Lösung zu Übung 2 b.

Die Aufgaben lauteten:

Prüfen Sie den im folgenden wiedergegebenen Text unter folgenden Aspekten:

a) Welche Theorie über Bewegung und Lage der Erde im Kosmos begründet Aristoteles?

b) Mit welchen gegenläufigen Theorien setzt er sich auseinander?

c) Wie würden Sie die Methode seiner Theoriebildung charakterisieren?

Lage und Bewegung der Erde im All. Aus Aristoteles, Meteora, 2. Buch (293 a 15 - 298 a 20).


Zu den einzelnen Punkten. Die Hinweise werden knapp gehalten. Im übrigen wird auf die Ausführungen des Kapitels und seine Literaturangaben verwiesen.

Zu a)

Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) nimmt theoretisch an, daß sich die Erde 'in der Mitte' des Alls befinde, daß sie dort unbewegt ruhe, d. h. weder sich auf irgendeiner Laufbahn bewege noch sich um sich selbst drehe ('geozentrische' Theorie vom Kosmos). Nach dieser Theorie bewegen sich die Gestirne um die Erde, und zwar die Gestirne des Fixsternhimmels, Sonne und Mond auf 'regelmäßigen' (kreisförmigen) , die 'Planeten' (von griech. 'planetes' = 'herumirrend') auf 'unregelmäßigen', d. h. schwer berechenbaren und beschreibbaren Umlaufbahnen. Diese Theorie behielt in der Astronomie der Antike, des Mittellaters und der frühen Neuzeit ihre Geltung, bis sie durch Nikolaus Kopernikus (1473 - 1543) theoretisch widerlegt wurde. Ihm gelang der Nachweis, daß sich die bis dahin bei Annahme einer Geozentrizizät nur äußerst kompliziert darstellbaren Planetenbahnen viel einfacher erklären und vorherbestimmen ließen, wenn man - vom Mond abgesehen - eine Umlaufbahn nicht um die Erde, sondern um die Sonne annahm und die Erde den so neudefiniertzen Planeten zurechnete. Die verfeinerten Methoden der Himmelsbeobachtung durch Fernrohre führten sodann seit dem Astronomen Johannes Kepler (1571 - 1630), der erstmalig ein Himmelsfernrohr konstruierte, zu einer genaueren Messung der Planetenbahnen und Fixsternkonstellationen, die die zunächst noch stark umstrittene kopernikanische Theorie untermauerten und verfeinerten. Schließlich gab Isaac Newton (1643 - 1727) mit seiner Gravitationstheorie eine theoretisch-phyikalische Erklärung für die beobachtbaren Bahnbewegungen der Gestirne und stellte damit nicht nur die Annahmen über das geozentrische Verhältnis von Erde, Sonne und Planeten, sondern die Vorstellung vom Kosmos generell auf eine ganz neue Grundlage.

Zu b)

Um die Bedeutung der aristotelischen Position abzuschätzen, ist es wichtig, die theoretischen Alternativen, mit denen er sich auseinandersetzt uhd ihreVertreter, nämlich namhafte philosophische Zeitgenossen und Vorgänger des Aristoteles, vor Augen zu führen. Aristoteles benennt etwa Thales von Milet, Anaximenes, Anaxagoras, Demokrit, Xenophanes, Empedokles, die Schule der Pythagoräer und Platon (Timaios), um deren theoretische Auffassungen von Kosmos und Erde, wo es ihm nötig scheint, zu wider legen. An den Pythagoräern kritisiert er eine aus rein spekulativen Gründen abgeleitete Annahme nicht der Erde, sondern eines 'Feuers' im Zentrum des Kosmos. Daß dies sich in der Neuzeit als prinzipielle richtige Annahme erwiesen hat, spricht dabei nicht gegen die Sorgfalt seiner Argumentation unter den zu seiner Zeit gegebenen Erkenntnisbedingungen. Der rein spekulative Grund der diesbezüglichen pythagoreischen Annahmen zeigt sich aus heutiger Sicht auch an deren von Aristoteles kritisierter, von uneinsichtigen kosmischen 'Prinzipien' aus konstruierten Annahme einer 'Gegenerde'. Ferner kritisiert Platon die im 'Timaios' von Platon vertretene Auffassung eines 'kleinen Kreises' einer der Mitte des Alls nächstliegenden Erde um den Himmelspol, obschon es auch schon zu seiner Zeit dafürsprechende Himmelsbeobachtungen gegeben haben könnte. Die zum Bild von der Kugel alternativen Annahmen über die Gestalt der Erde, nämlich die Annahme einer 'Scheibe' (Thales, Anaximenes, Anaxagoras und Demokrit), einer 'Trommel' oder einer 'unendlichen Tiefe' (Xenophanes), sei es aus Erde, sei es aus Wasser (Thales), sei es aus "etwas anderem" (scil. also wohl Luft oder Äther), werden nach Aristoteles im Zusammenhang widersprüchlichen Annahmen über das Ruhen der Erde in der Mitte unterhalb eines den Kosmos in irgendeiner Weise abgrenzenden Himmelsfirmaments vertreten. Auch mit einer 'Wirbel-Theorie', nach der die Lage der Erde in der Mitte des Alls aus einem Prozeß der wirbelartigen Zusammenfügung ihrer Materie entstehe - einer aus heutiger Sicht nicht ganz unrichtigen Annahme - und einer 'Mittefixierungs-Theorie' (Anaximander), wonach bei anzunehmendem festliegenden gleichen Abstand der Erde von allen Punkten eines (scil. oberen) sphärischen Himmelsfirmaments irgendeine Bewegung der Erde nicht möglich sei, setzt er sich auseinander. Insgesamt zeigen all diese theoretischen Annahmen, denen Aristoteles entgegentritt, mit aller die Deutlichkeit eine weitgehende Hilflosigkeit und Brüchigkeit spekulativer Formen antiker Philosophie bei der der Erklärung von Himmelsphänomenen an. Zu den genannten Philosophen und ihren Lehren, soweit sie überliefert wurden, im Überblick: Karl Vorländer, Geschichte der Philosophie mit Quellentexten. Auf Grundlage der verschiedenen Bearbeitungen von E. Metzke, H. Knittermeyer, E. Grassi und E. Kessler neu herausgegeben von H. Schnädelbach u. a., Bd. 1: Altertum. Durchgesehen und mit einem Nachwort versehen von M. Forschner, Hamburg 1990.

Zu c)

Die aristotelischen Argumentation erfolgt in mehreren Stufen. Zunächst formuliert er die zu untersuchenden Fragen - nach der Gestalt der Erde und ihrer Bewegung im All - und setzt sich mit den zu seiner Zeit vorliegenden philosophisch-wissenschaftlichen Auffassungen dazu auseinander, indem er ausdrücklich und umfassend all dem widerspricht, was er für widersprüchlich und unsubstanziiert hält. Bei seiner Kritik wendet er vor allem die Methode der logischen Widerlegung an. Auf bessere empirische Grundlagen beruft er sich nicht.

In einem zweiten Teil unternimmt er es dann, ausgehend von den nach der Kritik übrigbleibenden plausiblen Annahmen eine Theorie zu formulieren, die logisch konsistent ist und vorhandenen Beobachtungen der Himmelsphänomene zu seiner Zeit nicht widerspricht. Diese Verbindung synthetisch-theoretischer, logisch-kritischer und empirisch-überprüfender Gedankenoperationen ist nach Aristoteles etwas Riskantes, Fehlergefährdetes; denn die Widerlegung der widersprüchlichen oder falsch beobachtenden Auffassungen anderer, so führt er aus, reicht nicht aus, um zur Wahrheit zu gelangen. Das Herausfinden der Wahrheit ist, das ergibt sich aus seinen Ausführungen, ein Prozeß der Anpassung der Erkenntnismöglichkeiten an die Realität dessen, was Gegenstand des Erkenntnisinteresses ist.

Zu den empirischen Beobachtungen, von denen Aristoteles überprüfend ausgehet, gehört auch die, daß bei Veränderung eines Beobachterstandpunkts auf der Erdoberfläche für seine Zeit eine Veränderung der Wunkelgrößen und Distanzen innerhalb der Sternbilder des Fixternhimmels nicht festgestellt werden kann; hier handelt es sich aus heutiger Sicht um Beobachtungs- und Meßprobleme bei der antiken Himmelsbeobachtung ('Parallaxen-Meßproblem'). Diese Beobachtung ist jedoch der argumentative Hauptgrund für Aristoteles und die ihm insoweit jahrhundertelang folgende Astronomie, eine geozentrische Auffassung vom Kosmos zu vertreten. Theoretisch unbefriediegend erklärt bleiben bei dieser geozentrischen Perspektive allerdings die Planetenbahnen

An Aristoteles Argumentationsweise lassen sich somit zwei Momente hervorheben:

a) das in einem antiken Sinne'wissenschaftlich-dialektische' und

b) das einer von der dialektioschen Methode unabhängigen, wenn auch auf ihren Ergebnissen aufbauenden, logischen und empirischen 'Anpassung der Theorie von dem die Erkenntnis interessierenden Gegenstand' an seine 'Realität' (lat. 'adaequatio intellectus ad rem').

So maßstäblich und unersetzbar diese Prinzipien für wissenschaftliches Arbeiten bis heute geblieben sind, so deutlich wird doch am Beispiel der 'geozentrischen Theore', daß ihre Anwendung immer wieder einmal nicht ausreicht, um zu einem richtiges Bild von den Dingen, um die es der Wissenschaft geht, zu erlangen.


 

LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)