Gründe und Richtungen der Entwicklung menschlicher Kultur.

Platon, Protagaras 320a - 323 a.

Dt. Übersetzung nach: H. W. Krautz, Protagoras. Griechisch-Deutsch. Übersetzung und Kommentar, Stuttgart 1987, S. 32 - 39. - Griech. Textauszug aus: H. W. Krautz, w. o., S. 36 und 38.


"... Wenn ich jedenfalls, mein Protagoras, darauf blicke, so meine ich, die Tüchtigkeit sei nicht lehrbar. Da ich dich aber dies behaupten höre, schwanke ich und glaube, daß etwas ist an dem, was du sagst, weil ich meine, daß du in vielem erfahren bist, vieles gelernt, manches selbst entdeckt hast. Wenn du es also verstehst, uns noch augenscheinlicher zu demonstrieren, daß die Tüchtigkeit lehrhar ist, so enthalte es uns nicht vor, sondern demonstriere es."

"Ja, mein Sokrates", sagte er, "ich werde es euch nicht vorenthalten. Doch soll ich es euch als Älterer den Jüngeren demonstrieren, indem ich ein Märchen erzähle, oder indem ich es in einer Erörterung ahbandle?" Viele nun erwiderten ihm von denen, die dabeisaßen, wie immer er wolle, so möge er es abhandeln. "Es scheint mir also", sprach er, "reizvoller zu sein, euch ein Märchen zu erzählen.

Es war einmal eine Zeit, da es Götter gab, sterbliche Arten aber nicht gab. Da auch für sie die Zeit kam, die schicksals-verhängte ihrer Zeugung, formen die Götter sie drunten in der Erde, aus Erde und Feuer mengend und allem, was aus Feuer und Erde gemischt wird. Da sie sie nun ans Lieht bringen sollten, trugen sie Prometheus und Epimetheus auf, Fähigkeiten bereitzustellen und zuzuweisen, einem jeglichen, wie es ihm gehühre. Von Prometheus bedingt sich Epimetheus aus, selbst zuweisen zu dürfen: Habe ich zugewiesen, sprach er, so besichtige es Und so überredet er ihn und weist zu. Zuweisend versah er die einen mit Stärke ohne Schnelle, die Schwächeren startete er aus mit Schnelle. Die einen waffnete er, den andern gab er waffenlosen Wuchs, ersann ihnen eine andere Fähigkeit zur Rettung. Denn die er in Kleinwüchsigkeit kleidete, denen wies er gefiederte Flucht oder unterirdische Behausung zu; die er durch Grüße mehrte, rettete er gerade dadurch. Und so alles übrige angleichend, wies er es zu. Dies aber ersann er, weil er auf der Hut war, daß nicht eine Art ausgetilgt würde. Da er nun ihnen vor wechselseitiger Vernichtung Entrinnen gewährt, ersann er Anpassung an die Wetter des Zeus, umhüllte sie mit dichtem Haar und zähem Fell, hinlänglich, um dem Winter, fähig, auch den Gluten zu wehren, und, wenn sie in ihre Lager gingen, daß zugleich hätte heimische und mitgewachsene Bedeckung ein jeglicher, und er beschuhte die einen mit Hufen, die andern mit Häuten, zähen und blutleeren. Sodann verschaffte er den einen diese, den andern jene Nahrung, den einen der Erde Pflanzwuchs, den andern der Bäume Früchte, wieder andern Wurzeln, einigen gar gab er zur Nahrung anderer Tiere Fraß. Und die einen versah er mit Zeugungsschwäche, die andern, von ihnen Hinweggerafften, mit Zeugungskraft, so Rettung für die Art schaffend. Da nun Epimetheus nicht eben sehr klug war, entging ihm, daß er die Fähigkeiten aufgebraucht hatte für die vernunftlosen Wesen: übrig war schließlich, noch unausgestattet von ihm, das Menschengeschlecht, und er war ratlos, was er anfangen sollte. Wie er nun ratlos ist, kehrt ihm Prometheus wieder, die Zuweisung zu besichtigen, und sieht die übrigen Lebewesen sorgsam mit allem versehen, den Menschen aber nackt, unbeschuht, unbedeckt und unbewaffnet. Und schon war der schicksalsverhängte Tag da, an dem auch der Mensch hervortreten mußte aus der Erde ans Licht. Von Ratlosigkeit ergriffen, welche Rettung er für den Menschen fände, stiehlt Prometheus von Hephaistos und Athene die technische Intelligenz mit dem Feuer - denn unmöglich könnte sie ohne Feuer für jemanden erwerbbar oder nützlich werden -, und so schenkt er sie schließlich dem Menschen. Die auf die Lebenshaltung gerichtete Intelligenz also empfing der Mensch auf selbige Art, die politische aber hatte er nicht: sie war nämlich bei Zeus. Doch Prometheus ward es nicht mehr vergönnt, bis in die Burg, die Behausung des Zeus, hineinzugelangen; zudem waren auch die Wachen des Zeus furchterregend. Aber in Athenes und Hephaistos' gemeinsame Werkstatt, in der sie Techniken erprobten, gelangt er unbemerkt hinein, stiehlt die Feuertechnik des Hephaistos und die andere der Athene und übergibt sie dem Menschen. Und seitdem erschließt sich dem Menschen Erfindungsreichtum des Lebens, Prometheus aber hat wegen Epimetheus später, wie überliefert wird, des Diebstahls Sühne ereilt.

Da der Mensch göttlicher Gabe teilhaftig ward, hat er zunächst wegen seiner Verwandtschaft mit dem Gott allein unter den Lebewesen an Götter geglaubt, und er unternahm es, Altäre zu errichten und Standbilder der Götter; ferner hat er Stimme und Namen rasch artikuliert - kraft seiner Befähigung - und Bauweisen, Gewänder, Schuhwerk, Decken und die aus der Erde stammenden Nahrungsmittel entdeckt. So endlich ausgestattet, wohnten die Menschen in ihren Anfängen zerstreut: Städte gab es noch nicht. Hinweggerafft wurden sie deshalb von den wilden Tieren, weil sie in allen Belangen schwächer waren als sie, und die handwerkliche Befähigung war ihnen zwar für die Ernährung eine hinlängliche Helferin, aber für den Krieg mit den Tieren unzureichend; denn die politische Befähigung hatten sie noch nicht, deren Teil die kriegerische Befähigung ist. Sie strebten schließlich, sich zu sammeln und zu retten, indem sie Städte gründeten. Sooft sie sich nun sammelten, vergingen sie sich aneinander, da sie die politische Befähigung nicht hatten,daß sie, sich wieder zerstreuend, zugrunde gingen. Zeus nun fürchtet um unser Geschlecht, es könnte vollends hinweggerafft werden, und sendet Hermes zu den Menschen mit Scham und Recht, auf daß sie würden der Städte Ordnung und Band, der Freundschaft Stifter. Da fragt Hermes den Zeus, auf welche Weise er Recht und Scham den Menschen bringen solle: Soll ich so, wie die Befähigungen zugewiesen sind, auch sie zuweisen? Zugewiesen sind sie folgendermaßen: einer, der die Heilbefähigung hat, ist hinreichend für viele Laien, und so auch bei den übrigen Handwerkern. Soll ich nun Recht und Scham ebenso unter die Menschen setzen oder allen zuweisen? Allen, sprach Zeus, und alle sollen teilhaben. Denn Städte könnten nicht entstehen, wenn nur wenige an ihnen teilhätten wie an anderen Befähigungen. Und bestimme auch als Gesetz von mir: wer nicht fähig ist, an Scham und Recht teilzuhaben, den töte man als Pest einer Stadt.

Daher also, mein Sokrates, und deswegen ist es so, daß alle andern und die Athener, sooft über baumeisterliche Tüchtigkeit die Debatte geht oder über irgendeine andere, handwerkliche, nur von wenigen glauben, sie trügen etwas bei zur Beratung, und wenn jemand, der außerhalb der wenigen steht, sie berät, ertragen sie ihn nicht, wie du behauptest, unmd zwar ganz selbstverständlich, wie ich behaupte. Sooft sie aber an eine Beratung auf dem Felde politischer Tüchtigkeit gehen, die sich vollständig durch das Gebiet der Gerechtigkeit und Besonnenheit bewegen muß, ertragen sie selbstverständlich jedermann, da es jedem zukomme, zumindest an dieser Tüchtigkeit teilzuhaben, oder es könnte keine Städte geben. Dies, mein Sokrates, ist davon die Ursache. ...


Griechischer Textauszug (321 c - 323 a).


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)