Methodische Einleitung zur 'Geographike Hyphegesis' des Ptolemaios.

1. Buch, Kap. 1, 1 - 6. 12. 13. 21. 22.

Dt. Übersetzung des griechischen Textes aus: Theorie und Grundlagen der darstellenden Erdkunde (Geographike Hyphegesis I, und II Vorwort), dt. Übers. mit Erläuterungen von Hans v. Mzik und Friedrich Hopfner, Wien 1938, S. 13 - 27, 39 - 43, 63 - 65. . - Die Bearbeitung für das Internet enthält gegenüber dem Ausgangstext einige Modifikationen in Übersetzung und Schreibweise und läßt die Anmerkungen fort. D. Hg.


ERSTES BUCH

1. Kapitel. Der Unterschied zwischen Geographie und Chorographie.

1. Die Ge0graphie ist die Nachbildung des gesamten bekannten Teiles der Erde mittels Zeicbnung samt all dem, was gewöhnlich im Zusammenhang mit ihm dargestellt wird. Sie ist von der Chomgraphie verschieden, weil diese die Teilgebiete getrennt vornimmt, jedes einzeln für sich darstellt und dabei so ziemlich alles, selbst die kleinsten der dort vorkommenden Objekte, wie Häfen, Dörfer, Bezirke, die Nebenflüsse der Hauplströme und ähnliches verzeichnet. Das Wesen der Geographie aber besteht darin, daß sie die bekannte Erde als zusammenhängende Einheit zeigt und angibt, welches ihre Natur und Lage ist. Dabei werden nur noch jene Objekte mit aufgenommen, die wie Meeruosen, große Städte, Völker, bemerkenswertere Flüsse und was sonst unter jedem Gesichtspunkte besonders erwähnenswert ist - auch in Gesamtumrißzeichnungen, die mehr allgemein gehalten sind, im Zusammenhang mit ihr dargestellt werden.

2. Dagegen liegt der Endzweck der Chorographie in der Einzeldarstellung, wie wenn man etwa ein Ohr allein oder ein Auge nachbilden wollte; der Endzweck der Geographie hingegen in der Betrachtung des Ganzen, geradeso als ob man den ganzen Kopf abzeichnen wollte.

3. Da aber die Hauptbestandteile in allen Fallen unbedingt und in erster Linie den Darstellungen, die man sich jeweils vorgenommen hat, sich anpassen und die Zeichenflächen überdies im richtigen Größenverhältnis zu den Entfernungen stehen müssen, die von einem genügenden Augenabstand aus übersehen werden, damit man alles deutlich unterscheiden könne - mag es sich nun dabei um eine Gesamtdarstellung oder um eine Detailzeichnung handeln -, so ergibt sich für unseren Fall daraus vernünftigerweise und mit gutem Nutzen, daß man der Chorographie alles Eingehen auf die geringeren Einzelheiten vollständig überläßt, der Geographie aber die Länder als solche mit den Objekten, die gewöhnlich in ihrer Nachbarschaft liegen, denn die wichtigsten und im richtigen Größenverhältnis gut darstellbaren Elemente der Oikumene sind die Lageneinzeichnungen der Länder, bei den Ländern aber sind es die unterschiediichen Formen der in ihnen gewöhnlich vorkommenden Objekte.

4. Die Chorographie verweilt in der Regel mehr bei der Frage nach der Beschafferüieit als nach dem Größenverbältnis der aufgenommenen Dinge, denn sie beachtet allenthalben die Ähnlichkeit, die richtige Wiedergabe der Lagenverhältuisse aber nicht im gleichen Maße. Die Geographie dagegen achtet mehr auf das Größenverbaltnis als auf die Beschaffenheit, da sie in allen Fallen auf dss richtige Verhältnis der Entfernungen Bedacht nimmt, auf die Ähnlichkeit aber nur insoweit, als es sich um die gröberen Umrisse und die Gestalt überhaupt handelt.

5. Daher benötigt die Chorograpbie die Darstellung des Ortsbildes, und kein Mensch kann chorographische Karten entwerfen, er sei denn in der Malerei erfahren; bei der Geographie ist es aber nicht so; denn sie vermag durch die bloßen Linien und beigefügten Zeichen sowohl die Lagen, als auch die Formen im allgemeinen anschaulich zu machen. Deshalb bedarf es bei der Chorographie keinerlei mathematischen Verfahrens; in der Geographie aber hat dieser Wissenszweig durchaus den Vorrang.

6. Denn vorerst muß man sich über die Gestalt und Größe der ganzen Erde und dazu über deren Lage zum Himmelsgewölbe klar sein, um die Angabe zu ermöglichen, wie groß und wie beschaffen ihr bekannter Teil ist, ferner darüber, unter welchen Breitenkreisen der Himmelskugel die einzelnen Orte darin gelegen tind. Damit sind weiter die Länge von Tag und Nacht, die im Scheitelpunkte erscheinenden Fixsterne und diejenleen welche sich immerwährend über der Erde oder unter der Erde bewegen, ferner das, was wtr unter dem Begriff des "Standortes" zusammenfassen, im einzelnen bereits gegeben.

7. Alles Dinge der höchsten und schönsten Erkenntnis; denn sie zeigen mithilfe der mathematischen Wissenschaft der menschlichen Wahrnehmung den Himmel unmittelbar und wie er wirklich ist - man kann ihn ja sehen, wie er sich um uns bewegt -, die Erde jedoch führen sie nur im Abbild vor, weil die wirkliche Erde weder zur Gänze, noch zum Teile von ein und demselben Menschen bereist werden kann, ist sie doch ungeheuer groß und umschließt sie uns doch nicht, wie dies beim Himmel der Fall ist.

2. Kapitel: Die unerIäßlichen Voraussetzungen der Geographie.

1. Soviel in Kürze über die Hauptpunkte der Frage, welches Ziel dem gesteckt ist, der eine Erdkarte zeichnen will und wodurch er sich von dem Chorographen unterstheidgt.

2. Da dem vorliegenden Werke die Aufgabe gesetzt ist, unsere Oiksmene möglichst den Größenverhältnissen der Wirklichkeit entsprechend darzustellen, halten wir es für nötig, folgendes vorautzuschicken: Voraussetzung für eine derartige Arbeit ist die systematische Länderbesthreibung; denn sie vermittelt ihre Erkenntnis der Hauptsache nach aus den Mitteilungen jener, welche die einzelnen Länder mit wissenschaftlicher Sachkenntnis bereist haben. Die Untersuchung aber und die Mitteilung des Ergebnisses gehört teils in das Gebiet der Erdmeßkunst, teils in das der Himmelsktinde: in das Gebiet der Erdmeßkunst, insoferne sie lediglich durch Abmessung der Entfernungen die gegenseitige Lage der Orte aufzeigt, in die Himmelskunde, insoferne sie dies mittels der Astrolabien und der Schattenmesser aus den Himmelserscheinungen tut, wobei die Himmelskunde das Absolute und Sicherere ist, die Erdmeßkunst dagegen summarischer verfährt und der Ergänzung durch jene bedarf.

3. Denn zunächst ist es so, daß bei beiden Verfahrensarten unbedingt feststehen muß, nach welcher Himmelsrichtung der Abstand der beiden in Frage stehenden Orte verläuft; man muß nämlich nicht nur wisson, wie weit dieser Ort von jenem absteht, sondern auch nach welcher Ilichtung, d. h. beispielsweise ob gegen Norden oder gegen Osten oder gegen die Teilrichtungen dieser Himmelsgegenden. Ohne die Beobachtung mittels der genannten Instrumente, von denen an jedem Orte und zu jeder Zeit die Lage der Mittagslinie und dadurch die Richtung der gemessenen Entfernungen ohne weiteres angezeigt werden, ist es unmöglich, dies genau zu ersehen.

4. Und selbst wenn dies gegeben ist, so gewährleistet die Ausmessung nach Stadien nochkeineswegs das zuverlässig richtige Erfassen der Wirklichkeit, da die Reiserouten selten mit der geraden Richtung zusammenfallen, vielmehr sowohl zu Lande als zur See viele Abweichtingen von der Luftlinie hinzukommen. Man muß daher bei den Landreisen das aus der Art und Größe der Abweichungen von der geraden Linie sich ergebende Zuviel schätzungsweise ermitteln und zur Auffindung der Luftlinie von der Gesamtzahl der Stadien abziehen, hei den Seefahrten aber muß man noch außerdem das Unregeimäßigkeitsmoment der Windbewegungen, die nicht lange die gleiche Gewalt beibehalten, mit in Betracht ziehen. Dazu kommt, daß die Abmessung nach Stadien, auch wenn der Abstand zwischen den bereisten Orten genau angegeben ist, durchaus nicht zugleich sein Verhältnis zum ganzen Erdumfang oder seine Lage zu dem Gleicher oder tu den Polen ergibt.

5. Erst die Aufnahme auf Grund der Himmelserscheinungen ergibt all dies genau und weist überdies nach, wie groß die Bogenstücke sind, welche die durch die in Frage stehenden Orte gezogenen Breitenkreise und Mittagslimen untereinander abschneiden, d. h. die Breitenkreise die zwisrhen sie und den Gleicher fallenden Bogenstücke der Mittagslinien, die Mittagslinien aber die von ihnen begrenzten Bogenstucke des Gleichers und der Breitenkreise. Ferner weist sie nach, wie groß das Bogenstück ist, das die belden Orte von dem durch sie gezogenen größten Kreise der Erdoberfläche abschneiden. Und sie bedarf keineswegs der Zählung nach Stadien, weder zur Festlegung des Verhältnisses der einzelnen Teie der Erde zueinander, noch überhaupt zur Durchführung der Zeichnung. Es genügt, wenn man den Erdumfang in Teile irgendeiner bestimmten Größe eingeteilt hat, dann der Nachweis, daß diese Einteilung auch bei den Meßstrecken der auf der Erde gezogenen größten Kreise angewendet wurde. Anders aber liegt die Sache, wenn man den Erdumfang ganz oder teilweise in Strecken einteilt, wie sie unseren Messungen zugrunde liegen und deren Größe gut bekannt ist.

6. Nur deshalb hat sich die Notwendigkeit herausgestellt, eine hestimmte gerade Wegstrecke mit dem ihr entsprechenden Bogenstück des größten Kreises am Himmel zu vergleichen, das Maßverhaltniu dieses Bogens zum größten Kreise aus den Himmelterscheinungen zu ermitteln, dann die Stadienzahl des darunter liegenden Weges durch Abmessung der gegebenen Teilstrecke und damit die Anzahl der Stadien des ganzen Erdumfanges fentzustellen.

7. Denn wenn man sufgrund der mathematischen Wissenschaften vorwegnimmt, daß die zusammenhängende Oberfläche von Land und Wasser als Ganzes genommen kugelförmig und um den nämlichen Mlittelpunkt wie die Himmelskugel herum gelegen ist, so daß alle durch den Mittelpunkt gelegten Ebenen ihre Schnittlinien mit den erwähnten Oberflächen der Erd- und der Himmelskugel zu größten Kugelkreisen auf diesen werden lassen und daß ferner die in jeder der gelegten Ebenen befindlichen Zentriwinkel gleiche Bogenstücke auf beiden Kreisen abschneiden, so folgt daraus, daß zwar die Stadienzahl der Entfernungen auf der Erde- sofern diese gerade sind - aus den Vermessungen entnommen werden kann, ihr Verhältnis jedoch zu dem ganzen Umfang wegen der Unmöglichkeit der Vergleichung - keineswegs aus Vermessungen, sondern nur aus dem entsprechenden Bogen des größten Kugelkreises am Himmel abzuleiten ist; sein Verhältnis zu dem zugehörigen ganzen Kreis kann man ohne weiteres berechnen und das gleiche Verhältnis besteht dann auch für den entsprechenden Kreisabschnitt auf der Erde zu dem auf ihr gezogenen größten Kreis.

3. Kapitel: Berechnung der Stadienzahl des Erdumfanges aus der Stadienzahl einer beliebigen geraden Entfernung, auch wenn sie nicht unter ein und demselben Mittagskreis verläuft, und umgekehrt.

1. Unsere Vorgänger verlangten nicht nur eine geradlinige Entfernung auf der Erde, die das Bogenstück eines größten Kugeikreises darzustellen hat, sondern auch daß diese im Zuge ein und derselben Mittagslinle liege; sie beobachteten mittels der Schattenmesser die Scheitelpunkte der beiden Enden der zugrunde gelegten Strecke und setzten dann den von diesen Punkten begrernzten Bogen der Mittagelinie als dem Bogen der auf der Erde abgegangenen Strecke entsprechend an. Denn diese Punkte liegen wie erwähnt in einer Ebene, weil die durch die Eudunkte zu den Scheitelpunkten gezogenen Geraden einander treffen und der Treffpunkt der gemeinsame Mittelpunkt der Kreise ist.

2. Sie gingen dabei von der Voraussetzung aus, daß die Strecke auf der Erde zum ganzen Erdumfang im gleichen Verhältnisse stehe wie der zwischen den Scheitelpunkten liegende Bogen zu dem durch die Pole gezogenen größten Hirnmelskreise.

3. Daß aber die Aufgabe auch dann gelöst werden kann, wenn man den zur Grundlage der Berechnung dienenden und längs der abgemessenen Entfernung verlaufenden Kreis nicht durch die Pole legt. sondern irgendeinen beliebigen größten Kreis annimmt. wenn nur die Polhöhen an den Endpunkten und die Lage der Strecke zu den beiden Mitragskreisen in gleicher Weise beobachtet werden, haben wir durch Konstruktion eines astronomischen Beobachtungsinstrumrntes erwiesen, mittels dessen man -abgesehen von vielen anderen höchst nützlichen Beobachtungen - insbesondere auch den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch die Höhe des Nordpoles am Beobachtungsort und ebenso zu jeder Stunde die Mittagsrichtung uud die Lage der Wegstrecken zu dieser bequem abnehmen, d. b. die Größe der Winkel bestimmen kanu, welche der längs des Weges gezogene größte Kreis zurMIittagslinie im Scheitelpunkte bilden.

4. Auf diese Weise bestimmen wir unmittelbar durch das Himmelsbeobachrungsinstrument sowohl den gesuchten Kreisbogen als auch das von beiden Mittsgskreisen eingeschlossene Bogenstiick, auch wenn es sich um andere Breitenkreise handelt als den Gleicher. Somit ist auf diesem Wege durch die Vermessung auch nur einer einzigen geradlinigen Strecke auf der Erde die Stadienzahl des ganzen Erdumfanges zu finden und auf dieser Grundlage dann auch ohne weitere Vermessung die Stadienzahlen der anderen Entfernungen, selbst wenn sie nicht durchaus gerade verlaufen und nicht unter derselben Mittagslinie oder unter demselben Breitenkreis liegen, wenn nur überhaupt die besondere Hauptrichtung der Strecke und die Polhöhen der Endpunkte sorgfältig abgenommen sind. Denn nach dem Verhältnis des sich unter der Strecke hinziehenden Bogenstückes zum größten Kreis ist aus der bekannten Stadienzahl des ganzen Erdumfanges auch die Stadienzahl dieses Bogenstückes leicht berechenbar.

4. Kapitel: Den Ergebnissen der astronomischen Beobachtungen gebührt unbedingt der Vorrang vor jenen der wissenschaftlichen Erdbeschreibung.

Auf dieser Grundlage könnte man also die Karte der Oikumene ganz unanfechtbar herstellen, wenn nur diejenigen, welche geographische Untersuchungen über die einzelnen Länder angestellt haben, von derartigen astronomischen Beobachtungen Gebrauch gemacht hätten. Nun hat uns Hipparchos allein und auch er nur für wenige Städte - im Vergleich zu der so gewaltigen Menge der in die Weltkarte einzuzeichnenden Objekte - die Höhen des Nordpoles und der Orte, welche unter denselben Breitengraden liegen, überliefert. Außer ihm aber haben nur einige seiner Nachfolger auch noch eine Anzahl von "gegenüberliegenden" Orten angegeben, nicht etwa solchen, die vom Gleicher gleich weit abstehen, sondern lediglich solchen, die unter ein und derselben Mittagslinie liegen, was sich daraus ergibt, daß die Fahrten zwischen den betreffenden Orten mit direktem Nord- oder Südwind zurückgelegt werden. Dagegen sind die Entfernungen und insbesondere die nach Osten oder Westen, meistens recht summarisch überlieferte, nicht aus Leichtfertigkeit derer, die sich auf diese Forschungen warfen, sondern doch wohl desbalb, weil die gute Braucbbarkeit einer mehr auf die Sternkunde gegründeten Beobachtungsweise noch nicht erkannt worden war und weil man nicht mehrere an verschiedenen Orten gleichzeitig beobachtete Mondfinsternisse - wie jene, die in Arbela zur 5., in Karthago aber zur 2. Stunde sichtbar war - der Aufzeichnung gewürdigt hatte. Daraus würde nämlich erhellen, wie viele Gleichergrade die Orte voneinander nach Osten bzw. nach Westen entfemt sind. Folgerichtig hätte derjenige, der diesen Ausführnngen gemäß die Erdkarte zeichnen will, die aus den genaueren Beobachttngen entnommenen Punkte der Zeichnung zunächst zu unterlegen. gewissermaßen als Grundsteine. Das von anderen Beobachtungen stammende Material aber muß er dann diesen Fixpunkten anpassen, bis schließlich die gegenseitigen Lagen der aus der zweiten und der ersten Beobachtungsart gewonnenen Punkte die besser begründeten Naichrichten in möglichstem Gleichklange zum Ausdruck bringent

5. Kapitel: Infolge der Veränderungen, die auf der Erde im Laufe der Zeit stattfinden, muß man sich an die jüngeren Untersuchungen halten.

Die Inangriffnahme der Kartenzeichnung sollte wohl einen solchen Leitgedanken voraussetzen. Hinsichtlich aller jener Gebiete aber, die wegen ihrer übermäßigen Größe oder deshalb, weil sie sich nicht immer in demselhen Zustande befinden. nicht ganz genau bekannt sind, ermöglicht überhaupt immer erst ein längerer Zeitablauf eine genauere Erforschung. Mit der gleichen Sachlage haben wir es bei der Zeichnung der Erdkarte zu tun; denn aus den im Laufe der Zeiten gesammelten Nachrichten geht unbestritten hervor, daß viele Teile des Festlandes unserer Olkumene wegen der auf ihrer Größe beruhenden Unzugänglichkeit noch keineswegs bekannt geworden, andere wieder wegen des Unverständnisses derer, weelche die Nachrichten verarbeiteten, keine wahrheitsgemäiße Darstellung erfahren haben, einige endlich wegen der hier und dort dazugekommenen Zerstörungen und Veränderungenn sich jetzt in einem anderen Zustande befinden als früher. Deahalb sind auch wir bei der Zeichnung der Erdkarte gezwungen, uns in erster Linie an die letzten der uns bekannten Nachrichten zu halten, wobei man bei der Verwertung dieser, wie bei der kritischen Sichtung der aus früherer Zeit stammenden Berichte prüfen muß, was glaubwürdig und was unglaubwürdig ist.

6. Kapitel: Über die von Marinos stammende Anleitung für die darstellende Erdkunde.

1. Als jüngster unserer Gewährsmänner und mit allem Eifer scheint sich Marinos von Tyros auf dieses Gehiet geworfen zu haben. ...

12. Kapitel: Berichtigung der Länge der bekannten Erde auf Grund der Reisestrecken zu Lande.

1. Aus den eben [in Auseinandersetzung mit Marinos] erörterten Gründen und deswegen, weil der Weg sich nicht auf ein und demselben Breitenkreis hält, sondern der Steinerne Turm annähernd auf dem Breitenkreis von Byzanz, Sera aber südlich vom Breitenkreis des Hellespont liegt, dürfte es wohl begründet scheinen, die aus der siebenmonatlichen Reise ermittelte Stadienzahl von 36.200 auch hier um mehr als die Hätte zu vermindern. Sie soll aber, da es sich um eine summarische Schätzung handelt, nur auf die Hälfte herabgesetzt werden, so daß die vorliegende Strecke auf 18.100 Stadien, d. s. 45 1/4 Grad zu berechnen wäre.

2. Denn da die Vernunft bei beiden Wegstrecken eine Kürzung in gleichem Maße erheischt, wäre es widersinnig und unverständlich, ihr nur bei der Berechnung der Reise von den Gararnanten aus zu folgen, weil hier der Beweis klar vor Augen liegt - nämlich die besonderen Eigenschaften der in der Landschaft Agisymba einheimischen Tiere, welche unmöglich außerhalb der Gegenden angenommen werden können, die ihnen die Lebensbedingungen bieten -, bei dem Wege von dem Steinernen Turm an diese logische Folgerung aber nicht zu ziehen, weil man sich dort zufällig nicht auf einen derartigen Beweis stützen kann, vielmehr der Charakter des Klimas auf der ganzen Strecke, mag sie größer oder kleiner sein, gleich bleibt. Dies wäre so, als würde jemand das Rechte im Sinne der Philosophie nicht tun, wenn er nicht gewärtigen müßte, dabei ertappt zu werden.

3. Auch die 876 Schoinen der erstgenannten Teilstrecke - ich meine den Weg vom Euphrat bis zum Steinernen Turm - muß man wegen der Wegkrümmungen auf nur 800 herabsetzen, d. s. 24.000 Stadien.

4. Daß eine geschlossene Kenntnis der gesamten Länge dieser Strecke vorhanden sei, darf man Marinos glauben, weil der Weg in seinen einzelnert Teilen, deren Längenverhältnisse zueinander bekannt und die schon oft begangen worden sind, zur Vermessung gelangt ist. Daß die Strecke mehrfache Krümmungen enthält, ist aus den Voraussetzungen des Marinos selbst klar.

5. Denn es ist zwar möglich, daß der Weg vom Euphratübergang bei Hierapoliss durch Mesopotamien zum Tigris und von da durch das Land der assyriscben Garamaier, dann durch Medien nach Ekbatana und nach den Kaspischen Pforten, sowie nach dem parthischen Hekatompylos annähernd unter den Breitenkreis von Rhodos fällt. Dieser wird nämlich auch nach Marinos durch die erwähnten Landschaften gezogen.

6. Die Straße von Hekatompylos aber nach der Hauptstadt Hyrkaniens muß man nach Norden abbiegen lassen, da die Hauptstadt Hyrkaniens irgendwie zwischen dem Breitenkreis von Smyrna und dem des Hellespont liegt, und zwar deshalb, weil der Breitenkreis von Smyrna südlich des Landes Hyrkanien gezogen wird, der des Hellespont aber durch den südlichen Teil des hyrkanischen Meeres, der nur wenig nördlicher liegt als die gleichnamige Stadt.

7. Der Weg hinwieder von dieser Stadt nach dem Margianischen Antiochtia durch Aria wendet sich zunachst nach Süden, da Aria unter demselben Breitenkreis liegt wie die Kaspischen Pforten, dann aber nach Norden, da Antiochia ungefähr unter dem Breitenkreis des Hellespont gelegen ist. Von da zieht sich der Weg nach Baktra gegen Osten, der Weg von dort aber bis zum Anstieg ins Bergland der Komeder gegen Norden, um sich im Bergland selbst bis zur Schlucht, welche der Ebene folgt, gegen Süden zu wenden. Denn die nördlichen und am weitesten westlich gelegenen Gebiete des Berglandes, wo sich der Anstieg befindet, setzt Marinos unter den Breitenkreis von Byzanz, das südliche und östliche Gebiet aber unter den Breitenkreis des Hellespont, weshalb er sagt, daß der Weg, der geradeaus fast genau gegen Osten verläuft, sich gegen Süden wendet.

8. So ist denn wahrscheinlich, daß der Weg von dort zum Steinernen Turm auf eine Strecke von 50 Schoinen gegen Norden abbiegt. Denn Marinos sagt, es folge bei der Hinreise auf die Schlucht der Steinerne Turm. von dem ab gegen Osten zu die Berge zurückweichen und mit dem Imaos zusammebhängen, welcher von Palimbothra gegen Norden streicht.

9. Wenn nun die 60 Grad, welche den 24.000 Stadien entsprechen, zu den 45 1/4 Grad vom Steinernen Turm bis Sera hinzugezählt würden. wäre der Abstand vom Euphrat bis Sera längs des rhodischen Breitenkreises l05 1/4 Grad.

10. Aus den von Marinos im einzelnen als Grundlage angenommenen Stadienzahlen ergibt sich also - vorausgesetzt, daß sie unter dem obgenannten Breitenkreis liegen - zunächst der Abstand vom Mittagekreis der Inseln der Seligen bis zum Heiigen Vorgebirge in Spanien mit 2 1/2Grad. Die weiteren Abstände sind: von da bis zur Mündung des Baitis ebensoviel; vom Baitis bis zur Meerenge, bzw. bis Kalpe gleichfalls 2 1/2 Grad; von der Meerenge bis Karallis auf Sardinien 25 Grad; von Karallis bis Lilyliaion auf Sizilien 4 1/2 Grad; von da bis Pachynos 3 Grad; von Pachynos bis Tainaron in Lakonien 10 Grad; von da bis Rhodos 8 1/4 Grad; von Rhodos nach Issos 11 1/4 Grad; von Issos bis zum Euphrat 2 1/2 Grad. Somit beliefe sich die Anzahl der Grade dieser Strecke auf insgesamt 72, also die Länge der gesamten bekannten Erde vom Mittagskreis der Inseln der Seligen bis Sera auf zusammen 177 1/4 Grad.

13. Kapitel: Die gleiche Berichtigung auf Grund der zur See zurückgeIegten Strecken.

1. Daß die Länge soviel beträgt, ist in gleicher Weise wohl auch aufgrund der Entfernungen zu erschließen, die Marinos für die Seefahrt von Indien bis zum Golf der Siner und bisKattigara angibt, wenn man nur dem Überrnaß, das sieh infolge der Einbuchtungen, der Ungleichmäßigkeit der Seefahrten und der verschiedenen Lage der Orte ergibt, durch entsprechende Reduktion der Distanzen bei den Eintragungen auf der Karte Recltnung trägt. ...

21. Kapitel: Beim Zeichnen der Karte auf der ebenen Fläche ist folgendes zu beachten.

1. Es ist demnach wohl richtig, die Linien, welche die Mittagsinien darstellen, als Gerade und jene, welche die Breitenkreise darstellen als Kreisbogen zu zeichnen, die um ein und dasselbe Zentrum gezogen sind. Dieses wird senkrecht über dem Nordpol angenommen und von ihm aus werden die Mittagsilnien als Gerade zu ziehen sein, damit vor allem die Ähnlichkeit mit der Kugeltlächt sowohl hinsichtlich der Gestalt, als auch des Anblickes gewahrt werde, da die Mittagstinien, wie bei der Zeichnung auf der Kugelflächt so auch hier, senkrecht zu den Breitenkreisen bleiben und gleichzeitig in jenem gemeinsamen Pol zusammentreffen.

2. Da es aber nicht möglich ist, durchwegs bei allen Breitenkreisen das Verhältnis wie auf der Kugel zu wahren, dürfte es genügen, dies wenigstens beim Breitenkreis von Thule und beim Gleicher einzuhalten, damit die Linien, welche die Breite unseres Erdviertels begrenzen, das gleiche Maßverhältnis wie in der Wirklichkeit erhalten. Der durch Rhodos zu ziehende Breitenkreis aber, auf dem die meisten Untersuchungen der Längenabstände gemacht worden sind, ist im selben Verhältnis zur Mittagslinie einzuteilen, wie Marinos es tut. d. i. in dem der Wirklichkeit sehr nahekommenden Verhältnis 4: 5 der entsprechenden Kreisbogen, damit die auf diesem Breitenkreise besser als sonst bekannte Längenausdelinung der Oikumene im richtigen Verhältnis zur Breite stehe Auf welche Art dies erreicht werdeinkann, werden wir später erklären, bis wir auseinandergesetzt haben, wie die Zeichnung auf der Kugel zu geschehen hat.

22. Kapitel: Richtlinien für die Zeichnung der Oikumene auf der Kugeloberfläche.

1. Flir die Größe der Kugel wird in jedem Falle die Menge der Objekte bestimmend sein, die der Verfertiger aufzunehmen gedenkt, wobei es auf seine Fähigkeit und seinen Ehrgeiz ankommt, denn je größer das Maß der Kugel ist, desto kleinere Einzelheiten wird die Zeichnung enthalten und desto deutlither wird sie ausfallen. Wie groß nun aber die Kugel auch sein mag, wir bestimmen zuerst genau die Pole und bringen an ihnen einen balbkreisförmigen Reifen an, der von der Oberfläche des Globus möglichst wenig abstebt, so daß er diese beim Drehen nur gerade nicht streift.

2. Der halbkreisförmige Reifen soll dünn sein, damit er nicht mehrere Orte gleichzeitig deckt. Die eine seiner beiden Seiten soll mit den Polpunkten genau abschneiden, damit wir an ihr die Mittagekreise ziehen können. Wir teilen diese Seite noch in 180 Teile ein und setzen die Zahlen dazu, indem wir bei dem mittleren Teilstrich, der unter den Gleicher fällt, beginnen.

3. Nachdem wir in gleicher Weise auch den Gleicher gezeichnet und den einen seiner beiden Halbkreise in ebenso große 180 Teile eingeteilt haben, setzen wir auch diesen die Zahlen bei, wobei wir an jenem Ende beginnen, durch das wir den westlichsten Mittagskreis ziehen wollen.

4. Nunmehr führen wir der Reihe nach die Einzeichnung eines jeden der aufzutragenden Orte gemäß den in den Tabellen des Textes enthaltenen Gradangaben für die Längen und Breiten mit Hilfe der Einteilung auf den Halbkreisen des Gleichers und des drebhares Mittaskreises durch, indem wir diesen bis zum angegebenen Langengrad, d. h. bis zu dem die entsprechende Zahl tragenden Teiletrich des Gleichers drehen, während wir den Breitenabstand vom Gleicher von der Einteilung des drehbaren Mittagskreises ablesen und entsprechend der angegebenen Zahl das Zeichen auf die gleiche Weise eintragen wie bei der Einzeichnung der Sterne auf dem Himmelsglobus.

5.Ebenso kann man auch die Mittagslinien durch beliebig viele Längengrade ziehen, wobei man sich dii eingeteilten Seite des Ringes als Lineal bedient, die Breitenkreise aber in angemessenen Abständen, indem man den Zeichenstift neben jene Ziffcr des drehbaren Bogens hält, die den richtigen Abstand ergibt, und den Stift mit dem Ring zusammen bis zu den Mlittagskreisen berumführt, welche die Enden der bekannten Erde bezeichnen.


LV Gizewski SS 2001

Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)