Lösung zu Übung 8 a.

Die Aufgaben lauteten:

a) Welche Hauptprobleme einer wissenschaftlich zuverlässigen Kartendarstellung in der Antike entnehmen Sie den nachfolgend wiedergegebenen Text- und Kartenmaterial?

b) Versuchen Sie, für den Bereich Germaniens sowohl in den topographischen Listen des Ptolemäus als auch in dem entsprechenden Ausschnitt aus der 'Tabula Peutingeriana' Örtlickeiten aufzufinden, die ihnen aus Geschichte und Gegenwart bekannt sind.


Zu den einzelnen Punkten. Die Hinweise werden knapp gehalten. Im übrigen wird auf die Ausführungen des Kapitels und seine Literaturangaben verwiesen.

Zu a)

Es gibt zwei Möglichkeiten, Unrichtigkeiten der Kartendarstellungen im einzelnen und zusammenfassend zu beurteilen:

a) indem man von der Grundidee, der methodischen Anlage, der redaktionellen und technischen Ausführung und Verbreitung der Kartenwerke ausgeht und die danach wahrscheinlichen Fehlermöglichkeiten bedenk

b) indem man Einzelangaben über Orte, Distanzen, Namen und anderes, was man aus heutiger Sicht sicher identifizieren kann, auf seine Richtigkeit überprüft, wobei Stichproben bereits einen gewissen Eindruck von der Zuverlässigkeit vermitteln können.

Was die wissenschaftlich-astronomisch konzipierte 'Geographike Hyphegesis' betrifft, so hat Ptolemäus in ihren Büchern 1, 2 und 8 ausführliche Aussagen über die Grundlagen der astronomischen Ortsbestimmung, ihre praktischen Schwierigkeiten bei der Messung, die notwendigkeit der Berücksichtigung von Gewährsleuteberichten, möglichst jüngeren Datums, und ihre Schwächen sowie die Ausführung eines Kartenwerks in einer antiken Form der Projektion der Erdoberffäche gemacht.

Aus diesen Ausführungen ergeben sich beachtliche Schwierigkeiten für sein Unternehmen.

Sie liegen zunächst in praktischen Problemen der fachgerechten Durchführung von Messungen sowohl bei der astronomischen Breiten- als auch vor allem bei der Längengradbestimmung. Um die Breitenposition eines Ortes zu messen bedarf es entweder einer genauen Winkelmessung des Sonnenstands am Mittag dens längsten oder kürzesten Tages des Jahres oder einer Umrechnung der an einem anderen Tag des Jahres vorgenommenen mittäglichen Sonnenstandsmessung auf diejenige des längsten oder kürzesten Tages des Jahres. Innerhalb der Wendekreise ist ein anderes Verfahren der Umrechnung nötig. Dies Umrechnungen setzen hinreichende Kenntnisse der sphärischen Geometrie voraus. In jedem Falle müssen Bedingungen der Messung abgewartet bzw. Berechnungen vorgenommen werden, die eine gleichmäßige, gesicherte Messung vor allem durch Nichtfachleute stark erschweren. Bei der Sonnenstandmessung selbst, die in der Antike mit sehr einfachen Meßinstrumenten (Gnomon und einfache, zirkelförmige Winkelmesser) vorgenommen wird, entstehen darüber hinaus leicht Fehlmessungen bis zu 2 Grad und darüber. Derartige Fehlmessungen sind bei ptolemäischen Breitenangaben daher stets in Rechnung zu stellen.

Noch schwieriger stellt sich die astronomische Längengradbestimmung dar, worauf Ptolemäus auch ausdrücklich hinweist. In der antiken Astronomie gibt es nur die inihren älteren Zeiten noch nicht genutzte Möglichkeit, aus der Zeitdifferenz zwischen dem Eintritt einer Sonnenfinsternis an verschiedenen Punkten der Erdoberfläche auf ihre Winkeldistanz im Längengradsystem der Erde zu schließen. Dies setzt allerdings das Abwarten solch eines Ereignisses und dann möglichst genaue, vergleichende Zeitmessungen voraus.

Die verschiedenen Schwierigkeiten der auf astronomischer Basis versuchten Bestimmung von Ost-West-Entfernungen werden aus Ptolemäus Berechnung der Ost-West-Extension der Oikumene (1. Buch, 12. Kapitel) deutlich.

Die Unvollständigkeit atsronomischer Ortsbestimmungen und die Unzuverlässigkeit dem Ptolemäus vorliegender Messungen kommt in seinen Erörtertungen mehrfach zur Sprache. Aus ihnen ergibt sich die Notwendigkeit kritischer Rekonstruktion auf der Basis zuverlässiger Gewährsleuteberichte über Reisestrecken und - richtungen. Insbesondere wo es um 'ferne Länder' geht, liegt im 'Gewährsleute-Prinzip' ein nicht angemessen überprüfbares Risiko. Aber auch grundsätzlich - was die Messung von Landentfernungen mit antiken Schritt- oder Radumdrehungsmessern, insbesondere aber die Messung von Seentfernungen (reine Schätzwerte aus Reisedauer, Geschwindigkeit und resultierender Gesamtrichtung) betrifft - sind Entfernungsmessungen stark irrtumsgefährdet und nur dort als hinreichend zuverlässig anzusehen, wo sie durch den Alltagsverkehr in ihrer Richtigkeit dauerhaft bestätigt sind.

Fehler können sich, was die Namen von Siedlungen, Völkern, Gebirgen und Flüssen oder Aussagen über sie betrifft, daraus ergeben, daß sie nicht mehr aktuell sind, eine Korrektur früher richtiger Informationen aber nicht stattfindet. So ist z. B bei Ptolemäus für Germanien der Stamm der Sugambrer angegeben, der zwar zu Caesars Zeit, nicht mehr aber im 2. nachchristlichen Jahrhundert existiert. Natürlich können auch von Anfang an ungenaue oder falsche und als solche nicht erkennbare Gewährsleuteberichte vorliegen; Ptomeäus lebt und arbeitet in Alexandria, und Nachrichten aus fremden und weitentfernten Ländern nach Westen, Osten, Norden und Süden hin, z. B. für Ceylon hier oder Skandinavien dort, entsziehen sich seinen Überprüfungsmöglichkeiten weitgehend.

Nicht gering sind Fehlermöglichkeiten beim Schreiben und Wiederholten Abschreiben des ptolemäischen Werkes im Laufe der Handschriftenüberlieferung gewesen. Das Schreiben und Abschreiben von Zahlreihen und fremdartigen Namen läd zu Auslassungen, Verwechslungen, Ungenauigkeiten und anderen Fehlleistungen ein.

Die im einzelnen bei Stichproben, etwa für Germanien oder Zentralasien, Ceylon und Indien, feststellbaren Ungenauigkeiten und Unrichtigkeiten sind folglich nicht gering. Aber nicht nur dort, sondern auch in zu ptolemäischer Zeit bekannteren Regionen der Erde pflegen, um nur dies zu erwähnen, Breitenangaben für geographisch eindeutig identifizierbare Örtlichkeiten (wie z. B. Flußmündungen), wie zu erwarten, bis zu 2 Grad und mehr von ihrer heute festgestellten Lage abzuweichen, Ost-West-Distanzen werden in der Regel stark überschätzt, Orte gelegentlich offenkundig falsch in bekannte Reisestrecken eingeordnet und Namen gelegentlich in nachweislich verformter Form wiedergegeben. Zumindest für die Randlagen der kartographierten Oikumene führt dies zu einer nur sehr bedingten Zuverlässigkeit des ptolemäischen Werks. Siehe dazu: H. und R. Kiepert, Formae Orbis Antiqui, 36 Karten mit kritischem Text und Quellenangabe, Bern 1893 - 1914. O. A. W. Dilke, Greek and Roman Maps, London 1985.

Für die 'Tabula Peutingeriana' gelten, was die zuverlässige Sammlung von Orts- und Entfernungsangaben betrifft, ähnliche praktischen Schwierigkeiten wie bei Ptolemäus. Zwar können bestimmte Fehler, die im ptolemäischen Werk auftreten, in der 'Tabula Peutingeriana' nicht vorokommen, weil sie sich einmal gar nicht zum Ziele setzt, eine prinzipiell flächen- und winkelgetreue Abbildung der Erdoberfläche zu liefern und zum anderen eigentlich nur Reisekarte für die wirklich bekannten und für den Verkehr des vorderorientalisch-mediterranen Bereichs wichtigen Hauptstreckensein will; alle anderen Angaben sind eher Ausschmückung, sei es der Antike, sei es späterer Zeiten. Nach Osten, Norden und Süden enthält die 'Tabula Peutingeriana', auch in ihrer letzten für die Antike anzunehmenden Redaktion im 4. Jht. n. Chr. gegenüber dem ptolemäischen Werk weit weniger Angaben über die an sich bekannte Oikumene.

Aber auch in diesem durch den Gebraucgszweck beschränkten Rahmen sind die Entfernungsbestimungen zu Lande und zu Meer ähnlichen Fehleinschätzungen ausgesetzt wie bei Ptolemäus, und Unrichtigkeiten der Informationen, insbesondere über Randregionen des nahöstlich-mediterranen Verkehrsgebietes überwiegen.

Auch für die 'Tabula Peutingeriana' sind ferener verschiedenartige Abschreibefehler im Laufe ihrer Überlieferungsgeschichte in Rechnung zu stellen und gelegentlich auch tatsächlich nachweisbar. Siehe dazu: Konrad Miller, Die Peutingerische Tafel. Neudruck der letzten von Konrad Miller bearbeiteten Auflage einschließlich seiner Neuzeichnung des verlorenen 1. Segments mit farbiger Wiedergabe der Tafel sowie kurzer Erklärung und 18 Kartenskizzen der überlieferten römischen Reisewege aller Länder, (1187/1888 und 1916) Stuttgart 1962.

Zu b)

Sowohl in der Darstellung Germaniens bei Ptolemäus als auch in der 'Tabula Peutingeriana' lassen sich eine Anzahl von völker-, siedlungs- und landschaftsbezogenen lateinisch bzw. greichisch geschriebener Namen auffinden, die auch in anderer literarischer Überlieferung aus der Antike vorkommen und deswegen in ihrer antiken Form heute im allgemeinen noch einigermaßen bekannt sind.

Dazu gehören, was die Listen der 'Geographike Hyphegesis des Ptolemäus betrifft, vor allem die die römischen Provinzen Germaniens betreffenden Namen von Städten und Militärlagern (wie Augusta Raurica / Augst, Argentorate / Straßburg, Augusta Treverorum / Trier, Borbetomagus / Worms, Arae Flaviae / Rottweil, Moguntiacum / Mainz, Colonia Agrippinensis / Köln, Bonna Castra / Bonn, Vetera und Colonia Ulpia Traiana / der eine Ort nahe, der andere dicht neben Xanten), Volksstämmen (wie Treverer oder Bataver), Gebirgen (wie Alpes / Alpen, Iura mons / Iura, Alpeia mons / Schwäbische Alb, Abnoba mons / partiell Schwarzwald) und Flüssen (wie Rhenus / Rhein, Obrinkas / Vinxtbach > Grenze zwischen 'Germania inferior' und 'Germania superior'). Für das rechtsrheinische Germanien sind eine Vielzahl von Namen in ihrer wiedergegebenen Form nicht eindeutig zu identifizieren. Nur wenige Siedlungen oder Landschaftsmarken (wie z. B. 'Aliso' oder 'Tropaea Drusi') sind aus anderen Quellen einigermaßen bekannt. Die rechtsrheinischen Flußnamen können zwar im allgemeinen eindeutig zugeordnet werden (wie Amisia / Ems, Visurgis /Weser, Albis / Elbe, Viados / Oder, Vistula / Weichsel). Ferner lassen sich die Siedlungsgebiete angegebener Völkerschaften in ihrer Lage zueinander ungefähr bestimmen; deren Namen sind oft auch oft aus anderen Quellen bekannt (wie die der Frisii, Bructeri, Cimbri, Teutones, Saxones, Chauci, Angeli (Anglii), Suebi, Langobardi, Burgundi, Semnones, Silingi). Vielfach allerdings sind sie es nicht, und manche Namensüberlieferung dürfte wohl in unrichtiger Form aufgenommen oder korrumpert weitergegeben worden sein. Auch Gebirgsnamen lassen sich heutigen Namen zumeist nicht ganz klar zuordnen; was die Benennung, Ausdehnung und Richtung der Gebirge im 'freien Germanien' betrifft, zweigt der Ptolemäus-Tex gegenüber der Überlieferung bei anderen antiken Autoren Unterschiede. Leider ist die Menge des ptolemäischen Namensmaterials damit im ganzen nur begrenzt für historische Rückschlüsse nutzbar. Entsprechende Versuche geraten immer wieder an den Rand der Spekulation, auch wenn sie nicht schon deswegen nutzlos sind. Siehe dazu: Hans-Werner Goetz, Karl-Wilhelm Welwei (Hg.), Altes Germanien . Erster Teil: Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum Römischen Reich. Quellen der Alten Geschichte bis zum Jahre 238 n. Chr., Darmstadt 1995, S. 173 - 192. A. Schöning, Germanien in der Geographie des Ptolemäus, Detmold 1962 (Versuch einer hypothetischen Identifikation der von Ptolemäus angegebenen Orte).

Einige Ähnlichkeiten zwischen ptolemäischen und heutigen Namen sind sprachgeschichtlich interessant, geben aber - wo sie nur für sich und ohne weitere Angaben überliefert sind, im allgemeinen keine zuverlässigen Hinweise für ihre Ortsbestimmung: 'Munition' dürfte mit heutigen Namen von der Art 'Münden' , 'Gmünden', 'Minden' (> Flußmündung) zusammenhängen, 'Teuderium' mit einem Namen, welche das Element '-diet-' (> althochdeutsch 'tiot' / Volk; evtl. Versammlungsort oder Fluchtburg) enthalten, Alpeia' mit 'Alp', 'Asciburgium' mit 'Erzgebirrge', 'Sudeta' mit 'Sudeten'.

Die Darstellung Germaniens in der 'Tabula Peutingeriana' beschränkt sich im wesentlichen auf die linksrheinische Seite und das zur Zeit der letzten antiken Redaktion der 'Tabula' in der Antike (4. Jht. n. Chr.) schon nicht mehr unter unmittelbarer römischer Herrschaft stehende, sondern alamannisch besiedelte Dekumatland. Die Angaben für diese Gebiete sind im ganzen zuverlässig. Dasselbe gilt für die erst einige Jahrzehnte später in germanischen Besitz übergehenden Gebiete Raetiens und Pannoniens. Östlich des Rheins und nördlich der Donau weist die 'Tabula Peutingeriana' allerdings im wesentlichen nur Angaben von Völkerstämmen und Stammesbünden aus, wobei auch veraltete Angaben notiert werden. Siehe dazu: Konrad Miller, Die Peutingerische Tafel. Neudruck der letzten von Konrad Miller b earbeiteten Auflage einschließlich seiner Neuzeichnung des verlorenen 1. Segments mit farbiger Wiedergabe der Tafel sowie kurzer Erklärung und 18 Kartenskizzen der überlieferten römischen Reisewege aller Länder, (1187/1888 und 1916) Stuttgart 1962


 

LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)