Aus Strabon, Geographika.

Textauszüge: 1, 1, 12 - 22; 1, 2, 1; 2, 1, 1 - 5; 2, 5, 26; 3, 5, 11; 4, 6, 2 f.; 7, 2, 3; 15, 39 - 59.

Teilweise in starker Kürzung. Dt. Übersetzung von Christian Gizewski auf Basis der griechischen Textedition: The Geography of Strabo. With an English Translation, by Horace and Leonard Jones, 8 Bde, London, Cambridge (Mass.) 1949, unter Mitverwendung von: Strabon, Erdbeschreibung in 17 Büchern, übersetzt von Christoph Gottlieb Groskurd, 4 Teile, (1831) ND Hildesheim, Zürich, New York 1988. - Griechischer Texzauszug (Geographika 2, 1, 1): Ed. H. and L. Jones, (w. o.) Bd. 1, S. 252


[Zu Bildungsvoraussetzungen und Nutzen des wissenschaftlichen Fachgebietes Geographie; Geographica 1, 1, 12 - 22 in starker Kürzung].

Die Beschäftigung mit der Geographie setzt eine vielseitige Bildung voraus. ...

Alle, die es unternehmen, Länder in ihren Eigentümlichkeiten zu beschreiben, haben es notwendig immer auch mit den Himmelserscheinungen und mit der Geometrie zu tun, insoweit als sie ständig Gestalten und Größen, Entfernungen und Breitengrade, Hitze und Kälte und überhaupt die Natur des Lufthimmels erklären müssen. ... In kleinen Gegenden ist es zwar nicht so wichtig, ob etwas mehr nach Norden oder Süden zu liegt. Was aber den ganzen Umkreis der bewohnten Welt betrifft, so reicht deren Norden bis zur äußersten Skythia oder Keltike und ihr Süden bis zu den weitest entfernten Äthiopen. Das ist aber schon eine sehr große Distanz. Ebenso unterschiedlich ist es, ob man bei den Indern oder den Iberern wohnt, die einen die östlichsten, die anderen die westlichsten Erdkreisbewohner und beide im Verhältnis zueinander gewissermaßen Gegenfüßler (Antipoden). ... All dies zwingt uns, zum Himmel aufzuschauen und zu den uns allen sichtbaren Erscheinungen an den Himmelskörpern. ... [Unmöglich ist es dann, davon abzusehen], wie groß die Erde ist und wie gestaltet, wo sie im Weltenraum liegt, ob sie nur auf einer Seite - nämlich unserer -bewohnt ist oder auf mehreren, wo sie unbewohnt is und warum. Demnach erscheint das Fach der Erbeschreibung der Beschäftigung mit astronomischen und geometrischen Themen veschwistert ...

Zu dieser umfassenden Bildung kommt noch die Kenntnis der natürlichen Hervorbringungen der Erde {epigeios historia) hinzu, der Tiere, der Pflanzen und all der nützlichen und schädlichen Stoffe die Land und Meer liefern. ... All solches Wissen ist wichtig als Voraussetzung für ein umfassendes Verständnis.

Daß der Nutzen eines solchen Wissens für jedermann, der es sich zueigen macht, beträchtlich ist, ergibt sich einmal aus seiner Tradition, zum anderen aus vernünftigen Überlegungen. Die Dichter schildern die durch viele Gegenden gereisten und umhergehirrten Helden als die verständigsten; denn sie sehen es als großen Vorteil an, die Stätten und Lebensarten vieler Menschen kennengelernt zu haben. ... Das Meiste am geographischen Wissen entspricht den Wissensbedürfnissen der Politik (chreiai politikai) ... Dieser Vorteil bezieht sich auf die Praxis.

Aber auch ein hohes Maß an theoretischer Bildung enthält dieses Wissensgebiet: einerseits technisch-phyikalische, mathematische und naturkundliche Kenntnisse, andererseits auch solche im Bereich der Geschichte und [sogar] der Mythen, welche für die Praxis nichts leisten. Wenn zum Beispiel jemand von den Irrfahrten des Odysseus, Menelaos oder Iason erzählt, so scheint das ohne sachlichen Nutzen für denjenigen, der geschäftsmäßige Zwecke verfolgt, zu sein .... Aber auch für Fabeln interessieren sich die Pragmatiker, wegen ihrer Berühmtheit oder wegen ihres Reizes, wenn auch in nur beschränktem Umfang. ...

Kurz gesagt: dies mein Buch soll prinzipiel nützlich sein sowohl für die politischen Geschäfte als auch für die breitere Allgemeinheit - so wie es bereits mein Geschichtswerk war. Allerdings verstehe ich hier wie dort unter einem 'Politiker' nicht jemanden, der völlig ungebildet ist, sondern solche Leute, die Studien in den freien, enzyklopädischen Wissenschaften betrieben haben. ...


[Geographischer Erkenntnisfortschritt als Grund für Strabons Publikation; Geographika 1, 2, 1]

Wenn nun, nachdem viele vor uns gesprochen haben, auch wir es unternehmen, über dieselben Gegenstände zu reden , so verdienen wir keinesweges Tadel, es sei denn, wir würden überführt, alles auf dieselbe Weise wie jene dargestellt zu haben. Wir glauben aber, daß, obwohl andere manches gut ausführten, dennoch ein wichtiger Teil des Werkes noch zu erledigen ist. Und könnten wir dabei auch nur hier und da etwas zur Verbesserung der bereits gewonnenen Erkenntnisse hinzufügen, so würde dies unser Vorhaben ausreichend rechtfertigen. Denn sicherlich hat die Herrschaft der Römer und Parther sehr viel zu unserem Erkenntnisgewinn beigetragen, ähnlich wie das ja auch infolge des Heerzuges Alexanders der Fall war, worauf Eratosthenes hinweist. Denn Alexander machte uns viele Gebiete Asiens bekannt und dazu diejenigen des nördlicheren Europa bis zum Ister [Donau]. Die Römer aber tugen die Kenntnis des westlichen Europa bis zum Fluß Albis [Elbe] bei, welcher Germanien zweiteilt; dazu die Kenntnis der Länder jenseits des Ister bis zum Fluß Tyras [Dnjestr]. Die Gebiete östlich des Tyras bis zu den Maioten haben wiederum Mithridates Eupator und seine Feldherren bekannt gemacht. Die Parther schließlich haben Kenntnisse über Hyrkanien und Baktrien und dazu auch über die unseren Vorfahren wenig bekannten Skythen beigetragen, so daß wir heute insgesamt einiges mehr wissen als diejenigen, die vor uns waren. Das wird sich vor allem bei der Widerlegung von Autoren zeigen, die vor uns geschrieben haben, zwar nicht so sehr der älteren als vielmehr der Nachfolger des Eratosthenes und auch des Eratosthenes selbst - Autoren, die gelehrter als viele andere waren, dafür aber mit ihren Irrtümern, wo sie sie begingen, viel schwerer zu widerlegen sind. Wenn wir nun gelegentlich gezwungen sind, gerade diesen sonst besonders glaubwürdigen Autoren zu widersprechen, so läßt sich das sicherlich entschuldigen. Wir haben ja nicht vor, uns mit allen Autoren auseinanderzusetzen, sondern nur mit denjenigen, mit denen eine Auseinandersetzung sich lohnt; die anderen lassen wir unbehelligt. Und diejenigen, die wir kritisieren, prüfen wir deshalb, weil wir wissen, daß sie das meiste gut ausgeführt haben. Gegen alle zu streiten lohnt sich also nicht, wohl aber gegen Eratosthenes und Poseidonios, gegen Hipparchos und Polybios und andere Männer solchen Formats: das ist ehrenvoll.


[Auseinandersetzung mit Eratosthenes Weltkarte und deren wissenschaftlichen Opponenten; Geographika 2, 1, 1 - 5; stark gekürzt]

Im dritten Buch seiner Erdbeschriebung entwirft [Eratosthenes] eine Tafel der bewohnten Welt, wobei er den Erdkreis von Westen nach Osten durch eine parallel zum Äquator verlaufende Linie in zwei Teile gliedert. Als Endpunkte der Linie nimmt er im Westen die Säulen des Herakles [Straße von Gibraltar], im Osten die Landspitzen und östlichsten Berge am Nordrand Indiens. Die Linie läßt er von den Säulen des Herakles aus durch die Meerenge zwischen Sizilien und Italien, die südlichen Spitzen der Peloponnes und Attikas bis nach Rhodos und zum Golf von Issos verlaufen. Bis zu diesem Punkte also verläuft die Linie durch das Meer und seine Randländer (und tatsächlich erstreckt sich das ganze Mittelmeer entlang dieser Linie bis nach Kilikien). Dann wird die Linie in einem annähernd geraden Verlauf weitergeführt entlang dem Taurus-Gebirge, und zwar bis nach Indien; denn der Taurus bildet eine gerade Fortsetzung des an den den Säulen des Herakles beginnenden Mittelmeeres und teilt ganz Asien seiner Länge nach in zwei Teile, einen nördlichen und einen südlichen. So liegen also der Taurus und die Meeresstrecke von den Säulen des Herakles bis zum Taurus auf dem Breitengrad von Athen. Nach diesen Ausführungen meint Eratosthenes, er müsse eine vollkommene Revision des älteren Kartenbildes von der Erde vornehmen; denn nach der alten Kartenvorstellung seien die östlichen Teile des Taurus-Gebirges viel zu weit nördlich angenommen worden, und folglich verlagere sich dort auch ganz Indien weitaus nördlicher, als es den Tatsachen nach anzunehmen sei ...

Daß die südlichste Landspitze Indiens auf der geographischen Breite von Meroe [in Ägypten] liegen, vertreten viele, indem sie aus der Beobachtung des Klimas und der Himmelserscheinungen Schlußfolgerungen ziehen. Patroklos, ein sowohl wegen seiner wissenschaftlichen Autorität als auch wegen seiner praktischen Erfahrung besonders glaubwürdiger Mann, schätzt die Entfernung von der südindischen Spitze bis an Indiens nördlichste Grenze an den kaukasischen Gebirgen [Himalaja] auf fünfzehntausend Stadien. ...

Die Annahmen des Proklos beruhen ebenfals auf vielen Zeugnissen. ...

Sehr viele, die über Indien geschrieben haben, verbreiten Lügen. Alle aber übertrifft Deimachos. Den zweiten Rang behauptet Megasthenes. Auch Onesikritos und Nearchos und andere von dieser Art verbreiten viellfach Unwahrheiten. Wir hatten selbst Gelegenheit, uns davon zu überzeugen, als wir die Geschichte Alexanders schrieben. ...


[Charakterisierung eines Erdteils; hier Europas; Geographika 2, 5, 26 ]

Jetzt wollen wir auch die ['unser Meer', d. h. das Mittelmeer] umgebenden Länder beschreiben, indem wir dort anfangen, von wo ausgehend wir auch das Meer beschrieben. Fährt man durch die Meerange bei den Säulen Herakles nach Osten, so liegt Libyen [Nordafrika] zur Linken bis hin zum Nil; die Gegenküste Europas zur Linken reicht bis zum Tanais [Don]. Beide enden, wo Asien beginnt.

Wir beginnen mit Europa, weil es vielgestaltig und der für die kulturelle Vervollkommnung der Menschen und Bürger förderlichste Erdteil ist und den anderen Erdteilen das meiste seiner eigentümlichen Vorzüge mitgeteilt hat. Auch ist Europa fast ganz bewohnbar, sieht man von einem Landstrich ab, der wegen Kälte unbewohnbar ist und das Gebiet der Hamaxoiker oder Wagenbewohner in der Gegend um den Tanais [Don], die Maeotis [Asowsches Meer] und den Borysthenes [Dnjepr] begrenzt. Das bewohnbare Land ist, wo es kalt und gebirgig ist, zwar von Natur aus nur in kümmerlicher Weise besiedelbar. Aber auch die ursprünglich schlecht bewohnbaren und von räuberischem Volk bewohnten Landstriche werden kulturell annehmbar, wenn sich fleißige Bewohner dort ansiedeln. So war es bei den Hellenen. Obschon in einem Lande der Gebirge und Felsen wohnend, lebten sie dennoch in Wohlfahrt wegen ihres Interesses für politische Organisation, Wissenschaft, Kunst und sonstige nützliche Fertigkeiten der Lebensgestaltung. So war es auch bei den Römern. Nachdem sie viele Völker unterworfen hatten, die in von Natur aus rauhen, hafenlosen, kalten oder sonst schwerbewohnbaren Ländern lebten und entsprechend unkultiviert waren, brachten sie diejenigen, die bisher voneinander isoliert waren, miteinander in Verkehr und lehrten auch die wilderen Völkerschaften Kultur. Soweit Europa aber eher flach und warm ist, hat es die Natur für solche Verbesserungen der Lebensbedingungen auf seiner Seite. Da nun in den begünstigten Landstrichen alles friedlich ist, in den unfruchtbaren dagegen eher Kriegertum und Wehrhaftigkeit vorherrschen, haben beide Menschenarten voneinander ihren Nutzen; die einen leisten ihren Beitrag durch Waffendienst, die anderen durch Landwirtschaft, Künste und Sittenbildung. Wenn sie sich nicht gegenseitig unterstützen, hat das andererseits für beide Seiten Nachteil; denn dann ist die Gewalt Bewaffneter im Vorteil, weil sie nicht durch eine [friedliche] Mehrheit bestimmt wird . Aber insoweit steht es in Europa günstig; denn überall ist dieser Weltteil von Ebenen ebenso wie von Gebirgen durchzogen, so daß fast überall Landbauern und Stadtbürger dicht neben kriegerischen Menschen leben; die erste Art aber bildet überall die Mehrzahl. sodaß sie auch tatsächlich bestimmend bleibt. So haben es die herrschenden Völker [dieses Erdteisl], früher die Griechen, später die Makedonenen und die Römer gehalten. Daher genügt sich Europa selbst, sowohl im Frieden als auch im Krieg; denn es hat sowohl streitbare Mannschaft als auch Landbewohner und Stadtbürger in Fülle zur Verfügung. Es ist ferner auch dadurch besonders begünstigt, daß es alle lebenswichtigen Früchte in bester Qualität und ebenso alle nützlichen metallischen Rohstoffe selbst hervorbringt. Nur Wohlgerüche und konstbare Steine werden von auswärts importiert, Dinge, von deren reichlichem oder spärlichem Vorhandensein das Leben nicht abhängt. Im Überfluß vorhanden sind auch alle Arten von Haustieren. Wildtiere gibt es dagagen seltener. So beschaffen ist dieser Erdteil also, allgemein nach seiner Natur charakterisiert.


[Beschreibung von Orten; hier Kassiteriden-Inseln [Scilly-Islands] und Monoikos [Monacco]; Geographika 3, 5, 11 und 4, 6, 2 f.]

Die Kassiteriden [übersetzt 'Zinninseln'] sind zehn an der Zahl und liegen dicht beieinander, weit nördlich im Ozean vor dem Hafen der Artabrer [in Nordwestspanien; Brigantium; heute La Coruna]. Eine der Inseln ist unbewohnt; die anderen bewohnt von Menschen, die gekleidet sind in schwarze Mäntel und umgürtete Leibröcke, welche bis zu den Füßen reichen; sie tragen beim Gehen lange Stöcke und sind so ein Abbild der Erinyen in unseren Tragödien-Spielen. Sie leben meist als Hirten von ihren Herden. Doch gibt es bei ihnen auch Bergwerke, in denen Zinn und Blei gewonnen werden, und für diese Metalle werden von den Kaufleuten Häute, Töpferware, Salz und Kupfergeschirr erhandelt. Lange vor unserer Zeit unterhielten die Phönikier allein zu ihnen Handelsbeziehungen und verheimlichten allen anderen den Seeweg dorthin. ... Dennoch fanden die Römer nach verschiedenen Versuchen den Seeweg heraus. Auch Publius Crassus fuhr zu jenen Inseln hinüber und sah, wie dort Metalle in geringer Tiefe aus der Erde gebrochen wurden und die dortigen Menschen wie zum Zeitvertreib das Meer befuhren. So teilte er allen Interessenten den Seeweg mit, obwohl er [von Brigantium] aus weiter ist, als die Strecke, die Britannien vom [gegenüberliegenden] Festland trennt. So viel von Iberien und den vorgelagerten Inseln.

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.... Die gesamte Küste von Monoikos Hafen bis in die Gegend Etruriens ist für die Seefahrt ungünstigen Winden ausgesetzt und hat außer seichten Anfahrten und Ankerplätzen keine Häfen. Über ihr erheben sich ungeheure Felsenwände des Gebirges, die vom Meer aus allenfalls einmal einen schmalen Durchgang lassen. Die Bewohner dieser Gegend sind die größtenteils von Zuchtvieh, Milch und Bierbrauerei lebenden Ligurer, welche als Weidebauern sowohl die näher am Meer als auch die im Landesinneren liegenden gebirgigen Landstriche nutzen. Im Gebirge gibt es aber auch viel Wald, der für den Schiffbau nutzbar ist, und riesige Bäume, nicht selten acht Fuß dick, und Holzarten, die, was ihre Vielfarbigkeit betrifft, Zedernjolz nicht nachstehen. Diese Hölzer liefern die Ligurer in ihre Handelsstadt Genua, ebenso auch Zuchtvieh, Häute und Honig. Als Rückfracht laden sie Öl und Wein aus Italia [Italien im engeren, antiken Sinne]; denn der wenige Wein, der bei ihnen selbst wächst, ist mit Pech versetzt und herb. Von dort kommen auch die sog. 'ginnoi' - kleine Maultiere und Pferde -, ferner die ligurischen Leibröcke und Kriegsmäntel. Auch finden sich dort auch große Mengen des ligurischen Steins, den einige auch 'Elektron' [Bernstein] nennen. Als Reiter ziehen sie nicht gern in den Krieg; als schwergerüstetes Fußvolk und als Leichtbewaffnete sind sie aber gut. Weil sie traditionell Kupferschilder verwenden, meinen einige, sie seien griechsicher Herkunft.

Der Hafen von Monoikos ist ein Landeplatz für nicht große und nicht viele Schiffe. Er hat einen Tempel des sogenannten Herakles Monoikos. Nach dem Namen ist wahrscheinlich, daß sich die Küstenfahrt der Massilioten [der griechiscen Bewohner von Massilia = Marseille] bis hierher erstreckte. Von Antipolis [Antibes] ist er zweihundert Stadien entfernt. ...


[Beschreibung von Sitten und Gebräuchen; hier bei den germanischen Kimbern - Geographika 7, 2, 3 f. - und bei den Indern - Geographika 15, 1, 39 - 59 in starker Verkürzung]

Von den Kimbern erzählt man folgende Sitte: Ihre Heerzüge begleiteten auch die Frauen, und mit diesen folgten weissagende Priesterinnen: grauhaarige, in weiße, feinleinene, mit Fibeln und ehernen Gürteln versehene Gewänder gekleidete, barfüßige Frauen. Wenn Gefangene gemacht waren, gingen sie diesen mit gezücktem Schwert durch das Heerlager entgegen, bekränzten sie und führten sie zu einem bronzenen, etwa zwanzig Amphoren [1 Amphore = 3 - 4 l] aufnehmenden Opferkessel. Hier gab es eine kleine Treppe, die eine von ihnen bestieg, um, über den Kessel gelehnt, jedem emporgehobenen Gefangenen die Gurgel zu durchschneiden. Aus der Weise, wie das Blut in den Kessel floß, erschlossen sie dann Weissagungen. Andere von ihnen schnitten den Leib der Gefangenen auf und beschauten das Eingeweide, um danach den Ihrigen den Sieg zu verkünden. Während des Kampfgeschehens aber schlugen sie auf gespannte Häute ein, die über die Geflechte der Wagen gespannt waren, so daß ein schreckenerregender Lärm entstand.

Die nördlichen Völker der Germanen leben, wie ich schon ausführte, längs des Ozeans. Bekannt sind uns nur diejenigen, die zwischen Rhein- und Elbemündung wohnen. Unter diesen sind die Sugambrer und die Kimbern die bekanntesten. Die jenseits der Elbe wohnenden sind uns aber weitgehend unbekannt. Denn weder unter den älteren Gewährsleuten kennen wir jemanden, der die nördliche Küste bis zum Kaspischen Meer durchfahren hätte, noch sind die Römer bisher an die Küsten jenseits der Elbe vorgedrungen. Auch zulande hat niemand die dortigen Gegenden durchwandert. Daß man aber, wenn man von dort in östliche Richtung ginge, irgendwann auf den Borythenes (Dnjepr) und die nördlich des Pontos [des Schwarzen Meeres] liegenden Länder stoßen müßte, läßt sich aus ähnlichen Breitengradlagen und analogen Ost-West-Distanzen entnehmen. ...

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Wie Megasthenes berichtet ist das Volk der Inder in sieben Klassen geschieden:

Die ersten im Range, der Zahl nach aber die wenigsten, sind die 'Weisen'. Ihrer als Einzelner bedient sich, wer persönlich ein Götteropfer oder Totenopfer feiert, die Könige aber aller zusammen in der großen, jährlich zu Neujahr stattfinden Versammlung. ...

Die zweite Klasse ist die der Landbauern, welche die zahlreichsten und friedlchsten sind, dienstfrei und ungestört im Feldbau. Sie kommen niemals zur Stadt, weder zu privaten Geschäften noch in Erfüllung öffentlicher Dienste. ...

Die dritten sind die Hirten und Jäger, welchen allein die Jagd und die Viehzucht gestattet ist und die dafür, daß sie das Land von Raubtieren und körnerfressenden Vögeln befreien, vom König Getreide als Entgelt erhalten; sie füren ein unstetes Leben als Nomaden. Kein gewöhnlicher Bürger darf Elephanetn und Pferde halten; sie werden als königliches Eigentum angesehen und stehen unter der Aufsicht speziell eingesetzter öffentlicher Aufseher. ...

Nach den Jägern und Hirten nennt Megasthenes als vierte Klasse die Ausüber handwerklicher Künste, die Händler und alle, die von ihrer Hände Arbeit leben. Die meisten von ihnen entrichten Steuer und leisten bestimmte öffentliche Dienste. Waffenschmiede und Schiffszimmerleute erhalten vom König, für den allein sie arbeiten, jedoch Lohn und Unterhalt. ...

Die fünfte Klasse ist die der Krieger. Soweit sie nicht zu kriegerischen Zwecken tätig sind, leben sie untätig und bei Gelagen; sie werden aus dem königlichen Schatz unterhalten. ...

Die sechsten sind die Aufseher und Informanten, denen die Aufgabe übertragen ist, dem König geheim über Geschehnisse zu berichten. .. Nur die besten und treuesten Männer werden angestellt ...

Die siebenten sind die Ratgeber und Beamten in der Umgebung des Königs, aus deren Kreis die Verwaltungen und Gerichte auf unterer und oberer Ebene besetzt werden.

Niemand darf eine Frau aus einer anderen Klasse als der seinen heiraten oder eine andere Beschäftigung und einen anderen Lebenserwerb betreiben als den für seine Klasse zulässigen; ausgenommen sind die Weisen, denen das wegen ihrer besonderen Würdenstellung erlaubt ist.

Die Verwaltungsbehörden sind teils Beeamte für das allgemeine Finanz- und Wirtschaftswesen, teils Beamte für die Stadtverwaltung teils solche für das Kriegswesen. Die ersten sind - wie in Ägypten - zuständig für die Verwaltung der Wasserangelegenheiten und die Landvermessung. ... Sie sind Leiter des Jagdwesens mit der Kompetenz zur Belohnung und Bestrafung. Sie erheben Steuern und beaufsichtigen die Gewerbe auf dem Lande und das Landstraßenwesen. ...

Die Stadtverwaltungsbeamten sind in sechs Fünfmänner-Kollegien organisiert. Die ersten sind zuständig für die Handwerksgeschäfte. Die zweiten verwalten den Fremdenverkehr. ... Die dritten sind für die Feststellung der Geburten und Sterbefälle zuständig. ... Die vierten beaufsichtigen den Einzel- und Markthandel; sie wachen über die Maße und die Ordnungsgemäßheit der Eichungszeichen. ... Die sechstn sind zuständig für die Beitreibung der Warenumsatzsteuer ....

Der dritte Verwaltungsbereich, die Leitung des Kriegswesens, ist ebenfalls in sechs Fünfmänner-Kollegien organisiert. Das erste Kollegium ist dem Flottenführer zugeordnet ... Das zweite untersteht dem 'Aufseher für die Ochsengespanne', d. h. für den Transport der Kriegsmaschinen, der Lebensmittel und allen Nachschubs bei Feldzügen ... Die dritten sind für die Fußtruppen zuständig, die vierten für die Reiterei, die fünften für die Kriegswagen und die sechsten für die Kriegselephanten. Für Pferde wie für Elephanten gibt es königliche Ställe, und es gibt auch ein königliches Waffenhaus; denn jeder Soldat liefert seine Rüstung nach abgeschlossener militärischer Aktion in das Waffenhaus zurück und ebenso das benutzte Pferd oder den benutzten Elephanten in den königlichen Stall. ....

Die Inder sind einfach in der Lebensweise. .... Dennoch leben sie glücklich in ihrer Einfachheit und Mäßigkeit. Sie trinken keinen Wein, außer bei Opfern jenen, den sie ... aus Reis herstellen. Auch ihre Speise ist zumeist Reisbrei. Auch in den Gesetzen und im Geschäftsverkehr zeigt sich ihre Einfachheit. Sie haben nicht viele Rechtsstreitigkeiten ...

Sehr viel sprechen sie vom Tode. Sie glauben nämlich, das jetzige Leben sei eigentlich nicht mehr als die unvermeidliche Folge der Empfängnis, der Tod aber sei für den Weisen die Geburt zu einem wahren und glücklichen Leben. Deshalb bereiten sie sich durch viele Übungen auf ein willig akzeptiertes Sterben vor. Auch sei [so meinen sie] nichts an sich gut oder übel ... In manchem stimmen sie mit den Griechen überein. So behaupten sie, die Welt sei erschaffen und vergänglich. Auch daß sie kugelförmig sei, nehmen sie an und daß der Gott, der sie erschuf und über sie waltet, sie ganz durchdringe. Die Urstoffe aller Weltkörpe seien verschieden. jener der Erde sei das Wasser. Außer den vier Grundstoffen [Feuer, Wasser, Luft, Erde] gebe es noch einen fünften, aus welchem der Himmel und die Sterne bestehen. Die Erde aber liege in der Mitte des Ganzen.


Griechischer Textauszug (Geographika 2. 1. 1).

Eratosthenes Weltkarte in Rekonstruktion nach den Angaben Strabons im 2. Buch der Geographika.


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP:christian.gizewski@tu-berlin.de). Stand: 21. 3. 2012