Kosmologie: DasWeltall, die Erde und die Götter. Aus Plinius, Naturalis Historia 2, 1 - 4.

Lat. Text und deutsche Übersetzung nach: C. Plinius Secundus d. Ä., Naturkunde (Naturalis Historiae libri XXXVII). Lateinisch- deutsch. Mehrere Bände. Hg. und übersetzt von Roderich König in Zusammenarbeit mit Gerhard Winkler, Darmstadt 1973 ff., Buch 2, S. 14 - 23.


Deutsche Übersetzung:

Die Welt und alles das, was man mit einem anderen Wort "Himmel" zu nennen beliebte, in dessen Umfassung jegliches sein Leben führt, betrachtet man zutreffend als ein göttliches Wesen, das ewig ist, unermeßlich, weder erzeugt noch jemals vergehend. Was außerhalb dieser Welt liegt, zu erforschen, hat weder einen Wert für den Menschen noch ist die Mutmaßung des menschlichen Geistes imstande, es zu erfassen. Heilig ist diese Welt, ewig, unermeßlich, ganz im Ganzen, vielmehr selbst das Ganze, unbegrenzt und doch einer begrenzten ähnlich, aller Dinge sicher und doch einer unsicheren ähnlich, draußen und drinnen jegliches in sich umfassend, gleicherweise ein Werk der Natur und die Natur selber. Wahnsinn ist es, daß über ihr Ausmaß einige in ihrem Geiste Erwägungen angestellt und diese vorzutragen gewagt haben, daß andere wiederum, indem sie von dort aus eine Gelegenheit ergriffen oder weil ihnen dadurch eine Gelegenheit geboten wurde, unzählig viele Welten überliefert haben, so daß man ebensoviele erzeugende Naturen annehmen müßte oder, wenn diese alle gemeinsam zu einem Punkte hindrängten, doch ebensoviele Sonnen und ebensoviele Monde und ebensoviele auch von den übrigen schon in einer einzigen Welt sowohl unmeßbare wie unzählbare Gestirne; wie wenn nicht, da am Endpunkte einer Überlegung im Verlangen nach irgendeiner Grenze immer die gleiche Frage entgegentreten würde oder, sofern diese Unbegrenztheit der Natur dem Schöpfer aller Dinge zugeschrieben werden könnte, eben dieses nicht an einem einzigen Werke leichter zu erkennen wäre, zumal an einem so großen Werke. Wahnsinn ist es, ja Wahnsinn, aus ihr herauszutreten und, wie wenn alles innerhalb ihrer Befindliche bereits bekannt wäre, die außerhalb liegenden Dinge so zu erforschen, als ob sich mit dem Messen irgendeines Dinges beschäftigen könnte, wer sein eigenes Maß nicht kennt, oder als ob die Menschen zu sehen verdienten, was die Welt selber nicht zu fassen vermöchte.

Daß die Gestalt der Welt zum Aussehen einer vollkommenen Kugel gerundet ist, lehrt vor allem ihre Bezeichnung und die Übereinstimmung der Menschen in dieser Beziehung, indem sie von der Weltkugel (orbis) sprechen; es lehren dies aber auch sachliche Beweise, nicht nur weil dieses so gestaltete Gebilde sich in allen seinen Teilen zu sich selbst hinneigt, von sich selbst getragen werden muß und sich umschließt und umfaßt, ohne irgendwelcher Befestigungen zu bedürfen, ohne ein Ende oder einen Anfang in irgendeinem Teile seiner selbst zu empfinden, und nicht nur weil es für die Bewegung, in der es sich, wie sich sogleich zeigen wird, in der Höhe dreht, in dieser Gestalt am geeignetsten ist, sondern es zeigt sich auch in der Bestätigung durch den Anblick, da es als ausgewölbt und in der Mitte befindlich an jeder Stelle gesehen wird, was bei einer anderen Gestalt nicht geschehen könnte.

Daß also die Gestalt, die derart beschaffen ist, in ewigem und rastlosem Umschwung mit unsagbarer Geschwindigkeit in einem Zeitraum von vierundzwanzig Stunden rundum getrieben wird, haben der Aufgang und der Untergang der Sonne nicht zweifelhaft sein lassen. Ob es einen unermeßlichen und deswegen unser Hörvermögen überschreitenden Schall gibt, der durch den ständigen Umschwung dieser so mächtigen kreisenden Masse entsteht, möchte ich meinerseits nicht leichthin behaupten, ebensowenig, beim Herkules, ob es den Klang der gemeinsam rundum getriebenen Sterne gibt, die ihre Kreise ziehen, oder eine Harmonie, die lieblich ist und von unglaublicher Süße. Uns, die wir drinnen leben, gleitet die Welt am Tage wie in der Nacht gleich schweigend dahin.

Daß ihr unzählige Gestalten sämtlicher Tiere und Dinge aufgedrückt sind, und daß sie nicht, wie wir es an den Vogeleiern beobachten, ein allenthalben glatter und schlüpfriger Körper ist, was die berühmtesten Gewährsmänner behauptet haben, wird durch sachliche Beweisgründe angezeigt; denn aus den von dort herabfallenden Samen aller Dinge entstehen, wie sie sagen, zahllose vornehmlich im Meere zumeist vermischte, schreckenerregende Gestalten, außerdem, wie das Hinsehen erweist, hier das Bild eines Bären, dort eines Stieres, anderswo eines Buchstaben in einem helleren Kreise mitten durch die Scheitelhöhe. Ich jedenfalls werde auch durch die Übereinstimmung der Völker zu dieser Auffassung geführt. Denn was die Griechen mit ihrem Worte für den Schmuck 'kosmos' genannt haben, das bezeichnen wir nach ihrer vollkommenen und vollendeten Schönheit als 'mundus'. 'Caelum' haben wir es zweifellos aufgrund der getriebenen Arbeit (caelatum) genannt, wie M. Varro es deutet. Unterstützung bietet die natürliche Ordnung der Dinge, da der sogenannte Tierkreis in zwölf Tierbilder geteilt ist, sowie die Anordnung des durch diesen hindurchführenden Sonnenlaufes, der in so vielen Jahrhunderten damit übereinstimmt.

Auch hinsichtlich der Elemente sehe ich keinen Zweifel daran, daß es vier sind: als höchstes das des Feuers, daher jene vielen Augen der leuchtenden Sterne; als nächstes das der Luft, welche die Griechen und die unsrigen mit demselben Worte 'aer' benennen; sie ist belebend und vermag die ganze Welt zu durchdringen und ist mit dem Ganzen vermischt; von ihrer Kraft getragen, werde die Erde zusammen mit dem vierten Element, dem Wasser, schwebend in der Mitte des Weltraumes im Gleichgewicht gehalten. So werde durch wechselseitiges Umfassen des Verschiedenen eine Verknüpfung hergestellt und das Leichte werde durch das Schwere verhindert zu entfliegen, und andererseits werde das Schwere, damit es nicht hinabstürze, in der Schwebe gehalten durch das Leichte, das in die Höhe strebe. So bleibe durch ein gleichmäßiges Drängen nach verschiedenen Richtungen hin ein jedes an seinem Orte, durch das rastlose Kreisen der Welt selber zusammengehalten, und während dies immer wieder zu sich zurückläuft, befinde sich zuunterst und in der Mitte im Ganzen die Erde. Diese selbst stehe schwebend als Angelpunkt für das Weltall, das sie im Gleichgewicht hält, wodurch dieses schweben soll, derart als einzige unbeweglich, während das All um sie kreist, und sie sei mit allem verknüpft und alles stütze sich auf sie.

Zwischen ihr und dem Himmel schweben in derselben Luft, durch feste Abstände geschieden, sieben Sterne, die wir nach ihrem Gange als 'Wandelsterne' bezeichnen, obwohl sie nicht weniger 'wandeln' als diese. In ihrer Mitte läuft der Sonnenball mit seiner umfassenden Größe und Macht, der Herr nicht nur der Zeiten und Länder, sondern auch der Sterne selber und des Himmels. Daß die Sonne der ganzen Welt Seele und, deutlicher, ihr Geist sei, daß sie die oberste Herrschaft der Natur und eine Gottheit sei, ziemt sich zu glauben, wenn man ihre Werke in Betracht zieht. Sie nämlich bringt den Dingen das Licht und nimmt fort die Finsternis, sie verbirgt und beleuchtet die übrigen Sterne, sie lenkt den Wechsel der Zeiten und das sich immer wieder erneuernde Jahr nach den Naturgesetzen, sie zerstreut am Himmel das Trübe und läßt auch die Wolken des menschlichen Geistes sich aufhellen, sie leiht ihr Licht auch den übrigen Sternen, hervorleuchtend, hervorragend, alles schauend, alles auch hörend, wie, soviel ich sehe, der Erste in der Dichtung, Homer, nur an ihr es so befunden hat.

Ich halte es deshalb für ein Zeichen menschlicher Schwäche, nach dem Bild und der Gestalt der Gottheit zu suchen. Wer auch Gott sei, wenn es überhaupt einen anderen gibt (als die Sonne) und in welchem Teile [des Alls] er auch sein mag, er ist ganz Gefühl, ganz Gesicht, ganz Gehör, ganz Seele, ganz Geist, ganz er selbst. Unzählige Götter anzunehmen - und sogar entsprechend den Lastern der Menschen -, wie etwa eine Gottheit der Keuschheit, der Eintracht, des Geistes, der Hoffnung, der Ehre, der Milde, der Treue, oder, wie es Demokritos für richtig gehalten hat, nur zwei, Strafe und Belohnung, grenzt an noch größere Leichtfertigkeit. Die gebrechlichen und mühebeladenen Sterblichen haben, ihrer Schwäche bewußt, die Gottheit in Teile zerlegt, damit jeder in seinem Anteil das verehre, dessen er am meisten bedürfe. Deshalb finden wir bei verschiedenen Völkern verschiedene Götternamen und bei jeweils denselben zahllose Gottheiten; sogar die unterirdischen Mächte, Krankheiten und auch viele böse Seuchen wurden in Arten geteilt, während wir in banger Furcht sie besänftigt wissen möchten. So hat man sogar von staatswegen auf dem Palatin einen Tempel dem Fieber geweiht, einen anderen der Orbona neben dem Tempel der Laren und einen Altar dem bösen Schicksal auf dem Esquilin. ...


Lateinischer Text:

Mundum et hoc quodcurnque nomine alio caelum appellare libuit, cuius circumflexu degunt cuncta, numen esse credi par est, aeternum, inmensum, neque genitum neque nteriturum umquam. hujus extera indagare nec interest hominum nec capit humanae coniectura mentis. sacer est~ aeternus, inmensus, totus in toto, immo veto ipse totum, infinitus ac finito similis, omnium rerum certus et similis incerto, extra intra cuncta complexus in se, idemque rerum naturae opus et rerum ipsa natura. furor est mensuram eius animo quosdam agitasse atque prodere ausos, alios rursus occasione hinc sumpta aut bis data innumerabiles tradidisse mundos, ut totidem rerum naturas credi oporteret aut, si una omnes incubaret, totidem tamen soles totidemque lunas et cetera etiam in uno et inmensa et innumerabilia sidera, quasi non eaedem quaestiones semper in termino cogitationi sint occursurae desiderio finis alicuius aut, si haec infinitas naturae omnium artiflci possit adsignari, non idem illud in uno facilius sit intellegi, tanto praesertim opere. furor est, profecto furor egredi ex eo et, tamquam interna eius cuncta plane iam nota sint, ita serutari extera, quasi vero mensuram ullius rei possit agere qui sul nesciat, aut mereantur liomines videre quae mundus ipse non capiat.

Formarn eius in speciem orbis absoluti globatam esse, nomen in primis et consensus in eo mortalium orbem appellantium, sed et argumenta rerum docent, non solum quia talis figura omnibus sui partibus vergit in sese ac sibi ipsa toleranda est seque includit et continet, nullarum egens compagium nec finem aut initium ullis sui partibus sentiens, nec quia ad motum, quo sublime verti mox adparebit, talis aptissima est, sed oculorum quoque probatione, quod convexus mediusque quacumque cernatur, cum id accidere in alia non possit flgura.

Hanc ergo formam eius aeterno et inrequieto ambitu, inenarrabili celeritate, viginti quattuor horarum spatio circumagi solis exortus et occasus haud dubium reliquere. an sit inmensus et ideo sensum aurium excedens tantae molis rotatae vertigine adsidua sonitus, non equidem facile dixerim, non, Hercule, magis quam circumactorum simul tinnitus siderum suosque volventium orbes an dulcis quidam et incredibili suavitate concentus. nobis qui intus agimus iuxta diebus noctibusque tacitus labitur mundus.

Esse innumeras ei effigies animalium rerumque cunctarum inpressas nec, ut in volucrum notamus ovis, levitate continua lubricum corpus, quod clarissimi auctores dixere, terrenorum argumentis indicatur, quoniam inde deciduis rerum oinnium seminibus innumerae, in mari praecipue ac plerumque confusis monstrificae, gignantur efligies, praeterea visus probatione, alibi ursi, tauri alibi, alibi Iitterae figura, candidiore medio per verticem circulo. equidem et consensu gentium moveor. namque et Graeci nomine ornamenti appellavere eum et nos a perfecta absolutaque elegantia mundum. caelum quidem haud dubie caelati argumento diximus, ut interpretatur M. Varro. adiuvat rerum ordo discripto circulo qui signifer vocatur in duodecim animalium effigies et per ilIas solis cursus congruens tot saeculis ratio.

Nec de elementis video dubitari quattuor esse ea: ignium summum, inde tot stellarum illos conlucentium oculos; proximum spintus, quem Graeci nostrique eodem vocabulo aera appellant, vitalem hunc et per cuncta rerum meabilem totoque conserturn; huius vi suspensam cum quarto aquarum elemento librari medio spatii tellurem. ita mutuo conplexu diversitatis effici nexum et levia ponderibus inhiberi quo minus evolent, contraque gravia, ne ruant, suspendi levibus in sublime tendentibus. sic pari in diversa nisu in suo quaeque consistere, inrequieto mundi ipsius constricta circuitu, quo semper in se recurrente imam atque mediam in toto esse terram; eandemque universo cardinem stare pendentem, librantem per quae pendeat, ita solam inmobilem circa earn vouibili universitate; eandem ex omnibus necti eidemque omnia inniti.

Inter hanc caelumque eodem spiritu pendent certis discreta spatiis septem sidera, quae ab incessu vocamus errantia, cum cetera errent nulla minus illis. eorum medius sol fertur amplissima magnitudine ac potestate, nec temporum modo terrarumque, sed siderum etiam ipsorum caelique rector. hunc esse mundi totius animum ac planius mentem, hunc principale naturae regimen ac numen credere decet opera eius aestimantes.

hic Iucem rebus ministrat aufertque tenebras, hic reliqua sidera occultat, inlustrat, hic vices temporum annumque semper renascentem ex usu naturae temperat, hic caeli tristitiam discutit atque etiam humani nubila animi serenat, hic suum lumen ceteris quoque sideribus fenerat, praeclarus, eximius, omnia intuens, omnia etiam exaudiens, ut principi litterarum Homero placuisse in uno eo video.

Quapropter effigiem dei formamque quaerere inbecillitatis humanae reor. quisquis est deus, si modo est alius, et quacumque in parte, totus est sensus, totus visus, totus auditus, totus animae, totus animi, totus sui. innumeros quidem credere atque etiam ex vitiis hominum, ut Pudicitiam, Concordiam, Mentem, Spem, Honorem, Clementiam, Fidem, aut, ut Democrito placuit, duos omnino, Poenam et Beneficium, maiorern ad socordiam accedit. fragilis et laboriosa mortalitas in partes ita digessit infirmitatis suae memor, ut portionibus coleret quisque quo maxime indigeret. itaque nomina alia aliis gentibus et numina in iisdem inumerabilia invenimus; inferis quoque in genera discriptis morbisque et multis etiam pestibus, dum esse placatas trepido metu cupimus; ideoque etiam publice Febris fanum in Palatio dicatum est, Orbonae ad aedem Larum, ara et Malae Fortunae Esquiliis. ...


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)