Lösung zu Übung 1 a.

Die Aufgaben lauteten:

Das Ihnen vorliegende Kartenbild enthält die Rekonstruktion einer antiken Erdkarte, nämlich der des Eratosthenes von Kyrene (2. Jht. v. Chr.), deren Inhalte bei Strabon, Geographika, Buch 1 und 2, im Detail überliefert sind. Prüfen Sie folgende Fragen auf der Grundlage Ihres gegenwärtigen Wissens mit dem Ziel, Unetrschiede zwischen heutigem und antikem Wissen zu charakterisieren:

a) Wo liegt der Kernbereich der Kenntnis des im 2. Jht. v. Chr. lebenden Griechen Eratostehenes über die bewohnte Welt? Wie werden die Grenzbereiche der bekannten Welt vorgestellt?

b) Welchen Gebietsanteil der Oikumene nehmen die griechisch sprechenden Völker oder Volksgruppen (vgl. die Grenzen des Alexanderreichs) ein?

c) Wie wird die Erde als ganze vorgestellt?

d) Wo ist auf dieser Erde die 'Oikumene' lokalisiert?

e) Welche Einwände könnte es zur Zeit des Eratosthenes gegen die Vorstellung einer sphärischen Erdgestalt gegeben haben? Was folgte, wenn man konsequent von einer Kugelgestalt der Erde ausging, daraus an weiteren Fragen über die Beschaffenheit und Zugänglichkeit der Weltregionen und die Lage der Welt Lage im All?

Rekonstruierte Weltkarte des Eratosthenes von Kyrene. Entnommen aus: Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., München 1990, S. 22.


Zu den einzelnen Punkten. Die Hinweise werden knapp gehalten. Im übrigen wird auf die Ausführungen des Kapitels und seine Literaturangaben verwiesen.

Zu a)

Der Kernbereich der in der Karte vergegenständlichten geographischen Kenntnis - mit relativ genauen Vorstellungen von der Kontur der Erdpberffläche - liegt im mediterranen und nahöstlichen Bereich. Die daran anschließende Darstellung der Gebiete bis zu den vielfach unbestimmt belassenen Rändern des Kartenbildes machen deutlich, daß die geographische Kenntnis nicht allzu weit außerhalb dieses Kernbereichs undeutlich zu werden beginnt. Das gilt etwa für die Vorstellungen von Britannien, Ierne und Thule, Nordeuropa, den Küstenverlauf eines nördlichen Ozeans und seine Verbindung mit dem Kaspischen Meer, Zentralasien östlich Soghdiens, das östliche Indien und Ceylon.

Zu b)

Griechisch wird zur Zeit des Eratosthenes gesprochen als Hauptsprache in den alten Siedlungs- und Kolonie-Gebieten der griechischen Stammes- und Stadtvölker im östlichen Mittelmeerraum, im Schwarzmeergebiet, in der 'Magna Graecia' Unteritaliens und Siziliens. Als eine Verkehrs- und Amtssprache unter mehreren wird Griechisch gesprochen in einigen wenigen alten griechischen Kolonigründungen (wie z. B. Massilia) des westlichen Mittelmeergebiets und in den traditionell von nicht-griechischen Völkern bewohnten Gebieten der drei hellenistischen Großreiche, im Makedonen-, Ptolemäer- und Seleukidenreich. Außerhalb dieser Gebiete wird Griechisch zumindest häufiger im Seehandel gesprochen, während im westlichen Mittelmeerraum und auf den Landwegen, die nördlich, südlich oder östlich weit abseits des griechischen oder hellenisierten Raums Raumes lagen, andere Sprachen überwogen haben: so das Karthagische, das Lateinische, das Keltische, das Arabische, das Altindische, das Soghdische u. a. Die Begrenzung der Reichweite geographischen Kenntnisse in der eratosthenischen Erddarstellung steht mit der Begrenzung der Reichweite der im mediterranen und nahöstlichen Raum üblichen Verkehrssprachen im Zusammenhang. Zahlreiche Gerüchtbildungen und Mißverständnisse über 'ferne Völker' und die 'Ränder der Welt' finden darin ebenso ihre Erklärung.

Zu c)

Die Erde wird sphärisch vorgestellt. Die Ortsbestimmung auf ihr erfolgt über ein System von Längen- und Breitengraden.

Zu d)

Die bekannte, bewohnte Erde (griech. 'oikumene'), die die Karte darstellt, liegt bei Eratosthenes überall, auch was die bekanten Teile Afrikas und Asiens betrifft, deutlich nördlich des Äquators und weit südlich des Nordpols.

Ferner liegt sie auf einem kleineren Teil der nördlichen Erdhemisphäre. Das ergibt sich aus folgendem: Nach Kleomedes Darstellung der Methode des Eratosthenes, den Erdumfang zu bestimmen, berechnete Eratosthenes ein Meridianbogenstück von 1/50 des Gesamtmeridianbogens (= 7,2 Grad, enstprechend heute gemessenen 799,2 km in Nord-Süd-Richtung) auf 5000 Stadien. Eine später von Poseidonios verwendete andere Methode kam nach Kleomedes auf die Berechnung von 1/48 des Gesamtmeridianbogens auf 5000 Stadien (= 7, 5 Grad, enstprechend heute gemssenen 832, 5 km in Nord-Süd-Richtung) auf ebenfalls 5000 Stadien. Trotz der daraus resultierenden Schätzdifferenz für den Erdumfang (zwischen 240000 und 250000 Stadien) ergibt sich dennoch mit Notwendigkeit, daß bei den von Eratosthenes angegebenen, auf der Karte wiedergegebenen Ost-West-Entfernungen im Gesamtbetrag von etwas über 63300 Stadien für die Oikumene in Ost-West-Richtung, die bekannte bewohnte Erde nur einen kleineren Teil der nördlichen Erdhemisphäre überdecken konnte.

Zu e)

Die angenommene Kugelgestalt der Erde läßt eine Auffassung vom Weltall nicht zu, bei der ein Himmelsfirmament 'oben' und eine Erde 'unten' anzunehmen sind. Vielmehr muß sich eine sphärische Erde irgendwo im Kosmos befinden und dort 'schweben'. Ferner stellen sich die Fragen nach dem Aufbau eines außerirdischen Kosmos neu.

Zunächst fragt sich angesichts der Himmelserscheinngen, ob sich die Erdkugel im Kosmos auf einer Laufbahn bewegt und ob sie sich dreht oder ob sie etwa 'im Zentrum' des Weltalls stillsteht und sich der Himmel um sie dreht. Theoretisch war auch im Altertum alles denkbar und wurde, wie etwa Aristoteles Schrift 'Meteora' zeigt, alles bedacht. Dennoch erschien eine geozentrische Auffassung von der Lage und Bewegung der Erde im All am überzeugendsten vor allem deswegen, weil man sie als stofflich schwestes Element unter den verschiedenen anderen Elementen im Kosmos ansah und mit ihrer 'Schwere' mehr oder weniger folgerichtig ein 'Ruhen' und ein 'Stillstehen' im Raum gleichsetzte. Auch die antike Beobachtung, daß sich bei einer Veränderung des menschlichen Beobachtungspunktes über weite Strecken auf der Erdoberfläche die Konstellation der Sternlinien und -winkel am Fixstrenhimmel für den Beobachter nicht zu verändern schien, wurde nicht auf Meß- und Beobachtungsschwerigkeiten zurückgeführt, sondern als Beweis für die geozentrische Sicht des Kosmos genommen. Die 'unregelmäßigen' Planetenbahnen, die bei einer geozentrischen Perspektive in der Antike nie genau berechnet, d. h. immer nur näherungsweise dargestellt und erklärt werden konnten, haben erst im Zeitalter des Kopernikus zu einer theoretischen Aufgabe des geozentrischen Standpunktes geführt.

Ferner fragte sich, wenn man die Erde als Kugel zu begreifen hatte, ob nicht, was die Beobachtung nahelegte, die Sterne ebenfalls Kugeln seien, und aus welchem Stoff sie bestünden. Auch die Vorstellung von einem sphärisch gestalteten Firmament mit einer anzunehmenden äußeren Begrenzung wurde durch eine konkurriende Vorstellung von einem räumlich unbegrenzten All in Frage gestellt.

Und schließlich stellte sich die Frage, wie die Erde außerhalb der bekannten Oikumene, d. h. eines kleineren Teils der nördlichen Hemisphäre, auf den anderen Teilen Erdkugel aussehe. Nicht mehr stellte sich dagegen wissenschaftlich sinnvoll die Frage nach dem Aussehen eines 'Randes der Welt' und eines diesem vorgelagerten prinzipiell ringförmigen Weltozeans, wie sie in der Antike vor der Annahme einer sphärischen Erdgestalt üblicherweise angenommen wurden (vgl. etwa die Erdvorstellung des Hekataios) und auch später in der nicht im astronomischen Sinne wissenschaftlichen Vorstellungswelt fortexistierten.

Insgesamt zeigen sich an der relonstruierten Erdkarte des Eratosthenes aaus dem 2. Jht. v. Chr. die Unterschiede zwischen geographischem und astronomischem Wissen der Antike auf charakteristische und illustrative Weise; die besonderen Bedingungen und Begrenzungen antiken Wissens gegenüber den gegenwärtigen Wissensparadigmen auf diesen Gebieten treten deutlich hervor.


 

LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)