Lösung zu Übung 6.

Die Aufgaben lauteten:

In dem unten zu 3. in Übersetzung wiederegegeben Quellentext geht es nicht nur um Verfassungsprobleme antiker Gemeinwesen, sondern auch um die Charakterisierung von Völkern.

a) Wie erscheinen Griechen (bzw. griechische Stämme und Stadtvölker), Karthager und Römer als Völker im Vergleich miteinander?

b) Wie läßt sich das Verhältnis ihres ethnischen Charakters zu ihrer politischen Verfassung bestimmen?

c) Auf welche Erkenntnisse oder Erlebnisse sind Ihres Erachtens die verschiedenen Vorstellungen von den erörterten Völkern bei Polybios zurückzuführen?


Zu den einzelnen Punkten. Die Hinweise werden knapp gehalten. Im übrigen wird auf die Ausführungen des Kapitels und seine Literaturangaben verwiesen.

Zu a)

Unter den erwähnten Griechenvölkern erscheinen die Athener als zwar politisch tüchtig und einfallsreich, aber auch als in ihrem Gemeinwesen oftmals unregierbar und deshalb auch unfähig, eine größere Reichsbildung zu tragen. Die Spartanersieht Polybios als aufgrund ihres einfachen, traditionsbestimmten Lebens als sittlich und politisch-institutionell prinzipiell richtig verfaßt, allerdings nur für den engeren Bereich ihres 'isolationistisch' geführten Kleinestaates, d. h. einer größeren Reichsbildung unfähig. Die Kreter sieht Polybios als händlerisch und - wie die Athener - bestechlich und deshalb für effektive Führung politischer und militärischer Geschäfte untauglich. Die Karthager erscheinen ihm als ursprünglich sittlich und politisch richtig verfaßtes, jedoch wegen der politisch maßgeblich gewordenen händlerischen Interessen, insbesondere wegen ihres Söldnerwesens, als zur militärischen Selbtsbehauptung unfähiges und 'alt gewordenes', d. h. in einem m Abstieg (Dekadenz) begriffenes Volk. Demgegenüber sieht Polybios in den Römern ein 'junges' Volk, bei dem einfache Sitten, insbesondere die sittliche Bereitschaft, uneigennützig für das Allgemeinwesen tätig zu werden und sich so einen Namen zu machen, lebensbetsimmend seien und eine politisch-republikanische 'Misch-Verfassung' aus monarchischen, aristokratischen und demokratischen Momenten die Behauptung der bürgerlichen Freiheit ebenso wie die Erlangung einer stabilen Voherrschaft über andere Völker ermögliche.

Zu b)

Bei allen von ihm erörterten Völkern sieht bei Polybios einen engen Zusammenhang zwischen ihren Sitten und Gebräuchen und ihrer politischeb Verfassung. Dennoch ist beides für ihn nicht dasselbe. Er geht einerseits von richtig und falsch eingerichteten Verfassungen aus und macht damit deutlich, daß dieser Bereich der mesnschlichen Institutionen geplanten Veränderungen offen steht. Andererseits setzter in völkerbezogenen Verallgemeinerungen - die Athener, die Spartaner, die Kreter, die Karthager und die Römer - ethnische Charakteranlagen und in Begriffen wie 'jung' oder 'alt' auch eine Art Völkerleben voraus, geht also von einem 'organizistioschen' Völkerkonzept aus. Der darin gemeinte 'Geist eines Volkes' geht seinen politischen Institutionen notwendig voraus und schlägt sich in politischen ebenso wie unpolitischen Formen des gemeinschaftlichen oder individuellen Handelns nieder. Eine vergleichende Theorie der politischen Verfassung einerseits und ein ethnographisches 'Völkeranlage'-Modell stehenim polyboiansichen Denken also nebeneinander.

Zu c)

Polybios (ca. 200 - ca.120 v. Chr.) Einschätzung der 'Schwächen' sowohl der von ihm erörterten griechischen Stadt- und Stammesvölker als auch der Karthager beruht auf seinen eigenen Lebenserfahrungen. In der Auseinandersetzung mit Rom vermögen sich zu seiner Zeit weder das Makedonenreich noch die Griechenstämme zu behaupten. Polybios, einer der Führer des im dritten makedonischen Kriege (171 - 168 v. Chr.) auf makedonischer Seite gegen Rom agierenden Achäischen Bundes und deswegen in langjährige römische geiselhaft geraten, hat diemilitärischen Schwächen ebenso wie die fehlende Koordinations- und Selbstbehaupztungsfähigkeit 'freier' Griechenvölker im Kampf mit Rom schmerzlich erfahren und auf ihre Ursachen durchdacht; diese teilt er als Kritik in seinem Werk mit. Auch Karthagos Niederlage gegenüber Rom im 1. und 2. sowie im selbst auf römischer Seite miterlebten 3. punischen Kriege (149 - 146 v. Chr.) stehen Polybios bei der Abfassung seines Werkes vor Augen: die Niederlage des ursprünglich so mächtigen karthagischen Reiches und Volkes vermag Polybios nicht primär durch 'entscheidende Zufälle' des Kriesgeschehens, sondern letztlich nur durch solche grundsätzlich in der karthagischen Gesellschaft und Verfassung angelegte Mägel zu erklären, wie er sie in seinen Historien mitteilt. Daß seine Einschätzung der politischen und ethnischen Dispositionen der Römer einerseits und der ihnen gegenüberrstehenden und von ihnen besiegten oder in politische Abhängigkeit verwiesenen Völker andereseits dabei etwas Einseitiges, zu stark Polarisiertes hat, beruht auf der Verbindung verständlicherweise verallgemeinerter eigener persönlicher Erfahrungen mit einer an sich einleuchtenden Erklärungsweise für historische Siege und Niederlagen. Beides ist jedoch erkenntnistheoretisch problematisch: es handelt sich um eine unzulässige Verallgemeinerungen hier und dort um eine einseitige Kausalerklärung 'ab eventu', nämlich den Rückschluß von dem historisch wirklich Eingetretenen auf das, was als historisch angeblich nötig angesehen wird. Polybios wird durch diese - nicht alein von ihm praktizierten, sondern zu seiner Zeit ebenso wie in späteren Epochen üblichen - historische Erklärungsweise zu einem letztlich ideologischen Erklärer und Rechtfertiger des römisch-imperialen Herrschaftsanspruchs, auch wenn sein Blick auf seine Zeitgeschichte als theoretisch konzipierter und nüchterner anerkannt werden muß und nicht als den Römern gegenüber panegyrischer mißverstanden werden darf.


 

LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)