Von Rom nicht beherrschbare Barbaren: Tacitus, Germania.

Deutsche Übersetzung und lat. Text nach: Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum Römischen Reich. Quellen zur Alten Geschichte bis zum Jahre 238 n. Chr.. Zwei Teile, hg. und übersetzt von Hans-Werner Goetz und Karl-Wilhelm Welwei, Darmstadt 1995, Teil 1, S. 126 - 167.


Deutsche Übersetzung:

(1) Germanien als Ganzes wird von den Galliern, Rätern und von den Pannoniern durch Rhein und Donau, von den Sarmatern und Dakern durch beiderseitige Angst und durch Gebirge getrennt; das übrige (Land) umgibt der Ozean, der weite Ausbuchtungen und unermeßliche Inselräume umschließt, wo erst jüngst einige Völkerschaften und Könige bekannt geworden sind, die der Krieg entdeckt hat. (2) Der Rhein, der einem unzugänglichen und steilen Berggipfel der Rätischen Alpen entspringt, wendet sich in einer leichten Krümmung nach Westen und vereinigt sich mit dem nördlichen Ozean. Die Donau, die einem flachen und kaum merklich ansteigenden Höhenkamm des Schwarzwaldes entströmt, besucht zahlreiche Völker, bis sie in sechs Armen zum Schwarzen Meer durchbricht; eine siebte Mündung versickert in Sümpfen.

2. (1) Ich möchte glauben, daß die Germanen selbst Eingeborene sind und sich keineswegs durch Einwanderung und Aufnahme anderer Völker vermischt haben, weil doch in alter Zeit diejenigen, die ihre Wohnsitze wechseln wollten, nicht zu Lande, sondern zu Schiff nahten und dort drüben ein riesiger und sozusagen widriger Ozean selten von Schiffen aus unserer Welt befahren wird. Wer würde außerdem, ganz abgesehen von der Gefahr der rauhen und unbekannten See, Asien, Afrika oder Italien verlassen und gerade Germanien mit seiner ungestalteten Landschaft, seinem rauhen Klima und seinem trübseligen Anbau und Anblick aufsuchen, es sei denn, es wäre seine Heimat? (2) In alten Liedern, die bei ihnen die einzige Art der Erinnerung und Geschichtsüberlieferung darstellen, rühmen sie den Gott Tuisto, der aus der Erde gezeugt wurde. Ihm weisen sie einen Sohn Mannus, den Stammvater und Gründer ihres Volksstammes, dem Mannus aber drei Söhne zu, nach denen sich diejenigen, die dem Ozean am nächsten (wohnen), Ingaevonen, diejenigen in der Mitte Herminonen und die übrigen Istaevonen nennen. Einige nun behaupten, wie es in der Willkür gegenüber so alten Zeiten liegt, daß noch mehr (Söhne) von dem Gott abstammen, und es noch mehr Volksbezeichnungen gebe, die Marser, Gambrivier, Sueben und Vandalen, und das seien wirkliche, alte Namen. (3) Jm übrigen sei die Bezeichnung Germaniens jung und erst seit kurzem (dem Land) beigelegt, weil diejenigen, die als erste den Rhein überschritten und die Gallier vertrieben hätten und jetzt Tungrer hießen, damals Germanen geheißen hätten: So habe sich allmählich der Name einer Völkerschaft, nicht des (ganzen) Volkes durchgesetzt, so daß alle anfangs aus Furcht nach dem Sieger benannt wurden, bald auch sich selbst mit dem aufgefundenen Namen Germanen nannten.

3. (1) Man erzählt, daß auch Herkules bei ihnen gewesen sei und wenn sie in die Schlacht ziehen, besingen sie ihn als den ersten aller tapferen Männer. Sie haben auch Lieder, mit deren Vortrag, den sie ,barditus' nennen, sie die Gemüter anfeuern, und sie sagen durch eben diesen Gesang den Ausgang einer künftigen Schlacht voraus; sie verbreiten nämlich Schrecken oder erzittern (selbst), je nachdem, wie das Heer geklungen hat, und man erblickt darin nicht so sehr die Stimmen als (vielmehr) die Harmonie der Tapferkeit. Vor allem erreicht man einen rauhen Ton und ein gebrochenes Murmeln, indem man den Schild vor den Mund hält, damit die Stimme durch den Widerhall voller und kräftiger anschwelle. (2) Übrigens glauben einige, daß auch Ulysses auf seiner langen und sagenhaften Irrfahrt in diesen Ozean verschlagen worden sei und die Länder Germaniens aufgesucht habe und daß Asciburgium, das am Rhein liegt und noch heute bewohnt ist, von ihm gegründet und [Askipyrgion] benannt worden sei; man habe einst sogar einen dem Ulysses geweihten Altar, dem der Name seines Vaters Laertes hinzugefügt war, an diesem Ort gefunden, und noch heute gebe es Denkmäler und Grabhügel mit griechischen Inschriften im Grenzgebiet von Germanien und Rätien. (3) Doch liegt es weder in meiner Absicht, das durch Beweise zu bestätigen noch es zu widerlegen: dem möge jeder Glauben verweigern oder schenken, wie ihm der Sinn steht.

4. Ich selbst pflichte den Ansichten derer bei, die glauben, daß die Völker Germaniens durch keinerlei sonstige Eheverbindungen mit anderen Stämmen befleckt worden seien und sich als eigenständiges, reines und nur sich selbst ahnliches Volk erhalten hätten. Daher haben sie trotz ihrer großen Menschenzahl alle die gleiche körperliche Erscheinung: die wilden, blauen Augen, die rotblonden Haare, die großen und nur zum Angriff tauglichen Körper. Bei Arbeit und Mühe (beweisen sie) nicht die gleiche Ausdauer und sind am wenigsten gewohnt, Durst und Hitze, (wohl aber) klima- oder bodenbedingten Frost und Hunger zu ertragen.

5. (1) Obwohl das Land in seinem Aussehen erheblich unterschiedlich gestaltet ist, ist sein Anblick insgesamt doch entweder häßlich durch seine Wälder oder gräßlich durch seine Sümpfe, gegen Gallien hin ist es feuchter, gegen Noricum und Pannonien hin windiger; es bringt genügend Ertrag, trägt keine Obstbäume und ist reich an meist jedoch kleinwüchsigem Vieh. Nicht einmal die Rinder haben einen zierenden und rühmlichen Stirn-(schmuck): Man erfreut sich an ihrer Zahl, und sie bilden den einzigen und beliebtesten Reichtum. (2) Daß gnädige oder erzürnte Götter Silber und Gold verweigert hätten, bezweifle ich. Doch will ich nicht behaupten, daß gar keine Erzader Germaniens Silber oder Gold hervorbringt: Wer hat das schon untersucht? Besitz und Nutzen haben auf sie eben keine Wirkung. (3) Man kann beobachten, wie bei ihnen silberne Gefäße, die man ihren Gesandten und Fürsten geschenkt hat, nicht weniger gering geachtet werden als das, was sie aus Ton formen; indessen wissen (unsere) nächsten Nachbarn Gold und Silber wegen des Handelsverkehrs zu schätzen, und sie erkennen etliche unserer Geldprägungen an und wahlen sie aus: Weiter im Innern bedient man sich auf einfachere und altertümlichere Weise des Tauschhandels. (jene aber) lassen altes und seit langem bekanntes Geld, die Serraten und Bigaten, gelten. Auch trachten sie mehr nach Silber als nach Gold, nicht aus (gefühlsmäßiger) Vorliebe, sondern weil die Anzahl der Silbermünzen beim Handel mit gewöhnlichen und billigen (Dingen) bequemer ist. Nicht einmal Eisen ist im Überfluß vorhanden, wie sich aus der Art der Geschosse ergibt. Selten benutzen sie Schwerter und größere Lanzen. Sie führen Speere bzw. mit ihrem Wort, Framen, mit einem schmalen, kurzen, aber so scharfen und beim Gebrauch zweckmäßigen Eisen, daß sie ein- und dieselbe Wurfwaffe im Nah- und Fernkampf einsetzen können, wie es die Taktik erfordert. Selbst der Reiter begnügt sich mit Schild und Frame, die Fußsoldaten schleudern auch jeweils mehrere Wurfspeere, und sie schwingen sie ungemein (weit), da sie nackt oder nur leicht, mit einem Kriegsmantel, (bekleidet sind). Man prahlt nicht mit der Ausstattung; nur die Schilde unterscheiden sich durch auserlesenste Farben. (Nur) wenige tragen Panzer, kaum einer hat Helm oder Haube. (2) Die Pferde zeichnen sich nicht durch ihre Gestalt oder Schnelligkeit aus. Doch sie werden auch nicht wie bei uns geschult, in wechselnden Kreisrichtungen zu laufen: Sie lenken sie geradeaus oder (führen) die rechten in einer einzigen Schwenkung zu einem so zusammenhängenden Kreis, daß keines zurückbleibt. (3) Wägt man im ganzen ab, so liegt mehr Kraft bei dem Fußheer; und deshalb kämpfen sie (im) gemischt(en Verband), weil die Schnelligkeit der Fußtruppen, die sie aus der Jungmannschaft auswählen und vor die Schlachtreihe stellen, für eine Reiterschlacht geeignet und angemessen ist. Auch die Zahl wird festgelegt: Es sind je 100 aus den einzelnen Gauen, und danach bezeichnen sie sich selbst untereinander; was zuerst eine Zahl war, ist jetzi ein Ehrenname. - Die Schlachireihe setzt sich aus Keilen zusammen. (4) Ein Zurückweichen halten sie, sofern man wieder vorrückt, (eher für ein Zeichen von) Besonnenheit als von Furcht. Die Leichen der Ihrigen bergen sie auch in zweifelhaften Schlachten. Den Schild zurückgelassen zu haben, (gilt als) eine besondere Schande; einem so mit Schmach Beladenen ist es verboten, an den heiligen Handlungen teilzunehmen oder eine Versammlung zu besuchen, und viele, die die Kriege überlebt haben, machten ihrer Schmach durch den Strick ein Ende.

7. (1) Könige erwählen sie nach der edlen Abstammung, Heerführer nach der Tüchtigkeit. Doch besitzen die Könige keine unumschränkie oder willkürliche Gewalt, und die Heerführer führen eher durch ihr Vorbild als durch ihre Amtsgewalt, weil sie bewundert werden, wenn sie entschlossen handeln, wenn sie herausragen, wenn sie sich vor der Schlachtreihe aufhalten. Übrigens ist es allein den Priestern erlaubt, zu strafen oder zu fesseln oder auch nur zu züchtigen, (und zwar) nicht wie zur Strafe und auch nicht auf Befehl des Heerführers, sondern wie auf Geheiß des Gottes, der, wie sie glauben, den Kämpfern beisteht. (2) Und sie nehmen gewisse Abbilder und Figuren, die sie aus den Hainen holen, mit in die Schlacht, und - darin liegt ein besonderer Anreiz der Tapferkeit - nicht die Umstände oder das zufällige Zusammenrotten, sondern Familien und Sippen bilden einen Reiterirupp oder einen Keil; und die Pfänder der Liebe (bleiben) ganz in der Nähe; von dort hört man das Gebrüll ihrer Frauen und das Schreien der Kinder. Sie sind einem jeden hochheilige Zeugen, sind die größten Lobredner: ihren Müttern und Frauen bringen sie ihre Wunden dar; und diese zögern nicht, die Wunden zu zählen oder zu untersuchen, und sie bringen den Kämpfenden Speisen und ermunternde Worte.

8. (1) Es ist überliefert, daß manche Schlachtreihen, die bereits zurückgewichen waren und zusammenzubrechen drohten, von den Frauen wieder aufgerichtet wurden, weil diese beständig flehten, ihre Brüste entgegenhielten und so die nahe Gefangenschaft vor Augen führten, die sie im Hinblick auf ihre Frauen als noch unerträglicher fürchten, so daß sich die Gemüter derjenigen Stämme um so nachhaltiger verbinden, denen befohlen wird, unter den Geiseln auch adlige Mädchen (zu stellen). (2) Da sie sogar glauben, daß (den Frauen) etwas Heiliges und Seherisches innewohnt, verwerfen sie weder ihre Ratschläge noch mißachten sie ihre Antworten. Wir haben es unter dem göttlichen Vespasian erlebt, wie bei vielen lange Zeit Veleda anstelle einer Gottheit gehalten wurde; aber auch Albruna und mehrere andere wurden einst verehrt, doch nicht aus Schmeichelei und auch nicht so, als ob sie sie zu Göttinnen machten.

9. (1) Von den Göttern verehren sie vor allem Merkur, dem sie nach ihrem heiligen Recht an bestimmten Tagen auch Menschenopfer darbringen. Herkules und Mars versöhnen sie, indem sie ihnen Tieropfer zugestehen. Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis. Wo Ursache und Ursprung für diesen fremden Kult (liegen), habe ich nicht genau erfahren, außer daß das Kultzeichen selbst, das in der Art eines Liburnerschiffs dargestellt ist, lehrt, daß der Kult zu Schiff eingeführt wurde. (2) Im übrigen halten sie es wegen der Erhabenheit der Himmlischen für unvereinbar, die Götter in Wände einzuschließen oder sie in Form eines menschlichen Gesichts abzubilden: Sie weihen Haine und Wälder und belegen das Geheimnisvolle, das sie nur in Ehrfurcht beschauen, mit Götternamen.

10. (1) Am meisten achten sie auf Vorzeichen und Losorakel. Das Losverfahren ist einfach. Sie teilen einen von einem fruchttragenden Baum abgeschnittenen Zweig in Stäbchen, kennzeichnen diese durch unterschiedliche Zeichen und verstreuen sie wahllos und per Zufall über ein weißes Tuch. Darauf nimmt, wenn die Befragung offiziell geschieht, der Stammespriester, wenn sie privat erfolgt, der Familienvater dreimal je eins davon auf, während er zu den Göttern betet und zum Himmel aufblickt, und er deutet die aufgelesenen (Stäbchen) nach den vorher eingeritzten Zeichen. Wenn sie etwas untersagt haben, gibt es über dieselbe Sache am gleichen Tag keine Befragung mehr; wenn sie aber etwas gestattet haben, ist noch die Bestätigung durch Vorzeichen erforderlich. (2) Zwar ist es auch hier bekannt, Vogelstimmen und Vogelflug zu befragen; eine Besonderheit dieses Volkes (aber) ist es, Vorzeichen und Weissagungen auch von Pferden zu erforschen. Sie werden aus öffentlichen Mitteln in jenen Wäldern und Hainen unterhalten, sind strahlend weiß und kommen mit keiner Arbeit von Sterblichen in Berührung; der Priester- (und) König oder der Stammesfürst begleiten diese an einen heiligen Wagen gespannten (Tiere), und sie beobachten ihr Wiehern und Schnauben. Keinem Vorzeichen wird ein größeres Vertrauen (entgegengebracht), nicht nur beim Volk, (sondern auch) bei den Adligen und Priestern; sie halten sich selbst nämlich für Diener und jene für Mitwisser der Götter. (3) Es gibt noch eine andere Beobachtung der Vorzeichen, mit der sie den Ausgang schwerer Kriege erforschen: Sie lassen einen irgendwie ergriffenen Gefangenen des Stammes, mit dem sie Krieg führen, mit einem Auserwählten der eigenen Volksgenossen kämpfen, jeden mit den heimischen Waffen: Der Sieg des einen oder des andern wird als Vorentscheid verstanden.

11. (1) Über weniger wichtige Angelegenheiten beraten die Fürsten, über die wichtigeren alle, doch so, daß auch das, worüber die Entscheidung beim Volk liegt, unter den Fürsten vorberaten wird. Wenn nicht etwas Zufälliges und Plötzliches eintritt, versammeln sie sich zu bestimmten Terminen, entweder bei Neumond oder bei Vollmond; sie halten das nämlich für den verheißungsvollsten Beginn, die Dinge zu behandeln. Sie zählen auch nicht wie wir die Zahl der Tage, sondern der Nächte. So treffen sie Verabredungen, so verständigen sie sich: Die Nacht scheint dem Tag voranzugehen. Aus ihrer Freiheit aber erwächst der Fehler, daß sie nicht gleichzeitig und auch nicht wie geboten zusammenkommen, sondern infolge der Verzögerung der sich Versammelnden noch ein zweiter und dritter Tag verstreicht. Wie es der Menge paßt, lassen sie sich bewaffnet nieder. (2) Durch die Priester, die dann auch das Strafrecht (Bannrecht) ausüben, wird Schweigen geboten. Darauf hört man den König oder die Fürsten, je nach ihrem Alter, ihrem Adel, ihren Auszeichnungen im Krieg und ihrer Redegewandtheit, wobei ihre Überzeugungskraft mehr (wiegt) als ihre Befehlsgewalt. Hat eine Meinung Mißfallen erregt, verwirft man sie durch ein Murren; hat sie aber gefallen, schlägt man die Speere zusammen: Die ehrenhafteste Art der Zustimmung ist das Lob mit den Waffen.

12. (1) Man kann vor der Versammlung auch Anklage erheben und ein Verfahren über Todesstrafen anstrengen. Die Unterscheidung der Strafen (richtet sich) nach dem Vergehen: Verräter und Fahnenflüchtige hängen sie an Bäumen auf, Feiglinge, Unkriegerische und körperlich Verrufene ertränken sie im Sumpf oder im Moor, indem sie ein Geflecht darüber werfen. Die verschiedenen Todesstrafen nehmen darauf Rücksicht, daß man Verbrechen, wenn sie bestraft werden, bekanntmachen, Schandtaten (aber) verheimlichen muß. (2) Doch auch leichteren Vergehen wird angemessene Strafe zuteil: die Überführten werden (mit der Abgabe) einer Anzahl von Pferden und Vieh bestraft. Ein Teil der Strafe wird dem König oder dem Stamm, ein Teil demjenigen, dem Recht verschafft wird, oder seinen Verwandten gezahlt. Auf jenen Versammlungen wählt man auch die Fürsten, die in den Gauen und Dörfern Recht sprechen; ihnen stehen jeweils 100 Begleiter aus dem Volk als Rat und bevollmächtigtes Organ zur Seite.

13. (1) In öffentlichen wie in privaten Angelegenheiten aber machen sie nichts unbewaffnet. Doch pflegt man Waffen nicht eher anzulegen, bis der Stamm die Fähigkeit dazu anerkannt hat. Dann schmücken ein Fürst, der Vater oder die Verwandten den jungen Mann auf eben dieser Versammlung mit Schild und Frame: Das (entspricht) bei ihnen der Toga, der ersten Auszeichnung der Jugend; vorher gelten sie als Teil des Hauses, nun des Gemeinwesens. (2) Ausgezeichnete Abstammung oder hohe Verdienste der Vorfahren verschaffen auch ganz jungen Männern die Gunst eines Fürsten; sie schließen sich den übrigen, stärkeren und schon früher erprobten an, und es ist keine Schande, unter deren Gefolgsleuten erblickt zu werden. Ja, die Gefolgschaft selbst kennt sogar Rangstufen nach dem Urteil dessen, dem man folgt; und groß ist auch der Wetteifer der Gefolgsleute, wem der erste Platz bei ihrem Fürsten (gebührt), wie auch der Fürsten, wer die meisten und tatkräftigsten Gefolgsleute (besitzt). (3) Das macht ihre Würde, ihre Kräfte aus, sich stets mit einem großen Kreis auserwählter Jünglinge zu umgeben, (das ist) ihre Zierde im Frieden, ihr Schutz im Krieg. Und das verschafft einem jeden nicht nur im eigenen Volk, sondern auch bei den Nachbarstämmen einen Namen; das ist sein Ruhm, wenn seine Gefolgschaft durch Zahl und Tüchtigkeit hervorsticht; denn sie werden von Gesandtschaften aufgesucht und mit Geschenken bedacht, und meistens bringen sie durch eben diesen Ruhm die Kriege schnell zu Ende.

14. (1) Wenn man in die Schlacht gezogen ist, ist es schmachvoll für den Fürsten, an Tüchtigkeit übertroffen zu werden, schmachvoll für die Gefolgschaft, nicht die Tüchtigkeit des Fürsten zu erreichen. Vollends schimpflich für das ganze Leben und eine Schande aber ist es, aus der Schlacht herauszukommen und seinen Fürsten überlebt zu haben: Ihn zu verteidigen, zu schützen und auch die eigenen Heldentaten seinem Ruhm zuzuschreiben, ist eine besondere Schwurverpflichtung: Die Fürsten kämpfen für den Sieg, die Gefolgsleute für den Fürsten. (2) Erlahmt der Stamm, in dem sie geboren wurden, in langer Friedens- und Mußezeit, so suchen die meisten jungen Adligen freiwillig die Völker auf, die gerade irgendeinen Krieg führen, weil die Ruhe dem Volk nicht behagt, sie sich leichter in Gefahren auszeichnen und man eine große Gefolgschaft nur durch Gewalt und Krieg unterhalten kann. Sie verlangen nämlich von der Freigebigkeit ihres Fürsten das bekannte Schlachtroß und den blutgierigen und siegreichen Speer; denn die Mahlzeiten und die zwar schlichten, doch reichlichen Zuwendungen gelten als Lohn. (3) Die Mittel für die Großzügigkeit (stammen) aus Kriegen und Raubzügen, und man überredet sie nicht so leicht, das Land zu pflügen oder den Jahresertrag abzuwarten, wie den Feind herauszufordern und sich Wunden zu erwerben; ja es gilt sogar als faul und träge, mit Schweiß zu erlangen, was man mit Blut beschaffen könnte.

15. (1) Wenn sie keine Kriege führen, so verbringen sie nicht viel (Zeit) mit der Jagd, schon mehr in Muße, geben sich dem Schlaf und dem Essen hin, und all diese höchst tapferen und kriegerischen (Männer) tun nichts und überlassen die Sorge für Haus, Hof und Land den Frauen und Greisen sowie dem jeweils Schwächsten aus der Familie: Sie selbst sind träge, in seltsamem Widerspruch der Natur, da dieselben Männer derart das Nichtstun lieben und die Ruhe hassen. (2) Es ist bei den Stämmen üblich, daß sie freiwillig und Mann für Mann den Fürsten etwas vom Vieh oder Getreide überlassen, das, als Ehrengabe angenommen, zugleich der Not abhilft. Besonders freuen sie sich über Geschenke der Nachbarstämme, die nicht nur von einzelnen, sondern auch offiziell geschickt werden, auserlesene Pferde, (prächtige) Waffen, Brustschmuck und Halsketten; wir haben ihnen aber auch schon beigebracht, Geld anzunehmen.

16. (1) Daß die Völker der Germanen keine Städte bewohnen und daß sie nicht einmal miteinander verbundene Siedlungen dulden, ist genügend bekannt. Sie wohnen abgesondert und einzeln, wie ihnen eine Quelle, ein Feld, ein Wald zusagt. Die Dörfer errichten sie nicht in unserer Weise mit aneinandergereihten und zusammenhängenden Gebäuden: Jeder umgibt sein Haus mit einem freien Raum, teils als Maßnahme für den Fall eines Brandes, teils aus Unkenntnis über die Bauweise. (2) Nicht einmal Mauersteine oder Ziegel sind bei ihnen im Gebrauch: Sie verwenden für alles unbearbeitetes Holz ohne Schönheit oder Reiz. Bestimmte Stellen bestreichen sie sorgfältiger mit einem so reinen und glänzenden Ton, daß es den Eindruck von Malerei und Farblinierungen macht. (3) Sie pflegen auch unterirdische Höhlen aufzugraben und laden viel Dünger darüber, als eine Zufluchtstätte für den Winter und ein Lager für die Feldfrüchte, weil Orte dieser Art den strengen Frost erträglicher machen, und wenn einmal ein Feind naht, dann plündert er das Offene, während Verstecktes und Vergrabenes unbemerkt bleibt und ihm eben dadurch entgeht, daß es erst gesucht werden muß.

17. (1) Als Bekleidung dient allein ein Umhang, der durch eine Fibel oder, wenn man keine hat, einen Dorn zusammengehalten wird. Ansonsten unbekleidet, bringen sie ganze Tage beim Herd und Feuer zu. Die Wohlbabendsten unterscheiden sich durch ein Gewand, das nicht wie bei Sarmaten und Parthern herabwallt, sondern eng anliegt und einzelne Körperteile abzeichnet. Sie tragen auch Pelze von wilden Tieren; (dabei sind) diejenigen, die dem Ufer am nächsten wohnen, nicht wählerisch, die weiter entfernt Lebenden anspruchsvoller, da ihnen ja eine (sonstige) Ausstattung durch den Handel fehlt. Sie wählen wilde Tiere aus und besetzen die abgezogenen Felle mit Flickwerk und Tierhäuten, die der äußere Ozean und das unbekannte Meer hervorbringen. (2) Die Frauen haben keine andere Tracht als die Männer, außer daß sich Frauen häufiger mit Leinenkleidern umhüllen und sie mit Purpur färben, den Teil des Obergewands nicht zu Ärmeln verlängern, (also) nackte Unter- und Oberarme (haben); aber auch der nächste Teil der Brust bleibt entblößt.

18. (1) Dennoch ist die Ehe dort streng, und man könnte keinen Teil der Sittlichkeit mehr loben. Denn beinahe als einzige Barbaren begnügen sie sich jeweils mit einer Frau, bis auf nur wenige, die nicht aus Begierde, sondern wegen ihres Adels mit mehreren Eheverbindungen umworben werden. (2) Nicht die Frau bietet ihrem Ehemann eine Mitgift, sondern der Mann der Frau. (Deren) Eltern und Verwandte sind dabei und prüfen die Geschenke, wobei die Geschenke nicht zum Vergnügen der Frauen ausgesucht sind und auch nicht die junge Braut schmücken sollen, sondern (es sind) Rinder, ein gezäumtes Pferd und ein Schild mit Frame und Schwert. Gegen diese Geschenke wird die Frau angenommen und bringt selbst ihrerseits dem Mann irgendeine Waffe mit: Das hält man für das größte Band, für ein heiliges Geheimnis, für die Hochzeitsgötter. (3) Damit keine Frau glaubt, sie stehe außerhalb des Tapferkeirsdenkens und außerhalb der Wechselfälle der Kriege, wird sie am Beginn der Ehe mit denselben Vorzeichen ermahnt, als Gefährtin der Mühen und Gefahren zu kommen (und) dasselbe (Schicksal) im Frieden, dasselbe in der Schlacht zu erdulden und zu wagen: Das deuten das Ochsengespann, das gerüstete Pferd und die Waffengeschenke an. So müsse man leben, so zugrunde gehen. Sie nehme auf, was sie den Kindern unverletzt und würdig weitergeben soll, was die Schwiegertöchter aufnehmen und wiederum auf die Enkel übertragen sollen.

19. (1) So leben (die Frauen) in geborgener Sittsamkeit, durch keinerlei Verlockungen von Schauspielen, durch keinen Anreiz von Gastmählern verdorben. Briefgeheimnisse kennen die Männer ebensowenig wie die Frauen. In dem so volkreichen Stamm gibt es ganz wenige Ehebrüche, deren sofortige Bestrafung ebenfalls den Ehemännern obliegt: Nachdem er (ihr) das Haar geschoren hat, treibt der Mann sie entblößt vor den Verwandten aus dem Haus und mit Schlägen durch das ganze Dorf. Denn für öffentlich bloßgestellte Sittsamkeit gibt es keine Gnade: weder aufgrund ihrer Figur noch aufgrund ihres Alters noch aufgrund ihres Reichtums dürfte sie einen Mann finden. Denn keiner belacht dort die Laster, noch heißt man es zeitgemäß, zu verderben oder sich verderben zu lassen. (2) Noch besser sind freilich jene Stämme, bei denen nur Jungfrauen heiraten und man mit der Hoffnung und dem (Ehe-) Gelübde der Frau ein für allemal einen Schlußstrich zieht. So empfangen sie einen einzigen Mann, wie sie einen Körper und ein Leben (haben), damit sonst keine Vorstellung, keine weitere Begierde besteht und sie nicht gleichsam den Mann, sondern gleichsam die Ehe lieben. Die Zahl der Kinder zu begrenzen oder einen von den nachgeborenen Söhnen zu töten, hält man für Frevel, und gute Sitten gelten dort mehr als anderswo gute Gesetze.

20. (1) In jedem Haus wachsen (die Kinder) nackt und schmutzig heran zu solchen Gliedmaßen und solchen Körpern, die wir bewundern. Die Mutter nährt all die ihren an ihrer Brust, und sie werden weder Mägden noch Ammen anvertraut. Herr und Knecht lassen sich durch keinerlei Vorzug in der Erziehung unterscheiden: Sie leben bei demselben Vieh, auf demselben Erdboden, bis das Alter die Edelgeborenen scheidet (und) die Tapferkeit sie bestätigt. (2) Selten erwacht bei jungen Leuten die geschlechtliche Liebe, und deshalb bleibt ihre Zeugungskraft unerschöpft. Auch die jungen Mädchen haben es nicht eilig; sie genießen dieselbe Jugend und haben den gleichen, großen Wuchs: Gleichartig und ähnlich stark vereinigen sie sich, und die Kinder übertragen die Kräfte der Eltern. (3) Bei dem Oheim finden die Söhne der Schwester dieselbe Achtung wie bei dem Vater. Einige halten das für eine noch heiligere und engere Blutsbindung und berücksichtigen das bei der Entgegennahme von Geiseln mehr, weil sie damit angeblich die Gesinnung stärken und das Haus erweitern. Dennoch sind jeweils die Kinder Erben und Nachfolger, und (es gibt) kein Testament. Wenn keine Kinder da sind, folgen als die nächsten Verwandtschaftsgrade die Brüder, die Brüder des Vaters und der Mutter im Besitz. Je mehr (Bluts-)Verwandte es gibt, je größer die Zahl der Verschwägerten ist, desto angenehmer ist das Greisenalter; und Kinderlosigkeit mißt man keinen Wert bei.

21. (1) Die Feindschaften ebenso wie die Freundschaften des Vaters oder eines Verwandten zu übernehmen, ist unumgänglich; doch jene dauern nicht unversöhnlich an; man sühnt nämlich selbst einen Totschlag mit einer festen Zahl an Groß- und Kleinvieh, und das ganze Haus empfängt Wiedergutmachung zum Nutzen der Allgemeinheit, weil Feindschaften nach freier Willkür gefährlicher sind. (2) Kein anderes Volk gibt sich verschwenderischen Gastmählern und Gastfreundschaften hin. Irgendeinen Sterblichen von seinem Dach femzuhalten, gilt als Frevel; ein jeder bewirtet nach seinen Verhältnissen mit vorbereiteten Speisen. Wenn diese ausgehen, wird der bisherige Gastgeber zum Führer und Begleiter des Gastfreundes; sie betreten ohne Einladung das nächste Haus. Dort ist es nicht anders: Sie werden mit der gleichen Menschlichkeit aufgenommen. Niemand unterscheidet zwischen bekannt und unbekannt, soweit es das Gastrecht bettifft. Es ist Sitte, dem Scheidenden etwas zu überlassen, wenn er es forderri sollte; und umgekehrt besteht dieselbe Bereitwilligkeit, um etwas zu bitten. Sie freuen sich über Geschenke, aber sie rechnen weder die Gaben vor, noch werden sie durch die Annahme verpflichtet. Unter Gastfreunden (herrscht) ein freundlicher Umgang.

22. (1) Gleich nach dem Schlaf, den sie oft genug bis in den Tag hinein ausdehnen, waschen sie sich, (und zwar) öfter mit warmem (Wasser), da bei ihnen der Winter die meiste Zeit einnimmt. Nach dem Waschen nehmen sie eine Mahlzeit ein. Dabei hat jeder einen besonderen Platz und seinen eigenen Tisch. Dann begeben sie sich bewaffnet an ihre Geschäfte und, nicht weniger häufig, zu Gastmählern. Tag und Nacht in einem fort zu zechen, ist für niemanden eine Schande. Wie unter Betrunkenen (üblich), enden die häufigen Streitereien selten (nur) in Beschimpfungen, häufiger in Totschag und Verletzungen. (2) Aber auch über die gegenseitige Aussöhnung von Feinden, verwandtschaftliche Verbindungen und die Anerkennung der Fürsten sowie schließlich über Krieg und Frieden beraten sie recht häufig bei Gastmählern, weil angeblich der Sinn zu keiner Zeit den einfachen Überlegungen zugänglicher ist oder sich für die großen mehr begeistert. (3) Das weder listige noch schlaue Volk deckt das bislang in seiner Brust Verborgene bei zwanglosem Scherz auf; folglich ist die Gesinnung aller offenbar und bloß. Am folgenden Tag berät man noch einmal, und beide Seiten bekommen ihr gutes Recht: Sie überlegen, wenn sie sich nicht zu verstellen vermögen, und sie beschließen, wenn sie nicht irren können.

23. Als Getränk dient ein Saft aus Gerste oder Weizen, der, gewissermaßen ähnlich dem Wein, gegoren ist; die ufernahen (Stämme) erhandeln auch Wein. Die Speisen sind einfach, wilde Früchte, frisches Wild oder geronnene Milch: Ohne besondere Zubereitung (und) ohne Zutaten vertreiben sie den Hunger. Dem Durst (aber) begegnen sie nicht gleichermaßen maßvoll. Würde man sie in ihrer Trunkenheit gewähren lassen und auftragen, soviel sie begehren, so würden sie kaum weniger leicht durch ihre Laster als durch Waffen besiegt.

24. (1) Es gibt nur eine einzige und bei jeder Versammlung gleichbleibende Art von Schauspielen: Nackte junge Männer, die das als Spiel betreiben, springen im Tanz zwischen Schwertern und gefährlichen Framen umher. Die Übung hat (daraus) eine Kunst geschaffen, die Kunst eine Zierde, und doch (machen sie es) nicht zum Erwerb oder gegen Lohn: So verwegen auch ihre Fröhlichkeit ist, ihr Lohn ist das Vergnügen der Zuschauer. (2) Das Würfelspiel betreiben sie merkwürdigerweise nüchtern wie eine ernste Angelegenheit und mit solcher Leichtfertigkeit beim Gewinnen oder Verlieren, daß sie, wenn sie alles verloren haben, beim allerletzten Wurf um ihre Freiheit und ihren Körper spielen. Der Verlierer begibt sich in freiwillige Knechtschaft: Mag er auch viel jugendlicher und viel stärker sein, er erträgt es doch, sich binden und verkaufen zu lassen. Bei einer verkehrten Sache ist das (zwar) Starrsinn; (doch) sie selbst nennen es Verläßlichkeit. Die Sklaven aus solchen Umständen geben sie über den Handel weiter, um sich damit auch selbst von der Scham über den Sieg freizukaufen.

25. (1) Die übrigen Sklaven verwenden sie nicht nach unserem Brauch, wo deren Dienstgeschäfte in der Familie genau festgelegt sind: ein jeder waltet über seine Wohnung (und) sein Haus. Der Herr verlangt von ihm wie von einem Pächter ein Maß Getreide oder Vieh oder Kleider, und der Sklave gehorcht nur soweit: die übrigen Hausgeschäfte führen die Frau und die Kinder aus. Selten schlägt man einen Sklaven oder straft ihn mit Gefängnis und Zwangsarbeit: man schlägt ihn gewöhnlich nicht aus Zucht und Strenge, sondern, wie einen Feind, im Anfall von Jähzorn nieder, wobei das allerdings ungestraft bleibt. (2) Die Freigelassenen stehen nicht hoch über den Sklaven und haben selten Einfluß im Haus (und) niemals im Stamm, außer vielleicht bei den Völkern, die von Königen beherrscht werden. Dort steigen sie nämlich noch über die Freien und über die Adligen auf; bei den übrigen bilden die ungleich niedriger gestellten Freigelassenen den Beweis, daß es Freiheit gibt.

26. (1) Geldgeschäfte zu machen und auf Zinsen auszuleihen, isr unbekannt; und deshalb wird das mehr beachtet, als wenn es verboten wäre. (2) Die Äcker werden entsprechend der Zahl der Landwirte von allen im Wechsel in Besitz genommen; sie teilen sie (jedoch) bald nach ihrer Stellung unter sich auf; die weiten Flächen der Felder gewährleisten eine leichte Aufteilung. (3) Sie wechseln jährlich das Ackerland, und (doch) bleibt (noch) Land übrig. Denn sie streiten nicht in (mühevoller) Arbeit mit dem Reichtum und der Weite des Bodens, um Obstgärten anzulegen, Wiesen abzutrennen und Gärten zu bewässern: Allein die Saat wird der Erde anbefohlen. (4) Daher teilen sie auch das Jahr selbst nicht in so viele Erscheinungsformen ein: Winter, Frühling und Sommer haben ihre Bedeutung und ihre Bezeichnungen, doch einen Namen für den Herbst oder dessen Gaben kennen sie nicht.

27. (1) Bei Begräbnissen gibt es keinen Ehrgeiz: Nur das eine wird beachtet, daß die Leichen berühmter Männer mit bestimmten Hölzern verbrannt werden. Den Scheiterhaufen erhöhen sie weder mit Kleidern noch mit Räucherwerk; (doch) werden jedem seine Waffen, dem Feuer einiger auch ein Pferd beigegeben. Ein Rasenhügel wölbt sich über dem Grab auf: Die hochragende und mühevolle Ehrung durch Grabmäler verwerfen sie als eine schwere Last für die Verstorbenen. Wehklagen und Tränen legen sie schnell, Schmerz und Trauer nur langsam ab. Für die Frauen ist es ehrenvoll, zu klagen, für die Männer, (still) zu gedenken. (2) Das haben wir über Ursprung und Sitten als allen Germanen gemeinsam vernommen. Nun werde ich darlegen, inwiefern sich die Einrichtungen und Gewohnheiten der einzelnen Völker unterscheiden und welche Stämme aus Germanien nach Gallien gewandert sind.

28. (1) Der größte Schriftsteller, der göttliche Iulius, berichtet, daß die Macht der Gallier einst stärker war; daher ist es glaubhaft, daß auch Gallier nach Germanien gegangen sind. Wie wenig verhinderte denn der Strom, daß jedes Volk, wenn es erstarkt war, die noch gemeinschaftlichen und durch keine Königsmachr aufgeteilten Wohnsitze in Besitz nahm und auswechselte? (2) Folglich haben (das Gebiet) zwischen Herkynischem Wald, Rhein und Main die Helvetier, (das Gebiet) weiter hinten die Boier, zwei gallische Stämme, in Besitz genommen. Der Name Boihaemum ist noch erhalten und verweist auf die alte Geschichte des Ortes, wenn auch die Bewohner gewechselt haben. (3) Ob aber die Aravisker von den Osern, einem Germanenstamm, nach Pannonien oder die Oser von den Araviskern nach Germanien abgewandert sind, ist, da sie sich noch heute derselben Sprache, Einrichtungen und Bräuche bedienen, ungewiß, weil einst bei gleicher Armut und Freiheit an beiden Ufern (der Donau) dasselbe Glück und Unglück herrschte. (4) Die Treverer und Nervier sind hinsichtlich ihrer Begierde nach germanischer Abstammung obendrein ehrsüchtig, als ob sie durch diesen Ruhm des Blutes von der Ähnlichkeit mit den Galliern und deren Trägheit geschieden würden. Das Rheinufer selbst bewohnen zweifellos Völker der Germanen, die Vangionen, Triboker und Nemeter. Nicht einmal die Ubier, die es doch verdient haben, eine römische Colonia zu bilden und sich lieber nach dem Namen ihrer Gründerin Agrippinenser nennen, schämen sich ihrer Abstammung; sie setzten einst über und wurden unter Erprobung ihrer Treue unmittelbar am Rheinufer angesiedelt, um es zu schützen, nicht um überwacht zu werden.

29. (1) Die an Tapferkeit herausragendsten all dieser Stämme, die Bataver, wohnen nicht weit vom Ufer, doch auf einer Rheininsel; einst ein Stamm der Chatten, sind sie wegen eines Aufstands im eigenen Land in diese Wohnplätze übergesiedelt, wo sie zu einem Teil des Römischen Reichs werden sollten. Ihnen verbleiben die Ehre und das Merkmal der früheren Bundesgenossenschaft; denn sie werden weder durch Tribute erniedrigt, noch beutet sie ein Staarspächter aus: von Lasten und Beiträgen befreit und nur zur Verwendung in Schlachten aufgespart, bleiben sie wie Angriffs- und Verteidigungswaffen für Kriege vorbehalten. (2) Im gleichen Abhängigkeitsverhältnis steht auch der Stamm der Mattiaker; denn die Größe des römischen Volkes hat die Achtung vor dem Reich über den Rhein und über die alten Grenzen hinausgetragen. So weilen sie hinsichtlich Wohnsitz und Gebiet auf ihrem Ufer, in ihrem Geist und ihrem Herzen aber bei uns; im übrigen ähneln sie den Batavern, nur daß sie schon durch die Bodenbeschaffenheit und das Klima ihres Landes bis heute leidenschaftlicher beseelt sind. (3) Obgleich sie sich jenseits von Rhein und Donau niedergelassen haben, möchte ich diejenigen, die das Zehntland bestellen, nicht zu den Völkern Germaniens rechnen: Der leichtfertigste und durch Not kühn gewordene Gallier hat diesen Boden mit zweifelhaftem Besitzrecht besetzt; seit der Limes errichtet war und die Linien vorrückten, gelten sie als vorgeschobener Teil des Reichsbodens und als Teil der Provinz.

30. (1) Dahinter (leben) die Chatten, deren Wohnraum mit dem Herkynischen Wald beginnt; (sie wohnen) nicht an so flachen und sumpfigen Plätzen wie die übrigen Stämme, über die sich Germanien erstreckt; denn die Hügel dauern ja an und werden erst allmählich seltener, und der Herkynische Wald geleitet seine Chatten und verläßt sie zugleich. (2) Dieses Volk hat einen stärkeren Körperbau, stramme Glieder, einen drohenden Gesichtsausdruck und eine größere geistige Spannkraft. Für Germanen (besitzen sie) recht viel Vernunft und Geschick: Sie stellen Auserwählte an die Spitze, hören diese Vorgesetzten an, kennen (Heeres-)Ordnungen, nehmen günstige Gelegenheiren wahr, schieben Angriffe auf, teilen den Tag ein, sichern die Nacht, zählen das Glück zu den zweifelhaften, die Tüchtigkeit zu den sicheren (Dingen) und - was sehr selten und sonst nur der römischen Zucht eigen ist - geben mehr auf den Führer als auf das Heer. (3) (lhre) ganze Stärke liegt im Fußvolk, das sie außer mit Waffen auch mit Eisengeräten und Vorräten beladen: Andere sieht man in die Schlacht ziehen, die Chatten in den Krieg. Vorstöße und planlose Kämpfe sind selten: Tatsächlich ist es ja berittenen Kräften eigen, rasch den Sieg zu erringen und sich rasch zurückzuziehen: Die Schnelligkeit entspricht der Furcht, das Zögern ist der Standfestigkeit ähnlicher.

31. (1) Was sich auch andere Germanenvölker, (doch) selten und durch persönliche Kühnheit des einzelnen, angeeignet haben, hat bei den Chatten allgemeinen Anklang gefunden: Sobald sie herangewachsen sind, Haar und Bart wachsen zu lassen und diese Gestalt des Gesichts, die sie gelobt haben und die sie zur Tapferkeit verpflichtet, erst wieder abzulegen, wenn sie einen Feind erschlagen haben. Über dem Blut und der Beute enthüllen sie ihre Stirn und erklären, jetzt erst hätten sie den Lohn ihrer Geburt davongetragen und seien des Vaterlandes und der Eltern würdig. Feiglinge und Unkriegerische behalten das struppige Aussehen. (2) Die Tapfersten tragen darüber hinaus einen Eisenring wie eine Fessel - das gilt bei dem Volk als schimpflich -, bis sie sich durch das Töten eines Feindes davon lösen. Sehr vielen Chatten gefällt dieser Aufzug, und sie ergrauen mit diesen Kennzeichen und werden den Feinden wie den eigenen Leuten vorgezeigt. (3) Ihnen obliegt der Beginn aller Kämpfe; sie bilden stets die erste, im Anblick ungewöhnliche Schlachtreihe; denn nicht einmal im Frieden bändigen sie sich durch einen milderen Gesichtsausdruck. Keiner besitzt ein Haus oder einen Acker oder etwas, worum er sich sorgt; zu wem sie auch kommen, werden sie verpflegt, verschwenden fremdes Gut und verachten das eigene, bis das kraftlose Alter sie so hartem Heldentum nicht mehr gewachsen sein läßt.

32. Den Chatten am nächsten wohnen die Usiper und Tenkterer am Rhein, der (hier) schon ein sicheres Bett hat, das ausreicht, eine Grenze zu bilden. Die Tenkterer zeichnen sich über die gewöhnliche Kriegstüchtigkeit hinaus durch ihre geschulte Reitkunst aus, und das Lob für die Fußtruppen bei den Chatten ist nicht größer als das für die Reiter bei den Tenkterern. Die Vorfahren haben es so eingeführt, die Nachkommen ahmen es nach. Darin liegt ein Spiel für die Kinder, ein Wettstreit für die jungen Männer: (Selbst) die Greise setzen es fort. Mit der Familie, dem Haus und den Nachfolgerechten werden die Pferde vererbt: (doch) sie übernimmt nicht, wie das übrige, der älteste Sohn, sondern jeweils der, der im Krieg wild und besser ist. 33. (1) Einst stießen die Brukterer an die Tenkterer: Jetzt sind, wie man erzählt, die Chamaver und Angrivarier eingewandert, die im Einverständnis mit den Nachbarvölkern, sei es aus Haß auf ihren Hochmut, sei es durch das Bedürfnis nach Beute, sei es wegen einer gewissen Zuneigung der Götter uns gegenüber, die Brukterer geschlagen und völlig vernichtet haben; denn sie mißgönnten (uns) nicht einmal das Schauspiel einer Schlacht: Mehr als 60000 (Mann) sind, nicht durch römische Waffen und Geschosse, sondern, was noch großartiger ist, zur (reinen) Augenweide gefallen. (2) Es möge, bitte ich, bei den Völkern, wenn nicht die Liebe zu uns, so doch der Haß aufeinander bleiben und andauern, wenn bei den drängenden Geschicken des Reichs das Glück bereits nichts Größeres gewähren kann als die Zwietracht der Feinde.

34. (1) Hinter den Angrivariern und Chamavern schließen sich die Dulgubiner, Chasuarier und andere, nicht so bekannte Stämme an, vorn folgen die Friesen. Die ,größeren' und ,kleineren' Friesen tragen ihre Bezeichnung nach dem Kräfteverhältnis. Beide Stämme werden bis zum Ozean vom Rhein gesäumt und umwohnen zudem unermeßliche und von römischen Flotten (schon) befahrene Seen. (2) Sogar auf den Ozean selbst haben wir uns dort hinausgewagt: Und eine Sage hat verbreitet, es gebe heute noch Herkulessäu1en, ob nun Herkules (tatsächlich) dorthingekommen ist oder ob wir alles, was irgendwo großartig ist, übereinstimmend seinem Ruhm zuschreiben. Auch Drusus Germanicus fehlte nicht der Wagemut, doch der Ozean verhinderte, daß man gleichzeitig nach ihm und nach Herkules suchte. Nachher versuchte so etwas niemand mehr, und es schien heiliger und ehrfürchtiger, an die Taten der Götter zu glauben, als sie zu kennen.

35. (1) Soweit kennen wir nun das westliche Germanien; nach Norden zu weicht es in einer gewaltigen Ausbuchtung zurück. Gleich zu Anfang zieht sich das Stammes(gebiet) der Chauken, obwohl es bereits bei den Friesen beginnt und einen Teil der Küste einnimmt, an den Seiten aller Stämme entlang, die ich behandelt habe, bis zu den Chatten. Die Chauken halten nicht nur einen so riesigen Raum der Erde, sondern sie füllen ihn auch aus; dieses unter den Germanen edelste Volk will seine Größe lieber durch Gerechtigkeit schützen. (2) Ohne Habgier, ohne Herrschsucht, friedlich und zurückgezogen (lebend), fordern sie keine Kriege heraus, plündern sie durch keinerlei Überfälle und Raubzüge. Ein besonderer Beweis ihrer Tüchtigkeit und Stärke ist, daß sie ihre Überlegenheit nicht durch Unrecht erreichen wollen; dennoch stehen alle bei den Waffen und, wenn die Sache es fordert, im Heer, das reich ist an Männern und Pferden; auch im Frieden (genießen sie) den gleichen Ruf.

36. (1) Seitlich der Chauken und Chatten pflegten die Cherusker lange unbehelligt einen allzu ausgedehnten und entkräftenden Frieden. Und das war mehr angenehm als sicher, weil es falsch ist, inmitten von Übermütigen und Starken der Ruhe pflegen zu wollen: Wo das Faustrecht herrscht, sind Besonnenheit und Rechtschaffenheit Attribute des Überlegenen. So wurden die Cherusker einst gut und gerecht, jetzt aber träge und dumm genannt; für die siegreichen Chatten verwandelte sich ihr (Kriegs-) Glück in Klugheit. (2) Hineingezogen in den Untergang der Cherusker sind auch die Foser, ein benachbarter Stamm, in gleichem Maße Leidensgenossen im Unglück, während sie am Glück weniger Anteil hatten.

37. (1) Jene Ausbuchtung (Halbinsel) Germaniens haben, dem Ozean am nächsten, die Kimbern inne, ein jetzt kleiner, doch überaus ruhmvoller Stamm. Und von dem früheren Ruf sind (noch) breite Spuren erhalten, Lager und Räume an beiden Ufern, aus deren Ausdehnung man auch jetzt (noch) die Masse und Macht des Stammes und die Glaubwürdigkeit einer so gewaltigen Auswanderung ermißt. (2) Unsere Stadt stand in ihrem 640. Jahr, als man, unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius Carbo, erstmals von der Waffenmacht der Kimbern vernahm. Wenn wir von da bis zum 2. Konsulat des Kaisers Trajan zählen, ergeben sich etwa 210 Jahre: So lange wird Germanien (schon) besiegt! (3) In der langen Zwischenzeit gab es viele Verluste auf beiden Seiten. Nicht der Samnite, nicht die Punier, nicht Spanien oder Gallien und nicht einmal die Parther haben sich öfter in Erinnerung gebracht. Ja, schmerzlicher als die (Gewalt-)Herrschaft des Arsaces ist die Freiheit der Germanen. Was hätte uns der seit Ventidius niedergehaltene Orient, der dabei selbst den Pakoros verlor, anderes entgegengehalten als den Untergang des Crassus? (4) Die Germanen aber nahmen, als sie Carbo, Cassius, Scaurus Aurelius, Servilius Caepio und Maximus Mallius schlugen oder gefangennahmen, dem römischen Volk (damit) gleichzeitig fünf konsularische Heere und auch dem Caesar den Varus und mit ihm drei Legionen; und auch C. Marius in Italien, der göttliche Iulius in Gallien, Drusus, Nero und Germanicus schlugen sie nicht ungestraft in ihren eigenen Sitzen; dann wurden die gewaltigen Drohungen C. Caesars zum Spott gewendet. (5) Von da an herrschte Ruhe, bis sie bei der Gelegenheit unserer Zwietracht und Bürgerkriege ein Winterlager der Legionen eroberten und sich sogar Gallien aneignen wollten; und erneut zurückgeschlagen, wurde seither in jüngster Zeit mehr über sie triumphiert als gesiegt.

38. (1) Jetzt müssen wir auf die Sueben zu sprechen kommen, die nicht wie die Chatten und Tenkterer einen einzigen Stamm bilden; sie nehmen namlich den größten Teil Germaniens ein, scheiden sich in noch eigenständige Stämme mit eigenem Namen, obgleich man sie zusammen Sueben nennt. (2) Kennzeichen des Volkes ist es, das Haar seitwärts zu kämmen und zu einem Knoten zusammenzubinden: So scheiden sich die Sueben von den übrigen Germanen, so die freien Sueben von den unfreien. Bei den anderen Völkern (findet sich das), sei es wegen einer Verwandtschaft mit den Sueben, sei es, was häufig vorkommt, aus Nachahmung, selten und nur in der Jugendzeit, bei den Sueben bis zum Ergrauen; man kämmt das sich sträubende Haar nach hinten und bindet es oft genau auf dem Scheitel zusammen; die Fürsten tragen es noch schmuckvoller. Das ist eine, wenn auch harmlose Schönheitspflege; denn nicht, um zu lieben oder geliebt zu werden, (sondern) um mit der Frisur eine gewisse Größe und einen Schrecken in den Augen der Feinde zu erreichen, schmücken sie sich, um so gefälliger, wenn sie in den Krieg ziehen wollen.

39. (1) Die Semnonen rühmen sich als die ältesten und edelsten Sueben; die Glaubwürdigkeit ihres Alters wird durch religiösen Kult gestärkt. Zu einer festgelegten Zeit versammeln sich alle Völker gleichen Blutes durch Abgesandte in einem Wald, der durch die Weissagungen der Väter und durch althergebrachte Ehrfurcht geheiligt ist, und nachdem sie öffentlich einen Menschen getötet haben, feiern sie die verabscheuungswürdigen Ursprünge einer barbarischen Zeremonie. (2) Es gibt noch eine weitere (Art der) Verehrung gegenüber dem Hain: Niemand betritt ihn anders als gefesselt, um seine Unterlegenheit und die Macht der Gottheit auszudrücken. Sollte er etwa fallen, ist es (ihm) nicht gestattet, sich aufzurichten und aufzustehen: Sie wälzen sich (vielmehr) über den Boden hinaus. Und der ganze Aberglaube geht darauf zurück, daß angeblich dort die Anfänge des Stammes (liegen), dort der Gott der Herrscher über alles, das übrige unterworfen und gehorsam ist. (3) Zum Ansehen der Semnonen trägt auch ihr (glückliches) Schicksal bei: Sie bewohnen hundert Gaue, und ihr großer (Volks-)Körper bewirkt, daß sie sich für das Haupt der Sueben halten.

40. (1) Die Langobarden adelt dagegen ihre geringe Zahl: Von sehr vielen, starken Völkern umringt, sind sie nicht durch ihren Gehorsam, sondern durch Schlachten und Wagnis sicher. (2) Die Reudigner sodann, die Avionen, die Angeln, die Variner, die Eudosen, die Suardonen und die Nuitonen werden durch Flüsse und Wälder geschützt. Zu den einzelnen (Stämmen) ist nichts zu bemerken, außer daß sie allesamt Nerthus, das heißt die Mutter Erde, verehren und glauben, daß diese sich in die Angelegenheiten der Menschen einmischt und zu den Völkern gefahren wird. (3) Auf einer Insel des Ozeans liegt ein heiliger Hain, und darin (steht) ein geweihter, mit einem Umhang bedeckter Wagen; ihn zu berühren, ist (nur) einem einzigen Priester erlaubt. Dieser bemerkt, wenn die Göttin im Heiligtum anwesend ist und begleitet sie mit tiefer Verehrung, wenn sie von Kühen gefahren wird. Fröhlich sind dann die Tage und festlich die Stätten, welche immer sie ihres Besuches und ihrer Gastfreundschaft würdigt. Man fängt keine Kriege an, man greift nicht zu den Waffen; alles Eisen bleibt verschlossen; Friede und Ruhe kennt man nur dann, liebt man nur dann, bis derselbe Priester die durch den Umgang mit den Sterblichen gesättigte Göttin dem Heiligtum zurückgibt. (4) Bald darauf werden Wagen und Umhänge und, wenn man es glauben will, die Gottheit selbst in einem abgelegenen See abgespült. Dabei helfen Sklaven, die sogleich derselbe See verschlingt. Daraus (erwächst) ein heimlicher Schrecken und eine heilige Unwissenheit, was das wohl sei, das nur diejenigen sehen, die untergehen werden.

41. (1) Dieser Teil der Sueben breitet sich freilich in den abgelegeneren (Gebieten) Germaniens aus: Näher liegt, um wie kurz zuvor dem Rhein, so nun der Donau zu folgen, der römertreue Stamm der Hermunduren; und deshalb (treibt er) als einziger unter den Germanen nicht nur am Ufer Handel, sondern auch im Innern und in der ausgezeichneten Colonia der Provinz Raetien. Sie kommen überall und ohne Bewachung herüber; und während wir den anderen Völkern nur unsere Waffen und Lager zeigen, haben wir ihnen unsere Häuser und Güter geöffnet, da sie sie nicht begehren. (2) Bei den Hermunduren entspringt die Elbe, ein einst berühmter und bekannter Fluß; jetzt hört man allenfalls noch davon.

42. (1) (Dicht) neben den Hermunduren wohnen die Naristen und dann die Markomannen und Quaden. Der Ruhm und die Kräfte der Markomannen sind besonders groß, und auch ihr Wohnsitz selbst wurde einst durch Tapferkeit erworben, als sie die Boier vertrieben. Doch auch die Narister und Quaden schlagen nicht aus der Art. Und das ist gleichsam die Stirnseite Germaniens, soweit sie durch die Donau gebildet wird. (2) Den Markomannen und Quaden sind bis in die Zeit unserer eigenen Erinnerung Könige aus dem eigenen Stamm verblieben, das edle Gescblecht des Marbod und Tudrus; [sie dulden jetzt auch scbon fremde (Könige)], Kraft und Macht aber (erhalten) die Könige aus römischer Vollmacht. Selten hilft man ihnen mit unseren Waffen, häufiger mit Geld, und das vermag nicht weniger.

43. (1) Nach hinten schließen sich im Rücken der Markomannen und Quaden die Marsigner, Cotiner, Oser und Buren an. Von ihnen zäblen die Marsigner und Buren in Sprache und Lebensweise zu den Sueben; bei den Cotinern erweisen die gallische, bei den Osern die pannonische Sprache und (die Tatsache), daß sie Tributzahlungen hinnehmen müssen, daß sie keine Germanen sind. Einen Teil der Tribute erlegen (ihnen) wie Fremden die Sarmaten, einen Teil die Quaden auf; die Cotiner schürfen auch nach Eisen, worüber man sich noch mehr schämen sollte. (2) Und alle diese Völker haben sich auf wenigen Ebenen, im übrigen in Wäldern und auf Berghöhen und -gipfeln niedergelassen. Eine geschlossene Gebirgskette trennt und zerteilt nämlich das Suebenland; jenseits davon wohnen sehr viele Völker, von denen sich der Name der Lugier, der sich über mehrere Stämme ausdehnt, am weitesten erstreckt. Es wird genügen, die stärksten aufzuzählen: die Harier, Helvekonen, Manimer, Elisier und Nahanarvalen. (3) Bei den Nahanarvalen gibt es einen Hain eines alten Kultes. Den Vorsitz hat ein Priester in Frauenkleidung, doch als Götter nennt man, nach römischer Ausdrucksweise, Kastor und Pollux. Die Gottheit besitzt dieselbe Macht, (doch) ihr Name ist Alci. Es gibt keine Götterbilder, keine Spur eines fremden Aberglaubens; dennoch werden sie wie Brüder, wie Jünglinge verehrt. (4) Übrigens kommen die Harier über ihre Kräfte hinaus, durch die sie die kurz zuvor aufgezählten Völker übertreffen, der angeborenen Wildheit trotzig durch List und Zeit(planung) zu Hilfe: schwarz sind ihre Schilde, geschwärzt ihre Körper; für die Schlachten wählen sie dunkle Nächte aus, und durch dieses Entsetzens- und Schattenbild eines Totenheeres jagen sie Schrecken ein, da kein Feind den ungewohnten und gleichsam höllischen Anblick erträgt; denn zuerst werden in sämtlichen Schlachten die Augen besiegt.

44. (1) Jenseits der Lugier werden die Gotonen schon ein wenig straffer als die übrigen Germanenstämme, doch noch nicht jenseits (aller) Freiheit, von Königen beherrscht. Unmittelbar am Ozean folgen dann die Rugier und Lemovier; Kennzeichen all dieser Stämme sind die runden Schilde, die kurzen Schwerter und der Gehorsam gegenüber den Königen. (2) Die Stämme der Suionen hierauf, an demselben Ozean, sind außer durch ihre Männer und Waffen durch ihre Flotten stark. Die Gestalt ihrer Schiffe unterscheidet sich (= von den unsrigen) darin, daß der Bug stets beidseitig eine zum Landen bereite Front bietet. Sie verwenden weder Segel noch binden sie die Ruder in einer Reihe an den Seiten fest: Lose, wie auf einigen Flüssen, und beweglich liegt das Ruderwerk auf der einen oder der anderen Seite, wie die Lage es fordert. (3) Bei ihnen bringt auch Macht Ehre, und daher herrscht ein einziger, nunmehr ohne alle Einschränkungen, mit unwiderruflichem Recht auf Gehorsam. Und auch die Waffen sind nicht, wie bei den übrigen Germanen, an alle verteilt, sondern unter einem Wächter, und zwar einem Sklaven, verschlossen, weil das Meer plötzliche Einfälle der Feinde verhindert, andererseits arbeitslose Hände von Bewaffneten leicht Unheil anrschten. Es liegt ja im königlichen Interesse, weder einem Edlen noch einem Freien und nicht einmal einem Freigelassenen die Aufsicht über die Waffen zuzuweisen.

45. (1) Jenseits der Suionen (liegt) ein anderes, träges und beinahe unbewegtes Meer. Daß es den Erdkreis umringt und umschließt, wird dadurch glaubhaft, daß der letzte Glanz der schon untergehenden Sonne so hell bis zum Aufgang anhält, daß er die Sterne verblassen läßt; hinzu tritt die Überzeugung, man höre darüber hinaus den Klang der aufgehenden Sonne und sehe die Gestalten ihrer Pferde und die Strahlen ihres Hauptes. Bis dorthin, und diese Kunde ist wahr, reicht die Welt. (2) Also werden schon am rechten Ufer des Suebischen Meeres die Völker der Aestier bespült; ihre Gebräuche und ihr Aussehen sind die der Sueben, ihre Sprache steht der britannischen näher. Sie verehren die Göttermutter. Als Kennzeichen ihres Glaubens tragen sie Eberfiguren: Das macht sie anstelle von Waffen und als Schutzmittel gegen alles auch unter Feinden zu einem unbekümmerten Verehrer der Göttin. (3) Selten ist Eisen, häufig Holz im Gebrauch. Getreide und andere Feldfrüchte bauen sie geduldiger an, als es der gewöhnlichen Trägheit der Germanen entspricht. (4) Aber auch das Meer erforschen sie, und als einzige von allen sammeln sie Bemstein, den sie selbst 'glesum' nennen, im seichten Wasser und direkt an der Küste. Wie er beschaffen ist und aus welchem Grund er entsteht, ist von ihnen, als Barbaren, weder erforscht noch erkannt worden; ja, lange blieb er unter den übrigen Ausscheidungen des Meeres liegen, bis ihm unsere Genußsucht einen Namen gab. Sie selbst verwenden ihn nicht: Er wird unbearbeitet gesammelt, ungeformt herangetragen, und staunend nehmen sie den Preis entgegen. (5) Daß er aber aus dem Saft von Bäumen besteht, erkennt man, weil sehr oft gewisse Erden- und auch Flügeltiere durchschimmern, die sich in der Flüssigkeit verfangen haben und dann von dem hart werdenden Stoff umschlossen werden. Ich möchte glauben, daß es also wie in den abgeschiedenen Orten des Ostens, wo Weihrauch und Balsam ausgeschwitzt werden, so auch auf den Inseln und in den Ländern des Westens fruchtbarere Wälder und Haine gibt, (deren Saft) von den Strahlen der nahen Sonne ausgepreßt und flüssig gemacht, ins unmittelbar benachbarte Meer gelangt und durch die Gewalt der Stürme zur gegenüberliegenden Küste getragen wird. Wenn man die Beschaffenheit des Bernsteins untersucht, indem man ihn ins Feuer hält, entzündet er sich wie Kienspan und nährt eine grelle und riechende Flamme; dann wird er klebrig wie Pech oder Harz. (6) Den Suionen folgen die Völker der Sithonen. Im übrigen gleich, unterscheiden sie sich (doch) in dem einen (Punkt), daß eine Frau herrscht: darin zeigen sie sich nicht nur der Freiheit, sondern auch der Sklaverei unwürdig.

46. (1) Hier liegt das Ende des Suebenlandes. Ich zweifle, ob ich die Völker der Peukiner, Veneter und Fennen zu den Germanen oder den Sarmaten rechnen soll, wenngleich die Peukiner, die manche Bastarner nennen, in Sprache und Lebensweise, Siedlungs- und Wohnweise wie Germanen leben. Sie alle sind schmutzig und die Vornehmen reglos. Durch Mischehen sind sie einigermaßen, ähnlich dem Aussehen der Sarmaten, entstellt. (2) Die Veneter haben viel von deren Sitten angenommen; denn sie durchstreifen in Raubzügen die Wälder und Berge, die sich zwischen Peukinern und Fennen erheben. Sie selbst aber werden eher unter die Germanen gerechnet, weil sie Häuser erbauen und Schilde tragen und sich am Gebrauch und an der Behendigkeit ihrer Füße erfreuen: Das alles unterscheidet sie von den Sarmaten, die auf Wagen und Pferd leben. (3) Bei den Fennen ist die Wildheit erstaunlich, die Armut abscheulich: (Sie besitzen) keine Waffen, keine Pferde, keine Häuser; zum Lebensunterhalt (dient) die Pflanze, zur Bekleidung der Pelz, als Lager der Erdboden; ihre einzige Hoffnung liegt in den Pfeilen, denen sie aus Mangel an Eisen eine (Spitze aus) Knochen geben. Dieselbe Jagd(beute) ernährt gleichermaßen Männer und Frauen; diese begleiten sie nämlich überallhin und erbitten einen Teil der Beute. Die Kinder haben keinen anderen Zufluchtsort gegen wilde Tiere und Unwetter, als daß sie in irgendeinem Geflecht aus Zweigen Deckung suchen: Hierher kehren die jungen Leute zurück, das bildet den Schutzort der Alten. Doch halten sie das für gesegneter, als sich auf den Feldern abzuarbeiten, in den Häusern abzumühen und das eigene und fremde Schicksal in Hoffnung und Furcht zu wenden: Sorglos gegenüber den Menschen, sorglos gegenüber den Göttern, haben sie das Schwerste erlangt, daß sie nicht einmal einen Wunsch nötig haben. (4) Das übrige ist bereits märchenhaft: daß die Hellusier und Oxionen Köpfe und Gesichter von Menschen, (aber) Körper und Glieder von Tieren haben: Das will ich, da es noch unerforscht ist, dahingestellt sein lassen.


Lateinischer Text:

1. (1) Germania omnis a Gallis Raetisque et Pannonus Rheno et Danuvio fluminibus, a Sarmatis Dacisque mutuo metu aut montibus separatur; cetera Oceanus ambit, latos Sinus et insularum inmensa spatia complectens, nuper cognitis quibusdam gentibus ac regibus, quos bellum aperuit. (2) Rhenus, Raeticarum Alpium inaccesso ac praecipiti vertice ortus, modico flexu in occidentem versus septentrionah Oceano miseetur. Danuvius, molli et dementer edito montis Abnobae iugo effusus, pluris populos adit, donec in Ponticum mare Sex meatibus erumpat; Septimum paludibus hauritur.

2. (1) Ipsos Germanos indigenas edediderim minimeque aliarum geniuum adventibus et hospitus mixtos, quia nec terra olim, sed classibus advehebantur qui mutare sedes quaerebant, et immensus ultra utque sic dixerim adversus Oceanus raris ab orbe nostro navibus aditur. quis porro, praeter periculum horridi ei ignoti maris, Asia aut Africa aut Italia relicta Germaniam peteret, informem terris, asperam caelo, tristem cultu aspectuque, nisi si patria sit? (2) Celebrant carminibus antiquis , quod unum apud illos memoriae ei annalium genus est, Tuistonem deum terra editum. ei filium Mannum, originem gentis conditorernque, Manno tris filios assignant, e quorum nominibus proximi Oceano Ingaevones, medii Herminones, ceteri Istaevones vocentur. quidam, ut in licentia vetustatis, pluris deo ortos plurisque genus appellationes, Marsos Gambrivios Suebos Vandilios, affirmant, eaque vera et antiqua nomina (3) Ceterum Germaniae vocabulum recens et nuper additum, quoniam qui primi Rhenum transgressi Gallos expulerint ac nunc Tungri, tunc Germani vocati sint: ita nationis nomen, non gentis, evaluisse paulatim, ut omnes primum a victore ob metum, mox et a se ipsis invento nomine Germani vocarentur.

3. (1) Fuisse apud eos et Herculem memorant, primumque omnium virorum fortium ituri in proelia canunt. sunt illis haec quoque carmina, quorum relatu, quem barditum vocant, accendunt animos, futuraeque pugnae fortunam ipso cantu augurantur; terrent enim trepidantve, prout sonuit acies, nec tam voces illae quam virtutis concentus videntur. affectatur praecipue asperitas soni et fractum murmur, obiectis ad os scutis, quo plenior et gravior vox repercussu intumescat. (2) Ceterum et Ulixen quidam opinantur longo illo et fabuloso errore in hunc Oceanum delatum adisse Germaniae terras, Asciburgiumque, quod in ripa Rheni situm hodieque incolitur, ab illo constitutum nominatumque [Askipyrgion] aram quin etiam Ulixi consecratam, adiecto Laertae patris nomine, eodem loco olim repertam, monumentaque et tumulos quosdam Graecis litteris inscriptos in confinio Germaniae Raetiaeque adhuc extare. (3) Quae neque confirmare argumentis neque refellere in animo est: ex ingenio suo quisque demat vel addat fidem.

4. Ipse eorum opinionibus accedo, qui Germaniae populos nullis aliis aliarum nationum conubiis infectos propriam et sinceram et tantum sui similem gentem extitisse arbitrantur. unde habitus quoque corporum, tamquam in tanto hominum numero, idem omnibus: truces et caerulei oculi, rutilae comae, magna corpora et tantum ad impetum valida. laboris atque operum non eadem patientia, minimeque sitim aestumque tolerare, frigora atque inediam caelo solove assueverunt.

5. (1) Terra etsi aliquanto specie differt, in universum tamen aut silvis horrida aut paludibus foeda, umidior qua Gallias, ventosior qua Noricum ac Pannoniam aspicit; satis ferax, frugiferarum arborum impatiens, pecorum fecunda, sed plerumque improcera. ne armentis quidem suus honor aut gloria frontis: numero gaudent, eaeque solae et gratisslmae opes sunt. (2) Argentum et aurum propitiine an irati dii negaverint dubito. nec tamen affirmaverim nullam Germaniae venam argentum aurumve gignere: quis enim scrutatus est? possessione et usu haud perinde afficiuntur. (3) Est videre apud illos argentea vasa, legatis et principibus eorum muneri data, non in alia vilitate quam quae humo finguntur; quamquam proximi ob usum commerciorum aurum et argentum in pretio habent formasque quasdam nostrae pecuniae agnoscunt atque eligunt: interiores simplicius et antiquius permutatione mercium utuntur. pecuniam probant veterem et diu notam, serratos bigatosque. argentum quoque magis quam aurum sequuntur, nulla affectione animi, sed quia numerus argenteorum facilior usui est promiscua ac vilia mercantibus.

6. (1) Ne ferrum quidem superest, sicut ex genere telorum colligitur. rari gladiis aut maioribus lanceis utuntur: hastas, vel ipsorum vocabulo frameas, gerunt angusto et brevi ferro, sed ita acri et ad usum habili, ut eodem telo, prout ratio poscit, vel comminus vel eminus pugnent. et eques quidem scuto frameaque contentus est; pedites et missilia spargunt, pluraque singuli atque in inmensum vibrant, nudi aut sagulo leves. nulla cultus iactatio; scuta tantum lectissimis coloribus distinguunt. paucis loricae, vix uni alterive cassis aui galea. (2) Equi non forma, non velocitate conspicui. sed nec variare gyros in morem nostrum docentur: in rectum aut uno flexu dextros agunt, ita coniuncto orbe, ut nemo posterior sit. (3) In universum aestimanti plus penes peditem roboris; eoque mixti proeliantur, apta et congruente ad equestrem pugnam velocitaie peditum, quos ex omni iuventute delectos ante aciem locant. definitur et numerus: centeni ex singulis pagis sunt, idque ipsum inter suos vocantur, et quod primo numerus fuit, iam nomen ei honor est. Acies per cuneos componitur. (4) Cedere loco, dummodo rursus instes, consilii quam formidinis arbitrantur. corpora suorum etiam in dubiis proeliis referunt. scutum reliquisse praecipuum flagitium, nec aut sacris adesse aut concilium inire ignominioso fas, multique superstites bellorum infamiam laqueo finierunt.

7. (1) Reges ex nobilitate, duces ex virtute sumunt. nec regibus infinita aut libera potestas, et duces exemplo potius quam imperio, si prompti, si conspicui, si ante aciem agant, admiratione praesunt. ceterum neque animadvertere neque vincire, ne verberare quidem nisi sacerdotibus permissum, non quasi in poenam nec ducis iussu, sed velut deo imperante, quem adesse beIlantibus credunt. (2) Effigiesque ei signa quaedam detracta lucis in proelium ferunt. Quodque praecipuum fortitudinis incitamentum est, non casus nec foriuita conglobatio turmam aut cuneum facit, sed familiae ei propinquitates; ei in proximo pignora, unde feminarum ululatus audiri, unde vagitus infantium. hi cuique sanctissimi testes, hi maximi laudatores: ad matres, ad coniuges vulnera ferunt; nec illae numerare aut exigere plagas pavent, cibosque ei hortamina pugnantibus gestant.

8. (1) Memoriae proditur quasdam acies inclinatas iam et labantes a feminis restitutas constantia precum et obiectu pectorum ei monstrata comminus captivitate, quam longe impatientius feminarum suarum nomine timent, adeo ut efficacius obligentur animi civitatum, quibus inter obsides puellae quoque nobiles imperantur. (2) Inesse quin etiam sanctum aliquid et providum putant, nec aut consilia earum aspernantur aut responsa neglegunt. vidimus sub divo Vespasiano Veledam diu apud plerosque numinis loco habitam; sed et olim Albrunarn et compluris alias venerati sunt, non adulatione nec tamquam facerent deas.

9. (1) Deorum maxime Mercurium colunt, cui certis diebus humanis quoque hostiis litare fas habent. Herculem ac Martem concessis animalibus placant. pars Sueborum et Isidi sacrificat: unde causa et origo peregrino sacro, parum comperi, nisi quod signum ipsum in modum liburnae figuratum docet advectam religionem. (2) Ceterum nec cohibere parietibus deos neque in ullam humani oris speciem assimulare ex magnitudine caelestium arbitrantur: lucos ac nemora consecrant, deorumque nominibus appellant secretum illud, quod sola reverentia vident.

10. (1) Auspicia sortesque ut qui maxime observant. sortium consuetudo simplex. virgam frugiferae arbori decisam in surculos amputant eosque notis quibusdam discretos super candidam vestem temere ac fortuito spargunt. mox, si publice consultetur, sacerdos civitatis, sin privatim, ipse pater familiae precatus deos caelumque suspiciens ter singulos tollit, sublatos secundum impressam ante notam interpretatur. si prohibuerunt, nulla de eadem re in eundem diem consultatio; sin permissum, auspiciorum adhuc fides exigitur. (2) Et illud quidem etiam hic notum, avium voces volatusque interrogare; proprium gentis equorum quoque praesagia ac monitus experiri. publice aluntur iisdem nemoribus ac lucis, candidi et nullo mortali opere contacti; quos pressos sacro curru sacerdos ac rex vel princeps civitatis comitantur hinnitusque ac fremitus observant. nec ulli auspicio maior fides, non solum apud plebem: apud proceres, apud sacerdotes; se enim ministros deorum, illos conscios putant. (3) Est et alia observatio auspiciorum, qua gravium bellorum eventus explorant: eius gentis, cum qua bellum est, captivum quoquo modo interceptum cum electo popularium suorum, patrus quemque armis, commlttunt: victoria huius vel illius pro praeiudicio accipitur.

11. (1) De minoribus rebus principes consultant, de majoribus omnes, ita tamen, ut ea quoque, quorum penes plebem arbitrium est, apud prlncipes praetractentur. coeunt, nisi quid fortuitum et subitum incidit, certis diebus, cum aut inchoatur luna aut impletur; nam agendis rebus hoc auspicatlsslmum initlum credunt. nec dierum numerum, ut nos, sed noctium computant. sic constituunt, sic condicunt: nox ducere diem videtur. illud ex libertate vitium, quod non simul nec ut iussi conveniunt, sed et alter et tertius dies cunctatione coeuntium absumitur. ut turbae placuit, considunt armati. (2) Silentium per sacerdotes, quibus tum et coercendi ius est, imperatur. mox rex vel princeps, prout aetas cuique, prout nobilitas, prout decus bellorum, prout facundia est, audiuntur auctoritate suadendi magis quam iubendi potestate. si displicuit sententia, fremitu aspernantur; sin placuit, frameas concutiunt: honoratissimum assensus genus est armis laudare.

12. (1) Licet apud concilium accusare quoque et discrimen capitis intendere. distinctio poenarum ex delicto: proditores et transfugas arboribus suspendunt, ignavos et imbelles et corpore infames caeno ac palude, iniecta insuper crate, mergunt. diversitas supplicii illuc respicit, tamquam scelera ostendi oporteat, dum puniuntur, flagitia abscondi. (2) Sed et levioribus delictis pro modo poena: equorum pecorumque numero convlcti multantur. pars multae regi vel civitati, pars ipsi, qui vindicatur, vel propinquis eius exsolvitur. eliguntur in iisdem conciliis et principes, qui iura per pagos vicosque reddunt; centeni singulis ex plebe comites consilium simul et auctoritas adsunt.

13. (1) Nihil autem neque publicae neque privatae rei nisi armati agunt. sed arma sumere non ante cuiquam moris, quam civitas suffecturum probaverit. tum in ipsoconcilio vel principum aliquis vel pater vel propinqui scuto frarneaque iuvenern ornant: haec apud illos toga, hic prirnus iuventae honos; ante hoc domus pars videntur, mox rei publicae. (2) Insignis nobilitas aut magna patrum merita principis dignationem etiam adulescentulis assignant; ceteris robustioribus ac iam pridem probatis aggregantur, nec rubor inter comites aspici. gradus quin etiam ipse comitatus habet, iudicio eius, quem sectantur; magnaque et comltum aemulatio, quibus primus apud principem suum locus, et principum, cui plurimi et acerrimi comites. (3) Haec dignitas, hae vires, magno semper electorum iuvenum globo circumdari, in pace decus, in beIlo praesidium. nec solum in sua gente cuique, sed apud finitimas quoque civitates id nomen, ea gloria est, si numero ac virtute comitatus emineat; expetuntur enim legationibus et muneribus ornantur et ipsa plerumque fama bella profligant.

14. (1) Cum ventum in aciem, turpe principi virtute vinci, turpe comitatul virtutem principis non adaequare. iam vero infame in omnem vitam ac probrosum superstitem principi suo ex acie recesisse: illum defendere tueri, sua quoque fortia facta gloriae eius assignare praecipuum sacramentum est: principes pro victoria pugnant, comites pro principe. (2) Si civitas, in qua orti sunt, longa pace et otio torpeat, plerique nobilium adulescentium petunt ultro eas nationes, quae tum bellum aliquod gerunt, quia et ingrata genti quies et facilius inter ancipitia clarescunt magnumque comitatum non nisi vi belloque tueare. exigunt enim principis sui liberalitate illum bellatorem equum illam cruentam victricemque frameam; nam epulae et quamquam incompti, largi tamen apparatus pro stipendio cedunt. (3) Materia munificentiae per bella et raptus, nec arare terram aut exspectare annum tam facile persuaseris quam vocare hostem et vulnera mereri; pigrum quin immo et iners videtur sudore acquirere quod possis sanguine parare.

15. (1) Quotiens bella non ineunt, non multum venatibus , plus per otium transigunt, dediti somno ciboque, fortissimus quisque ac bellicosissimus nihil agens, delegata domus et penatium et agrorum cura feminis senibusque et infirmissimo cuique ex familia: ipsi hebent, mira diversitate naturae, curn iidem homines sic ament inertiam et oderint quietem. (2) Mos est civitatibus ultro ac viritim conferre principibus vel armentorum vel frugum, quod pro honore acceptum etiam necessitatibus subvenit. gaudent praecipue finitimarum gentium donis, quae non modo a singulis, sed et publice mittuntur, electi equi, magn(ific)a arma, phalerae torquesque; iam et pecuniam accipere docuimus.

16. (1) Nullas Germanorum populis urbes habitari satis notum est, ne pati quidem inter se iunctas sedes. colunt discreti ac diversi, ut fons, ut campus, ut nemus placuit. vicos Iocant non in nostrum morem conexis et cohaerentibus aedificiis: suam quisque domum spatio circumdat, sive adversus casus ignis remedium sive inscientia aedificandi. (2) Ne caementorum quidem apud illos aut tegularum usus: materia ad omnia utuntur informi et citra speciem aut delectationem. quaedam loca diligentius illinufn terra ita pura ac splendente, ut picturam ac liniamenta colorum imitentur. (3) Solent et subterraneos specus aperire eosque multo insuper fimo onerant, suffugium hiemi(s) et receptaculum frugibus, quia rigorem frigorum eins modi loci molliunt, et si quando hostis advenit, aperta populatur, abdita autem et defossa aut ignorantur aut eo ipso fallunt, quod quaerenda sunt.

17. (1)Tegumen omnibus sagum fibula aut, si desit, spina consertum: cetera intecti totos dies iuxta focum atque ignem agunt. locupletissimi veste distinguuntur, non fluitante, sicut Sarmatae ac Parthi, sed stricta et singulos artus exprimente. gerunt et ferarum pelles, proximi ripae neglegenter, ulteriores exquisitius, ut quibus nullus per commercia cultus. eligunt feras et detracta velamina spargunt maculis pellibusque beluarum, quas exterior Oceanus atque ignotum mare gignit. (2) Nec alius feminis quam viris habitus, nisi quod feminae saepius lineis amictibus velantur eosque purpura variant partemque vestitus superioris in manicas non extendunt, nudae brachia ac lacertos; sed et proxima pars pectoris patet.

18. (1) Quamquam severa illic matrimonia, nec ullam morum partem magis laudaveris. nam prope soli barbarorum singulis uxoribus contenti sunt, exceptis admodum paucis, qui non libidine, sed ob nobilitatem plurimis nuptiis ambiuntur. (2) Dotem non uxor marito, sed uxori maritus offert. intersunt parentes et propinqui ac munera probant, munera non ad delicias muliebres quaesita nec quibus nova nupta comatur, sed boves et frenatum equum et scutum cum framea gladioque. in haec munera uxor accipitur, atque in vicem ipsa armorum aliquid viro affert: hoc maximum vinculum, haec arcana sacra, hos coniugales deos arbitrantur. (3) Ne se mulier extra virtutum cogitationes extraque bellorum casus putet, ipsis incipientis matrimonii auspiciis admonetur venire se laborum periculorumque sociam, idem in pace, idem in proelio passuram ausuramque: hoc iuncti boves, hoc paratus equus, hoc data arma denuntiant. sic vivendum, sic pereundum: accipere se quae liberis inviolata ac digna reddat, quae nurus accipiant rursusque ad nepotes referantur.

19. (1) Ergo saepta pudicitia agunt, nullis spectaculorum illecebris, nullis conviviorum irritationibus corruptae. litterarum secreta viri pariter ac feminae ignorant. paucissima in tam numerosa genere adulteria, quorum poena praesens et maritis permissa: accisis crinibus nudatam coram propinquis expellit domo maritus ac per omnem vicum verbere agit. publicatae enim pudicitiae nulla venia: non forma, non aetate, non opibus maritum invenerit. nemo enim illic vitia ridet, nec corrumpere et corrumpi saeculum vocatur. (2) Melius quidem adhuc eae civirares, in quibus tantum virgines nubunt et cum spe votoque uxoris semel transigitur. sic unum accipiunt maritum quo modo unum corpus unamque vitam, ne ulla cogitatio ultra, ne longior cupiditas, ne tamquam maritum, sed tamquam matrimomum ament. numerum iiberorum finire aut quemquam ex agnatis necare flagitium habetur, plusque ibi boni mores valent quam alibi bonae leges.

20. (1) In omni domo nudi ac sordidi in hos artus, in haec corpora, quae miramur, excrescunt. sua quemque mater uberibus alit, nec ancillis aut nutricibus delegantur. dominum ac servum nullis educationis deliciis dignoscas: inter eadem pecora, in eadem humo degunt, donec aetas separet ingenuos, virtus agnoscat. (2) Sera iuvenum venus, eoque inexhausta pubertas. nec virgines festinantur; eadem iuventa, similis proceritas: pares validaeque miscentur, ac robora parentum liberi referunt. (3) Sororum filus idem apud avunculum qui apud patrem honor. quidam sanctiorem artioremque hunc nexum sanguinis arbitrantur et in accipiendis obsidibus magis exigunt, tamquam et animum firmius et domurn latius teneant. heredes tarnen successoresque sui cuique liberi, et nullum testamentum. si liberi non sunt, proximus gradus in possessione fratres, patrui, avunculi. quanto plus propinquorum, quanto maior affinium numerus, tanto gratiosior senectus; nec illa orbitatis pretia.

21. (1) Suscipere tam inimicitias seu patris seu propinqui quam amicitias necesse est; nec implacabiles durant; luitur enim etiam homicidium certo armentorum ac pecorum numero recipitque satisfactionem universa domus, utiliter in publicum, quia periculosiores sunt inimicitiae iuxta libertatem. (2) Convictibus et hospitiis non alia gens effusius indulget. quemcumque mortalium arcere tecto nefas habetur; pro fortuna quisque apparatis epulis excipit. cum defecere, qui modo hospes fuerat, monstrator hospitii et comes; proximam domum non invitati adeunt. nec interest: pari humanitate accipiuntur. notum ignotumque quantum ad ius hospitis nemo discernit. abeunti, si quid poposcerit, concedere moris; et poscendi in vicem eadem facilitas. gaudent muneribus, sed nec data imputant nec acceptis obligantur. victus inter hospites communis.

22. (1) Statim e somno, quem plerumque in diem extrahunt, lavantur, saepius calida, ut apud quos plurimum hiems occupat. lauti cibum capiunt: separatae singulis sedes et sua cuique mensa. tum ad negotia nec minus saepe ad convivia procedunt armati. diem noctemque continuare potando nullo probrum. crebrae, ut inter vinolentos, rixae raro conviciis, saepius caede et vulneribus transiguntur. (2) Sed et de reconciliandis in vicem inimicis et iungendis affinitatibus et asciscendis principibus, de pace denique ac bello plerumque in conviviis consultant, tamquam nullo magis tempore aut ad simplices cogitationes pateat animus aut ad magnas incalescat. (3) Gens non astuta nec callida aperit adhuc secreta pectoris licentia loci; ergo detecta et nuda omnium mens. postera die retractatur, et salva utriusque temporis ratio est: deliberant, dum fingere nesciunt, constituunt, dum errare non possunt.

23. Potui humor ex hordeo aut frumento, in quandam similitudinem vini corruptus ; proximi ripae et vinum mercantur. cibi simplices, agrestia poma, recens fera aut lac concretum: sine apparatu, sine blandimentis expellunt famem. adversus sitim non eadem temperantia. si indulseris ebrietati suggerendo quantum concupiscunt, haud minus facile vitiis quam armis vincentur.

24. (1) Genus spectaculorum unum atque in omni coetu idem: nudi iuvenes, quibus id ludicrum est, inter gladios se atque infestas frameas saltu iaciunt. exercitatio artem paravit, ars decorem, non in quaestum tamen aut mercedem: quamvis audacis lasciviae pretium est voluptas spectantium. (2) Aleam, quod mirere, sobrii inter seria exercent, tanta lucrandi perdendive temeritate, ut, cum omnia defecerunt, extremo ac novissimo iactu de libertate ac de corpore contendant. victus voluntarlam servitutem adit: quamvis iuvenior, quamvis robustior alligari se ac venire patitur. ea est in re prava pervlcacia: ipsi fidem vocant. servos condicionis huius per commercia tradunt, ut se quoque pudore vlctoriae exsolvant.

25. (1) Ceterum servis non in nostrum morem descriptis per familiam ministeriis utuntur: suam quisque sedem, suos penates regit. frumenti modum dominus aut pecoris aut vestis ut colono iniungit, et servus hactenus paret: cetera domus officia uxor ac liberi exsequuntur. verberare servum ac vinculis et opere coercere rarum: occidere solent, non disciplina et severitate, sed impetu et ira, ut inimicum, nisi quod impune est. (2) Liberti non multum supra servos sunt, raro aliquod momentum in domo, numquam in civitate, exceptis dumtaxat iis gentibus quae regnantur. ibi enim et super ingenuos er super nobiles ascendunt: apud ceteros impares libertini libertatis argumentum sunt.

26. (1) Faenus agitare er in usuras exrendere ignoturn; ideoque magis servatur quam si vetitum esset. (2) agri pro numero cultorum ab universis in vicem occupantur, quos mox inter se secundum dignationem parrtuntur; facilitatern partiendi camporum spatia praestant. (3) Arva per annos mutant, er superest ager. nec enim cum ubertate er amplitudine soli labore contendunt, ut pomaria conserant et prata separent er hortos rigent: sola terrae seges imperatur. (4) unde annum quoque ipsum non in totidem digerunt species: hiems et ver et aestas intellectum ac vocabula habent, autumni perinde nomen ac bona ignorantur.

27. (1) Funerum nulla ambitio: id solum observatur, ut corpora clarorum virorum certis lignis crementur. struem rogi nec vestibus nec odoribus cumulant: sua cuique arma, quorundam igni et equus adicitur. sepulcrum caespes erigit: monumentorum arduum er operosum honorem ut gravem defunctis aspernantur. lamenta ac lacrimas cito, dolorem er tristitiam tarde ponunt. feminis lugere honestum est, viris meminisse. (2) Haec in commune de omnium Germanorum origine ac moribus accepimus; nunc singularum gentium instituta ritusque, quatenus differant, quae(que) nationes e Germania in Gallias commigraverint, expediam.

28. (1) Validiores olim Gallorum res fuisse summus auctorum divus Iulius tradit; eoque credibile est etiam Gallos in Germaniam transgressos. quantulum enim amnis obstabat, quominus, urtquaeque gens evaluerat, occuparet permutaretque sedes promiscuas adhuc et nulla regnorum potentia divisas? (2) Igitur inter Hercyniam silvam Rhenumque er Moenum amnes Helvetii, ulteriora Boii, Gallica utraque gens, tenuere. manet adhuc Boihaemi nomen significatque loci veterem memoriam quamvis mutatis cultoribus. (3) Sed utrum Aravisci in Pannoniam ab Osis, Germanorum natione, an Osi ab Araviscis in Germaniam commigraverint, cum eodem adhuc sermone institutis moribus utantur, incertum est, quia pari olim inopia ac libertate eadem utriusque ripae bona malaque erant. (4) Treveri et Nervii circa affectationem Germanicae originis ultro ambitiosi sunt, tamquam per hanc gloriam sanguinis a similitudine et inertia Gallorum separentur. ipsam Rheni ripam haud dubie Germanorum populi colunt, Vangiones Triboci Nemetes. ne Ubii quidem, quamquam Romana colonia esse meruerint ac libentius Agrippinenses conditoris sui nomine vocentur, origine erubescunt, transgressi olim et experimento fidei super iplam Rheni ripam collocati, ut arcerent, non ut custodirentur.

29. (1) Omnium harum gentium virtute praecipui Batavi non multum ex ripa, sed insulam Rheni amnis colunt, Chattorum quondam populus et seditione domestica in eas sedes transgressus, in quibus pars Romani imperii fierent. manet honos et antiquae societatis insigne; nam nec tributis contemnuntur nec publicanus atterit: exempti oneribus et collationibus et tantum in usum prodiorum sepositi velut tela atque arma bellis reservantur. (2) Est in eodem obsequio et Mattiacorum gens; protulit enim magnitudo populi Romani ultra Rhenum ultraque veteres terminos imperii reverentiam. ita sede finibusque in sua ripa, mente animoque nobiscum agunt, cetera similes Batavis, nisi quod ipso adhuc terrae suae solo et caelo acrius animantur. (3) Non numeraverim inter Germaniae populos, quamquam trans Rhenum Danuviumque consederint, eos qui Decumates agros exercent: levissimus quisque Gallorum et inopia audax dubiae possessionis solum occupavere; mox limite acto promotisque praesidiis sinus imperii et pars provinciae habentur.

30. (1) Ultra hos Chatti initium sedis ab Hercynio saltu incohant, non ita effusis ac palustribus locis, ut ceterae civitates, in quas Germania patescit; durant siquidem colIes, paulatim rarescunt, et Chattos suos saltus Hercynius prosequitur simul atque deponit. (2) Duriora genti corpora, stricti artus, minax vultus er maior animi vigor. multum, ut inter Germanos, rationis ac sollertiae: praeponere electos, audire praepositos, nosse ordines, intellegere occasiones, differre impetus, disponere diem, vallare noctem, fortunam inter dubia, virtutem in ter certa numerare, quodque rarissimum nec nisi Romanae disciplinae concessum, plus reponere in duce quam in exercitu. (3) Omne robur in pedite, quem super arma ferramentis quoque et copiis onerant: alios ad proelium ire videas, Chattos ad bellum. rari excursus et fortuita pugna: equestrium sane virium id proprium, cito parare victoriam, cito cedere: velocitas luxta formidinem, cunctatio propior constantiae est.

31. (1) Et aliis Germanorum populis usurpatum raro et privata cuiusque audentia apud Chattos in consensum vertit, ut primum adoleverint, crinem barbamque submittere nec nisi hoste caeso exuere votivum obligatumque virtuti oris habitum. Super sanguinem et spolia revelant frontem seque tum demum pretia nascendi rettulisse dignosque patria ac parentibus ferunt. ignavis et imbellibus manet squalor. (2) Fortissimus quisque ferreum insuper anulum - ignominiosum id genti - velut vinculum gestat, donec se caede hostis absolvat. plurimis Chattorum hic placet habitus, iamque canent insignes et hostibus simul suisque monstrati. (3) omnium penes hos initia pugnarum; haec prima semper acies, visu nova; nam ne in pace quidem vultu mitiore mansuescunt. nulli domus aut ager aut aliqua cura: prout ad quemque venere, aluntur, prodigi alieni, contemptores sui, donec exsanguis senectus tam durae virtuti impares faciat.

32. Proximi Chattis certum iam alveo Rhenum quique terminus esse sufficiat Usipi ac Tencteri colunt. Tencteri super solitum bellorum decus equestris disciplinae arte praecellunt, nec maior apud Chattos peditum laus quam Tencteris equitum. sic Instituere maiores, posteri imitantur. hi lusus infantium, haec iuvenum aemulatio: perseverant senes. inter familiam et penates et iura successionum equi traduntur: excipit filius, non ut cetera, maximus natu, sed prout ferox bello et melior.

33. (1) luxta Tencteros Bructeri olim occurrebant; nunc Chamavos et Angrivarios immigrasse narratur, pulsis Bructeris ac penitus excisis vicinarum consensu nationum, seu superbiae odio seu praedae dulcedine seu favore quodam erga nos deorum; nam ne spectaculo quidem proelii invidere: super sexaginta milia non armis telisque Romanis, sed, quod magnificentius est, oblectationi oculisque ceciderunt. (2) Maneat, quaeso, duretque gentibus, si non amor nostri, at certe odium sui, quando urgentibus imperii fatis nihil iam praestare fortuna maius potest quam hostium discordiam.

34. (1) Angrivarios et Chamavos a tergo Dulgubini et Chasuarii cludunt aliaeque gentes haud perinde memoratae, a fronte Frisii excipiunt. maioribus minoribusque Frisiis vocabulum est ex modo virium. utraeque nationes usque ad Oceanum Rheno praetexuntur ambiuntque inmensos insuper lacus et Romanis classibus navigatos. (2) Ipsum quin etiam Oceanum illa temptavimus: er superesse adhuc Herculis columnas fama vulgavit, sive adiit Hercules, seu quicquid ubique magnificum est in claritatem eius referre consensimus. nec defuit audentia Druso Germanico, sed obstitit Oceanus in se simul atque in Herculem inquiri. mox nemo temptavit, sanctiusque ac reverentius visum de actis deorum credere quam scire.

35. (1) Hactenus in occidentem Germaniam novimus; in septentrionem ingenti flexu redit. ac primo statim Chaucorum gens, quamquam incipiat a Frisiis ac partem litoris occupet, omnium quas exposui gentium lateribus obtenditur, donec in Chattos usque sinuetur. tam immensum terrarum spatlum non tenent tantum Chauci, sed et implent, populus inter Germanos nobilissimus quique magnitudinem suam malit iustitia tueri. (2) Sine cupiditate, sine impotentia, quieti secretique nulla provocant bella, nullis raptibus aut latrociniis populantur. id praecipuum virtutis ac vinum argumentum est, quod, ut superiores agant, non per iniurias assequnntur; prompta tarnen omnibus arma ac, res poseat, exercitus, plurimum virorum equorumque; et quiescentibus eadem fama.

36. (1) In latere Chaucorum Chattorumque Cherusci nimiam ac marcentem diu pacem illacessiti nutrierunt: idque iucundius quam tutius fuit, quia inter impotentis et validos falso quiescas: ubi manu agitur, modestia ac probitas nomina superioris sunt. ita qui olim boni aequique Cherusci, nunc inertes ac stulti vocantur; Chattis victoribus fortuna in sapientiam cessit. (2) Tracti ruina Cheruscorum et Fosi, contermina gens, adversarum rerum ex aequo socii sunt, cum in secundis minores fuissent.

37. (1) Eundem Germaniae sinum proximi Oceano Cimbri tenent, parva nunc civitas, sed gloria ingens. veterisque famae lata vestigia manent, utraque ripa castra ac spatia, quorum ambitu nunc quoque metiaris molem manusque gentis et tam magni exitus fidem. (2) Sescenteslmum et quadragesimum annum urbs nostra agebat, cum primum Cimbrorum audita sunt arma Caecilio Metello ac Papirio Carbone consulibus. ex quo si ad alterum imperatoris Traiani consulatum computemus, ducenti ferme et decem anni colliguntur: tam diu Germania vincitur. (3) Medio tam longi aevi spatio multa in vicem damna. non Samnis, non Poeni, non Hispaniae Galliaeve, ne Parthi quidem saepius admonuere: quippe regno Arsacis acrior est Germanorum libertas. quid enim aliud nobis quam caedem Crassi, amisso et ipse Pacoro infra Ventidium deiectus Oriens obiecerit? (4) At Germani Carbone et Cassio et Scauro Aurelio et Servilio Caepione Maximoque Mallio fusis vel captis quinque simul consularis exercitus populo Romano, Varum trisque cum eo legiones etiam Caesari abstulerunt; nec impune C. Marius in Itallia, divus Iulius in Gallia, Drusus ac Nero et Germanicus in suis eos sedibus perculerunt; mox ingentes C. Caesaris minae in ludibrium versae. (5) Inde otium, donec occasione discordiae nostrae et civilium armorum expugnatis legionum hibernis etiam Gallias affectavere; ac rursus pulsi inde proximis temporibus triumphati magis quam victi sunt.

38. (1) Nunc de Suebis dicendum est, quorum non una, ut Chattorum Tencterorumve, gens; maiorem enim Germaniae partem obtinent, propriis adhuc nationibus nominibusque discreti, quamquam in commune Suebi vocentur. (2) Insigne gentis obliquare crinem nodoque substringere: sic Suebi a ceteris Germanis, sic Sueborum ingenui a servis separantur. in aliis gentibus seu cognatione aliqua Sueborum seu, quod saepe accidit, imitatione, rarum et intra iuventae spatium, apud Suebos usque ad canitiem; horrentem capillum retro sequuntur ac saepe in ipso vertice religant; principes et ornatiorem habent. ea cura formae, sed innoxia; neque enim ut ament amenturve: in altitudinem quandam et terrorem adituri bella comptius hostium oculis ornantur.

39. (1) Vetustissimos se nobilissimosque Sueborum Semnones memorant; fides antiquitatis religione firmatur. stato tempore in silvam auguriis patrum et prisca formidine sacram omnes eiusdem sanguinis populi legationibus coeunt caesoque publice homine celebrant barbari ritus horrenda primordia. (2) Est et alia luco reverentia: nemo nisi vinculo ligatus ingreditur, ut minor et potestatem numinis prae se ferens. si forte prolapsus est, attolli et insurgere haud licitum: per humum evolvuntur. eoque omnis superstitio respicit, tamquam inde initia gentis, ibi regnator omnium deus, cetera subiecta atque parentia. (3) adicit auctorltatern fortuna Semnonum: centum pagi iis habitantur, magnoque corpore efficitur, ut se Sueborum caput credant.

40. (1) Contra Langobardos paucitas nobilitat: plurimis ac valentissimis nationibus cincti non per obsequium, sed proeliis et periclitando tuti sunt. (2) Reudigni deinde et Aviones et Anglii et Varini et Eudoses et Suardones et Nuitones fluminibus aut silvis muniuntur. nec quicquam notabile in singulis, nisi quod in commune Nerthum, id est Terram matrem, colunt eamque intervenire rebus hominum, invehi populis arbitrantur. (3) Est in insula Oceani castum nemus, dicatumque in eo vehiculum, veste contectum; attingere uni sacerdoti concessum. is adesse penetrali deam intellegit vectamque bubus feminis multa cum veneratione prosequitur. laeti tunc dies, festa loca, quaecumque adventu hospitioque dignatur. non bella ineunt, non arma sumunt; clausum omne ferrum; pax et quies tunc tantum nota, tunc tantum amata, donec idem sacerdos satiatam conversatione mortalium deam templo reddat. (4) Mox vehiculum et vestis et, si credere velis, numen ipsum secreto lacu abluitur. servi ministrant, quos statim idem lacus haurit. arcanus hinc terror sanctaque ignorantia quid sit illud, quod tantum perituri vident.

41. (1) Et haec quidem pars Sueborum in secretiora Germaniae porrigitur: propior, ut, quo modo paulo ante Rhenum, sic nunc Danuvium sequar, Hermundurorum civitas, fida Romanis; eoque solis Germanorum non in ripa commercium, sed penitus atque in splendidissima Raetiae provinciae colonia. passim sine custode transeunt; et, cum ceteris gentibus arma modo castraque nostra ostendamus, bis domos villasque patefecimus non concuplscentibus. (2) In Hermunduris Albis oritur, flumen indutum et notum olim; nunc tantum auditur.

42. (1) luxta Hermunduros Naristi ac deinde Marcomani et Quadi agunt. praecipua Marcomanorum gloria viresque, atque ipsa etiam sedes pulsis olim Bois virtute parta. nec Naristi Quadive degenerant. eaque Germaniae velut frons est, quatenus Danuvio peragitur. (2) Marcomanis Quadisque usque ad nostram memoriam reges mansere ex gente ipsorum, nobile Marobodui ev Tudri genus, iam et externos patiuntur, sed vis et potentia regibus ex auctoritate Romana. raro armis nostris, saepius pecunia iuvantur, nec minus valent.

43. (1) Retro Marsigni, Cotini, Osi, Buri terga Mareomanorum Quadorumque claudunt. e quibus Marsigni et Buri sermone cultuque Suebos referunt. Cotinos Gallica, Osos Pannonica lingua coarguit non esse Germanos, et quod tributa patiuntur. partem tributorum Sarmatae, partem Quadi ut alienigenis imponunt; Cotini, quo magis pudeat, et ferrum effodiunt. (2) Omnesque hi populi pauca campestrium, ceterum saltus et vertices montium iugum insederunt. dirimit enim scinditque Suebiam continuum montlum iugum, ultra quod plurimae gentes agunt, ex quibus latissime patet Lugiorum nomen in plures civitates diffusum. valentissimas nominasse sufficiet: Harios Helveconas Manimos Helisios Nahanarvalos. (3) Apud Nahanarvalos antiquae religionis lucus ostenditur. praesidet sacerdos muliebri ornatu, sed deos interpretatione Romana Castorem Pollucemque memorant. ea vis numini, nomen Alcis. nulla simulacra, nullum peregrinae superstitionis vestigium; ut fratres tamen, ut iuvenes venerantur. (4) Ceterum Harii super vires, quibus enumeratos paulo ante populos antecedunt, truces insitae feritati arte ac tempore lenocinantur: nigra scuta, tincta corpora; atras ad proelia noctes legunt ipsaque formidine atque umbra feralis exercitus terrorem inferunt, nuIlo hostium sustinente novum ac velut infernum aspectum; nam priml in omnibus proeliis oculi vincuntur.

44. (1) Trans Lugios Gotones regnantur, paulo iam adductius quam ceterae Germanorum gentes, nondum tarnen supra libertatem. protinus deinde ab Oceano Rugii et Lemovii; omniumque harum gentium insigne rotunda scuta, breves gladii et erga reges obsequium. (2) Suionum hinc civitates, ipso in Oceano , praeter viros armaque classibus valent. forma navium eo differt, quod utrimque prora paratam semper appulsui frontern agit. nec velis ministrant nec remos in ordinem lateribus adinugunt: solutum, ut in quibusdam fluminum, et mutabile, ut res poseit, hinc vel illinc remigiurn. (3) Est apud illos et opibus bonos, eoque unus imperitat, nullis iam exceptionibus, non precario iure parendi. nec arma, ut apud ceteros Germanos, in promiscuo, sed clausa sub custode, et quidem servo, quia subitos hostium incursus prohibet Oceanus, otiosae porro armatorum manus facile lasciviunt: enimvero neque nobilem neque ingenuum, ne libertinum quidem armis praeponere regia utilitas est.

45. (1) Trans Suionas aliud mare, pigrum ac prope immotum, quo cingi claudique terrarum orbem hinc fides, quod extremus cadentis iam solis fulgor in ortus edurat adeo clarus, ut sidera hebetet; sonum insuper emergentis audiri formasque equorum et radios capitis aspici persuasio adicit. illuc usque - et fama vera - tantum natura. (2) Ergo iam dextro Suebici maris litore Aestiorum gentes adluuntur, quibus ritus habitusque Sueborum, lingua Britannicae propior. matrem deum venerantur. insigne superstitionis formas aprorum gestant: id pro armis omniurnque tutela securum deae cultorem etiam inter hostis praestat. (3) Rarus ferri, frequens fustium usus. frumenta ceterosque fructus patientius quam pro solita Germanorum inertia laborant. (4) Sed et mare scrutantur, ac soli ommum sucinum, quod ipsi glesum vocant, inter vada atque in ipso litore legunt. nec quae natura quaeve ratio gignat, ut barbaris, quaesitum compertumve; diu quin etiam inter cetera eiectamenta maris iacebat, donec luxuria nostra dedit nomen. ipsis in nullo usu: rude legitur, informe perfertur, pretiumque mirantes accipiunt. (5) Sucum tamen arborum esse intellegas, quia terrena quaedam atque etiam volucria animalia plerumque interlucent, quae implicata umore mox durescente materia cluduntur. fecundiora igitur nemora lucosque, sicut Orientis secretis, ubi tura balsamaque sudantur, ita Occidentis insulis terrisque messe crediderim, quae vicini solis radiis expressa atque liquentia in proximum mare labuntur ac tempestatum in adversa litora exundant. si naturam sucini admoto igne temptes, in modum taedae accenditur alitque flammam pinguem et olentem; mox ut in picem resinamve lentescit. (6) Suionibus Sithonum gentes continuantur. cetera similes uno differunt, quod femina dominatur: in tantum non modo a libertate, sed etiam a servitute degenerant.

46. (1) Hic Suebiae finis. Peucinorum Venethorumque et Fennorum nationes Germanis an Sarmatis ascribam dubito. quamquam Peucini, quos quidam Bastarnas vocant, sermone cultu, sede ac domiciliis ut Germani agunt. sordes omnium ac torpor procerum. conubiis mixtis nonnihil in Sarmatarum habitum foedantur. (2) Venethi multum ex moribus traxerunt; nam quicquid inter Peucinos Fennosque silvarum ac montium erigitur latrociniis pererrant. hi tarnen inter Germanos potius referuntur, quia et domos figunt et scuta gestant et pedum usu ac pernicitate gaudent: quae omnia diversa Sarmatis sunt in plaustro equoque viventibus. (3) Fennis mira feritas, foeda paupertas: non arma, non equi, non penates; victui herba, vestitui pelles, cubile humus; solae in sagittis spes, quas inopia ferri ossibus asperant. idemque venatus viros pariter ac feminas alit; passim enim comitantur partemque praedae petunt. nec aliud infantibus ferarum imbriumque suffugium quam ut in aliquo ramorum nexu contegantur: huc redeunt iuvenes, hoc senum receptaculum. sed beatius arbitrantur quam ingemere agris, illaborare domibus, suas alienasque fortunas spe metuque versare: securi adversus homines, securi adversus deos rem difficillimam assecuti sunt, ut illis ne voto quidem opus esset. (4) Cetera iam fabulosa: Hellusios et Oxionas ora hominum vultusque, corpora atque artus ferarum gerere: quod ego ut incompertum in medium relinquam.


LV Gizewski SS 2001

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