Herodot, Über Ägypten. Historien 2, 35 - 99.

Deutsche Übersetzung aus: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einführung von W. F. Otto, Stuttgart 1979, S.114 - 117 und 130 - 140 f.(Griechischer Text : Herodotus, Historiae, ed. Haiim B. Rosén, 2 Bde., Leipzig 1987, Bd. 1, S.160 -165 und 181 - 198).


35. Ich will nun ausführlich von Ägypten erzählen, weil es mehr wunderbare Dinge und erstaunliche Werke enthält, als alle anderen Länder. Darum müssen wir es genauer beschreiben. Wie der Himmel in Ägypten anders ist als anderswo, wie der Strom anders ist als andere Ströme, so sind auch die Sitten und Gebräuche der Ägypter fast in allen Stücken denen der übrigen Völker entgegengesetzt. So gehen in Ägypten die Frauen auf den Markt und treiben Handel, und die Männer sitzen zuhause und weben. Und die anderen Völker schlagen beim Weben den Einschlag von unten nach oben fest, die Ägypter von oben nach unten. Die Männer tragen die Lasten auf dem Kopf, die Frauen auf den Schultern. Die Frauen lassen ihr Wasser im Stehen, die Männer im Sitzen. Die Entleerung macht man im Hause ab, essen tut man auf der Straße. Sie geben als Grund dafür an, daß man natürliche Bedürfnisse soweit sie häßlich sind, im geheimen, soweit sie nicht häßlich sind, öffentlich befriedigen müsse. Priesterämter, sowohl bei männlichen wie bei weiblichen Gottheiten, versehen nur die Männer, nie die Frauen. Für den Unterhalt der Eltern zu sorgen, werden nur die Töchter gezwungen; die Söhne brauchen es, wenn sie nicht wollen, nicht zu tun.

36. Anderswo tragen die Priester der Götter langes Haar; in Ägypten scheren sie es ab. Bei Trauerfällen haben die anderen Völker die Sitte, daß die nächsten Angehörigen sich das Haar abschneiden; in Ägypten läßt man, wenn jemand stirbt, Haupthaar tind Bart wachsen, während man sich sonst schert. Andere Völker leben getrennt von den Tieren, die Ägypter leben mit den Tieren zusammen. Die anderen leben von Weizen und Gerste; in Ägypten gilt es als Schande, davon zu lenen, vielmehr backt man das Brot aus einer anderen Getreideart, die manche Leute Zeia nennen. Der Teig wird mit den Füßen geknetet, Lehm mit den Händen; man sammelt auch den Mist. Die Geschlechtsteile lassen die anderen Völker, wie sie sind; nur die Ägypter und die es von ihnen angenommen haben, beschneiden sie. Die Männer tragen zwei Kleidungsstücke, die Frauen nur eines. Beim Segeln binden andere Völker den Ring tind das Tau außen an die Schiffswand, die Ägypter innen. Die Hellenen schreiben ihre Buchstaben und Zahlen von links nach rechts, die Ägypter von rechts nach links. Dabei behaupten sie, sie schrieben nach rechts und die Hellenen nach links. Sie haben übrigens zwei Arten von Buchstaben, die einen heißen die heiligen, die anderen die gewöhnlichen.

37. Sie sind höchst gottesfürchtig, mehr als alle anderen Völker. Folgende Gebräuche beobachten sie noch. Sie trinken aus Bronzebechern und spülen sie jeden Tag aus, und zwar tut das jeder ohne Ausnahme. Sie tragen Kleider aus Leinwand, die stets frisch gewaschen sind; darauf achten sie genau. Die Beschneidung der Geschlechtsteile geschieht aus Reinlichkeitsgründen; Reinlichkeit steht ihnen höher als Schönheit. Die Priester schneiden alle zwei Tage ihre sämtlichen Körperhaare ab, damit sich bei den Dienern der Götter keine Laus oder anderes Ungeziefer festsetzen kann. Als Kleidung tragen die Priester nur ein leinenes Gewand und aus der Byblosstaude gefertigte Schuhe; andere Kleider, anderes Schuhwerk dürfen sie nicht tragen. Zweimal am Tage und zweimal des Nachts baden sie in kaltem Wasser und halten noch andere, geradezu unzählig viele Gebräuche inne. Freilich genießen sie auch nicht geringe Vorteile. Sie brauchen ihr Privatvermögen nicht zu verzehren, sondern bekommen von dem heiligen Brot, und eine Menge Rindlleisch und Gänsefleisch wird ihnen jeden Tag geliefert, ebenso Traubenwein. Dagegen dürfen sie Fische nicht essen. Bohnen säen die Ägypter in ihrem Lande überhaupt nicht, und die von selber wachsenden ißt man nicht, weder geröstet, noch gekocht. Die Priester ertragen nicht einmal den Anblick von Bohnen, weil sie sie für unreine Früchte halten. Jeder Gott hat übrigens dort nicht einen, sondern viele Priester, von denen einer der Oberpriester ist. Stirbt ein Priester, so tritt sein Sohn in die Priesterschaft ein.

38. Die Stiere sind dem Epaphos heilig. Deshalb nimmt man mit den Opferstieren eine Untersuchung vor, und wenn man nur ein einziges schwarzes Haar an ihnen findet, werden sie nicht als rein befunden. Dies untersucht ein eigens dazu bestimmter Priester, und das Tier steht dabei aufrecht und wird auch auf den Rücken gelegt. Auch die Zunge zieht man heraus, ob sie von gewissen Zeichen rein ist, die ich an anderem Orte beschreiben werde. Er beschaut auch die Haare des Schweifes, ob sie natürlich gewachsen und geformt sind. Wird das Tier in allen Stücken rein befunden, so windet ihm der Priester Byblos um die Hörner, drückt seinen Siegelring in die darauf gestrichene Siegelerde, und dann führt man den Stier hinweg. Auf die Opferung eines nicht gezeichneten Stieres teht Todesstrafe.

39. Ist das Tier auf die genannte Weise untersucht, so geht die Opferung in folgender Weise vor sich. Das gezeichnete Tier wird zu dem Opferaltar geführt und ein Feuer angezündet. Dann begießen sie über dem Altar das Opfertier mit Wein, und nach Anrufung des Gottes schlachten sie es und schneiden der Leiche den Kopf ab. Sie wird abgehäutet, aber ohne den Kopf; der Kopf wird mit einem schweren Fluch beladen und, falls sich ein Markt in dem Ort befindet und hellenische Kaufleute sich bei ihnen aufhalten, auf den Markt gebracht und verkauft. Sind keine Hellenen am Orte, so wirft man ihn in den Nil. Der Fluch, der über den Kopf gesprochen wird, lautet: wenn ihnen, den Opfernden, oder dem ganzen ägyptischen Lande ein Unheil drohe, so möge es auf dies Hatipt fallen. Dieser Gebrauch mit dem Kopf der Opfertiere und der Weinausgießung ist allen Ägyptern gemeinsam und wird bei jedem Opfer beobachtet. Daher rührt es, daß kein Ägypter von dem Kopfe irgendeines Tieres ißt.

40. Die Art, wie man beim Ausweiden Lind Verbrennen der Opfertiere verfährt, wechselt je nach den Opfern. Die größte Göttin der Ägypter, der auch das größte Fest gefeiert wird, ist namlich die lsis. Bei dem Isisopfer wird nach Abhäutung des Stieres gebetet, der ganze Magen herausgenommen, Eingeweide und Fett aber daringelassen. Schenkel, Steißbein, Schultern und Hals schneiden sie ab. Nun wird der übriggebliebene Rumpf mit gereinigtem Brot, Honig, getrockneten Weinbeeren, Feigen, Weihrauch und dem übrigen Räucherwerk gefüllt, dann angezündet und eine große Menge Öl ins Feuer gegossen. Vor diesem Opfer fasten sie; während das Feuer brennt, schlagen sich alle Anwesenden selber, und wenn des Schlagens tind Wehklagens genug ist, bereiten sie aus den ztirückgelassenen Teilen des Opfertieres ein Mahl.

41. Reine Stiere also und Kälber werden überall in Ägypten geopfert. Kühe zu opfern ist dagegen nicht erlaubt; sie sind der Isis heilig. Die Isis wird nämlich dargestellt als ein Weib mit Rindshörnern, ähnlich wie die Hellenen die Io darstellen. In samtlichen ägyptischen Gauen werden die Kühe von allen Haustieren am höchsten verehrt. Darum würde auch kein Ägypter und keine Ägypterinpterin einen Hellenen auf den Mund küssen, oder das Messer, die Gabel, das Kochgefäß eines Hellenen benutzen. Sie essen nicht einmal das Fleisch eines reinen Stieres, wenn es mit einem hellenischen Messer geschnitten ist. Stirbt ein Rind, so wird es auf folgende Weise bestattet. Ist es eine Kuh, so wirft man sie in den Strom. Ist es ein Stier, so wird er vor der Stadt begraben und ein oder beide Hörner als Wahrzeichen auf dem Grabe befestigt. Wenn dann das Tier verwest ist und die festgesetzte Zeit herannaht, so kommt von einer Insel, namens Prosopitis eine Baris und besucht alle Städte Ägyptens. Diese Insel liegt im Delta und hat einen Umfang von neun Schoinoi. Auf dieser Insel Prosopitis liegen viele Städte; aber die, aus der die Baren kommen, um die Gebeine der Stiere zu holen, heißt Atarbechis, und in ihr befindet sich ein hochheiliger Tempel der Aphrodite. .......

..... 69. In manchen ägyptischen Gauen gilt das Krokodil als ein heiliges Tier, in anderen nicht, wird sogar als Feind verfolgt. In Theben und bei den Umwohnern des Moirissees gilt es als hochheilig. Dort wird je ein Krokodil gezähmt und gefüttert. Mit Ohrgehängen aus Glas und Gold wird es geschmückt und bekommt Armbänder an die Vorderfüße. Vorgeschriebene heilige Kost wird ihm gereicht, und es wird, solange es lebt, aufs beste gehalten. Stirbt es, so balsamiert man es ein und begräbt es in einem geweihten Sarge. Die Bevölkerung von Elephantine dagegen hält die Krokodile nicht heilig und ißt sie. Man nennt sie dort auch nicht Krokodil, sondern Ghampsa. Der Name Krokodil rührt von den Ionern her, die es deshalb so nannten, weil ihnen das Tier den Eidechsen ähnlich schien, die sich in Gemäuern aufhalten.

70. Der Fang der Krokodile geschieht auf mancherlei Art. Die erzählenswürdigste Art will ich hier beschreiben. Man steckt einen Schweinsrücken als Köder an eine Angel und läßt sie mitten in den Strom hinab. Der Jäger steht am Ufer mit einem lebenden Ferkel und schlägt es. Das Krokodil wird durch die Stimme des Ferkels herbeigelockt, findet den Rücken und verschlingt ihn. Nun ziehen es die Leute ans Land, und das allererste ist, daß man ihm sofort die Augen mit Wachs zuklebt. Geschieht das, so ist es ganz leicht zu überwältigen, andernfalls hat man große Mühe.

71. Die Flußpferde gelten im Gau von Papremis als heilig, im übrigen Ägypten nicht. Das Flußpferd sieht folgendermaßen aus: es hat vier Füße, gespaltene Klauen, eine stumpfe Nase, eine Mähne wie ein Pferd, hervorstehende Zähne, Roßschweif und -stimme, und ist so groß wie ein sehr großes Rind. Die Haut ist so dick, daß man aus der getrockneten Haut Lanzenschäfte macht.

72. Auch Fischottern gibt es im Strom, und auch sie gelten als heilig. Unter den Fischen hält man den sogenannten Schuppenfisch und den Aal heilig. Dem Nil selber sind, wie man sagt, diese Fische heilig, ebenso unter den Vögeln die Fuchsgans.

73. Noch einen heiligen Vogel gibt es, der heißt Phoinix.. Ich habe ihn nur abgebildet gesehen, denn er kommt selten nach Ägypten, in Heliopolis sagt man, nur alle fünfhundert Jahre. Er soll nur dann kommen, wenn sein Vater gestorben ist. Wenn das Bild richtig ist, sieht er folgendermaßen aus. Sein Gefieder ist teils golden, teils ganz rot. In Bau und Größe gleicht er am meisten dem Adler. Von seinem Tun erzählt man folgendes, was mir aber nicht glaubhaft scheint. Er komme aus Arabien hergeflogen und bringe die Leiche seines Vaters, in Myrrhen gehüllt, in den Tempel des Helios, wo er sie begrabe. Er trage den Leichnam folgendermaßen. Zunächst forme er ein Ei aus Myrrhen, so groß er es tragen könne, und versuche es aufzuheben. Wenn er es erprobt, höhle er das Ei aus und lege die Leiche des Vaters hinein. Die Stelle, wo er das Ei ausgehöhlt und den Vater hineingelegt, klebe er dann wieder mit Myrrhen zu, und das Ei sei nun ebenso schwer wie vorher. Und nun trage er es nach Ägypten in den Tempel des Helios. So erzählt man von diesem Vogel.

74. In der Gegend von Theben gibt es auch heilige Schlangen, die niemandem etwas zuleide tun. Sie sind nur klein und haben zwei Hörner, die aus dem Kopfe hervorstehen. Wenn sie sterben, begräbt man sie im Heiligtum des Zeus. Diesem Gott sollen sie nämlich heilig sein.

75. Eine Stelle in Arabien gibt es, in der Nähe einer Stadl Buto gelegen, dahin bin ich gefahren, um Kunde einzuziehen. Es soll dort nämlich geflügelte Schlangen geben. Da sah ich denn Knochen und Gräten von Schlangen, mehr als ich beschreiben kann.Ganze Haufen von Rückenknochen lagen dort, große, kleinere und noch kleinere, in großer Zahl. Der Platz, wo sich diese Knochenhaufen befinden, ist ein enger Paß, der aus den Bergen in eine weite Ebene hinabführt. Diese Ebene stößt an die ägyptische Ebene. Es geht die Sage, im Frühling kämen geflügelte Schlangen aus Arabien nach Ägypten geflogen,- ihnen entgegen aber kämen Ibisse bis zu diesem Engpaß und ließen die Schlangen nicht ins Land, sondern töteten sie. Und darum stände auch der Ibis bei den Ägyptern, so behaupten die Araber, so hoch in Ehren, und dieÄgypter geben selber zu, daß das der Grund ist.

76. Die Ibisse sehen folgendermaßen aus. Sie sind ganz schwarz, haben die Beine des Kranichs, einen stark gebogenen Schnabel und sind so groß wie der Vogel Krex. Das ist der schwarze Ibis, der mit jenen Schlangen kämpft; die andere Art, die sich scharenweise unter denMienschen bewegt - es gibt nämlich zwei Ibisarten -, ist am Kopf und ganzen Halse kahl; das Gefieder istweiß - außer dem Kopf, dem Nacken, den Flügelspitzen und dem Steiß. Die genannten Teile sind vielmehr tiefschwarz. Beine und Schnabel sind ebenso wie bei der anderen Art. Die geflügelten Schlangen sehen aus wie Wasserschlangen. Ihre Fügel sind nicht aus Federn, sondern gleichen am meisten den Fledermausflügeln. Soviel sei über die heiligen Tiere gesagt.

77. Was nun die Ägypter selber betrifft, so pflegen die im bebauten Teile Ägyptens wohnenden unter allen Völkern am meisten das Andenken an die Vergangenheit und sind bei weitem die geschichtskundigsten Menschen, die ich auf meinen Reisen besucht habe Die Lebensweise tier Ägypter ist folgende. Jeden Monat nehmen sie drei Tage nacheinander Abführmittel ein und erhalten sich durch Brechmittel und Klystiere ihre Gesundheit; denn sie meinen, alle Krankheiten rühren von den eingenommenen Speisen her. Im allgenteinen ist nämlich, abgesehen von den Libyern, kein Volk so gesund wie das ägyptische. Das liegt wohl an dem Klima, daß nämlich der Jahreszeitenwechsel fehlt. Veränderungen bringen ja dem Menschen die meisten Krankheiten, zumal die Veränderungen der Jahreseiten. Das Brot, das sie essen, ist aus Olyra bereitet, das ägyptisch Kyllestis heißt. Der Wein, den sie trinken, ist aus Gerste hergestellt; denn den Weinstock gibt es in ihrem Lande nicht. Die Fische werden teils ungekocht und an der Sonne gedörrt, teils in SaIzwasser eingepökelt gegessen. Wachteln, Enten und kleinere Vögel pökeln sie ebenfalls ein und essen sie roh. Alle anderen Arten Vögel oder Fische werden gebraten oder gekocht gegessen, ausgenomnten natürlich die heiligen.

78. Beim Gastmahl, wie es die Reichen halten, trägt nach der Tafel ein Mann ein hölzernes Bild einer Leiche, in einem Sarge liegend, herum. Es ist aufs beste geformt und bemalt und eine oder zwei Ellen lang. Er hält es jedem Zechgenossen vor und sagt: "Den schau an und trink und sei fröhlich. Wenn du tot bist, wirst du, was er ist." Solche Sitte haben sie bei ihren Gelagen.

79. Sie haben einheimische Lieder und nehmen keine fremden auf. Doch gehört zu den Merkwürdigkeiten Ägyptens eine Gesangesweise, ein Linoslied, das ebenso in Phoinikien wie auf Kypros und anderwärts gesungen wird, jedoch bei jedem Volk einen besonderen Namen hat. Es ist genau dieselbe Weise, die bei den Hellenen Linos heißt, so daß ich unter allem anderen, was mich in Ägypten verwundert hat, auch diesen Linos nennen muß. Woher haben sie wohl diesen Gesang? Offenbar singen sie ihn von jeher. In ägyptischer Sprache heißt Linos Maneros. Die Ägypter erzählen, Maneros sei der einzige Sohn des ersten ägyptischen Königs gewesen, seinen frühen Tod habe man durch dies Klagelied gefeiert, und das sei ihre erste und einzige Klageweise geworden.

80. Die Ägypter haben noch etwas mit den Hellenen gemein, freilich nur mit den Lakedaimoniern. Wenn ein jüngerer Mann einem älteren begegnet, macht er ihm Platz und läßt ihn vorübergehen; er steht auch vor ihm auf. Dagegen haben sie folgendes mit keinem hellenischen Stamm gemeinsam. Sie grüßen einander sehr unterwürfig und senken die Hand bis hinab zu den Knien.

81. Das Unterkleid, das sie tragen, ist leinen und um die Schenkel herum mit Fransen besetzt; sie nennen es Kalasiris. Darüber tragen sie ein weißes wollenes Überkleid. Jedoch nimmt man wollene Kleidungsstücke nicht mit in den Tempel, begräbt auch niemanden darin; es ist verboten. Sie stimmen darin mit den Lehren der sogenannten Orphiker und der Pythagoreier überein. Auch bei den Mitgliedern dieser Geheimkulte gilt es als Sünde, jemanden in wollenen Gewäntlern zu begraben. Auch darüber gibt es eine heilige Sage.

82. Ferner ist von den Ägyptern auch zuerst festgestellt worden, welcher Monat und Tag den einzelnen Göttern heilig ist und welche Schicksale, welches Ende und welchen Charakter die an diesem oder jenem Tage Geborenen haben werden. Griechische Dichter haben diese Dinge ebenfalls übernommen. Und Vorzeichen haben die Ägypter weit mehr herausgefunden als alle anderen Völker. Wenn nämlich etwas Auffälliges geschieht, achten sie auf dessen Folgen und schreiben sie auf. Bei einem ähnlichen Vorfall in der Zukunft glauben sie dann, es müßten wieder die gleichen Folgen eintreten.

83. Mit der Sehergabe steht es bei ihnen folgendermaßen. Es ist dort kein einziger Mensch im Besitz dieser Gabe, nur einige Götter haben sie. So gibt es Orakelstätten des Herakles, des Apollon, der Athena, der Artemis, des Ares und des Zeus. Das allerhöchste Ansehen aber genießt das Orakel der Leto in Buto. Doch ist die Art der Orakelerteilung nicht überall dieselbe, sondern verschieden.

84. Die Heilkunst ist aufgeteilt. Jeder Arzt behandelt nur eine bestimmte Krankheit, nicht mehrere, und alles ist voll von Ärzten. Da sind Ärzte für die Augen, für den Kopf, für die Zähne, für den Leib und für innere Krankheiten.

85. Totenklage und Begräbnis gehen folgendermaßen vor sich. Wenn in einem Hause ein angesehener Hausgenosse stirbt, bestreichen sich sämtliche weiblichen Hausbewohner den Kopf oder auch das Gesicht mit Kot, lassen die Leiche im Hause liegen und laufen mit entblößter Brust, sich schlagend, durch die Stadt; alle weiblichen Verwandten schließen sich ihnen an. Auch die Männer schlagen sich und haben ihr Gewand unter der Brust festgebunden. Hiernach schreitet man zur Einbalsamierung der Leiche.

86. Es gibt besondere Leute, die dies berufsmäßig ausüben. Zu ihnen wird die Leiche gebracht, und sie zeigen nun hölzerne, auf verschiedene Art bemalte Leichname zur Auswahl vor. Wonach man die vornehmste der Einbalsamierungsarten benennt, scheue ich mich zu sagen. Sie zeigen dann weiter eine geringere und wohlfeilere und eine dritte, die am wohlfeilsten ist. Sie fragen dann, auf welche der drei Arten man den Leichnam behandelt sehen möchte. Ist der Preis vereinbart, so kehren die Angehörigen heim, und jene machen sich an die Einbalsamierung. Die vornehmste Art ist folgende. Zunächst wird mittels eines eisernen Hakens das Gehirn durch die Nasenlöcher herausgeleitet, teils auch mittels eingegossener Flüssigkeiten. Dann macht man mit einem scharfen aithiopischen Stein einen Schnitt in die Weiche und nimmt die ganzen Eingeweide heraus. Sie werden gereinigt, mit Palmwein und dann mit geriebenen Spezereien durchspült. Dann wird der Magen mit reiner geriebener Myrrhe, mit Kasia und anderem Räucherwerk, jedoch nicht mit Weihrauch, gefüllt und zugenäht. Nun legen sie die Leiche ganz in Natronlauge, siebzig Tage lang. Länger als siebzig Tage darf es nicht dauern. Sind sie vorüber, so wird die Leiche gewaschen, der ganze Körper mit Binden ans Byssosleinwand umwickelt und mit Gummi bestrichen, was die Ägypter an Stelle von Leim zu verwenden pflegen. Nun holen die Angehörigen die Leiche ab, machen einen hölzernen Sarg in Menschengestalt und legen die Leiche hinein. So eingeschlossen wird sie in der Familiengrabkammer geborgen, aufrecht gegen die Wand gestellt.

87. Das ist die Art, wie die Reichsten ihre Leichen behandeln. Wer die Kosten scheut und die mittlere Einbalsamierungsart vorzieht, verfährt folgendermaßen. Man füllt die Klystierspritze mit Zedernöl und führt das Öl in den Leib der Leiche ein, ohne ihn jedoch aufzuschneiden und die Eingeweide herauszunehmen. Man spritzt es vielmehr durch den After hinein und verhindert den Ausfluß. Dann wird die Leiche die vorgeschriebene Anzahl von Tagen eingelegt. Am letzten Tage läßt man das vorher eingeführte Zedernöl wieder heraus, das eine so große Kraft hat, daß Magen und Eingeweide aufgelöst und mit herausgespült werden. Das Fleisch wird durch die Natronlauge aufgelöst, so daß von der Leiche nur Haut und Knochen übrig bleiben. Danach wird die Leiche zurückgegeben, und es geschieht nichts weiter mit ihr.

88. Die dritte, von den Ärmeren angewandte Art der Einbalsamierung ist folgende. Der Leib wird mit Rettigöl ausgespültund die Leiche dann die siebzig Tage eingelegt. Dann wird sie zurückgegeben.

89. Die Frauen angesehener Männer werden nicht gleich nach dem Tode zur Einbalsamierung fortgegeben, auch schöne oder sonst hervorragende nicht. Man übergibt sie den Balsamierern erst drei oder vier Tage später; und zwar geschieht das deswegen, damit sich die Balsamierer nicht an den Frauen vergehen. Es sei einmal einer wegen der Schändung einer frischen Frauenleiche bestraft worden, den ein Berufsgenosse angezeigt hatte.

90. Findet man einen vom Krokodil erfaßten oder im Strome ertrunkenen Agypter oder auch Nichtägypter, so ist die Stadt, bei der er ans Land getrieben wird, streng verpflichtet, ihn einbalsamieren, reich schmücken und in geweihtem Sarge bestatten zu lassen. Und zwar darf ihn keiner seiner Angehörigen oder Freunde anrühren; die Priester des Gottes Nil selber begraben ihn mit eigner Hand, als wäre er mehr als ein Mensch.

91. Gebräuche der Hellenen anzunehmen vermeiden die Ägypter. Uberhaupt nehmen sie von keinem Volke irgend welche Sitten an. Eine Ausnahme bildet darin nur die große Stadt Chemmis im Gau von Theben unweit Neapolis. In dieser Stadt gibt es einen viereckigen heiligen Bezirk des Perseus, Sohnes der Danae. Er ist von einem Palmenhain umgeben und hat eine riesige steinerne Vorhalle. Auf der Vorhalle stehen zwei große steinerne Bildsäulen. In dem Bezirk steht ferner ein Tempel und darin ein Bild des Perseus. In Chemmis erzählt man, Perseus zeige sich oft im Lande, auch oft in seinem Heiligtum. Dann fände man einen Schuh von ihm, zwei Ellen lang, und sobald dieser Schuh sich zeige, herrsche Uberfluß in ganz Ägypten. So heißt es, und dem Perseus zu Ehren werden ganz auf hellenische Art gymnische Kampfspiele jeder Gattung abgehalten und als Preise Vieh, Mäntel und Tierfelle ausgesetzt. Als ich nun fragte, warum denn Perseus nur ihnen sich zeige und warum sie die einzigen Ägypter seien, die gymnische Wettkämpfe veranstalteten, da sagten sie, Perseus stamme aus ihrer Stadt. Danaos und Lynkeus seien aus Chemmis nach HeIlas ausgewandert, und deren Stammbaum rechneten sie mir bis zu Perseus herunter vor. Perseus sei aus dem auch von den Griechen angegebenen Grunde nach Ägypten gekommen, das Haupt der Gorgo aus Libyen zu holen, und sei auch zu ihnen gekommen und habe alle seine Verwandten wiedererkannt. Den Namen der Stadt Chemmis habe er schon vorher von seiner Mutter gehört und ihn also gekannt, als er Ägypten besucht habe. Die Kampfspiele hielten sie auf Perseus Befehl ab.

92. So sind also die Sitten der Ägypter, die im höher gelegenen Innern wohnen. Die Bewohner des sumpfigen Küstenlandes haben dieselben Bräuche. So hat auch dort jeder nur ein Weib, ebenso wie die HeIlenen. Um sich ohne Mühe Nahrung zu verschaffen, sind sie auf folgende Besonderheit verfallen. Wenn der Strom anschwillt und das Land zum See macht, wachsen im Wasser viele Lilien, die man in Ägypten Lotos nennt. Man schneidet sie ab, trocknet sie an der Sonne, zerstampft die Körner der Fruchrkapsel, die dem Mohn gleichen, und röstet am Feuer Brot daraus. Auch die Lotoswurzel ist eßbar und hat einen angenehmen süßlichen Geschmack. Sie ist rundlich und von der Größe eines Apfels. Es gibt noch andere Lilien, die der Rose ähnlich sind und ebenfalls im Strom wachsen. Deren Frucht befindet sich nicht in dem Blütenkelch, sondern wächst in einem besonderen Kelch aus der Wurzel empor, der einer Wespenwabe am ähnlichsten sieht; darin sind viele Fruchtkerne von der Größe eines Olivenkerns, die man frisch und auch getrocknet ißt. Die jährigen Schößlinge der Papyrosstaude werden aus dem Sumpf herausgerupft, der obere Teil abgeschnitten und zu anderen Zwecken verwendet; der untere, etwa eine EIle lange Stumpf wird gegessen. Wer ihn sich besonders schmackhaft machen will, der röstet ihn im glühenden Ofen, bevor er ihn ißt. Manche Ägypter leben ausschließlich von Fischen, die nach dem Fang ausge nommen, an der Sonne gedörrt und so gegessen werden.

93. Die in Haufen schwimmenden Fische halten sich weniger in den Flußarmen auf als in den Seen. Ihre Lebensweise ist folgende. Wenn das Verlangen nach Begattttng sich bei ihnen einstellt, ziehen sie in Schwärmen hinaus ins Meer. Die männlichen schwimmen voraus und lassen den Samen fallen, den die folgenden Weibchen verschlucken; dadurch werden sie befruchtet. Sind sie im Meere schwanger geworden, so schwimmen sie zurück an ihre gewohnten Plätze. Jetzt haben aber nicht die Männchen, sondern die Weibchen die Führung, und während sie in Schwärmen vorauziehen, lassen auch sie etwas fallen, namlich Eier, groß wie Hirsekörner, und die nachfolgenden Männchen verschlucken sie. Aus den Eiern, die ihnen entgehen und nicht verschluckt werden, entstehen die jungen Fische. Fängt man die ins Meer ziehenden Fische, so sieht die linke Kopfseite abgerieben aus, und bei der Rückkehr ist die rechte Kopfseite abgerieben. Das hat darin seinen Grund, daß sie sich beim Hinabschwimmen am linken Stromufer halten und ebenso bei der Rückkehr. Sie drängen sich so nahe als möglich heran, damit die Strömung sie nicht von ihrem Wege abtreibt. Beginnt nun der Nil zu wachsen, so füllen sich zunächst die Bodensenkungen und Niederungen in der Nähe des Flusses, indem das Wasser vom Flusse aus durchsickert. Sofort sind sie dann weit und breit voll kleiner Fische. Woher sie kommen, läßt sich, glaube ich, ganz wohl erklären. Als der Nil im Jahre vorher zurücktrat, legten die Fische, bevor sie weichen mußten, ihre Eier in den Schlamm. Kehrt dann zu seiner Zeit das Wasser zurück, so werden aus den Eiern sogleich jene kleinen Fische. Soviel über die Fische.

94. Als Salböl benutzen die Agypter in den Niederungen das der Sillikyprionfrucht, die in Agypten Kiki heißt. Und zwar pflanzen sie das Sillikyprion an den Strom- und Seeufern an, während es in Hellas wild wächst. Die angebauten Pflanzen tragen reiche, aber übelriechende Früchte. Sie werden gesammelt und entweder zerschlagen und ausgepreßt oder geröstet und ausgekocht. Was abfließt, wird aufgefangen. Es ist ein fettes, zum Brennen nicht minder taugliches Öl als unser Olivenöl, hat aber einen widrigen Geruch.

95. Gegen die Mücken, die es in ungeheurer Menge gibt, hat man folgende Schutzvorrichtungen. Im Oberland schützt man sich durch turmartige Schlafräume, zu denen man hinaufsteigt. Der Wind nämlich hindert die Mücken, hoch zu fliegen Die Bewohner des Sumpflandes haben statt dieser Türme eine andere Einrichtung. Jeder ist ja dort im Besitz eines Fischnetzes, das er bei Tage zum Fischen braucht. Das befestigt er bei Nacht rings an dem Lager, auf dem er ruht. Zum Schlafen kriecht er darunter. Schliefe er im Mantel oder unter einem Bettuch, so würden die Mücken hindurchstechen. Durch die Maschen zu dringen, versuchen sie aber gar nicht.

96. Ihre Lastschiffe sind aus dem Holz eines Dornstrauchsgebaut. Dieses hat die größte Ähnlichkeit mit dem Lotosstrauch in Kyrene. Sein Saft ist Gummi. Aus diesem Strauch hauen sie Planken von zwei Ellen Länge und legen sie wie Ziegeln aneinander, so daß das Schiff auf folgende Weise zustande kommt. Man reiht die zwei Ellen langen Bretter um fest eingetriebene, lange Pflöcke herum. Auf das so hergestellte Fahrzeug legt man Querhölzer, braucht also keine Rippen. Innen werden die Fugen mit Papyros gedichtet. Nur ein Steuerruder ist vorhanden, das durch den Schiffsboden hindurchgeführt wird. Der Mast ist ebenfalls aus dem Dornstrauch gemacht, die Segel aus Papyros. Diese Fahrzeuge können nicht gegen den Strom fahren, falls nicht ein lebhafter Wind weht, sondern werden vom Lande aus stromaufwärts gezogen. Stromabwärts fährt man folgendermaßen. Man hat eine Art Tür aus Tamariskenholz, mit einer Rohrmatte überflochten, und einen durchbohrten Stein von etwa zwei Talenten Gewicht. Diese Tür wird an einen Strick gebunden und dann vor dem Schiff ins Wasser gelassen, der Stein an einem anderen Strick hinter dem Schiff. Gegen die Tür drängt nun die Strömung und zieht dadurch in Eile die Baris - so ist der Name dieser Fahrzeuge - hinter sich her, während der Stein in der Tiefe nachgezogen wird und die gerade Richtung des Fahrzeugs wahrt. Es gibt sehr viele solcher Fahrzettge, und manche tragen viele Tausend Talente.

97. Wenn nun der Nil das Land überschwemmt, so ragen nur die Städte über dem Wasser hervor, fast wie die Inseln in unserem Aigaiischen Meere. Das ganze ägyptische Land mit Ausnahme der Städte ist offenes Meer. Man fährt denn auch zu dieser Zeit nicht im Strombett, sondern mitten über die Felder. Will man z. B. von Naukratis nach Memphis fahren, so fährt man dicht an den Pyramiden vorbei, obwohl das nicht der Flußweg ist, der vielmehr an der Deltaspitze und der Stadt Kerkasoros vorüberführt. Und wenn man von der Küste bei Kanobos nach Naukratis gelangen will, so fährt man quer über das Land an der Stadt Anthylla und der Stadt des Archandros vorüber.

98. Dies Anthylla ist übrigens eine ansehnliche Stadt, und ihre Abgaben fallen der jedesmaligen ägyptischen Königin zu, um die Ausgaben für das Schuhwerk davon zu bestreiten. Das ist Sitte, seit Ägypten unter persischer Herrschaft steht. Die andere Stadt scheint ihren Namen von dem Schwiegersohn des Danaos, Archandros, zu haben, dem Sohn des Phthios, dem Enkel des Achaios. Sie heißt wenigstens Stadt des Archandros. Möglicherveise ist es auch ein anderer Archandros, aber ägyptisch ist der Name nicht.

99. Was ich bisher erzählt habe, beruht auf eigener Anschauung oder eigenem Urteil oder eigenen Erkundigungen. Nunmehr will ich mitteilen, was ich von der ägyptischen Geschichte erfahren habe. Doch kommen auch weiterhin noch Dinge vor, die ich selber gesehen habe. .......


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)