Thukydides, Perikles 'Rede vom Kranze', Peloponnesischer Krieg, Buch 2, Kap. 34 - 47.

Griechischer Text: H. S. Stones, J. E. Powell, Thucydidis Opera, 2 Bde., Bd. 1, Oxford 1958, 2, 31 - 47. Dt. Übersetzung aus: Thukydides, Geschichte des peloponnesischen Krieges, hg. und übers. von Georg Peter Landmann, München 1973, S. 138 - 147 (mit verschiedenen größeren Modifikationen der Übersetzung durch den Bearbeiter).


Deutsche Übersetzung:

[34] Im selben Winter begingen die Athener nach der Sitte der Väter das öffentliche Begräbnis der ersten in diesem Krieg Gefallenen. Dabei werden die Gebeine der Gebliebenen drei Tage vorher auf einem errichteten Gerüst aufgestellt, und jeder bringt dem Seinen Spenden dar, so wie er mag. Wenn dann die Beisetzung ist, führen sie auf Wagen zypressene Schreine hinaus, einen für jeden Stamm. Darin sind die Gebeine aller Angehörigen einer Phyle gesammelt. Ein Schrein wird leer mitgetragen; er erinnert an die Vermißten, die bei der Bergung nicht gefunden wurden. Das Geleit gibt jeder, der es möchte, Bürger und Fremde. Auch die verwandten Frauen sind mit beim Grab und wehklagen. Dann setzen sie sie in dem öffentlichen Grab bei, das in der Vorstadt liegt, wo sie am schönsten ist. Die im Krieg Gefallenen begruben sie immer dort, außer denen von Marathon: denen gaben sie zur Auszeichnung ihrer Tapferkeit an Ort und Stelle ihr Grab. Wenn sie es dann mit Erde zugeschüttet haben, spricht ein von der Stadt gewählter, nach Geist und Ansehen hervorragender Mann auf die Toten eine Lobrede, wie sie ihnen gebührt, und dann gehen sie. Das ist die [scil. öffentliche Kriegs-] Bestattung, und während des ganzen Krieges, sooft es dazu kam, folgten sie diesem Brauch. Bei dieser ersten nun wurde Perikles, Xanthippos' Sohn, gewählt zu reden. Und als der Augenblick gekommen war, trat er vom Grab weg auf eine dort errichtete hohe Rednerbühne, um möglichst weithin von der Menge gehört zu werden, und sprach so:

[35] "Die meisten, die bisher hier gesprochen haben, rühmen den, der die alten Bestattungsbräuche durch eine Rede ergänzte, weil es schicklich sei, sie am Grabe der Gefallenen zu sprechen. Mir aber scheint es völlig ausreichend, Männern, die ihren Wert durch eine Tat erwiesen haben, auch ihre Ehre durch eine Tat zu bezeugen, wie es ja bei diesem heutigen öffentlichen Begängnis einer Totenfeier [scil. im Kriege] der Fall ist; man sollte dabei nicht den Glauben an vieler Männer Heldentum gefährden durch einen einzigen guten oder minderguten Redner. Es ist ja schwer, das rechte Maß in einer solchen Rede zu finden, bei der man als Redner den Vorstellungen, die jeder sich von der Wahrheit macht, kaum entsprechen kann: der wohlwollende Hörer, der dabei war, wird leicht meinen, die Darstellung bleibe hinter dem, was er wisse und was gesagt werden müsse, zurück, und der unkundige wird glauben, es sei doch manches übertrieben, und dabei neidisch sein, wenn er von Dingen hört, die seine Fähigkeiten übersteigen. Denn Lob, das anderen gespendet wird, ist so weit erträglich, als jeder sich fähig glaubt, wie er es gehört hat, auch zu handeln; was darüber hinausgeht, wird aus Neid auch nicht mehr geglaubt. Nachdem es aber bei den Ahnen sich bewährt hat, daß dies so recht sei, muß auch ich dem Brauche folgen und versuchen, jedem von euch Wunsch und Erwartung zu erfüllen, so gut es geht.

[36] Zunächst will ich unserer Vorfahren gedenken; es ist recht und geziemend, ihnen in solchem Augenblick diese Ehre des Gedächtnisses zu erweisen. Denn die Freiheit dieses Landes haben sie, in der Aufeinanderfolge der Generationen immer die gleichen Bewohner, mit ihrer Kraft bis jetzt weitergegeben. So sind sie preiswürdig, und noch mehr als sie sind es unsere Väter. Denn diese erwarben zu dem, was sie empfingen, noch unser ganzes Reich, nicht ohne Mühe, und haben es uns Heutigen mit vererbt. Das meiste davon haben jedoch wir selbst hier, die jetzt noch Lebenden, in unseren reifen Jahren ausgebaut. Wir haben die Stadt in allem so ausgestattet, daß sie zu Krieg und Frieden sich völlig selber genügen kann. Was davon Kriegstaten sind, durch die Teil um Teil hinzugewonnen wurde, oder bei denen wir selbst oder unsre Väter einen fremdländischen oder griechischen Feind, der angriff, opferfreudig abgewehrt haben, das will ich, um nicht weitschweifig von Bekanntem zu reden, beiseite lassen. Aber aus welcher Gesinnung wir dazu gelangt sind, mit welcher Verfassung, durch welche Lebensform wir so groß wurden, das will ich darlegen, bevor ich mich dann dem Preis unsrer Gefallenen zuwende. Es ist dieser Stunde, glaube ich, ganz angemessen, daß dies ausgesprochen wird, und von Vorteil, wenn die ganze Menge von Bürgern und Fremden es anhört.

[37] Die Verfassung, die wir haben, richtet sich nach keinerlei fremden Gesetzen; viel eher sind wir für andere ein Vorbild als von ihnen abhängig. Mit Namen heißt sie Volksherrschaft, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf eine größere Zahl gestellt ist. Es haben aber nach dem Gesetz in allem, was den einzelnen Bürger angeht, alle gleichen Teil, und der Geltung nach hat in öffentlichen Angelegenheiten derjenige den Vorzug, der sich durch irgendeine Leistung Ansehen erworben hat, d. h. nicht nach irgendeiner Zugehörigkeit, sondern nach seinem Verdienst. Und niemand wird, wenn er für die Stadt etwas leisten könnte, daran nur aus Armut, nur durch die Unscheinbarkeit seines Namens gehindert. Sondern frei leben wir miteinander im Staat und im gegenseitigen Geltenlassen der alltäglichen Geschäfte, ohne dem lieben Nachbar zu grollen, wenn er einmal seiner Laune lebt, und ohne jenes Ärgernis zu nehmen, das zwar keine Strafe ist, aber doch als Kränkung empfunden wird. Bei soviel Nachsicht im Umgang von Mensch zu Mensch erlauben wir uns, schon aus Respekt, im Staat dennoch keine Rechtsverletzung, im Gehorsam gegen die jährlich gewählten Beamten und gegen die Gesetze, vornehmlich diejenigen, welche im Interesse der Schwachen bestehen, und bei Übertretung ungeschriehener Normen, die nach allgemeinem Urteil Schande bringt.

[38] Dann haben wir uns bei unsrer Denkweise auch eine Fülle von Erholungsmöglichkeiten von der Arbeit geschaffen: Wettspiele und Opfer, die jahraus, jahrein bei uns Brauch sind, und die schönsten häuslichen Unterhaltungen, deren tägliche Lust das Bittere verscheucht. Und es kommt wegen der Größe der Stadt aus aller Welt alles und jedes zu uns herein. So können wir von uns sagen, wir ernten und genießen in vertrauter Weise sowohl die Güter, die hier gedeihen, als auch die der übrigen Menschen.

[39] Anders als unsere Feinde halten wir es auch in Kriegsangelegenheiten. Unsere Stadt verschließen wir niemandem, und durch keinerlei Fremdenvertreibung verwehren wir irgendjemandem eine Kenntnis oder einen Anblick, dessen unversteckte Schau einem Feind vielleicht nützen könnte; denn wir trauen weniger auf die Rüstung und die Täuschung als auf unsern eigenen, tatenfrohen Mut. In der Erziehung ferner bemühen sich die andern mit angestrengter Übung schon als Kinder um Manneseigenschaften, wir aber wagen uns mit unsrer ungebundenen Lebensweise ohne das trotzdem in entsprechende Gefahren. Der Beweis: die Spartaner rücken nicht für sich allein, sondern immer nur mit allen ihren Verbündeten gegen unser Land aus, während wir selbst, wenn wir unsre Gegner heimsuchen, in der Fremde zumeist unschwer die Verteidiger ihrer Heimat im Kampfe besiegen. Und auf unsere gesammelte Macht ist noch kein Feind je gestoßen; denn wir sorgen gleichzeitig für die Flotte und zu Lande für eine Truppendislozierung an vielen Orten . Treffen sie [scil. die Feinde] daher einmal irgendwo auf eine kleine Einheit von uns und besiegen sie, so prahlen sie unsinnigerweise, sie hätten uns alle besiegt, und unterliegen sie: sie seien der Gesamtheit unterlegen. Dieser eher sorglose als eingedrillte Wagemut, diese nicht so sehr gesetzlich vorgeschriebene als vielmehr natürlich vorhandene Tapferkeit hat jedoch für uns auch noch den Vorteil, daß wir zukünftige Not nicht vorausleiden, und daß wir, ist sie da, doch nicht weniger Kühnheit bewahren als die ewig sich Plagenden. Darin verdient unsre Stadt wahrlich Bewunderung - und auch noch in vielem anderen.

[40] Wir lieben das Schöne und bleiben dennoch maßvoll, wir lieben den Geist und werden nicht schlaff. Reichtum dient bei uns den jeweiligen Bedürfnissen der Tat, nicht der Großsprecherei. Für niemanden ist es eine Schande, seine Armut einzugestehen, sondern es ist nur verächtlich, sie nicht tätig zu überwinden. Wir vereinigen in uns die Sorge um unser Haus und zugleich um unsere Stadt, und keiner, der als Privatmann mit verschiedensten Tätigkeiten beschäftigt zu sein pflegt , ist deswegen doch in staatlichen Dingen etwa ohne Urteil. Bei uns heißt folglich einer, der gar keinen Anteil [scil. an den öffentlichen Angelegenheiten] nimmt, nicht ein stiller Bürger, sondern ein schlechter. Wir alle entscheiden in den Staatsgeschäften selbst oder denken sie doch zumindest richtig durch. Wir sehen dabei nicht im Wort eine Gefahr fürs Tun, sondern vielmehr darin, sich nicht aufgrund von Reden zuerst zu ein Bild zu machen, bevor man zur nötigen Tat schreitet. Denn auch darin sind wir wohl etwas Besonderes, daß wir stets sehr viel wagen und dennoch das, was wir anpacken wollen, sorgfältig erwägen, während andere ihr Unverstand verwegen und ihre Vernunft zögerlich macht. Hervorragende Entschlußkraft wird man aber mit Recht denen zusprechen, die die schrecklichen Folgen und die angenehmen Vorteile [scil.] eines Handelns mit besonderer Klarheit analysieren und dann den notwendigen Risiken nicht ausweichen. Auch in der Hilfsbereitschaft gibt es einen Kontrast zwischen uns und den meisten anderen. Denn nicht durch Bitten und Empfangen, sondern durch gewährte Zuwendungen und Dienstleistungen macht man sich - wie wir - Freunde. Ein Wohltäter ist ja ein zuverlässiger Freund, weil er sich den mit der Wohltat Bedachten verpflichtet. Ein Schuldner ist dagegen ein stumpfer Freund, weiß er doch, daß er seine Leistung nicht eigentlich zum Dank erbringt, sondern als Schuld. Und so sind wir die einzigen, die nicht so sehr aus Berechnung des Vorteils als vielmehr aus sicherer Freiheit furchtlos anderen Gutes tun.

[41] Zusammenfassend behaupte ich, daß unsre Stadt insgesamt eine Schule für ganz Hellas ist, und ich meine, daß bei uns der Einzelmensch wohl am vielseitigsten und in einer Lebensweise voll Anmut und leichtem Scherz alles für seine Person Notwendige zu finden vermag. Daß dies nicht bloß schöne leere Worte für den Augenblick sind, sondern vielmehr die reine Wahrheit der Tatsachen, das zeigt insbesondere auch die Macht unseres Staates, die wir mit diesen Eigenschaften erworben haben. Unsere Stadt ist heute die einzige, die aus dieser Probe [scil. der Tatsachen] sogar stärker hervorgeht, als ihr Ruf besagt. Nur sie erregt in den Feinden, die angegriffen haben, keine Bitterkeit darüber, daß ihnen ihr Gegner so übel mitspiele, und auch in den Untertanen keine Unzufriedenheit darüber, daß sie etwa keinen würdigen Herrn hätten. Wir brauchen wahrlich keine demonstrativen Zeichen einer in Wirklichkeit nicht bezeugbaren Macht, den Heutigen und den Künftigen zur [scil. grundlosen] Bewunderung, und brauchen keinen Homer mehr als Sänger unsres Lobes, noch sonst irgendjemanden, der mit schönen Worten für den Augenblick entzückt - und dann hält die Wirklichkeit dem bloßen Schein nicht stand. Vielmehr erzwangen wir uns durch unsern Wagemut den Zugang zu jedem Meer und Land , und überall leben mit unsern Städtegründungen Denkmäler unsres Wirkens, im Bösen wie im Guten, auf alle Zeit. Für eine solche Stadt also sind diese Männer hier in edlem Kampfe gefallen, nicht bereit, auf einen [scil. kostbaren] Besitz zu verzichten, und von denen, die zurück bleiben, ist keiner, der nicht ebenso für sie [scil. die Stadt] wird leiden wollen.

[42] Darum habe ich ja auch so ausführlich von der Stadt geredet. Ich wollte euch zeigen, daß wir nicht für das gleiche kämpfen wie andere, die all das nicht haben, und zugleich wollte ich die Lobrede auf die, denen sie gilt, durch Beweise bekräftigen. Im wesentlichen ist sie damit auch schon gehalten; denn was ich an unsrer Stadt pries, damit haben ja doch eben diese und ähnliche vortreffliche Menschen sie geschmückt. Bei nicht vielen Hellenen wird man so wie bei ihnen das gebührende Lob und die Leistung im Gleichgewicht finden. Mich dünkt, den Wert dieser Männer enthüllt - [scil. in ihrem Leben] erstmals von ihnen offenkundig gemacht und zugleich letztmals bekräftigt - ihr jetziger Untergang. Denn selbst wenn einige in ihrem Leben sonst wenig getaugt haben sollten, so muß man ihren im Krieg für die Heimat bewiesenen Mannesmut höher achten. Schlimmes durch Gutes tilgend, haben sie gemeinsam mehr geholfen als im einzelnen geschadet. Von ihnen aber hat keiner, etwa wegen seines Reichtums und des Genusses daran, sich feige benommen. Keiner hat, wenn er etwa arm war, Aufschub der Gefahr gesucht in der Hoffnung, er könne, wenn gerettet, vielleicht später noch reich werden. Weil ihnen näher als all das der unerbittliche Kampf gegen die Feinde stand, weil ihnen von allen Gefahren diese als die schönste galt, so entschieden sie sich eben für dies, den Kriegseinsatz, und verzichteten auf das andere. Die Ungewißheit des Kriegserfolgs überließen sie der Hoffnung. Im Handeln aber für die handgreifliche Gegenwart wollten sie auf sich selber trauen. Indem sie so das Sichwehren und die Hinnahme der Gefahr für schöner hielten als eine Rettung im Sichentziehen, haben sie sich schimpflichem Gerede entzogen. Und sie haben sich in ihrer Tat unter Einsatz ihres Lebens bewährt: in einem kurzen Augenblick [scil. des Todes] haben sie die Höhe ihres Geschicks erreicht und sind aus einem Leben nicht der Furcht, sondern des Ruhmes geschieden.

[43] So haben sich also diese Männer, wie es unsrer Stadt würdig ist, vorbildlich verhalten. Den am Leben Gebiebenen aber bleibt nichts anderes übrig, als um besseres Heil zu beten, und dennoch sollten sie eine nicht weniger mutige Gesinnung unseren Feinde gegenüber haben. Sie sollten darum nicht nur allbekannte Nutzerwägungen über Vorteile der der Abwehr der Feinde anstellen, die man lang und breit ausführen könnte, obschon ihr selbst das alles gerade so gut wißt. Vielmehr sollten sie Tag für Tag die Macht unsrer Stadt in der Wirklichkeit betrachten und mit wahrer Leidenschaft lieben. Wenn sie euch groß erscheint, solltet ihr daran denken, daß Männer voll Wagemut und zugleich mit Einsicht in das Nötige und voll Ehrgefühl beim Handeln das alles erworben haben. Diese hätten, wenn sie einmal bei einer Unternehmung Unglück hatten, es als unrecht empfunden, wenn der Staat auf ihren hohen Mut nun nicht mehr hätte zählen dürfen und wenn sie ihm nicht weiterhin das schönste Opfer gebracht hätten. Denn gemeinsam gaben sie ihre Leiber hin und empfingen dafür ein jeder den nicht alternden Lobpreis und ein weithin leuchtendes Grab. Dabei meine ich nicht das Grab, in dem sie liegen, sondern die Tatsache, daß ihr Ruhm bei jedem Anlaß zu einer Rede oder Tat unvergessen nachlebt. Denn das Grab hervorragender Männer ist überall: nicht nur die Aufschrift auf einer Tafel zeugt in der Heimat von ihnen, auch in der Fremde wohnt, geistig, nicht stofflich, bei jedermann ihr ungeschriebenes Gedächtnis. Mit solchen Vorbildern sollt auch ihr euer Glück in der Freiheit sehen und die Freiheit in kühnem Mut. Kümmert euch nicht zuviel um die Gefahren des Krieges. Der Elende, der auf kein Gut mehr hoffen kann, hat weniger Grund, sein Leben hinzugeben, als der, dem der Umschwung seines Leben [scil. zu hoffnungsloser Armut] droht, dem ein völlig anderes Leben bevorsteht, wenn er einmal stürzt. So ist für einen Mann, der Stolz besitzt, die Schmach, sich feige zu erweisen, schmerzhafter als der ihn im Zusatnd der Kraft und gemeinsamern Hoffnung treffende, kaum gespürte Tod.

[44] Darum will ich jetzt auch den Eltern der Gefallenen, die unter euch sind, nicht eigentlich in ihrer Klage beipflichten, als sie vielmehr trösten. Sie wissen ja, wie wechselvoll das Geschick [scil ihrer Kinder] beim Größerwerden war, und daß die glücklich zu nennen sind, die eines so ruhmvollen Todes - wie diese jetzt - teilhaftig wurden oder auch eines ruhmvollen Kummers, wie ihr und alle andereren, deren Leben in Glück und Tod gleichermaßen eine Verwirklichung findet. Ich weiß wohl: dass ist schwer zu glauben, und noch oft werdet ihr euch an sie gemahnt fühlen, wenn ihr das Glück anderer seht, dessen ihr euch einst auch freuen konntet. Schmerzlich ist es ja nicht, Güter, an denen man nie gehangen hat, zu vermissen, sondern wenn einem etwas Liebgewordenes genommen wird. Doch muß man es ertragen. Bei dem, der noch in dem Alter ist, Kinder zu zeugen, mag die Hoffung auf andere Söhne helfen, und vielleicht werden ja im Haus diejenigen, die nicht mehr sind, bei manchen in Vergessenheit sinken über den Nachgeborenen. Und das ist für die Stadt sogar eine doppelte Wohltat: weil sie nicht entvölkert wird, und wegen ihrer Sicherheit. Es kann ja keiner mit einem auf Gleichheit bedachten und gerechten Sinn staatsbürgerlich handeln, wenn er nicht auch mit dem Einsatz von Kindern an den Gefahren sein Teil trägt. Ihr andern aber, die ihr über das Alter hinaus seid, seht das größere Stück des Lebens, in dem ihr glücklich waret, als unverlierbaren Gewinn, und bedenkt vielleicht, daß das übrige nur kurz sein wird, und richtet euch auf am Ruhm eurer Söhne. Denn allein der Ruhm altert nicht, und wie man so sagt, im nutzlosen Rest des Lebens ist nicht der erzielte geschäftliche Gewinn die größte Freude, sondern die erwiesene Ehre.

[45] All ihr Söhne nun und Brüder unserer Helden, für euch sehe ich einen harten Wettkampf voraus. Wer nicht mehr lebt, der wird ja gern von jedermann gelobt, und selbst mit ungeheurer Anstrengung werdet ihr nicht so viel Achtung finden wie sie - aber andrerseits doch letztlich kaum weniger gelten. Denn den Lebenden wird von ihren Gegenspielern Eifersucht zuteil, und nur was aus der Bahn ausschied, das wird mit uneingeschränker Gunst geehrt. Um nun auch der Tugend der Frauen zu gedenken, die jetzt im Witwenstand leben werden, so kann ich hier alles, was zu sagen ist, nur in einem kurzen Zuspruch zusammenfassen: für euch wird es schon ein sehr großer Ruhm sein, wenn ihr nicht [aus Trauer] eure natürliche Fassung verliert, und wenn ihr in der Männerwelt weder durch ein übermäßig tugendhaftes noch durch ein besonders tadelnswertes Leben auffallt.

[46] Wie der Brauch es will, habe ich nun geredet, was ich Geeignetes wußte. So ist ein Teil zur Ehre der Begrabenen getan . Zum andern wird der Staat ihre Söhne von heute an auf öffentliche Kosten aufziehn, bis sie mannbar sind, womit er einen nutzbringenden Kranz den Gefallenen und den Überlebenden für solche Kämpfe aussetzt; denn wo die größten Preise der Tapferkeit lohnen, da hat eine Stadt auch die besten Bürger. Und nun erhebt den Klagruf, jeder um den er trauert, und dann geht."

[47] So wurden die Toten beigesetzt in diesem Winter, und mit seinem Ende war das erste Jahr dieses Krieges abgelaufen.


Griechischer Text (PDF-Datei).


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)