Herodot über Mesopotamien. Historien 1, 178 - 200.

Deutsche Übersetzung aus: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einführung von W. F. Otto, Stuttgart 1979, S.80 - 92 (Griechischer Text : Herodotus, Historiae, ed. Haiim B. Rosén, 2 Bde., Leipzig 1987, Bd. 1, S. 109 - 126).


... 178. Nachdem Kyrus das ganze Festland Asiens in seine Hände gebracht hatte, griff er die Assyrier an. Assyrien hat viele gewaltige Städte; die berühmteste und mächtigste, seit Zerstörung von Ninos auch die Hauptstadt, war Bahylon. Bahylon ist folgendermaßen gebaut. Es liegt in einer weiten Ebene und bildet ein Viereck; jede Seite ist 120 Stadien lang. So beträgt der Gesamtumfang aller vier Seiten der Stadt 480 Stadien. Aber Babylon war nicht nur eine recht große, sondern auch die schönste Stadt unter allen, von denen wir wissen. Rings herum läuft zunächst ein tiefer, breiter, mit Wasser gefüllter Graben, dann folgt die Mauer, die fünzig königlich persische Ellen breit und zweihundert hoch ist. Diese königlich persische EIle ist drei Finger breit länger als die gewöhuliche EIle.

179. Hier muß ich auch noch berichten, wie die aus dem Graben gehobene Erde verwendet und auf welche Weise die Mauer gebaut wurde. Gleich bei der Herstellting des Grabens formten sie die Erde, die sie aushoben, strichen eine genügende Zahl von Ziegeln und brannten sie in Ziegelöfen. Als Mörtel verwendeten sie dann heißes Erdharz und in Zwischenräumen von je dreißig Ziegellagen steckten sie Rohrgeflechte zwischen die Steine. Zuerst befestigten sie auf diese Weise die Grabenränder und bauten dann ebenso die Mauer auf. Oben auf der Mauer, an den beiden Rändern, errichteten sie einstöckige Türme, je zwei einander gegenüber. Zwischen den Türmen blieb soviel Raum. daß ein Viergespann hätte herumfahren können. Die Mauer hat im ganzen hundert Tore, die sämtlich aus Erz sind. Auch die Pforten und Oherschwellen sind aus Erz. Acht Tagesreisen von Babylon liegt eine andere Stadt namens ls. Dort fließt ein nicht großer Fluß, der ebenfalls den Namen ls führt und in den Euprat mündet. Im Wasser dieses Flusses lt werden zahlreiche Klumpen Erdharz mitgeführt, und daher stammt das Erdharz, das für die Mauem von Babylon verwendet worden ist.

180. Das also war über den Mauerbau von Babylon zu tagen Die Stadt selber zerfällt in zwei Teile. Mitten hindurch fließt nämlich der Strom, der den Namen Euphrat trägt und in Armenien entspringt, ein großer, tiefer, reißender Strom. Er mündet in das Rote Meer. Auf beiden Seiten ist die Mauer bis an den Fluß geführt; von dort aus zieht sich an beiden Flußufern eine Ziegelsteinmauer entlang. Die Stadt selber hat durchweg dreistöckige und vierttöckige Häuser und wird von geradlinigen Straßen durchzogen, die teils in der Richtung des Stromes, teils quer auf den Fluß zu laufen. Jede dieser Queerstraßen mündet in ein Tor in der Backsteinmaiier längs des Flusses, daß die Zahl dieser Tore gleich der der Querstraßen ist. Auch diese Tore waren aus Erz und führten an den Strom hinab.

181. Diese Außenmauern sind gleichsam der Panzer der Stadt. Innen läuft aber noch eine zweite Mauer herum, die nicht wesentlich schwächer, aber von geringerer Ausdehnung ist. In der Mitte jeder Stadthälfte steht ein gewaltiges Gebäude, in der einen der Königspalast, von einer hohen starken Mauer umgeben, in der anderen der Tempel des Zeus Belos mit ehernen Toren, der sich bis auf unsere Zeit erhalten hat. Der Tempelbezirk ist viereckig, jede Seite zwei Stadien lang. Mitten in diesem heiligen Bezirk ist ein fester Turm errichtet, ein Stadion lang und breit, und auf diesem Turm steht wiederum ein Turm und dann noch einer, im ganzen acht Türme übereinander. Alle diese Türme kann man ersteigen auf einer außen herumführenden Treppe. Auf mittlerer Höhe sind Ruhebänke angebracht, auf die sich der Hinaufsteigende setzen kann, um sich zu erholen. In dem höchsten Turm steht. Erst das eigentliche große Tempelhaus, und in dem Tempelhaus steht ein großes Ruhebett, mit schönen Decken belegt, und daneben ein goldener Tisch. Kein Götterbild findet man dort aufgestellt, auch nächtigt kein Mensch in dem Tempel, bloß eine einzige aus Babylon stammende Frau, die sich der Gott unter allen Frauen des Landes erwählt, wie wenigstens die Chaldaier, die Priester dieses Gotes, behaupten.

182. Diese Priester erzählen auch - was mir jedoch nicht glaubhaft ist -, der Gott komme in Person in den Tempel und schlafe auf dem Ruhebett. Dasselbe erzählen die Agypter in dem ägyptischen Theben. Auch dort schläft ein Weib im Tempel des Zeus von Theben. Es heißt, diese beiden Frauen hätten niemals mit einem sterblichen Manne Umgang. Ebenso wird übrigens auch in Patara in Lykien die Oberpriesterin des Gottes, wenn der Gott erscheint - das Orakel besteht dort nämlich nicht zu jeder Jahreszeit - aber wenn der Gott erscheint, wird sie während der Nacht im Tempel eingeschlossen.

183. Im heiligen Bezirk in Babylon, unten, steht noch ein zweiter Tempel. Darin befindet sich ein großes, goldenes sitzendes Bild des Zeus, und dabei steht ein großer goldener Tisch. Fußschemel und Stuhl sind ebenfalls von Gold. Wie die Chaldaier sagen, enthält das Ganze achthundert Talente Goldes. Vor dem Fempel steht ein goldener Altar. Es ist noch ein anderer größerer Altar da, auf dem die ausgewachsenen Tiere geopfert werden. Auf dem goldenen Altar dürfen nämlich nur Tiere geopfert werden, die noch gesäugt werden Auf dem anderen verbrennen die Chaldaier außerdem für tausend Talente Weihrauch jährlich, und zwar zur Zeit, zu der sie das Fest dieses Gottes feiern. Zu der Zeit, von der wir sprechen, stand in dem heiligen Bezirk außerdem noch eine zwölf Ellen hohe Götterstatue aus lauterem Golde. Ich habe sie nicht gesehen, sondern berichte nur, was die Chaldaier erzählen. Auf diese Bildsäule hatte Dareios, der Sohn des Hystaspes, ein Auge geworfen, wagte aber nicht, sie zu entführen. Xerxes, Dareios Sohn, dagegen entführte sie und ließ den Priester töten, der nicht dulden wollte, daß die Bildsäule von der Stelle bewegt wurde. So reich ausgeschmückt ist dieser heilige Bezirk in Babylon, in dem sich auch noch viele kleinere Weihgeschenke befinden.

184. Viele Könige haben über Babylon geherrscht, über die ich in der Geschichte Assyriens berichten \verde. Sie haben die Mauern gebaut und die Heiligtümer. Auch zwei Frauen sind darunter. Die ältere, die fünf Generationen vor der jüngeren regierte und Semiramis hieß, hat draußen in der Ebene wunderbare Dämme aufgeführt. Vorher pflegte der Strom die ganze Ebene zu überschwemmen.

185. Die zweite Königin, die Nitokris hieß, war noch weiser als die erste und hat Denkmäler hinterlassen, über die ich hier berichten will. Außerdem hat sie - als sie die Macht der Meder wachsen und beständig um sich greifen sah, als vie1e Städte von ihnen erobert wurden, darunter auch Ninos - alle nur denkbaren Verteidigungsmittel ergriffen. Zunächst änderte sie den Lauf des Euplirat, der mitten durch die Stadt fließt und bis dahin in gerader Richtung floß, und schuf ein Flußbett so voller Krümmungen, daß der Strom an einer Ort schaft Assyriens dreimal vorüberfließt. Diese Ortschaft, die der Euphrat dreimal berührt, heißt Arderikka. Noch heute kommt man, wenn man von unserem Meere aus nach Babylon reist und den Euphrat hinunterfährt, dreimal an dieser Ortschatt voruber, und das im Verlauf von drei Tagen. Das war das eine Werk der Nitokris.

Ferner hat sie an beiden Flußufern Dämme aufgeschütten, die eine ganz erstaunliche Größe und Höhe haben. Ferner ließ sie weit oberhalb von Babylon ein Wasserbecken graben nur wenig vom Fluß entfernt und so tief, bis überall das Grundwasser kam. Sie machte es so breit, daß es einen Umfang von vierhundertzwanzig Stadien hatte. Die hierbei ausgegrabene Erde verwendete sie für die Flußdämme. Als der Wasserbehälter fertig war, ließ sie Steine anfahren und zog eine Einfassungsmauer rings herum. Der Zweck dieser beiden Anlagen, des gekrümmten Flußbetts und dieses gegrabenen Sees, war, daß der Fluß infolge der vielen Biegungen langsamer fließen und der Flußweg nach Babylon durch viele Windungen gehen sollte, und daß schließlich noch der weite Umweg um den See gemacht werden mußte. Diese Anlagen befanden sich nämlich in dem Teile des Reiches, wo der Zugang und der kürzeste Weg aus Medien war. Sie wollte vermeiden, daß die Meder durch den Handelsverkehr das Land genau kennenlernten.

186. So schützte sie Babylon auch durch Wasseranlagen. Dabei benutzte sie diese noch für einen anderen Zweck. Die Stadt bestand doch aus zwei Hälften, die durch den Fluß getrennt wurden Wer in früheren Zeiten von dem einen Stadtteil zum andern hinüber wollte, mußte einen Kahn benutzen, was doch gewiß lästig war. Nitokris half auch hier. Als jener See gegraben war, benutzte sie ihn auch noch für folgendes denkwürdige Werk. Sie ließ sehr große Steine hauen, und als alles zum Bau fertig war, leitete sie das ganze Wasser des Stromes in jenes gegrabene Becken, und während das Becken sich füllte, trocknete das alte Stromhett aus. Nun befestigte sie die Flußränder längs der Stadt und der durch die Tore an den Fluß führenden Treppen durch ein Mauerwerk ans Ziiegelsteienen in derselben Weise wie die Stadtmauern, und ferner erbaute sie ungefähr in der Stadtmitte eine Brücke aus jenen gehauenen Steinen, die sie hatte ausgraben lassen, und verband die Steine durch Eisen und Blei. Während des Tages legte man dann Holzbalken quer hinüber, so daß die Bevölkerung von Babylon den Fluß überschreiten konnte. Des Nachts nahm man die Balken wieder fort, weil man verhindern wollte, daß die Leute nachts über den Fluß gingen und einander bestöhlen. Aus dem gefüllten See leitete sie nach Vollendung der Brücke den Euphrar wieder in sein altes Bett zurück. Der See wurde zum Sumpt, erfüllte also ganz den Zweck, den er sollte, und die Bürger hatten außerdem eine Brücke bekommen.

187 Dieselbe Königin täuschte dann auf folgende kluge Weise die Nachwelt. Sie ließ sich über dem belebtesten Tore der Stadt ihr Grabmal errichten - unmittelbar über dem Durchgang wurde es angebracht -, und in das Grabmal ließ sie folgende Worte einmeißeln: "Wenn einer der Könige von Babylon, die nach mir kommen, in großer Geldnot ist, so möge er mein Grab öffnen und herausnehmen, soviel er mag. Ist er nicht in Not, so möge er es ja unberührt lassen und es aus keinem anderen Grunde öffnen." So blieb das Grab uneröffnet, bis das babylonische Reich an Dareios fiel. Dareios fand es unerträglich, daß ein solches Tor zu nichts nütze sein und daß er die Schätze unberührt lassen sollte, die darin lägen und auf die die Inschrift gar noch hinweise. Er wollte nämlich, weil er unter der Leiche hätte hindurch mussen, nicht durch das Tor ziehen. So öffnete er denn das Grab, fand aber kein Geld, sondern bloß den Leichnam und folgende Inschrift:"Wären deine Geldgier und dein Geiz nicht unersättlich, so würdest du keine Gräber öffnen." Das sind die Nachrichten über diese Königin.

188. Der Sohn dieser Frau war es, gegen den Kyros dann zu Felde zog. Er hieß nach seinem Vater Labynetos und war König der Assyrier. Der persische Großkönig ist, wenn er ins Feld zieht, reich versehen mit Korn und Vieh, das er von Hause mitführt; auch Wasser nimmt er mit aus dem an Susa vorüberfließenden Choaspes, dem einzigen Fluß, von dessen Wasser der König trinkt. Mit gekochtem Wasser aus dem Choaspes sind viele vierrädrige, mit Mauleseln bespannte Wagen beladen und führen es in silbernen Fässern überallhin mit, wohin der Zug geht.

189. Als nun Kyros auf seinem Zuge gegen Babylon am Flusse Gyndes angelangt war - dieser Gyndes entspringt auf den Matiener Bergen, fließt durch das Land der Dardaner und mündet in einen anderen Fluß, in den Tigris, der an der Stadt Opis vorüberfließt und sich ins Rote Meer ergießt -, als also Kyros diesen Gyndes überschreiten wollte, der ein schiffbarer Strom ist, da sprang aus Ubermut eines der heiligen weißen Rosse in den Fluß und wollte ihn durchschwimmen. Aber die Strömung verschlang es und riß es mit fort. Da ergrimmte Kyros über den Fluß, der ihm solches anzutun wagte, und drohte, er würde ihn so klein machen, daß ihn künftig sogar Weiber gefahrlos durchscbreiten könnten, ohne nur die Knie zu beneten. So ließ er den Zug gegen Babylon fahren, teilte sein Heer in zwei Teile und zog zu beiden Seiten des Gyndes geradlinige Gräben, hundertachtzig auf jeder Seite, nach den verschiedenren Richtungen hin. Die mußte das Heer graben. Das Werk wurde auch, weil viele Hände daran arbeiteten, vollendet, doch waren sie den ganzen Sommer hindurch daran tätig.

190. So nahm Kyros Rache am Gyndes und verteilte sein Wasser auf dreihundertsechzig Gräben. Und als der nächste Frühling ins Land kam, zog er gegen Babylon. Die Babylonier zogen aus der Stadt heraus und traten ihm entgegen. Als er nahe an die Stadt heranrückte, kam es zum Kampfe. Die Babylonier unterlagen und wurden in die Stadt zurückgedrängt. Sie hatten jedoch, weil sie längst wußten, daß Kyros nicht Frieden hielt, und ihn ein Volk nach dem anderen angreifen sahen, Kornvorräte für viele Jahre in die Stadt geschafft. Die Belagerung machte ihnen daher keine Sorge, während Kyros in BeIrängnis geriet, weil es trotz der langen Zeit mit seinem Unternehmen gar nicht vorwärts gehen wollte.

191. Ob ihm nun ein anderer den Rat gab oder ob er selber darauf verfiel, wie er sich helfen könnte, genug, er führte folgenden Plan aus. Er stellte einen Teil seines Heeres dort auf, wo der Fluß in die Stadt hineinströmt, und den anderen Teil innerhalb der Stadt, wo der Fluß herausströmt. Dann gab er Befehl, sobald sie sähen, daß der Fluß gangbar würde, vom Flusse aus in die Stadt einzudringen. Nach diesen Anordnungen zog er selber mit dem kampfuntüchtigen Teil des Heeres davon. Er gelangte zu jenem See und tat nun mit dem Strom und dem See ungefähr dasselbe, was einst die Königin von Babylon getan hatte. Er leitete durch einen Graben den Fluß in den See ab, der eigentlich ein Sumpf war. So machte er, da das Wasser seitwärts floß, das Flußbett gangbar. Und durch das Flußbett drangen nun die Perser, die Kyros am Flußufer aufgestellt hatte, in Babylon ein; denn das Euphratwasser reichte ihnen jetzt höchstens bis zur Hälfte des Schenkels. Wenn die Babylonier den Plan des Kyros vorher gewußt hätten oder rechtzeitig bemerkt hätten, was im Werke war, so hätten sie die Perser nicht in die Stadt dringen lassen, sondern sie schmählich zusammengehauen. Sie hätten einfach alle nach dem Fluß gerichteten Tore verschlossen, wären auf die längs des Flusses errichteten Mauern gestiegen und hätten die Perser wie in einem Käfig gefangen. Aber nun waren die Perser ganz unvermutet in der Stadt. Weil Babylon so groß ist, wußten, wie man dort im Lande erzählt, die Leute inmitten der Stadt noch nichts vom Eindringen der Feinde, als die äußeren Stadtteile bereits in Feindeshand waren. Man feierte gerade ein Fest, tanzte noch und war guter Dinge, bis die Kunde endlich auch zu ihnen drang. So wurde Babylon zum erstenmal erobert.

192. Wie groß das babylonische Reich ist, das kann ich an vielen Beispielen deutlich machen, namentlich zeigt es die folgende Betrachtung. Alles Land, das der persische Großkönig beherrscht, muß ihn und sein Heer außer den Abgaben auch noch mit Lebensmitteln versorgen. Vier von den zwölf Monaten des Jahres liefert das babylonische Land diese Lebensmittel, die übrigen acht Monate liefern sie die anderen Völker Asiens. Man sieht also, daß das assyrische Reich ein Drittel ganz Asiens einnimmt. Es ist bei weitem die reichste von allen persischen Provinzen - die Perser nennen sie Satrapien -, und Tritantaichmes, der Sohn des Artabazos, den der König zum Verwalter dieses Reichsteiles ernannte, hatte jeden Tag Einkünfte in Höhe einer vollen Artabe Silber. Die Artabe ist ein persisches Maß und faßt eine attische Medimne und drei attische Choiniken~~. An eigenen Rossen hatte er außer den Kriegsrossen achthundert Zuchthengste und sechzehntausend Zuchtstuten. Jeder dieser Hengste belegte nämlich zwanzig Stuten. Außerdem hielt er indische Hunde in so großer Menge, daß vier große Dörfer in der Ebene von den anderen Abgaben befreit wurden, um die Lebensmittel für diese Hunde zu liefern. So reich war der Statthalter der Provinz Babylon.

193. Im Lande der Assyrier regnet es wenig; auf folgende Art bringt man das Korn zum Wachsen. Man bewässert es vom Fluß her, so daß es reift und gedeiht, doch nicht wie in Ägypten, wo man den Fluß über die Felder treten läßt, sondern indem man das Wasser mit der Hand und durch Schöpfwerke über die Felder hingießt. Ganz Babylonien ist wie Ägypten von Gräben durchzogen. Der größte dieser Gräben ist schiffbar; er hat südöstliche Richtung und verbindet den Euphrat mit dem anderen babylonischen Fluß, dem Tigris, an dem die Stadt Ninos lag. Kein Land der Erde, das wir kennen, eignet sich so gut zum Getreidebau wie Babylonien. Fruchlbäume wachsen dagegen gar nicht im Lande, nicht die Feige, nicht der Wein, nicht die Olive. Aber das Getreide gedeiht so vorzüglich, daß es zweihundertfältige Frucht trägt und im günstigsten Falle sogar dreihundertfältige. Die Blätter des Weizens und der Gerste erreichen dort oft eine Breite von vier Fingern. Wie groß die Hirse- und Sesamstauden werden, will ich verschweigen, obwohl ich es weiß; denn wer nicht selber das babylonische Land besucht hat, der wird sicherlich schon meinen Bericht über das Getreide anzweifeln. Als öl verwenden sie nur das, was sie aus Sesam bereiten. Uberall in der Ebene wachsen Palmen, die meisten davon tragen auch Früchte, aus denen feste Speisen, Wein und Honig bereitet werden. Die Behandlung der Palmen ist ähnlich wie die der Feigen. Sie binden die Frucht einer männlichen Palme, wie es die Hellenen nennen, an die fruchttragenden Palmen an, damit die Gallwespe in die Frucht eindringt und sie zur Reife bringt, sie also nicht vorzeitig abfällt. Die männlichen Bäume haben nämlich Gallwespen in ihren Früchten wie die Olynthos-Feigen.

194. Nun aber will ich von der größten Merkwürdigkeit erzählen, die das Land, abgesehen von der Hauptstadt selber, hat. Die Schiffe, in denen man den Strom hinunter nach Babylon fährt, sind kreisrund und ganz aus Leder. In Armenien, dem Oberland von Assyrien, schneiden sie Schifftrippen aus Weidenholz und umkleiden sie mit Häuten, wie man sie auf den Fußboden zu breiten pflegt. Sie verbreitern aber die Rippen nicht am Hinterteil und führen sie nicht eng zusammen am Vorderteil, sondern machen das Fahrzeug rund wie einen Schild, stopfen es dann innen mit Stroh aus und lassen es, nachdem es seine Ladung erhalten, den Strom hinuntertreiben. Meist besteht die Ladung aus Weinkrügen aus Phoinikien. Gelenkt wird das Fahrzeug durch zwei Steuerruder, die zwei Männer stehend handhaben. Der eine zieht das Ruder an sich, während der andere es von sich wegstößt. Man macht sehr große Fahrzeuge dieser Art und auch kleinere. Die größten tragen eine Ladung von fünftausend Talenten Gewicht. In jedem Fahrzeug wird ein lebender Esel mitgeführt, in größeren mehrere. Wenn sie dann in Babylon angelangt sind und ihre Ladung verkauft haben, versteigern sie auch die Schiffsrippen und alles Stroh, laden die Häute den Eseln auf und ziehen heimwärts nach Armenien. Stromauf zu fahren ist nämlich wegen der starken Strömung ganz unmöglich. Und deshalb macht man eben auch die Fahrzeuge nicht ans Holz, sondern aus Tierhäuten. Sind sie nun mit ihren Eseln wieder in Armenien angekommen, so bauen sie auf dieselbe Weite neue Fahrzeuge.

195. So ist es mit ihrer Schiffahrt. Was ihre Kleidung anbelangt, so besteht sie aus einem leinenen, bis zu den Füßen reichenden Leibrock, über den ein anderer, wollener Leibrock gezooen wird. Dann legt man noch einen kleinen weißen Mantel um. Ihre Schuhe haben eine eigentümliche Form und sind den groben boiotischen Schuhen ähnlich. Sie lassen das Haar wachsen, binden es zusammen und salben den ganzen Körper mit Myrrhen. Jeder trägt einen Siegelring und einen künstlich bearbeiteten Stock, in den Figtiren eingeschnitzt sind: ein Apfel. eine Rose, eine Lilie, ein Adler oder dergleichen. Einen Stab ohne solches Merkzeichen zu tragen, ist nicht üblich. So viel über ihre äußere Erscheinunng.

196. Von ihren Sittten ist folgendes zu sagen. Die verständigste Sitte, die, wie ich erfahre, auch bei den Enetern in Illyrien herrscht, ist meiner Meinung nach die folgende. In jedem Dorfe des Lande wurden alljährlich sämtliche mannbaren Jungfrauen zusammengerufen und auf einem Platz versammelt. Rings herum stellten sich die Jünglinge, und nun ließ der Herold jedes Mädchen für sich aufstehen und bot es feil. Zuesrt kam das allerschönste. War es um einen hohen Preis losgeschlagen, so rief er ein zweites zum Verkauf aus, nämlich das nächstschönste. Und zwar wurden sie zur Ehe verkauft. Die Freier, die reich waren, überboten einander und erstanden die schönsten Mädchen. Die Jünglinge aus dem Volke aber, denen es um Schönheit nicht zu tun war, bekamen die häßlicheren Mädchen und noch Geld dazu. Wenn nämlich der Herold mit dem Verkauf der schönsten Jungfrauen fertig war, hieß er die unansehnlichste, oder etwa eine verkrüppelte, aufstehen und bot sie feil, d. h. er schlug sie dem zu, der sich unter der mindesten Geldforderung bereit erklärte, sie zur Frau zu nehmen. Das Geld wurde vom Erlös der schönen Jungfrauen genommen, und so verheirateten gewissermaßen die schönen Mädchen die häßlichen und krüppelhaften. Es war nicht erlaubt, seine Tochter einem beliebigen Jüngling zur Frau zu geben. Auch durfte man das gekaufte Mädchen nicht, ohne einen Bürgen zu stellen, heimführen; erst wenn man Bürgen dafür stellte, daß man mit ihr zusammen leben wolle, durfte man sie heimführen. Und wer nicht mit seinem Mädchen zusammenblieb, war verpflichtet, das empfangene Geld zurückzubringen. Sogar aus anderen Dörfern durften Freier kommen und ein Mädchen kaufen. Das war jener höchst verständige Brauch, der aber jetzt nicht mehr geübt wird. Dagegen haben sie neuerdings ein anderes Mittel ausfindig gemacht, um die Mädchen zu versorgen. Die Verarmung des Landes infolge der Unterjochung hat alle bedürftigen Leute aus dem Volk dazu geführt, ihre Töchter für Geld preiszugeben.

197. Nächst der genannten ist folgende Sitte der Babylonier die verständigste. Kranke werden auf den Markt getragen; denn sie haben keine Ärzte. Vorübergehende geben dem Kranken gute Ratschläge, Leute, die an derselben Krankheit gelitten haben oder einen anderen an ihr haben leiden sehen. Danach geben sie dem Kranken Ratschläge und erklären ihm, auf welche Weise sie von einer ähnlichen Krankheit geheilt worden seien oder andere hätten geheilt werden sehen. Schweigend an dem Kranken vorüberzugehen, ist nicht erlaubt. Jeder muß fragen, was für eine Krankheit er hat.

198. Die Toten werden in Honig gelegt, und die Trauergebräuche sind ähnlich wie die der Ägypter. Wenn ein Babylonier mit seinem Weibe Gemeinschaft gepflogen hat, opfert er Räucherwerk und setzt sich davor, ebenso sein Weib. Ist dann der Tag angebrochen, so nehmen beide ein Bad. Vor diesem Bad dürfen sie kein Gefäß anrühren. Denselben Brauch haben die Araber.

199. Die häßlichste Sitte der Babylonier dagegen ist folgende. Jede Babylonierin muß sich einmal in ihrem Leben in den Tempel der Aphrodite begeben, dort niedersitzen und sich einem Manne aus der Fremde preisgeben. Viele Frauen, die sich nicht unter die Menge mischen wollen, weil sie reich und hochmütig sind, fahren in einem verdeckten Wagen zum Tempel; zahlreiche Dienerschaft begleitet sie. Die meisten Frauen dagegen machen es folgendermaßen. Sie sitzen in dem Heiligtum der Aphrodite und haben eine aus Stricken geflochtene Binde ums Haupt. Es sind viele zu gleicher Zeit da; die einen kommen, die anderen gehen. Geradlinige Gassen nach jeder Richtung ziehen sich durch die harrendei Frauen, und die fremden Männer schreiten hindurch und wählen sich eine aus. Hat sich eine Frau hier einmal niedergelassen, so darf sie nicht eher nachhause zurückkehren, als bis einer der Fremden ihr Geld in den Schoß geworfen und sich draußen außerhalb des Heiligtums mit ihr vereinigt hat. Wenn er ihr das Geld zuwirft, braucht er nur die Worte zu sprechen. "Ich rufe dich zum Dienste der Göttin Mylitta." Aphrodite heißt nämlich bei den Ässyriern Mylitta.

Die Größe des Geldstücks ist beliebig. Sie weist es nicht zurück, weil sie es nicht darf; denn es ist heiliges Geld. Dem ersten, der es ihr zuwirft, folgt sie; keinen verwirft sie. Ist es vorüber, so geht sie nachhause und ist der Pflicht gegen die Göttin ledig. Wenn du ihr nachher noch so viel bietest, du kannst sie nicht noch einmal gewinnen. Die Schönen und Wohlgewachsenen sind sehr schnell befreit; die Häßlichen müssen lange Zeit warten und gelangen nicht dazu, dem Brauch zu genügen. Drei, vier Jahre müssen manche im Tempel weilen. Auch auf Kypros herrscht hier und da eine ähnliche Sitte.

200. Soviel ist von den Sitten der Babylonier zu berichten. Drei babylonische Volksstämme leben ausschließlich von Fischen. Die gefangenen Fische werden an der Sonne gedörrt. Darauf bereitet man sie folgendermaßen zu: man wirft sie in einen Mörser, zerstampft sie mit einer Keule und bewahrt sie in indischer Leinwand auf. Zum Essen knetet man sie dann entweder wie Brei oder bäckt sie wie Brot.


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)