Lösung zu Übung 7.

Die Aufgaben lauteten:

Beantworten Sie mit ihren jetzt gegebenen Möglichkeiten folgende Fragen:

a) Wieso fügt Caesar dem Bericht über seine Kriegsführung in Gallien die unten zu. P. 2 wiedergegebenene ethnographische Charakterisierung der Gallier und der Germanen bei?

b) In welchen Punkten nehmen Sie eine genauere Kenntnis Caesars über das von ihm Mitgeteilte an?

c) Wo folgt Caesar Ihres Erachtens üblichen antik-ethnographischen und -geographischen Vorstellungen seiner Zeit über die Barbarenwelt, und wo dürfte es sich bei seinen Angaben sogar um Fehlinformationen handeln?


Zu den einzelnen Punkten. Die Hinweise werden knapp gehalten. Im übrigen wird auf die Ausführungen des Kapitels und seine Literaturangaben verwiesen.

Zu a)

Caesars Bericht über den 'Gallischen Krieg', die von ihm in den Jahren 59 - 50 v. Chr. in Gallien, teilweise auch in Germanien rechts des Rheins und in Britannien, unternommenen Kriegsanstrengungen gegen Völkerschaften, die sich im gallischen Bereich Siedlungsmöglichkeiten oder politisch-militärische Hegeoonie oder die Freiheit von römischer Vorherrschaft sichern wollen, ist als 'commentarius' konzipiert, d. h. als ein persönlicher, an die politisch-republikanische 'Öffentlichkeit' Roms gerichteter 'Kommentar' des verantwortlichen militärischen Befehlshabers und politischen Gewalthabers Roms zu dem, was über seine Amts- und Kriegsführung in Gallien in Rom bekannt geworden ist und in den dortigen politischen Kontroversen ein unterschiedliches Echo findet, je nachdem ob es sich um Anhänger oder Gegener Caesars handelt. Einer der gegen Caesar erhobenen Vorwürfe war, daß er in Gallien gegen die Regeln des Rechts Krieg führe, ein anderer, daß er sich über seine dortige Kriegführung eine übermäßige, mit der Verfassung Roms nicht zu vereinbarende Machtstellung aufbaue. Zwischen Caesar und Pompeius, der - als einer der informellen Gewalthaber Roms nach dem sog. 1. Triumvirat d. J. 52 v. Chr. Caesar ursprünglich in seinen gallischen Unternehmungen unterstützte, trat gegen Ende der 50er Jahre eine politische Entfremdung ein, die schließlich in den 'Bürgerkrieg' d. H. 49 - 46 v. Chr. mündete. Insbesondere in den letzten Jahren seiner Statthalterschaft in Gallien, als sich die Verhältbnisse noch nicht zu einem innerrömischen Konflikt entwickelt hatten, mußte Caesar daran gelegen sein, von Gallien aus die römische Öffentlichkeit von der Richtigkeit seines politischen und militärischen argumentativ zu überzeugen. Die Bücher 6 und 7 des 'Bellum Gallicum', die er noch selbst schrieb - Buch 8 ist von seinem Vertrauten Aulus Hirtius nach Caesars Tode verfaßt worden, hat Caesar der ausführlichen Darstellung des sich seit d. J. 53 v. Chr. in Gallien allmählich aufbauenden großen Aufstandes gegen die Römer gewidmet, die unter ungünstigen Umständen auch mit einer Niederlage der römischen Seite hätte enden können, wie Caesar in aller Anschaulichkeit deutlich macht. Am Beginn des 6. Buches steht der ausfürhliche 'ethnographische Exkurs' über die Kelten Galliens und die Germanen in seiner Nähe. Obschon ein solcher Exkurs theoretisch amBeginn des Gesamtwerks hätte stehen können, so gibt es doch hinreichende Gründe für seine spätere Plazierung. Einmal entsand das Werk nicht als Gesamtwerk, sondern als Folge von Berichten, die erst später zusammengefaßt wurden. Zum anderen - und wichtiger - hatte der Exkurs - gerade in der Zeit zunehmender Angriffe auf Caesar in Rom und einer durchaus vorhandenen besonderen Gefahr für die römische Macht in Gallien - gerade in dem kommentierenden Bericht für diese Jahre seinen besonderen Sinn. Caesar liegt daran, die Germanen ebenso wie die Gallier zwar nüchtern, aber dennoch auch in ihren 'gefährlichen ethnischen Anlagen' zu charakterisieren, die sie für die Sicherheit der römischen Seite zu einem dauerhaften Problem machen: neben vielem ethnographisch Interessantem will er, so darf man annehmen, dem interessierten und nachdenklichen Leser vor allem die Vielfalt und Unberechenbarkeit der ehrgeizigen politischen Führungs- und Geltunsansprüche in Gallien einerseits und die naturkraftartog-ungefüge, auf Dauer gestellte, expansionsbereite Kriegsneigung der germanischen Stämme andereseits vor Augen führen. Er will ferner auf den Zusammenhang der gallischen mit den germanischen und den britannischen Verhältnissen aufmerksam machen, die ein weiteres Moment der politisch-militärischen Unsicherheit in Gallien darstellen. Die implizite Schlußfolgerung aus alle dem muß sein: ohne eine wirksame und nach außen sich sinnvoll abgrenzende römische Präsenz in Gallien ist Sicherheit in dieser Region nicht zu erlangen. Die Maßnahmen Caesars erscheinen so als richtig und notwendig. Dazu: W. Richter, Caesar als Darsteller seiner Taten, Heidelberg 1977.

Zu b)

Caesars dürfte vor allem, was politische und militärische Strukturen betrifft, zuverlässige, weil selbst überprüfte und für sein Handeln essentielle Informationen über die keltischen und germanischen Völkerschaften in Gallien und naher Umgebung mitteilen. Eine Nachrichtenverfälschung für derartige Themenbereiche in einem an die Öffentlichkeit Roms adressierten Bericht dürfte jedenfalls bei der Vielzahl der politischen und militärischen Kenner der Verhältnisse in Gallien nicht nur aufgefallen sein, sondern Caesar - entgegen seiner Absicht - in ein schlechtes Licht gerückt haben.

Zu c)

Weniger genau brauchten dagegen Caesars Angaben über andere Themen zu sein. Dennoch wird er sich auch hier Mühe gegeben haben, und die Art und Weise, wie er die in seiner Zeit bekannten greichischen Ethnographen in ihrem Stil und Aufbau nachmacht, zeigt zumindest seinen Anspruch. Allerdings dürften mit diesem Anspruch auch fehlerhaltige Muster ethnographischen Denkens - etwa über die politisch-kulturelle Einfalt und Unfähigkeit nördlicher barbarischer Völker wie der Germanen - verbunden sein. Einige Aussagen, wie die über Einhörner oder nicht liegefähige Elche in den weiten Wäldern Germaniens, sind offenkuundig legendenbestimmt. Dazu: A. Klotz, Geographie und Ethnographie in Caesars Bellum Gallicum, in: Rheinisches Museum 83 (1934), S. 66 - 96.


LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)