Der Umriß der bewohnten Erde. Aus Herodot, Historien (4, 36 - 46).

Deutsche Übersetzung aus: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einführung von W. F. Otto, Stuttgart 1979, S. 265 - 270. Griechischer Textauszug (Historien 4, 35 - 41) aus: Herodotus, Historiae, ed. Haiim B. Rosén, 2 Bde., Leipzig 1987, Bd. 1, S. 272 f.


Deutsche Übersetzung:

... Ich glaube überhaupt nicht an die Hyperboräer; denn wenn es ein solches Volk im höchsten Norden gäbe, müßte es auch eines im äußersten Süden geben. Ich muß lachen wenn ich so manche Leute Erdkarten zeichnen sehe, die doch die Gestalt der Erde gar nicht richtig zu erklären wissen. Sie zeichnen den Okeanos rund um die Erde herum fließend und so regelmäßigig wie einen Kreis. Und Asien machen sie ebenso groß wie Europa. Ich will hier mit wenigen Worten die Größe der beiden Erdteile und die Art, wie man sie zeichnen muß, angeben.

37. Was zunächst Asien betrifft, so wohnen die Perser unten am Südmeer, genannt das Rote Meer. Nördlich von ihnen folgen die Meder, dann die Saspeirer, dann die Kolcher, die an das Nordmeer grenzen, in das der Phasis mündet. Diese vier Völker nehmen den Raum von einem zum anderen Meere ein.

38. Westlich von ihnen ziehen sich zwei Halbinseln ins Meer hinein, die ich nun beschreibe. Die eine, nördliche, Halbinsel beginnt am Flusse Phasis und erstreckt sich am Pontos und Hellespontos entlang bis zum sigeischen Vorgebirge in der Troas. Im Süden erstreckt sich dieselbe Halbinsel vom myriandischen Meerbusen in Phoinikien bis zum triopischen Vorgebirge. Auf dieser Halbinsel wohnen dreißig Völkerstämme.

39. Das also ist die eine Halbinsel. Die zweite beginnt bei dem persischen Gebiet und erstreckt sich ins Rote Meer hinein. Sie umfaßt Persien, daran anschließend Assyrien und dann Arabien. Am arabischen Meerbusen, den Dareios durch jenen Kanal mit dem Nil verband, hat sie ein Ende, freilich nur nach der herkömmlichen Einteilung. Von Persien bis Phoinikien haben wir eine weit ausgedehnte Landfläche. Von Phoinikien geht diese Halbinsel am Mittelländischen Meer entlang. Erst kommt das palästinische Syrien, dann Agypten, wo sie endet. Nur drei Volksstämme wohnen auf dieser Halbinsel.

40. Das ist der von Persien aus westlich gelegene Teil Asiens. Der an der anderen Seite, also östlich von den Persern, Medern, Saspeirern und Kolchern gelegene Teil wird im Süden durch das Rote Meer, im Norden durch das Kaspische Meer und den nach Osten fließenden Araxes begrenzt. Bis nach Indien ist Asien bewohnt. Weiter im Osten ist das Land wüst, und niemand weiß etwas Näheres über seine Beschaffenheit zu sagen.

41. Damit haben wir die Gestalt und Grenze von Asien angegeben. Libyen ferner liegt auch noch auf jener zweiten Halbinsel; denn Libyen grenzt ja an Ägypten. Bei Ägypten ist die Halbinsel sehr schmal; denn die Entfernung von der Küste des Mittelländischen Meeres bis zum Roten Meer beträgt nur hunderttausend Klafter; das sind etwa tausend Stadien. Nach dieser schmalen Stelle aber wird die Halbinsel wieder sehr breit. Darauf liegt Libyen.

42. Ich wundere mich, daß man drei Erdteile unterscheidet: Libyen, Asien und Europa. Ihre Größe ist doch zu verschieden. Europa ist so lang wie die beiden anderen zusammengenommen, und an Breite können sie sich offenbar noch weniger mit Europa messen. Libyen ist ja doch rings vom Meere umflossen, abgesehen von der SteIle, wo es mit Asien zusammenstößt. Der König Nekos von Ägypten ist, soviel wir wissen, der erste gewesen, der den Beweis dafür geliefert hat. Als Nekos nämlich den Bau jenes Kanals eingestellt hatte, der vom Nil nach dem arabischen Meerbusen führen sollte, schickte er Phoiniker mit einer Flotte aus und gab ihnen den Auftrag, den Rückweg durch die Säulen des Herakles zu nehmen und also durch das mittelländische Meer nach Ägypten zurückzukehren. So fuhren denn die Phoiniker durch das Rote Meer nach Süden fort. Als der Herbst kam, gingen sie ans Land, bebauten das Feld, an welcher Stelle Libyens sie sich nun gerade befanden, und warteten die Ernte ab. Hatten sie geerntet, so fuhren sie weiter. So trieben sie es zwei Jahre lang, und im dritten Jahre bogen sie bei den Säulen des Herakles ins nördliche Meer ein und gelangten nach Ägypten. Sie erzählten, was ich aber nicht glaube - vielleicht erscheint es anderen eher glaublich -, daß sie während der Umschiffting die Sonne auf einmal zur Rechten gehabt hätten.

43. So wurde zum ersten Mal bewiesen, daß Libyen ganz vom Meere umgeben ist. Später wollen auch die Karchedonier Libyen umschifft haben. Dagegen hat Sataspes, der Sohn des Teaspis, aus der Familie der Achaimeniden die Umschiffung Libyens, die ihm aufgetragen worden, nicht vollbracht. Er fürchtete sich vor der langen Fahrt und der menschenleeren Öde und kehrte um, führte also das, was er seiner Mutter versprochen hatte, nicht durch. Sataspes hatte nämlich die jungfräuliche Tochter des Zopyros, Sohnes des Megabyzos, vergewaltigt. Zur Strafe dafür wollte ihn König Xerxes ans Kreuz schlagen lassen, seine Mtter aber, eine Schwester des Dareios, legte Fürbitte für ihn ein und sagte zu Xerxes, sie wolle ihrem Sohn eine noch härtere Strafe auferlegen als er. Er solle gezwungen werden, Libyen zu umschiffen, solle rings herumfahren, bis er in dem arabischen Meerbusen ankäme. Xerxes war einverstanden; Sataspes ging nach Agypten, wählte ein Schiff, bemannte es und fuhr bis zu den Säulen des Herakles. Er fuhr hindurch, an dem Vorgebirge Soloeis vorüber und wandte sich dann südwärts. Monate lang fuhr er weiter; aber da die Fahrt gar kein Ende nahm, kehrte er um und landete wieder in Ägypten. Als er zu König Xerxes nach Persien kam, erzählte er von seiner Fahrt und sagte, ganz hinten in Libyen seien sie an einem Volk von kleinen Menschen vorübergekommen. Mit Palmenblättern seien sie bekleidet gewesen, seien in die Berge entflohen, sobald das Schiff gelandet sei, und hätten ihre Städte im Stich gelassen. Sie seien hineingegangen, hätten aber alles unversehrt gelassen und nur Weidetiere genommen. Daß sie nicht ganz Libyen umfahren hätten, habe darin seinen Grund, sagte er, daß das Schiff nicht weiter habe vordringen können und auf Untiefen gestoßen sei. Aber Xerxes glaubte ihm das nicht und schlug ihn ans Kreuz, weil er den Auftrag, der ihm geworden, nicht ausgeführt habe. Er mußte also die ursprüngliche Strafe leiden. Ubrigens entfloh ein Eunuch dieses Sataspes, sobald er von der Hinrichtung seines Herren hörte, mit großen Reichtümern nach Samos. Ein Bürger von Samos, dessen Namen ich weiß, aber gern vergessen möchte, nahm sie ihm ab.

44. Die entfernten Teile Asiens sind hauptsächlich durch Dareios bekannt geworden. Er wollte feststellen, wo der Indos, außer dem Nil der einzige Fluß, in dem Krokodile leben, ins Meer fließt. Er sandte Männer, zu deren Aufrichtigkeit er Vertrauen hatte, darunter einen Hellenen namens Skylax aus Karyanda, zu Schiffe aus. Sie fuhren von der Stadt Kaspatyros in Paktyia aus den Fluß abwärts, immer nach Osten bis ins Meer hinein, dann auf dem Meere nach Westen zurück, bis sie im dreißigsten Monat an jene Stelle kamen, wo einst jener ägyptische König die Phoiniker, von denen ich vorher sprach, zur Umschiffung Libyens ausgesandt hatte. Nach dieser Fahrt unterwarf Dareios die Inder und befuhr jenes Meer. So weiß man denn, daß es sich mit Asien ebenso verhält wie mit Libyen, nur daß man die östliche Seite nicht kennt.

45. Von Europa aber hat man weder erforscht, ob es im Osten noch ob es im Norden vom Meere umgeben ist. Wir wissen nur, daß es ebenso lang ist, wie die beiden anderen Erdteile. Ich weiß auch nicht, warum man eigentlich den Erdteilen, die doch ein zusammenhängendes Land sind, drei Namen gibt, und zwar Frauennamen; ferner warum man zur Grenze zwischen Asien und Libyen den ägyptischen Nil und zwischen Asien und Europa den kolchischen Phasis gemacht hat. Andere nehmen statt des Phasis den maiotischen Tanais und die kimmerischen Hafenplätze an. Ich kann die Urheber dieser Abgrenzungen nicht in Erfahrung bringen, auch nicht die Personen, nach denen die Erdteile benannt worden sind. Was Libyen betrifft, so hat es nach der Meinung der meisten Hellenen seinen Namen nach einer eingeborenen Frau namens Libya, und Asien nach der Frau des Prometheus. Doch wollen auch die Lyder Urheber des Namens Asien sein; sie sagen, er führe auf Asies, den Sohn des Kotys, Enkel des Manes zurück, aber nicht auf Asia, die Gemahlin des Prometheus Daher heiße auch ein Stadtteil in Sardes Asiada.

Von Europa aber weiß kein Mensch, weder ob es vom Meere umflossen ist, noch wonach es benannt ist, noch wer es war, der ihm den Namen Europa gegeben hat. Oder sollen wir annehmen, daß es seinen Namen nach der Europa von Tyros hat und vor deren Zeit namenlos war wie die anderen Erdteile? Aber diese Europa stammt doch aus Asien und ist nie in das Land gekommen, das man heute in Hellas Europa nennt. Sie ist nur von Phoinikien nach Kreta und von Kreta nach Lykien gekommen. Doch genug davon! Wir wollen bei den überlieferten Namen bleiben.

46. Am Pontos Euxeinos, gegen dessen Anwohner Dareios zu Felde zog, wohnen die unwissendsten Völker wenn man von den Skythen absieht. Auf ihrer Seite des Pontos könnte man kein einziges kluges Volk nennen außer den Skythen, und wir wissen von keinem einzigen berühmten Mann dort außer dem Skythen Anacharsis. Die Skythen übertreffen in einer Kunst alle anderen Völker, die wir kennen, während ich sie im übrigen nicht sehr bewundere. Dies große Kunst besteht darin, daß keiner, den sie verfolgen, ihnen entkommt und keiner sie einholen kann, wenn sie sich nicht einholen lassen wollen. Muß nicht ein Volk unüberwindlich sein und unnahbar sein, das weder Städte noch Burgen baut, seine Häuser mit sich führt, Pfeile vom Pferde herab schießt, nicht von Ackerbau, sondern von Viehzucht lebt und auf Wagen wohnt? ...


Griechischer Textauszug (erste Seiten).


LV Gizewski SS 2001

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