Herodot über die Perser. Historien 1, 131 - 141.

Deutsche Übersetzung aus: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einführung von W. F. Otto, Stuttgart 1979, S.62 - 65 (Griechischer Text : Herodotus, Historiae, ed. Haiim B. Rosén, 2 Bde., Leipzig 1987, Bd. 1, S. 87 - 93).


.......131. Über die Sitten der Perser kann ich folgendes mitteilen. Es ist nicht Sitte bei ihnen, Götterbilder, Tempel und Altäre zu errichten. Wer das tue, sei töricht, sagen sie. Offenbar stellen sie sich die Götter nicht wie die Hellenen als menschenähnliche Wesen vor. Dem Zeus pflegen sie oben auf den Gipfeln der Berge zu opfern, und zwar bezeichnen sie mit dem Namen Zeus das ganze Himmelsgewölbe. Sie opfern auch der Sonne, dem Monde, der Erde, dem Feuer, dem Wasser und den Winden. Das sind ursprünglich die einzigen göttlichen Wesen, denen sie opfern; dann haben sie auch gelernt, der Urania zu opfern. Von den Assyriern und Arabern haben sie diesen Kult übernommen. Die Assytier nennen die Aphrodite Urania: Mylitta, die Araber: Alilat, die Perser: Mitra.

132. Die Opfer für die genannten Götter finden bei den Persern unter folgenden Gebräuchen statt. Weder Altäre werden gebaut, noch Feuer angezündet. Weder Weingüsse, noch Flötenspiel, noch Binden, noch Gerstenkörner sind üblich.Wenn jemand opfern will, führt er sein Opfertier an eine reine Stätte und ruft den Gott an. Meist hat er dabei seine Tiara mit Myrten bekränzt. Der Opfernde darf sein Gebet um Heil nicht auf sich allein beschränken; er betet für alle Perser und den König. In dies Gebet ist er ja selber mit einbegriffen. Hat er dann das Opfertier zerteilt und das Fleisch gekocht, so legt er alles Fleisch auf sehr zartes Gras; meist ist es Klee, den man als Unterlage wählt. Nun tritt ein Mager heran und singt die Theogonie; das ist der Name, den der Optergesang führt. Ohne Mitwirkung des Magers darf kein Opfer stattfinden. Der Opferer wartet noch ein Weilchen und nimmt dann das Fleisch fort, das er nach Belieben verwendet.

133. Als höchsten Festtag feiert jeder Perser den Tag, an dem er geboren ist. An diesem Tage will er ein reichlicheres Mahl einnehmen als sonst. Die reichen Perser lassen dann ein Rind, ein Roß, ein Kamel und einen Esel auftragen, die im Ofen ganz gebraten werden. Die Ärmeren lassen kleinere Tiere zubereiten. Brot wird wenig gegessen, viel Zukost, und zwar in mehreren Gerichten. Darum sagen sie auch, die Hellenen stünden hungrig von der Mahlzeit auf; denn nach dem Hauptgericht würde nichts Rechtes mehr gereicht. Geschähe das, so würden die Hellenen unaufhörlich essen. Den Wein lieben sie sehr. In Gegenwart anderer sich zu erbrechen oder Wasser zu lassen ist nicht Sitte. Darin also sind sie streng; dagegen pflegen sie im Rausch die wichtigsten Angelegenheiten zu verhandeln. Den Beschluß, den man so gefaßt hat, trägt der Hausherr, in dessen Hause die Beratung stattfindet, am nachsten Tage, wenn die Beratenden nüchtern sind, noch einmal vor. Ist man auch jetzt damit einverstanden, so führt man das Beschlossene aus, andernfalls läßt man es fallen. Auch wird ein Gegenstand, den sie nüchtern vorberaten haben, noch einmal in der Trunkenheit erwogen.

134. Wenn sie einander auf der Straße begegnen, kann man an ihrem Gruß erkennen, ob beide gleichen Ranges sind. Ist es der Fall, so küssen sie einander auf den Mund. Ist einer von etwas geringerem Stande, so küssen Sie sich auf die Wangen, ist der Standesunterschied groß, so wirft sich der Geringere vor dem Höherstehenden zur Erde. Bei den Persern genießen die nächsten Nachbarn die höchste Achtung nach ihnen selber, dann kommen die entfernteren, und so geht es schrittweise abwärts. Am wenigsten gelten ihnen die Völker, die ihnen am fernsten wohnen. Sich selber halten sie nämlich für die allervorzuglichsten Menschen auf Erden; die Tüchtigkeit der Umwohnenden richtet sich, meinen sie, nach der Entfernung von ihnen, und die Fernsten sind die allergeringsten. Zur Zeit der Mederherrschaft richtete sich ja die Überlegenheit in der Tat nach diesem Merkmal. Die Meder herrschten über sämtliche Völker, zumal über ihre nächsten Nachbarn, diese wieder über ihre Nachbarn, und so ging es fort. In derselben Weise verteilen jetzt die Perser das Maß ihrer Hochschätzung; denn ihr Machtbereich hat sich sehr weit ausgedehnt.

135. Kein Volk ist fremden Sitten so zugänglich wie das persische. Sie finden die medische Kleidung schöner als die ihrige und tragen sie infolgedessen. Ebenso tragen sie im Kriege den ägyptischen Brustpanzer. Alle Genüsse und Vergnügungen, die sei kennen lernen, führen sie bei sich ein; so haben sie auch von den Hellenen den Liebesverkehr mit Knaben angenommen. Jeder Perser fuhrt eine große Zahl von rechtmäßigen Frauen heim, außerdem hat er eine noch größere Zahl von Kebsweibern.

136. Die Haupttugend ist Tapferkeit. Ferner gilt es als ein Verdienst, viele Söhne zu zeugen. Wer die meisten Söhne hat, erhält vom König ein jährliches Geschenk. Auf die Zahl legen sie das Hauptgewicht. Sie unterweisen die Knaben vom fünften bis zum zwanzigsten Jahre; aber nur drei Dinge lernen sie: Reiten, Bogenschießen und die Wahrheit sagen. Bis zum fünften Jahre kommt das Kind dem Vater gar nicht zu Gesicht; es lebt bei den Frauen. Das geschieht deshalb, damit der Vater sich nicht grämen muß, wenn das kleine Kind stirbt.

137. Diese Sitte lobe ich, ebenso die andere, daß nicht einmal der König wegen eines bestimmten Vergehens einen Menschen erschlagen darf, überhaupt kein Perser an seinem Knecht aus einem bestimmten Anlaß eine tödliche Strafe vollziehen darf. Nur wenn er nach sorgfältiger Abwägung findet, daß der Knecht ihm mehr Ärger verursacht als Dienste geleistet hat, darf er seinem Zorn soweit nachgeben. Sie behaupten, daß bei ihnen niemals ein Vater- oder Muttermord vorkäme. Bei jedem derartigen Vorfall stelle sich durch Nachfragen ganz unweigerlich heraus, daß das Kind untergeschoben sei oder einem Ehebruch entstamme. Denn es sei unnatürlich, daß der rechte Vater von der Hand seines eigenen Sohnes falle.

138. Was ihnen zu tun verboten ist, dürfen sie auch nicht aussprechen. Das Entehrendste ist bei ihnen das Lügen. An zweiter Stelle steht das Schuldenmachen, dies aus vielen Gründen, namentlich aber, weil ihrer Meinung nach ein Schuldner notwendig in die Lage kommt, zu lügen. Ein Bürger, der an Aussatz oder weißen Flecken leidet, betritt die Stadt nicht, verkehrt auch nicht mit den anderen Persern. Sie schreiben diese Krankheiten einem Vergehen gegen die Sonne zu. Jeden Fremden, der davon befallen wird, treibt man aus dem Lande. Viele dulden aus demselben Grunde auch keine weißen Tauben. Nie lassen sie ihr Wasser in einen Fluß oder speien hinein, waschen auch nicht ihre Hände darin oder dulden, daß es ein anderer tut. Vielmehr erweisen sie den Flüssen die tiefste Ehrfurcht.

139. Es gibt noch etwas Merkwürdiges bei den Persern, was sie selbst freilich nicht so empfinden, wohl aber wir. Alle ihre Eigennamen, die mit der Körperbeschaffenheit zusammenhängen und Schönheit oder Pracht ausdrücken, endigen auf den gleichen Buchstaben, der bei den Doriern San, bei den Ionern Sigma heißt. Auf diesen Buchstaben endigen, wie man bei näherer Nachforschung finden wird, alle persischen Namen, d. h. nicht bloß manche, sondern sämtliche.

140. Das sind die Nachtrichten über die Perser, die ich als unbedingt richtig mitteilen kann. Dagegen halten sie ihre Begräbnissitten geheim; nur unbestimmt erfährt man, daß der Leichnam eines Persers erst bestattet wird, nachdem ihn ein Raubvogel oder ein Hund umhergezerrt hat. Von den Magern weiß ich bestimmt, daß sie diese Sitte haben; sie zeigen sie ganz offen. Jedenfalls überziehen die Perser den Leichnam mit Wachs, bevor sie ihn in die Erde legen. Die Mager unterscheiden sich durch eine ihrer Sitten erheblich von der übrigen Menschheit, namentlich auch von den ägyptischen Priestern. Die letzteren töten, um sich nicht zu verunreinigen, kein Tier außer den Opfertieren. Die Mager aber töten mit eigener Hand alles außer dem Hund und dem Menschen und vertilgen Ameisen, Schlangen und alle anderen kriechenden und fliegenden Tiere mit Absicht und um die Wette. Doch möge diese Sitte, wie sie von jeher bestanden hat, auch weiter bestehen! Ich kehre zu meiner Erzählung zurück.


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)