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Kap. 4: VERWANDTSCHAFTSORDNUNG, MORAL UND RELIGION AUF DEM LANDE.

ÜBERSICHT:

I. Kulturvergleichende Vorbemerkungen.

II. Das westliche Altertum.

A. Die Vielfalt der Epochen und Regionen im westlichen Altertum. Die Bedeutung der italisch-römischen Verhältnisse darin.

B. 'Ländliche' Gemeinschaftsformen und ihre Normen.

1. Familie und Verwandtschaft.
a) Strukturformen der Haus- und Erbverwandtschaft,
b) Strukturformen der Wahlverwandtschaft und affinen Verhältnisse,
c) Strukturformen der größeren Verwandtschaftsverbände.
2. Nachbarschaften und örtliche Gemeinschaften mit wirtschaftlichen und anderen verwandtschaftsübergreifenden Funktionen.
3. Ethnische Gruppierungen.
4. Rechtliches Herkommen und Prinzipien moralischer Ordnung.
5. Gottheiten oder numinose Wesen 'des Landes' und ihr Kult.

III. Die altchinesische Perspektive.

IV. Literatur, Medien, Quellen.

 I. Kulturvergleichende Vorbemerkungen: Landwirtschaft und gesellschaftlich dominierende Prinzipien der Verwandtschafts- und Sozialordnung.

Es gibt im östlichen und im westlichen Altertum gleichermaßen charakteristische Muster der Familien- und Dorforganisation des ländlichen Bereichs, seiner Arbeitsteilung und seiner Machtverhältnisse, seiner mentalen und moralischen Traditionen. Man kann sie so zusammenfassen:

Diese Ordnungen wirken nicht nur auf dem Lande selbst, sondern sie beeinflussen in den landwirtschaftsbasierten Kulturen des Altertums generell auch auf die städtischen und staatlichen Strukturen, die im Ansatz an sich sozial mobileren, großräumigen Politik- und Verwaltungsaktivitäten dienen und dabei über erhebliche wirtschaftliche Potentiale verfügen. Obwohl diese Strukturen auf Gleichheit, Sachlichkeit, Nicht-Verwandtschaft und Großorganisation, sind auch sie in gewissem Umfang, wo es sich anbietet, patrimonial, kleinverbandlich und hierarchisch geordnet. Recht und Moral unterscheiden sich in ihrer Traditionalität und Konservativität weithin und prinzipiell nicht von der des umgebenden Landes, auch wenn das Moment der Setzung und des Beschlusses für die städtisch-politischen Rechtsordnungen neben der gewohnheitsrechtlichen Normativität in Hochkulturen erhebliche Bedeutung entwickelt und die Dynamik des städtischen Handels und Wandels fremde Einflüsse und Relativierungen ortsstämmiger Traditionen mit sich zu bringen pflegt.

Der Basisbereich sozialer Organisation wird von den Verwandtschaftsordnungen der verschiedenen, zumeist ethnisch abgegrenzten Traditionsgemeinschaften gebildet. Sie sind schon innerhalb bestimmter Kulturkreise des Altertums unterschiedlich und können sich darüber hinaus im Laufe der Zeit verändern. Da ihre Einrichtungen und Einteilungsmuster ferner mit jeweils eigenen Terminologien bezeichnet werden, die nicht ohne weiteres vergleichbar sind, ist es im Interesse einer vergleichbaren und genaueren Beschreibung der verschienartigen Ordnungen ratsam, eine einheitliche Terminologie zu verwenden und ggf. fortzuentwickeln, wie sie in der Ethnologie bei der kulturübergreifenden Untersuchung und Klassifikation von Verwandtschaftsordnungen 'primitiver' und 'zivilisierter' Völker, etwa seit einer weltweit bestandsaufnehmenden Untersuchung ('cross-cultural survey ') von 250 'societies' in allen Erdteilen durch ein wissenschaftliche Projekt unter George P. Murdock (Social Structure, New York 1949) entwickelt und üblich geworden ist. Eine Zusammenfassung wichtiger ethnologischer Begriffe, wie sie zum Zweck der Klärung des historischen Sprachgebrauchs verwendet werden kann, findet sich bei Frank R. Vivelo, Handbuch der Kulturanthropologie, dt. Übers., 1988, S. 308 - 349 (siehe unten P. IV: Literatur, Medien, Quellen).

Die ethnologische Forschung hat für ihren Bereich klargestellt, daß verwandtschaftliche Ordnung in ihren unterschiedlichen Funktionen immer auch eine Sozialordnung ist, d. h. eine normative Gesamtregelung mit Geltung für das Leben ganzer Populationen, bei der es ferner nicht nur um die Verhältnisse von Blutsverwandten, sondern überhaupt um die Gestaltung von sozialen Nahverhältnissen, also z. B. Schwägerschafts-, 'Adoptions-', Nachbarschafts- und örtlich-dörflichen Verhältnissen geht. Ferner sind mit ihr elementare und auch differerziertere Formen der Arbeitsteilung und des wirtschaftlichen Austausches, Formen der großverbandlichen und damit vorpolitischen Organsation, etwa in Stämmen, und schließlich auch Formen der Religionsausübung, etwa im Ahnenkult und in der Verehrung von Haus- , Flur- oder auch kosmischen Göttern (Gestirns-, Wetter-, Erd-, Meer-Götter) eng und praktisch untrennbar verbunden. Ferner pflegen sich Siedlungs- und Sprachgewohnheiten mit dem Geltungsbereich von Verwandtschaftsordnungen zu decken.

Dies alles bildet eine Einheit der 'Sitten und Gebräuche', deren jeweils tragende Gemeinschaften ihren Angehörigen mit ihren Grenzen und Differenzen gegenüber andersartigen Gemeinschaften bis in allerkleinste Kleinigkeiten bewußt zu werden pflegen. In der Geschichte der Altertumshochkulturen spielen diese Differenzen zwischen den Ordnungen ihrer jeweiligen Völker eine mindestens ebenso große Rolle wie in der Neuzeitgeschichte; anders als in der Neuzeit dürfte dies im Altertum aber auf die jeweils maßgeblichen bäuerlichen (oder nomadischen) Lebensformen zurückzuführen sein, die sich in langer Tradition herauszubilden und gegen Wandlungen und energisch abzugrenzen pflegen. Ihr systematischer Zusammenhang pflegt heute wissenschaftlich in variierender Terminologie als 'Gesellschaft', 'Kultur' oder Ethnos/Volk (engl. 'society', 'culture ', 'people', bei Hochzivilisationen auch 'civilisation') bezeichnet zu werden.

Der folgende Beispieltext macht nicht nur die Wahrnehmung der Verschiedenheit der fremden ägyptischen Kultur durch den sie beobachtenden griechischen Historiker Herodot im 5. Jht. v. Chr. deutlich; er zeigt auch in der Art seiner witzigen, antithetischen und sicherlich etwas übertreibenden Formulierung, wie stark schon kleine, möglicherweise gar nicht so gravierende und leicht erklärliche Unterschiede in der ethnischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ins Gewicht fallen, d. h. aus einem stabilen Traditionsbewußtsein heraus eher überbewertet werden.

Herodot, hist. 2, 35.

Ich will nun ausführlich von Ägypten erzählen, weil es mehr wunderbare Dinge und erstaunliche Werke enthält, als alle anderen Länder. Darum müssen wir es genauer beschreiben.

Wie der Himmel in Agypten anders ist als anderswo, wie der Strom anders ist als andere Ströme, so sind auch die Sitten und Gebräuche der Agypter fast in allen Stücken denen der übrigen Völker entgegengesetzt. So gehen in Agypten die Frauen auf den Markt und treiben Handel, und die Männer sitzen zu Hause und weben. Und die anderen Völker schlagen beim Weben den Einschlag von unten nach oben fest, die Agypter von oben nach unten. Die Männer tragen die Lasten auf dem Kopf, die Frauen auf den Schultern. Die Frauen lassen ihr Wasser im Stehen, die Männer im Sitzen. Die Entleerung macht man im Hause ab, essen tut man auf der Straße. Sie geben als Grund dafür an, daß man natürliche Bedürfnisse, soweit sie häßlich sind, im geheimen, soweit sie nicht häßlich sind, öffentlich befriedigen müsse. Priesterämter, sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Gottheiten, versehen nur die Männer, nie die Frauen. Für den Unterhalt der Eltern zu sorgen, werden nur die Töchter gezwungen; die Söhne brauchen es, wenn sie nicht wollen, nicht zu tun.

In einer Festigkeit der Sittenordnung und Traditionen sehen nicht nur 'die Alten' im Osten und Westen Eurasiens idealisierend das Richtige eines 'ländlichen' oder 'natürlichen' Lebens; sie dürfte auch tatsächlich - wenn auch nicht ideal - in bäuerlichen und nomadischen Lebensgewohnheiten ihre Grundlage haben, deren Eigentümlichkeit vielleicht erst in einem Vergleich mit 'modernen', 'dynamischen' Lebensbedingungen einer vernetzten, industrialisierten Massengesellschaft deutlich werden. 

II. Das westliche Altertum.

A. DIE VIELFALT DER EPOCHEN UND REGIONEN IM WESTLICHEN ALTERTUM. DIE BEDEUTUNG DER ITALISCH-RÖMISCHEN VERHÄLTNISSE DARIN.

Im allgemeinen läßt sich der Normaltypus der in bäuerlichen und in nomadischen Lebensverhältnissen bestehendem Verwandtschaftsordnungen im Bereich der vorderorientalisch-mittelmeerischen Altertumskulturen mit der heute üblichen ethnologischen Terminologie als patrilokale, patrilineare und patridominante Mehrgenerationenfamilie (mit verschiedenen möglichen Eheformen und weiteren Formelementen) identifizieren. Siehe dazu unter generellen ethnologisch-anthroplologischem Aspekten auch: F. R. Vivelo, Handbuch der Kulturanthropologie (1981), S. 105 ff. (Höherer Bodenbau) und S. 122 ff. (Hirtentum); Literaturverzeichnis zu P. IV. unten. Wo die überlieferten Quellen die dafür unabdingbar nötigen klaren rechtlichen Aussagen zulassen, was Haus- und Erbordnung, Bestimmungsrechte und Folgepflichten innerhalb verwandtschaftlicher Klein- und Großruppen betrifft, gibt es, wie es scheint, kaum andere Deutungsmöglichkeiten. Dies bezieht sich beispielsweise auf das babylonische Reich Hammurabis, die altägyptische Kultur, die Lebenswelt des Volkes Israel, die griechischen Stämme, Städte und Reiche und das römische Reich, aber auch die barbarischen Vorfelder antiker Hochkulturen, soweit über sie einigermaßen verläßliche Zeugnisse vorliegen. Ob es in historischer Zeit im Einflußbereich der antiken Hochkulturen überhaupt einen anderen klassifikatorischen Verwandtschafts-Typus gegeben hat, erscheint heute trotz der Impulse J. J. Bachofens und seiner Zeit zweifelhaft. Siehe dazu: U. Wesel, Der Mythos vom Matriarchat (1980), Literatur-Verzeichnis zu P. IV unten. Doch zeigt die oben zitierte Herodot-Stelle, daß - etwa in der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, oder in den Fürsorgepflichten der Kinder gegenüber den bedürftigen Eltern, d. h. in der Konkretion der abstrakt- klassifikatorischen Form - erhebliche Unterschiede zwischen antiken Verwandtschaftsordnungen bestehen können. Deren Differenz dürfte wesentlich auf die Unterschiede der größeren kulturellen Umfeld-Systeme dieser Ordnungen zurückzuführen sein, die dieArbeitsverteilung und die Autoritätsverhälnisse in den Verwandtschaftsgruppen spezifisch prägen, z. B: jeweils eher von städtischen oder ländlichen oder gar nomadischen Lebenverhältnissen ausgehen.

Da es unmöglich ist, auch nur die bekannteren dieser Ordnungen an dieser Stelle zu skizzieren, wird im folgenden anhand einiger Quellen-Beispiele zumeist aus dem römischen, hin und wieder auch aus dem israelitischen Bereich illustriert, in welcher Weise sich die Beziehungen zwischen bäuerlicher Lebensform einerseits und zugehöriger Verwandtschafts- und Sozialordnung auf dem Lande andrerseits konkretisieren können. Durch die speziellen Exempel sollen aber auch allgemeinere Züge der enstprechenden Ordnungen in anderen Zonen landwirtschaftsbasierter Kulturen der Antike angesprochen sein. Zu den Verwandtschaftsverhälnissen Roms sind deshalb einige einleitende zusammenfassende Bemerkungen zweckmäßig, die hervorheben, worauf es hier und in anderen antiken Kulturen ankommt.

Von den quellenmäßig belegbaren frühen Formen des stadtstaatlichen Rechts, etwa des 12-Tafelgesetzes im 5. Jht. v. Chr., bis zu den im kaiserlich edierten römischen Reichsrecht der Spätantike erkennbaren Zuständen machen die römischen Verwandtschaftsverhältnisse erhebliche Wandlungen durch, zeigen andrerseits aber auch bemerkenswerte Kontinuitäten, die mit einer gewissen Stabilität und alternativlosen Selbstverständlichkeit der Ordnungen in diesem Bereich zusammenhängen, wie sie eher ländlichen als städtischen Lebensverhältnissen eigen sind, in denen die politisch-administrativen Instanzen zu sitzen pflegen,welche gesetzliche Positivierungen auch im Bereich des Familien- und Verwandtschaftsrechts je nach Notwendigkeit zu schaffen in der Lage sind und dies auch immer wieder tun.

In dieser Hinsicht ist zunächst als wesentlich - gegenüber einer heutigen Gesetzgebungspraxis umfassender Legaldefinitionen und Regulierung einer Materie - hervorzuheben, daß die Verwandtschaftsverhältnisse in der Antike nur an bestimmten regelungsbedürftigen Stellen gesetzliche Klarstellung oder ggf. Neuregelung zu erfahren pflegen, sonst aber prinzipiell keine oder nur eine marginale. Das bedeutet aber nicht etwa , daß ihnen deshalb notwendig eine Rechtsqualität fehle. Vielmehr gibt es im Bereich der gesetzlich nicht geregelten Themen der Verwandtschaftsordung sowohl gewohnheitsrechtliches Traditionsrecht als auch Normen, die man eher als 'Anstandsregeln' bezeichnen kann. Die Grenze zwischen beiden Bereichen ist naturgemäß nicht 'positiv-rechtlich' festgelegt, tritt aber z. B. in der literarischen Beschreibung sittlicher Maximen einerseits und in ihrer - dem Wesen nach referenziellen - Berücksichtigung durch die Gesetzgebung (z. B. im 'Luxus'-Begriff der 'Sittengesetzgebung' des 2. Jhts. v. Chr.) oder durch die Tätigkeit der Behörden und Gerichte in Erscheinung (z. B. in den Maßstäben, die der Censor bei der Ausübung seiner 'Sittengerichtsbarkeit' anlegt). Sie ist auch an der relativen Milde oder Schärfe der Sanktionen erkennbar, die auf die Nichteinhaltung von Normen erfolgen - von der relativ folgenlosen Rufbeeinträchtigung einerseits bis zur Todesstrafe andrerseits.

Nicht oder kaum gesetzlich geregelt sind in Romzum Beispiel das Namensrecht, das Recht der Eheschließung, die kindlichen und elterlichen Fürsorgepflichten, die Respekts- und Pietätspflichten der Kinder gegenüber den (beiden) Eltern und den Voreltern oder die Folgepflicht der Ehefrau gegenüber dem Ehemann, aber auch Einrichtungen wie die in Rom zu besonderen Anlässen ausgeübte Familiegerichtsbarkeit. Ziemlich ausführlich pflegt dagegen in allen Epochen der römischen Rechtsentwicklung das Erbschafts-, Adoptions-,Vormundschafts- und Pflegschaftsrecht in die jeweils üblichen gesetzlichen Formen gefaßt zu werden.

Das bedeutet, im Zusammenhang betrachtet, daß einmal die Grundprinzipien des familiären und des darüber hinausreichenden verwandtschaftlichen Lebens, zum anderen aber auch seine normale Alltagspraxis außerhalb gesetzlicher Regelung bleiben. Vielmehr erscheinen sie jedermann als zwingend und alternativlos aus einem sehr alten Herkommen hervorgehend, wie es in der damaligen Vorstellungswelt verbunden ist mit den einfachen bäuerlichen Lebensverhältnissen der frühen römischen Geschichte ('mos maiorum'). Schon insoweit - also im Hinblick auf den vorwiegend traditionsrechtlichen Charakter der Verwandtschaftsordnung - kann man also von einem 'ländlich geprägten' Charakter der römisch-traditionellen Verwandtschaftsordnung sprechen.

Dies ist aber auch inhaltlich insoweit gerechtfertigt, als es sich um ihre Grundformen handelt. Auf ein ländlich-bäuerliches Ausgangsmilieu deutet schon die Wortgeschichte zentraler Termini dieser Tradition hin (zu den folgenden etymologischen Ableitungen: siehe: A. Walde, J. B. Hoffmann, Lateinisches etymologisches Wörterbuch, 3 Bde., Heidelberg 1972, unter den jeweiligen Stichworten), selbst wenn die Ursprungsbedeutungen später teilweise nicht mehr bewußt sind und die Begriffe natürlich auch in anderen gesellschaftlichen Lebenskreisen Anwendung finden:

Ulpian, Dig. 38, 6, 1 pr. / Textzitat aus der 'lex XII tabularum' (einem um450 v. Chr. enstandenen Gesetz; tab. V nach FIRA Bd. I, ed. S. Riccobono, 1968, S. 37):

UTI LEGASSIT SUPER PECUNIA TUTELAVE SUAE REI, ITA IUS ESTO.

Das, was [ein privater Erblasser] im Hinblick auf sein Vermögen und die ihm unterstellten Personen [testamentarisch] verfügt hat, soll rechtlich gültig sein.

Es zeigt sich aber auch an den von den Quellen genauer mitgeteilten Normen der römisch-traditionellen Verwandtschaftsordnung selbst.

So gehören zu den strukturellen Grundformen in den römischen haus- und großfamiliären Verwandtschaftbeziehungen

Dies alles läßt sich in einem relativ engen Entstehungszusammenhang mit ländlich-bäuerlichen Lebensbedingungen sehen und, wie es in der Ethnologie geschieht, auch sinnvoll erklären, selbst wenn es nicht auf diesen Lebenskreis beschränkt ist, sondern von ihm ausgehend andere Lebensverhältnisse, ja den Charakter der ganzen - landwirtschaftlich basierten - Gesellschaft mitprägt.

Die ethnologischen Kategorien für landwirtschaftlich fortentwickelte Kulturen und für Hirtenkulturen - wie Patrilinearität oder Patrilokalität - finden sich in Rom deutlich wieder. Die römischen Verhältnisse zeigen dabei besondere Ausprägungsformen wie z. B. die Monogamie oder das weitgehend sippenunabhängige Vermögensverfügungsrecht des 'pater familias'. In anderen in bäuerlichen oder nomadischen Kulturen der Antike gibt es andere Ausprägungen, die aber in der ethnologisch festgestellten Varianzbreite für Bauern- und Nomadenkulturen liegen, z. B. Polygamie, 'Kaufehe' oder 'Leviratsehe' oder eine weitgehende Sippenbindung des Erbgutes.

 

B. LÄNDLICHE GEMEINSCHFATFORMEN UND IHRE NORMEN.

1. Familie und Verwandtschaft.

a) Strukturformen der Haus- und Erbverwandtschaft.

Der zunächst folgende spätantike Gesetzestext soll exemplarisch das 'agnatische', d. h. patrilineare Formelement in der römischen Verwandtschaftsordnung verdeutlichen, auf dessen gewohnheitsrechtliche Geltung das kaiserlich kodifizierte Erbrecht Bezug nimmt.

Institutionen Justinians, Buch 3, aus Tit. I und II:

 

 

 

 

 

 

 

Tit. I: De hereditatibus quae ab intestato deferuntur

 

Intestatus decedit qui aut omnino testamentum non fecit aut non iure fecit aut id quod fecerat ruptum irritumve factum est aut nemo ex eo heres extitit

 

I. Intestatorurn autem hereditates cx lege duodecim tabularurn primum ad suos heredes pertinent.

 

2. Sui autern heredes existimantur, ut et supra diximus, qui in potestate morientis fuerunt. veluti filius filia ,nepos neptisve ex fiilo, pronepos proneptisve ex nepote fliio nato, prognatus prognatave. nec interest, utrurn naturales sunt liberi an adoptivi.


Titulus II: De legitima adgnatorum successione.

 

Si nemo suus heres vet eorum, quos inter suos heredes praetor vel constitutiones vocant, extat et successionem quoquo modo amplectatur: tunc ex lege duodecim tabularum ad adgnatum proximum hereditas pertinet.

 

1. Sunt autem adgnati, ut primo quoque libro tradidimus, cognati per virilis sexus personas cognatione iuncti, quasi a patre cognati. itaque eodem patre nati fratres adgnati sibi sunt, qui et consanguinei vocantur, nec requiritur, an etiam eandem matrem habuerint. item patruus fratris filio et invicem is illi adgnatus est. eodem numero sunt fratres patrueles, id est qui ex duobus fratribus procreati sunt, qui etiam consobrini vocantur. qua ratione etiam ad plures gradus adgnationis pervenire poterimus. hi quoque, qui post mortem patris nascuntur, nanciscuntur consanguinitatis iura. non tamen omnibus simul adgnatis dat lex hereditatem, sed his, qui tunc proximo gradu sunt, cum certum esse coeperit aliquem intestatum decessisse.

 

2. Per adoptionem quoque adgnationis ius consistit, veluti inter filios naturales et eos quos pater eorum adoptavit (nec dubium est, quin proprie consanguinei appellentur): item si quit ex ceteris adgnatis tuis, veluti frater aut patruus aut denique is qui longiore gradu est, aliquem adoptaverit, adgnatos inter suos esse non dubitatur.

 I. Titel: Über Erbschaften, die vom testamentslosen Erblasser anfallen.

 

Testamentlos stirbt, wer entweder ein Testament überhaupt nicht oder nicht rechtsgültig errichtet hat oder dessen Testament umgestoßen oder ungültig wurde oder nach dessen Testament niemand Erbe geworden ist

I. Die Erbschaften von Testamentslosen stehen nach dern Zwölftafelgesetz zunachst den Hauserben zu.

2 AIs Hauserben betrachtet man, wie wir oben schon gesagt haben diejenigen, die in der Hausgewalt des Verstorbenen standen, zum Beispiel Sohn und Tochter oder Enkel und Enkelin, die vom Sohn abstammen, oder Urenkel und Urenkelin, die vom Enkelsohn abstammen, oder weitere männliche und weibliche Abkömmlingeim väterlichen Stamm. Und es kommt nicht darauf an, ob es sich um leibliche oder um Adoptivkinder handelt

II. Titel: Über die gesetzliche Erbfolge der Seitenverwandten im Mannesstamm.

 

Wenn kein Hauserbe oder auch keiner von denen, die der Prätor oder kaiserliche Konstitutionen als Hauserben berufen, vorhanden ist und auf irgendeine Weise die Erbschaft ergreift, dann gebührt nach dem Zwöftafelgesetz die Erbschaft dem nächsten Seitenverwandten im Mannesstamm.

 

1. Seitenverwandt im Mannesstamm sind, wie wir schon im ersten Buch' mitgeteilt haben, Blutsverwandte, die über Personen männlichen Geschlechts durch Blutsverwandtschaft verbunden sind, sozusagen blutsverwandt von einem Vater her. Daher sind die von demselben Vater abstammenden Brüder miteinander im Mannesstamm seitenverwandt; diese werden auch vaterblütige Bruder genannt, und es wird nicht danach gefragt, ob sie auch dieseibe Mutter haben. Ebenso ist auch der Onkel vätterlicherseits mit dem Sohn seines Bruders wechselseitig im Mannesstamm seitenverwandt. In diese Gruppe gehören auch die Brudersöhne, das heißt diejenigen, die von zwei Brüdern abstammen und auch Geschwisterkinder genannt werden. Auf diese Weise kö.nnen wir noch zu weiteren Graden der Seitenverwandtschaft im Mannesstamm gelangen. Auch diejenigen, die nach dem Tode des Vaters geboren werden, erlangen die Rechtsstellung der Vaterblütigkeit. Das Getetz gibt jedoch die Erbschaft nicht allen Seitenverwandten im Mannesstamm zugleich, sondern denjenigen, die in dem Augenbuck am gradnächsten sind, von dem an feststeht, daß jemand testamentslos gestorben ist.

 

2. Auch durch Adoption kommt die Rechtsstellung der Seitenverwandtschaft im Mannesstamm zustande, zum Beispiel zwischen leiblichen Söhnen und denjenigen, die ihr Vater adoptiert hat (und es besteht kein Zweifei, daß im technischen Sinn auch sie Vaterblütige genannt werden). Ebenso zweifeit man nicht daran, daß, wenn einer von deinen weiteren Seitenverwandten im Mannesstamm, zum Beispiel dein Bruder oder dein Onkel väterlicherseits oder schließlich ein gradfernerer Verwandter, jemanden adoptiert, dieser zu euren Seitenverwandten im Mannesstamm gehört.

 

Die nachfolgenden Quellenstellen zu einer archaischen Rechtsordnung in Rom, die sich als Zitate in den Berichten sehr viel späterer römischer Autoren finden, lassen folgendes erkennen:

a) eine prinzipielle judiziäre Kompetenz des 'pater familias' hinsichtlich der seiner Gewalt unterstehenden Familienangehörigen, die im Falle ernsthafter Pflichtverstöße in der Familiensphäre eintrat, wenn also nicht öffentliche Gerichte für die Ahndung zuständig waren,

b) ein formal sehr weitgehendes einseitiges Scheidungsrecht des Ehemannes gegenüber der Ehefrau,

c) ein formal sehr weitgehendes Verfügungsrecht des des 'pater familias' über die Arbeitskraft der seiner Gewalt unterstellten Kinder,

d) eine grundsätzliche Einschränkung der Rechtsgeschäftsfähigkeit des weiblichen Geschlechts, auch soweit ein übergeordneter 'pater familias' (einschließlich eines vertretungsbefugten Ehemannes) nicht existiert, und

e) die nicht nur erbrechtliche, sondern auch vormundschaftsrechtliche Bedeutung der agnatischen Verwandtschaft.

Für die Handhabung dieser Rechte ist ihre Moderierung durch sittliche Begrenzungen stets vorauszusetzen. Im Einzelfall hervortretende Härten wurden im Laufe der späteren Rechtsentwicklung gelegentlich auch gesetzgeberisch eingegrenzt. Ferner gerieten etwa das 'ius vitae necisque' des pater familias zugunsten der Strafkompetenz des Staates oder die obligatrische und umfassende Agnaten-Tutel über Frauen völlig außer Übung. Dennoch gab es bis zum Ende der Spätantike Familiengerichte unter Vositz des 'pater familias', war das Scheidungsrecht 'ungleich', konnten Frauen nur eingeschränkt private Ämter (z. B. die Vormundschaft nur für eigene erwachsene Kinder), keinesfalls aber öffentliche Ämter und in ihrem eigenen Interesse auch nicht bestimmte riskante Rechtshandlungen wie eine Interzession oder eine Prozeßvertretung vornehmen und waren die Kinder bis zum Tode des 'pater familias' dessen Gewalt unterworfen, d. h. auch rechtlich und damit ggf. erzwingbar verpflichtet, im Rahmen des sittlich Zulässigen seinen Anordnungen zu folgen.

Papinianus, coll. 4, 8: Cum patri lex ... dederit in filium vitae necisque potestatem. - SI PATER FILIUM TER VENUM DU[UIT] FILIUS A PATRE LIBER ESTO.

Cicero, phil. 2, 28, 69: Illam suam suas res sibi habere iussit ex XII tabulis, claves ademit, exegit.

Gaius, inst. 1. 144 - 145 : Veteres noluerunt feminas, etiamsi perfectae aetatis sint, propter animi levitatem in tutela esse; exceptis virginibus Vestalibus quas ... liberas esse voluerunt : itaque etiam lege XII tab. cautum est.

Gaius 2,47 : Mulieris, quae in agnatorum tutela erat, res mancipi usu capi non poterant praeterquam si ab ipsa tutore [auctore] traditae essent. id ita lege XII tab. [cautum erat].

Papinian, coll. 4, 8: Es hat ja das Gesetz dem Vater dem Kinde gegenüber eine Gewalt auch über Leben und Tod eingeräumt. - Wenn der Vater den Sohn dreimal an Fremde verdingt hat, soll der Sohn von der väterlichen Gewalt befreit sein.

Cicero, phil. 2, 28 69: Er befahl seiner Frau nach dem Zwölftafelgesetz, ihre Sachen zu sich zu nehmen, nahm ihr die Schlüssel ab und verwies sie des Hauses.

Gaius, inst. 1. 144 - 145: Die Vorfahren wollten, daß Frauen, auch wenn sie im Erwachsenenalter seien, wegen ihrer Leichsinnigkeit unter Vormundschaft stehen sollten. Lediglich die vestalischen Jungfrauen wollten sie davon ausgenommen wissen, und so war es auch im Zwölftafelgesetz vorgesehen.

Gaius, inst. 2, 47: Gegenstände aus dem Eigentum einer Frau, die unter der Vormundschaft eines agnatischen Verwandten stand, konnten nicht anders veräußert werden als dadurch, daß sie von ihr selbst mit Genehmigung ihres Vormundes übereignet wurden. Dies war so im Zwölftafelgesetz vorgesehen.

Das folgende Zitat aus dem Alten Testament des Bibel soll verdeutlichen, daß ein bäuerlichen oder nomadischen Kulturen eng verbundenes Formprinzip 'Patridominanz' sich in ausgeprägter Form nicht nur in der römisch-traditionellen Verwandtschaftsordnung findet, sondern auch anderswo, z. B. in der hebräischen Antike der Enstehungszeit des 5. Buches Mose (um 700 v. Chr.). Daß die Folgepflicht des Sohnes auch gegenüber der Mutter besteht, zeigt einerseits, daß auch sie eine Respektsperson gegenüber der jüngeren Generation ist, stellt andrerseits aber die Nachordnung der Mutter gegenüber dem Vater nicht in Frage. Es handelt sich auch hier nicht im engeren Sinne um eine gesetzliche Regelung, sondern um eine gewohnheitsrechtlich tief verankerte normative Tradition, über die als von Gott gegebene berichtet wird - allerdingsin der 'Thora', einem religiös richtungweisenden, von zumeist wohl priesterlichen Autoren redigierten, übermittelten und gedeuteten 'heiligen Buch'.

5. Mos. 21, 18 - 21

Hat jemand einen störrischen und frechen Sohn, der nicht auf die Befehle von Vater und Mutter hört und trotz ihrer Züchtigung ihnen nicht gehorchen will, dann sollen Vater und Mutter ihn ergreifen und vor die Ältesten jener Stadt zum Tore jenes Ortes hinausführen und zu den Aeltesten jener Stadt sagen: "Dieser unser Sohn ist störrisch und frech; er hört nicht auf unsere Ermahnungen und ergibt sich der Schlemmerei und der Trunkenheit." Dann sollen ihn alle Mäner jener Stadt zu Tode steinigen. So sollst du das Böse aus deiner Mitte ausrotten, und ganz Israel soll es hören und sich fürchten.

Übersetzung nach T. Schwegler, A. Herzog, J. Perk, Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, Zürich u. a. O. 1974.

Die familiären Tugenden einer Ehefrau, die einer rechtlich zwar untergordneten, aber menschlich zentralen häuslichen Stellung - etwa im etymologischen Sinne des Begriffs 'matrimonium', s. o. - entsprechen, finden mit ihren zentralen Werten in folgender Grabinschrift aus dem Rom des 6. nachchristlichen Jahrhunderts Ausdruck. Das Christentum ändert an dieser Werteordnung gegenüber früheren Zuständen im Prinzip nichts, vergeistlicht sie aber (siehe etwa 1. Kor. 11, 3 ff.).

231 ILCV(2) 1469 (Rom)

[Crux]

Hic requiescit in pace ancilla C(h)risti Maxima, qu(a)e vixit ann(os) pl(us)m(inus) XXV. d(e)p(osita ante diem) VIII kal(endas) Iulias Fl(avio) Probo iuniore v(iro) c(larissimo) cons(ule). qu(a)e fecit cum maritum suum [!] ann(os) VII, m(enses) VI, amicabilis, fidelis in omnibus, bona, prudens.

[Palma]


[Kreuz] Hier ruht in Frieden Maxima, die Magd Christi, welche ungefähr 25 Jahre lebte. Beigesetzt wurde sie am 9. Tag vor den Kalenden des Juli, als der Senator Flavius Probus, der Jüngere, Konsul war [23. Juni 525 n. Chr.]. Mit ihrem Gemahl lebte sie 7 Jahre, 6 Monate, liebevoll, treu in jeder Hinsicht, gut (und) klug. [Palmzweig]

Entnommen aus: Leonhard Schumacher, Römische Inschriften. Lateinisch-deutsch. Mit Kommentar und Einführung in die lateinische Epigraphik, Stuttgart 1988, S. 292 f.

b) Wahlverwandtschaft und Inzest-Verbotsregeln mit ihren Hinweisen auf den Zusammenhalt und die Funktion von Verwandtschaftsgruppen.

Die Bildung der Verwandtschaftsgruppen basiert in starkem Maße auf den durch die natürliche Generation hergestellten Nahbeziehungen verschiedener Art zwischen Menschen, aber sie ist darauf nicht beschränkt. Vielmehr können Verwandtschaftsbeziehungen auch durch Eheschließung oder durch andere Aufnahme eines Nicht-Blutsverwandten in eine Verwandtschaftsgruppe entstehen. In der römischen Verwandtschaftstradition heißen diese Vorgänge 'iustae nuptiae', 'adoptio' (i . S. der Annahme eines noch Gewaltunterworfenen an Kindes statt) und 'arrogatio' (Aufnahme eines emanzipierten Erwachsenen in einen Gentilverband). Daneben gibt es Nahverhältnisse, die nach römischer Vorstellung zumindest in gewissen Aspekten verwandtschaftsähnliche Beziehungen begründen, wie z. B. die Tutel (Vormundtschaft) für Minderjährige oder den Patronat/die Klientel imVerhältnis eines ehemaligen Herren zu dem von ihm freigelassenen Sklaven. Dies alles weist darauf hin, daß Verwandtschaftsgruppen Lebensgemeinschaften darstellen, die zwar in starkem Maße den Zweck der Nachwuchserzeugung erfolgen, aber auch darüber hinaus Aufgaben der wirtschaftlichen Sicherung, der sozialen Fürsorge, des Schutzes und der sonstigen Interessensicherung für ihre Angehörigen oder die ihnen im weiteren Sinne zurechenbaren Personen verfolgen. Nur so ist zu erklären, daß es - außer Ehefrauen - auch andere 'Wahlverwandte' geben kann, die sich in das soziale Nahverhältnis der Verwandtschaftsgruppe einfügen oder ihr gewissermaßen am Rande angegliedert werden.

Auf diesen Charakter bluts- und wahlverwandtschaftlicher oder verwandtschaftsähnlicher Beziehungen deutet auch hin, daß sie - mit Ausnahme allein der Ehe, der nach der Tradition prinzipiell die Nachwuchserzeugung vorbehalten und sogar vorgeschrieben ist - einen Geschlechtsverkehr unter nahen und näheren Verwandten nicht erlauben. Ethnologisch gesprochen liegt ein 'Inzesttabu' vor. Die Gründe dürften zumindest auch darin liegen, daß sich die mit dem Geschlechtsverkehr verbundenen Gleichordnungen, Bindungen und Zweckbestimmungen mit bestehenden innerverwandtschaftlichen Autoritäts-, Fürsorge- und Pietätsverhältnissen nicht vereinbaren lassen, sondern mit ihnen geradezu in einem gegenseitigen Abstoßungsverhältnis stehen. Die Mißachtung der Verbotsregeln wird jedenfalls als großes Unrecht und zugleich mit großem Abscheu empfunden. Dies wir durch ihre refgelmäßigeVerbindung mit religiösen Vorstellungen, die etwas Unbedingtes und zugleich unerklärlich Zufälliges an sich zu haben pflegen, noch verstärkt. Ihre Ahndung pflegt deshalb mit archaisch- unnachsichtiger, von Person und Schuld absehender Strenge zu erfolgen.

Die verwandtschaftsbezogenen Inzest-Verbots-Regeln sind sinnvollerweise im Zusammenhang mit anderen Verboten geschlechtlichen Verkehrs zu sehen., die ebenfalls mit Abscheu quittiert und streng geahnet zu werden pflegen, wie z. B. der homosexuelle Umgang im engeren Sinne, die Vergewaltigung oder der sexuelle Umgang mit Minderjährigen. Der Gesamtzusammenhang dieser Regeln weist darauf hin, daß eine Verwandtschaftsordnung eine gesellschaftliche, nicht nur eine auf die Verwandtschaftsgruppen selbst bezogene normative Einrichtung ist.

Zwischen den antiken Kulturen - und sogar innerhalb ihrer selbst - gibt es dabei allerdings durchaus Unterschiede in den Auffassungen vom Erlaubten und Unerlaubten. So gilt etwa in Rom die geschlechtliche Bindung zwischen Onkel und Nichte als inzestuös, bis der Kaiser Claudius für seine Ehe mit seiner Nichte Agrippina eine rechtliche Sonderregelung durch den Senat erwirkt (Sueton, Claud. 26). Im ptolemäischen Ägypten sind entsprechend der älteren ägyptischen Tradition Geschwisterehen von Herrschern üblich - allerdings bei gleichzeitigem allgemeinem sittlichen Verbot innerverwandtschaftlichen Geschlechtsverkehrs. Im klassischen Athen und anderen griechischen Gebieten gibt es eine sogar öffentlich zur Schau gestellte mann-männliche Homoerotik - allerdings bei gleichzeitigem striktem Verbot homosexueller Betätigung im engeren Sinne. Man hat hier daher wohl in Rechnung zu stellen, daß die Ausnahmen vom allgemeinen Verbot im Hinblick auf dynastische, religiöse oder allgemein-kulturelle Gründe gerechtfertigt erscheinen, ohne die allgemeingültige, traditionelle sexualsittliche Norm prinzipiell in Frage zu stellen.

Diese kann vielmehr trotz ihrer kulturabhängigen Varianzen als Musterbeispiel einer aus ländlichen Lebenskreisen hervorgegangenen, das Leben der Verwandtschaftsverbände sowohl als einzelner als auch in ihrem Zusammenhang regulierenden Normativität angesehen werden. Dafür spricht nicht nur die - wie immer die Faktizität aussehen mag - prinzipiell strikte Regulierung des Geschlechtsverkehrs in Richtung auf eine Erzeugung legitimen Nachwuchses, sondern auch seine prinzipiell strikte Unterordnung unter andere soziale Zwecke und insbesondere unter die Autoritätsverhältnisse der Verwandtschaftsgruppen: in dieser Schärfe ist eine solche Ordnung nur für ein bäuerliches oder nomadisches Milieu als funktionsgerecht und stabilisierend verständlich, in dem Verwandtschaftsgruppen letztlich allein die tragende und deswegen unbedint zu schützende Basis des sozialen Leben bilden. Was diese Einschätzung unterstreicht, sind entsprechende antike Denkmuster selbst; so werden z. B. die Abweichungen von der Sitte in der hebräischenAntike als eine Art 'stadttypischer' Abfall von göttlichem Gebot ('Sodom und Gomorrha'; vgl. 1. Mos. 19) oder in der römischen Antike als stadtttypische Effeminations- und Dekadenzphänomene verstanden.

Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 9, 3.

Urbi autem nostrae secundi Punici belli finis et Philippus Macedoniae rex devictus licentioris vitae fiduciam dedit.

Unserer Stadt aber gab des Ende des zweiten punischen Krieges und die Niederlage des Makedonierkönigs Philipp das [verhängnisvolle] Zutrauen zu einer [unsittlich-] freizügigeren Lebensweise ein .

Der folgende Text aus dem 3. Buch Mose gibt eine in religiöser Begründung, alternativloser Selbstverständlichkeit, Traditionsbindung und archaisch-strenger Sanktionierung der Verletzung charakteristische Zusammenfassung der antiken israelitischen Tradition der Inzest- und anderen Geschlechtsverkehrs-Verbote, aus der Zeit der Abfassung des 'Priesterkodex' im 4. Jht. v. Chr.. wieder. Er stimmt übrigens mit einigen anderen in den Mose-Büchern enthaltenen Inzesttaburegeln (z. B. betreffend 'Leviratsehe') nicht überein, sodaß also von einer damaligen Unterschiedlichkeit oder Entwicklung der Auffassungen im israelitschen Bereich selbst auszugehen ist.

3. Mos. 18. 1 - 26 

1 Und Jahve redete zu Moses: 2 Rede zu den Israeliten und sprich zu ihnen: Ich bin Jahve, euer Gott. 3 Ihr dürft nicht tun, wie man im Lande Aegypten tut, wo ihr gewohnt habt, und dürft nicht tun, wie man im Lande Kanaan tut, wohin Ich euch führen werde, und nach ihren Satzungen dürft ihr nicht wandeln! 4 Vielmehr sollt ihr Meine Gebote befolgen und Meine Satzungen halten und danach wandeln. Ich bin Jahve, euer Gott! Haltet also Meine Satzungen und Gebote! Denn der Mensch, der sie befolgt, hat durch sie das Leben. Ich bin Jahve!

6 Niemand von euch darf sich einer seiner nächsten Blutsverwandten nahen, um mit ihr geschlechtlichen Umgang zu haben. Ich bin Jahve 7 Mit deinem Vater und mit deiner Mutter darfst du keinen geschlechtlichen Umgang haben. Es ist deine Mutter; vergehe dich nicht mit ihr! 8 Mit der Frau deines Vaters darfst du keinen geschlechtlichen Umgang haben: du vergingest dich dadurch an deinem Vater. 8 Mit deiner Sehwester, der Tochter deines Vaters oder der Tochter deiner Mutter, sei sie daheim geboren oder auswärts geboren, darfst du keinen geschlechtlichen Umgang haben. 10 Mit der Tochter deines Sohnes oder mit der Tochter deiner Tochter darfst da keinen geschlechtlichen Umgang haben; denn sie sind dein eigenes Fleisch. 11 Mit der Tochter der Frau deines Vaters, die von deinem Vater stammt, darfst du keinen geschlechtlichen Umgang haben: sie ist deine Sehwester. 12 Mit der Schwester deines Vaters darfst du keinen geschlechtlichen Umgang haben: sie ist deines Vaters nächste Blutsverwandte. 13 Mit der Schwester deiner Mutter darfst du keinen geschlechtlichen Umgang haben: sie ist deiner Mutter nächste Blutsverwandte. 14 Am Bruder deines Vaters sollst du dich nicht vergehen, du darfst seinem Weibe nicht nahen: sie ist deine Tante. 15 Mit deiner Schwiegertochter darfst du keinen geschlechtlichen Umgang haben: sie ist die Frau deines Sohnes; vergehe dich nicht mit ihr! 16 Mit der Frau deines Bruders darfst du keinen geschlechtlichen Umgang haben: du vergingest dich dadurch an deinem Bruder. 17 Du darfst nicht mit einer Frau und ihrer Tochter zugleich geschlechtlichen Umgang haben. Auch darfst du die Tochter ihres Sohnes oder die Tochter ihrer Tochter nicht nehmen, um mit ihr gescbIechtlichen Umgang zu haben: sie sind ihre nächsten Blutsverwandten; das wäre Blutschande. 18 Endlich darfst du nicht eine Frau zu ihrer Schwester hinzu als Nebenfrau nebmen, um mit ihr zugleich geschlechtlichen Umgang zu haben, während jene noch lebt.

19 Du darfst dich einem Weibe nicht nahen, um mit ihr geschlechtlichen Umgang zu haben, während sie durch ihren Monatsfluss unrein ist. 20 Das Weib deines Nächsten darfst du nicht begatten und dich dadurch verunreinigen. 21 Von deinen Kindern darfst du keines hergeben, um es dem Moloch zu opfern, und so den Namen deines Gottes entweihen. Ich bin Jahve! 22 Du darfst einem Manne nicht beiwohnen, wie man einem Weibe beiwohnt; das wäre ein Greuel. 22 Du darfst mit keinem Tiere gesehlechtlichen Umgang haben und dich dadurch verunreinigen. Auch darf sich ein Weib nicht vor ein Tier hinstellen, um sich begatten zu lassen; das wäre eine grosse Schandtat.

24 Verunreinigt euch nicht durch etwas Derartiges; denn durch all diese Dinge haben sich die Völker verunreinigt, die Ich vor euch vertreiben werde. 25 Weil das Land unrein geworden ist, suche Ich seine Schuld an ihm heim, so dass es seine Bewoliner ausspeien wird. 26 So haltet Meine Satznngen und Gebote und verübt keines von diesen Greueln, weder der Einheimische noch der Fremdling, der sich bei euch aufhält.

Übersetzung nach T. Schwegler, A. Herzog, J. Perk, Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, Zürich u. a. O. 1974.

c) Strukturformen der größeren Verwandtschaftsverbände.

Über den haus- und den großfamiliären Verwandtschaftskreis hinaus gibt es im Altertum noch größere, als Verwandtschaftsverbände geltende Gemeinschaften, die etwa im lateinischen Bereich 'gens', bei den Griechen 'genos' heißen. Dem ensprechen im Deutschen die Worte (Abstammungs-) 'Geschlecht' und 'Sippe', im Keltischen das Wort 'clan'. Ihr Umfang, ihre normative innere Struktur und ihr Verhältnis zu dem Gemeinwesen, in dem sie sich befinden, können nach Epoche und Region antiker Geschichte unterschiedlich sein; doch pflegen sie sowohl eine gewisse erbrechtliche als auch eine sozial-fürsorgliche Bedeutung für ihre Angehörigen zu haben. Darüber hinaus kann ihnen je nach gesellschaftlichem Umfeld eine kriegerische, eine kultisch-religiöse und sogar eine politische Bedeutung zukommen. Im antiken Rom haben die 'gentes' vor allem in seiner frühen Geschichte offenbar größere Bedeutung für das soziale und sogare das politische Leben. Nach der römischen Überlieferung hat eine Kuriat-Verfassung des Stadtstaates seine Geschlechterverbände in Kurien zusammengefaßt (Dion. 2, 14), und einer gens konnte wohl auch eine gewisse eigene Verantwortlichkeit zu kriegerischen Aktionen zustehen (Liv. 2, 48 f.). Allerdings ist in der römischen Kaiserzeit sowohl die ursprünglich wohl politische als auch die verwandtschaftsrechtliche Bedeutung der 'gentes' weithin verschwunden ("totum gentilicium ius in desuetudinem [abiit]" - Gai. 3, 17). Aber auch später sind die Angehörigen der immer als Institutionen vorhandenen 'gentes' durch einen ihnen allen gemeinsamen Namen, das 'nomen gentilicium' erkennbar und führen sich jeweils auf einen namengebenden Stammvater zurück. In besonders auffälliger Weise tritt das bei den vornehmen römischen Geschlechtern hervor. Die Beziehungen zwischen den Angehörigen einer 'gens' erscheinen dabei trotz aller ggf. vorliegenden abstammungsmäßigen Gradferne der Verwandtschaft dennoch als so eng, daß eine 'gens' rechtlich sogar als 'Familie im weiteren Sinne' bezeichnet wird (s. u.) . Im Stammvaterprinzip der 'gens' findet sich ferner das patrilineare ('agnatische') Muster der kleineren Verwandtschaftskreise wieder und strukturiert sogar dort, wo nicht die politische Organisation spezifisch andere Formen geschaffen hat, gewissermaßen natürlich den inneren Aufbau eines Gemeinwesens.

 Cic., Top. 6:

"Gentiles sunt, qui inter se eodem nomine sunt."

 "Angehörige einer 'gens' sind diejeingen, dei denselben [Gentil-]Namen tragen." 
 Dig. 50, 16, 195, 4:

"Item appellatur familia plurium personarum, quae ab eiusdem ultimi genitoris sanguine proficiscuntur (sicuti dicimus familiam Iuliam), quasi a fonte quodam memoriae."

 "Und als Familie wir auch eine Gemeinschaft aus relativ vielen Personen bezeichnet, die sich letztlich von einem gemeinsamen Stammvater herleiten - in dem Sinne, wie wir etwa von einer 'familia Iulia' [d. h. einer 'gens Iulia'] sprechen - gewissermaßen von dem frühesten Ursprung einer [gemeinsamen] Überlieferung."

2. Nachbarschaften und örtliche Gemeinschaften mit wirtschaftlichen und anderen verwandtschaftsübergreifenden Funktionen.

In der Ethnologie werden örtliche Gemeinschaften öfters als ein funktionelles Element im Rahmen einer umfassenden Verwandtschaftsordnung erkennbar (z. B. bei ihrer Aufteilung in sogenannte 'moieties'). Allerdings gilt das nicht in allen Kulturtypen. Was die antiken Kulturen - also die des westlichen Eurasien - betrifft, so ist die verwandtschaftliche Funktion örtlicher Gemeinschaften für solche Epochen und Regionen, in denen sie vorgelegen haben mag, wohl noch nicht hinreichend wissenschaftlich erforscht. Im Bereich der römischen Tradition ist allerdings in den vorliegenden Quellen aus historischer Zeit eine derartige Rolle von Dorfgemeinschaften und Nachbarschaften nicht erkennbar, wie sie etwa im chinesischen Altertum und danach nachweisbar ist. Das mag daran liegen, daß wichtige über-private und -verwandtschaftliche Gemeinschaftsfunktionen in der römischen Tradition nicht primär in Dörfern, sondern auf 'politischer ' Ebene, d. h. in den Städten oder durch eine staatliche Behörde organisiert zu werden pflegen.

Zwar schließt das nicht aus, daß es örtlich begrenzte Organisationsformen und nachbarschaftsrechtliche Verhältnisse gibt, die auch für die dort bestehenden Verwandtschaftsgruppen Bedeutng haben können. Das o. e. lateinische Wort 'affinis' in seiner Doppelbedeutung - 'Grenznachbar' und 'Schwager' macht dies deutlich. Ferner gibt es eine Reihe nachbarrechtlicher Vorschriften wie z. B. die über eine gesetzlich vorgeschrieben Grunddienstbarkeit jedes (ländlichen) Grundstücks zugunsten eines Nachbargrundstücks, das - etwa bei Feldarbeiten - nur über das dienstbare Grundstück zugänglich ist (vgl. Dig. 8, tit. III: de servitutibus praediorum rusticorum). Die gemeinschftliche Nutzung und Bearbeitung ist aufgrund vertraglicher Absprachen, aber auch im Rahmen engerer Gemeinschaftsverhältnisse wie z. B. eines 'consortium' möglich (Dig 17, 2, 52 , 8) , in dem des Element 'sort-' (entpr. griechisch 'kleros') etymologisch möglicherweise sogar auf frühe Formen der Flurgemeinschaft hinweist. Örtliche Zusammenhänge können als rechtliche auch durch ihre Zugehörigkeit zu einem Großgrundbesitz hergestellt sein, dessen Verwaltungszentrum, die 'villa', die örtlichen Verhältnisse regelt.

Das alles ändert aber nichts daran, daß 'vici', 'conciliabula' ,'oppida', 'villae' und u. a. ländliche Siedlungskonzentrationen in der römischen Tradition prinzipiell nicht dieselbe zentrale örtliche Organisationsfunktion haben, wie sie etwa chinesischen Dörfern der intensiv bewirtschafteten Landwirtschaftsgebiete schon im Altertum zukommt. Viemehr ist in der römischen Tradition die zuständige Organisationsebene für diesen Bereich regelmäßig in den Städten zu sehen, zu deren Gebiet sie gehören. In deren öffentlichem Eigentum stehen z. B. in der Regel gemeinschaftlich genutzte Ödland- und Waldgebiete, Gewässer und Uferzonen; bei ihnen liegt auch normalerweise ein Satzungsrecht zur Regelung der örtlichen Verhältnisse.

Inst. Iust. 2, 1. 1 - 6

Quaedam enim naturali iure comunia sunt omnium, quaedam publica, quaedam universitatis, quaedam nullius, pleraque singulorum, quae variis ex causis cuique acquiruntur ... . Flumina autem omnia et portus publica sunt: ideoque ius piscandi omnibus commune est in portubus et fluminibusque ... . Universitatis sunt, non singulorum veluti quae in civitatibus sunt; ut theatra, stadia et similia et si qua alia sunt communia civitatum. ...

Einige Sachen befinden sich nach natürlichem Recht in gemeinsamem Besitz- und gemeinsamer Nutzung aller. Einige sind öffentliches [staatliches] Eigentum. Einige gehören einer öffentlichen Körperschaft. Einige sind herrenlos. Die allermeisten gehören Privatpersonen, die an ihnen aus ganz verschiedenen Grründen das Eigentumsrecht erworben haben ... . Flüsse zum Beispiel und Häfen sind staatliches Eigentum; deshalb haben alle [Staatsangehörigen ] ein Fischereirecht bei der Nutzung von Flüssen und Häfen ... . Körperschaftliches Eigentum, nicht etwa eine Art Privateigentum, stellen die Dinge dar, die in den Städten [der Allgemeinheit] zur Verfügung stehen, wie z. B. Theater, Stadien und ähnliches, d. h. überhaupt alles, was Gemeindebesitz ist ... .

3. Ethnische (durch Sprache, Siedlungs- und Wirtschaftsweise, Religion und Sitten deutlich unterschiedene) Gruppierungen.

Zumeist werden geographisch abgegrenzte größere ländliche Gebiete von ethnisch homogenen Populationen bewohnt. Doch kann es dort auch ein Nebeneinander verschiedener, d. h. nach Sprache, Siedlungs- und Wirtschaftsweise, Religion und/oder Sitten deutlich voneinander zu unterscheidender Bevölkerungsgruppen geben. In diesem Falle tendieren die ländlichen Bevölkerungsteile auch in der Antike dazu, voneinander getrennt zu bleiben und homogene, abgegrenzte Gemeinschaften zu bilden, während der Handel, eventuell gemeinsame religiöse Traditionen und eine gemeinsame politische Ordnung - eher in den Städten - zu einer Annäherung und Verbindung unterschiedlicher Bevölkerungselemente führen. Aber auch hier, wo verbindende Momente anders als auf dem Lande, in größerem Umfang ihre Wirkung entfalten können, gibt es ggf. spürbare und in gegenseitiger Abgrenzung und Bekämpfung in Erscheinung tretende Formen ethnischer Selbstbehauptung.

Die insoweit zwiespältige Einstellung der Angehörigen einer zu denen einer anderen ethnischen Tradition kommt etwa in folgendem Zitat aus der 'Germania' des Tacitus exemplarisch zum Ausdruck, das sich auf einen relativ spannungsfreien Zustand zwischen zwei unterschiedlichen, aber benachbarten Ethnien bezieht und aus einer politisch abwägenden, dem Frieden zugeneigten Perspektive formuliert ist.

Tacitus, Germania 41.

... Hermundorum civitas, fida Romanis; eoque solis Germanorum non in ripa commercium, sed penitus atque in splendidissima Raetiae provinciae colonia. passim et sine custode transeunt; et cum ceteris gentibus arma modo castraque nostra ostendamus, his domos villasque patefacimus non concupiscentibus. ...

Der Stamm der Hermunduren [ist] den Römern treu ergeben. Daher sind sie die einzigen Germanen, die nicht nur am Donauufer, sondern auch im Inneren des Landes und in der prächtigen Kolonie der Provinz Raetien [wahrscheinlich Cambodunum/Kempten oder Augusta Vindelicum/ Augsburg; beide hatten allerdings zur Zeit der Abfassung der Germania um 100 n. Chr. wohl noch keine Stadtverfassung i. e. S.] Handel treiben dürfen. Sie kommen allerorten und ohne Beaufsichtigung über die Grenze. Und während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen und Feldlager zeigen, haben wir den Hermunduren unsere Häuser und Gutshöfe geöffnet; denn sie sind frei von [kriegerischer] Begehrlichkeit ... .

4. Rechtliches Herkommen und Prinzipien moralischer Ordnung.

Das ländliche Leben ist nicht nur in der Antike für die Normalbevölkerung zumeist hart, entbehrungsreich und einförmig. Die Einkünfte sind im allgemeinen relativ gering, die Arbeitsanforderungen streng, auch in ihrer Zuordnung im Rahmen der familiären und sozialen Arbeitsteilung und Machtverhältnisse. Statuspflichten in Familie und Gemeinschaft, Ehre, Pietät, soziale Fürsorge, Arbeitsmoral, Besitzmoral sind davon geprägt

. Im Fluch Gottes, wie die Bibel (1. Mos. 3. 14 - 19) ihn wiedergibt, ist die Form des ländlichen Arbeitens und Lebens als allgemeinmenschliches Schicksal vorgesehen. Dies zeigt dem Textinterpreten nebenher, wie stark generell das soziale Leben, auch das der Städte, aus dem 'Geiste des Landlebens' geprägt ist.

1. Mos. 3. 14 - 19 

14 Da sprach Jahve, Gott, zur Schlange: Weil du das getan hast: verflucht sollst du sein unter allem Vieh und unter allem Wild des Feldes! Auf dem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang! 15 Und Feindschaft setze Ich zwischen dich und das Weib, zwischen deinen Spross und ihren Spross. Er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse beißen. 16 Zum Weibe aber sprach Er: recht viel Mühsal will Ich dir auferlegen in deiner Mutterschaft. In Schmerzen sollst du Kinder gebären. Und doch wird es dich zum Manne hinziehen. Er aber soll über dich herrschen! 17 Zum Menschen aber sprach Er: weil du auf die Stimme deines Weibes hörtest und von dem Baume aßest, von dem Ich dir verboten hatte zu essen: der Erdboden soll verflucht sein um deinetwillen! In Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang! 15 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst dich vom Kraut des Feldes nähren! 19 Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zur Erde wiederkehrst, von der du ja genommen bist; denn Staub bist du, und Staub sollst du wieder werden!

Abb. 1: Hebräischer Text der zitierten Bibelstelle.

aus: Biblia Hebraica, ed. E. v. d. Hoogt, A. Hahn, Leipzig 1838, S. 4; Übersetzung nach T. Schwegler, A. Herzog, J. Perk, Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, Zürich u. a. O. 1974.

 

Die Textzitate aus Festus - über Cato d. Ä. - und aus Valerius Maximus verdeutlichen, in welchem Maße die Ideale einer einfachen Lebensweise, einer unprätentiösen Arbeitsamkeit und eines bedächtigen Maßhaltens als auch für die höheren römischen Gesellschaftskreise wichtige Tugenden beschrieben werden und wie diese an der Vergangenheit sich ausrichtenden Maßstäbe von ländlichem Leben geprägt sind. Daß Festus/Cato und Valerius Maximus dies als ein Ideal hervorheben, läßt zwar darauf schließen, daß die Realität sozialen Verhaltens höherer Kreise ihrer jeweiligen Epoche (des 2. Jhts. v. Chr. bzw. der augusteischen Zeit) - für die sittenbewußten Zeitgenossen schmerzlich erkennbar - gerade davon abweicht; es bedeutet aber auch, daß es als Norm bewußt ist und immer wieder ins allgemein Bewußtsein gerufen wird; dies bleibt bis zur Spätantike unverändert eine Argumentationsform jeweiliger moralischer Zeitkritik.

Cato bei Festus 350, 26

Ego iam a principio in parsimonia atque in duritia atque industria omnem adulescentiam meam abstinui agro colendo, saxis Sabinis, silicibus repastinandis atque conserendis.

 Ich habe, solange ich denken kann, meine ganze Jugendzeit enthaltsam in bescheidener Sparsamkeit, in Härte und mit viel Arbeit zugebracht, und zwar beim Ackerbau, indem ich damit zu tun hatte, den steinigen sabinischen Boden aufzulockern und zu düngen und anschließend zu besäen.

Valerius Maximus, Facta ert dicta memorabilia, 4, 4. 5 - 11.

 

(5) Atilium autem, qui ad eum arcessendum a senato missi erant ad imperium populi Romani suscipiendum, semen spargentem viderunt. Sed illae rustico opere adtritae manus salutem publicam stabilierunt, ingentes hostium copias pessum dederunt, quaeque modo arantium boum iugum rexerant, triumphalis currus habenas retinuerunt, nec fuit his rubori eburneo scipione deposito agrestem stivarn aratri repetere. Potest pauperes consolari Atilius, sed multo magis docere locupletes quam non sit necessaria solidae laudis cupidini anxia divitiarum conparatio.

(9) [...] Animi virorurn et feminarum vigebant in civitate, eorumque bonis dignitatis aestimatio cunctis in rebus ponderabatur. Haec imperia conciliabant, haec iungebant adfinitates, haec in foro, haec intra privatos parietes plurimum poterant: patriae enim rem unus quisque, non suam augere properabat pauperque in divite quam dives in paupere imperio versari malebat. Atque huic tam praeclaro proposito illa merces reddebatur, quod nihil eorum, quae virtuti debentur, emere pecunia licebat, inopiaeque inlustrium virorum publice succurrebatur.

(11) [...] Haec igitur exempla respicere, his adquiescere solaiis debemus, qui parvulos census nostros numquam querellis vacuos esse sinimus. [...] Quid ergo modicam fortunam quasi praecipuum generis humani malum diurnis atque nocturnis conviciis laceramus, quae ut non abundantibus, ita fidis uberibus Publicolas, Aemilios, labricios, Curios, Scipiones, Scauros hisque paria robora virtutis aluit. Exurgamus potius animis pecuniaeque aspectu debilitatos spiritus pristini temporis memoria recreemus: narnque per Romuli casam perque veteris Capitolii humilia tecta et aeternos Vestae focos fictilibus etiam nunc vasis contentos iuro nullas divitias talium virorum paupertati posse praeferri.

 (5) Die Männer, die vom Senat ausgesandt waren, um Atilius zu holen, damit er die Leitung des römischen Staates ühernehme, trafen ihn aber beim Säen an. Doch jene durch die bäuerliche Arbeit rauh gewordenen Hände stärkten das öffentliche Wohl, vernichteten riesige Truppenverbände der Feinde, und sie, die noch vor kurzem das Gespann pflügender Ochsen gelenkt hatten, hielten die Zügel des Triumphwagens und schämten sich nicht, nach dem Niederlegen des elfenbeinernen Triumphstabes wieder zum Pflug zu greifen. Dieser Atilius kann mittellose Menschen trösten, aber noch viel besser wohlhabende belehren: wie sehr es nämlich für jemanden, der sich nach bleibendem Ruhm sehnt, überflüssig ist, ängstlich darauf bedacht zu sein, Reichtum zu erwerben.

(9)[...] Was in der Bürgerschaft zählte, war der Charakter der Männer und Frauen, und nach dessen Qualitäten wurden bei allen Angelegenheiten die Verdienste bemessen. Diese Eigenschaften brachten Kommandostellen ein, sie schufen neue verwandtschaftliche Beziehungen, sie hatten den größtcn Einfluß auf dem Forum ebenso wie in den eigenen vier Wanden; denn ein jeder strebte danach, die Position des Vaterlands, nicht seine eigene zu stärken und wollte lieber arm in einem wohlhabenden als wohlhabend in einem armen Reich leben. Und diesem so ausgezeichneten Prinzip wurde der Lohn zuteil, daß sich nichts von dem, was man der Tüchtigkeit verdankt, mit Gold kaufen ließ und daß der Not verdienstsvoller Männer auf Staatskosten abgeholfen wurde.

(11) [...] Wir, die wir nicht anders können, als unseren geringen Wohlstand ständig zu bejammern, müssen folglich auf jene Beispiele zurückblicken und uns von ihnen trösten lassen. [...] Wieso also schimpfen wir Tag und Nacht über bescheidene Besitzverhältnisse, gerade so als seien sie das größte Übel der Menschheit? Sie brachten zwar keinen Überfluß, doch nährten sie verläßlich auch die Publicolae, die Aemilier, die Fabrizier, die Curier, die Scipionen, die Scaurer und andere vergleichbar verdiente Persönlichkeiten. Wir wollen uns lieber erheben und, geschwächt wie wir vom Anblick des Geldes sind, durch die Erinnerung an lang vergangene Zeiten stärken; denn bei Romulus' Hütte, bei den niedrigen Dächern des alten Kapitols und bei dem ewigen Herdfeuer der Vesta, wo man sich auch heute noch mit irdenen Gefäßen zufrieden gibt, schwöre ich: kein Reichtum kann der Armut solcher Männer vorgezogen werden.

Mit den Arbeitssamkeitsnormen verbindet sich eine auffällig akzentuierte Selbstverantwortungsmoral für den privaten, d. h. familiären Bereich. Hesiod, Erga kai hemerai, etwa spricht dies schon für sein ländliches Lebensumfeld im griechischen Böotien des 6. vorchristlichen Jahrhunderts aus (siehe das entsprechende Zitat in: 'Antike Wirtschaftssysteme', Kap. 5, Modellvorstellungen antiker Volkswirtschaften unter P. 2 , B). Daraus entwickelt sich in späteren Epochen eine Art Ethos der unentwegten und effektiven 'Privatvermögensbildung', das jedoch schon damals mit anderen moralischen Postulaten erheblich im Streite liegen kann. Folgende Darstellung Catos des Älteren durch Plutarch macht dies prägnant deutlich: Noch nachdrücklicher formuliert Cato dies, wenn er sich nicht scheut, denjenigen einen bewundernswerten, ruhmvollen und göttlichen Mann zu nennen, dessen Rechnungen nach seinem Tode ausweisen, daß er mehr erworben als geerbt hat.

Plutarch, Cato maior 21. 5 - 7.

Bei seinen Anstrengungen, das eigene Vermögen zu mehren, fand er bald heraus, daß der reine Landbau eher Zeitverlust als Ertragsgewinn bringe. So legte er sein Geldvermögen so an, daß es zu merklichen und sicheren Einkünften führte. Er kaufte etwa Teiche, warme Quellen, freigelegene Plätze, die sich für Walker eigneten, oder auch einträgliche Güter, die aus Weiden und Gehölzen bestanden. Daraus erzielte er bedeutende Einkünfte, die, wie er selbst sagte, nicht einmal von Jupiter beschädigt werden könnten. Auch erlaubte er sich das - moralisch ja besonders anrüchige - Zinsgeschäft beim Seehandelskredit auf folgende Weise: er ließ Leute, die bei ihm Geld aufnahmen, mit mehreren anderen eine Gesellschaft bilden. Wenn fünfzig Teilhaber und ebenso viele Schiffe beisammen waren, nahm er selbst nur eine Aktie über seinen Sklaven Quintio, der mit den Kapital-Leihern zusammen die Geschäfte besorgte und die Seefahrt mitmachte. So wagte er nie das Ganze, sondern nur einen geringen Teil bei erheblichem Gewinn. Überdies gab er Sklaven, die ihn darum ersuchten, Geld zur Bewirtschaftung. Diese kauften dafür Sklaven, welche sie auf Kosten Catos trainierten und unterrichteten und nach einem Jahre wieder verkauften. Viele behielt Cato auch selbst und buchte die höchste Summe, die ein anderer dafür bot, als Gewinn. Zu gleicher Tätigkeit hielt er auch seinen Sohn an und sagte. "Die Verminderung des Vermögens ist einer Witwe, nicht aber einem Mann zu verzeihen. C. G.

Griech Text: Abb. 2 und Abb. 3: .

Aus: O. Schönberger (Ed.), Cato, De agricultura. Vom Landbau. Fragmente. Alle Schriften, unter Einschluß von Plutarch, Marcus Cato, S. 316 ff.(364/366).

5. Zu Gottheiten oder numinosen Wesen 'des Landes' und ihremKult.

Die Religionen der antiken Welt entwickeln sich primär in ländlich-bäuerlichen oder nomadischen Lebensverhältnissen und dann erst im Laufe der Entwicklung auch in städtisch-politischen und esoterisch-geisteskulturellen Umfeldern. Der Hinweis auf die Lebensmilieus, aus denen Religionen erwachsen, ist ungeachtet der Tatsache bedeutsam, daß sich in der Religion der Mensch ja gerade an solche Mächte wendet, die er über, zumindest aber in deutlicher Abhebung zu seinen menschlichen, duch Natur und soziales Schicksal begrenzten Lebensbedingungen wirkend annimmt, und daß deswegen die Vorstellungen und Handlungen der Religion die Realität in verschiedener Weise tranzendieren, also gerade nicht spiegeln wollen. Dennoch gehen die Rahmenbedingungen der jeweiligen menschlichen Alttagsexistenz auf verschiedene Weise in seine Annahmen über das Göttliche und Handlungen ihm gegenüber ein. Das gilt, was bäuerliche und die nomadische Lebensformen betrifft, etwa für folgende Aspekte:

1) Die Gottesvorstellungen: Gottheiten werden in starkem Maße als bestimmende Mächte des Himmels, des Wetters, der Erde, des Jahreskreislaufs, des Wassers, des Wachstums und der Fruchtbarkeit in der Pflanzen- und Tierwelt, aber auch der bäuerlichen Wohnungen und Fluren, der menschlichen Tugenden, Fertigkeiten und Schicksale in den Begrenzungen der bäuerlichenode nomadischen Lebenswelt verstanden, verehrt und um Hilfe angerufen. Die Bilder von den Göttern sehen ihre Metaphern für das Göttliche oft von Lebewesen und Gegenständen der ländlichen Umwelt (allerdings auch der nicht-domestizierten Natur) ab. Es kann ferner numinose Wesen verschiedener Art geben, die an bestimmten Örtlichkeiten wie Feldfluren, Gewässern, Einöden, auch an Bäumen und in Häusern vorkommen oder die bestimmte Schadensereignisse des Landlebens wie Schädlingsbefall, Getreidfäule, Trockenheit oder Brand abwehren oder herbeiführen können.

2) Die Kulthandlungen: und -instrumente: sie sind - etwa in der Gestaltung der Feste oder Prozessionen - eng mit dem bäuerlichen Jahreskreislauf und seinem Kalender verbunden und bedienen sich - wie z. B. die Opfer - der als wertvoll geltenden domestizierten Tiere, Pflanzen und Erzeugnisse der ländlichen Lebenswelt, um eine Gottheit anzurufen, ihr zu danken oder ihr gegenüber eine Sühne vorzunehmen.

3) Die als Willen der Gottheiten festgestellten Postulate der rituellen Reinheit und der gottgemäßen Moralität: sie sind prinzipiell - von einigen im Wesen des Religiösen liegenden Zufälligkeiten des unerforschlichen Gotteswillens abgesehen - identisch oder zumindest doch vereinbar mit den jeweils dominanten bäuerlichen oder nomadischen Sitten-Traditionen.

Diese Aspekte bestimmen weithin auch die in den Städten ausgeübte Religiosität und die staatlichen Kulte, selbst wenn sich in diesen im Laufe der religionsgeschichtlichen Entwicklung innerhalb der Hochkuturen der antiken Welt eher 'abtraktere', 'universellere' Formen der Gottesvorstellungen und Kultpraxis, wie z. B. bildlose, pan- oder monotheistische oder philosophische Gottesbegriffe, die Vergeistlichung des Opferwesens oder eine eine Konzentration auf die ethischen Prinzipien religiöser Tradition verbreiten können.

Die nachfolgenden beiden Abbildungen verdeutlichen einmal die religiöse Metaphorisierung des Stiers, einer tierischen Hauptarbeitskraft im ländlichen Leben, in der Bild-Gestalt des ägyptischen Apis-Gottes, zum anderen die Symbolisierung des natürlichen Kreislaufs von Absterben und Neubeginn der Lebenswelt im Kybele-Attis-Mythos. Der Kult der Kybele wurde im Jahre 204 v. Chr., in der kritischen Endphase des 2. punischen Krieges, vom Senat nach Befragung der sibyllinischen Bücher in Rom eingeführt. Einige in Rom an sich als abstoßend emfundenen Riten dieses Kults - vor allem die Selbstkastration der 'galli' genannten Diener der in Rom 'Magna Mater' Göttin - , sind ein wichtiges Beispiel dafür, wie sich die religiöse Vorstellungswelt mit ihren Postulaten ggf. auch einer traditionellen Sittenordnung gegenüber durchsetzen kann.

Abb. 4: Apis-Stier.

Bronzene Statuette eines Apis-Stiers. Paris, Louvre, Inv. E 3654. Entnommen aus: Günter Hölbl, Andere ägyptische Gottheiten, in: Maarten J. Vermaseren (Hg.), Die orientalischen Religionen im Römerreich, Leiden 1981, S. 190.

Abb. 5: Attis und Kybele.

Front eines Altars an der Via Appia. Motiv: Isis fährt in einr 'biga' auf Attis zu. Um 295 n. Chr. Rom, Villa Albani, inv. 215.208. Entnommen aus: Gabriel Sanders, Kybele und Attis, in: Maarten J. Vermaseren (Hg.), Die orientalischen Religionen im Römerreich, Leiden 1981, S. 294.

Die nächstfolgende Abbildung zeigt die Opferung von Stier, Schaf und Schwein, wie sie im römischen Bereich nicht nur zu dem gezeigten Anlaß einer städtischen Kulthandlung, sondern auch auf dem Lande als Entsühnungsopfer für die Feldflur üblich ist, die wie es der danach folgende Text aus Cato, De agricultura 141. 1 - 4 beschreibt. Die Gottheit - bei Cato Iupiter, Ianus und Mars - soll durch die Hingabe wertvoller und fehlerloser Tiere gnädig gestimmt werden; auch Wein und Opferkuchen werden der Gottheit dargebracht. Die im 3. Buch Mose, Kap. 1 abschließend aufgeführten möglichen Gegenstände für Brand- und Speis-, Sühne- und Dankopfer machen den Bezug zum bäuerlichen Leben in vergleichbarer Weise deutlich: Rinder, Schafe, Ziegen, Tauben; ferner: Kuchen aus Semmelmehl mit Öl , Salz und Weihrauch sowie Erstlingsfrüchte.

Abb. 6: Suovetaurilia-Opfer.

Abbildung eines römischen Stier-Schaf-Schweine-Opfers (suovetaurilia). Relief aus Rom, 1. Jht. n. Chr. Paris, Louvre. Entnommen aus: H. S. Versnel, Römische Religion und religiöser Umbruch, in: Maarten J. Vermaseren (Hg.), Die orientalischen Religionen im Römerreich, Leiden 1981, S. 68.

Außer den Opfertieren und -gegenständen sind an dem nachfolgenden Text die Trennung von Weinopfer an Iupiter und Ianus einerseits und Tieropfer an Mars andrerseits sowie Inhalt und Form des Gebetes an Mars für den ländlichen Bezug aufschlußreich. Der an sich für die Entsühnung der Feldflur zuständige Gott ist Mars, in Rom nicht nur ein Kriegs-, sondern primär sogar ein mächtiger Vegetationsgott, dem nicht nur der erste Monat des alten bäuerlich bestimmten Kalenderjahres (Martius), sondern auch die archaische Kulteinrichtung eines 'ver sacrum' gewidmet ist. Die Einbeziehung von Iupiter und Ianus, die mit Mars gemeinsam eine im ländlichen Breich offenbar gemeinsam nahestehende Trias bilden, erfolgt vorsichts- und repektshalber. Das Gebet hat einen förmlichen, traditionell feststehenden Wortlaut, äußert klar die Bitte um Abwendung der für die Landwirtschaft so einschneidenden Schadensereignisse aller Art und spricht die - evtl. zu wiederholende - Hingabe der Opfertiere zweimal - zur Verdeutlichung - aus. Es wirkt wie ein - allerdings einem unberechenbaren Gott gegenüber vorzunehmender - Formalakt des archaischen römischen Rechts, mit dem ein 'mancipium' - etwa ein Stück Vieh - übereignet wird. D. h. : auch der Stil der religiösen Handlung ist von archaisch-bäuerlicher Tradition bestimmt.

 Cato, De agricultura 141. 1 - 4.

 

(1) Agrum lustrare sic oportet: impera suovetaurilia circumagi: "Cum divis volentibus quodque bene eveniat, mando tibi, Mani, uti illace suovitaurilia fundum agrum terramque meam, quota cx parte sive circumagi sivc circumferenda censeas, uti cures lustrare."( 2) Iannum Iovemque vino praefamino, sic dicito: "Mars pater, te precor quaesoque, ut sies volens propitius mihi domo familiaeque nostrae quoius rei ergo agrum terram fundumque meum suovitaurtita circumagi iussi; uti tu morbos visos invisosque, viduertatem vastitudinemque, calamitates intemperiasque prohibessis defendas averruncesque, utique to fruges, frumenta. vineta virgultaque grandire beneque evenire siris. (3) Pastores pecuaque salva servassis duisque bonam salutem valetudinemque mihi domo familiaeque nostrae. Harunce rerum ergo, fundi terrae agrique mei lustrandi lustrique faciendi ergo, sicuti dixi, macte hisce suovitaurilibus lactentibus immolandis esto. Mars pater, eiusdem rei ergo, macte hisce suovitauriIibus lactentibus esto." ( 4) Item [esto item] cultro facito struem et fertum uti adsiet; inde obmoveto. Ubi porcum immolabis, agnum vitulumque, sic oportet: "Eiusque rei ergo macte suovitauribilus immolandis esto." [Nominare vetat Martem neque agnum vitulumque.] Si minus in omnis litabit, sic verba concipito "Mars pater, si quid tibi in illisce suovitaurilibus lactentibus neque satisfactum est, te hisce suovitaurilibus piaculo." Si uno duobusve dubitabit, sic verba concipito: "Mars pater, quod tibi illoc porco neque satisfactum est, te hoc porco piaculo."

 (1) Die Feldflur muß so entsühnt werden: Befiehl, daß Ferkel, Lamm und Kalb um die Flur getrieben werden: "Mit gnädigem Willen der Gottheiten - und es möge gut ausgehen - gebe ich dir, Manius, den Auftrag, daß du Sorge trägst, daß jenes Schwein- Schaf- und Stieropfer mein Landgut, meine Feldflur und mein Land entsühnt, soweit du es für gut hältst, es herumzutreiben oder herumzutragen".(2) Sprich zuvor feierlich mit einer Weinspende Ianus und Iupiter an. Dann sprich so: "Vater Mars, dich bitte ich flehentlich, daß du wohlwollend und geneigt seiest mir, meinem Hause und unserer Hausgenossenschaft, wessenthalben ich um meine Feldflur, mein Land und mein Landgut das Schwein-, Schaf- and Stieropfer habe herumtreiben lassen. auf daß du Seuchen, sichtbare und unsichtbare, Verwaisung und Verwüstung, Unheil und Unwetter fernhaltest, abwehrst und abwendest; und daß du die Feldfrüchte, Getreide, Wein- und Obstgärten groß werden and gut gedeihen lassest, (3) Hirten und Herden heil haltest und gutes Heil gebest und Gesundheit mir, meinem Hause und unserem Gesinde. Dieser Dinge halher, der Entsühnung meines Landgutes, meines Landes und meiner Ackerflur und der vorzunehmenden Weihe halber, wie ich gesagt habe, sei geehrt durch dieses Opfer von saugendem Schwein, -Schaf and Stier. Vater Mars, der gleichen Sache halber sei geehrt durch diese saugenden Tiere hier, durch Schwein, Schaf und Stier!" (4 ) Ebenso mache, daß beim Messer Opferkuchen und -fladenbereit liegen! Dann biete dar. Wenn du das Ferkel schlachtest, das Lamm und das Kälbchen, ist es so nötig: "Und dieser Sache halber sei geehrt durch das Schwein-, Schaf- and Stieropter. [Er verbietet, Mars zu nennen, auch Lamm und Kalb]. Wenn da bei allen drei Tieren weniger gute Wahrzeichen erlangst, sprich folgende Formel: Vater Mars, wenn dir bei jenen saugenden Tieren, bei Ferkel. Lamm and Kalb etwas nicht zur Genüge getan ist, so bringe ich dir mit diesem Schwein-, Schaf- und Stieropfer ein Sühnopfer. Wenn du bei einem oder zweien zweifelst, sprich folgende Formel: "Vater Mars, weil dir durch jenes Schwein nicht Genüge getan ist, bringe ich dir mit diesem Schwein em Sühnopfer."

Der nun folgende Zitat aus Columella, Res rustica, läßt eine an das jüdischen und christliche Feiertagsruhegebot erinnernde Strenge eines des römisch-religiösen Feiertagsarbeitsverbots erkennen. Dabei ist als für das Verhältnis von Religion zur Alltagspraxis charakteristisch hervorzuheben, daß die religiösen Anforderungen nicht etwa spiegelbildlich nach den Arbeitsnotwendigkeiten des Landlebens richten. Viemehr stellen sie sich mit der Unterbrechung von Arbeitsgängen sogar grundsätzlich quer zu ihnen, erlauben allerdings Ausnahmen vom Ruhegebot dort, wo sie unabdingbar nötig sind, um Schäden zu vermeiden. Für diese Ausnahmen entsteht dann eine ganze Kasuistik von Regeln, die die verschiedenen Momente denn doch zu einer tolerablen Ordnung für die ländliche Alltagswelt zusammenfügen.

Columella, res rustica 2, 21. 1 - 31.

 

QUAE PER FERIAS LICEAT AGRICOLIS FT QUAF NON LICEAT FACERE

 

Sed cum tam otii quam negotii rationem reddere maiores nostri censuerunt, nos quoque monendos esse agricolas existimamus, quae feriis facere quaeque non facere debeant. sunt enim, ut ait poeta,

quae... festis ... exercere

diebus fas et iura sinunt: rivos deducere nulla

religio vetuit, segeti praetendere saepem,

insidias avibus moliri, incendere vepres

balantumque gregem fluvio mersare salubri.

quamquam pontifices negant segetem feriis saepiri debere; vetant quoque lanarum causa lavari oves nisi si propter medicinam. Vergilius quod liceat feriis flumine abluere gregem, praecipit et idcirco adicit "fluvio mersare salubri", id est salutari; sunt enim vitia quorum causa pecus utile sit lavare. feriis autem ritus maiorum etiam illa permittit: far pinsere, faces incidere, candelas sebare, vineam conductam colere, piscinas lacus fossas veteres tergere et purgare, prata sicilire, stercora aequare. faenum in tabulata conponere. fructus oliveti conductos cogere, mala pira ficos pandere, caseum facere, arbores serendi causa collo vel mulo clitellario adferre; sed iuncto advehere non permittitur nec adportatas serere neqque terram aperire neque arborern conlucare sed ne sernentern quidem administrare nisi prius catulo feceris. nec faenom secare aut vincire aut vehere. ac ne vindemiam quidem cogi per religiones pontificum feriis licet nec ovis tondere. nisi si catluoo feceris. defrutum quoque facere et vinum defrutare licet. uvas itemqoe olivas conditu legere licet. pellibus oves vestiri non licet. in horto quicqid holerum causa facias omne licet. feriis publicis hominem mortuum sepelire.

AN FEIERTAGEN ERLAUBTE UND NICHT ERLAUBTE ARBEITEN

Da unsere Vorfahren der Meinung waren, man habe ebenso über die Mußezeit wie über die Arbeit Rechenschaft abzulegen, halte ich es auch für angebracht, den Bauern zu sagen, was sie an Feiertagen tun und nicht tun dürfen. Es gibt nämlich, wie der Dichter sagt, gewisse Arbeiten, die

.... an geheiligten Tagen zu leisten

Sitte und Recht erlauben; kein frommes Bedenken verbietet,

Wasser auf Felder zu leiten, dem Saatfeld Zäune zu geben,

Vögel in Fallen zu locken und Dornengestrüpp zu verbrennen,

oder die Herde der Schafe im heilenden Flusse zu baden.

(Vergil, Georg. 1, 268 ff.)

Allerdings bestreiten die Priester, daß man an Feiertagen ein Saatfeld einzäunen dtürfe; sie verbieten auch, die Schafe um der Wolle willen zu baden, außer für Heilzwecke. Vergil gibt genau an, inwiefern das Waschen der Schafe gestattet sei, und fügt zu diesem Zweck hinzu "im heilsamen Flusse", d. h. in einem heilenden Flusse. Es gibt nämlich Krankheiten, gegen die das Baden der Tiere hilft. Die religiöse Ordnung der Vorfahren erlaubt weiterhin folgende Arbeiten: Emmer zu stampfen, Kienspane anzuschneiden, Wachskerzen zu ziehen, einen in Auftrag genommenen Weinberg zu bearbeiten, schon vorhandene Becken, Teiche und Gräben auszukehren und zu säubern, Wiesen zu mähen, den Misthaufen in Ordnung zu bringen, Heu auf dem Heuboden zu lagern, eine gepachtete Olivenernte einzubringen, Äpfel. Birnen und Feigen aufzulegen, Käse herzustellen, Bäume zum Pflanzen auf dem Nacken oder mit einem Saumtier an Ort und Stelle zu schaffen. Dagegen ist es nicht erlaubt, sie mit einem Gespann hinzuführen noch, wenn sie hingebracht sind , zu pflanzen und Erde aufzugraben oder einen Baum auszuschneiden. Selbst die Aussaat zu besorgen, wen man nicht vorher einen jungen Hund geopfert hat, ist verboten; ebenso das Mähen, Bündeln und Einfahren von Heu. Nach den Vorschriften der Priester ist es nicht einmal gestattet, an Feiertagen die Weinlese einzubringen oder Schafe zu scheren, ohne vorher einen jungen Hund zu opfern. Obstsaft herzustellen und Weinmost einzukochen ist erlaubt. Trauben und Oliven zum Einmachen zu lesen ist gestattet. Schafe mit Fellen zu bekleiden, ist nicht erlaubt. Alles, was man im Garten für das Gemüse tut, ist gestattet. An staatlichen Feiertagen einenen Toten zu bestatten ist verboten.

Die nachfolgenden Auszüge aus einem rekonstruierten, allerdings nur die indigen-römischen Feste wiedergebenden Kalender, wie er im 1. Jht. v. Chr. nach der Kalenderreform Caesars im Jahre 46 v. Chr. - ausweislich der uns vorliegenden Quellen, z. B. Varro, de lingua latina, Buch 6 - gegolten haben dürfte, machen deutlich, in wie starkem Maße die Feste des Kalenderjahres mit dem bäuerlichen Leben zusammenhängen. Zwar ist bereits seit dem Jahre 153 v. Chr. der 1. Januar Jahresanfang und nicht mehr der Zeitpunkt der Beginn der Feldarbeit, der 23. Februar ('Terminalia' = 'Jahreswende'). Auf das Februar-Datum weisen aber nach wie vor Monatsnamen wie 'September', 'Oktober' usw. hin. Ferner ist zwar der Inhalt der römischen Feste zwar originär von sehr verschiedenartigen Götter-Vorstellungen und gottheitsbezogenen Handlungen geprägt. Aber in diese fügen sich die ländlichen Elemente, wie z. B. Entsühnungsprozessionen für das Land, die Anrufung der Götter für die Förderung des Wachstums und die Bewahrung der Ernte oder Erntedankfeste, aber auch Familienfeste und Totengedenktage aus alter bäuerlicher Tradition nicht nur ein, sondern sie sind fast überall wahrnehmbar. Das wird an einer Auswahl, etwa den Monaten Februar, April und August hinreichend deutlich; natürlich gibt es auch in den anderen Monaten ensprechende Feste 'aus ländlichem Geist'; manchmal. wird ein Festtyp, wie z. B. zu Ehren der Toten oder zum Erntedank, mehrmals im Jahr statt. Die folgende Übersicht mit Kurzkommentierung basiert auf den Ausführungen von A. und I. König, Der Römische Festkalender der Republik, 1991, S. 47 - 74 und 81 - 96; siehe unten zu P. IV. Sie wurden für die Wiedergabe an dieser Stelle gekürzt und komprimiert. Dort finden sich auch weitere Erklärungen zu Aufbau und Inhalt des römischen Kalenders und zur Erklärung der Abkürzungen (wie C = dies comitialis; F = dies fastus; N = dies nefastus; NP = dies nefastus publicus), die an dieser Stelle wiederzugeben zu weit führen würden.

Landwirtschaftsbezogene Feste im römischen Kalender.

Aus dem römischen Festkalender der Republik, hg. von A. und I. König, Stuttgart 1991, S. 47 - 74 und 81 - 96. 
Februar

1 H (F nach dem numanischen Kalender) Kal. Febr. N

2 A (G) IV Non. Febr. N

3 B (H) III Non. Febr. N

4 C (A) Pr. Non. Febr. N

5 D (B) Non. Fcbr. N

6 E (C) VIII Id. Febr. N

7 F (D) VII Id. Febr. N

8 G (E) VI Id. Febr. N

9 H (F)V Id.Febr.N

10 A (G) IV Id. Febr. N

11 B (H) III Id. Febr. N

12 C (A) Pr. Id. Febr. N

13 D (B) Id. Febr. NP PARENTALIA (bis zumFest der FERALIA am 21.Februar)

14 E (C) XVI k. Mart. N

14 E (C) XVI k. Mart. N

15 F (D) XV k. Mart. NP LUPERCALIA

16 G (E) XIVk. Mart. EN

17 H (F) XIII k. Mart. NP QUIRINALIA

18 A (G) XIIk. Mart. C

19 B (H) XI k. Mart. C

20 C (A) X k. Mart. C

21 D (B) IX k. Mart. NP [F] FERALIA

22 E (C) VIII k. Mart. C

23 F (D) VII k. Mart. NP TERMINALIA

24 G (F) VI k. Mart. N REGIFUGIUM

25 H (F) V k. Mart. C

26 A (G) IV k. Mart. EN

27 B (H) III k. Mart. NP EQUIRRIA

28 C (A) pr. k. Mart. C

 

Feriae conceptivae:

17. Fornacalia

Amburbium

April

I C (A nach dem numanischen Kalender) Kal. Apr. F

2 D (B) IV Non. Apr. F

3 E (C) III Non. Apr. C

4 F (D) pr. Non. Apr. C

5 G (F) Non. Apr. N

6 H (F) VIII Id. Apr. N

7 A (C) VII Id. Apr. N

8 B (H) VI Id. Apr. N

9 C (A) V Id.Apr. N

10 D(B)IV Id.Apr. N

11 E (C) III Id. Apr. N

12 F (D) pr. Id. Apr. N

13 G (E) Id. Apr. NP

14 H XVIII (F XVII) k. Mal. N

15 A XVII (G XVI) k. Mal. NP FORDICIDIA

16 B XVI (H XV) k. Mai. N

17 C XV (A XIV) k. Mai. N

18 D XIV (B XIII) k. Mai. N

19 E XIII (CXII) k. Mai N CERIALIA

20 F XII (D XI) k. Mal. N

21 G XI (E X) k. Mai. NP PARILIA; natalis Urbis

22 H X (F IX) k. Mai. N

23 A IX (C VIII) k. Mai. F VINALIA PRIORA

24 B VIII (H VII) k. Mai. C

25 C VII (A VI) k. Mai. NP ROBIGALIA

26 D VI k. Mai. F Hunc diem divus Caesar addidit ( Fasti Praenestini)

27 E (B = 26.) V k. Mai. C

28 F (C = 27.) IV k. Mai. C

29 G (D = 28.) III k. Mai. C

30 H (F = 29.) pr. k. Mal. C

 

Feriae conceptivae:

Feriae latinae.

August (Sextilis)

I F (A nach dem numanischen Kalender) Kal. Aug. (Sext. nach dem numanischen Kalender) F

2 F (B) IV Non. Aug. (Sext.) F

3 G (C) III Non. Aug. (Sext.) C

4 H (D) pr. Non. Aug. (Sext.) C

5 A (F) Non. Aug. (Sext.) F

6 B (F) VIII Id. Aug. (Sext.) F

7 C (C) VII Id. Aug. (Sext.) C

8 D (H) VI Id. Aug. (Sext.) C

9 E (A) V Id. Aug. (Sext.) F

10 F (B) IV Id. Aug. (Sext.) C

11 G (C) III Id. Aug. (Sext.) C

12 H (D) pr. Id. Aug. (Sext.) C

13 A (F) Id. Aug. (Sext.) NP

14 B XIX (F XVII) k. Sept. F

15 C XVIII (C XVI) k. Sept. C

16 DXVII (H XV) k. Sept. C

17 E XVI (A XIV) k. Sept. NP PORTUNALIA

18 FXV( B XIII)k.Sept.C

19 C XIV (C XII) k. Sept. FP VINALIA RUSTICA

20 H XIII (D XI) k. Sept. C

21 AXII(E X) k. Sept. NP CONSUALIA

22 B XI (FIX) k. Sept. EN

23 C X (G VIII) k. Sept. NP VOLCANALIA

24 D IX (H VII) k. Sept. C

25 E VIII (A VI) k. Sept. NP OPICONSIVIA

26 F VII (B V) k . Sept. C

27 G VI (CIV) k. Sept. NP VOLTURNALIA

28 H V (D III) k. Sept. C

29 A IV k. Sept. F Von Caesar eingefügter Tag

30 B III k. Sept. F Von Caesar eingefügter Tag

31 C (E = 29.) pr. k. Sept. C

Im Februar wird das Fest der 'Parentalia' (13. Febr.) zur Ehrung der verstorbenen Vorfahren gefeiert, die zu dieser Zeit als - auch im häuslichen Bereich - umherschweifend angenommen und durch die Gabe von Salz, Brot und Wein und Kränzen versöhnt werden. Die 'Lupercalia' am 15. Februar feiern den Gott 'Faunus' (Lupercus'), ursprünglich vor allem Hirtengott, mit der Opferung eines Bockes und/oder eines Hundes und einem Umzug um den Palatin, bei dem die Priester mit blutigen Fellriemen unheilsabwehrende Schläge unter das Publikum austeilen. Am 17. Februar liegen die 'Qirinalia', das Fest des Quirinus und zugleich der alten Kurien, in denen die Geschlechterverbände ('gentes') zusammengefaßt waren. Am 21. Febr., dem Fest 'Feralia', werden den Toten der einzelnen Familien (di manes) an den Gräbern Opfer gebracht. Der 23. Februar ist der alte Jahresbeginn; er leitet die hauptsächlichen Frühjahrsarbeiten auf dem Lande ein. Am 27. Februar können zu Ehren des Mars, dessen Bedeutung alsVegetationsgott oben angesprochen wurde, Pferderennen stattfinden ('Equirria'; meist aber erst am 14. März). Der Charakter des Februar als Schaltmonat beruht darauf, daß er ursprünglich des Jahresende bildet.

Der April hat folgende der bäuerlichen Sphäre nahestehende Feste: Am 4. April beginnen die 'Megalesia', das - nicht indigen-römische (s. o.) - Fest zu Ehren der Kybele (Meter megale, Magna Mater), das zu Beginn der Wachstumsperiode den Mythos von Werden und Vergehen in seiner Bedeutung für göttlichenund die natürlichen Sphäre ausdrückt. Am 15. April , den 'Fordicidia', wird, wie der Name sagt, eine trächtige Kuh (forda) der Erde (tellus) geopfert (caedere); den in die Erde eingebrachten Saaten soll durch dieses symbolische Opfer eines einzelnen werdendes Lebens das Wohlwollen der Erd-Gottheit erworben werden. Am 19. April liegt das Fest der Wachstumsgöttin Ceres ('Cerialia'), mit dem sich seit alters - d. h. von Religions wegen - die von den plebejischen Aedilen veranstalteten öffentlichen Circus-Spiele verbinden . Auf dem 21. April liegen die 'Palilia', ein weiteres Hirtenfest, zu Ehren des Pales (vermutlich namensgebend für den Palatin-Hügel). Am 23. April ('Vinalia priora') wird durch ein Wein-Trankopfer an Iupiter der ihm für ein Jahr geweihte Wein des letzten Jahres zum allgemeinen Gebrauch freigegeben. Am 25. April, den 'Robigalia', werden der Gottheit des Getreiderostes, Robigus oder Robigo, in ihrem Hain - außerhalb der Stadt - vom Priester (flamen) des Quirinus ein Hund und ein Schaf geopfert, um Schaden vom Getreidewachstum abzuwenden (dazu: Ovid, Fasti V, 910 - 942).

Am 17. August werden die 'Portunalia', das Fest des Portunus, des alten Gottes der Haustür, später auch der Häfen, gefeiert. Am 19. August finden die 'Vinalia Rustica' statt, bei dem Jupiter gebeten wird, die reifenden Trauben zu schonen; es ist noch nicht das Fest der Weinernte, das am 11. Oktober liegt ('Meditrinalia'). Zum 21. August, nach Einbringung der Getreideernte, wird bei den 'Consualia' der unterirdische Altar des Schutzgottes der Korngruben, Consus, im Circus maximus aufgedeckt; dort finden Rennen statt. Der 23. August ist das Fest des Volcanus, die 'Volcanalia'. Es dient vermutlich dazu, diesen Gott in der trockensten Jahreszeit um die Abwehr der Feuersgefahr von der Getreideernte zu bitten. Am 25. August wird Ops, nach Festus (verb. sign. p. 202, 14;204, 20 L) die Gattin des Saturn, die auch den Beinamen Consiva trägt, als Erntegöttin verehrt. Am 27. August liegt ebenfalls ein offenbar auf die Erntee bezogenes Fest 'Volturnalia', das mit dem in seiner Bedeutung noch nicht geklärten etruskischen Wort 'velthurna' zusammenhängt.

III. Die altchinesische Perspektive.

 Zu den thematischen Aspekten dieses Kapitels im Alten China: siehe das Verweissystem in Kap.8.

IV. Literatur, Medien, Quellen.

Hinweis auf das allgemeine Literatur- und Quellenverzeichnis: LITERATURVERZEICHNIS_LV_LANDWIRTSCHAFT_IM_ALTERTUM 
Literatur:
Max Kaser, Das römische Privatrecht, Bd. (Abschnitt) 1: Das altrömische, das vorklassische und das klassische Recht; Bd. (Abschnitt) 2: Die nachklassischen Entwicklungen, HdA X, 3, 3 1 und 2, München 1971 und 1975.
Horst Blank, Einführung in das Privatleben der Griechen und Römer, Darmstadt 1976.
Hermann Strasburger, Zum antiken Gesellschaftsideal, Heidelberg 1976.
Georg Wissowa, Religion und Kultus der Römer, (1912, HdA) ND München 1971.
Roland de Vaux, Das Alte Testament und seine Lebensordnungen, 2 Bde. (Bd. 1: Fortleben des Nomadentums. Gestalt des Familienlebens. Einrichtungen und Gesetze des Volkes; Bd. 2: Heer und Kriegswesen. Die religiösen Lebensordnungen).
Maarten J. Vermaseren (Hg.), Die orientalischen Religionen im Römerreich, Leiden 1981.
George P. Murdock, Social Structure (1949), New York 1965.
Frank R. Vivelo, Handbuch der Kulturanthropologie. Eine grundlegende Einführung, mit einer Einleitung hg. von Justin Stangl, dt. Übers. von Erika Stangl, München 1988 (bes. S. 308 - 349).
U. Wesel, Der Mythos vom Matriarchat. Über Bachofens Mutterrecht und die Stellung von Frauen in frühen Gesellschaften, Frankfurt M. 1980.
C. Gizewski, DIGESTENEXEGESE_UND_SOZIALSTRUKTURGESCHICHTE (zum römischen Familienbegriff), Beitrag S 4 in der Abteilung SCRIPTORIUM dieser WWW-Seite.
Medien:
A. Walde, J. B. Hoffmann, Lateinisches etymologisches Wörterbuch, 3 Bde., Heidelberg 1972
 Quellen:
Biblia Hebraica, ed. E. v. d. Hoogt, A. Hahn, Leipzig 1838; Übersetzung: T. Schwegler, A. Herzog, J. Perk, Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, Zürich u. a. O. 1974.
Valerius Maximus, Facta ert dicta memorabilia, lat.-deutsch, übersetztt und herausgegeben von U. Balnk-Sangmeister, Stuttgart 1991.
Herodot, Historiai. Edition: C. Hude, 1927 3 ; dt. Übersetzung: A. Horneffer, mit einem Kommentar von H. W. Haussigund einer Einleitung von W. F. Otto, Stuttgart 1971.
Der römische Festkalender der Republik. Feste, Organisationen und Priesterschaften, mit einem einschlägigen Text aus Varros 'lingua latina' herausgegeben und erläutert von Angelika und Ingemar König, Stuttgart 1991.
Columella, Res rustica, wie allg. Literatur- und Quellenverzeichnis.
Cato, De agricultura. Vom Landbau. Fragmente. Alle Schriften. Hg. von O. Schönberger, München 1980, wie allg. Literatur- und Quellenverzeichnis.
Plutarch, Marcus Cato (= Cato maior), in der lateinisch-deutschen Ausgabe von Catos 'De agricultura' durch O. Schönberger, wie allg. Literatur- und Quellenverzeichnis, S. 316 ff.
Leonhard Schumacher, Römische Inschriften. Lateinisch-deutsch. Mit Kommentar und Einführung in die lateinische Epigraphik, Stuttgart 1988.
Fontes Iuris Romanis Anteiustiniani (= FIRA), Bd, 1, ed, Salvatore Riccobono, Florenz 1968.
Tacitus, Germania. Lateinisch und deutsch. Übersetzt, erläutert und mit einem Nachwort herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Stuttgart 1989.


 

LV Gizewski WS 1997/98

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)