Lösung zu Übung 3 b.

Die Aufgaben lauteten:

a) Was wissen Sie über die Epoche und die Personen, denen die nachfolgenden beiden Textauszüge historisch zuzuordnen sind? Was läßt sich aus den Textpassagen über ihren thematischen Zusammenhang entnehmen?

b) Wie ist im Platon-Dialog 'Protagoras' die Entwicklung der menschlichen Kultur von ihren Anfängen an erklärt?

c) Wie ist in der 'Politik' des Aristoteles die Verschiedenartigkeit der menschlichen Kulturformationen theoretisch begründet?

Gründe und Richtungen der Entwicklung menschlicher Kultur. Platon, Protagoras 320a - 323 a. Dt. Übersetzung nach: H. W. Krautz, Protagoras. Griechisch-Deutsch. Übersetzung und Kommentar, Stuttgart 1987, S. 32 - 39.- Griech. Textauszug aus: H. W. Krautz, w. o., S. 36 und 38.

Menschliche Erwerbsarten, Naturanlagen und Kulturstufen. Aristoteles, Politik, 1. Buch. 8.und 9. Kap., 1256 a 15 - 1257 a 4, und 9. Buch, 7. Kap., 1327 b 19 - 38. Dt. Übersetzung: Aristoteles, Politik. Übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes. Mit einer Einleitung unc Günther Bien, Hamburg, 1990 4, S. 15 - 17 und S. 251. Griech. Textauszug: Aristotelis Politica. Recognovit brevique adnotatione critica instruxit W. D. Ross, Oxford 1962, 1327 a 38 - 1328 a 52, S. 222 f.


Zu den einzelnen Punkten. Die Hinweise werden knapp gehalten. Im übrigen wird auf die Ausführungen des Kapitels und seine Literaturangaben verwiesen.

Zu a)

Der Dialog 'Protagoras' stammt von Platon. In ihm treten als hauptsächlich miteienander Diskutierende Sokrates und Protagoras auf. Die Schrift über die 'Lehre von der Politik' stammt von Aristoteles. Über diese vier Persönlichkeiten der griechischen Geistesgeschichte läßt sich in Kürze folgendes mitteilen:

Protagoras aus Abdera (Thrakien; ca. 480 - 410 v. Chr.) , Sophist und Rhetor, der zu seiner Zeit als maßstabsetzender Inbegriff eines umfassend gebildeten und zur zugleich zur öffentlichen rhetorischen Aktion befähigten Sophisten galt, suchte sich - wie manch anderer gebildeter griechischer, aber nicht-athenischer Zeitgenosse sein Wirkungsfeld im Athen der klassischen Epoche. Er gehörte dort zum Freundeskeris des Perikles. Vor allem als publizierender Lehrer der Philosophie und Rhetorik erlangte er Prominenz, wobei nicht nur seine Lehr- und Vortagstätigkeit auf dem Gebiete der Rhetorik, sondern auch die Art und Richtung seiner den menschlichen Erkenntnismögklichkeiten und ihren festen Voreinstellungen gegenüber skeptischen Philosophie Einfluß entwickelten. Seine Auffassung, daß man über die Gottheit nichts Sicheres aussagen könne, weder im Sinne ihrer Existenz noch im Sinne ihrer Nicht-Existenz, trug ihm den Vorwurf des Atheismus ein. Die Auffassung, über jede Sache könne man konträre Behauptungen ('dissoi logoi') aufstellen, wenn man auch letztlich nicht widersprechende Aussagen über sie machen könne, unterbaute die Lehre von der praktischen, auf argumentativen Erfolg in der öffentlichen Auseinandersetzung ausgerichteten Rhetorik ebenso wie auch die von einer wahrheitsorientierten, methodisch-dialektischen Philosophie ('Dialektik') im Sinne der Philosophenreihe Sokrates, Platon und Aristoteles gedanklich. - Der hier teilweise wiedergegebenen Dialog ist einer seiner Denkweise besonders angemessenen Darstellungsform. Das Wort 'Dialog' hängt mit griech.' dialegesthai' = 'miteinander reden', 'diskutieren' und 'dialektike' = 'Kunst der kontroversen Gesprächsführung und Gedankenentwicklung' sprachlich zusammen.. Platon, der Verfasser dieses nachempfundenen Dialogs, läßt Protagoras theoretische Gedanken über die Entwicklung der menschlichen Kultur in der besonders einprägsamen Form eines 'Gleichnisses' ('Allegorie') entwickeln. Diese rhetorische Form hat typische Vor- und Nachteile. Sie erleichtert zwar die ansonsten schwierig zu formulierende theoretische Aussage durch ihre analogen Übertragung in eine Fabel. Der verständigungsbezogene Nachteil der allegorischen Darstellung besteht andererseits in ihrer Interpretierbarkeit, d. h. in einer gewissen Unklarheit, die beim Zuhörer oder Leser nur entweder durch zusätzliche Erklärungen des Redners oder durch eine eigenaktive Rückübertragung auf den Bedeutungsgehalt einer eindeutigen theoretischen Aussage ausgeräumt werden kann.

Sokrates (470 - 399 v. Chr.), geborener Athener, aus einfachen Verhältnissen stammend, stieg dennoch im sophistisch geprägten Geistes- und Bildungsleben seiner Heimatsatdt zu einer maßgeblichen und schulbildenden philosophischen Autorität auf. Lehrer auch mancher athenischer Spitzenpolitiker, wie etwa des Alkibiades, ferner geprägt von der Überzeugung, als Bürger der Stadt Athen auch deren Gesetzen und politisch-praktischen Anforderungen genügen zu müssen, vertrat er eine zugleich volksnah formulierende ('mäeutische') und dezidiert erkenntnis- und wahrheitsbezogene Form dialektischer Philosphie, die er im Gespräch und in öffentlicher Rede, nicht aber in gelehrten Schriften mitteilte. Er war ein Hörer des zehn Jahre älteren Protagoras, dessen skeptische und rhetorik-orientierte Denkweise sich bei ihm iwederfindet, wenn auch in einer charakteristisch modfizierten, nicht mehr 'sophistischen', sondern nunmehr 'philosophisch-wissenschaftlichen' Form.

Platon (427 - 347 v. Chr.), aus einer vornehmen und vermögenden athenischen Familie stammend, lebte das Leben eines wirtschaftlich abgesicherten Privatgelehrten. Als junger Mann zählte er zu den Schülern des Sokrates, gründete aber nach Sokrates Tode i. J. 399 selbst eine philosophische Schule ('Akademie', 'Akademiker'). In seiner Philosophie knüpfte er an Sokrates Lehre an und verbreitete sie - anders als Sokrates und gewissermaßen an dessen Stelle - auch literarisch.Insbesondere machte er Sokrates zur zentralen Figur seiner meisten Dialoge. Allerdings entwickelte er im Laufe seines langen Philosophenlebens nach Sokrates Tode naturemäß ein eigenes systematisches Lehrgebäude, das über den Einfluß des Sokrates weit hinausging und auch die interpretrative Darstellung des Sokrates in manchen Dialogen beeinflußt haben dürfte. So entwickelte er u. a. etwa eine aisgeprägtes theoretisches Lehrgebäude von einer dialektischen Bewegung der Ideen ('platonischer Idealismus') und auch ein solches von einem 'idealen Staatswesen'. Dem manchmal demokratisch, manchmal oligarchisch verfaßten athenischen Staat seiner Zeit stand er nicht nur aufgrund seiner Herkunft, sondern auch wegen spürbarer und folgenreicher Fehlhaltungen und Fehlentscheidungen der jeweils regierenden 'Parteien' - z. Zt. des peloponnesischen Kries und danach - mit deutlicher und immer grundsätzlicher werdender Skepsis gegenüber. Ein politisches Engagement in Syrakus endete ebenfalls mit der Erkenntnis, daß die Loyalität eines wahrheitsliebenden Philosophen nicht einem konkreten Staate, sondern allenfalls den vernünftigen ideellen Prinzipien eines konkreten Gemeinwesens gelten könne (Platon, Briefe (ep.) 7, 324 B - 326 B (ed. Nestle); Der Staat, (griech. 'politeia', lat. 'de republica', Abk. 'rep.' 7, 521 a).

Aristoteles (384 - 322 v. Chr.), aus Stageira in Thrakien / Makedonien), d. h. aus dem damaligen politischen Einflußgebiet Makedoniens stammend, Sohn eines Arztes, suchte bereits im Alter von 17 Jahren in Athen Anschluß an Platon, dessen Schüler er bis zu Platons Tode i. J. 347 v. Chr. blieb. Danach begab er sich - offenbar auch aus Erwerbsgründen - als Lehrer nach Atarneus und Mytilene, um im Jahre 345 von Philipp II. von Makdonien zum Erzieher seines da,als elfjährigen Sohnes Alexander (356 - 323 v. Chr.), des späteren makedonischen Königs und Eroberers des persischen Achämenideneiches, berufen zu werden. Nach dem Tode Philipps und dem Herrschaftsantritt Alexanders i. J. 335 v. Chr. ging Aristoteles wieder nach Athen und gründete eine eigene Philosophenschule ('Peripatos', 'Perpatetiker'), in der er die platonische Philosophie teilweise fortführte, jedoch auch erheblich kritisierte und modifizierte. Von besonderer Bedeutung für seine Position war dabei eine zu 'idealistische' Ontologie des platonischen Lehrgebäudes, sein zu stark 'theoretischer', d. h. nicht-empirischer Charakter, und sein zu einseitig auf die 'Dialektik' als Weg zur Wahrheit setzende Erkenntnistheorie. Nicht nur wegen seiner Nähe zum makedonischen Königshaus, sondern vor allem auch wegen seiner umfassenden und wegweisenden Lehr- und Publikationstätigkeiten auf fast allen Gebieten der damaligen Wissenschaft - von der Metaphysik, Logik und Rhetorik über die Lehre von der Politik und Ethik bis zur Astronomie und Botanik, um nur diese Gebiete zu nennen, - gewann er in Athen große Autorität und Prominenz, die nur zeitweilig - für kurze Zeit nach dem Tode Alexanders - in Zweifel gezogen wurde. Sein literarisches Werk ist weitgehend überliefert, allerdings wohl nur, soweit es aus seiner Zeit als Schuloberhaupt in Athen zwischen 335 und 323/2 v. Chr. hervorgegangen ist. Die danach in zwölf Jahren entstandene Vielzahl von Publikationen ist der Zahl nach außerordentlich und außerdem für die Geistesgeschichte inhaltlich höchst bedeutend geworden. Zu seinen Werken gehört auch eine 'Lehre von der Politik' (griech. 'politike', lat. 'politica', Abk.'pol.'), aus der die hier zu kommentierende Textassagen stammen.

Protagoras, Sokrates, Platon und Aristoteles gehören alle der klassischen Zeit der griechisch-antiken Sophistik und Philosophie an 5./4. Jht v. Chr.) an. Ein sie alle interssierendes Thema ist die Frage nach dem Wesen der menschlichen Kultur und eine auch auf diese bezogene, kritisch-skeptische und zugleich an der Frage konstruktiver Erkenntnis interessierte Philosophie.

Zu b)

In der Darstellung des von Platon gestalteten Dialogs erklärt Protagoras die Entstehung der menschlichen Kultur als bedingt durch eine magelhafte natürliche Aussattung des Gattungswesens Mensch. Er sieht den Menschen als 'Mängelwesen Der Mensch habe nur eine einzige Fähigkeit, die ihn anderen Lebewesen gegenüber überlegen machen könne, nämlich seine 'technische Intelligenz'. Diese allerdings reiche für ein Überleben noch nicht aus. Vielmehr bedürfe es eines politischen Zusammenschlisses als kollektiver 'Überlebensstrategie' menschlicher Gruppen. In der Wertung erscheint die 'technische Intelligenz' bloß als 'Substitution' für einen partiell mißlungenen Schöpfungsprozeß, der den Gehilfen der Gottheit, Epimetheus und Prometheus, teilweise im negativen, teilweise im positiven Sinne zugeschrieben wird. Die Fähigkeit, gemeinschaftsbildend und damit 'politisch' das eigene Überleben zu sichern, erscheint dagegen als 'Geschenk des Zeus' und wird unmittelbar auf seine göttliche Gerechtigkeit zurückgeführt. Die Theorie vom 'Mängelwesen' Mensch - einschließlich der emotionalen Unterschätzung seiner technischen und der emotionalen Überschätzung seiner politischen Fähigkeiten - hat bis heute geistesgeschichtliche Nachwirkungen entfaltet; vgl dazu zum Beispiel eine heutige philosophisch-anthropologische Anknüfung an die platonische Theorie bei Arnold Gehlen, Urmensch und Spätkultur. Philosophische Ergebnisse und Aussagen, Frankfurt M. 1973 3 , S. 7.

Zu c)

Aristoteles präsentiert zur Erklärung der menschlichen Kultur zwei verschiedenartige Ansätze: eine 'Kulturstufen' -Theorie und eine 'Klima' -Theorie).

In der 'Kulturstufen'-Theorie sieht er menschliche Kulturformationen als Ergebnis eines Evolutionsprozesses, in dem - je nach den Möglichkeiten, die sich einer Entwicklung bieten, innerhalb menschlicher Populationen einfachere Formen der Reproduktion und der damit verbundenen gesellschaftlichen Organisation durch kompliziertere und differenziertere abgelöst werden, und zwar in einer typischen Reihenfolge, bei der zunächst 'Jagen' [gedanklich wohl zu ergänzen durch 'Sammeln'] und 'Rauben' im Mittelpunkt stehen, später der Ackerbau und schließlich die marktorientierten, städtischen Lebens- und Erwerbsweisen. Diese Stufen-Theorie hat geistesgeschichtlich bis heute nachgewirkt, so etwa in den kulturanthroplogischen Begriffen einer 'Jäger- und Sammlergesellschaft', einer 'Ackerbaugesellschaft' oder einer städtisch basierten 'Hochkultur'.Vgl. dazu etwa: V. Gordon Childe, Soziale Evolution. Übersetzung aus dem Englischen von Hans Werner Saß, (1951) Frankfurt M. 1975.

Die 'Klima'-Theorie erklärt nicht nur statistisch hervortretende typische Differenzen im körperlichen Erscheinungsbild bei verschiedenernMenschenpopulationen (Rassen) auf der Erde, sondern auch kulturelle Besonderheiten in den von diesen Menschengruppen getragenen bzw. ihnen zugerechneten Kulturen als bedingt durch Faktoren der natürlichen Umwelt, insbesondere durch das 'Klima' (von griech. 'klima' = 'Neigung', auch: 'Neigungswinkel der Sonne', auch: 'Lage eines Ortes im sphärischen Gradsystem der Erdvermessung). So wird z. B. nicht nur eine typische dunkle Haut, sondern auch eine typische charakterliche Disposition oder Nicht-Disposition zu Beharrlichkeit, Leistungen im Politischen, Einfallsreichtum u. a. in Verbindung mit dem dauernden Aufenthaöt von Populationen nahe dem Äquator, d. h.in heißen Erdregionen gesehen. Dies Theorie hat ebenfalls bis heute geistesgeschichtlich nachgewirkt. Siehe dazu Kap. 9. , wo auch auf die Nachwirkung anderer antiker Erklärungsansätze für die Ausbildung kultureller und ethnischer Unterschiede in der Menschheit eingegangen wird.


 

LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)