Invektiven gegen die Juden als Volk und ihre Abwehr. Flavius Iosephus, Gegen Apion 1, 2. 6 - 8. 12. 24 - 26 und 2, 1.

Dt. Übersetzungdes griechischen Textes nach: Des Flavius Josephus kleinere Schriften (Selbstbiographie - Gegen Apion - Über die Makkabäer). Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Heinrich Clementz, Halle um 1901, S. 90. 94 - 97, 100 f., 126 f., 145 f.


I.

2. Zunächst muß ich mich lebhaft über diejenigen verwundern, die da meinen, man dürfe in Bezug auf die ältesten Begenheiten sich nur an die Griechen halten und bei ihnen allein die Wahrheit suchen, während wir und die anderen Menschen keinen Glauben verdienten. ... Bei den Griechen nämlich ist, wie du finden wirst, alles neu und sozusagen erst gestern und vorgestern geschehen: die Gründung der Städte, die Erfindung der Künste und die Aufzeichnung der Gesetze; fast das allerneueste bei ihnen ist aber die Pflege der Geschichtsschreibung ...

6. Daß nun bei den Aegyptiern und Babyloniern von alters her mit der Besorgung geschichtlicher Aufzeichnungen die Priester und bei den Babyloniern insbesondere die Chaldäer betraut waren, daß ferner von den Völkern, die zu den Griechen Verkehrsbeziehungen unterhielten, vornehmlich die Phoenizier sowohl im Handel und Wandel als zur Herstellung staatlicher Urkunden sich der Schrift bedienten, glaube ich, da es allgemein zugegeben wird, nicht weiter ausführen zu sollen. Daß aber unsere Vorfahren die gleiche Sorgfalt - ob nicht vielleicht eine noch größere als die Genannten, lasse ich dahingestellt - auf geschichtliche Aufzeichnungen verwandten, indem sie dieselben den Hohepriestern und Propheten übertrugen, und daß diese Aufzeichnungen bis zu unseren Zeiten mit großer Gewissenhaftigkeit bewahrt worden sind und, wenn ich kühner reden darf, auch in Zukunft werden bewahrt bleiben, will ich versuchen in Kürze darzutun.

7. Sie haben nämlich nicht nur von Anfang an diese Verrichtung den besten und im Dienste Gottes eifrigsten Männern übertragen, sondern sie ließen es sich auch angelegen sein, das Geschlecht der Priester unvermischt und rein zu erhalten. Denn wer des Priestertums teilhaftig ist, darf nur mit einer Landsmännin Kinder zeugen und bei ihr weder auf Geld noch auf sonstige Vorzüge sehen, sondern er muß zunächst ihre Herkunft prüfen, indem er die Erbfolge aus den alten Geschlechtern in Betracht zieht und zahlreiche Zeugen beibringt. Und so halten wir es nicht nur in Judaea selbst, sondern überall, wo zahlreichere Gemeinden unseres Volkes sich befinden, da werden auch die Vorschriften über die Eheschließung der Priester genau beobachtet, wie in Aegypten, in Babylon und wo sonst in der Welt jüdische Priester zerstreut sind. Denn die letzteren schicken dann die Namen ihrer Eltern und der Voreltern väterlicherseits nach Jerusalem unter gleichzeitiger Angabe von Zeugen. Bricht ein Krieg aus, wie dies schon oft der Fall war, z.B. als Antiochus Epiphanes, Pompeius Magnus und Quintilius Varus ins Land einfielen, besonders aber in unseren Tagen , stellen die übriggebliebenen Priester aus den alten Urkunden wieder neue zusammen und prüfen die noch lebenden Weiber. Denn die in Kriegsgefangenschaft geratenen nehmen sie nicht in die Listen auf, weil sie bei ihnen den in diesem Falle so häufigen geschlechtlichen Verkehr mit Fremden vermuten. Der beste Beweis für die Sorgfalt, womit hierbei zu Werk gegangen wird, ist der, daß bei uns alle Hohepriester seit zweitausend Jahren mit Namen und unter Angabe ihres Stammbaums von vaterlicher Seite in den Urkunden aufgeführt sind, und wer irgend eine der genannten Bedingungen nicht erfüllt, darf weder den Altardienst versehen noch an den übrigen heiligen Handlungen teilnehmen. Erklärlich ist ja auch die Genauigkeit der Register, oder vielmehr sie muß unbedingt vorhanden sein, da nicht jeder nach Belieben die Eintragungen machen durfte, wobei es ohne Widersprüche wohl nicht hergegangen wäre, sondern jenes Recht nur den Propheten zustand, welche die ältesten Ereignisse der Vorzeit durch göttliche Eingebung erfahren und die Begebnisse der eigenen Tage genau so, wie sie sieh zutrugen, geschildert haben.

8. Denn bei uns gibt es keine Unzahl voneinander abweichender und sich gegenseitig widersprechender Bücher, sondern nur zweiundzwanzig, welche die gesamte Vergangenheit schildern und mit Recht als göttlich angesehen werden. Fünf derselben sind von Moses; sie enthalten die Gesetze und die Geschichte von der Entstehung des Menschengeschlechtes bis zum Tode des Verfassers. Dieser Zeitraum erstreckt sich über beiläufig drei Jahrtausende. Vom Ableben des Moses aber bis zur Regierung des Artaxerxes, der nach Xerxes über die Perser herrschte, haben die auf Moses folgenden Propheten die Begebenheiten ihrer Zeit in dreizehn Büchern aufgezeichnet; die übrigen vier enthalten Lobgesänge auf Gott und Vorschriften für das Leben der Menschen. Auch von Artaxerxes an bis auf unsere Tage ist alles eingebend beschrieben; diese Bücher stehen aber nicht in gleichem Ansehen wie die früheren, weil es da an der genauen Aufeinanderfolge der Propheten mangelte. Ein Beweis für das Vertrauen, das wir jenen volkstümlichen Schriften entgegenbringeu, ergibt sich übrigens aus folgender Tatsacbe. In den vielen Jahrhunderten, die seit Abfassung der erwähnten Bücher verstrichen sind, hat noch niemand sich erdreistet, Zusätze im Text anzubringen oder Verstümmelungen und sonstige Änderungen daran vorzunehmen. Alle Juden bringen vielmehr den Glauben an deren göttlichen Ursprung gleichsam mit zur Welt wie auch den Vorsatz, ihnen treu zu bleiben und, wenn es sein muß, mit Freuden für sie zu sterben. Hat man doch schon oft Kriegsgefangene gesehen, die massenhaft bei der Aufführung von Schauspielen Folterqualen und alle möglichen Todesarten auf sich nahmen, nur um kein Wort gegen die Gesetze und die dazu gehörigen Schriften aussprechen zu müssen. Welcher Grieche würde das für sein Gesetz erdulden oder auch nur den geringsten Schaden sich gefallen lassen, selbst wenn er dadurch die gesamte Litteratur seines Vaterlandes vom Untergang retten könnte? Denn sie halten ihre Schriften doch nur für rednerische Kunststücke, in denen die Verfasser sich nach Herzenslust breit machten. ...

12. Wir Juden bewohnen weder ein Küstenland, noch haben wir Freude am Handel und dem dadurch begünstigten Verkehr mit den Fremden - sondern unsere Städte liegen weit vom Meere entfernt, und wir beschäftigen uns hauptsächlich mit der Bearbeitung unseres vortrefflichen Ackerbodens. Den größten Eifer aber verwenden wir auf die Erziehung der Kinder, und die Beobachtung der Gesetze wie der durch sie überlieferten Frömmigkeit machen wir zur wichtigsten Aufgabe unseres Lebens. Erwägt man nun außer dem Gesagten noch die Eigentümlichkeit unserer Lebensweise, so ergibt sich, daß keiner von den Anlässen vorlag, welche in früheren Zeiten einen Verkehr der Unsern mit den Griechen hätten bewirken können, wie ein solcher Verkehr der letzteren mit den Aegyptern durch die Ein - und Ausfuhr, mit den Bewohnern der phoenizischen Küste durch den Eifer im Klein - und Großhandel aus Liebe zuin Geldgewinn entstand. Auch verlegten sich unsere Vorfahren nicht wie gewisse andere Völker auf Räubereien oder Eroherungskriege, obgleich ihr Land viele Tausende beherzter Männer aufwies. So kam es denn, daß die Phoenizier, indem sie des Handels wegen zu den Griechen segelten, alsbald mit diesen bekannt wurden, und durch sie die Aegypter und weiterhin alle diejenigen, aus deren Ländern sie, weite Meeresstrecken durchfahrend, den Griechen Schiffsladungen zubrachten. In der Folge lernten sie auch die Meder und Perser dadurch kennen, daß diese ihre Herrschaft weiter über Asien ausbreiteten, die letzteren insbesondere durch deren Kriegszug in den anderen Weltteil; von den Thrakern erhielt man Nachricht, weil sie in ziemlicher Nähe wohnten, von den Skythen durch die den Pontus hefahrenden Schiffer. Überhaupt kam zu denen, welche sich in Geschichtschreibung versuchen wollten, viel eher die Kunde von den Küstenbewohnern, mochte es sich nun um das östliche oder das westliche Meer handeln, als von den Völkern im Binnenlande, über die sie zumeist gar nichts erfuhren. Das war augenscheinlich schon in Europa der Fall: denn die Stadt Rom, die bereits seit langer Zeit eine bedeutende Macht erlangt hatte und von der so herrliche Kriegstaten ausgegangen waren, hat weder Herodot noch Thukydides noch ein Zeitgenosse dieser beiden erwähnt, sondern erst verhältnismässig spät drang ein dunkles Gerücht von ihr zu den Griechen. Und vollends über die Gallier und Iberer sind die Geschichtschreiber, welche für die gründlichsten gelten, wie z. B. Ephoros, in solcher Unwissenheit, daß dieser die Iberer, die doch einen großen Teil der westlichen Erde innehahen, für die Bewohner einer einzigen Stadt hält, und daß jene Geschichtschreiber insgemein ihnen Gewohnheiten als wirklich bei ihnen bestehend zuschreiben, die weder unter ihnen anzutreffen noch sonst von jemand behauptet worden sind. Daß sie die Wahrheit nicht kannten, lag an dem mangelhaften Verkehr, daß sie falsche Berichte schrieben, an der Sucht, mehr als andere erzählen zu wollen. Ist es da noch zu verwundern, wenn auch unser Volk, das so weit vorn Meere entfernt wohnt und eine so eigentümliche Lebensweise führt, nicht gar vielen bekannt wurde und keinen Änlaß bot, es in Schriftwerken zu erwähnen? ...

24. Jetzt erübrigt mir noch eine besonders wichtige Aufgabe, die ich mir zu Beginn dieser Abhandlung gestellt habe, nämlich die Grundlosigkeit der Verleumdungen und Schmähungen nachzuweisen, welche hier und da gegen unser Volk vorgebracht wurden, sowie die Schriftsteller, die sie sich haben zuschulden kommen lassen, durch ihr eigenes Zeugnis zu überführen. Daß dergleichen Verunglimpfungen infolge der Böswilligkeit dieses oder jenes Geschichtschreibers auch sonst häufig vorkommen, ist, wie ich wohl annehmen darf, allen, die mit geschichtlichen Studien vertrauter sind, hinreichend bekannt. Denn gar manche gefielen sich darin, den Adel ganzer Völker wie der berühmtesten Städte zu beflecken und deren Verfassung zu schmähen. So hat Theopompos die staatlichen Einrichtungen der Athener, Polykrates die der Lakedaemonier, der Verfasser des "Tripolitikos" - Theopompos nämlich ist es sicher nicht, wie man hier und da glaubt - dazu noch die der Thebaner verleumdet. Eine Reihe von Beschimpfungen schleuderte auch Timaios in seinen Geschichtswerken gegen die erwähnten und gegen andere Gemeinwesen. Mit besonderer Vorliebe befolgt man dieses System gerade bei den berühmtesten Städten, teils aus Mißgunst und Böswilligkeit, teils in der Hoffnung, sich durch neue Behauptungen einen Namen zu machen. Bei beschränkten Köpfen sehen diese Verleumder ihre Erwartungen auch stets erfüllt; Leute von gesundem Urteil dagegen verdammen das nichtswürdige Treiben.

25. Den Anfang mit Schmähungen gegen uns machten die Aegypter, und um sich ihr Wohlgefallen zu erwerben, haben auch sonst manche sich damit abgegeben, die Wahrheit zu verdrehen, indem sie weder die als gesehichtliche Tatsache feststehende Einwanderung unserer Vorfahren nach Aegypten zugeben, noch ihren Auszug wahrheitsgemäss darstellen. Gründe, uns zu hassen und zu beneiden, hatten ja die Aegyptier genug, vor allem den, daß unsere Vorfahren in Aegypten das herrschende Element waren und, als sie nach dem Auszug von dort die Reise in ihr Heimatland machten, abermals der Gunst des Glückes sich erfreuten. Arge Feindschaft erregte ferner bei ihnen der religiöse Gegensatz; denn der Unterschied unserer Gottesverehrung von der dort vorgeschriebenen ist ebenso groß wie der Abstand zwischen der Natur Gottes und der der unvernünftigen Tiere. Herrscht doch bei ihnen der allgemeine Glaube, die letzteren seien Götter, so sehr sie auch in der Art, sie zu verehren, voneinander abweichen mögen. Fürwahr, das sind gedankenlose und ganz unverständige Leute, die sich seit uralter Zeit an schlechte Vorstellungen über die Götter gewöhnt haben. Unsere ehrwürdige Lehre von Gott anzunehmen, dazu konnten sie sich nicht aufraffen, und als sie sahen, wie zahlreich die Anhänger unseres Glaubens wurden, da regte sich ihr Neid. Einige von ihnen gingen in ihrer geistigen Beschränktheit und in ihrem Unverstand so weit, daß sie sich nichts daraus machten, ihren eigenen alten Urkunden zu widersprechen; ja, von ihrer Leidenschaft verblendet, merkten sie es nicht einmal, wenn sie in ihren Schriften mit sich selbst n Widerspruch gerieten.

26. Bei einem von ihnen, demselben, den ich weiter oben als Zeugen für das hohe Alter unseres Volkes angeführt habe, werde ich etwas länger verweilen, nämlich bei Manetho. ...


II.

1 In dem vorigen Buche, geehrtester Epaphroditos, habe ich das hohe Alter unseres Volkes zu beweisen und die Wahrheit meiner Darlegungen durch die Schriften der Phoenizier, Chaldäer und Aegypter wie auch durch viele griechische Geschichtschreiber, die ich als Zeugen anführte, zu erhärten versucht; sodann widerlegte ich Manetho, Chairemon und einige andere. Jetzt will ich mir zunächst angelegen sein lassen, die Angriffe der übrigen, welche etwas gegen uns geschrieben haben, zurückzuweisen. Daß ich mir freilich Mühe geben solle, den Grammatiker Apion zu widerlegen, darüber war ich im Zweifel. Denn ein Teil dessen, was er schreibt, ähnelt dem von anderen bereits Gesagten, ein weiterer Teil besteht aus seinen eigenen überaus geistlosen Zusätzen, das meiste aber verrät einen so schlechten Geschmack und, um den richtigen Ausdruck zu gebrauchen, einen so hochgradigen Mangel an Bildung, wie er sich von dem niedrigen Charakter eines Mannes, der all seiner Tage nur ein Marktschreier war, erwarten ließ. Weil jedoch die meisten Menschen infolge ihres Unverstandes sich durch derartiges Geschwätz mehr einnehmen lassen, als durch gewissenhaft verfaßte Schriftwerke, und an Schimpfereien ihre Freude, gegen Lobsprüche aber Widerwillen haben, so hielt ich es doch für geboten, auch ihn, der uns öffentlich, als ständen wir vor Gericht, seine Anklage entgegenschleudert, nicht unbeurteilt zu lassen. Denn es ist auch, wie ich sehe, die Art der meisten Menschen, sich gewaltig zu freuen, wenn jemand, der zuerst einen anderen geschmäht hat, hinwiederum seiner eigenen Schwächen überführt wird. Zwar ist es nicht so leicht, seine Schrift zu lesen und sich darüber klar zu werden, was er denn eigentlich sagen will. Soviel sich aber bei der großen Unordnung und dem Gewirre von Lügen erkennen läßt, bezieht sich der eine Teil seiner Darlegungen auf die schon oben untersuchte Frage, nämlich den Auszug unserer Vorfahren aus Aegypten, während der zweite Anklagen gegen die in Alexandria wohnenden Juden und der dritte Beschuldigungen gegen uns enthält, die mit den beiden vorigen Gegenständen verquickt sind und unseren Tempelgottesdienst sowie die anderen gesetzlichen Einrichtungen betreffen. ...


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)