AGiW_REGISTER
 

Kap. 1: Bedeutung und Inhalte der Altertumsgeschichte für den Mittelmeeraum und China im Vergleich. Die Rolle der Landwirtschaftsgeschichte darin. 

ÜBERSICHT: 

I. Bedeutung der Landwirtschaftsgeschichte im Rahmen der Kultur-Evolution im vorderasiatisch-europäischen und im fernöstlichen Bereich.

A. Zusammenfassende Thesen und Begriffsklärungen zu 'landwirtschaftsbasierten Kulturen' und 'Hochkulturen'.

B. Einige Daten zur Orientierung in der fernöstlichen und der westlichen Kulturentwicklungsgeschichte Eurasiens.

II. Funktionelle Bedeutung der Landwirtschaft in den Altertums-Hochkulturen.

1. Landwirtschaft als volkswirtschaftlicher Hauptfaktor.

2. Enge funktionelle Verbundenheit der gesellschaftlichen Sektoren 'Land', 'Stadt und 'Staat'.

3. Die Bedeutung der landwirtschaftlichen Basis für wichtige Strukturen hochkultureller Gesellschaften im Altertum.

    • Landwirtschaft und gesellschaftlich dominierende Prinzipien der Verwandtschafts- und Sozialordnung,
    • Landwirtschaft und städtische Organisationsform,
    • Landwirtschaft und die Bildung von Aristokratien,
    • Landwirtschaft und Staats-Strukturen.

III. Vergleichbarkeit und Vergleichsaspekte altertümlicher Landwirtschaft im Alten China und im Alten Mittelmeerraum.

1. Separatheit und Vergleichbarkeit der allgemeinen Kulturentwicklung der Menschheit im Westen und im Osten Eurasiens in der Vor- und Frühgeschichte und im jeweiligen 'Altertum'.

2. Beispiele für historisch interessante Aspekte einer vergleichenden Landwirtschafts- und Kulturgeschichte des Ostens und Westens Eurasiens.

    • Die ländlichen Wurzeln der Religion und der Moral.
    • Der landwirtschaftlich geprägte Charakter der Verwandtschaftsordnungen.
    • Die ökonomische Abhängigkeit der Produktion und Kultur der Städte vom Land.
    • Konservativismus und Fortschritt landwirtschaftlicher Produktion: Modelle der Eigenversorgung, Marktversorgung und Staatsversorgung durch das Land.
    • Dichotomisierungsprozesse in der Sozialordnung auf dem Lande: 'Freie Bauern', 'Landproletariat' und Großgrundbesitz.
    • Steuerverwaltung, Rechtsprechung, militärische Präsenz und Verkehrsführung des Staates auf dem Lande.
    • Örtliche Gemeinwesen auf dem Lande.

IV. Literatur und Medien.

I. Bedeutung der Landwirtschaftsgeschichte im Rahmen der Kultur-Evolution im vorderasiatisch-europäischen und im fernöstlichen Bereich. 

A. Zusammenfassende Thesen und Begriffsklärungen zu 'landwirtschaftsbasierten Kulturen' und 'Hochkulturen'.

ÜBUNG.

Stellen Sie begriffliche Merkmale zusammen, die nach Ihrer Meinung und Kenntnis für die auf dem oben abgebildeten Schaubild vorgenommene vergleichende Zusammenstellung von 'Ackerbaukulturen' und 'Hochkulturen' in allen Weltregionen maßgeblich gewesen sein könnten.

I. Begriffliche Merkmale der 'Ackerbaukulturen' (zusammenfassende Definition und ggf. Erklärung zu einzelnen Elementen der Definition).

II. Begriffliche Merkmale der 'Hochkulturen' (zusammenfassende Definition und ggf. Erklärung zu den einzelnen Elementen der Definition)


Abb. 1: Zur Kulturevolution auf der Welt. Aus: A. Sheratt u. a. (Hg.), Die Cambridge Enyklopädie der Archäologie, München 1980, S.434. Zur Vergrößerung in das Bild klicken).

1. In der Entwicklungsgeschichte der Menschheit stellen 'Jagen und Sammeln' über mehrere hunderttausend Generationen die üblichen Formen des Zugangs zu den von der Natur bereitgestellten Subsistenzmitteln dar. Dies Form der Existenzsicherung hat die Gattung Mensch mit ihren stammesgeschichtlichen Verwandten gemein.

Zur vor-holozänen Natur- und Menschheitsgeschichte.

Abb. 2: Die Erdzeitalter im Überblick.

Abb. 3: Zur Abstammungsgeschichte der Menschen.

Entnommen aus: Führungsblätter 1106 15 und 1007 15 des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Zeichnung H. Fleck, Berlin 1989.

 

2. Landwirtschaftlich basierte Formen der Existenzsicherung nehmen erst relativ spät, zuerst vor etwa zehn Jahrtausenden, sowohl im Nahen als wahrscheinlich ungefähr in dieser Zeit auch im Fernen Osten den Charakter weiter verbreiteter Kulturformationen an. Von den vorher üblichen Formen menschlicher Kultur setzen sich landwirtschaftlich basierte Kulturen im Westen und Osten Eurasiens wahrscheinlich im Laufe eines allmählichen, nicht von scharfen Entwicklungseinschnitten markierten Prozesses ab, d. h. durch Fortentwicklung hier und da von der Natur begünstigter Intensivnutzungen natürlicher Quellen, durch entsprechend differenzierte Fortentwicklung schon vorher gegebener Werkzeuge und Technologien sowie durch Fortentwicklung 'verwandtschaftlicher' Formen der gesellschaftlichen Organisation auf der Grundlage zunehmend ortsfester Siedlungsweisen.

 Abb. 4: Zur Entwicklung landwirtschaftsbasierter Kulturen im Westen Eurasiens.

Entnommen aus: Führungsblatt 1118 15 des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Zeichnung H. Fleck, Berlin 1989.

 

Abb. 5: Zur Entwicklung landwirtschaftsbasierter Kulturen im Osten Eurasiens.

Entnommen aus: A. Sheratt u. a. (Hg.), Die Cambridge Enyklopädie der Archäologie, München 1980, S. 153.

3. Landwirtschaftsbasierte Kulturen entwickeln sich im allgemeinen in Regionen, in denen der natürliche Bestand bestimmter energiereicher Pflanzenarten - vor allem wilder Getreideformen - und Tierformen die Ernährung größerer menschlicher Populationen gestattet und sich dabei in eine ortsfeste und planbare Form der Intensivnutzung (Domestikation) fortentwickelt. Allerdings ist die technologische Fortentwicklung nicht auf diese Bereiche beschränkt, sondern vollzieht sich in ihrem Zuge auch auf anderen Gebieten der Naturnutzung (z. B. in der Keramikherstellung und Metallurgie).

4. Mit der Form der ortsgebundenen Intensivnutzung natürlicher Quellen verbinden sich verschiedene Technologien, die vorherige Subsistenzformen nicht oder in nicht so ausgeprägter Weise kennen:

5. Die im Vergleich zu vorherigen Lebensformen größere Bevölkerungsdichte bei landwirtschaftsbasierter Existenzweise und die Notwendigkeit gemeinschaftlich abgestimmter durchgeführter Aufgaben, etwa bei größeren Bauwerks-, Wasserbau- und Landarbeiten, führen

6. Landwirtschaftlich basierte Kulturen entwickeln in der Konsequenz und in der gegenseitigen Verstärkung all dieser Momente

7. Religion, Moral und kollektive Ideenwelten sind im Gefüge landwirtschaftlich basierter Kulturen in starkem Maße von den Rahmenbedingungen der genutzten Vegetation und Tierwelt, dem Charakter und den Organisationsformen der Landwirtschaftsarbeit und der relativen Kleinräumigkeit und Bodenständigkeit der Lebensverhältnisse mitgeprägt.

8. 'Hochkulturen' stellen insoweit prinzipiell Fortentwicklungen landwirtschaftsbasierter Kulturen dar, als sie durchweg- wo immer sie auf der Welt entstehen - in ihren jeweiligen Entfaltungsbereichen auf 3000 bis 5000 Jahre alten landwirtschaftsbasierten Kulturen aufbauen (siehe dazu auch das Schaubild der obigen Übung 1).

 Abb. 6: Frühe Hochkulturbildungen im Osten und Westen Eurasiens.

Entnommen aus: Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., München 1990, S. 3.

 

9. Einige zuvor schon vorhandene Momente erfahren in 'Hochkulturen' jedoch eine 'Zuspitzung', d. h. eine erhebliche quantitative und qualitative Intensivierung, nämlich

 

B. Einige Daten zur Orientierung in der fernöstlichen und der westlichen Kulturentwicklungsgeschichte Eurasiens.

Die folgende Datenzusammenstellung (Quellen: siehe Literaturangaben, unten zu D.) soll einige kultur- und politikgeschichtliche Orientierungsdaten für die Einordnung der Landwirtschaftsgeschichte des westlichen und des östlichen Eurasiens in die Gesamtzusammenhänge der historischen Entwicklung dieser Weltregionen übersichtlich zusammenfassen.

 Fernöstliche/Chinesische Geschichte

Seit dem 8. Jt. v. Chr. verschiedene Vor- und Frühformen landwirtschaftsbasierter Kulturen im größeren fernöstlichen Raum.

Seit dem 4. Jt.: Bornzeverarbeitende Kulturen in Südostasien und in Südchina.

2. Hälfte des 3. Jts. v. Chr. Yang-shao-Kultur und Ende des 3. Jts. Lung-shan-Kultur als landwirtschaftsbasierte Kulturformationen, die als Ausgangsbasen der frühen chinesischen Reichsbildung gelten können.

Seit dem 5. Jht. v. Chr.: in Beginn des kulturell bedeutenden, Eisengebrauchs für die Werkzeug- und Waffenherstellungim chinesischen Bereich.


Ca. 2000 - 1500 v.Chr. Hsia-Dynastie (legendär).

Ca. 1700 - 1025 Shang (Yin)-Dynastie. Beginn er 'Stadtkultur' in enger Verbindung mit dern Herrschaftssitzen der Herrscher und Unterherrscher.

Ca. 1025 - 256 Chou-Dynastie.

'Westliche' Chou (ca. 1025 - 771).
'Östliche' Chou; Zeit der 'Streitenden Reiche' (771-256).

221 v. Chr. - 220 n. Chr. Altes chinesisches Kaiserreich nach der 1.Reichseinigung.

221 - 207 Ch'in-Dynastie
202 v. Chr. - 220 n.Chr. Han-Dynastie:
'Westliche' Han (202 v. Chr.- 9 n.Chr.).
Seit Beginn der Kaiserzeit:
Verbreitung des Münzwesens i. e. S.
Im 1. Jht. v. Chr. Ausdehnung des 'Städtewesens' im chinesischen Reich.
Hsin-Dynastie (9 - 23).
'Östliche' Han (25 - 220).
 

Seit 209 v. Chr.: Reichsbildungen uinter nomadischen Völkerschaften am Rande des chinesischen Reichs ('Hsiung-nu')

Seit dem 1. Jht v. Chr.: Reichsbildung in Japan (legendäres 'Yamato-Reich' ab 660 v. Chr.)

Seit dem 1. Jht. n. Chr.: Bildung von Reichen ('Drei Reiche' Koguryo, Silla und Paechke) in Korea.

Seit 200 n. Chr.: Bildung eines ersten größeren Reiches ('Funan') im Mekong-Delta (unter indischem und chinesischem Kultureinfluß).

220 - 280 'Drei Reiche' (1.Reichsteilung).

Wei (220 - 264).
Shu-Han (221 - 263).
Wu (222 - 280).

265 - 420 Chin-Dynastie (2. Reichseinigung).

'Westliche' Chin (265 - 316).
'Östliche' Chin (317 - 420).

420 - 589 Südliche und Nördliche Dynastien (2.Reichsteilung).


581/9 - 618 Sui-Dynastie (3. Reichseinigung).

618 - 906 T'ang-Dynastie.

907 - 960 'Fünf Dynastien' (3. Reichsteilung).

960 - 1279 Sung-Dynastie (4. Reichseinigung).

'Nördliche' Sung (960 - 1126).
Hsi-hsia (Tanguten, Tibeter, 990 - 1227)
Liao-Dynastie (Kitan, 907/1066 - 1125).
Chin-Dynastie (Dschürtschen, 1115 - 1234).
'Südliche' Sung (1127-1279).

1281 - 1368 Yuan-Dynastie (Mongolen).

1368 - 1644 Ming-Dynastie.


1644 - 1912 Ch'ing-Dynastie (Mandschu).

1912-1927 Republik China (Peking).

1927-1949 Republik China (Nanking).

seit 1949 Volksrepublik China/Republik China (Taiwan).

 Westlich-eurasische/Antike und europäische Geschichte

Seit dem 8. Jt. v. Chr. : erste landwirtschaftsbasierte Kulturformen im Vorderen Orient ('Fruchtbarer Halbmond').

Bis zum 5. Jt. : Diffusion landwirtschaftsbasierter Kulturen (vermutlich) vom vorderorientalischen Ausgangsgebiet auf den gesamten Mittelmeerraum, den nördlich anschließenden europäischen Bereich bis Britannien und Skandinavien sowie den den südwest- und südasiatischen Bereich einschließlich Indiens.

Seit dem 4. Jt.: Nachweislicher systematischer Kuperferzabbau auf der Sinai-Halbinsel und in Spanien; seit dem 3. Jt. im Kaukasus, im Norden Iraks, in Kleinasien und in Zypern. Seit Beginn des 2. Jt. nachweislich systematischer Zinnabbau und Zinnverhüttung für Bronzeherstellung in Mesopotamien, Ägypten und im Bereich der helladischen Kulturbildungen.Diffusion der metallurgischen Techniken in die jeweiligen Nachbargebiete.

Seit dem 13. Jht. v. Chr. erstmals umfänglicherer Gebrauch des Eisens - für die Waffenherstellung im Hethiterreich. Seit dem 12. Jht. Verbreitung des Eisens in allen damaligen Hochkulturen. Beginn der Eisengewinnung im Alpenbereich seit dem 8. Jht. v. Chr. (letzte Phase der 'Hallstatt-Kulutr').


Im 4. Jt.: Beginn der sumerischen Stadtkultur (in Uruk seit 3300).

Im 3. Jt.: Politische Vereinigung Ober- und Unterägyptens (um 2900) und 'Altes Reich' in Ägypten (2640 - 2155); erste Stadtkulturen und Reichsbildungen in Palästina und Elam; Entwicklung der Stadtreiche von Ur und Lagasch (um 2500); Bildung des Reiches von Akkade als ersten territorialen Großreichs in Mesopotamien (2330 - 2150; Sargon I. Reichsgründer).

Im 2. Jt.: Kretisch-mykenische Palastkultur (seit 2000, hochentwickelt 1580 - 1075); 'altes' und 'neues' Hethiterreich (1690 - 1490 und 1440 - 1200); 'mittleres' und 'neues' ägyptisches Reich (1785 - 1551 und 1551 - 1070); 'altes' babylonisches Reich (1830 - 1531; um 1700 Hammurabi); erstes unabhängiges Reich von Assur (im 18. Jht.); Mitanni-Reich (1460 - 1340); Stadtreiche in Südarabien; Beginn kanaanäischer Stadtgründungen (seit 2100); Beginn aramäischer Reichsbildungen (seit 1300); Beginn der phönizischen Kolonisation (in Tunesien seit 1200); kretisch-mykenische Kultur (1580 - 1075); neue Herrschaftsbildungen in Griechenland seit der dorischen Wanderung (um 1200).

Im 1. Jt. v. Chr.: Gründung und Entfaltung Karthagos (seit 814); etruskische Städtebildung (seit 8. Jht.); Gründung und Entfaltung des römischen Stadtstaates (seit 753); griechische Besiedlung Kleinasiens (seit 900) und stadtbildende Kolonisation im Mittelmeer- und Schwarzmeer-Raum (8. - 6. Jht.); phrygisches Reich (im 8. Jht.), lydisches Reich (680 - 547); medisches Reich (700 - 550); 'neuasyrisches' Großreich (1050 - 609); 'neubabylonisches' Großreich (626 - 535); persisches Weltreich (550 - 330); Entfaltung der 'klassischen' griechischen Polis-Kultur (zwischen 510 und 338); Alexander-Reich und hellenistische Reiche (336 - 31); Entfaltung des römischen Weltreiches (seit dem 3. Jht. v. Chr.).Verbreitung des phönizischen Alphabets im Mittelmeerraum (seit Beginn des 1. Jt.s).Verbreitung des von Lydien ausgehenden Münzwesens im Mittelmeerruams (seit dem 7. Jht.).

31 v. Chr. - 478 n. Chr. Römisches Kaiserreich (Westen); -1453 n. Chr. (Byzanz).


Seit dem 5. Jht. n. Chr. : In der Folge der Völkerwanderung Bildung germanischer, später slawischer und islamischer Reiche auf Gebieten des vormaligen Römischen Reichs. Enstehung und Entfaltung der mittelalterlichen Staatenwelt in Europa.

Seit dem 12. Jht.: Entfaltung des mittelalterlichen Städtewesens.


Seit dem 15. Jht.: Enstehung der in neuzeitlichen 'souveränen' Staaten organisierten politischen Ordnung Europas und Entfaltung einer weltweiten Kolonisation durch europäische Mächte.

Seit dem 18. Jht.: Herausbildung der industriellen (d. h. der nicht mehr primär landwirtschaftlich basierten), der gesamtvolkswirtschaftlichen, der sozialen und der politischen Organisationsformen neuzeitlicher europäischer Massengesellschaften.

II. Funktionelle Bedeutung der Landwirtschaft in den Altertums-Hochkulturen.

1. Landwirtschaft als volkswirtschaftlicher Hauptfaktor.

Auch wenn das gesellschaftliche Geschehen in 'Hochkulturen' von städtischen oder stadtähnlichen Zentren auszugehen und in gewissem Umfang auch politisch gesteuert zu werden pflegt, so ist es doch andrerseits für die Hochkulturen der früheren Hochkulturgeschichte auf der Welt - im Kontrast etwa zu denen der Jetztzeit - bezeichnend, daß das städtische und das staatliche Leben seine Energie im wesentlichen aus der landwirtschaftlichen Basis der Gesellschaft bezieht. Dies ergibt sich u. a. aus folgendem:

 Zur Veranschaulichung:

Nimmt man einmal ein (fiktives) Bruttosozialprodukt innerhalb einer (fiktiven) definierbaren Population einer Altertums-Hochkultur im Osten oder Westen Eurasiens als 'zum größten Teil' - z. B. zu 90 % - aus einem (fiktiven) definierbaren Volkswirtschaftssektor 'Landwirtschaft' stammend und als 'vom größten Teil' - z. B. ebenfalls von 90 % - der 'Erwerbstätigen' der gemeinten Population hergestellt an, so dürfte man ungefähr zutreffend das gesamtwirtschaftliche Gewicht der 'Landwirtschaft' in Altertumshochkulturen eingeschätzt haben. Im Vergleich zu späteren Größen, insbesondere der industriell- neuzeitlichen Volkswirtschaften mit vergleichbarer Bevölkerungszahl, dürfte ein fiktives Bruttosozialprodukt in einer fiktiven Population des Altertums niedrig zu anzusetzen sein. Dies hat verschiedene grundsätzliche Konsequenzen für Wirtschaftskraft, poltische und soziale Strukturen der - hier typologisch gemeinten - Altertumskulturen

Ihre grundlegende Bedeutung wird am besten dadurch klar, daß man für einige heutige - zumeist, aber oft erst teilweise fortentwickelte - Staaten die statistisch zugänglichen Daten über das Bruttosozialprodukt im Verhältnis zur Bevölkerung (BSP/Pop), den Anteil der Landwirtschaft am Bruttosozialprodukt (% LW-BSP) und den Anteil der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung an der Gesamtzahl der Erwerbtätigen (% LW-ErwT) miteinander vergleicht und in Beziehung zur politischen und gesellschaftlichen Strutkur der jeweiligen Länder setzt.

 Land  BSP/Pop  % LW-BSP  % LW-ErwT
 VR China  442Mrd.$/1130Mill.  27  60
 Japan  3500Mrd.$/124Mill.  2  5
 Vietnam  11Mrd.$/69,5Mill.  35  60
 Thailand  106Mrd.$/58Mill  12  64
 Irak  29Mrd.$/19Mill.  16  19
 Ägypten  34Mrd.$/48Mill.  18  33
 Türkei  114Mrd.$/59,5Mill.  15  45
 Griechenland  75Mrd.$/10,5Mill.  15  21
  Italien  1186Mrd.$/56Mill.  3  8
 Frankreich  1278Mrd.$/57,5Mill.  3  5
 Russ. Föderation  397Mrd.$/147,5Mill.  13  13
 USA  5904Mrd.$/249Mill.  1,4  3
 Deutschland  1800Mrd$/81Mill.  1  4

Zahlen (für die Jahre 1992/93; in abgerundeter Vereinfachung) entnommen aus: Der Fischer-Weltalmanach 1995. Zahlen, Daten, Fakten, hg. von D. M. Baratta, Frankfurt /M. 1994, s. v. cit.

 

2. Enge funktionelle Verbundenheit der gesellschaftlichen Sektoren 'Land', 'Stadt und 'Staat'.

'Land', 'Stadt' und 'Staat' sind in Altertums-Kulturen typischerweise u. a. in folgenden Aspekten nmiteinander funktionell eng verbunden:

 Zur Veranschaulichung:

Im Griechischen bezeichnen die Worte 'asty' (Stadt), 'asteios' (städtisch) in spezieller Bedeutung auch einen kultivierten, feinen und schlagfertigen Geist, das Wort 'anasteios' dagegen ein grobes, bäuerisches Wesen. Ähnlich haben die lateinischen Worten 'urbanus' (städtisch), 'urbanitas' (städischer Charakter) eine positiv bewertende Nebenbedeutung und bedeuten die Worte 'rus' (Land), 'rusticus' (ländlich), 'paganus' (auf dem weiten Land außerhalb der Stadt lebend) demgegenüber ein einfältiges, ungebildetes und in wesentlichen Dingen unkundiges und uninteresiertes Wesen. Unmittelbar neben diesen Wortbedeutungen stehen jedoch völlig konträr positiv besetzte Bewertungen ländlichen Wesens, insbesondere ländlich-altehrwürdiger Traditionen des 'einfachen' Lebens und der sittlich unverdorbenen Lebensform in Worten wie griech. 'georgos', 'georgike' oder lat. 'agricola'. 'agricultura'.

Die altchinesische Tradition der Stadtgründung macht die Städte zu Zentren der Kultausübung, der Herrschaftsrepräsentation, des Handels und des Handwerks, die die innerhalb der Mauern und Wälle lebenden Kategorien von Stadtbewohnern von den Außenlebenden abgrenzt und zu Trägern besonderer Zeremonien und Rechtsverhältnisse werden läßt. Die herrschaftlichen 'Höfe' in den Städten sind Zentren des gebildeten Nachdenkens über die 'Riten' (li) und der darauf aufbauenden Formen philosophischer Bildung und gehobenen Geschmacks. Die Masse des Volks, die daran nicht Anteil zu nehmen versteht, wird pejorativ als 'xiaoren' oder 'mang' bezeichnet. Andrerseits gibt es auch innerhalb der städtischen Umwallungen Ackerbau, und die verschiedenen Richtungen der hohen Geisteskultur verstehn sich prinzipiell nicht etwa als einer 'natürlichen Harmonie' und der umgebenden natürlichen Landschaft entgegengesetzt, sondern als ihrem 'Geist' in besonderem Maße verpflichtet (siehe dazu :M. Granet, Die chinesische Zivilisation, S. 97 ff.; Literaturangaben zu IV.).

 

3. Die Bedeutung der landwirtschaftlichen Basis für wichtige Strukturen hochkultureller Gesellschaften im Altertum.

Das zuvor typisierend dargestellten Beziehungen zwischen Land, Stadt und Staat wirken sich - verglichen mit heutigen Gesellschaftsformationen - in folgenden strukturellen Verhälnissen markant - und charakteristisch für hochkulturelle Gesellschaften sowohl eines 'westlichen' als auch eines 'östlichen' Altertums - aus:

a) Landwirtschaft und gesellschaftlich dominierende Prinzipien der Verwandtschafts- und Sozialordnung.

Die Muster der Familien- und Dorforganisation des ländlichen Bereichs, seine Arbeitsteilung und Machtverhältnisse, seine mentalen und moralischen Traditionen wirken maßgeblich auf die im Ansatz an sich sozial mobileren, großräumigen Politik- und Verwaltungsaktivitäten dienenden und über größere wirtschaftliche Potentiale verfügenden städtischen und staatlichen Strukturen ein. So sind zum Beispiel die Lebensverhältnisse in vierlerlei Hinsicht sozial stark polarisiert, städtische und staatliche Ämter- und Organisationsstrukturen sind familienverbands- oder patronatsähnlich und hierarchisch aufgebaut, Recht und Moral sind in ihren Prinzipien traditionell gebunden und durch Neusetzungen schwer veränderbar, die gesellschaftlichen Leitvorstellungen religiös fundiert und auf eine ferne Idealvergangenheit ausgerichtet.

b) Landwirtschaft und städtische Organisationsform.

Die Städte sind in starkem Maße Landverwaltungszentren, Märkte für Landprodukte des umgebenden Landes und handwerkliche Dienstleistungen für dieses Land, dazu auch Residenzorte für ländliche Großgrundbesitzer. Auch wenn die Bevölkerungsmassierung, die Präsenz staatlicher Behörden und Amtsträger, des Militärs und des nicht ortsgebundenen Kreises 'fremder' Händler und Gäste anderen Organisationsnotwendigkeiten folgt als die Ordnung ländlicher Gemeinschaften und Dörfer, so steht doch die enge Bindung an die Bedürfnisse des umgebenden Landes der Bildung einer dem Land gegenüber selbständigen oder gar transformativen 'Stadtkultur' - etwa in einem 'modernen' Sinne - entgegen. So ist zum Beispiel der Bürgerstatus in griechischen Poleis und im römisch-republikanischen Stadtstaat in der Weise mit dem Grundbesitz verbunden, daß u. a. Nicht-Bürger an einem 'vollgültigen' Grundeigentumserwerb gehindert sind, daß Nicht-Grundbesitzer ein gemindertes oder ein im Rahmen einer Wahlklasseneinteilung nachrangiges Bürgerrecht haben. Schon im altchinesischen Bereich werden Händler, auch wenn sie sehr reich sind, in der sozialen Rangfolge hinter den Bauern eingeordnet.

c) Landwirtschaft und Bildung von Aristokratien.

Die politische Herausbildung ziviler und militärischer Staatsdiener-Eliten in den Staatsordnungen des Altertums und die über die regionalen Landwirtschafts-Märkte erfolgende soziale Differenzierung der Landbevölkerung in Großgrundbesitzer, selbständige kleinere Landbesitzer und ein 'Landproletariat', verbindet sich zur Herausbildung eines Typus von Aristokratie, bei dem der umfängliche Landbesitz zugleich Standesmerkmal , Remuneration für geleistete Staatsdienste und Basis eines regionalen Einflusses ist. Da der Landbesitz die einzige in landwirtschaftsbasierten Hochkulturen zur Verfügung stehende substanzielle Möglichkeit größerer sozialer Privilegierung ist, konzentriert sich die Bildung von Aristokratien immer auch auf die Verteilung des Großgrundbesitzes in einem Gmeinwesen.

d) Landwirtschaft und Staats-Strukturen.

Da der größte Teil eines (fiktiven) Sozialprodukts in Altertumshochkulturen aus der Landwirtschaft stammt, muß der Staat aus dieser auch die Werte und Leistungen entnehmen. die er vor allem für die Aufrechterhaltung seiner militärischen und administrativen Funktionen und zur Bezahlung oder Versorgung seiner Funktionäre und Bediensteten benörtigt. Aus diesem Grunde ist der Staat

Im Gegenzuge muß ihm daran liegen, die dafür nötige Verwaltung des Landes 'friedlich und gerecht' zu organisieren, um Widerstand der Landbevölkerung gegen eine Überlastung durch Steuern, Arbeits- und Militärdienste auszuschließen. Der - zumal in bestimmten Belastungssituationen, etwa durrch Kriege - besonders große Mittelbedarf des Staates kann - z. B. bei schwankenden oder ausbleibenden landwirtschaftlichen Erträgen, aber auch bei Mißständen in der Steuerverwaltung - zu Aufständen verschiedener Art und Größe führen, wie sie zum Beispiel aus dem chinesischen und aus dem römischen Reich in größerer Zahl bekannt sind.

 

C. Vergleichsaspekte altertümlicher Landwirtschaft im Alten China und im Alten Mittelmeerraum.

1. Separatheit und Vergleichbarkeit der allgemeinen Kulturentwicklung der Menschheit im Westen und im Osten Eurasiens in der Vor- und Frühgeschichte und im jeweiligen 'Altertum'.

Die landwirtschaftliche und die hochkulturelle Kulturentwicklung im Westen und im Osten Eurasiens erfolgt in vorhistorischer Zeit und in den jeweiligen Epochen des Altertums ohne nennenswerte gegenseitige Beeinflussung. Die wenigen - in den überlieferten Quellen der jeweiligen Kulturbereiche sich kaum widerspiegelnden - Verbindungen über eine Distanz von mehreren tausend Kilometern und die Vermittlung dazwischenliegender Völker und Reiche macht das unten wiedergegebene Kartenbild für das 2. Jht. n. Chr. deutlich. Dabei ist es - jedenfalls für die Zeit des jeweiligen 'Altertums' - etwa bis zum 6. Jht. n. Chr. geblieben. Zu wirklich dichten historischen Interaktionen zwischen Osten und Westen Eurasiens ist es aber erst seit dem Beginn der neuzeitlichen europäischen Kolonisation gekommen.

Ein Vergleich der geschichtlichen Entwicklung in beiden Weltregionen kann daher von keinerlei (oder allenfalls nur von geringfügigen) genetischen Gemeinsamkeiten der beiden Kulturzonen ausgehen. Er kann vielmehr nur von im Erscheinungsbild ähnlichen Strukturen und Funktionen historischer Phänomene und Abfolgen hier und da ausgehen und danach fragen, wie sie im jeweiligen gesellschaftlichen Rahmen zu verstehen sind. Zweifellos gibt es aber trotz eines fehlenden gemeinsamen Ursprungs Ähnlichkeiten auf verschiedenen Ebenen - sowohl der Landwirtschaftsentwicklung als auch der Hochkulturentwicklung i. S. der oben zu A 2 gegebenen Begriffsbestimmungen -, die deshalb andere, sei aus der 'Natur' der Menschheit, sei es aus der 'Natur' des sie umgebenden Raums, sei es aus anderen historisch wirksamen Momenten folgende funktionelle Erklärungen von Ähnlichkeiten und Differenzen erfordern.

Abb. 7: Die Verbindungen zwischen fernöstlichen und dem nahöstlich-mediterranen Kultirraums während ihrer Altertumsgeschichte.

Entnommen aus: W. Bauer (Hg.), China und die Fremden, München 1980, S. 80 f. (leicht verändert).

2. Beispiele für historisch interessante Aspekte einer vergleichenden Landwirtschafts- und Kulturgeschichte des Ostens und Westens Eurasiens.

Dabei ist nach dem zuvor Ausgeführten zum Beispiel für die folgenden Bereiche sozialen Lebens eine gewisse zumindest formal ähnliche Prrägung durch landwirtschaftliche und ländliche Kulturtraditionen anzunehmen, denen deshalb im Zusammenhang mit den einzelnen Themenkomplexen der Lehrveranstaltung besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden soll:

 

IV. Literatur und Medien.

Siehe auch: LITERATURVERZEICHNIS_LV_LANDWIRTSCHAFT_IM_ALTERTUM

 
A. Sheratt u. a. (Hg.), Die Cambridge Enyklopädie der Archäologie, München 1980; siehe Allg. Literaturverzeichnis - Nr. 3.
H. Müller-Karpe, Geschichte der Steinzeit, München 1974; siehe Allg. Literaturverzeichnis - Nr. 3.
M. Kuckenberg, Siedlungen der Vorgeschichte in Deutschland, 30000 bis 15. c. Chr., (Dumont) Köln 1994 2 .
Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., München 1990.
Führungsblätter des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin (fortlaufend).
Josef Riederer, Archäologie und Chemie - Einblicke in die Vergangenheit. Ausstellung des Rathgen-Forschungslabors SMPK 1987/88, Berlin 1987.
Der Große Ploetz, Auszug aus der Geschichte, begründet von J. Ploetz, bearbeitet von 69 - auf S. XVIII - XX genannten - Fachwissenschaftlern, (Verlag Ploetz) Freiburg, Würzburg 1986.
Der Fischer-Weltalmanach 1995. Zahlen, Daten, Fakten, hg. von D. M. Baratta, Frankfurt /M. 1994.
Wolfram Eberhard, Chinas Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 1971 (Darstellung der chinesischen Geschichte vor allem mit wirtschaftlichen und sozialen Themenschwerpunkten).
M. Granet, Die chinesische Zivilisation, Frankfurt 1985, S. 97 ff. (Die fürstliche Stadt); siehe Allg. Literaturverzeichnis - Nr. 3.
 

Zur Evolutionsgeschichte der Menschheit, zur Vor- und Frühgeschichte und zur Altertumsgeschichte sei sowohl auf die entsprechenden wissenschaftlichen Bibliothken innerhalb der Berliner Hochschulen als auch auf die Berliner Museen für Naturgeschichte (Mitte, Invalidenstraße), Vor- und Frühgeschichte (Charlottenburg) und der Museumsinsel hingewiesen. Siehe dazu auch die elektronischen Querverweise der WWW-Seite http://www.tu-berlin/fb1/AGiW, Abteilung 'Eratosthenes':

ALTHITORISCH_INTERESSANTE_BERLINER_BIBLIOTHEKEN_UND_MUSEEN

 


 

LV Gizewski WS 1997/98

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)