Lösung zu Übung 3 a.

NOCH IN BEARBEITUNG.

Die Aufgaben lauteten:

a) Was ist die Grundaussage und -absicht der nachfolgend wiedergegebene Textes?

b) Versuchen Sie, mit Ihren jetzt gegebenen Kenntnissen die im Text aufgeführten Völkerschaften räumlich und völkergeschichtlich zu identifizieren.

c) Wie groß ist der Horizont der dem Textautor bekannten Welt. Wie ist die Völkerwelt gegliedert?

d) In welcher Zeit könnte er danach entstanden sein?

Ein Mythos von der Entstehung der Vielzahl der Völker: die Söhne Noahs und der Turmbau zu Babel (1. Buch Mose, Kap. 10, 6 - 22, 11. 1 - 6). Dt. Übersetzung: Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments. Mit Einleitunten zu jedem der biblischen Bücher und erklärenden Anmerkungen zu den Texten. Hg. von T. Schwegler, A. Herzog und J. Perk, (Große Familien-Bibel), Zürcih u. a. O., S. 44 f. - Hebräischer Textauszg aus: Biblia Hebraica, unter Mitwirkung zahlreicher Wissenschaftler hg. von Rudolf Kittel, Stuttgart 1912 2 , S. 13.


Zu den einzelnen Punkten. Die Hinweise werden knapp gehalten. Im übrigen wird auf die Ausführungen des Kapitels und seine Literaturangaben verwiesen.

Zu a)

Dieser dem Alten Testament der Bibel entstammende Text sagt aus, daß die gesamte Menschheit auf der Erde von einem Stammvater, Noah, abstamme. Nach der 'Sintflut', also nach der Beseitigung der vorher existierenden, bis auf Noah gottlos gewordenen Menschheit durch die von Gott geschickte große Flut, habe sich im Rahmen einer Abstammungsverzweigung, ausgehend von etwa 70 männlichen Nachkommen Noahs, Völkerwelt gebildet. Wegen der in Babel beim Bau des dortigen 'Turms' erneut hervorgetretenen menschlichen Hybris Gott gegenüber sei die an sich von gleicher Abstammung und gleichem Wesen gekennzeichnete Menschheit erneut mit dem Übel betsraft worden, nunmehr mit dem der 'Sprachverwirrung', d. h. der Unfähigkeit zur Verständigung in einer Sprache.

Bei diesen Aussagen tritt einmal eine religiöse Distanz gegenüber der babylonischen Religion hervor: der 'Turm von Babel' - gleichzusetzen mit der berühmten 'Zikkurat' von Babylon, einem Zentrum der babylonischen Verehrung der Götter des Himmels - wird als gottloses Werk dargestellt. Zum anderen ist eine besondere Stellung des späteren Volkes Israel - in seinem Stammvater-Ahnen Heber (> Hebräer) - kaum mehr als angedeutet. Elemente babylonischer Mythologie (Sage von Nimrod) finden sich in der Genealogie wieder.

Zu b)

Die Identifikation der Völker anhand der angegebenen Eigennamen ist ohne philologische Vorkenntnisse nur partiell möglich und in Einzelfragen auch wissenschaftlich umstritten. So sind zum Beispiel die manchmal in deutscher Umschrift so geschriebenen 'Hethiter'nicht das indogermanische, reichsbildende Volk im Kleinasien des 2. Jahrtausends v. Chr., sondern ein kanaanäisches Volk in Palästina. Die ähnlich lautenden 'Chittiter' sind ihrerseits die Bewohner von 'Chittim' (Zypern).

Im großen und ganzen ergibt sich jedoch eine Übersicht über die Völkerwelt, die vom Westen des heutigen Iran (Madai > Meder und Elam) bis nach Italien (Tiras > Etrusker, 'Tyrsi'), von Griechenland (Jawan > 'Jonier'), Vorderasien (Lud > Lydien) und Kreta (Kaphtor) bis zum Sudan (Kusch), nach Äthiopien (Chawila) und Südarabien (Scheba > Saba) reicht. Die Menschheit betsteht aus ca. 70 Völkern - diese Zahl ist im biblischen Sprachgebrauch späterhin ein Synonym für die 'ganze Menschheit in ihrer Vielfalt' geworden und hat lange Zeit eine Art theologisch-ethnographischer Autorität besessen - und drei großen Gruppen, den Nachkommen des Sem, des Ham und des Japhet, die sich alledrdings nicht grundsätzlich, sondern nur durch ihre schwerpunktmäßige Ansiedlung im Norden (Nachkommen des Japhet), im Osten (Nachkommen des Sem) und im Süden (Nachkommen des Ham) unterscheiden. An diese biblische Gruppenbildung hat später auch eine neuzeitliche, wissenschaftlich-ethnographische und linguistisch-sprachgeschichtliche Begriffsbildung angeknüft ('Semiten', 'Hamiten')

Zu c)

Der Horizont der biblischen Völkertafel ist noch weitaus kleiner als der des Weltbildes des Hekataios (um 600 v. Chr.) oder des Herodot (Mitte des 6. Jhts. v. Chr.).

Zu d)

Aus c) ergeben sich Hinweise für die Entstehungzeit der philologisch als älter einzuschätzenden Textelemente; sie dürften wenigstens vor 600 v. Chr. liegen. Die aus der älteren mittelmeerischen Geschichte stammenden Namen (wie z. B. 'Tiras' = 'Etruskerland' für ganz Italien, 'Ellisa' für einen Teilbereich des ganz Griechenland bezeichnenden 'Jawan') oder die namentliche Abwesenheit zu ihrer Zeit so wichtiger und namentlich bekannter Völker wie der 'Perser' weisen darüber hinaus auf eine relativ frühe, vielleicht schon im 8. Jht. v. Chr. liegende Abfassung älterer Passagen des Textes, die in seine endgültige Redaktion eingingen, hin. Die Aufnahme bzw. Voraussetzung mesopotamischer Mythen-Elemente, die sich u. a. auch im babylonischen Gilgamesch-Epos auffinden lassen ('Sintflut'-Mythos, Nimrod-Mythos), deutet sandererseits auf eine enge gedankliche Verbindung mit dem babylonisch-assyrischen Kulturkreis des Zweistromlandes hin, wie sie in der Zeit der jüdischen Gefangenschaft in Babylon (ca. 587 - 539 v. Chr.) besonders nahelag, hin; eine Entstehung dieser Textpassagen dürftte daher in diese Zeit fallen. Zur zeitlichen Einordnung der Textstelle bzw. ihrer Textschichten 'J 2' und 'P': E. Kautzsch, A. Bertholet (Hg.), in Vbdg. mit zahlreichen Gelehrten, Die Heilige Schrift des Alten Testaments, Übersetzung und Kommentar, Tübingen 1922 4, S. 25 - 27.


 

LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)