Mären von seltsamen Völkern, menschenähnlichen Wesen, grausamen Monstern in unbekannten Weltregionen und vom Totenreich am Rande der Welt.

Aus der Odyssee Homers 9, 85 - 142, 11, 1 - 22 und 12, 36 - 114.

Deutsche Übersetzung: Homer, Odyssee, verdeutscht von Thassilo von Scheffer, Wiesbaden, um 1955; S.140 f., 177, 200 - 203. Griechischer Textauszug (Odyssee, 9, 85 - 142) aus: W. Dindorf (Ed.), Homeri Odyssea,Leipzig 1879 4, S. 131 - 133.


Deutsche Übersetzung:

Lotophagen und Kyklopen (Odysse 9. Gesang, 85 - 142)

... Und dort stiegen wir aus am Ufer und schöpften uns Wasser.

Schnell von den Schiffen holten sich die Gefährten die Mahlzeit.

Aber nachdem wir mit Essen und Trinken den Hunger besänftigt,

Da erwählt ich zwei Männer und einen dritten als Herold

aus der Schar der Gefährten und sandte sie weiter auf Kundschaft,

was für Leute wohl in diesem Lande sich nährten.

Und sie enteilten und trafen sofort lotophagisehe Männer;

aber die sannen nicht auf unserer Leute Verderben,

sondern sie gaben ihnen von ihrem Lotos zu kosten.

Doch wer je von der lieblichen Frucht des Lotus genossen,

brachte nie mehr Botschaft und dachte nimmer an Heimkehr,

nein, sie wollten inmitten der lotophagischen Männer

bleiben und Lotus essen und ganz der Heimkehr vergessen.

Doch so sehr sie weinten, ich brachte sie wieder gewaltsam

an die Schiffe und band sie unter die Bänke der Rudrer.

Dann aber hieß ich schnell die andern lieben Gefährten

ohne Zögern aufs neu die hurtigen Schiffe besteigen,

auf daß niemand aus Liebe zum Lotus der Heimkehr vergäße.

Eilig stiegen sie ein und setzten sich wieder in Reihen

an die Ruder und schlugen mit ihnen das graue Gewässer.

Weiter fuhren wir so von dort bekümmerten Herzens,

und wir erreichten das Land der ruchlos wilden Kyklopen,

die voll Ubermut und auf die Götter vertrauend,

nie die Hände rührten zum Pflanzen oder zum Pflügen.

Alles gedeiht bei ihnen auch ohne Pflügen und Säen,

Weizen und Gerste und Reben, die Wein in üppigen Trauben

den Kyklopen tragen, vom Regen Kronionss befruchtet.

Ratsversammlung kennen nicht und keine Gesetze,

nein, sie hausen gesondert hoch auf den Gipfeln der Berge

in gewölbten Höhlen, und jeder gebietet und richtet

über Weib und Kind, und keiner achtet des andern.

Seitlich des Hafens streckt sich eine ebene Insel

nicht zu weit und nicht zu nah vom Land der Kyklopen.

Wälder sind dort, es leben darin in mächtigen Rudeln

zahllos wilde Ziegen, kein Schritt der Menschen verscheucht sie.

Und auch niemal betritt ein Jäger die &Mac218;nsel im Bergwald,

Mühsal zu ertragen beim Schweifen über die Gipfel.

Keine Herden bedecken das Land und keinerlei Äcker.

Saatlos, ungepflügt liegt itmmerwähtend die Insel,

leer von Menschen, jedoch von meckernden Ziegen bevölkert.

Bei den Kyklopen gibt es nicht rotwangige Schiffe,

keine Zimmcrlcute sind dort im Lande, die fleißig

tüchtige Schiffe baun, die zu den Stätten der Menschen

eilen und alles besorgen, wie ja die Menschen so häufig

miteinander verkehren auf feuchten Pfaden des Meeres.

Solche Leute hätten die Insel fleißig verwaltet;

ist sie doch nicht schlecht und brächte jederlei Ernte.

Denn an des grauen Meere Gestaden dehnen sich Wiesen,

feucht und locker, auch würden die Reben immer dort tragen,

ebene Scholle ist dort, stets könnten sie üppige Saaten

ernten zur rechten Zeit; denn fett ist unten der Boden.

Auch ein sicherer Hafen ist da, wo keinerlei Taue,

keine Ankersteine und kein Befrstigen nötig,

sondern der Schiffer mag landen und ruhig die Stunde erwarten,

wann ihm zu fahren beliebt und glückliche Winde sich heben.

Blinkendes Wasser sprudelt am inneren Ende des Hafens

quellend aus einer Grotte, Schwarzpappeln stehen im Umkreis.

Und dort legten wir an. ...


Das Totenreich am Rande der Welt (Elfter Gesang, 1 - 22).

Als wir nun aber zum Schiff und zum Ufer des Meeres gekommen,

zogen wir erst das Schiff hinab in die heiligen Wellen,

taten dann Segel und Mastbaum ins Innre des dunkelen Fahrzeugs,

nahmen auch die Schafe an Bord und stiegen dann selber

tiefbetrübt hinein und ganz in Tränen zerflossen.

Uns aber sandte im Rücken des dunkelgeschnäbelten Schiffes

Kirke, die schöngelockte, die mächtige, sprechende Göttin,

einen gar edlen Gefährten, den segelschwellenden Fahrwind.

Als wir in unserm Schiff nun alle Geräte geordnet,

saßen wir da, und der Wind und der Steuermann lenkten das Fahrzeug.

So tagüber durchlief es die Flut mit schwellenden Segeln.

Unter sank die Sonne, rings wurden die Pfade beschattet,

und so erreichte das Schiff des tiefen Okeanos Grenze.

Dort befinden sich Volk und Stadt kimmerischer Männer,

eingehüllt in Nebel und Dunst, und Helios' Strahlen

lassen nie ihr Licht auf jene Sterblichen leuchten,

weder beim Steigen der Sonne am sterndurhwanderten Ilimmel,

noch beim Niedergang vom Himmel zur Erde herunter.

Nein, verderbliche Nacht liegt über die Armen gebreitet.

Dort nun trieben wir das Schiff ans Ufer und nahmen

dei zwei Schafe heraus, und längs des Okeanos Strömung

schritten wir selber bis zum Platz, den Kirke bezeichnet. ...


Sirenen, Skylla und Charybdis (12. Gesang, 36 - 114).

... Als ich geredet, begann die erhabene Kicke und sagte:

"So ist alles dies denn nun vollendet. Bewahre,

Was ich dir sage! Ein Gott wird dich an alles erinnern:

Zu den Sirenen wirst du zuerst gelangen, die alle

Menschen bezaubernd umstricken, es möge kommen wer wolle;

wer sich den Sirenen unwissend nahte und jemals

ihre Gesänge vernahm, der kehrte nie wieder nach Hause.

Niemals werden freudig ihn Weib und Kinder begrüßen,

nein, hellsingend haben ihn die Sirenen bezaubert

dort am grünen Ufer. Rings liegt vermoderter Männer

bleiches Gebein gehäuft, und drüber verschrumpfen die Häute.

Du aber fahre vorbei, doch erst verklebe der Freunde

Ohren mit süßem, geknetetem Wachs, daß keiner von ihnen

die Sirenen vernehme. Doch willst du selber sie hören,

sollen im gleitenden Schiff die Leute an Händen und Füßen

aufrecht dich binden am Mast, mit festen Tauen umschlungen,

bis dein bezaubertes Ohr den Gesang der Sirenen getrunken.

Wenn du dann bittest und drohst, die Leute möchten sie lösen,

sollen sie dich sogar mit noch mehr Fesseln umwinden.

Sind die Freunde dann aber an jenen vorübergerudert,

will ich dich nicht mehr mit langen Reden bestimmen,

welcher von beiden Wegen dir besser zu raten. Du magst dann

selber suchen und wählen, ich will sie dir beide beschreiben:

Rechts erheben sich Felsen hochüberhängend; dagegen

brausen gewaltige Wogen der bläulichen Amphitrite.

"Prallende Klippen" so nennen die seligen Götter die Felsen.

Keinem Vogel gelingts vorbeizufliegen, den scheuen

Tauben nicht mal, die Zeus, dem Vater, Ambrosia bringen.

Immer fällt eine von ihnen der glatten Felswand zum Opfer.

Doch eine andere sendet der Vater, die Zahl zu ergänzen.

Kein bemanntes Schiff kam dort gerettet vorüber,

nein, die Wogen des Meeres und grausige, feurige Stürme

treiben die Planken des Schiffs mit den Leichen der Männer vorüber.

Und nur einem Schiff gelang es vorüberzukreuzen,

Argo, der allbesungnen, als sie von Aietes zurückfuhr;

schnell aber hätte die Welle auch sie an die Felsen geschleudert,

hätte nicht Here dem Jason zuliebe sie gnädig geleitet.

Links nun ragen zwei Klippen, es strebt die eine mir scharfem

Scheitel zur Höhe des Himmels, und düstere Wolken umhüllen

oben ihr Haupt, zerstreuen sich nie, das frühe und späte

Jahr hat nie den Gipfel in heiterer Helle gesehen.

Sterbliche könnten sie nie erklimmen oder besteigen,

wenn sie auch zwanzig Hände und zwanzig Füße besäßen;

denn die Klippe ist rings so glatt, als wär sie behauen.

Mitten in dem Fels ist eine umdunstete Höhle

offen gen Westen, dem Erebos zu, da lenkt ihr am besten

euer bauchiges Schiff vorüber, erlauchter Odysseus.

Auch ein rüstiger Mann vermöchte vom Innern des Schiffes

nicht in den Bau der Höhle den Pfeil vom Bogen zu schnellen.

Und da drinnen haust die schrecklich heulende Skylla.

Zwar ihr Schreien gleicht dem Laut eines ebengebornen

Hündleins, doch ist sie selbst ein grauses Scheusal, und keiner

würde des Anblicks froh, selbst wenn ihr Götter begegnen.

Denn die Skylla besitzt zwölf mißgestaltete Füße

und sechs Hälse dazu, ganz überlange, auf jedem

sitzt ein grausiges Haupt, darin drei Reihen von Zähnen,

stark und dicht, umlauert von schwarzen Schatten des Todes.

Bis zur Mitte liegt sie im Bauch der Höhle verborgen,

aber die Köpfe streckt sie heraus aus dem greulichen Schlunde.

Rings umspäht sie den Felsen und fischt mit schnappendem Rachen,

ob sie Delphine erwische, Seehunde oder ein größres

Untier, wie Tausende weiden im tosenden Meer Amphitrites.

Rühmen lann sich kein Schiffer, er habe da jemals das Fahrzeug

heil vorübergeretret. Mit jedem Rachen erfaßt sie

einen Mann und reißt ihn heraus aus dem dunkelen Seeschiff.

Niedriger wirst du, Odysseus, die andere Klippe erblicken,

nahe der ersten; es trügt der Pfeil von einer zur andern.

Dort erhebt sich hoch ein Feigenbaum, üppig beblättert;

unter ihm schlürft die hehre Charybdis das finstere Wasser.

Dreimal am Tage speit sie es aus, und dreimal, o Grauen,

schlürft sie es ein. Und kommst du zur Zeit des Schlürfens, dann weh dir;

denn es entrisse dich dann selbst nicht Poseidon dem Tode.

Nähere dich drum mehr dem Felsen der Skylla und treibe

schnell dein Schiff vorüber, denn es ist immer noch besser,

sechs Gefährten im Schiff als alle zusammen zu opfern."

Kirke sprachs, und ich begann und erwiderte also:

"Göttin, sage mir an und laß mich eines noch wissen:

könnte ich nicht vielleicht der schlimmem Charybdis entgehen

und der Skylla zugleich den Raub der Gefährten verwehren?

...


Griechischer Textauszug (erste Seiten).


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)