Vorwort zum Skript "Die Vielzahl der Länder, Völker und Sprachen in der Alten Geschichte"

der gleichnamigen Vorlesung Gizewski im SS 2001.

a) Zielsetzungen.

Der Titel des Skripts spricht zwei verschiedene Ziele an, die nebeneinander in der Lehrveranstaltung verfolgt werden.

a) Einmal soll , um die Scheu des nicht entsprechend vorgebildeten Studenten und Lesers vor der Vielfalt des ihm oftmals unbekannten historischen Stoffes der Alten Geschichte zu vermindern, eine gewisse Übersicht hergestellt weren über die Geographie und die Völkerwelt des Altertums, und zwar durch eine Hervorhebung bestehender geographischer, sprachgeschichtlicher, kulturell-religiöser und politischer Zusammengehörigkeiten. Im Zusammenhang damit soll für einige zumeist recht unterschiedliche antike Völker - notwendig nur methodisch-exemplarisch und ansatzweise - eine historisch-ethnographische (völkergeschichtliche) Charakterisierung des Altertums unternommen werden, und zwar ausgehend von einer historisch-kritischen Erörterung antiker Textquellen, die sich mit ihnen befassen.

c) Die zweite Aufgabe ist eher geistesgeschichtlicher und historisch-erkenntniskritischer Art. Es geht um die Herausstellung derjenigen Momente, die zu den uns überlieferten Formen der antiken Kentnisse und Vorstellungen über Länder, Völker und Sprachen der damaligen Oikumene führten, und um die Würdigung ihrer Bedeutung in der antiken und nachantiken Geistesgeschichte generell und in der politischen Ideen- oder Ideologiegeschichte im besonderen; auch dabei dienen antike Textquellen als Ausgangsbasis.

b) Die Bedeutung der Völkergeschichte.

Was das erste Ziel betrifft, so wird hier die Themenaspekte 'Völkervielfalt' und 'Völkergeschichte' in den Mittelpunkt der Darlegungen gestellt. Dies bedarf auch in einer Zeit, in der in Europa oder anderen Weltregionen mannigfache nationenübergreifende politische und kulturelle 'Integrationsrozesse' stattfinden oder propagiert werden, keiner tieferreichenden Begründung; denn die Existenz verschiedener Arten von Völkern mit ihren vielfältigen und dauerhaften innen- und außenpolitischen Selbstbehauptungsansprüchen tritt auch heute vor allem in zahlreichen vehementen Spannungzuständen und Konflikten - aus rational oft ganz unsinnig erscheinenden Anlässen - hervor. Die in 'Völkern' organisierten menschlichen Traditionen, Interessenkonstellationen, Ideologien und Loyalitätsbindungen sind selbst in rechtlich und politisch 'hochintegrierten' politisch-kulturellen Zusammenfassungen der Gegenwart allgegenwärtig und brechen solche Zusammenhänge immer wieder auf und um.

Erst recht ist dies für 'nicht-integrierte' Weltregionen und andere, frühere Epochen der Geschichte offenkundig. Der Grund dafür liegt in folgendem. Neben den gelegentlich historisch agierenden Individuen und einigen praxisnahen sozialen und politischen Gesellungs- und Organisationsformen stellen vor allem 'Völker' geschichtlich bedeutsame objektive Systemstrukturen des Weltgeschehens und seiner Geschichte dar. In ihrem Rahmen vor allem bilden sich die historischen Ebtwicklungsprozesse aller Lebensgebiete heraus und organisieren sich gesellschaftsweit angelegte politische Entscheidungen und Handlungen. Sie eignen sich aus diesem Grunde ja besonders als Anknüpfungsobjekte für eine relativ übersichtliche Gliederung des vielfältigen historischen Stoffes der Geschichte; die tatsächliche wissenschaftliche Gewohnheit (in der Alten Geschichte z. B. mit Gebietsdefinitionen wie 'Römische Geschichte' oder Griechische Geschichte') bestätigt dies.

Das Ausgehen von 'Völkern' bedeutet insbesondere die Hervorhebung des Abgrenzungsmomentes, das in der Herausbildung dieser Klasse von Sozialsystemen regelmäßig besonders wirksam wird und zum einen Ursache ist für ihre historisch-evolutionär differenzierte Vielzahl; auf der heutigen Welt gibt es zum Beispiel ca.1000 größere Sprachvölker. Mehr noch: dieses Moment ist eine Hauptursache für die oben angesprochene Vielzahl und Vielfalt von Selbstbehauptungs- und anderen Ideen- oder Interessenkonflikten, die die relativ seltenen Phasen der Friedens-, vor allem aber die Kriegsgeschichte der Völkerwelt durchziehen. Die 'Irrationalität' der Vielzahl der Völker und ihrer Konfllikte untereinander ist ein offenbar durchgängiges Prinzip einer immer fortschreitenden evolutionären Differenzierung der Menschheit; die Kenntnismnahme von dieser Disposition des Menschengeschlechts ist wesentlich für die realistische Einschätzung der Triebkräfte des historischen Geschehens und damit auch ein wichtiger, nicht zu verdrängender Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Lehre.

Das gilt auch für die Altertumsgeschichte. Politisch-imperiale oder universal-religiöse Organisationsformen einerseits, wie etwa das römische Reich oder das Christentum, überwölbten zwar die Völkerwelt und vermochten sie in gewissem Umfang zu integrieren und sogar zu transformiern. Ethnische Differenzen, Konfikte und Neubildungen andererseits gingen ihnen dennoch voraus, begleiteten sie und lösten sie auch wieder auf.

Es sei hier, um das genannte Anliegen aus dem Wesen der Sache heraus zu begründen, eine Definition von 'Volk' als Kategorie einer wissenschaftlichen Historik gegeben, derer sich der Autor in diesem Skript immer wieder bedienen wird.

Völker sind wirklich existierende (nicht etwa nur imaginierte), sozialsystemisch strukturierte, abgegrenzte Teile der menschlichen Gesamtpopulation auf der Erde und als solche objektive Erscheingungen ('Subjekte' oder 'Objekte') der Geschichte.

Das bedeutet:

a) Sie sind durch den historischen Prozeß und die Umweltbedingungen als zumeist groß dimensionierte, abgegrenzte Sozialsysteme konstituiert ; folglich

  • sind sie relativ fest in ihrem Zusammenhalt und beständig im Fluß der Geschichte,
  • stellen sie nach außen abgegrenzte und ihrer selbst als abgegrenzte Einheiten bewußte menschliche Populationen unter Einbeziehung aller verwandtschaftlichen, politischen und sozialen Gruppen, Klassen und Gliederungen ('generativ' angelegter Zusammenhang eines Volkes) dar und
  • pflegen sie als abgegrenzte Gemeinschaften zur Selbstbehauptung gegenüber anderen menschlichen Populationen und zur Einwirkung auf diese disponiert und organisierbar zu sein.

b) Sie sind im Rahmen ethnographischer und historischer Erkenntnis grundsätzlich wissenschaftlich-systematisch beschreibbar und charakterisierbar. Allerdings unterliegt ihre Charakterisierung nicht selten den Interferenzen politisch oder kulturell einflußreicher Formen allgemeiner Meinungsbidung und Rhetorik, deren Auswirkung verkürzende und vereinfachende Formeln ('Stereotypen') der Völkerbeschreibung zu sein pflegen. Daß es ferner trotz aller Tradition und aller sonstiger relativen Kontinuität - in Institutionen, Sprache, Sitten, Verkehrsformen und Mentalitäten - eine historische Dynamik in der Außenabgrenzung und in den sozialsystembildenden Sinnmomenten bei Völkern zu geben pflegt, steht ihrer angemessenen Erfassung nicht prinzipiell entgegen, sondern ist ein allgemeins Erkenntnis- und Darstellungsproblem bei der Beschreibung historischen Systemstrukturen (wie z. B. auch bei der Charakterisierung von Staaten oder Religionen ).

c) Es lassen sich - je nach den Schwerpunktkriterien der Selbstabgrenzung - verschiedene Typen von Völkern feststellen (bilden), so etwa die der 'Abstammungs- und Brauchtumsvölker', der 'politischen Völker', der 'Sprachvölker' oder der 'Religionsvölker;' manche Völker verkörpern gleichzeitig mehrere Typen. Der 'neuzeitliche' Nationenbegriff europäischer Provenienz ist nur eine Spielart in dieser Typologie. Er läßt sich nicht ohne weiteres auf die antike Völkerwelt übetrtragen.

c) Die wissenschaftliche und allgemein-ideengeschichtliche Bedeutung antiker Geographie und Ethnographie.

Im Rahmen einer Erörterung der wissenschaftlichen und allgemein-ideengeschichtlichen Bedeutung antiker Geographie und Ethnographie - des oben zu a) genannten zweiten Ziels - sind hauptsächlich zwei Aspekte wichtig. Einmal ist es die Entstehung und Entwicklung des sachgemäßen Wissens über die bewohnte Erde und ihre Völker, d. h. auch seine antiken Erkenntnisgrenzen (z. B. die Unzugänglichkeit eines Großteils der Erdregionen vom antiken Mittelmeerraum aus) , seine Fehlbeurteilungen (z. B. das geozentrische Weltbild) und seine erkenntnisfördernden Momente (z. B. Entdeckungsreisen, Handelsbeziehungen und militärische Expeditionen). Zum anderen ist es die Entwicklung antiker 'Völkerbilder', d. h. mehr oder weniger zutreffender Theorien und Vorstellungen von dem Charakter bestimmter Völker, wahrgenommen aus einer 'Innen-' oder einer 'Außenperspektive' (z. B. der 'Barbaren' oder bestimmter 'Barbaren'-Völker, der Römer, Griechen, Juden o. a.). Das erste ist nicht nur von Bedeutung für das Verständnis antiker Verkehrsverhältnisse, einschließlich Völkerbeziehungen und -konflikte, sondern in vielerlei Hinsicht auch die Grundlage für dieEntwicklung und Erweiterung nachantiken geographischen Wissens und nachantiker Verkehrsentwicklungen gewesen (etwa die in der Antike erschlossene Kugelgestalt der Erde Grundlage der Expeditionsfahrten des 15. und 16. Jahrhunderts). Das zweite hat in mancherlei Hinsicht geistes- und ideologiegeschichtlich in späteren Epochen nachgewirkt (wie z. B. die aristotelische Klimazonentheorie zur Erklärung von Volkscharakteren oder die herodoteische Auffassung von einer grundsätzlichen kulturellen Differenz zwischen Asien und Europa).

d) Aufbau des Skripts.

In den drei einleitenden Kapiten befaßt sich das Skript überblicksartig zunächst mit den heutigen wissenschaftlichen Kenntnissen über antike Geographie und Völkerwelt, insbesondere mit der Vielfalt der zuständigen wissenschaftlichen Disziplinen und dem sehr erheblichen Erkenntniszuwachs, die gegenüber typischen Erkenntnisständen antiker Autoren heute in den Fachdisziplinen Allgemeine Geschichte, Archäologie, Sprachwissenschaft u. v. a. festzustellen sind.Daran schließt die überblicksartige Darstellung der Entwicklung antiken geographisch-astronomischen und ethnographischen oder sonstigen völkerbezogenen Wissens und Meinens an.

In den folgenden Kapiteln wird zunächst (Kap. 4 und 5) die Entwicklung der in einem antiken Sinne eher wissenschaftlichen Formen ethnographischer und geographischer Erkenntnisbildung erörtert und zwar exemplarisch an den einschlägigen Werken Herodots (für die griechisch-sophistisch geprägte Anfangsepoche), Strabons und Plinius. d. Ä. (für die hellenistisch-römischen Stufen der antik-wissenschaftlichen Fortentwicklung).

In den Kap. 6 und 7 geht es dagegen um die Entwicklung und Kontur antiker 'Völkerbilder', auch im Sinne von Völker-'Stereotypen' (völkerbezogenen Vorurteilen), und zwar einmal am Beispiel der Griechen, Römer und Juden als Völker des engeren Bereichs der mediterranen Hochkultur in Texten des Thukydides, Polybios, Vergil, Augustinus, Deutero-Jesaja und Flavius Iosephus, und zum anderen am Beispiel verschiedener 'Barbaren-Völker', betrachtet jeweils aus römischer Sicht von Caesar, Tacitus und Ammianus Marcellinus.

Kap. 8 befaßt sich mit der Gestalt, den Erkenntnisgrundlagen und den praktischen Zwecken antiker Kartenwerke am Beispiel der in der 'Geographike Hyphegesis' des Ptolemäus enthaltenen wissenschaftlichen 'Weltkarte' und der dem Reiseverkehr dienenden 'Tabula Peutingeriana'.

Kap. 9 soll schließlich einige Aspekte der vielfältigen nachantiken Wirkungsgeschichte antiken ethnographisch-geographischen Wissens und antiker Völkerbilder bis heute zur Sprache bringen, sowohl was die Entwicklung wissenschaftlich begründeter und dargestellter Kenntnisse als auch was konkrete Völkerbilder oder Muster ihrer Herausbildung, Begründung und auch Stereotypisierung betrifft.

e) 'Dynamische' Form des Skripts.

Das Skript entstand im Verlaufe der Lehrveranstaltung und diente zunächst vor allem ihrer Unterstützung. D. h.: alle im Dozentenvortrag angesprochenen Übungs- und reinen Lesetexte, Abbildungen und Literaturangaben wurden sofort eingestellt, um dem Dozenten und den Studenten die Vor-und Nacharbeit zu erleichtern. Im Fortschreiten der Ausführungen wurde das Skript jedoch verbessert und weiter ausgebaut, insbesondere was die verbindenden Texte, die Literaturverzeichnisse der Kapitel und natürlich auch die Schreibfehlerkorrektur betrifft, die beim elektronischen Publizieren leider ein besonderes, nicht immer sofort lösbares Zeitproblem darstellt. Diese Bearbeitung dauert noch an, wird aber in den nächsten Wochen abgeschlossen werden. Dabei werden inbesondere auch noch einige bisher nur stichwortartig gehaltenen Textbeiträge etwas ausgeführt und die Lösungstexte für die Übungsaufgaben ausgearbeitet werden.

Es sei abschließend hervorgehoben, daß dieses Skript dem Leser vor allem eine sachlich wohlstrukturierte und formal vernünftig knapp gehaltene Einführung in die zu Bildungszwecken weit gefaßte Thematik verschaffen will. Es will kein Handbuch sein. Die Lektüre weiterführender Literatur soll daher durch dieses Skript angeregt werden und ist bei weitergehendem Interesse angesichts der vielfältigen und von vielen Fachdisziplinen kommenenden wissenschaftlichen Beiträge zu den verschiedenen Aspekten des Gesamtthemas ebenso interessant wie nötig.

f) Schreibfehler.

Um eine anschauliche Einführung in die Vielzahl und Reichhaltigkeit der antiken Quellen zu bieten, wurde für dieses Skript eine Vielzahl von Quellentexten in deutscher Übersetzung und nicht selten auch, wenigstens partiell, in der lateinischen oder griechischen Originalsprache der wissenschaftlichen Editionen ausgewählt. Die technische Bearbeitung für das Internet erfolgt in diesem Falle so, daß aus Büchern Texte elektronisch kopiert und dann entweder als relativ umfängliche Bild-Dateien im PDF-Format oder als relativ magere Textdateien nach einem OCR-Konversions-Verfahren präsentiert werden. Beim OCR-Konversionsverfahren treten eine Vielzahl von Fehlern auf, die weggkorrigiert werden müssen. Gerade bei längeren Texten, wie sie in diesem Skript nicht selten präsentiert werden, sind die nach der OCR-Konversion nötigen Korrekturarbeiten sehr zeitaufwendig und setzen darüber hinuas ein hohes Maß an Aufmerksamkeit voraus. In der Regel sind mehrere Korrekturgänge nötig, um Fehler in annähernd befriedigendem Umfang zu beseitigen. Bei der Fertigstellung dieses Skripts wurde diese Arbeit möglichst sorgfältig, jedoch unter Zeitdruck, erledigt. Es kann sein, daß Schreibfehler - sowohl im deutschen als auch im altsprachlichen Text, soweit er konvertiert wurde - zurückgebliegen sind. Der Leser wird daher, insbesondere wenn er die hier präsentierten Texte weiterverwenden will, darauf hingewiesen, seinerseits darauf zu achten, ob solche Fehler evtl. vorliegen, und ggf. die Literatur heranzusiehen, aus der sie entnommen sind. Im Falle schwerer, sinnentstellender Fehler wird er um die Freundlichkeit gebeten, diese dem Autor mitzuteilen.

Christian Gizewski, 9. Okt. 2001.


LV Gizewski SS 2001

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)