Lage und Bewegung der Erde im All.

Aus Aristoteles, Meteora, 2. Buch (293 a 15 - 298 a 20).

Dt. Übersetzung aus: Olof Gigon (Übersetzer und Herausgeber), Aristoteles, Vom Himmel. Von der Seele. Von der Dichtkunst, (1950) München 1983, S.124 - 138. Griechischer Textauszug (Peri Ouranou 293 a 15 - 293 b 21) aus: Aristotelis De Caelo libri IV, recognovit brevique adnotatione critica instruxit D. J. Allan, Oxford 1936, ND 1965.


... Es bleibt nun übrig von der Erde zu sprechen, wo sie liegt, ob sie ruht oder sich bewegt und welches ihre Gestalt ist.

Über ihre Lage haben nicht alle dieselbe Ansicht: die meisten lassen sie in der Mitte liegen, nämlich alle, die den gesamten Himmel als begrenzt annehmen. Im Gegensatz dazu steht die Lehre der sogenannten Pythagoreer in Italien. Sie sagen, daß in der Mitte ein Feuer sei; die Erde aber sei eines der Gestirne und würde sich im Kreise um die Mitte drehen und Nacht und Tag machen. Sie nehmen außerdem noch eine zweite, dieser gegenüberstehende Erde an, die sie die Gegenerde nennen; indem sie dabei ihre Theorien und Erklärungen nicht nach den Phänomenen richten, sondern vielmehr die Phänomene zu bestimmten Theorien und Anschauungen herzuzwingen und anzupassen suchen.

Freilich mögen auch viele andere diese Ansicht teilen, daß man der Erde nicht den Platz in der Mitte zuteilen dürfe, indem sie die Beweise nicht aus den Phänomenen zusammensuchen, sondern eher aus theoretischen Erwägungen. Sie meinen nämlich, daß das Ehrwürdigste den ehrwürdigsten Platz erhalten solle; das Feuer sei aber ehrwürdiger als die Erde und die Grenze ehrwürdiger als das Dazwischen; Grenze sei aber das Äußerste und die Mitte. Aus solchen Erwägungen schließen sie, daß die Erde nicht in der Mitte der Kugel liegen dürfe, sondern eher das Feuer.

Ferner meinen die Pythagoreer auch, es müsse so sein, weil es sich gehöre, daß der wichtigste Teil des Alls (und dies sei die Mitte) am meisten behütet werde; so nennen sie das Feuer, das diesen Platz innehat, die Wache des Zeus; dies, als hätte der Begriff der Mitte nur eine einzige Bedeutung und als sei der Mittelpunkt der Größe nach zugleich der Mittelpunkt der Sache und der Natur. Aber wie bei den Lebewesen die Mitte des Lebewesens nicht identisch ist mit der Mitte des Körpers, so muß man es erst recht beim gesamten Himmel annehmen. Aus diesem Grunde also sollten sich jene nicht in Verwirrung bringen lassen hinsichtlich des Alls und nicht eine Wache zum Mittelpunkt ziehen, sondern vielmehr nach jener andern Mitte suchen, was sie ist und wie sie ist. Denn jene Mitte ist der Ursprung und das Ehrwürdige, der räumliche Mittelpunkt gleicht aber eher einem Ende als einem Anfang. Er ist das Begrenzte, und das Begrenzende ist das Ende. Ehrwürdiger ist aber das Umgreifende und das Begrenzende als das Begrenzte. Denn dieses ist die Materie, jenes die Wesenheit des Ganzen.

Über den Ort der Erde also haben jene eine solche Auffassung und ebenso über Beharren und Bewegung. Denn nicht alle haben hierin dieselbe Meinung, sondern jene, die sie nicht einmal in der Mitte sein lassen, lassen sie sich im Kreise um die Mitte bewegen und nicht nur sie, sondern auch die Gegenerde, wie wir vorhin gesagt haben.

Einige meinen, es könnten sich auch mehrere derartige Körper um die Mitte herumbewegen, doch seien sie uns unsichtbar, weil die Erde dazwischen sei. Darum, so sagen sie, entstehen auch mehr Mondfinsternisse als Sonnenfinsternisse. Denn jeder bewegte Körper träte dazwischen, nicht bloß die Erde. Da nämlich die Erde nicht der Mittelpunkt ist, sondern je eine ganze Halbkugel sich von ihm entfernt, so meinen sie, daß nichts hindere, daß die Phänomene sich in derselben Weise ereignen, wenn wir nicht im Mittelpunkte wohnen, wie wenn die Erde in der Mitte wäre. Denn auch jetzt fällt es nicht auf, daß wir um den halben Erddurchmesser von der Mitte entfernt sind.

Andere wiederum meinen, die Erde befände sich zwar im Mittelpunkt, aber sie schwanke und bewege sich um den durch das All hindurch gespannten Pol herum, wie es im Timaios geschrieben steht.

In derselben Weise differieren auch die Meinungen hinsichtlich ihrer Gestalt. Die einen halten sie für kugelig, die andern für flach und trommelförmig; als Beweis führen diese an, daß die Sonne bei Untergang und Aufgang einen geraden und keinen gebogenen Rand bildet, wenn sie hinter der Erde verschwindet, als ob der Rand kreislinig werden müßte, wenn die Erde eine Kugel wäre; dabei übersehen sie den Abstand der Sonne von der Erde und die Größe der Kreislinie, die auch bei sichtbaren kleineren Kreisen auf große Distanz hin gerade erscheint. Dieser Eindruck braucht also für jene durchaus keinen Einwand zu bedeuten dagegen, daß die Masse der Erde kugelig sei.

Freilich fügen sie bei, daß die Erde auch wegen des Beharrens diese Form haben müsse. Denn auch über Bewegung und Ruhe werden viele verschiedene Lehren vertreten. Dieses Problem hat sich freilich allen aufdrängen müssen. Denn dies verriete doch ein etwas gar zu unbekümmertes Denken, sich nicht darüber zu wundern, wie ein kleines Stück Erde, wenn man es in die Höhe wirft, fällt und nicht schweben bleibt, und ein größeres Stück erst recht, die ganze Erde dagegen, wenn man sie hochhöbe und losließe, nicht fiele. Sie ruht ja tatsächlich, obschon sie so schwer ist. Und wenn jemand unter den emporgeworfenen Stücken, ehe sie fielen, die Erde wegzöge, so würden sie nach unten weiterfallen, soweit sich ihnen nichts entgegenstellt.

So ist denn diese Schwierigkeit begreiflicherweise ein Problem für alle geworden. Wundern könnte man sich indessen, daß ihnen die gegebenen Lösungen nicht noch absonderlicher vorkamen als das Problem selbst. Denn die einen lassen aus diesem Grunde den untern Teil der Erde unbegrenzt sein und erklären wie Xenophanes von Kolophon, sie sei im Unbegrenzten verwurzelt, damit sie sich mit der Ursache nicht weiter abzumühen brauchen. Darum tadelte ihn auch Empedokles in den Versen: "wenn nämlich unbegrenzt die Tiefen der Erde wären und überreichlich der Aither, wie es durch die Zunge vieler einfältig ausgesprochen ihrem Munde entströmt ist, jener, die nur wenig vom All gesehen haben."

Andere lassen sie auf dem Wasser ruhen. Dies ist uns nämlich als die älteste Theorie überliefert; Thales von Milet soll sie ausgesprochen haben, daß sie nämlich schwimmend beharre wie irgendein Stück Holz oder dergleichen (denn von diesen Dingen kann nichts auf der Luft beharren, sondern nur auf dem Wasser), als ob nicht dieselbe Frage sich erhöbe bei der Erde und beim Wasser, das die Erde trägt. Denn auch das Wasser bleibt nicht schwebend in der Höhe, sondern ruht auf etwas anderem.

Ferner: wie die Luft leichter ist als das Wasser, so ist das Wasser leichter als die Erde. Wie kann dann das Leichtere weiter unten liegen als das von Natur aus Schwerere?

Ferner: wenn die Erde als Ganzes aufdem Wasser zu schweben vermag, dann offensichtlich auch jeder ihrer Teile. Dies trifft aber offensichtlich nicht zu; jedes beliebige Stück sinkt zu Boden, und zwar um so schneller, je größer es ist.

Jene haben also die Untersuchung bis zu einem bestimmten Punkte geführt, aber nicht so weit, als es in dieser Frage möglich ist. Denn wir sind es alle gewohnt, die Forschung nicht im Hinblick auf die Sache zu führen, sondern im Hinblick auf den, der das Gegenteil behauptet. Auch der Einzelne für sich selbst forscht nur solange, bis er sich selbst nicht mehr widerlegen kann. Darum muß derjenige, der richtig vorgehen will, begabt sein im Finden der dem Gegenstand eigentümlichen Einwände, und dies ergibt sich nur, wenn man alle Besonderheiten in Betracht gezogen hat.

Anaximenes, Anaxagoras und Demokrit wiederum behaupten, die flache Form sei die Ursache ihres Beharrens. Sie durchschneide nämlich die unter ihr befindliche Luft nicht, sondern schließe sie ab wie ein Deckel, wie dies flache Körper zu tun pflegen. Diese sind auch im Winde schwer beweglich, weil sie sich entgegenstemmen. Genau so würde sich nun die Erde wegen ihrer flachen Form zu der Luft unter ihr verhalten; diese habe nicht hinreichend Platz, um auszuweichen, und bleibe darum gesammelt unten in Ruhe. Es ginge also wie mit dem Wasser in der Klepsydra. Daß aber eine abgeschlossene und unbewegliche Luft ein großes Gewicht zu tragen vermöge, dafür führen sie viele Beweise an.

Erstens nun, auch wenn die Form der Erde flach ist, so wird sie nicht deswegen in Ruhe bleiben. Denn Ursache für das Beharren ist nach dem, was jene sagen, nicht die flache Form, sondern eher die Größe. Denn weil die Luft eingeengt ist und keinen Ausgang findet, darum beharrt sie, wenn sie sehr viel ist. Und viel ist sie, weil die Erde, die sie abschließt, selbst sehr groß ist. Also wird dies stattfinden, auch wenn die Erde kugelförmig ist, aber von der entsprechenden Größe. Dann wird sie gemäß jener Theorie beharren.

Überhaupt geht der Streit um eine solche Theorie der Bewegung nicht um Einzelheiten, sondern um ein Ganzes und Alles. Denn man muß von Anfang an feststellen, ob die Körper eine naturgemäße Bewegung haben oder nicht oder ob es eine solche zwar nicht von Natur, aber doch mit Gewalt gebe. Da aber dies schon früher untersucht worden ist, soweit wir die Fähigkeit dazu haben, so sei dies nun als ein Feststehendes benutzt.

Wenn es nämlich keine naturgemäße Bewegung der Körper gibt, so wird es auch keine gewaltsame geben. Wenn es aber weder eine naturgemäße noch eine gewaltsame gibt, so wird es überhaupt keine Bewegung geben. Daß dies notwendig ist, ist früher schon festgestellt worden, und dazu noch, daß es dann auch keine Ruhe geben wird. Denn wie die Bewegung entweder von Natur oder durch Gewalt ist, so auch die Ruhe. Und wenn es überhaupt eine naturgemäße Bewegung gibt, so wird es nicht bloß eine gewaltsame Bewegung und ein gewaltsames Ruhen geben können.

Also, wenn jetzt die Erde durch Gewalt an ihrer Stelle bleibt, so ist sie auch damals durch den Wirbel getrieben in der Mitte zusammengetreten. Diese Ursache geben nämlich alle an, auf Grund der Phänomene bei den Flüssigkeiten und in der Luft: denn hier wird immer das Größere und Schwerere zur Mitte des Wirbels getrieben. Darum lassen auch alle, die den Himmel entstehen lassen, die Erde in der Mitte zusammentreten. Dann suchen sie die Ursache, weshalb sie beharrt, entweder wie wir es erwähnt haben, in ihrer flachen Form und Größe; oder die andern sagen wie Empedokles, daß die Bewegung des Himmels, die im Kreise herumläuft und schneller ist als die Bewegung der Erde, diese hindere wie bei dem Wasser in den Bechern; denn auch dieses kommt, während der Becher im Kreise bewegt wird, oft unterhalb des Erzes zu liegen und wird aus derselben Ursache nicht nach unten bewegt, obschon dies seine naturgemäße Bewegung ist.

Aber wohin soll sich die Erde bewegen, wenn weder der Wirbel sie hindert, noch auch ihre flache Form, sondern die Luft zur Seite entweicht? Denn zur Mitte bewegt sie sich mit Gewalt und bleibt mit Gewalt. Aber irgendeine naturgemäße Bewegung muß es für sie geben. Verläuft die nun nach oben oder nach unten oder wohin? Irgendeine muß es sein. Wenn aber nicht eher hinauf als hinunter und die obere Luft die Bewegung nach oben nicht hindert, so wird auch die Luft unter der Erde die Bewegung nach unten nicht hindern. Denn dieselben Dinge müssen für dieselben die Ursache für dasselbe werden.

Ferner kann man gegen Empedokles auch noch Folgendes sagen: Als nämlich die Elemente auseinandertraten unter der Wirkung des Streites, was war damals für die Erde die Ursache des Beharrens? Denn man wird doch nicht auch für damals den Wirbel in Anspruch nehmen wollen.

Unsinnig ist es auch, nicht zu bedenken, daß früher zwar die Teile der Erde infolge des Wirbels zur Mitte hin sich bewegten, weshalb sich aber jetzt alles, was Schwere hat, auf sie zubewegt ? Denn der Wirbel kommt doch nicht in unsere Nähe [scil. auf der Erde].

Ferner: aus welcher Ursache bewegt sich das Feuer in die Höhe? Doch nicht durch den Wirbel. Wenn aber das Feuer von Natur irgendwohin bewegt wird, so muß man dasselbe offenbar auch von der Erde annehmen. Ferner wird auch nicht das Schwere und Leichte durch den Wirbel bestimmt, sondern dieses beides ist vorher vorhanden, und durch die Bewegung gelangt das eine in die Mitte und das andere an den Rand. Schwer und leicht bestanden also, bevor der Wirbel da war. Aber wodurch waren sie bestimmt und wie war ihre naturgemäße Bewegung und wohin? Denn in einem Unbegrenzten kann es kein oben und unten geben und eben durch dieses wird das Schwere und Leichte bestimmt.

Die meisten halten sich nun bei diesen Erklärungen auf. Einige freilich behaupten, sie beharre wegen ihrer Gleichmäßigkeir, wie unter den Älteren Anaximander. Denn was seinen Sitz in der Mitte hat und überall einen gleichen Abstand zu den Enden, das soll sich nicht eher nach oben als nach unten oder auf die Seiten hin bewegen. Daß es sich gleichzeitig nach entgegengesetzten Richtungen bewege, sei unmöglich. Also müsse es notwendigerweise beharren.

Diese Theorie ist sehr scharfsinnig, aber unrichtig. Denn nach ihr müßte alles, was in die Mitte gebracht wird, beharren, so daß also auch das Feuer ruhen wird. Denn was da gesagt wird, ist der Erde nicht eigentümlich. Aber die Theorie ist auch nicht notwendig. Denn es zeigt sich, daß die Erde nicht bloß am Mittelpunkt verharrt, sondern auch sich auf den Mittelpunkt hin bewegt. Denn wohin immer sich ein Teil von ihr bewegt, dorthin muß sich auch das Ganze bewegen. Und wohin sie sich von Natur bewegt, dort verweilt sie auch von Natur. Also tut sie es nicht wegen der Gleichmäßigkeit des Abstands zu den Enden. Denn dies ist allen Körpern gemeinsam, aber sich auf die Mitte hin zu bewegen ist der Erde eigentümlich.

Unsinnig ist es auch, zu fragen, weshalb die Erde in der Mitte verharrt, dagegen nicht zu fragen, weshalb das Feuer auf den Enden verharrt. Wenn nämlich für dieses der Ort am Rande der naturgemäße Ort ist, so muß es offenbar auch einen solchen Ort für die Erde geben. Falls aber der Erde nicht dieser Ort zukommt, sondern sie nur unter dem Zwang der Gleichmäßigkeit dort verharrt (wie die Theorie vom Haare, das stark, aber überall gleichmäßig gespannt ist und darum nicht reißen wird und vom Hungernden und Dürstenden, der dies aber in gleichmäßiger Weise tut und sich darum in gleichmäßiger Weise des Essens und Trinkens enthält. Denn auch dieser muß stillhalten), so muß man fragen, wie die Ruhe des Feuers an den Enden zustande kommt.

Man wundert sich auch, daß sie zwar nach dem Beharren fragen, nicht aber nach ihrer Bewegung, aus welcher Ursache sich das eine nach oben bewegt und das andere zur Mitte hin, sofern nichts hindert.

Aber die Theorie ist auch nicht richtig. Akzidcntellerweise trifft es zwar zu, daß alles notwendig in der Mitte bleibt, was sich nicht eher hierhin als dorthin zu bewegen hat. Aber auf Grund einer solchen Annahme wird es gerade nicht ruhen, sondern sich bewegen, und zwar nicht als Ganzes, sondern in einem zerrissenen Zustande. Dieselbe Theorie paßt ferner auch aufdas Feuer. Notwendig muß dieses, wenn es an jenen Ort gebracht wird, verharren, ebenso wie die Erde. Denn es wird sich in derselben Weise zu den äußersten Punkten verhalten. Dennoch wird es sich von der Mitte wegbewegcn, wie wir auch sehen, daß es sich an die Enden bewegt, sofern nichts hindert. Nur bewegt es sich nicht als Ganzes zu einem Punkte (dies allein müßte sich ergeben aus jener Theorie von der Gleichmäßigkeit), sondern der entsprechende Teil zum entsprechenden Teile des Randes; ich meine etwa wie der vierte Teil sich zum vierten Teil des Umgreifenden hin bewegt. Denn ein Punkt gehört nicht zu den Körpern. Wie nun ein Körper aus einem großen verdichtet in einen kleinen Ort zusammenträte, so wird er auch, wenn er sich lockert, aus einem kleinem in einen großen hineintreten. So würde sich die Erde auch durch die Theorie der Gleichheit von der Mitte wegbewegen, wenn nicht dieser Ort der natürliche Ort der Erde ware.

Was nun also an Ansichten über ihre Gestalt vorliegt und ihren Ort und ihr Beharren oder ihre Bewegung ist ungefähr dies.

Wir werden nun zuerst davon sprechen, ob sie Bewegung besitzt oder beharrt. Denn wie wir sagten: die einen machen sie zu einem der Gestirne, die andern versetzen sie in die Mitte und lassen sie schwanken und sich bewegen um den mittleren Pol.

Daß dies aber unmöglich ist, wird klar, sowie wir als Ausgangspunkt nehmen, daß sie, wenn sie sich überhaupt bewegt (entweder außerhalb des Mittelpunkts oder am Mittelpunkt), diese ihre Bewegung notwendig eine gewaltsame ist. Denn es ist nicht die der Erde eigene Bewegung. Denn sonst hätte jeder einzelne ihrer Teile diese Bewegung. In Wirklichkeit aber bewegt sich jeder geradlinig zur Mitte hin. Also ist es nicht möglich, daß jene Bewegung ewig ist, da sie gewaltsam ist und gegen die Natur. Die Ordnung des Kosmos ist aber eine ewige. Ferner zeigt sich, daß alle Körper, welche die Kreisbewegung vollziehen, zurückbleiben und mehrere Bewegungen haben (außer der ersten Kugel), so daß auch die Erde, wenn sie sich um die Mitte oder in der Mitte bewegte, zwei Bewegungen haben müßte. In diesem Falle aber müßten sich Vorübergänge und Wenden der eingefügten Gestirne ergeben. Das scheint aber nicht zu geschehen, sondern die Gestirne gehen immer an denselben Orten der Erde auf und unter.

Ferner vollzieht sich die naturgemäße Bewegung ihres Ganzen und ihrer Teile auf den Mittelpunkt des Alls hin. Darum ruht sie ja auch faktisch im Mittelpunkt. Nun könnte man fragen, da der Mittelpunkt für beide derselbe ist, zu welchen sich die schweren Dinge und die Teile der Erde ihrer Natur nach bewegen: zu der Mitte, sofern sie Mittelpunkt des Alls ist oder zu ihr, sofern sie derjenige der Erde ist? Offenbar zum Mittelpunkt des Alls. Denn das Leichte und das Feuer bewegen sich in der entgegengesetzten Richtung wie das Schwere und zwar zur äußersten Grenze des den Mittelpunkt umgebenden Ortes. Es ist also akzidentell, daß der Mittelpunkt der Erde und derjenige des Alls derselbe ist. Denn jenes wird allerdings auch zum Mittelpunkt der Erde hin bewegt, aber nur akzidentellerweise, sofern sie ihre Mitte in der Mitte des Alls besitzt. Daß es sich aber auch zum Mittelpunkt der Erde hin bewegt, zeigt sich daran, daß die schweren Körper, die sich auf sie hin bewegen, nicht parallel, sondern in gleichen Winkeln laufen, so daß sie also zu einem einzigen Mittelpunkt streben, nämlich dem der Erde. Es muß also offensichtlich die Erde im Mittelpunkt sein und unbeweglich, aus den angegebenen Ursachen und weil die senkrecht nach oben geschleuderten Gewichte wieder an denselben Punkt zurück fallen, auch wenn die Kraft sie unbegrenzt weit hinaufschleudern.

Daß die Erde sich also nicht bewegt und sich nicht außerhalb des Mittelpunktes befindet, ist aus dem Gesagten klar. Außerdem ergibt sich auch die Ursache des Beharrens. Wenn sie sich nämlich ihrer Natur gemäß von allen Seiten zum Mittelpunkt hin bewegt, wie es sich zeigt, und das Feuer wiederum von der Mitte weg zu den Grenzen, so kann unmöglich irgendein Teil von ihr vom Mittelpunkt wegbewegt werden, außer durch Gewalt. Denn jedes Einzelne hat eine einzige Bewegung und das Einfache hat eine einfache Bewegung, nicht aber entgegengesetzte. Die Bewegung vom Mittelpunkt weg ist aber der Bewegung zum Mittelpunkt hin entgegengesetzt. Wenn es nun unmöglich ist, daß irgendein Teil sich von der Mitte wegbewegt, so ist es klar, daß es für das Ganze noch unmöglicher ist. Denn wohin sich der Teil seiner Natur nach bewegt, dahin bewegt sich auch das Ganze. Wenn es also unmöglich ist, daß die Erde sich bewegt, außer durch eine überlegene Kraft, so muß sie im Mittelpunkte bleiben.

Ein Zeugnis dafür ist auch das, was die Mathematiker über die Astronomie sagen. Die Phänomene nämlich ergeben sich mit der Veränderung der Formen, durch die die Ordnung der Gestirne bestimmt ist, unter der Voraussetzung, daß die Erde im Mittelpunkte liegt.

Über den Ort, das Beharren und die Bewegung und wie es sich damit verhält, sei nun so viel gesagt. Daß sie kugelförmig sei, ist notwendig. Denn jeder ihrer Teile hat seine Schwere bis zum Mittelpunkte hin, und das Kleinere wird vom Größeren gestoßen und kann nicht aufwogen, sondern wird nur mehr und mehr zusammengedrückt und eines macht dem andern Platz bis es zum Mittelpunkte kommt. Man muß dies so verstehen, wie wenn die Bewegung so vor sich ginge, wie es auch einige der Naturphilosophen annehmen. Nur geben jene die Gewalt als Ursache der Abwärtsbewegung an. Es ist aber besser, die Wahrheit zu erkennen und zu sagen, daß dies geschieht, weil das Schwere sich seiner Natur nach zum Mittelpunkt bewegt. Da nun die Mischung als Möglichkeit vorlag, so bewegt sich das Geschiedene von allen Seiten gleichmäßig zur Mitte hin. Mögen sich nun die Teile in gleicher Weise gesondert von den Enden zur Mitte hin bewegen, oder anders, das Ergebnis wird dasselbe sein.

Klar ist auch, daß die Masse überall gleichmäßig werden wird, wenn sich die Teile überall von den Enden her gleichmäßig zur Mitte hin bewegen. Denn wenn überall gleichviel zugefügt wird, so muß der Abstand der Grenze zur Mitte immer derselbe sein. Und dies ist eben die Gestalt der Kugel.

Es macht dabei für die Theorie nichts aus, wenn die Teile nicht gleichmäßig von allen Seiten zum Mittelpunkt zusammenlaufen. Denn das Mehrere muß notwendig das vor ihm liegende Geringere voranstoßen, da beide die Strebung bis zur Mitte hin haben und das Schwerere bis dorthin das weniger Schwere vor sich herstößt.

Die Frage, die man nun aufwerfen könnte, findet dieselbe Lösung. Wenn nämlich die Erde am Mittelpunkt und gleichzeitig kugelförmig ist und nun zu der einen Halbkugel ein vielfach größeres Gewicht hinzukäme, so würde dann der Mittelpunkt des Alls und derjenige der Erde nicht mehr derselbe sein. Also wird sie entweder nicht mehr in der Mitte bleiben, oder wenn schon, so würde sie ruhen, ohne die Mitte einzunehmen, auf die hin sie sich doch von Natur bewegt. Dies ist also die Frage.

Die Lösung zu sehen ist nicht schwer, wenn man nur ein wenig aufpaßt und unterscheidet, wie wir es verstehen, daß jede Größe, die Schwere hat, sich auf die Mitte hin bewegt. Offensichtlich ist dies nicht so gemeint, daß seine Grenze das Zentrum berühre, sondern es muß die größere Masse so lange wirken, bis ihre Mitte die Mitte erreicht. Denn bis dahin hat sie die Strebung. Dabei macht es keinen Unterschied, ob man das von einem Erdklumpen oder einem beliebigen Teile annimmt oder von der ganzen Erde. Denn das Phänomen wird nicht von einem kleinen oder großen Teile gesagt, sondern von allem, was seine Neigung zum Mittelpunkt hin hat. Also, mag nun die Erde als Ganzes oder nur ein Teil von ihr irgendwoher bewegt werden, so muß dies notwendigerweise bis dorthin bewegt werden, bis es von allen Seiten gleichmäßig die Mitte umfaßt, indem das Kleinere durch das Größere durch das Vor-sich-her-Stoßen der Neigung ausgeglichen wird. Wenn also dies einmal wurde, so mußte es auf diese Weise werden. Und so ist klar, daß sie kugelförmig geworden ist; und wenn die Erde vielmehr ungeworden immer ruht, so verhält sie sich gleich, als ob sie einmal entstanden wäre.

So muß also nach dieser Überlegung ihre Gestalt kugelförmig sein und auch, weil alle schweren Körper in gleichen Winkeln und nicht parallel bewegt werden. Dies ergibt sich bei dem von Natur Kugelförmigen. Also ist sie überhaupt kugelförmig oder von Natur kugelförmig. Man muß aber jedes Einzelne so beschreiben, wie es von Natur aus die Tendenz hat zu sein und was es faktisch ist, nicht was es mit Gewalt und gegen seine Natur ist.

Ferner ergibt es sich auch aus den wahrnehmbaren Phänomenen. Denn die Ausschnitte bei den Mondfinsternissen hätten dann nicht diese Form. Bei den monatlichen Formveränderungen nimmt er so alle möglichen Teilungen an (er wird gerade abgeschnitten, konvex und konkav), bei den Finsternissen aber ist die begrenzende Linie immer konvex; also, wenn die Finsternis durch das Dazwischentreten der Erde geschieht, so muß der Umkreis der Erde Ursache dieser Figur sein, weil er eben kugelförmig ist.

Ferner ist es an der Erscheinung der Gestirne nicht nur sichtbar, daß die Erde rund, sondern auch, daß ihre Größe nicht bedeutend ist. Denn wenn wir unsern Standort nur ein wenig nach Süden oder Norden verändern, so wird der Horizont offenbar schon ein anderer, so daß also die Gestirne über unserm Kopf eine bedeutende Veränderung erfahren und überhaupt nicht mehr dieselben sind, wenn wir nach Norden oder Süden gehen. Denn manche Sterne sind in Ägypten und Kypros sichtbar, in den nördlichen Gegenden aber nicht und jene Sterne, die im Norden dauernd sichtbar sind, haben in jenen südlicheren Gegenden einen Untergang. Hieraus ist nicht nur klar, daß die Erde rund ist, sondern auch, daß sie nicht besonders groß ist. Denn sonst würde eine so geringe Ortsveränderung sich nicht so rasch bemerkbar machen. Darum scheint es, daß die Hypothese nicht allzu unwahrscheinlich ist, die die Gegend um die Säulen des Herakles mit derjenigen um Indien in Verbindung bringt und dort ein einziges Meer annimmt. Als Beweis führen sie etwa die Elefanten an, nämlich daß diese Tiere sich an jenen beiden äußersten Enden finden, offenbar, weil jene äußersten Orte durch ihren Zusammenhang dazu geeignet sind.

Die Mathematiker endlich, die die Größe des Umfangs zu berechnen suchen, nehmen ungefähr vierhunderttausend Stadien an. Aus solchen Argumenten ergibt sich nicht nur, daß die Erde kugelförmig sein muß, sondern auch, daß sie im Verhältnis zu den anderen Gestirnen nicht groß ist. ...


Griechischer Textauszug (erste Seiten).


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)