Die Sittenverderbnis bei den Römern aus christlicher Sicht. Augustinus, De civitate Dei, 2. Buch, Kap. 18.

Dt. Übersetzung des lateinischen Textes aus: Aurelius Augustinus, Der Gottesstaat. Aus dem Lateinischen übertragen von Wilhelm Thimme. Eingeleitet und kommentiert von Carl Andresen, 2 Bde., München 1977/78, Bd. 1, S. 84 - 87.


Daher [scil. wegen meiner Leidenschaft] will ich mir Beschränkung auferlegen und lieber Sallust als Zeugen anführen. Nachdem dieser zum Lobe der Römer den Ausspruch getan, von dem unsere jetzige Erörterung ausging: "Rechtlichkeit und Bravheit gründeten sich bei ihnen ebensosehr auf Natur wie auf Gesetze", und die Zeit gerühmt hatte, in der nach Vertreibung der Könige der Staat in kurzer Frist gewaltige Ausdehnung gewann, muß er doch im ersten Buch seiner Geschichte, und zwar gleich zu Anfang gestehen, daß schon damals, als der Staat von den Königen zu den Konsuln übergegangen war, gar bald Ungerechtigkeiten der Mächtigen und infolgedessen die Trennung der Plebejer von den Patriziern und andere Zwistigkeiten in der Stadt sich zugetragen haben. Er erwähnt ferner, der sittliche Zustand und die Eintracht sei im römischen Volke nie so vortrefflich gewesen wie zwischen dem zweiten und dem letzten Karthagischen Kriege, und gibt als Grund dieser erfreulichen Tatsache nicht etwa Liebe zur Gerechtigkeit, sondern Furcht wegen des ungesicherten Friedens an, solange Karthago noch stand, weswegen ja auch jener Nasica um der Unterdrückung der Schlechtigkeit und der Erhaltung guter Sitten willen die Zerstörung Karthagos ablehnte, damit den Lastern durch Furcht gesteuert werde. Aber alsbald fährt derselbe Sallust fort und schreibt: "Aber Zwietracht, Habgier, ehrgeiziges Strebertum und andere Übel, wie sie bei äußerlich glücklichen Verhältnissen sich einzustellen pflegen, haben allermeist nach der Vernichtung Karthagos um sich gegriffen." Daraus können wir ersehen, daß sie doch auch schon vorher sich eingestellt und um sich gegriffen hatten. So fügt er denn zur Erläuterung seiner Worte hinzu: "Denn Ungerechtigkeiten der Mächtigen und infolgedessen Trennung der Plebejer von den Patriziern und andere Zwistigkeiten gab es bei uns zu Hause schon von Anfang an, und der Zustand, in dem Recht und Billigkeit herrschte, dauerte nach Vertreibung der Könige nur so lange, wie die Furcht vor Tarquinius und der schwere Krieg mit Etrurien währte." Man sieht also: Selbst für diese kurze Zeit, als nach Verstoßung und Vertreibung der Könige noch halbwegs Recht und Billigkeit herrschte, gibt er als Grund die Furcht an. Man fürchtete nämlich den Krieg, den der aus Reich und Stadt vertriebene und mit den Etruskern verbündete König Tarquinius damals gegen die Römer führte. Und nun beachte man, was er weiter schreibt: "Dann aber", sagt er, "plagten die Patrizier das gemeine Volk durch tyrannisches Regiment, verfügten wie Könige über Leib und Leben, rissen Ländereien an sich und maßten sich unter Ausschluß aller übrigen die Alleinherrschaft an. Das durch solche Grausamkeiten, zuallermeist aber durch Wucher gepeinigte Volk, das in den ständigen Kriegen sowohl Steuerlast als auch Heeresdienst auf sich nehmen mußte, bewaffnete sich, besetzte den heiligen Berg und den Aventin und gewann sich so die Volkstribunen und andere Rechte. Erst der zweite Punische Krieg machte den Zwistigkeiten und dem Streit ein Ende." Man sieht also, wie es schon von diesem Zeitpunkt an, nämlich kurz nach Vertreibung der Könige, um die Römer bestellt war, von denen er sagt: "Rechtlichkeit und Bravheit gründeten sich bei ihnen ebensosehr auf Natur wie auf Gesetze."

Wenn es also schon in jenen Zeiten, in denen der römische Staat, wie man rühmt, in schönster und bester Verfassung war, so aussah, was sollen wir dann von dem darauffolgenden Zeitalter sagen und urteilen, in dem er sich, um mich der Worte desselben Geschichtsschreibers zu bedienen, "allmählich wandelte und aus dem schönsten und besten der häßlichste und abscheulichste wurde", nämlich, wie bereits erwähnt, nach dem Untergang Karthagos? Wie Sallust selbst diese Zeiten in kurzer Darstellung beschreibt, mag man in seinem Geschichtswerk nachlesen. Da erfährt man, welch ein Sittenverfall, wie er die Folge äußeren Wohlstandes ist, schließlich bis zu den Bürgerkriegen geführt hat. "Seit der Zeit", sagt er, "ging es mit den Sitten der Vorfahren nicht wie bisher allmählich, sondern wie im reißenden Lauf eines Gießbachs bergab, und so sehr war die Jugend durch Üppigkeit und Habgier verdorben, daß man mit Recht von ihr sagen kann, sie sei so geartet gewesen, Reichtum weder selbst besitzen noch bei andern ansehen zu können." Sodann sagt Sallust noch allerlei von den Lastern Sullas und sonstigen schlimmen Schäden des Staates, und andere Schriftsteller bestätigen es, wenn auch mit ungleich geringerer Beredsamkeit. Man sieht hieraus, denke ich, und jeder, der acht gibt, muß sich alsbald darüber klar werden, in welchen Pfuhl schlimmster Sittenlosigkeit jener Staat schon vor der Ankunft unseres himmlischen Königs hineingeraten war. Denn das hat sich zugetragen, nicht nur ehe der im Fleisch erschienene Heiland zu lehren begann, sondern auch ehe er noch von der Jungfrau geboren war. Wenn sie demnach soviele und schwere Übelstände jener Zeiten, wie sie früher noch erträglicher waren, aber nach Karthagos Fall ganz unerträglich und schrecklich wurden, nicht ihren Göttern anrechnen wollen, die voll boshafter Arglist in die Seelen der Menschen Wahnvorstellungen säten, aus denen solche Laster emporwuchern mußten, warum legen sie dann die gegenwärtigen Übel Christus zur Last? Der verbietet doch in seiner heilbringenden Lehre, die falschen und betrügerischen Götter zu verehren, verwirft und verdammt mit göttlichem Ansehen jene schädlichen und schändlichen Leidenschaften und entzieht der an diesen Übeln hinsiechenden und absterbenden Welt nach und nach allenthalben seine Jüngerschar, mit der er seinen ewigen und ruhmreichen Staat, ruhmreich nicht nach dem Beifallsgeschrei des Wahns, sondern nach dem Urteil der Wahrheit, begründet.


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)