Lösung zu Übung 5.

Die Aufgaben lauteten:

a) Die nachfolgenden Textauszüge lassen neben vielen interessanten Details auch grundsätzliche kosmologische und kulturanthropologische Auffassungen ihrer Autoren und ihrer Epoche erkennen. Wie würden Sie sie charakterisieren, und wo liegen evtl. ihre Erkenntnisgrenzen?

b) Die Texte enthalten ferner verschiedenartige Hinweise auf politische Momente, die zu einer Erweiterung geographischen Wissens über die Oikumene vor und während der römischen Herrschaft geführt haben. Um welche handelt es sich?

c) Inwieweit halten Sie die im folgenden wiedergegebenen Angaben über die Völker der 'Randgebiete der Oikumene' für glaubhaft?

Texte:


Zu den einzelnen Punkten. Die Hinweise werden knapp gehalten. Im übrigen wird auf die Ausführungen des Kapitels und seine Literaturangaben verwiesen.

Zu a)

Für Beurteilung der treibenden Motve bei der Erstellung umfassender antiker Werke, die sich mit geographischen Fragen ihrer Zeit befassen, gibt auch ein Blick auf religiöse oder philosophische Grundüberzeugungen ihrer Autoren interessante Hinweise.

Bei Strabon (ca. 64 v. Chr. - ca. 23 n. Chr.) ist als Motiv ein besonderes enzyklopädisches Bildungsverständnis festzustellen, das für ihn in der Geographie ein vollkommenes Betätigungsfeld findet. In seinen Vorbemerkungen zu den Bildungsvoraussetzungen der Geographie (geogr. 1, 12 - 22) führt er aus, daß die Geographie sowohl technisch-physikalische, mathematische und naturkundliche als auch etwa historische oder mythologische Kenntnisse erfordere, d. h. daß sie nicht nur ein theoretisch in jeder Hinsicht anspruchsvolles, sondern auch praktisch vielfach nützliches Wissensgebiet sei; in diesem Zusammenhang betont er auch den politischen Nutzen der Geographie. In dieser Konzeption kommt eine deutliche Differenz gegenüber dem aus der klassischen griechischen Philosophie stammenden Konzept einer 'rein theoretischen' enzyklopädischen Bildung der später so genannten 'septem artes liberales' zum Ausdruck: praktische und empirische Momente spielen in Strabons Bildungsverständnis eine gewisse eigene Rolle, ohne die 'theoretischen' allzu stark zu verdrängen. Einen zusätzlichen Wert stellt für Strabon die 'Kenntnis von den Hervorbringungen der Natur' dar, die er griech. 'epigeios historia' nennt - ein Moment der Bildung, das der 'naturalis historia' des Plinius entspricht und für Strabon von ähnlicher Bedeutung zu sein scheint wie für Plinius.

In einer lockeren Seitenbeziehung zu Strabons Bildungsbegriff steht eine andere theoretische Voreinstellung, die aus den hier vorgelegten Textpassagen hervorgeht. Bei der Charakterisierung Europas (geogr. 2, 5, 26) äußert Strabon, es sei wegen seiner Vielgestaltigkeit, insbesondere auch wegen seiner klimatischen Differenziertheit "der für die kulturelle Vervollkommnung der Menschen und Bürger förderlichste Erdteil". Er begründet dies damit, daß in Europa verschiedene Landschafts- und Klimabedingungen unterschiedliche, nämlich barbarische und zivilisierte Völkercharaktere erzeugten, welche sich aber in der kulturellen Entwicklung in einer Resultante ihrer Leistungen produktiv ergänzten. Hier liegt eine Fortentwicklung und Konkretisierung der aristotelischen 'Klima-Theorie' vor, die zugleich auch an die schon bei Herodot festzustellende Auffassung von einer grundsätzlichen Differenz zwischen Europa und Asien anknüft. Man kann daher sagen, daß sich der strabonische Bildungsbegriff auch mit einem hellenistisch-römischen zivilisatorischen Selbstbewußtsein verbindet.

Bei Plinius d. Ä. (ca. 24 - 79 n. Chr.) findet sich in der Einleitung der 'Naturalis historia' im 2. Buch, im Zusammenhang mit Ausführungen über die sphärische Gestalt des Kosmos und anderen kosmologischen Überlegungen, zu denen auch die Feststellung der Kugelgestalt der Erde und ihrer Position in der Mitte des Kosmos gehört, eine Art Naturtheologie, in der ein Gottesbild pantheistisch-apersonaler Art entworfen wird. Diese apersonal-pantheistische Naturtheologie wird von Plinius mit Nachdruck und unter Kritik üblicher religiöser Vorstellungen seiner Zeit vorgetragen. Auch hier scheint ein tieferreichendes Motiv für ein geistiges Interesse an der 'Natur' angesprochen, wie es sich in Plinius lebenslanger Lese- und Sammelarbeit und der schließlich daraus hervorgegangenen 'Naturalis historia' niedergeschlagen hat.

Zu b)

Für Strabon ist die Geographie, das betont er ausdrücklich. in starkem Maße auch eine politische Hilfswissenschaft, die die politische und militärische Einschätzung anderer Länder erst ermögliche. Politiker begreift er dabei zwar einschränkend als "gebildete Leute, die Studien in den freien enyklpädischen Wissenschaften betrieben haben" (georgr. 2, 2 - 22). An anderer Stelle wird aber mehrfach deutlich, daß geographische Kenntnisse, wenn strebsam erlangt und richtig verstanden, von großem politischen Nutzen sein können. So erwähnt Strabo, wie Publius Crassus den von den Karthagern zuvor geheimgehaltenen, für den Zinnhandel einträglichen Seeweg zu den Kassiteriden-Inseln für die Römer erkundet habe (geogr. 3, 5, 11). Die von Strabon wiedergegebenen Kenntnisse über Indien sind als als von Megasthenes stammend bezeichnet (geogr. 15, 1, 39), einem Gesandten des ersten Seleukidenkönigs Seleikos I. an den Königshof des indischen Maurya-Reiches; sie sind also ursprünglich anläßlich einer politischen Mission und gewiß auch in politischer Absicht gesammelt worden.

Bei Plinius d. Ä.kann insoweit eine kleine, aber aufschlußreiche Bemerkung herangezogen werden. Er teilt mit ( n. h. 6. 100 ff.), über den von ihm beschriebenen Handelsweg nach Indien würden jährlich Waren im Gesamtwerte von 50 Mill. Sesterzien exportiert, denen ein Warenimport von weitaus höherem Werte gegenüberstehe. Diese beiläufige Mitteilung über eine offenkundig amtliche Warenausfuhr- und -einfuhrkontrolle, vermutlich im Hafen Berenike am Roten Meer, und die Registrierung ihrer Informationen in einer Art 'volkswirtschaftlicher' Export - Import-Bilanz zeigt das politische, nämlich das fiskalische Interesse des römischen Staates an einem funktionierenden Seeweg zwischen Ägypten, Arabien und Indien.

Zu c)

An den hier wiedergegebenen Angaben über ferne Länder läßt sich stichprobenartig das Bemühen beider Autoren um Zuberlässigkeit ihrer Angaben beurteilen.

Strabons Bericht sowohl über die Kassiteriden und ihre seltsam anmutenden Einwohner, als auch über die kriegsbedingten Menschenopferbräuche der germanischen Kimbern als auch über das Ständewesen und die religiösen Auffassungen im Maurya-Reich Indiens enthalten nichts grundsätzlich Unglaubhaftes. - Zur Zeit Strabons befindet sich die gallische Küste bereits unter römischer Kontrolle, und die Kassiteriden, d. h. die Scilly-Islands südwestlich vor Cornwall, sind von der gallischen Küste nicht so weit entfernt, daß die römische Atlantikküstenschiffahrt zu Strabons Zeit von ihnen nicht genaue Kenntnis vermittelte. Dazu s. v. 'Kassiterides': RE X, 2328 - 2332 (Haverfield). - Die Angaben über die Menschenopfer der Kimbern finden ihre Parallele in Angaben etwa des Tacitus (Germania 9 und 39) oder snderer antiker Autoren über ähnliche Bräuche bei anderen Germanenstämmen; Kriegsgefangene wurden in der Regel dem Kriegsgott Odin geopfert. Auch in mittelalterlichen, die noch nicht christianisierten Germanen, etwa Schwedens, betreffenden Quellen und Bilddarstellungen sind Menschenopfer belegt. Dazu: H. Beck, Germanische Menschenopfer in der literarischen Überlieferung, 1979. Im übrigen war selbst in Rom von den sibyllinischen Büchern das Verfahren eines Menschopfers gefangener Feinde für prekäre Kriegssituationen vorgesehen, das gelegentlich, nämlich im 2. punischen Krieg und im Zusammenhang mit dem Kimberneinfall nach Norditalien, auch als tatsächlich durchgeführt bezeugt ist, bis es i. J. 97 v. Chr. durch Senatsbeschluß verboten wurde (Plinius, n. h. 30, 12). - Die Ständeordnung im indischen Maurya-Reich des 3. Jhts. v. Chr.und die dort zu beobachtenden religiösen Verhaltensweisen im 3. Jht. mögen von Megastehenes, auf den sich Strabon beruft, der aber immerhin Gesandter des Seleukos I. war, nicht in jeder Hinsicht exakt verstanden worden sein; dennoch spiegeln sich in seinem Bericht sowohl das traditionsreiche, bis heute fortdauernde indische Kastenwesen in seiner frühen Entwicklungsform als auch die buddhistische Religiosität, die im Maurya-Reich tonangebend war, wieder. Dazu: Hermann Kulke, Dieter Rothermund, Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute, München 1998, S. 80 f.

Plinius Bericht über den Land- und Seeweg von Alexandria nach Indien ist ebenfalls substanziiert und glaubhaft. Die einzelnen Stationen und Streckendistanzen lassen sich im wesentlichen nachprüfen.

Generell weist Strabon gelegentlich, z. B. für den Verkauf der germanischen Nordküste und die inneren Gebiete Germaniens ausdrücklich auf die Begrenztheit der zeitgenössischen Kenntnisse hin. Plinius macht darauf aufmerksam, daß sich die Kenntnisüber ferne Länder wie Indien in seiner Zeit erheblich verändert habe. Beide Autoren sind sich damit des Problems der geographischen Wissensgrenzen bewußt.Dennoch sind bei beiden Autoren kleinere Unrichtigkeiten in Rechnung zu stellen, da ihre Angaben auf Gewährsleuteberichten beruhen. Das kann sich etwa in der Namensschreibungen oder auch in kleineren sachlichen Mißverständnissen oder bei unzulässigen Verallgemeinerungen niederschlagen.


 

LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)