Lösung zu Übung 2 a.

Die Aufgaben lauteten:

Prüfen Sie den im folgenden wiedergegebenen Text unter folgenden Aspekten:

a) Welche Kenntnisse von der bewohnten Welt und ihren Grenzen spiegelt der Text? Welcher Zeit würden sie ihn deshalb zuordnen?

b) Versuchen Sie, aufgrund der Textangaben eine Skizze des Weltbildes des Autors Herodot zu zeichnen.

c) Wie stellt sich Herodot das Gefüge der Völker auf der bewohnten Welt vor?

Der Umriß der bewohnten Erde. Aus Herodot, Historien (4, 36 - 46).


Zu den einzelnen Punkten. Die Hinweise werden knapp gehalten. Im übrigen wird auf die Ausführungen des Kapitels und seine Literaturangaben verwiesen.

Zu a)

Der Text beleuchtet die Regionen des Nahen und Mittleren Ostens nach Osten hin bis weitestens zum Indus und zum Oxus-Jaxartes-Gebiet, nach Süden bis nach Arabien. Afrika, das Asien zugerechnet wird, tritt nur mit der Erwähnung Ägyptens und des weistlich anschließenden 'Libyen' bis zu den Säulen des Herakles und einem unbestimmetn der der nordafrikanischen Atlantikküste in Erscheinung; Extension und Gestalt Afrikas bleiben trotz einer erwähnten Afrika-Umseglung im Auftrage des Pharao Necho (reg. 610 - 595 v. Chr.) zweifelhaft. Europa nördlich Iberiens, Italiens und Thrakiens erscheint nur undeutlich; nur der Verlauf des Ister (Donau) und die dortige Existenz von Kelten-, Skythen- und Sarmatenvölkern wird eutlicher. Unklar bleiebn die Südränder Afrikas und Asiens, der Ostrand Asiens und der Nordrand Asiens und Europas. Doe Ost-West-Extension Europas wird gewaltig überschätzt. Asien erscheint als ein im Süden Europas liegender, in zwei Halbinseln - die kleinasiatische und die arabisch-ägyptisch-libysche auslaufender Kontientalbereich. Als volkreichste Region der bekannten Oikumene erscheint die kleinasiatische Halbinsel - mit angegebenen 30 Volksstämmen gegenüber 4 im östlichen Asien und 4 auf der angenommenen 'arabisch-ägyptisch-libyschen Halbinsel.

Für den 'terminus ante quem' (den Zeitpunkt, vor dem das historische Phönomen mit Sicherheit zu datieren ist) der hier wiedergespiegelten geographischen Kenntnisse lassen sich indirekt Schlußfolgerungen ziehen aus dem Fehlen der Erwähnung späterhin allgemeinbekannter und als wichtig geltender geographischer Erkenntnisse. Nicht erwähnt sind insbesondere der Indienzug Alexanders (327 - 325 v. Chr.) und die Expedition des Pytheas von Massilia in den nördlichen europanahen Atlantik (um 325 v. Chr.). Ferner geht das herodoteische Bild von der Erde noch nicht von deren Kugelgestalt aus, die erst seit dem Ende des 5. Jhts. v. Chr. in Kreisen der pathagoreioschen und platonischen Philosophie als plausibel angenommen wurde. - Für die zeitliche Einordnung bieten sich natürlich auch feste Datierungen an, die der Text enthält; doch war hier aus Übunsgründen danach nicht gefragt. So läßt sich aus dem Text entnehmen, daß seine Entstehung nach der Herrschaft des achämenidischen Perserkönigs Dareios (reg. 522 - 486 v. Chr.) anzusetzen ist. Selbstverständlich bieten sich ganz einfach auch die Lebensdaten Herodots (ca. 484 - ca. 430 v. Chr.) und die ungefähre Entstehungsgründe seiner 'Historien' (eines bis zu seinem Lebensende nicht völlig abgeschlossenen Werks) für eine Datierung an:

Zu b)

Eine Skizze müßte prinzipiell etrwa das folgende Aussehen haben. Hervorzuheben ist dabei die herodoteische Skepsis gegenüber unbegründete, wenn auch traditionsreiche hypopthetischen Annahmen über weitentfernt lebende, imngroßen und ganzen Völker und die Ränder der Erdebzw. einen sie ringförmig umfassenden Weltozean, wie sie etwa in Hekataios lliterarisch überlieferter Weltkarte (um 600 v. Chr.) festzustellen sind.

zu c)

Herodot unterscheidet in seinem Werk erkennbar:

a) Die Welt der Griechen und der anderen vertrauteren Völker des nahöstlich-mediterranen Raums, die ihm einer eingehenderen ethnographischen Beschreibung zumeist nicht bedürftig erscheinen, teils weil sie nach Herodots Auffassung seinem Publikum bekannt, teils weil sie in den ihm von seinen Reisen weniger vertrauten Regionen des westlichen Mittelmeerraums oder der afrikanischen und europäischen Küsten außerhalb der Straße von Gibraltar liegen,

b) barbarische Herrschaftsvöker Asiens, konkret die Perser, die sich in Frontstellung zu den Hellenen und damit 'Europa' - im herodoteischen Sinne - befinden,

c) reiche, große Länder und Völker mit alten Kulturtraditionen außerhalb der Griechenwelt, an denen Griechen wie Herodot vieles unverständlich ist, so insbesondere Ägypten und Mesopotamien,

d) die unbeherrschbaren barbarischen Völker ohne feste Wohnistze, also die Nomadenvölker, insbesondere die Libyer und die Skythen, soweit sie nomadisch leben, und schließlich

e) die Barbarenvölker an den äußersten Rändern der Oikumene, wie die Thraker, Kelten, Araber, Inder und Äthiopier.

Diese Unterscheidung spiegelt sich - in vereinfachter Form - auch in seinem literarisch formulierten Weltbild (Historien 4, 36 - 46) wieder.


 

LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)