Herodot über verschiedene zum persischen Reich gehörende Völker Asiens. Historien, 3, 97 - 116.

Deutsche Übersetzung aus: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einführung von W. F. Otto, Stuttgart 1979, S.225 - 231 (Griechischer Text : Herodotus, Historiae, ed. Haiim B. Rosén, 2 Bde., Leipzig 1987, Bd. 1, S. 316 - 326).


(97) .... Völker..., die zwar keine Steuern [scil. an den persischen Großkönig] entrichten, aber Geschenke geben, ... sind die Aithioper, die an Agypten grenzen und von Kambyses auf seinem Zuge gegen die sogenannten langlebigen Aithioper unterworfen wurden, ferner Umwohner des heiligen Berges Nysa, die dem Dionysos Feste feiern. Diese Aithioper und ihre Nachbarstämme sind von derselben Abstammung wie auch die Kallantier aus dem Volke der Inder. Sie hausen in unterirdischen Wohnungen. Diese beiden aithiopischen Stämme entrichten [scil ab den persischen Großkönig] - und tun es bis zum heutigen Tage - alle drei Jahre ein Geschenk von zwei Choinix ungeprägten Goldes, zweihundert Ebenholzstämmen, fünf aithiopischen Knaben und zwanzig großen Elefantenzähnen. Weiter die Kolcher und ihre Nachbarn bis zum Kaukasosgebirge.Bis zu diesem Gebirge reicht das persische Reich. Die Völker nördlich vom Kaukasos läßt Persien unbehelligt; diese Völker legten sich selber eine freiwillige Steuer auf, die sie noch heute aIle vier Jahre schicken, nämlich hundert Knaben uud hundert Mädchen. Endlich sandten die Araber jährlich tausend Talente Weihrauch. Das sind die Geschenke an den König, die außer jenen Steuern einkamen

98. Die Inder gewinnen jene großen Mengen Goldstaubes auf folgende Weise. Der nach Osten gelegene Teil des indischen Landes ist Sandwüste. Die Inder nämlich sind von Osten, vom Aufgang der Sonne her, das erste Volk Asiens, das wir kennen und von dem wir bestimmte Nachrichten haben. Östlich von Indien ist Sand und Wüste. In Indien gibt es viele verschiedene Stämme, die auch verschiedene Sprachen sprechen, teils Nomaden sind, teils nicht. Einige wohnen in Flußiederungen und leben von rohen Fischen, die sie von Booten aus Bambus fangen. Aus jedem Absatz einer Bambusstaude wird ein ganzes Boot gemacht. Diese Stämme tragen Kleider aus Binsen. Die Binsen werden im Fluß geschnitten, geklopft, nach Art einer Matte geflochten und wie ein Panzer getragen.

99. Weiter östlich wohnen Nomadenstämme, die von rohem Fleisch leben. Sie heißen Padaierund sollen folgende Gebräuche haben. Wenn ein Mitglied des Stammes krank wird, eine Frau oder ein Mann, so wird es, wenn es ein Mann ist, von den nächsten männlichen Freunden getötet. Denn, sagen sie, die Krankheit zehrt sein Fleisch auf, so daß es uns verloren geht. Auch wenn er seine Krankheit ableugnet, töten und verzehren sie ihn, ohne auf ihn zu hören. Ist es eine Frau, die krank wird, so tun die nächsten weiblichen Verwandten dasselbe mit ihr wie die Männer mit den Männern. Und wer alt wird, den opfert man feierlich und verzehrt ihn ebenfalls. Doch bringen es nicht viele bis zuin Alter. Die meisten werden schon vorher, hei Gelegenheit einer Krankbeit' getötet.

100. Ein anderer indischer Stamm hat wieder eine andere Lebensweise. Da wird überllaupt kein lebendes Wesen getötet. Man bebaut auch nicht den Acker, hat keine Häuser, sondern lebt von Gras. Dort wächst nämlich eine Pflanze wild, die Hülsenfrüchte von der Größe eines Hirsekorns trägt. Mitsamt der Hülse werden diese Körner gesammelt, gekocht und gegessen. Wenn einer dieses Stammes krank wird, geht er in die Wüste und legt sich hin. Niemand kümmert sich um den Sterbenden oder Leidenden.

101. Bei all den genannten indischen Stämmen geschieht die Begattung öffentlich wie bei dem Vieh. Sie haben auch alle die gleiche Farbe, nämlich dieselbe wie die Aithioper. Auch der Same, den sie an die Weiber abgeben, ist nicht weiß wie hei den anderen Völkern, sondern schwarz wie ihre Haut. Die Aithioper haben ebenfalls schwarzen Samen. Diese indischen Stämme wohnen weiter von den Persern entfernt und südlicher als die anderen. Sie waren dem König Darejos niemals unterworfen.

102. Dagegen wohnen andere Stämme nicht weit von der Landschaft Paktyike und deren Hauptstadt Kaspatyros,nördlich von den anderen Indern. Sie nähern sich in ihrer Lebensweise den Baktriern. Sie sind die kriegerischsten indischen Stämme, und sie sind es auch, die zur Gewinnung des Goldes ausziehen. In ihrer Gegend ist nämlich eine Sandwüste, und in dieser Sandwüste leben große Ameisen, kleiner als Hunde, aber größer als Füchse. Einige solcher Ameisen, die dort gefangen sind, kann man beim König övon Persien sehen. Diese Ameisen werfen beim Bau ihrer unterirdischen Wohnung den Sand auf, wie es auch die Ameisen in Hellas tun, denen sie auch im Aussehen sehr ähnlich sind. Der aufgeworfene Sand aber ist goldhaltig, und zur Gewinnung dieses Sandes ziehen die Inder in die Wüste. Drei Kamele werden zusammengebunden, zu beiden Seiten ein Kamelhengst wie ein Handpferd, in der Mitte eine Kamelstute. Auf dieser reiten sie, und zwar nehmen sie gern Stuten, die kürzlich erst geworfen haben, so daß man sie ihrem Füllen entreißen muß. Ihre Kamele sind nicht weniger schnell als Pferde und können überdies weit größere Lasten tragen.

103. Beschreiben will ich das Kamel nicht, da man es in Hellas kennt; nur das will ich anführen, was man von dem Kamel nicht weiß. Es hat nämlich an den Hinterbeinen vier Schenkel und vier Knie, und die Stute ist zwischen den Schenkeln rückwärts nach dem Schwanz hin gekehrt.

104. So ausgerüstet ziehen die Inder nach dem Gold aus, wobei sie es so einrichten, daß sie während der heißesten Tageszeit eintreffen und das Gold rauben. Vor der Hitze nämlich verkriechen sich die Ameisen in die Erde. Die heißeste Tageszeit ist für diese Völker aber der Morgen, nicht wie für die anderen Völker der Mittag. Nur bis gegen Mittag, wo bei uns der Markt aufhört, steht dort die Sonne hoch. Und zwar brennt sie dann weit mehr als in Hellas zur Mittagszeit. Man erzählt, die Leute hielten sich solange im Wasser auf. Mittags brennt die Sonne bei den Indern ebenso wie bei den anderen Völkern. Nachmittags kühlt es sich ab, wie es bei uns des Morgens ist, und dann wird es immer kälter, bis es bei Sonnenuntergang sehr kalt ist.

105. Kommen nun die Inder an den Platz, so füllen sie die mitgebrachten Säcke möglichst schnell mit Sand und machen sich wieder davon. Die Ameisen nämlich riechen sie, wie die Perser behaupten, und verfolgen sie sofort. Sie sollen schneller sein als jedes andere Tier. Wenn die Inder nicht, während die Ameisen sich sammeln, einen Vorsprung gewännen, würde keiner von ihnen lebendig davonkommen. Die männlichen Kamele, die nicht so schnell laufen könnten wie die weiblichen, bände man während der Verfolgung los und überloeße sie den Ameisen, erst das eine, dann das andere. Die Stuten aber, im Gedanken an die Füllen daheim, blieben unermüdlich. Auf diese Weise werde, wie die Perser sagen, der größte Teil des indischen Goldes gewonnen. Ein kleinerer Teil wird gegraben.

106. Die äußersten Länder der Erde besitzen die kostbarsten Dinge; dafür hat aber Hellas bei weitem das gleichmäßigste Klima. Das äußerste Land im Osten ist Indien, wie ich oben schon erwähnt habe. Und in Indien sind nicht nur die Tiere, vierfüßige und Vögel, weit größer als in anderen Ländern mit Ausnahme der Pferde, die von den medischen, sogenannten nesaiischen Pferden noch übertroffen werden, sondern es gibt dort auch unermeßlich viel Gold, das teils gegraben, teils von Flüssen mitgeführt, teils wie ich beschrieben habe, geraubt wird. Und wild wachsende Bätime tragen dort als Frucht Wolle, die an Schönheit und Haltbarkeit über der Schafwolle steht. Die Kleidung der Inder wird aus den Früchten dieser Bäume hergestellt

107. Im Süden ist das äußerste Land der Erde Arabien. Und in keinem anderen Lande als in Arabien wachsen Weihrauch und Myrrhen, Kasia, Kinamomon und Ledanon. Alle diese Dinge mit Ausnahme der Myrthen werden von den Arabern nicht ohne Mühe oewonnen. Um den Weihrauch zu gewinnen, verbrennen sie Storax, der von den Phoinikern nach Hellas eingeführt wird. Die Weihrauchbäume nämlich werden von geflügelten Schlangen bewacht, die klein und buntfarbig sind und sich in Mengen in der Nähe jedes einzelnen Baumes aufhalten. Es sind dieselben, die die feindlichen Züge nach Agypten unternehmen. Nichts anderes vertreibt sie von den Bäumen als der Rauch des Storax.

108. Die Araber meinen auch, daß sich die ganze Erde mit diesen Schlangen füllen würde, wenn bei ihnen nicht dasselbe der Fall wäre, was bekanntlich bei den Nattern der Fall ist. Die göttliche Vorsehung hat in ihrer Weisheit alle furchtsamen und eßbaren Tiere sehr fruchthar geschaffen, damit es uns nicht an Nahrung fehlt, die schädlichen und unangenehmen Tiere aber sehr wenig fruchtbar. So ist der Hase, weil er von allen gejagt wird, von Tier, Vogel und Mensch, sehr fruchtbar. Er ist das einzige Tier, das nach Empfang einer Frucht noch weiter empfängt. Von den Jungen im Mutterleibe ist eines schon behaart, das andere noch kahl, das dritte bildet sich erst und ein viertes wird empfangen. Demgegenüber denke man nun an den Löwen, das stärkste tind trotzigste Raubtier. Die Löwin gebiert in ihrem ganzen Leben ein einziges Junges. Denn bei der Gehtirt wirft sie auch die Gebärmutter mit aus. Das hat folgenden Grund. Wenn daas Itinge sich im Mutterleib zu bewegen anfängt, zerreißt es mit seinen Krallen - sie sind weit schärfer als die Krallen aller anderen Tiere - die Gebärmutter, und je größer es wird, um so mehr zerstört es sie. Kommt die Geburt heran, so ist sie ganz und gar zerstört.

109. Ahnlich ist es mit den Nattern und den geflügelten Schlangen in Arabien. Wenn sie sich in der Art der anderen Schlangen fortpflanzten, könnten die Menschen nicht leben. Es ist aber so bei ihnen. Wenn sie sich begatten und das Männcen gerade dabei ist, den Samen fahren zu lassen, hängt sich das Weibchen an seinen HaIs und läßt nicht eher los, als bis es ihn durchgebissen hat. Auf diese Weise kommt das Männchen ums Leben, das Weibchen aber muß dafür büßen, indem die Jungen in ihrem Leibe den Vater rächen, die Gebärmutter und die Bauchwand durchbeißen und sich so den Weg ins Freie bahnen. Die anderen, für den Menschen ungefährlichen Schlangen dagegen legen Eier und brüten eine großen Menge Jungen aus. Die Nattern sind über die ganze Erde verbreitet, während die gefügelten Schlangen sich ausschließlich in Arabien finden, dort aber in Scharen, so daß man denkt, sie eien sehr zahlreich.

110. So also gewinnen die Araber den Weihrauch. Anders die Kasia. Um Kasia zu gewinnen, hüllen Sie den ganzen Körper und das Gesicht mit Ausnahme der Augen in Rindshäute und andere Häute. Sie wächst in einem flachen See und um den See herum, und in ihm gibt es geflügelte Tiere, die am meisten Ähnlichkeit mit Fledermäusen haben. Sie schwirren sehr laut und wissen sich kräftig zu wehren. Diese Tiere gilt es von den Augen abzuwehren, wenn man die Kasia bricht.

111. Noch wunderlicher ist die Art, wie das Kinamomon geerntet wird. Sie wissen selber nicht, wo es wächst und welches Land es hervorbringt. Einige meinen, es käme aus dem Lande, in dem Dionysos aufgezogen wurde, was auch wahrscheinlich richtig ist. Große Vögel, heißt es, tragen die getrockneten Rindenstücke herbei, die bei uns mit phoinikischem Namen Kinamomon heißen. Sie tragen sie in ihre Nester, die aus Lehm gebaut sind und an schroffen Felsen kleben, an denen kein Mensch emporklimmen kann. Da haben nun die Araber folgendes ausgedacht. Tote Ochsen, Esel und andere Zugtiere hacken sie in möglichst große Stücke und schleppen sie herbei. In der Nähe der Nester lassen sie sie liegen und gehen dann recht weit fort. Die Vögel kommen herab und tragen die Fleischstücke ins Nest, das aber die Last nicht tragen kann und zur Erde stürzt. Dann kommen die Leute zurück und sammeln das Kinamomon. Das so gewonuene Kinamomon wird dann in die anderen Länder ausgeführt.

112. Die Gewinnung des Ledanon - die Araber sagen Ladanun - ist wiederum noch wunderlicher. Es hat den schönsten Geruch und stammt doch aus dem übeltiechendsten Orte. Es findet sich nämlich in dem Bart der Ziegenböcke, wo es abträufelt wie die Flüssigkeit vom faulenden Holz. Man verwendet es für viele Salben, und die Araber benutzen es vornehmlich zum Räuchern.

113. Soviel über die Wohlgerüche in Arabien, wo es überhaupt wunderbar süß duftet. Zwei merkwürdige Arten Schafe, die es nirgends sonst gibt, findet man in Arabien. Die eine hat lange Schwänze, mindestens drei Ellen lang. Ließe man zu, daß das Schaf den Schwanz nachzieht so würde es ihn an der Erde wund reiben. Alle Hirten aber verstehen sich soweit auf das Zimmerhandwerk, daß sie kleine Wagen zimmern und sie unter die Schwänze binden. Jedes Tier hat solch einen Wagen unter seinem Schwanz. Die andere Art hat breite Schwänze, die wohl eine EIle breit sind.

114. Im Südwesten ist Aithiopien das äußerste Land der Erde. Aithiopien ist sehr goldreich, hat gewaltige Elefanten, lauter wildwachsende Fruchtbäume, Ebenholzbäume, sehr große, schöne und langlebige Menschen.

115. Das sind die äußersten Länder in Asien und in Libyen. Uber die äußersten Länder in Europa, also nach Westen hin, kann ich nichts Bestimmtes mitteilen. Ich glaube nicht an den Eridanos, wie die Barbaren einen Fluß bezeichnen sollen, der ins Nordmeer, aus dem der Bernstein kommen soll, fließe. Ich weiß auch von den Zinninseln nichts, von denen das Zinn zu uns kommt. Schon der Name Eridanos erweist sich als hellenisch, nicht barbarisch, und also als Erfindung eines Dichters. Ferner kann ich trotz aller Mühe von keinem Augenzeugen Näheres über jenes Nordmeer in Europa erfahren. Daß Zinn und Bemstein aus dem äußersten Lande der Erde kommen, ist sicher.

116. Im Norden von Europa gibt es augenscheinlich sehr große Mengen Gold. Wie man es gewinnt, kann ich ebenfalls nicht bestimmt sagen. Der Sage nach rauben es die einäugigen Anmasper den Greifen. Ich glaube aber nicht, daß es überhaupt einäugige Menschen gibt, die im übrigen ebenso aussehen wie andere Menschen. Jedenfalls sieht man, daß die äußersten Länder, die die übrigen rings umschließen, Dinge besitzen, die bei uns im höchsten Werte stehen und sehr selten sind.


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)