Abschnitt 3) auch aus dieser Tradition auf. Aber allein schon die Tatsache seiner sehr kontratsbildenden Ausführungen über die Gallier einerseits und die Germanen andererseits läßt erkennen, daß dasjenige, was er über diese Völkergruppen mitteilen will, nicht vertrauten 'Mustern' der Barbaren-Darstellung folgen will, sondern vor allem politisch- und militärisch-praxisbezogen in die Richtung hin argumentiert, man habe esmit zwei ganz unterschiedlichen Typen von Barbarenvölkern zu tun, nämlich

zum einen mit einer Gruppe schon fast hochkulturell entwickelter, politisch und militärisch durchaus leistungsfähiger, allerdings in typisch-barbarischer Weise nur bedingt zur Errichtung einer innerern und äußeren Friedensordnung fähiger Völker,

zum anderen mit Barbaren von 'bäuerischer' Kultur primitiven Niveaus, d. h. einfacher Religion, einfachen Sitten, einfachen Bedürfnissen, ohne Schriftgebrauch, Städte und Handel, mit nur rudimentären politischen und militärischen Institutionen, dafür aber von - einander, den Galliern und den Römern gegenüber - besonders aggressiver Unfriedfertigkeit und rücksichtslosem Selbstbehauptungs- und Expansionsstreben.

Caesar setzt diese Gruppen von Völkern voneinander ab, ohne sie doch vollständig erfassen zu wollen. Die ihn interessierenden 'Galli' sind im wesentlichen nur die die ihm kriegerisch gegenübertretenden transalpinen Galli, Aquitani und Belgae zwischen Pyreneen, Atlantik, Ärmelkanal und Rhein; - kaum die Gallier Britanniens, der Poebene, der Alpen, des nördlichen Alpenvorlandes, des 'herzynischen Waldes' und überhaupt nicht die des Balkan und Kleinasiens. Auch die von Caesar gemeinten 'Germani' sind nur die keltisch assimilierten oder nicht-assimilierten linksrheinischen Germanenstämme, vor allem im Bereich der Belger (Menapier, Eburonen, Aduatucer, Treverer), ferner die rechtsrheinischen Ubier, Sueben, Chatten, Sugambrer, Usipeter und Sueben (mit den Untergruppen der Vangionen, Nemeter und Tribocer), von denen letztere - unter Ariovist verbündet - von Caesar an einer dauerhaften Überquerung des Rhein gehindert, die Ubier zwei Jahrzehnte später (38 v. Chr.) von Agrippa links des Rheins um Köln herum angesiedelt werden. Diese von Caesar gemeinten Stämme der Germanen stellen nur einen kleineren Teil der später von Tacitus in der 'Germania' als 'Germani' zusammengestellten Völkerschaften dar, einen Teil überdies, der sich zu Caesars Zeit auf Wanderschaft oder in ständig wiederkehrender Bereitschaft dazu befindet und ferner mit den gallischen Verhältnissen in enger Weise über den Rhein hinweg verbunden ist.

'Galli' und 'Germani' erscheinen in Caesars Darstellung als 'barbarische Gefahr', der das Römische Reich zwar gewachsen zu sein vermag, aber nur mit viel Anstrengung, Konzentration und auch Glück. Die Abfassung des von Caesar selbst stammenden Berichts, d. h. nicht die von A. Hirtius vorgenommene Ergänzung für die Jahre 51 und 50 v. Chr. (8. Buch), fällt in das Jahr 52 v. Chr., in die Zeit nach der Niederwerfung des letzten großen Gallieraufstandes unter Vercingetorix. Die Placierung des Gallier- und Germanen-Exkurses erfolgt zu Beginn des 6. Buches, zu Beginn dieser großen Aufstansbewegung, durch die Caesar - nachdem er ihrer im Jahre 53 v. Chr. zunächst mit viel präventivem Geschick und Glück Herr geworden war - im Jahre 52 v. Chr.zeitweilig in die Nähe einer vernichtenden militärischen Niederlage gebracht wurde. Die Bilder von den Barbaren sind spürbar von dieser Entscheidungssituation geprägt, und sie sollen in diesem Sinne auch an das interessierte römische Publikum weitergegeben werden.

3. Barbaren unter römischer Herrschaft auf dem Wege zur provinzialen Eingliederung.

Barbaren unter römischer Herrschaft. Tacitus über die Britannier. Agricola 10, 2 - 16, 3.

Dt. Übersetzung und lat. Text nach: Publius Cornelius Tacitus, Agricola. Lateinisch und deutsch. Übersetzt, erlätert und mit einem Nachwort herausgegeben von Robert Feger, Stuttgart 1973, S. 16 - 27.

Für Tacitus (ca. 60 - ca. 120 n. Chr.) läßt sich als begründet annehmen, daß er sowohl aus eigener Diensttätigkeit an der nordwestlichen Militärgrenze des römischen Reiches als auch etwa über Persönlichkeiten wie seinen Schwiegervater Agricola, den längjährigen (78 - 84 n. Chr.) römischen Verwalter und Militärbefehlshaber Britanniens, genaueren Einblick in die ethnischen und geographischen Verhältnisse sowohl Britanniens und als auch Germaniens erlangte. Die britannischen Verhältnisse schildert er aus der Perspektive der römischen Okkupationsmacht, deren von Agricola vollendeter Zugriff auf die dort lebenden Völkerschaften historisch - wegen der faktischen Machtverhältnisse und der römischen Interessenlage - ihm unausweichlich, wenn auch ihrer legitimierenden Idee ('pax Romana') nach als durchaus problematisch erscheint. Die britannischen 'Barbaren' erscheinen ihm freiheitsbewußt, durchaus zivilisiert und dem römischen Reiche und seinen ideologisch bemäntelten Expansionsbestrebungen gegenüber realistisch, aber andererseits wegen ihrer unterschiedlichen Gruppierungen und Interessen nicht recht oder wenigstens erst verspätet zu einer wirksam organisierten Gegenwehr fähig. Insoweit kehrt bei Tacitus das Völkerbild wieder, das Caesar im 'Bellum Gallicum' (6, 11 ff.) von den Kelten des Festlandes entwirft. Allerdings erscheinen die Britannier in Tacitus Darstellung nicht als wirkliche Gefahr für die Römer, sondern lediglich als eine Gruppe verschiedener Keltenvölker, deren Unterwerfung nur eine Frage der Zeit und im übrigen einer vernünftig gehandhabten römischen Herrschaftsausübung ist; das prinziptaszeitliche römische Selbstbewußtsein, welches glaubt, Barbarenvölker nicht nur mit überlegener Militärmacht unterwerfen, sondern auch wirklich befrieden zu können, jedenfalls wenn die richtigen Persönlichkeiten die Herrschaftsaufgaben wahrnehmen, findet hier Ausdruck. Das Selbstbild vom römischen Herrschaftsvolk und das Bild von den noch nicht imperial integrierten römischen Barbarenvölkern, die aber sinnvollerweise in das Imperium passen könnten, sind in gewisser Weise komplementär, nicht konträr.

4. Von Rom nicht beherrschbare, aber außerhalb der Grenzen bleibende Barbaren.

Die 'freien' Geranen: Tacitus, Germania.

Deutsche Übersetzung und lat. Text aus: Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum Römischen Reich. Quellen zur Alten Geschichte bis zum Jahre 238 n. Chr.. Zwei Teile, hg. und übersetzt von Hans-Werner Goetz und Karl-Wilhelm Welwei, Darmstadt 1995, Teil 1, S. 126 - 167.

Die rechtsrheinischen Germanen bleiben nach den mißlungenen römischen Expansionsbemühungen in der Zeit des Augustus und in den Angangsjahren des Tiberius außerhalb der direkten, provinzialen römischen Herrschaft. Aus diesem Grunde sind sie späterhin ein immer wieder zu beachtender Faktor bei der Sicherung der Grenzverhältnissse am mittleren und unteren Rhein underscheinen auch als in gewissee Weise respektable, wenn auch 'primitive' Gegenspieler der durch Rom verbreiteten urbanen Zivilisation. Die Perspektive des Tacitus auf die Völkerschaften Germaniens, d. h. seine Hervorhebung ihres wanderungsmobilen, kriegerischen und nicht-zivilisierten Charakters einerseits , aber auch seine Bewunderung für ihre einfache, nicht zivilisatorisch verdorbene Lebensweise andererseits, ist dafür ein Beispiel.

Mehrere Gründe lassen sich für sie angeben. Tacitus im einzelnen nicht ganz sicher feststehender Lebenslauf dürfte einerseits nicht nur eine längere Anwesenheit in den nordwestlichen Grenzprovinzen des römischen Reiches, sondern auch militärische und administrative Dienste in kaiserlichem Auftrag dort im Zusammenhang mit der jahrlangen Neukonstruktion der Grenzsicherung im Bereich von Rhein und Donau unter Domitian eingeschlossen haben. Die Abfassung der 'Germania' fällt in deren zeitliche Nähe (98 n. Chr.). Das dürfte die detailliertere Kenntnis der germanischen Verhältniise und viele ausgeprägte Meinungen über 'die Germanen' insgesamt und ihre einzelnen Völker und Stammesbünde wie auch ein allgemeines Interesse an einer solchen Publikation begründet haben. Es ist aber auch ein anderes Interesse an den Germanen zu berücksichtigen. Ein grundsätzliches Motiv in Tacitus der damaligen 'Zeitgeschichte' gewidmeten Werken ('Agricola', 'Historien', 'Annalen') ist es, die Fehlentwicklungen des römischen 'mos maiorum' im Zusammenhang mit den nach seiner Auffassung offenbar unvermeidlichen politischen und zivilisatorischen Defekten der Gesellschaftsstruktur der Kaiserzeit zu charakterisieren; das begründet ein Interesse an denjenigen Völkern , die in diese Struktur nicht eingegliedert sind und die Tacitus in beachtlicher ziviklisationskritischer Weise als 'frei' ('Germania libera' im Gegensatz zu den Provinzen 'Germania superior' und 'inferior') bezeichnet.

Tacitus Germanendarstellung hat einerseits eine systematische Anlage und folgt insoweit besonders deutlich antiken -wissenschaftlichhen Darstellungsgewohnheiten. Sie ist bemüht, - anders als der Germanen-Exkurs Caesars - über die Gesamtheit der germanischen Völkerschaften Bestand aufzunehmen, sie in ihren Gemeinsamkeiten ('in commune' - Gemania 27), wie z. B. nach 'Sprache und Lebensweise, Siedlungsweise und Haubau' ('sermone et cultu, sede et domiciliis' - Germania 46), zu charakterisieren (Germania 1 - 27) und sodann (Germania 28 - 46) in ihrer Vielfalt zu beschreiben und von andersartigen Völkerschaften im Westen und Osten abzusetzen.

Diese Art der Beschreibung der Germanenvölker nach dem Verfahren 'genus proximum, differentia specifica' erzeugt andererseits dennoch aufgrund ihrer im Hintergrund spürbaren Orientierung an der immer wieder kriegerischen römischen Auseinandersetzung mit den grenznahen Germanenvölkern eher aspektuelle Völkerbilder i. S. der obigen Definition (s. P. 1) als umfassende Völkerberschreibungen. Das betrifft vor allem die "für alle" Germanenvölker ("in commune") getroffenen Aussagen, die Aspekte der Wanderungsmobilität, der kriegerischen Selbstbehauptung und der Zivilisationsarmut, die in grenzkriegsbetroffenen Gebieten häufiger zu beobachten gewesen sein dürften, zu stark verallgemeinert haben und dem differenzierten Charakter auch der bäuerlichen Kultur dieser Völker zu wenig gerecht geworden sein werden.

5. Barbaren in Bewegung auf die Grenzen des Reiches.

Barbaren in Bewegung auf die Grenzen des Reiches. Hunnen, Alanen, Goten u. a. bei Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte, 31. Buch, Kap. 2 - 4.

Dt.Übersetzung und lat. Text nach: Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch und deutsch mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, 4 Teile, 4. Teil (Buch 26 - 31), Berlin 1986 3, S. 243 - 257.

Ammianus Marcellinus (330 bis nach 393 n. Chr.), in jüngeren Jahren als 'protector domesticus' in kaiserlichen Diensten unmittelbarer oder wenigstens durch kenntnisreiche politische oder militärische Gewährsleute mittelbarer Zeitzeuge der kriegerischen und friedlichen Beziehungen spätantiken römischer Herrschaft zu den Barbarenvölkern außerhalb des Reichsgebiets, hat in seinem zwischen 378 und 392 n. Chr. entstandenen Geschichtswerk 'Ab excessu divi Nervae res gestae' auch die Geschichte behandelt, in die seine politisch und militärisch aktive Lebenszeit fällt; die entsprechenden Passagen seines Werkes (Bücher 14 - 31, behandelnd die Jahre 353 - 378 n. Chr.) sind uns erhalten. Seiner Beschreibung des Beginns der 'Völkerwanderung' ist trotz allen römischen Selbstbewußtseins deutlich geprägt von einer Gefahrenorientierung gegenüber zunehmend schwerer behrrschbaren Völkerschaften wie den rechtsrheinischen Germanen (Franken, Alamannen), den sassanidischen Persern, den Hunnen, den Alanen oder den Goten. Die an sich vorhandene römische Kampfkraft gegenüber solchen Völkern wird, wie Ammianus erkennen läßt, vor allem durch innerrömische Mißstände - von Herrschaftskonflikten über Korruption und Inkompetenz der Verantwortlichen bis zur sittlichen Dekadenz der Oberschicht - geschwächt. Aus der zeitgenossenschaftlichen Nähe zu römischen Fehlentscheidungen und Niederlagen folgt eine Perspektive auf diese Völker, die an ihnen vor allem ihren Charakter als rohe, unter ungünstigen, aber nicht allzu seltenen Bedingungen kumuliert auftretende, schädliche und unbeherrschbare Naturkräfte wahrnimmt. Die feindselige Emotion , mit der er der barbarischen Gefahr gegenübersteht und einerseits die Verantwortungslosigkeit der römischen Autoritäten bei der Abwehr dieser Gefahr, zum anderen den Abscheu vor dem Horden- und Schädlingscharakter dieser aggressiven Wilden zum Ausdruck bringt, macht die unmittelbare persönliche Einbezogenheit in die völkerwanderungszeitlichen Kriegssituationen deutlich.

Obschon insoweit in der antiken Tradition kriegsbedingter Feindbilder von nomadisierenden oder sonst in Bewegung geratenen Barbarenvölkern stehend, trifft Amminaus Marcellinus nicht schematische, sondern offenbar realisitätsbezogene, von eigenen Wahrnehmungen und Erkundigungen geprägte Unterscheidungen: Hunnen und Alanen sind zwar beide räuberisch umherschweifende, aber dennoch deutlich unterscheidbare Barbarenvölker; auch die Goten alsdurch den Angriff der östlichen Nomaden in Wanderungsbewegung geratene und neue Siedlungsplätze suchende, an sich bäuerlich und ortsfest lebende Barbarenvölker werden in ihrem besonderen Charakter beschrieben und ebenso die stammesverbandlich gegen die Römer agierenden, immer wieder einmal auf römisches Gebiet übergreifenden, aber im ganzen ortsfesten und beherrschbaren Franken am unteren Rhein und Alamannen im vormaligen Dekumatlande.

6. Literatur, Medien, Quellen.

Literatur:

(Zu Caesar)

M. Schanz, C. Hosius, Geschichte der römischen Literatur, HdA VIII, ND München 1966 - 1971, Teil 1, S. 332 - 343.

G. Dobesch, Caesar als Ethnograph, in: Wiener Humanistische Blätter 31 (1989), S. 16 - 51.

W. Dahlheim, Die Ehre des Kriegers und und der Untergang der römischen Republik, München 1987.

W. Richter, Caesar als Darsteller seiner Taten, Heidelberg 1977.

A. Klotz, Geographie und Ethnographie in Caesars Bellum Gallicum, in: Rheinisches Museum 83 (1934), S. 66 - 96.

(Zu Tacitus)

M. Schanz, C. Hosius, Geschichte der römischen Literatur Lit., HdA VIII, ND München 1966 - 1971, Teil 2, S. 603 - 643.

E. Norden, Die germanische Urgeschichte in Tacitus Germania, Darmstadt 1959 4.

F. Klingner, Römische Geisteswelt, Sturrgart 1978, S. 483 - 527.

(Zu Amminaus Marcellinus)

M. Schanz, C. Hosius, Geschichte der römischen Literatur, HdA VIII, ND München 1966 - 1971, Teil 4, Bd. 1, S. 93 - 107.

K. Rosen, Studien zur Darstellungskunst und Glaubwürdigkeit des Ammianus Marcellinus, 1970 2.

(Zu den Kelten und den Germanen)

Konrad Spindler, Die frühen Kelten, Stuttgart 1991 2.

Paul-Marie Duval, Gallien. Leben und Kultur in römischer Zeit. Dt. Übersetzung von C. H. Steckner, Stuttgart 1979.

H. H. Eggers u. a., Kelten und Germanen, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1964, 19753), Baden-Baden 1980.

Heinrich Beck, Heiko Steuer, Dieter Timpe (Hg.), Germanen, Germania, Germanische Altertumskunde. Studienausgabe aus dem unter Mitwirkung zahlreicher Fachwissenschaftler in zweiter, völlig neu bearbeiteter und stark erweitereter Auflage erschienen, von J. Hoops begründeten Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Berlin, New York 1998.

Herwig Wolfram, Das Reich und die Germanen. Zwischen Antike und Mittelalter, Berlin 1990.

(Zu den Hunnen und anderen 'Steppnenvölkern')

Karl Jettmar, Die frühen Steppenvölker, Reihe 'Kunst der Welt. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, (1964) Badeb-Baden 1980.

Franz Altheim, Geschichte der Hunnen, Teil IV: Die europäischen Hunnen, Berlin 1962.

H. Schreiber, Die Hunnen, Wien, Düsseldorf 1976.

O. Maenchen-Helfen, Die Welt der Hunnen, Wien u. a. O. 1978.

Medien:

Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., München 1990, (Neuauflage: Braunschweig 1997), jeweilige Kartenbilder zu den Epochen der Autoren.

Quellen:

Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico. Der Gallische Krieg. Lateinisch - Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Marieluise Deissmann, Stuttgart 1991, S. 321 - 343.

Publius Cornelius Tacitus, Agricola. Lateinisch und deutsch. Übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort herausgegeben von Robert Feger, Stuttgart 1973, S. 16 - 27.

Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum Römischen Reich. Quellen zur Alten Geschichte bis zum Jahre 238 n. Chr.. Zwei Teile, hg. und übersetzt von Hans-Werner Goetz und Karl-Wilhelm Welwei, Darmstadt 1995, Teil 1, S. 126 - 167.Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch und deutsch mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, 4 Teile, 4. Teil (Buch 26 - 31), Berlin 1986 3, S. 243 - 257.

Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch und deutsch mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, 4 Teile, 4. Teil (Buch 26 - 31), Berlin 1986 3, S. 243 - 257.


LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)