Menschliche Erwerbsarten, Naturanlagen und Kulturstufen.

Aristoteles, Politik, 1. Buch. 8.und 9. Kap., 1256 a 15 - 1257 a 4, und 9. Buch, 7. Kap., 1327 b 19 - 38.

Dt. Übersetzung: Aristoteles, Politik. Übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes. Mit einer Einleitung unc Günther Bien, Hamburg, 1990 4, S. 15 - 17 und S. 251. Griech. Textauszug: Aristotelis Politica. Recognovit brevique adnotatione critica instruxit W. D. Ross, Oxford 1962, 1327 a 38 - 1328 a 52, S. 222 f.


Deutsche Übersetzung.

[Menschliche Erwerbsarten und Kulturstufen - 1. Buch. 8.und 9. Kap., 1256 a 15 - 1257 a 4]

... wenn es Sache des Erwerbskundigen ist, zu wissen, woher Vermögen und Besitz zu erlangen ist, und der Besitz und der Reichtum viele Teile umfaßt, so stellt sich zuerst die Frage ein, ob die Landwirtschaft und überhaupt die Sorge für die Nahrung und ihr Erwerb ein Teil der Erwerbskunde ist oder eine andere Gattung.

Nun gibt es aber freilich viele Arten, sich zu ernähren, und darum auch vielerlei Lebensweisen bei Tieren und Menschen. Ohne Nahrung läßt sich nicht leben, und so haben die Unterschiede in der Art sich zu ernähren auch die Lebensweisen der animalischen Wesen verschieden gestaltet. Was die Tiere anlangt, so leben sie teils herdenweise, teils vereinzelt, je nachdem es für ihre Ernährung nützlich ist, da einige unter ihnen von Fleisch leben, andere von Pflanzenkost und wieder andere von beidem, so daß die Natur mit Rücksicht auf die Leichtigkeit im Erlangen solcher Kost ihre Lebensweise gesondert hat. Und da nicht jedem das gleiche von Natur zusagt, sondern dem dies, dem jenes, so sind auch wieder die Lebensweisen der fleischfressenden und plianzenfressenden Tiere selbst untereinander verschieden.

Ahnlich ist es aber auch mit den Lebensweisen der Menschen; sie zeigen große Unterschiede. Die trägsten Menschen sind Nomaden; denn die von den zahmen Tieren gebotene Nahrung wird ihnen ohne Mühe zuteil, ohne daß sie viel dabei tun, und nur wegen der Notwendigkeit für das Vieh, der Weide wegen den Ort zu wechseln, sind sie selbst mitzuziehen gezwungen, wie wenn sie einen lebendigen Acker bebauten. Andere leben von der Jagd, die bald von dieser, bald von jener Art ist, die einen vom Raube, andere, die an Seen, Sümpfen, Flüssen oder an fischreicher Meeresküste wohnen, vom Fischfang, noch andere von Vögeln und wilden Tieren. Die zahlreichste Klasse der Menschen aber lebt von der Erde und ihren zahmen Früchten.

Der verschiedenen Lebensweisen also, bei denen natürliche Arbeit geleistet und der Unterhalt nicht durch Tausch und Handel gewonnen wird, sind ungefähr soviele: das Leben der Nomaden, der Bauern, der Räuber, der Fischer und der Jäger. Manche verbinden auch diese Lebensweisen miteinander und gewinnen so eine behagliche Existenz, indem sie das dürftigste Leben mit Nebenerwerb bereichern, soweit es jeweilig nicht zureicht, sich selbst zu genügen. So führen zum Beispiel die einen gleichzeitig ein Nomaden- und Räuberleben, die anderen verbinden mit dem Ackerbau die Jagd, und so gilt auch von den anderen Lebensweisen, daß sie je nach Erfordernis der Not verbunden geführt werden.

Die bis jetzt behandelte Art von Besitz wird nun offenbar allen lebenden Wesen durch die Natur selbst zuteil, wie gleich bei ihrer ersten Entstehung, so auch hernach, nach dem Abschlusse ihrer Entwicklung. Manche Tiere bringen sofort, wenn sie ursprünglich entstehen, soviel Nahrung mit hervor, als hinreicht, bis das neugeborene Wesen sie sich selbst verschaffen kann, was bei allen würmer- oder eiergebärenden Tieren der Fall ist; alle lebendiggebärenden Tiere aber haben bis zu einem bestimmten Zeitpunkte die Nahrung für ihre Jungen, namentlich jenen Stoff, den man Milch nennt, in sich selbst. Man sieht aber ebenso, wie auch nach dem Eintritt ins fertige Dasein für alles Lebendige die Annahme gelten muß, einmal, daß die Pflanzen der Tiere wegen, und dann, daß die anderen animalischen Wesen der Menschen wegen da sind, die zahmen zur Dienstleistung und Nahrung, die wilden, wenn nicht alle, doch die meisten, zur Nahrung und zu sonstiger Hilfe, um Kleidung und Gerätschaften von ihnen zu gewinnen. Wenn nun die Natur nichts unvollständig und auch nichts umsonst macht, muß sie sie alle um des Menschen willen gemacht haben. Daher wird auch die Kriegskunde in gewissem Sinne von Natur eine Erwerbskunde sein. Denn die Jagdkunst ist ein Teil von ihr, und sie kommt teils gegen die Tiere, teils gegen solche Menschen zur Anwendung, die von Natur zu dienen bestimmt sind, aber nicht freiwillig dienen wollen, so daß ein solcher Krieg dem Naturrecht entspricht.

So ist denn eine Art der Erwerbskunst naturgemäß ein Teil der Haushaltungskunst. Sie müssen diejenigen verstehen oder doch sich anzueignen wissen, deren Aufgabe es ist, alle jene Dinge zu beschaffen und zu bewahren, die für die Gemeinschaft in Haus und Staat zum Leben nützlich und notwendig sind. In diesen Dingen besteht ja auch wohl einzig der wahre Reichtum. Denn was an derartigem Besitz erfordert wird, um für ein vollkommenes Leben zu genügen, ist nicht ohne jede Grenze, wie Solon in seinem Gedichte in den Worten behauptet:

"Reichtum hat keon Maß, das greifbat den Menschen gesetzt ist."

Das Maß ist wohl gesetzt, wie für die anderen Künste ja auch. Denn kein Werkzeug irgendeiner Kunst ist nach Menge oder Größe unbegrenzt. Der Reichtum aber ist nichts anderes als eine Menge von Werkzeugen für die Haus- oder Staatsverwaltung.

So sieht man denn, daß und warum es für die Hausvorstände und die Staatsmänner eine natürliche Erwerbskunst gibt.

Es gibt aber noch eine andere Gattung von Erwerbskunst, die man vorzugsweise und mit Recht als die Kunst des Gelderwerbes oder der Bereicherung bezeichnet. Sie ist schuld daran, daß man meint, es gebe für Reichtum und Besitz keinerlei Grenze. Manche halten sie wegen der nahen Verwandtschaft mit der eben besprochenen Kunst mit ihr für eins und dasselbe; in Wirklichkeit ist sie es nicht, steht ihr aber freilich nicht sehr fern; die eine von ihnen ist eine natürliche Erwerbsweise, die andere ist es nicht, sondern vielmehr ein Produkt einer gewissen Erfahrung und Kunst. ...


[Klimazonen und Kulturstufen - 9. Buch, 7. Kap., 1327 b 19 - 38]

... Von welcher Beschaffenheit aber die Bürger [scil. eines wohlgeordneten Polis-Gemeinwesens) von Natur sein müssen, wollen wir jetzt angeben.

Man kann sich darüber schon einigermaßen ein Urteil bilden, wenn man auf die berühmteren griechischen Städte und die ganze bewohnte Erde, wie sie unter die Völker verteilt ist, einen Blick wirft. Die Völker in den kalten Strichen und in Europa sind zwar mutvoll, haben aber wenig geistige und künstlerische Anlage und behaupten deshalb zwar leichter ihre Freiheit, sind aber zur Bildung staatlicher Verbände untüchtig und ihre Nachbarn zu beherrschen unfähig. Die asiatischen Völker haben einen hellen und kunstbegabten, dabei aber furchtsamen Geist, und deshalb befinden sie sich in beständiger Dienstbarkeit und Sklaverei. Das Geschlecht der Griechen aber hat, wie es örtlich die Mitte hält, so auch an den Vorzügen beider teil und ist mutig und intelligent zugleich. Deshalb behauptet es sich immerfort im Besitz der Freiheit und der besten staatlichen Einrichtungen und würde alle Nationen beherrschen können, wenn es zu einem Staate verbunden wäre. Ganz auf dieselbe Weise sind aber auch die einzelnen griechischen Stämme unter sich verschieden. Die einen sind einseitig veranlagt, in den anderen sind die beiden genannten Vorzüge in glücklicher Mischung miteinander verbunden. Man sieht also, daß diejenigen, die der Gesetzgeber leicht zur Tugend soll leiten können, von Natur intelligent und mutig sein müssen. ...


Griechischer Textauszug (1327 a 38 - 1328 a 52).


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)