Lösung zu Übung 4.

Die Aufgaben lauteten:

In seinem Werk 'Historien' befaßt sich Herodot von Halikarnassos (484 - ca. 430 v. Chr.) als Autor mit einer Vielzahl von Völkern, die er teils ausführlicher, teils mehr beiläufig behandelt.

a) Bei welchen Völkern könnte das Schwergewicht seiner Interessen liegen und warum?

b) Prüfen Sie anhand der unten wiedergegebenen Auszüge aus seinem Werk, mit welchen Darstellungsabsichten und mit welcher Genauigkeit, in welcher Ordnung und in welchem Stil Herodot, soweit Sie es beurteilen können, über fremde Völker berichtet.

c) Ist Herodot an irgendeiner Stelle - etwa gegenüber den Persern - Parteilichkeit oder sonstige Voreingenommenheit nachweisbar? Wo lassen sich Ihres Erachtens Fehlinformationen, falsche Schlußfolgerungen, Begriffsbildungen oder Verallgemeinerungen Herodots ausmachen und was sagen sie über die Zuverlässigkeit seiner 'historisch-autoptischen' Berichterstattung wie generell über ihre Erkenntnismöglichkeiten in dieser Epoche aus?

Sämtliche Textquellenauszüge in Kap. 4 (Abschnitt 2 - 5).


Zu den einzelnen Punkten. Die Hinweise werden knapp gehalten. Im übrigen wird auf die Ausführungen des Kapitels und seine Literaturangaben verwiesen.

Zu a)

Bei der Beantwortung der Frage ist zu unterscheiden. ob sich Herodot politik- und kriegsgeschichtlich oder ethnographisch mit Völkern befaßt.

Das Schwergewicht der kriegs- und politikgeschichtlichen Darstellung Herodots liegt sicherlich bei der allmählichen Expension des Perserreichs - von der Unterwerfung der Mediens und Lydiens, des griechischen Kleinasiens und Babylons und dem Feldzug gegen die Massageten unter Kyros (reg.558 - 529 v. Chr.) über die Eroberung Ägyptens unter Kambyses (reg. 529 - 522 v. Chr.) und die Feldzüge gegen die Skythen, die Kyrenier und Libyer, die Thraker und Makedonen sowie die Niederschlagung des ionischen Aufstandes unter Dareios I. (reg. 522 - 486 v. Chr.) bis schließlich zu dem Hauptthema des Werks, den mißlungenen Expeditionen gegen die Griechen unter Dareios und unter Xerxes (486 - 465 v. Chr.) i. d. J. 490 und 480 - 478 v. Chr. Bei dieser Darstellung liegt stehen die Perser und die Griechen im Vordergrund, die anderen Völker nur jeweils dann, wenn sie als Gegner der Perser in Erscheinung treten.

Für die ethnographischen Darstellungen, die in Wiedergabe die politik- und kriegsgeschichtlichen Abläufe eingebait sind,gibt es eine andere Gewichting. Daneben - und eingebunden in die politik- und kriegsgeschichtliche Darstellung - gibt es jedoch eine andere Gewichtung. Mehr oder weniger umfängliche ethnographische Exkurse finden sich immer dann, wenn es um Völker geht, die dem Publikum Herodots, also Griechen in Athen und seinem kulturellen Umkreis ihren Institutionen, ihrer allgemeinen Geschichte, ihrer Geisteskultur und ihren Bräuchen nach weniger vertraut sind als die Griechenvölker der damaligen Gegenwart und andere näherliegende Nachbarn. Was diese ethnographischen Darstellungen betrifft, so läßt sich folgende Gewichtung feststellen:

a) Die Welt der Griechen und der anderen den Griechen vertrauteren Völker des nahöstlich-mediterranen und europäischen Raums findet ethnographisch nur selten Berücksichtigung. Sie erscheinen Herodot insoweit zumeist nicht beschreibungsbedürftig. Ausnahmsweise und eher knapp sind ethnographisch nur charakterisiert ältere Formen der Kultur und Verfassung in griechischen Volksstämmen oder Völkerschaften des unbekannteren westlichen Mittelmeerraums, des etwas nördlicheren Europa oder der westlicheren afrikanischen Mittelmeer- und Atlantiküste.

b) Die Perser als in der Sicht Herodots 'barbarisches' Herrschaftsvolk Asiens, das sich in einer prinzipiellen Frontstellung zu den Hellenen und generell zu 'Europa' befindet, ist den Griechen offenbar in vielerlei Hinsicht vertraut. Herodot beschränkt sich auf eine sehr knappe ethnographische Hervorhebung solcher Züge der Perser, die er gleichwohl für eher unbekannt und somit mitteilungsbedürftig zu halten scheint.

c) Ägypten und Mesopotamien sind reiche, große Länder und Völker mit alten Kulturtraditionen, jedoch relativ weit außerhalb der Griechenwelt und ihrer typischen Verkehrsbeziehungen und somit offenbar weitgehend unbekannt. Das dürfte daran liegen. daß Mesopotamien und zumeist auch Ägypten in der ersten Hälfte des 5. Jht. v. Chr. im persischen Herrschafts- und Einflußgebiet liegen und somit für die in diesen Jahzehnten - bis zum Kallisfrieden d. J. 448 v. Chr. - mit den Persern in ständigem Kleinkrieg konfontierten Griechen nicht ohne weiteres zugänglich waren. Aber auch soweit Ägypten zeitweilig - aufgrund athenischer Intervention (459 - 454 v. Chr.) - von persischem Einfluß frei wird, sperrt es sich in traditioneller Weise gegen einen allzu starke Öffnung für Ausländer zumindest in seinem Binnenlande. Der religions- und allgemeingesichichtliche und der ethnographische Informationsbedarf seines Publikums wird von Herodot deshalb ausführlich bedacht.

d) Über die weit entfernten und im allgemeinen unerreichbaren und auch von den Persern nicht beherrschbaren barbarischen Völker ohne feste Wohnitze, also die Nomadenvölker, insbesondere die Libyer und die Skythen, macht Herodot ausführlichere ethnographische Angaben.

e) Die Barbarenvölker an den äußersten Rändern der Oikumene, wie die Thraker, Kelten, Araber, Inder und Äthiopier, sind dem Publikum Herodots aus ähnlichen Gründen wie die Nomadenvölker weitgehend unbekannt, werden von Herodot aber - wegen seiner im allgemeinen nicht allzugroßen und oft stark fehlerbelasteten indirekten Informationsmöglichkeiten - zumeist nur kurz ethnographisch vorgestellt; nur für die Thraker und ihre Teilstämme sind diese Ausführungen zusammengenommen etwas länger.

Zu b)

Herodots immer wieder einmal erklärte Absicht ist es, seine griechische Zuhörer- und Leserschaft, die über die Gegenstände seines Werks nur undeutliche Kenntnisse zu haben pflegt, mit genaueren, möglichst geprüften und zutreffenden Informationen über die Geschichte einschließlich der Vor- und Seitengeschichte - des 'Perserkries' zu versorgen und dabei auch solche Kenntnisse zu vermitteln, die er über von ihm selbst bereiste Länder hat sammeln können - einschließlich solcher, die aus nicht nachprüfbarer jeweils einheimischer Quelle stammen, und solcher, die eher mythologischen oder legendenhaften Charakter haben. Er erklärt ausdrücklich seine grundätzliche Intention, nur Richtiges oder Geprüftes mitzuteilen oder aber erkennbar zu machen, daß es sich um Legenden oder Gegenstände religiösen Glaubens handelt.

Dieser Absicht wird er durch inrensive und zielgereichtete Reise-, Besichtigungs-, Nachforschungs- und Sammelaktivitäten im Laufe seines Lebens jedenfalls partiell gerecht. Eine Karte seiner Reisen zeigt jedoch, daß er über viele Völker und Landschaften, über die er etwa mitteilt, nur vom Hörensagen berichten kann. Ferner ist erkennbar, daß er etwa weder der ägyptischen noch der babylonischen, noch der thrakischen, noch der skythischen, noch schließlich der persischen Sprache ausreichend mächtig gewesen ist, um einheimische Berichte in diesen Sprachen angemessen verstehen oder gar lesen zu können. Nicht nur das, was er über ferne, von ihm nicht besuchte Völker in Erfahrung bringt, sondern auch das, was er über die von ihm besuchten mitteilt, muß daher auf Dolmetschermitteilungen und Gewährslleuteberichten beruhen.

Der Stil Herodots ist erkennbar rhetorisch, weniger wissenschaftlich nüchtern und systematisch gestaltet. Auch dies hat Rückwirkungen auf die Genauigkeit seiner Mitteilungen. Mehr oder weniger unbewußt neigt er dazu, sein ihn bezahlendes und, wie überliefert wird, sehr schätzendes breites Publikum zu unterhalten und zu fesseln. Das geschieht, wie heute, auch mit den rhetorisch probaten Mitteln einer sanften dramatischen Übertreibung, einer Personalisierung und einer legendenhaften, manchmal gruseligen Ausschmückung kultureller Tatbestände und historischer Abläufe. Herodot scheint sich jedoch wiederum auch darauf einzustellen, daß einfaches Lügen und schuldhafte Ungenauigkeiten bei dem von ihm präsentierten Thema von seinem Publikum übelgenommen werden können; so ist derartiges im Text wahrscheinlich auch nicht aufzufinden.

An einigen Stellen des Textes - so etwa in den Ausführungen über Babylon (nicht eingearbeitete Anfügungen) - wird schließlich deutlich, daß er zumindets hin und wieder in einer noch nicht vollendeten Bearbeitungsstufe präsentiert wird.

Zu c)

Eine Voreingenommenheit im Sinne stereotypen Denkens kann man bei Herodot im allgemeinen dort nicht feststellen, wo es um Vorgänge und Phänomene handelt, die er aus eigener Abschauung und Kenntnis beurteilen kann. Selbst die ethnographische Darstellung der Perser in der hier zu kommentiernden Textpassage zeigt überwiegend Einfühlung und Sympathie und nur gelegentlich gewisse Antipathien gegenüber unverständlichen und abstoßenden Bräcuhen.

Allerdings sind für Herodot einmal, wie erwähnt, die Grenzen seiner kritischen Urteilsmöglichkeiten bei vielen Ländern und Völkern eng gezogen. Zum anderen zeigen sich aber auch an anderen, also hier nicht zitierten Stelle in den 'Historien' (hist. 1, 5; 7, 35; 8, 143) bei seiner Darstellung des ihm im großen und ganzen vertrauten persischen Herrschaftsvolkes des Achämenidenreiches, eher stereotype Voreinstellungen, die letztlich auf die Kriegsauseinandersetzungen zwischen Griechen und Persern in der ersten Hälfte des 5. Jhts. v. Chr. zurückzuführen sein dürften: die Perser erscheinen dort als selbstbewußtes barbarisches Herrschaftsvolk, dessen Absicht es immer gewesen sei und auch weiterhin bleibe, ganz Asien zu unterwerfen, dem aber auf der europäischen Seite die unüberwindliche Macht der Griechen gegenüberstehe. Die hierin liegenden Muster, der im Grunde feindselige und herabsetzende Barbarenbegriff - angewandt auf die damals hochkultivierten Perser - und die prinzipielle Gegenüberstellung Asiens und Europas, haben in gewissem Umfang stereotypen Charakter und sind - gerade in dieser Hinsicht - für spätere Epochen wirkungsgeschichtlich bedeutend geblieben.


 

LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)