Lösung zu Übung 9.

Die Aufgaben lauteten:

a) In welchem Umfang bauen Ihres Erachtens die im unten folgenden Kartenbild wiedergegebenen Entdeckungsreisen des 15. und 16. Jhts. auf antiken Vorkenntnissen oder theoretischen Annahmen auf?

b) In welcher Weise und zu welchem Zwecke knüpfen die beiden unten wiedergegebenen Beispiele der Historienmalerei des 19. Jhts. an historischen Ereignissen, Völkerbildern und Kulturtheorien an, die aus der Antike überliefert sind?

Die Entdeckungsreisen des 15. und 16. Jahrhunderts.

Karl Friedrich Schinkel, Entwurf zu einem Denkmal für Hermann den Cherusker (1814/15) und Lionel-Noel Royer, Vercingétorix jette ses armes aux pieds de César (1899).


Zu den einzelnen Punkten. Die Hinweise werden knapp gehalten. Im übrigen wird auf die Ausführungen des Kapitels und seine Literaturangaben verwiesen.

Zu a)

Nach den Wiederentdeckungen und der Aktualisierung antiker Literatur in der Renaissance waren im 15./16. Jht. die Kenntnisse über das antik-wissenschaftliche, von Aristoteles und Ptolemäus gleichermaßen vertretene kosmologische Modell, das von einer kugelförmigen Erde in der Mitte des Alls ausgeht, im christlichen Europa so weit verbreitet, daß praktische Konsequenzen aus der theoretisch einleichtend begründeten Kugelgestalt der Erde mit erheblichem Kapitaleinsatz und politisch-staatlicher Unterstützung gezogen zu werden begannen. Die ersten Entdeckungsexpeditionen zur See in dieser Zeit, die die zu untersuchende Karte ausweist, dienten der praktischen Beantwortung von Fragen, die sich aus der theoretisch überzeugend erschlossenen sphärischen Gestalt der Erde und der Annahme der bekannten bewohnten Welt auf einer Hälfte der Nordhalbkugel ergaben. Kolumbus ging 1492 der Frage nach, welcher Gestalt die im Osten Indiens, Tabrobanes und der 'Sinai' liegende, nach Ptolemäus unbekannte Erdoberfläche auf der anderen Seite der nördlichen Erdkugel habe. Vasco da Gama prüfte 1492/93 mit seiner Afrika-Umfahrung nach Indien hin die in der Antike stets offen gebliebene Frage, welche Kontur der südliche Teil Afrikas habe und ob er evtl. Teil einer auf der Südhalbkugel der Erde vermuteten, zusammenhängenden 'terra australis' sei. Magellan klärte mit seiner West-Ost-Umseglung der Erde zwischen 1519 und 1522 die Frage, ob Südamerika und Südostasien Teile einer zusammenhängenden 'terra australis' seien. Zu diesem Aspekt der Entdeckungsreisen des 14. und 15. Jhts. siehe: Ilja Mieck, Europäische Geschichte der Frühen Neuzeit, Stuttgart, Berlin, Köln 1994 5, S. 44 ff. (Die humanistische Bewegung) und 52 ff. (Die Entdeckungen und ihre Folgen).

Zu b)

Karl Friedrich Schinkel (1781 - 1841) knüpft mit seinem Entwurf eines Denkmals für 'Hermann den Cherusker' (entstanden um 1814/15) an dem in der Zeit Napoleons und der französischen Hegemonie über Deutschland dort neu entstehenden historischen Interesse an der Gestalt des Arminius, des Anführers des germanischen Widerstands gegen die Ausdehnung der römischen Provinzialherrschaft auf rechtsrheinisches Gebiet und Siegers über drei römische Legionen in der 'Schlacht am Teutoburger Wald' i. J. 9 n. Chr. (Tacitus, ann. 1, 55 ff.; Cassius Dio 56, 18 - 22; Velleius Paterculus 2, 117 - 119) an . In der Gestalt des 'Arminius' sieht der in Deutschland vorherrschende Zeitgeist der Epoche Schinkels einen Freiheitswillen verkörpert, der einerseits als historische Vorform des 'Deutschen' und andererseits als gegen die Schattenseiten einer aufgedrängten 'westlich-romanischen' politischen Ordnung und Kultur gerichtet verstanden wird. Beides, die Gleichsetzung des 'Deutschen' mit dem 'Germanischen' einerseits und andrereseitsts die Gleichsetzung der Vernichtung der römischen Legionen und die Abwehr des römischen Expansionsanspruchs zu Beginn des 1. Jhts. n. Chr. mit einer Abwehr des politischen, militärischen und kulturellen Hegemonieanspruchs des napoleonischen Frankreichs zu Beginn des 19. Jhts., sind typisch für die politisch-ideelle Rezeption eines althistorischen Themas aufgrund eines in einer außenpolitischen Konfliktlage entstehenden aktuellen zeitgenössischen Bedürfnisses nach einer 'nationalen', politisch-historischen Selbstvergewisserung und Selbstlegitimation . - Der Arbeit Schinkels steht manche andere Arminius-Reminszenz seiner und späterer Zeiten nahe einschließlich des großen 'Hermanns'-Denkmals, das i. J. 1875 bei Detmold, einem der vermuteten Plätze der - nach den antiken Quellen weiträumig sich hinziehenden - 'Varus-Schlacht', erbaut wurde.

In strukturell ähnlicher Weise, allerdings inhaltlich konträr, knüpft das 1899 entstandene Bild des Malers Lionel-Noel Royer, Vercingétorix jette ses armes aux pieds de César, an ein altgeschichtliches Thema an, nämlich das Ende des Widerstandes der freiheitsliebenden gallischen Völker im Bereich des späteren Frankreich gegen ihre provinziale Einfügung in das Römische Reich. Die Niederlage der aufständischen Gallierstämmme unter Führung des Vercingetorix nach der mehrmonatigen, nicht zu sprengenden Belagerung der Bergfestung Alesia durch das organisatorisch und waffentechnisch überlegene römische Heer unter der überlegenen politischen und militärischen Führung Caesars findet ihren augenfälligen und dramatischen Höhepunkt in der persönlichen Kapitulation des Arvernerfürsten Vercingetorix vor Caesar (Caesar, Bellum Gallicum, 7, 89; Cassius Dio, Rhomaike historia, 40, 41). Das für die Gallier und speziell für Vercingetorix bittere und tragische Ende des Aufstandes ist, so wird dem historisch kundigeren Betrachter des traurigen Bildes bedeutet, dennoch der Beginn eines historischen Prozesses, in dem sich römische Kultur und gallische Volkstraditionen fruchtbar verbinden zu einer Einheit, die auch für die nachantike Kultur des späteren Frankreich grundlegend ist. Es dürfte nicht zu weit gehen anzunehmen, daß der Maler und seine Zeitgenossem gerade hierin auch einen Kontrast sehen zu der historischen Entwicklung im 'freien Germanien', an die das deutsche Nationalbewußtsein dieser Zeit so nachdrücklich anknüpft. - Das Bild Royers ist eine von vielen Auseinandersetzungen seiner Zeit mit dem Thema der Eroberung Galliens durch die Römer, zu denen auch die intensive literarische Beschäftigung Napoleons I. und Napoleons III. damit (Napoléon Bonaparte, Précis des guerres de César, diktiert auf St. Helena um 1820, erschienen 1836.; Napoleon III., Geschichte Julius Caesars. Vom Verfasser autorisierte Übersetzung ins Deutsche, Wien 1866) und die Förderung der archäologischen Ausgrabungen sowie die Anlage eines Vercingetorix-Denkmals auf dem heutigen Mont Auxois südwestlich Dijon durch Napoleon III. gehören.

Zu beiden Abbildungen siehe: Flacke, Monika, und Rother, Rainer (Hg.), Mythen der Nationen. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums (März - Juni 1998), 2 Bde., Berlin 1998; S. 104 und 131.


 

LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)