Lösung zu Übung 1 b.

Die Aufgabe lautete:

Für die Bildung besonderer menschlicher Gemeinschaften aller Art ist ein Grundprinzip wichtig, das sich aus dem beigefügten Schaubild entnehmen läßt. Um welches Prinzip könnte es sich handeln?

Der Rhein zwischen Mainz und Bingen als Heiratsgrenze. Entnommen aus: R. Knußmann, Vergleichende Biologie des Menschen. Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik, Stuttgart, New York 1980; S. 216.


Zur Lösung. Die Hinweise werden knapp gehalten. Im übrigen wird auf die Ausführungen des Kapitels und seine Literaturangaben verwiesen.

Die Karte verdeutlicht an sich nur das Ergebnis einer empirischen Untersuchung über die Ehepartnersuche in einer bestimmten, durch einen Flußlauf durchzigenen Region und eine Schlußfolgerung daraus. Diese lautet: Wenn es ein größeres, d. h. nicht raltiv leicht überwindbares Gewässerhindernis für den menschlichen Verkehr gibt, so wirkt sich dies (auch) so aus, daß Heiratsbeziehungen über das Gewässerhindernis hinweg kaum zustandekommen (siehe dazu: R. Knußmann, Vergleichende Biologie des Menschen. Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik, Stuttgart, New York 1980, S. 216).

Diese Feststellung ist allerdings von weitergehender Bedeutung für menschliche Gruppenbildung. Aus ihr folgt einmal , daß generell Hindernisse für den menschlichen Verkehr - ob geographischer oder anderer Art - sich so auswirken können. Ferner folgt aus ihr, daß überfamiliäre Verwandtschaftsbildungen durch Hindernisse dieser Art minimiert werden können.

Letzteres ist wiederum für die Konstituierung größerer menschlicher Populationen auf der Basis überfamiliärer Verwandtschaftsbildungen als 'Stammesvölker' und damit weiterhin für die Herausbildung populationsspezifischer Sitten, Sprach- und Lebensgewohnheiten, ja gemeinschaftlicher Institutionen und Gemeinschaftsloyalitäten von erheblicher Bedeutung (siehe dazu: F. R. Vivelo, Handbuch der Kulturanthropologie. Eine grundlegende Einführung, München 1988, S. 157 ff.).

Dies veranschaulicht eine noch sehr viel weitergehende theoretische Annahme über die Bildung von Völkern als 'sozialer Systeme'. Ihre Konstitution als mehr oder weniger geschlossener, mehr oder weniger selbstbewußter Einheit des gesellschaftlichen Lebens kann prinzipiell als durch eine Reihe von Abgrenzungsprozessen der hier als Beispiel vorgeführten Art gegenüber anderen Teilen der menschlichen Populationen zustandekommend - und sich verändernd - erklärt werden.

Das Bedingungsverhältnis zwischen 'Abgrenzung' und 'Begründung eines Systemzusammenhangs' kann für die Erklärung ganz verschiedenartiger Formen menschlicher Gemeinschaftsbildungen - also nicht nur für 'Völker', sondern zum Beispiel auch für Sprachgemeinschaften oder Religionen - fruchtbar werden. Es ist eine der zentralen theoretischen Annahmen der sog. 'Systemtheorie', insbesondere soweit sie sich den 'sozialen Systemen'. d. h. den menschlichen Gemeinschaftsbildungen, zuwendet (siehe dazu ggf. das - leider nicht leicht verständliche - Werk von Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt M. 1987, S. 242 ff. [System und umwelt]). Dieser Erklärungsansatz spielt prinzipiell auch auch für das Erklärungs- und Begriffsvermögen historischen Denkens (Historik) und im speziellen für das vorliegende völkergeschichtliche Thema eine nicht unbeachtliche Rolle.


 

LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)