Griechen, Karthager und Römer im Vergleich aus Sicht eines Griechen. Polybios, Historien, 6. Buch, Kap. 43 - 57.

Dt. Übersetzungdes griechischen Textes aus: Polybios, Historien. Auswahl, Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Karl Friedrich Eisen, Stuttgart 1990, S. 54 - 66.


43 (1) Fast alle Historiker haben uns als vollkommene Verfassungen die Verfassungen von Sparta, Kreta, Mantinea und auch noch von Karthago beschrieben; einige erwähnen dazu die Verfassungen von Athen und Theben. (2) Ich aber lasse diese letzten beiden beiseite; daß es nicht erforderlich ist, die Verfassung von Athen und Theben ausführlicher zu besprechen, davon bin ich deshalb überzeugt, weil diese Staaten ein ungewöhnliches Wachstum und nur eine kurze Blütezeit gehabt haben und weil sie von der Wende nicht im normalen Ausmaß betroffen wurden, (3) sondern gleichsam infolge eines unerwarteten Glücksfalls zu gegebener Zeit aufleuchteten, nach dem Dichterwort anscheinend noch auf ihrem Höhepunkt waren und eine Zeit des Glücks vor sich hatten, während sie doch schon der Wende zum Gegenteil unterworfen waren. (4) Die Thebaner nützten nämlich die falsche Politik der Lakedämonier und den Haß ihrer Bundesgenossen auf diese zum Kampf gegen Sparta aus und erwarben sich durch die Tüchtigkeit eines Mannes oder auch noch eines zweiten, welche die geschilderte Situation erfaßten, bei den Griechen den Ruf der Tüchtigkeit. (5) Daß nämlich nicht die Verfassungsform damals in Theben Ursache für die Hegemonie war, sondern die Tüchtigkeit der führenden Männer, das ließ das Schicksal bald darauf alle deutlich erkennen. (6) Denn das Wachstum, die Blüte und der Verfall Thebens sind ganz deutlich mit dem Leben des Epaminondas und Pelopidas verbunden. (7) Deshalb darf man nicht die Verfassung, sondern muß diese Männer für die Ursache der damaligen thebanischen Hegemonie halten.

44 (1) Ahnlich muß man auch über die Verfassung von Athen denken. (2) Denn auch diese Stadt, die wohl häufig in Blüte stand, ganz besonders aber zu der Zeit, als sie Themistokles mit seinen vortrefflichen Fähigkeiten leitete, hat schnell durch das unausgeglichene Wesen ihrer Bewohner die Wende zum Gegenteil erfahren. (3) Denn das Volk von Athen gleicht von jeher einem Schiff ohne Kapitän. (4) Denn auf einem Schiff erfüllt die Besatzung, wenn entweder Furcht vor den Feinden oder ein drohender Sturm sie dazu treibt, eines Sinnes zu sein und dem Steuermann zu gehorchen, ihre Pflicht ganz besonders gut. (5) Wenn sie aber wieder Mut fassen und beginnen, die Anordnungen ihrer Vorgesetzten zu mißachten und gegeneinander zu arbeiten, weil nicht mehr alle der gleichen Meinung sind, (6) - die einen wollen nämlich noch weitersegeln, die anderen drängen den Steuermann, Anker zu werfen, wieder andere wollen die Taue auseinanderrollen, andere sind aber dagegen und regen an, die Segel einzuziehen -, dann ist für den außenstehenden Betrachter wegen des gegenseitigcn Zwistes und der Uneinigkeit der Anblick widerlich, für die Mitfahrenden aber die Situation gefährlich. (7) Deshalb erleiden sie auch oft im Hafen und in der Nähe des Landes Schiffbruch, obgleich sie die größten Meere durchquert haben und heftigen Stürmen entronnen sind. (8) So ist es auch dem Staat der Athener schon oft ergangen. Denn nachdem er schon manches Mal die größten und schlimmsten Gefahren durch die Tüchtigkeit des Volkes und seiner Führer überstanden hat, gerät er manchmal in gefahrlosen und ruhigen Situationen irgendwie aus Unhesonnenheit und Unverstand ins Unglück. (9) Deshalb braucht man über Athen und Theben keine weiteren Worte zu verlieren; denn in beiden Städten regiert die Masse alles nach eigenem Gutdünken; sie zeichnet sich in Athen durch Schärfe und Härte aus, während sie in Theben von Jugend auf an Gewalt und Begehrlichkeit gewöhnt ist.

45 (1) Wenn ich zur kretischen Verfassung übergehe, so lohnt es sich, auf zwei Punkte zu achten: Erstens, wie können die sachverständigsten von den alten Autoren, Ephoros, Xenophon, Kallisthenes und Platon sagen, diese Verfassung sei der Spartas gleich und sogar identisch mit ihr? Zweitens, wie können sie sie als lobenswert hinstellen? (2) Keines von beiden scheint mir zuzutreffen. (3) Das kann man aus folgendem ersehen. Zuerst werde ich darüber sprechen, daß die Verfassungen Spartas und Kretas nicht gleich sind. Eine Eigentümlichkeit der Verfassung Spartas ist, wie es heißt, erstens die Bestimmung über den Landbesitz, nach der keiner mehr Land als ein anderer haben kann, sondern alle Bürger den gleichen Anteil am Staatsland haben müssen; (4) eine zweite Eigentümlichkeit ist die Auffassung vom Besitz des Geldes, das bei ihnen vollkommen ohne Wert ist, so daß das Bestreben, den anderen an Gewinn zu übertreffen oder ihm mindestens an Besitz nicht nachzustehen, völlig fehlt. (5) Die dritte Eigentümlichkeit besteht darin, daß in Sparta das Amt der Könige zeitlich unbegrenzt und das der sogenannten Geronten (Alten) lebenslänglich ist. Durch diese und in Zusammenarbeit mit ihnen wird nämlich der ganze Staat regiert.

46 (1) Bei den Kretern ist genau das Gegenteil davon der Fall. Denn die Gesetze erlauben ihnen, soviel Land wie möglich, grenzenlos, wie man sagt, zu erwerben; (2) und das Geld hat bei ihnen einen so hohen Wert, daß der Besitz von Geld nicht nur notwendig, sondern sogar ehrenvoll ist. (3) Gewinnsucht und Habsucht sind überhaupt bei ihnen so zu Hause, daß auf der ganzen Welt allein bei den Kretern der Profit nicht für schändlich gilt. (4) Schließlich sind die Ämtet bei ihnen auf ein Jahr befristet und haben einen demokratischen Charakter. (5) Deshalb staune ich immer wieder, wie die genannten Schriftsteller dazu kommen, uns zwei Staatswesen, die ihrer Natur nach einander entgegengesetzt sind, so darzustellen, als ob sie gleich und miteinander verwandt wären. (6) Und abgesehen davon, daß sie so gewaltige Unterschiede übersehen, sprechen sie noch obendrein davon, daß Lykurg als einziger Staatsmann das Wichtige erkannt habe. (7) Da es nämlich nach Lykurgs Auffassung zwei Werte gebe, die jedes Staatswesen erhalten, nämlich Tapferkeit gegenüber den Feinden und Einigkeit unter den Bürgern, habe er die Habsucht beseitigt und damit zugleich jegliche innere Zwietracht und Unruhe. (8) Deshalb würden auch die Lakedämonier, die nicht von diesen Übeln befallen seien, am besten von den Griechen ihren Staat verwalten und einträchtig leben. (9) Obgleich sie so reden und durch den Vergleich feststellen können, daß die Kreter wegen ihrer angeborenen Habsucht im privaten und öffentlichen Leben dauernd in Unruhen, Bluttaten und Bürgerkriege verwickelt sind, glauben sie, das gehe sie nichts an, und haben die Stirn, so zu sprechen, als ob die beiden Staatswesen gleich wären. (10) Ephoros gebraucht, abgesehen von den Namen, auch die gleichen Ausdrücke, wenn er die beiden Verfassungen darstellt, so daß man, wenn man nicht auf die Namen achtet, nicht erkennen kann, über welche er spricht.

(11) Das sind nun also die Unterschiede zwischen diesen beiden Staaten. Weshalb ich ferner die kretische Verfassung weder für lobenswert noch für nachahmenswert halte, will ich etzt noch darlegen. 47 (1) Ich nämlich glaube, daß es bei )edem Staat zwei Voraussetzungen gibt, von denen man ausgehen muß, um sagen zu können, ob seine Beschaffenheit und Form vorbildlich oder verwerflich ist: Sitten und Gesetze. (2) Vorbildliche Sitten und Gesetze machen sowohl das Privatleben der Menschen rein und anspruchslos als auch den allgemeinen Charakter des Staates menschenwürdig; verwerfliche bewirken das Gegenteil. (3) Wie wir nun, wenn wir sehen, daß irgendwo die Bräuche und Gesetze gut sind, ruhig behaupten, daß infolgedessen auch die Menschen und ihr Staat gut sind, (4) so ist es offensichtlich berechtigt, wenn wir irgendwo im Privatleben der Menschen Habsucht und bei den Maßnahmen des Staates Ungerechtigkeit feststellen können, die Gesetze, die private Einstellung und den ganzen Staat dieser Leute als schlecht zu bezeichnen. (5) Nun könnte man aber weder im Privatleben eine hinterlistigere Einstellung finden als bei den Kretern, mit ganz wenigen Ausnahmen, noch im öffentlichen Leben ungerechtere Aktionen. (6) Deshalb mißbillige ich die kretische Verfassung aufgrund des eben angestellten Vergleichs, da sie nach meiner Auffassung weder der spartanischen gleicht, noch sonst vorbildlich und nachahmenswert ist. (7) Ebensowenig ist es berechtigt, den Staat Platons anzuführen, den ja manche Philosophen ganz besonders preisen. (8) Denn ebenso wie Schauspieler, die nicht in das Verzeichnis eingetragen sind, nicht auftreten dürfen, oder Athleten, die nicht trainiert haben, nicht an den Wettkämpfen für Athleten teilnehmen können, so darf auch dieser Staat nicht zum Wettbewerb um den ersten Platz zugelassen werden, wenn er nicht zuvor tatsächlich irgendeine eigene Leistung vorweisen kann. (9) Bis jetzt aber würde ein Vergleich dieses Staates mit dem spartanischen, römischen und karthagischen so aussehen, wie wenn man ein Standbild hinstellen und es mit Menschen vergleichen würde, die aus Fleisch und Blut sind und eine Seele haben. (10) Denn wenn auch die künstlerische Ausführung durchaus zu loben ist, so kommt natürlich der Vergleich zwischen dem Leblosen und Lebenden dem Betrachter unzulänglich und völlig unpassend vor.

48 (1) Deshalb behandeln wir diese Staaten nicht mehr weiter und kehren zum spartanischen zurück. (2) Lykurg scheint mir, um die Einigkeit der Bürger untereinander herzustellen, um Lakonien sicher zu schützen uiid um Sparta die Freiheit zuverlässig zu bewahren, so gute Gesetze gegeben uisd so gut vorgesorgt zu haben, daß ich seinen Verstand für fast übermenschlich halte. (3) Denn die Besitzgleichheit, die einfache Lebensweise und der Gemeinschaftssinn mußten zur Anspruchslosigkeit im Privatleben führen und einen von Unruhen freien Staat schaffen. Die Gewöhnung an Strapazen und an gefährliche Aktionen mußte die Mäniser stark und tapfer werden lassen (4j Weun nun in einer Seele oder in einer Stadt beide Werte, Tapferkeit und Anspruchslosigkeit, zusammenkommen, so kann weder bei ihnen selbst leicht etwas Schlechtes aufkommen, noch können sie mühelos von einem anderen überwältigt werden. (5) Indem Lykurg auf solche Weise und mit diesen Werten den Staat aufbaute, verschaffte er ganz Lakonien eine dauerhafte Sicherheit und hinterließ den Spartiaten selbst für lange Zeit Freiheit. (6) Was die Eroberung von Nachbargebiet, eine Hegemonie und überhaupt einen Kampf um die Macht betrifft, dagegen scheint er mir aber im Kleinen und im Großen überhaupt nicht vorgesorgt zu haben. (7) Er hätte die Bürger noch dazu verpflichten oder in ihnen den Vorsatz wecken müssen, darauf hinzuwirken, daß auch die Haltung des Staates insgesamt genügsam und anspruchslos werde, so wie er sie im Privatleben zur Genügsa,keit und Einfachheit erzogen hatte. (8) Nun aber erzog er Sie zwar so, daß sie im Privatleben uisd in ihrem Verhältnis zu den Gesetzen ihtes Staates sehr zurückhaltend und besonnen waren; den übrigen Griechen gegenüber aber ließ er sie sehr ehrgeizig, herrschsüchtig und habgierig werden. 49 (1) Denn wer weiß nicht, daß sie als erste unter den Griecheis aus Habsucht den Wunsch hatten, das Land ihrer Nachbarn zu bekommen, und mit den Messeniern Krieg anfingen [scil. im letzten Drittel des 8. Jhs. v. Chr.], um sie zu versklaven? (2) Wer hat nicht bei den Historikern gelesen, daß sie sich in ihrem Siegeswillen eidlich dazu verpflichteten, die Belagerung nicht eher aufzuheben, bis sie Messene mit Gewalt eingenommen hätten? (3) Und auch das ist allen bekannt, daß sie wegen ihres großen Wunsches, in Griechenland zu herrschen, es hinnahmen, die Befehle derer auszuführen, die sie im Kampf [scil um die Freiheit] besiegt hatten. (4) Als nämlich die Perser anrückten, besiegten sie sie im Kampf um die Freiheit. (5) Als sie aber fluchtartig abgezogen waren, gaben sie ihnen die griechischen Städte im Antalkidas-Frieden [d. J.387/386 v. Chr.] preis, um genügend Mittel zur Unterwerfung der Griechen zu haben. (6) Dabei wurde der Mangel ihrer Gesetzgebung deutlich. (7) Solange sie nämlich nur nach der Herrschaft über ihre Nachbarn und über die Peloponnesier strebten, reichten ihnen die Versorgung und die Leistungen aus Lakonien. Sie konnten ihren Bedarf leicht decken, da sie schnell nach Hause zurückkehren und Nachschub holen konnten. (8) Als sie aber begannen, Flotten über das Meer zu schicken und mit Landtruppen außerhalb der Peloponnes Krieg zu führen, da wollte ihnen natürlich weder ihr Eisengeld noch der Erlös aus der Jahresernte genügen, um ihren Bedarf zu decken, wie es Lykurgs Gesetzgebung bestimmte. (9) Denn dieses Unternehmen erforderte Geld, das überall galt, und die Möglichkeit, den Kriegsbedarf aus fremden Quellen zu decken. (10) Deshalb wurden sie gezwungen, am persischen Hof zu antichambrieren, den Inselbewohnern Tribute aufzuerlegen und von allen Griechen Geld einzutreiben. Sie hatten nämlich erkannt, daß es unmöglich war, wenn sie an Lykurgs Gesetzgebung festhielten, die Hegemonie über Griechenland zu erwerben, geschweige denn überhaupt eine Machtstellung zu erringen.

50 (1) Weshalb habe ich nun diese Ausführungen gemacht? Um an Hand der Tatsachen selbst zu verdeutlichen, daß Lykurgs Verfassung genügt, den Besitz fest zu bewahren und die Freiheit zu schützen, (2) und daß man denen, die das als Ziel einer Verfassung annehmen, zugeben muß, daß es keine vorbildlichere Staatsordnung gibt oder gegeben hat als die lakonische. (3) Wenn jemand aber seine Ziele weiter steckt und es für schöner und ruhmvoller hält, über viele die Führung innezuhaben, über viele zu gebieten und zu herrschen, so daß alle auf ihn schauen und sich nach ihm richten, (4) dann muß man zugeben, daß das Staatswesen der Spartaner Mängel hat und daß das römische überlegen und so angelegt ist, daß es mehr leisten kann. (5) Die Tatsachen selbst haben das bestätigt. Denn als die Spartaner versuchten, die Hegemonie über Griechenland zu gewinnen, setzten sie bald auch ihre Freiheit aufs Spiel. (6) Die Römer aber, die nur nach der Herrschaft über Italien griffen, machten sich in kurzer Zeit die ganze Welt untertan. Den Erfolg bei diesem Unternehmen haben sie ihrem Reichtum und ihren Mitteln zu verdanken, die immer zur Verfügung standen.

51 (1) Das Staatswesen der Karthager scheint mir anfangs, wenigstens seinen Hauptmerkmalen nach, gut angelegt gewesen zu sein. (2) Denn es gab bei ihnen Könige, der Rat der Alten übte eine aristokratische Gewalt aus, und das Volk hatte seine eigenen Befugnisse. Uberhaupt glich die Anlage des Ganzen der römischen und der spartanischen Verfassung. (3) Zu der Zeit allerdings, als Karthago in den Hannibalischen Krieg eintrat, war die karthagische Verfassung schlechter, die römische aber besser. (4) Da es nämlich überall, bei einem Körper, bei einer Verfassung und beim Handeln, von Natur aus ein Wachstum, dann eine Blüte und schließlich ein Vergehen gibt, und alles aber in der Blütezeit am besten ist, so unterschieden sich die beiden Staatswesen darin, daß sie sich an einem unterschiedlichen Punkt ihrer Entwicklungskurve befanden. (5) Denn da Karthagos Verfassung früher stark war und früher als die römische Verfassung ihre Blütezeit hatte, hatte es damals schon seine Blütezeit hinter sich, während Rom gerade damals, wenigstens hinsichtlich seiner Verfassungsform, in seiner Blüte stand. (6) Deshalb hatte auch bei den Karthagern das Volk schon den größten Einfluß in den Beratungen gewonnen, bei den Römern hatte ihn noch der Senat. (7) Da also bei den einen die Menge die Entscheidungen traf, bei den anderen die Besten, waren die Entscheidungen der Römer in Staatsangelegenheiten besser. Deshalb besiegten sie auch, obgleich sie vollständig im Unglück waren, durch gute Entscheidungen schließlich die Karthager im Krieg.

52 (1) Wenn wir uns den Einzelheiten zuwenden, und zwar gleich dem Kriegswesen, so stellen wir fest, daß die Karthager sich natürlich besser um das Seewesen kümmern und daffür größere Rüstungsanstrengungen machen, da sie darin seit Urzeiten Erfahrung haben und mehr als die anderen Seefahrt treiben, (2) während sich die Römer viel besser um die Landtruppen kümmern. (3) Denn sie widmen dem Landheer ihre ganze Aufmerksamkeit, die Karthager dagegen vernachlässigen es vollständig und schenken nur der Reiterei ein wenig Beachtung. (4) Schuld daran ist, daß sie sich fremde Söldnertruppen halten, die Römer aber Truppen aus Einheimischen und Bürgern haben. (5) Deshalb muß man auch in dieser Beziehung die römische Verfassung mehr bejahen als die karthagische. Denn für die einen liegt die Hoffnung, sich die Freiheit erhalten zu können, immer in der Tapferkeit der Söldner, für die Römer aber hängt die Freiheit von der eigenen Tapferkeit und der Unterstützung durch die Bundesgenossen ab. (6) Wenn nun die Römer zu Beginn eines Krieges auch einmal unterliegen, so gleichen sie die Niederlage durch neue Kampfeskraft am Ende wieder vollständig aus, die Karthager dagegen nicht. (7) [...] da sie [scil. die Römer] für ihr Vaterland und ihre Kinder kämpfen, läßt ihre Beharrlichkeit niemals nach, sondern sie kämpfen weiter auf Leben und Tod, bis sie ihre Gegner überwunden haben. (8) Obgleich die Römer, wie gesagt, was ihre Erfahrung mit Seestreitkräften anlangt, den Karthagern weit unterlegen sind, so haben sie deshalb am Ende doch die Oberhand durch die Tapferkeit ihrer Leute. (9) Denn obwohl zum Erfolg in Serschlachten die Übung der Matrosen nicht wenig beiträgt, gibt doch die Tapferkeit der an Bord kämpfenden Soldaten den entscheidenden Ausschlag für den Sieg. (10) Die Bewohner Italiens sind auch von Natur aus durch ihre körperliche Stärke und ihren Mut den Phönikern und Libyern überlegen. Sie ermuntern auch durch ihre Bräuche die jungen Leute sehr in dieser Hinsicht. (11) Es wird genügen, ein einziges Beispiel anzuführen für die Anstrengung, die der Staat unternimmt, um solche Männer heranzubilden, die alles auf sich nehmen, um in ihrem Vaterland sich den Ruhm der Tapferkeit zu erwerben.

53 (1) Wenn bei ihnen einer von den Nobiles stirbt, wird er im Leichenzug ganz feierlich zu deis sogenannten Schiffsschnäbeln [ lat. ‘rostra', Rednertribüne] aufs Forum gebracht, meist aufrecht sitzend und deutlich sichtbar, selten liegend. (2) Während das ganze Volk ringsum steht, steigt jemand auf die Rostra - wenn ein erwachsener Sohn hinterblieben und anwesend ist, dieser, wenn nicht, ein anderer aus dem Geschlecht - und hält eine Rede [laudatio funebris] über die Tugenden des Verstorbenen und die Taten, die er während seines Lebens vollbracht hat. (3) Dadurch erinnert sich die Menge wieder und stellt sich das Vergangene erneut vor Augen, und zwar nicht nur die, welche bei den Taten dabei waren, sondern auch die Nichtbeteiligten, und sie werden so sehr von Mitgefühl ergriffen, daß der Todesfall nicht nur als ein Verlust für die Leidtragenden, sondern für das ganze Volk erscheint. (4) Wenn sie ihn dann beigesetzt und die Bestattungszeremonien vollzogen haben, stellen sie das Bild des Verstorbenen in einem tempelartigen Gehäuse aus Holz an dem Platz im Hause auf, wo man es am besten sehen kann. (5) Das Bild ist eine Maske, die in ihrer Form und Farbe dem Antlitz des Toten in hohem Maße ähnlich ist. (6) Bei Opferfesten, die der Staat veranstaltet, öffnen sie die Gehäuse und schmücken diese Bilder prächtig, und wenn ein angesehenes Glied der Familie gestorben ist, führen sie sie im Leichenzug mit und setzen sie denen auf, die ihrer Größe und Statur nach dem betreffenden Verstorbenen besonders ähnlich zu sein scheinen. (7) Diese Leute tragen dann auch noch, wenn der Verstorbene Konsul oder Prätor gewesen ist, Kleider mit einem Purpursaum [togae praetextae], wenn er Censor gewesen ist, rein purpurne [togae purpureae], und wenn er einen Triumph gefeiert oder gleichwertige Taten vollbracht hat, tragen sie goldgestickte Kleider [togae pictae]. (8) Diese eben genannten Leute fahren nun auf Wagen; vorweg werden Rutenbündel [fasces], Beile und die übrigen Amtsinsignien getragen entsprechend dem Rang, den der Verstorbene im Staate eingenommen hat. (9) Wenn sie zu den Rostra gekommen sind, nehmen alle nacheinander auf elfenbeinernen Sesseln Platz, Ein junger Mann, der nach Ruhm strebt und Sinn für das Bedeutende hat, kann nicht leicht ein schöneres Schauspiel sehen. (10) Wen würde es nämlich nicht beeindrucken, die Bilder von Männern, die wegen ihrer Vollkommenheit berühmt sind, alle zusammen gleichsam als Menschen mit Leib und Seele zu sehen? Welches Schauspiel erschiene schöner?

54 (1) Wenn der Redner seine Rede über den, der beigesetzt werden soll, beendet hat, beginnt er, über die anderen, deren Masken da sind, zu sprechen, indem er mit den ältesten anfängt, und erwähnt die Erfolge und Taten eines jeden. (2) Während so der Ruhm, den die bedeutenden Männer durch ihre Vorzüge erlangt haben, immer wieder erneuert wird, wird der Ruhm derer, die etwas Bedeutendes geleistet haben, unsterblich gemacht, und das Ansehen derer, die dem Vaterland gute Dienste erwiesen haben, wird dem Volk bekannt und der Nachwelt weitergegeben. (3) Vor allem werden die jungen Leute dazu angespornt, alles für das Gemeinwesen auf sich zu nehmen, um sich den Ruhm zu erwerben, der bedeutenden Männern folgt. (4) Das Gesagte wird durch folgendes bestätigt. Viele Römer traten nämlich freiwillig zum Zweikampf an, um endlich eine Gesamtentscheidung herbeizuführen, nicht wenige wählten den sicheren Tod, manche während des Krieges, um andere zu retten, manche im Frieden, um das Gemeinwesen zu sichern. (5) Einige ließen, als sie ein Amt innehatten, ihre eigenen Söhne gegen jede Gewohnheit und jedes Gesetz töten, da sie das Interesse des Vaterlandes höher stellten als die natürliche Bindung an die, welche ihnen am nächsten standen. (6) Solche Geschichten werden in großer Zahl und über viele Personen bei den Römern erzählt. Eine Geschichte mit Nennung des Namens wird jetzt aber genügen, um das Gesagte durch ein Beispiel zu bestätigen. 55 (1) Horatius mit dem Beinamen Cocles soll nämlich am gegenüberliegenden Ende der Tiberbrücke, die vor der Stadt liegt, gegen zwei Gegner gekämpft haben. Als er sah, daß eine Menge von Leuten sich näherte, die den Feinden helfen wollten, bekam er Angst, sie würden ihn überwältigen und in die Stadt eindringen. Er drehte sich deshalb um und rief denen, die in seinem Rücken standen, zu, sich zurückzuziehen und die Brücke abzubrechen. (2) Sie gehorchten und während sie noch die Brücke abbrachen, harrte er aus, obgleich er viele Wunden hinnehmen mußte, und hielt den Ansturm der Feinde auf, die weniger seine Kraft als seine Standhaftigkeit und sein Mut verblüffte. (3) Als die Brücke abgebrochen war, mußten die Feinde ihre Absicht aufgeben. Cocles aber stürzte sich in voller Rüstung in den Fluß und machte willentlich seinem Leben ein Ende, da ihm die Sicherheit seines Vaterlandes und sein Nachruhm mehr wert waren als das gegenwärtige Leben und die noch verbleibenden Jahre. (4) Ein solcher Drang und ein solcher Eifer, edle Taten zu vollbringen, wird durch die Gebräuche in Rom in den jungen Leuten angelegt.

56 (1) Vor allem sind die Anschauungen und Gesetze über den Gelderwerb bei den Römern besser als bei den Karthagern. (2) Bei den letzteren ist nämlich nichts anrüchig, was Gewinn bringt, bei den Römern aber ist nichts anstößiger, als sich bestechen zu lassen und unrechtmäßige Gewinne zu erzielen. (3) So sehr sie nämlich den redlichen und rechtschaffenen Gelderwerb für gut halten, so sehr verabscheuen sie andererseits unrechtmäßigen Gewinn. (4) Dafür folgender Beweis: bei den Karthagern gibt man ganz offen Geschenke, um ein Amt zu bekommen, bei den Römern steht darauf die Todesstrafe. (5) Da also der Lohn für makelloses Verhalten bei beiden Völkern völlig anders ist, sind natürlich auch die Schritte, die zu ihm hinführen sollen, verschieden. (6) Der größte Vorzug des römischen Staatswesens scheint mir aber in der Auffassung von den Göttern zu liegen. (7) Und was die anderen Völker verwerfen, das scheint mir für dcn römischen Staat grundlegend zu sein, nämlich die abergläubische Götterfurcht. (8) Denn dieser Bereich ist bei ihnen so tragödienhaft ausgeschmückt und hat ihr Leben und ihr Gemeinwesen so durch und durch erfaßt, daß eine Steigerung nicht mehr möglich ist. (9) Das mag vielen erstaunlich erscheinen. Ich glaube freilich, daß sie dies im Hinblick auf die Menge so eingerichtet haben. (10) Denn wenn es möglich ware, ein Staatswesen aus Weisen zu bilden, wäre es vielleicht unnötig, so vorzugehen. (11) Da aber jede Masse wankelmütig und von gesetzwidrigen Wünschen, blindem Zorn und unbändiger Wut erfüllt ist, kann man die Massen nur durch die Furcht vor dem Unsichtbaren und durch Mythen, wie sie nur der Tragödie eigen sind, zusammenhalten. (12) Deshalb haben die Alten, wie mir scheint, die Vorstellungen von den Göttern und die Anschauungen von den Schrecken des Hades nicht gedankenlos und unbedacht den Massen eingeflößt. Vielmehr beseitigen die Heutigen diese Auffassungen gedankenlos und leichtfertig. (13) Denn in der Tat, abgesehen von allen anderen Dingen: wenn bei den Griechen den Beamten, die die öffentlichen Mittel verwalten, auch nur ein Talent anvertraut wird, bringen sie es nicht fertig, ihr gegebenes Wort einzulösen, obgleich zehn Kontrollbeamte gegenzeichnen, ebensoviele Siegel angebracht werden und die doppelte Zahl von Zeugen dabei ist. (14) Bei den Römern dagegen kommen die, welche als Beamte oder Gesandte eine Menge Geld verwalten, allein schon aufgrund ihres Wortes, das sie mit ihrem Eid geben, ihrer Pflicht nach. (15) Bei den anderen Völkern findet man selten jemanden, der sich nicht an Staatsgeldern vergreift und in dieser Hinsicht anständig ist. Bei den Römern dagcgen ist sclten jemand dieser Tat überführt worden.


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)