Herodot über die Thraker. Historien, 5, 3 - 10.

Deutsche Übersetzung aus: Herodot, Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Übersetzt von A. Horneffer. Neu herausgegeben und erläutert von H. W. Haussig. Mit einer Einführung von W. F. Otto, Stuttgart 1979, S. 330 f.(Griechischer Text : Herodotus, Historiae, ed. Haiim B. Rosén, 2 Bde., Leipzig 1987, Bd. 2, S. 2 - 5).


3. Das thrakischeVolk ist nach dem indischen das größte der Erde. Wäre es einig und hätte es nur einen Herrscher, so wäre es unbesiegbar und meiner Meinung nach bei weitem das mächtigste Volk, das es gibt. Aber da das unmöglich ist und gewiß niemals von ihnen erreicht werden wird, so sind sie schwach. In jeder Landschaft haben sie einen besonderen Namen, doch sind die Sitten des ganzen Volkes durchweg dieselben. Ausgenommen sind die Geten, die Trauser und die norwärts der Krestonianer wohnenden Stämme.

4. Von dem Tun und dem Unsterblichkeitsglauben der Geten babe ich schon erzählt. Das Leben der Trauser ist im allgemeinen dem der anderen thrakischen Stämme ähnlich, nur bei der Geburt und beim Tode haben sie eigentümliche Gebräuche. Um das neugeborene Kind setzen sich die Vervandten herum und klagen, weil es so viele Leiden in seinem Leben werde erdulden müssen; dabei zählen sie alle menschlichen Leiden und Kümmernisse auf. Die Toten dagegen begraben sie unter Lachen und Scherzen, weil sie allen Ubeln entronnen seien und jetzt in Freude und Seligkeit lebten.

5. Bei den Stämmen nördlich von den Krestonaiern hat jeder viele Weiber. Stirbt nun einer, so entsteht ein heftiger Streit unter seinen Weibern, und auch seine Freunde beteiligen sich eifrig daran, welche von diesen Frauen am meisten von ihrem Manne geliebt worden sei. Ist der Streit entschieden, so wird die Auserwählte unter Lob und Preis der Männer und Frauen durch ihre nächsten Verwandten auf dem Grabe geschlachtet und dann mit dem Manne zusammen begraben. Die anderen Frauen sind sehr unglücklich; daß sie zurückstehen müssen, gilt als eine große Schande.

6. Die anderen thrakischen Völker haben folgende Sitten. Sie verkaufen ihre Kinder nach fremden Ländern. Ihre Jungfrauen hüten sie nicht, sondern sie können verkehren, mit welchem Mann sie wollen. Die verheirateten Frauen werden dagegen streng bewacht und ihren Eltern um hohen Preis abgekauft. Brandmale in der Haut zu haben, gilt für vornehm; wer sie nicht hat, gehört nicht zu den Edlen. Wer müßig geht, wird hoch geehrt; wer das Feld bebaut, wird tief verachtet. Das ehrenvollste Leben ist das Kriegs- und Räuberleben. Das sind ihre bemerkenswertesten Sitten.

7. Die Thraker verehren nur drei Götter: Ares, Dionysos und Artemis. Ihre Könige, aber nicht das Volk, verehren am höchsten den Hermes und schwören nur bei ihm. Sie behaupten, von Hermes abzustammen.

8. Was ihre Begräbnisse betrifft, so wird der Leichnam, wenn der Tote ein reicher Mann war, drei Tage ausgestellt. Allerhand Opfertiere werden geschlachtet, und nachdem die Totenklage gehalten worden ist, wird ein Schmaus veranstaltet. Dann wird die Leiche verbrannt oder beerdigt, ein Grabhügel aufgeschüttet und ein Kampfspiel mit Kämpfen jeder Art abgehalten. Die höchsten Preise werden für den Einzelkampf je nach seiner Bedeutung ausgesetzt. Das sind die Begräbnissitten der Thraker.

9. Was für Völker im Norden von Thrakien wohnen, kann niemand mit Sicherheit sagen: das Land jenseits des Istros scheint unbewohnt und grenzenlos zu seils. Nur von einem Volk jenseits des Istros konnte ich den Namen erfahren. Es heißt die Sigynner und hat medische Tracht. Ihre Pferde sollen am ganzen Körper mit fünf Finger langen Haaren bedeckt sein, aber klein, stumpfnasig und zu schwach sein, einen Menschen zu tragen. An den Wagen gespannt sollen sie aber sehr flink sein, weshalb die Leute dort im Wagen fahren. Ihr Gebiet soll bis nahe an die Eneter am Adriatischen Meere reichen. Sie wollen ausgewanderte Meder sein. Wie das möglich sein soll, kann ich mir nicht erklären, doch in den langen vergangenen Zeiten kann sich ja alles Denkbare ereignet haben. Die Ligyer übrigens, die nördlich von der Stadt Massalia in den Bergen wohnen, haben für die Krämer den Namen Sigynner; und auf Kypros wird das Wort für die Speere gebraucht.

10. Die Thraker behaupten, daß jenseits des Istros Bienen hausten, die niemanden weiter vordringen ließen. Mir kommt diese Behauptung nicht sehr wahrscheinlich vor; denn diese Tiere können doch die Kälte nicht vertragen. Vielmehr glaube ich, daß die Länder im Norden wegen der Kälte unbewohnt sind. Soviel über Thrakien, dessen Küste jetzt Megabazos den Persern unterwarf.


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)