AGiW_REGISTER

Kap. 5: LAND UND STADT: LANDWIRTSCHAFT ALS UNTERBAU DER STADTKULTUR.

ÜBERSICHT: 

I. Kulturvergleichende Vorbemerkungen.

II. Zum westlichen Altertum.

A. Die Vielfalt der Erscheinungsformen des westlichen Altertums. Die Bedeutung der Verhältnisse der römischen Kaiserzeit.

B. Die verschiedenen Aspekte des Stadt-Land-Verhältnisses.

1. Die Stadt als Marktort des umgebenden Landes.
a) Der wirtschaftliche Stadt-Land-Zusammenhang
b) Der typische Wertabfluß vom Lande zur Stadt.
2. Die Stadt als Grundbesitzerstadt, Konzentrationsplatz der sozialen Oberschicht und als politisch-administrativer Vorort des umgebenden Landes.
3. Die Stadt als religiöses und zivilisatorisches Zentrum eines ländlichen Raumes.
4. Die Stadt als Verkehrszentrum und Ansammlungsraum 'fremder Elemente' in einem umgebenden ländlichen Raumes.

III. Die altchinesische Perspektive.

IV. Literatur, Medien, Quellen.

I. Kulturvergleichende Vorbemerkungen: Landwirtschaft und städtische Organisationsform.

Ein historisch-wissenschaftlicher Sammel-Begriff der 'Stadt' bringt die Gafahr mit sich, als Terminus der heutigen deutschen Sprache in letztlich anachronistischer Weise, d. h. nicht ausreichend in seiner Bedeutung neugefaßt und klargestellt, zurückübertragen zu werden auf sehr verschiedenartige Phänomene des Altertums. Nur zu einigen von diesen steht das, was das Wort 'Stadt' heute meint, in einer - von vielen Transformationen - geprägten Traditonsbeziehung, nämlich mit der verfaßten Stadt des römischen Kaiserreichs, die in dessen früheren Epochen den Rechtsstatus einer 'colonia' oder eines 'municipium' hat, in der Spätantike aber zusammenfassend als 'civitas' bezeichnet wird. Ferner schwingt im heutigen Wort 'Stadt' etymologisch aber auch die Bedeutung der 'Stätte' als 'Versammlungsort einer Landgemeinde' des Typs mit, wie er bereits in der 'Germania' des Tacitus (11; siehe aber auch 16) beschrieben und in alten deutschen Ortsnamen ebenfalls überliefert wird: eine solche 'Stätte' schließt n germanischer Zeit, aber auch noch lange Zeit später, eine ständige Bevölkerungskonzentration nicht notwendigerweise ein.

Ein wissenschaftlicher Sammelbegriff der 'Stadt' kann sinnvollerweise - etwa zu Vergleichszwecken - verschiedene Typen von 'Siedlungskonzentration mit besonderer organisatorischer Bedeutung für eine ethnisch oder politisch definierte Gesamtpopulation' gemeinsam erfassen wollen. Zu diesen gehören zwar auch die eher kleinräumigen und nicht notwendigerweise ständig bewohnten oder dicht besiedelten 'Treff- und Versammlungsorte' und ländlichen 'Märkte'oder zwar ständig, aber nicht dicht bewohnten Tempelanlagen, 'Paläste', 'Burgen' und 'Villen' (lat.: 'fora', 'conciliabula', 'templa', 'palatia', 'cohortes', 'castra', 'villae'). Eine zweite Kategorie von Siedlungsorten - auf die ein wissenschaftlicher Sammelbegriff der 'Stadt' sich richtet - tritt aber in einen deutlicheren Gegensatz zu ihrem extensiv besiedelten ländlichen Umfeld und ist insoweit auch besonderer historischer Untersuchung wert. Das sind diejenigen ständigen Bevölkerungskonzentrationen, die sich räumlich, sozial oder administrativ in irgendeiner Weise deutlichvom Umland abgrenzen und innerhalb dieser Abgrenzung - in verschiedenen möglichen Formen - nach eigenen Regeln leben: dies schließt die Städten mit 'Stadtverfassungen' ein, wie sie seit den 'Poleis' der griechischen Geschichte für die Antike prägend sind, beschränkt sich aber nicht auf sie. Einen maximalen Grad solcher Abgrenzung bringt der römische Begriff 'urbs' (wortverwandt mit 'orbis' = Kreis) exemplarisch zum Ausdruck.

Im chinesischen Altertum gibt es zwar nicht im Sinne einer antiken, westlichen 'Polis'-Tradition, wohl aber in einem anderen Sinne - nämlich dem einer 'Fürsten-, Tempel- und Verwaltungsstadt' - Städte als Bezirke, die dem umgebenden Land gegenüber deutlich abgegrenzt sind . Auch die westliche Antike i. w. S. kennt diesen Typus, etwa in der altägyptischen Entwicklung. In der griechischen und römischen Antike ferner gibt es - im Vergleich zur Bevölkerungsdichte des umgebenden Landes - erkennbar abgegrenzte und in ihren Funktionen wichtige bedeutende Bevölkerungskonzentrationen ohne eine 'Stadtverfassung', wie etwa die römischen 'oppida'. Das sind typscherweise ummauerte Siedlungen ohne eigenen Stadtrtechtsstatus; aus diesem Grunde hat man den Terminus nachträglich wissenschaftssprachlich auch auf die burgähnlich befestigten größeren Siedlungen etwa des keltischen Bereichs übetrtagen. Daselbe gilt für die römisch-militärischen Lagerstädte ('castra'), Siedlungsorten mit öfters zentraler, nicht nur militärischer, sondern auch verkehrsmäßiger und wirtschaftlicher Bedeutung für ihre Region, die im Zusammenhang mit Militärlagern entstehen und erst im Laufe der Zeit, wenn überhaupt, eine eigene Stadtsatzung erhlaten

Unter den Bedingungen einer Abgrenzung können sich in städtischen Räumen auch des Altertums - jedenfalls prinzipiell - wirtschaftliche, verkehrsbezogene, politisch-administrative, religiöse und kulturelle Funktionen 'stadtspezifisch' entwickeln, ja in ihrem Zusammenhang schon im Altertum so etwas wie eine 'Stadtzivilisation' bilden, deren 'Geist' und Maßstäbe sich von denen eines umliegenden ländlichen Gebiets markant unterscheiden. Die gegenläufige Bedeutung der lateinischen Worte 'urbanus' - 'rusticus' bringt diese Differenz ungefähr zum Ausdruck.

Allerdings würde es zu weit gehen, Entwicklungen wie die Herausbildung einer neuzeitlichen, vorrangig unter städtischen Bedingungen sich entfaltenden Instustrie-, Verkehrs- und Massengesellschaft auf das Altertum zurückzuprojizieren, dessen gesellschaftliche Rahmenbedingungen ja, wohin man auch blickt, landwirtschaftsbasiert und dessen Stadt-Populationen, welche antike Metropole man auch als Beispiel heranzieht, im Vergleich zu den zugehörigen Landbevölkerungen als quantitativ gering - mit höchstens 5 - 10 % der bezugsweise heranzuziehenden Gesamtbevölkerung - einzuschätzen sind.

Die Funktion von 'Städten' - im Sinne abgegrenzter , in irgendeiner auffälligen Weise nach eigenen Regeln lebender Bevölkerungskonzentrationen - pflegt vielmehr selbst in den antiken Groß- und Hauptstädten auf enge Weise auch mit den Interessen und mit dem 'Geiste' der im ländlichen Umfeld bestehenden Lebensverhältnisse verbunden zu sein. Eine antike Stadtkulturpflegt sich durchweg aus diesen Verhältnissen heraus zu entwickeln, ob es sich um die Funktionen eines Markt- und zentralen Verkehrsortes, um die Zusammensetzung der Bürgerschaft und ihre politisch-administrativen Einrichtungen, um die Einrichtungen der Bildung, Geselligkeit und Unterhaltung oder die religiöse Kultausübung handelt.

Dies gilt trotz der erwähnten, ggf. deutlich spürbaren Differenzen zwischen Stadt und Land, die sicherlich ihre eigene besonderen Funktionen im gesellschaftlichen Gefüge hat, insbesondere bei der Übertragung und Bildung von Staatsfinanzen und Kapitalvermägen, bei der Entwicklung 'aristokratischer' oder 'demokratischer' Stadtverfassungen (im westlichen Altertum) oder bei der Entwicklung einer höheren Geisteskultur in einem städtischen Umfeld. 

II. Zum westlichen Altertum.

A. Die Vielfalt der Erscheinungsformen des westlichen Altertums. Die Bedeutung der Verhältnisse der römischen Kaiserzeit.

Im Sinne der oben gegebenen Definition gibt es eine Vielzahl von Phänomenen in den verschiedenen Kulturkreisen der Antike, die einander teilweise bedingen und überlagern, teilweise aber auch separate historische Traditionen bilden. So lassen sich etwa unterscheiden:

Da es unmöglich ist, die Entwicklung all dieser Typen an dieser Stelle eingehender zu erörtern (siehe dazu statt dessen etwa: Max Weber. Agrarverhältnisse im Altertum, in: Gesammelte Aufsätze zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, hg. von Marianne Weber, (1934), ND Tübingen 1988, S. 34 ff.), bezieht sich die nachfolgende Darstellung im wesentlichen auf die römische, gelegentlich auch auf die klassich-griechischen Polis-Geschichte. Es sei aber betont, daß sich die Stadtentwicklung im Rahmen des Imperium Romanum unter Aufnahme sowohl klassich-griechischer Polis-Muster als auch hellenistischer Muster vollzieht, welchletztere ihrerseits im Bereich der 'Residenzstadt'-Enwicklung auch altorientalische 'Tempel- und Fürstenstadt'-Traditionen aufnehmen. Im provinzialen Bereich knüpfen römische Urbanisationsstrukturen auch an andere dort vorliegende Traditionen an, so z. B. in Gallien an das keltische 'Oppidum'-Muster (umwallte größere Siedlungsanlage als Fürstensitz und Mittelpunkt eines größeren Stammesgebiets). Insoweit können mit den nachfolgenden exemplarischen Erörterungen aus dem römischen und griechischen Bereich auch andere antike Enwicklungen angesprochen sein.

 B. Die verschiedenen Aspekte des Stadt-Land-Verhältnisses.

1. DIE STADT ALS MARKTORT DES UMGEBENDEN LANDES.

a) Der wirtschaftliche Stadt-Land-Zusammenhang.

Die in Kap.3 (Produkte, Arbeits- und Betriebsformen in Landwirtchaftskulturen des Altertums) unter P. I und III C erörterte prinzipielle 'Betriebsform', die ländliche Anwesen seit den Frühzeiten des Altertums im Hinblick auf das staatliche Natural-Steuersystem, das staatliche, aber auch das private Pachtwesen und insbesondere auch im Hinblick auf die Marktverhältnisse der näher gelegenen Städte entwickeln müssen, verbindet sie notwendigerweise mit den staatlichen oder privaten Verwaltungssitzen und Lagerstätten ebenso wie mit den Märkten, die sich zumeist in Städten (im Sinne der oben gegebenen Definition) befinden, zu einer überbetrieblichen, Stadt und Land eng verbindenden organisatorischen Einheit. Dies zeigt sich zum Beispiel an den Befunden der bis heute vorgenommenen archäologischen Ausgrabungen im Umland des antiken Trier und der ihm nahegelegenen Lagerstädte Vicus Beda (Bitburg), Icorigium (Jünkerath), Crutisium (bei Merzig) und einer Siedlung bei Saarbrücken sowie für den Verkehr wichigerer Siedlungen wie Belginum (Hinzerath) oder derjenigen bei Kastel (an der Prims).

Abb. 1: Die archäologisch festgestellten bäuerlichen Betriebe und die Marktorte in der römisch-kaiserzeitlichen Region Trier/Metz (etw im 2. Jht. n. Chr.).

Entnommen aus: J. Lüning, A. Jockenhövel, H. Bender, T. Capelle, Deutsche Agrargeschichte. Vor- und Frühgeschichte, Stuttgart 1979, S. 367. Die Nordrichtung der Karte liegt links. Die kleinen Punkte stellen festgestellte bäuerliche Betriebe unterschiedlicher Größe dar und können und nur als Indikatoren für das wirkliche damalige ländliche Siedlungsbild gelten, dessen archäologische Rekonstruktion an einigen Orten besser und an anderen Orten schlechter möglich ist. Die größeren Orte sind durch größere Punkte, die beiden regionalen Stadtmittelpunkte durch umkreiste größere Punkte markiert. 

In den Städten treten nicht nur landwirtschaftliche Erzeuger und Dienstleister als Ablieferer und Anbieter auf, sondern auch Händler und Handwerker. Deren Angebote stehen auf den Märkten der Nachfrage auch der landwirtschaftlichen Erzeuger und Dienstleister offen, die ja nicht durchweg autark sind, sondern einen bestimmten, wenn auch zumeist aus Sparsamkeitsgründen kleingehaltenen Bedarf an Handwerksarbeit, feinbearbeiteten oder auch 'Luxus'-Gütern haben. Auch die Marktanbieter dieser Güter und Leistungen sind daher mit dem die Städte umgebenden ländlichen Raum zu einem übergreifenden wirtschaftlichen Austauschsystem verbunden.

Diese Anlauffunktionen spiegeln sich in dem unten wiedergegebenen rekonstruierbaren Stadtbild typischer römischer Land-Städte wie des italischen Pompeji oder des raetisch-kolonialen Cambodunum wieder: nicht nur in den typischen muri, portae (auch als Zolleinnahmestellen wichtig), fora (offen und überdacht; ausdrücklich für den Viehhandel das 'forum boarium'), templa, curiae, basilicae, tribunalia, thermae, theatra, amphitheatra, palaestrae, odea u. a wieder, sondern auch in dem rekonstuierbaren Charakter einiger Straßenzüge und Wohnviertel etwa als Handwerker- oder Händlerbereichen, kleinerer und größerer Stadthäuser (villae urbanae) als Herbergen und Wirtschaften oder z. B. Handwerkern, bäuerlichen Grundbesitzern, Bankiers, Eisenhändlern, Tragödiendichtern oder Ärzten gehörig. Marktplätze, Gerichtsgebäude und die 'curia' für einen städtischen Magistrat oder als Sitz einer staatlichen Präfektur (mit Urkunden-Archiv) stehen dabei für das direkte wirtschaftliche Geschehen und seine Rechtsakte, die templa und die anderen öffentlichen Gebäudeformen für das mit dem wirtschaftlichen sich eng verbindende religiöse, politische und unterhaltungs- oder bildungsbezogene öffentliche Leben, wobei die Größe der Bauwerke die Einbeziehung der jeweils umher lebenden ländlichen Bevölkerung voraussetzt.

Abb. 2: Aus archäologisch ermittelten Stadtgrundrisse ablesbare Stadtfunktionen: Pompeji und Cambodumum.

Entnommen aus: Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., Westermann-Schulbuchverlag, München 1990, S. 32.

b) Der typische Wertabfluß vom Lande zur Stadt.

Für die beiden genannten Momente eines überbetrieblich-wirtschaftlichen Stadt-Land-Zusammenhangs in ihrem Zusammenwirken läßt sich der strukturell wichtige Tatbestand feststellen, daß - unter den für sie jeweils als normal geltenden Steuer-, Pacht- und Markt-Verhältnissen - die breiten Schichten der ländlichen Bevölkerung auch bei intensiver Arbeit ein nur geringes Geldeinkommen zu haben und keinen wesentlichen Vermögenszugewinn zu erzielen pflegen. Steuer- und Pachtabgaben, aber auch Marktpreise führen andrerseits dazu, daß der Staat und die Verpächter erhebliche Steuer- und Pachtleistungen in Empfang nehmen und - zumindest im Bereich des Handels, aber auch bei besonders nachgefragten Handwerks- und Spezialistenleistungen - auch über die Märkte eine private Vermögens-, ja Kapitalbildung (i. S. einer nur dem Erwerbsgeschäft gewidmeten Vermögensbildung) stattfindet. Man kann jedenfalls insoweit typisierend von einem in eine Richtung gehenden Wertabfluß vom Lande zur Stadt hin sprechen, als die Empfänger dieser prinzipiell in eine Richtung verlaufenden Wert-Übertragungsvorgänge im allgemeinen - wenn auch nicht nur - in Städten ansässig und geschäftstätig zu sein pflegen. Dieses einseitige Land-Stadt-Verhältnis ist zwar nur eines von mehreren gesellschaftlichen Werttransfer-Verhältnissen, die eine Wert-Akkumulation in den 'Mittel- und Oberschichten' sowie in den staatlichen Institutionen bewirken, und selbstverständlich existieren solche Relationen auch auf dem Lande selbst und in den Städten selbst. Aber die Land-Stadt-Differenz ist doch ein auch für sich genommen wichtiges Moment einer für das Altertum - nicht nur der Antike, d. h. auch in anderen Weltregionen - - wohl generell charakteristischen - und geschichtlich weit über sie hinausreichenden - gesellschaftlichen Werttransfer-Ordnung, die typischerweise folgende Merkmale hat:

Die erwähnte Stadt-Land-Differenz bleibt selbst in Zeiten der Not bestehen. In diesen pflegen zwar die Preise für landwirtschaftliche Güter rapide anzusteigen. Aber nicht die ländlichen Direkterzeuger erhalten den Mehrpreis, sondern die Händler und privaten oder administrativen Lagerhalter, die das knappe Angebot organisieren. Ferner greift im äußersten Fall die Obrigkeit preisregulierend ein, wie dies am Beispiel des 'Diokletianischen Preisedikts' abzulesen ist. Seine nachfolgend in einem Auszug wiedergegebene Begründung macht deutlich, daß es bei einer gewissen Toleranz gegenüber den Preisbildungstendenzen der 'Märkte' im allgemeinen Rechtsbewußtsein - und auch bei der kaiserlichen Regierung - eine allgemeine, nicht von der Faktizität des Marktgeschehens abhängige Vorstellung von einer 'gerechten Ordnung der Preisrelationen' gibt, nach der sich einerseits zwar beurteilt, wann Wucher vorliegt und wann nicht, aber auch, in welchem Verhältnis Löhne und Preise - etwa in Stadt und Land - ungefähr zueinander zu stehen haben.

 Edictum Diocletiani, praefatio 13 - 17.

Sed iam etiam ipsas causas, quarum necessitas tandem providere diu prolatam patientiam conpulit, explicare debemus, ut, quamvis difficile sit toto orbe avaritiam saevientem speciali argumento vel facto potius revelari, iustior tamen intellegatur remedii constitutio, cum intemperantissimi homines mentium suarum indomitas cupidines designatione quadam et notis cogentur agnoscere. quis ergo nesciat utilitatibus publicis insidiatricem audaciam, quacumque exercitus nostros dirigi communis omnium salus postulat non per vicos modo aut per oppida, sed in omni itinere, animo sectionis occurrere, pretia venalium rerum non quadruplo aut octuplo, sed ita extorquere, ut nomina aestimationis et facti explicare humanae linguae ratio non possit, denique interdum distractione unius rei donativo militem stipendioque privari et omnem totius orbis ad sustiendos exercitus collationem detestandis quaestibus diripientium cedere, ut manu propria spem militiae suae et emeritos labores milites nostri sectoribus omnium comferre videantur, quo depraedatores ipsius rei publicae tantum in dies rapiant, quantum habere nesciant?

His omnibus ... iuste ac merito permoti ... modum statuendum esse censuimus, ut ... avaritia, quae vel campis quadam immensitate diffusis teneri non poterat, statuti finibus nostri finibus vel moderaturae legis terminis stringeretur. placet igitur pretia, quae subdidi brevis scriptura, ita totius orbis nostri observantia contineri, ut omnes intellegant egrediendi eadem licentiam sibis esse praecisam ...

 Um aber die Gründe zu erkären, die schließlich dazu führen mußten, unsere lange Zeit überbeanspruchte Geduld aufzugeben und eine Regelung zu treffen, so mag es zwar generell schwierig sein, in einer Welt, in der überall die Habsucht rast, diesen Übelstand mit einer Kritik oder besser einem aktiven Eingreifen im Einzelfall bloßzustellen. Doch mag eine dem so abhelfende gesetzgeberische Maßnahme einigermaßen gerecht erscheinen, wenn eine äußerst maßlose Art Mensch dadurch gezwungen wird, ihr ungezügeltes Erwerbsstreben als schändlich und tadelnswert zu begreifen. Denn wer kennt nicht diese Art [scil. unternehmerischer] Bedenkenlosigkeit, die dem öffentlichen Interesse eigensüchtig und hinterhältig entgegenhandelt? Überall, wo das allgemeine, öffentliche Wohl ein Eingreifen unserer Heere erfordert, nicht allein in Dörfern oder Städten, sondern auf dem ganzen Marschwege stellt sie sich mit der Absicht des Beutemachens in den Weg und verkauft die Waren nicht zum Vierfachen oder Achtfachen des normalen Preises, sondern schraubt diesen dermaßen in die Höhe, daß eine rationale menschliche Sprache nicht ausreicht, um einer solchen Art von Preisbildung und Geschäftstätigkeit eine angemessene Bezeichnung zu geben. Am Ende wird der Soldat für den Erwerb einer einzigen Sache bisweilen seines gesamten Soldes beraubt, und die Steuern zur Finanzierung militärischer Unternehmen, die dem ganzen Reich auferlegt werden, müssen dem verächtlichen Treiben der Beutemacher geopfert werden in einer Weise, daß unsere Soldaten sogar eigenhändig den Lohn ihrer Anstrengungen und Verdienste den Beutemachern darbringen, sodaß die Beutemacher dem Staat selbst jeden Tag soviel rauben, daß sie gar nicht wissen wieviel sie haben..

Nachdem wir durch dies alles zu Recht ungehalten geworden sind ... haben wir beschlossen, eine Grenze zu setzen, damit ... die Habsucht, die sich gewissermaßen auf dem unendlichem Felde [scil. freien Unternemertums] nicht unter Kontrolle halten ließ, nun durch die Begrenzung und Regulierung unserer Anordnung an die Bestimmungen eines Gesetzes gebunden wird. Daher beschließen wir, daß die Preise, die in dem nachfolgenden Verzeichnis aufgeführt sind, in der Weise im ganzen Reichsgebiet Beachtung finden sollen, daß jedermann wissen muß: ihre Überschreitung ist ihm verwehrt. ...

In diesem allgemeinen 'Preisgerechtigkeitskonzept' ist, wie erwähnt, ein Komplex von Vorstellungen darüber vorausgesetzt, wie Dienstleistungen und Erzeugnisse generell zu bewerten sind, d. h. auch, welchen Wert die typischerweise dem ländlichen Bereich entstammenenden im Vergleich zu den typischerweise der städtischen Sphäre zugehörenden haben, also z. B. Grundnahrungsmittel und einfache Landarbeit im Verhälltnis zu Handwerkserzeugnissen oder den Diensten eines Schreibers. Einige Beispiele der im diokletianischen Preisedikt enthaltenen Höchstpreis-Angaben sind in der folgenden Zusammenstellung in der Weise gegenübergestellt, daß man einen Eindruck von dem die Wertbewegung vom Lande zur Stadt hin lenkenden Bewertungskonzept für ländliche und für städtischen städtische Produkte und Dienstleistungen gewinnen kann. Auch hier ist natürlich mitzubeachten, daß auch ländliche Erzeuger teilweise 'verdelte' oder wegen ihrer Seltenheit preishöhere Produkte anbieten können. Dies führt einen Großgrundbesitzer wie Columella etwa dazu, die Erzeugung von Qualitätsweinen als besonders gewinnbringend anzupreisen. Generell ist aber seine Einschätzung der Landwirtschaft als kaum gewinnbringend ( Res rustica 3, 3. 2 ff) von größerer Bedeutung: " Von Wiesen, Weiden und Wäldern meint man, sie würfen für ihren Besitzer einen glänzenden Gewinn ab, wenn sie sich pro Jahr mit 100 Sesterzen [pro iugerum] rentierten, ganz zu schweigen vom Getreideland; ich kann mich kaum entsinnen, wann sich dieses im größeren Teil Italien jemals mit dem vierten Teil rentiert hätte" ("prata et pascua et silvae, si centenos sestertios in singula iugera efficiant, optime domino consulere videantur. nam frumenta maiorem quidem partem Italiae quando cum quarto responderint, vix meminisse possimus"). Die ausgewählten Preisangaben aus dem diokletianischen Preisedikt - es geht um festgelegte Höchstpreise - sollen in diesem Sinne verdeutlichen, daß

Einige Höchstpreisangaben aus dem Edictum Diocletiani 1 - 19 (in Auswahl, vereinfachter Darstellung und Übersetzung).

frumenti k.mo D centum (Weizen, ca. 17,5 l, 100 Denare)

hordei k.mo D sexaginta (Gerste, ca. 17,5 l, 60 Denare)

panicii k.mo D quinquaginta (Hirse, ca. 17, 5 l, 50 Denare)

avenae k.mo D triginta (Hafer, ca. 17,5 l, 30 Denare)

porri maximi num. decem D quattuor (große Porreestangen, 10 Stück, 4 Denare).

persica maxima num. decem D quattuor (größte Pfirsiche, 10 Stück, 4 Denare).

vini piceni ital. sext. D triginta (Picener Qualitätswein, ca. 0,55 l, 30 Denare).

vini rustici ital. sext. D octo (Landwein, ca. 0,55 l, 8 Denare).

olei cibarii ital. sext, D viginti quattuor (Speiseöl, ca. 0,55 l, 24 Denare

mellis secundi ital. sext. D viginti quattuor (Honig, mittlere Qualität, ca. 0,55 g, 24 Denare)

salis conditi ital. sext. D octo (Speisesalz, ca. 0,55 l, 8 Denare

carnis porcinae ital. po D duodecim (Schweinefleisch, ca. 327,5 g, 12 Denare)

carnis caprinae ital. po. D octo (Ziegenfleisch, ca. 327, 5 g, 8 Denare)

sturni num. decem D viginti (Stare, 12 Stück, 20 Denare)

piscis salsi ital. po D sex (eingesalzener Fisch, ca. 327,5 g, 6 Denare)

operario rustico pasto diurni D viginti quinque (Landarbeiter, Tagelohn, 25 Denare)

camelario sive asinario diurni D viginti quinque (Kamel- oder Eseltreiber, Tagelohn, 25 Denare)

pastori pasto diurnos D vignnt quinque (Hirte, Tagelohn, 25 Denare)

carpentario diurni D quinquaginta (Zimmermann, Tagelohn, 50 Denare)

fabro ferrario diurni D quinquaginta (Schmied, Tagelohn, 50 Denare)

aerario in orichalco mercedis in po. D octo (Metall-Handwerker, für Bronzearbeiten, pro 327,5 g, 8 Denare)

scriptori in scriptura optima versus NUM centum D quadraginta, sequentis scripturae NUM centum D viginti (Schönschreiber, für sehr gute Schrift, pro 100 Zeilen, 40 Denare; für normale Schrift, pro 100 Zeilen 20 Denare)

tabellanioni in scriptura libelli in versibus num. centum D decem (Geschäftsschreiber, für die Anfertigung eines Schriftstücks, pro hundert Zeilen, 10 Denare)

bracario pro excisura et ornatura pro birro qualitatis primae D sexaginta (Schneider, für Zuschnitt und Ausführung eines Oberkleides erster Qualität, 60 Denare).

formae caligares maximae D centum, formae infantiles D triginta (ein Paar Schuhe, größte Größe, 100 Denare, Kinderschuhe 30 Denare).

tapete africanum D mille quingentis (ein afrikanischer Teppich, 1500 Denare)

burrus Argolicus primae qualitatis D sex milibus (ein Vorhang in argolischer Kunst, erster Qualität, 6000 Denare)

dalmatica holoserca virilis clavans purpurae blattae D quinquaginta milibus (eine ganz aus Seide gefertigte Tunica für einen Mann, mit Streifen eingefaßt, in dunklem Purpur, 50.000 Denare)

paedagogo in singulis pueris menstruos D quinquaginta (Lehrer, für monatlichen Unterricht, je Schüler, 50 Denare)

grammatico Graeco et Latino et geometrae in singulis discipulis menstruos ducentos (Lehrer der griechischen und lateinischen Literatur oder der Geometrie, für monatlichen Unterrocht, je Schüler, 200 Denare)

advocato sive iuris perito mercedis in postulatione D ducentos quinquaginta, in cognitione D mille (Rechtsanwalt oder Rechtskundiger, Vergütung für die Verhandlung bei Gericht 250 Denare, bei einem Urteil 1000 Denare.

2. DIE STADT ALS ACKERBÜRGERSTADT UND POLITISCH-ADMINISTRATIVER VORORT DES UMGEBENDEN LANDES.

Nicht nur in einem wirtschaftlichen, sondern auch in einem politischen und/oder administrativen Zusammenhang pflegen Städte - um welchen Typus der eingangs gegebenen Übersicht es sich auch handeln mag - zu stehen. Es ist zwar auch eine mehr oder weniger isolierte Existenz von burg- oder militärlagerähnlichen oder kolonialen Städten in einer fremden oder feindlichen ländlichen Umgebung als vorübergehender Zustand denkbar. Im allgemeinen dürfte es aber irgendeine Form intensiverer politischer oder administrativen Zueinanderordnung von Stadt und Land geben, mindestens weil und insoweit als es den eben beschriebenen wirtschaftlichen Zusammenhang zwischen ländlicher und städtischer Sphäre zu geben pflegt.

An den prominenten Beispielen der klassischen Stadt Athen und und der republikanischen und frühkaiserzeitlichen Stadt Rom zeigt sich das beispielsweise schon daran, daß dort die großen ländlichen Grundbesitzer ein städtisches Haus neben ihren Gütern in der weiteren Umgebung der Stadt haben. Darüber hinaus ist in diesen Städten mindestens ein politisch maßgeblicher Teil der ganzen städtischen Bürgerschaft stets zugleich auch im Besitz von Grundstücken auf dem umliegenden Lande (d. h. nicht nur innerhalb der Mauern). An der Geschichte der damaligen Stadtverfassungen Athens und Roms zeigt sich ferner, daß die grundbesitzlosen Bürger - von einer relativ kurzen Zeit der 'radikalen Demokratie in Athen am Ende des 5. Jhts. v. Chr. abgesehen - zu den nachgeordneten Wählerklassen gehören und daß der Grunderwerb vom Besitz der Bürgerrechts abhängig zu sein pflegt.

Aristoteles, Athenaion Politeia 7, 3.

SOLONS WÄHLERKLASSENEINTEILUNG

(3) Nach Schätzung teilte er vier Steuerklassen ein, wie sie auch früher eingeteilt waren: Großgrundbesitzer, Ritter, Jochbauer und Arbeiter. Und die übrigen Amter ließ er von den Großgrundbesitzern, Rittern und Jochbauern verwalten - die neun Archonten, die Finanzverwalter, die Staatsmsakler, die elf Justizaufseher und die Kassenverwalter -, wobei er jedem die Amtsgewalt entsprechend der Größe seines Steuerkapitals verlieh. Denen aber, die zur Steuerklasse der Arbeiter gehörten, gab er nur Anteil an der Volksversammlung und an den Gerichten. (4) Zur Steuerklasse der Großgrundbesitzer gehörte, wer insgesamt 500 Maß trockenes und flüssiges Erntegut von seinem Eigentum zusammenbrachte, zur Ritterklasse die, die 300 Maß aufbrachten - bzw. Pferde zu halten in der Lage waren, wie einige meinen. Als Beweis führen sie den Namen der Steuerklasse an, als ob er aus diesem Sachverhalt abgeleitet sei, und auch die Weihgeschenke der Ahnen. Es steht nämlich auf der Akropolis ein Bild des Diphilos, auf dem folgende Inschrift angebracht ist:

"Diphilos' Anthemion weiht dies den Göttern zum Dank,
weil er zum Rittersrang aufstieg vom Arbeiterstand.",

und danehen steht ein Pferd als Zeichen, daß der Ritterstand eben diese Bedeutung habe. Freilich ist es glaubwürdiger, daß er nach Erntemaßen eingeteilt war wie die Großgrundbesitzerklasse. Jochbauernsteuer zahlten die, die intgesamt 200 Maß einbrachten. Die übrigen gehörten zum Arbeiterstand, ohne Zugang zu irgendeinem Amt. Deshalb dürfte wohl auch heute noch kein einziger, der sich an der Auslosung eines Amstes beteiligen will, wenn er gefragt wird, zu welcher Steuerklasse et gehört, sagen: zum Arbeiterstand.

 Aus Cicero, De re publica, 2 , 39 f.

SCIPIOS DARSTELLUNG DER ANFÄNGE DER RÖMISCHEN CENTURIAT-COMITIEN.


22 (39) (Scip.) .... duodeviginti censu maximo. Deinde equitum magno numero ex omni populi summa separato, relicuum populum distribuit in quinque classis, senioresque a iunioribus divisit, eosque ita disparavit Ut suffragia non in multitudims sed in locupletium potestate essent, curavitque,quod semper in re publica tenendum est, ne plurimum valeant plurimi. Quae discriptio si esset ignota vobis, explicaretur a me; nunc rationem videtis esse talern, ut equitum centuriae cum sex suffragiis et prima classis, addita centuria quae ad summurn usum urbis fabris tignariis est data, LXXXVIIII centurias habeat; quibus e centum quattuor centuriis - tot enim reliquae sunt - octo solae si accesserunt, confecta est vis populi universa, reliquaque multo maior multitudo sex et nonaginta centuriarum neque excluderetur suffragiis, ne superbum esset, nec valeret nimis, ne esset periculosum. (40) In quo etiam verbis ac nominibus ipsis fuit diligens; qui cum locupletis assiduos appellasset ab asse dando, eos qui aut non plus mille quingentos aeris aut omnino nihil in suum censum praeter caput attulissent, proletarios nominavit, ut ex iis quasi proles, id est quasi progenies civitatis, expectari videretur. Illarum autem sex et nonaginta centuriarum in una centuriaatum quidem plures censebantur quam paene in prima classe tota. Ita nec prohibebatur quisquam iure suffragii, et is valebat in suffragio plurimum, cuius plurimum intererat esse in optimo statu civitatem. Quin etiam accensis velatis cornicinibus proletariis ...

 22 (39) (Scip.) ... achtzehn mit dem größten Vermögen. Darauf, als er die große Zahl der Ritter von der Gesamtsumme des Volkes getrennt hatte, teilte er das übrige Volk in fünf Klassen ein, trennte die Älteren von den Jüngeren und verteilte sie so, daß die Abstimmungen nicht in der Macht der Masse, sondern der Besitzenden wären, und sorgte so dafür, was in jedem Gerneinwesen festzuhalten ist, daß die große Masse nicht am meisten Macht hätte. Wenn diese Einteilung euch unbekannt wäre, würde sie von mir dargelegt werden. Nun seht ihr, daß die Berechnung so ist, daß die Ritterzenturien mit den sechs Stimmen und die erste Klasse, unter Hinzufügung der Zenturie, die zum größten Nutzen für die Sta at den Zimmerleuten gegeben wurde, neunundachtzig Zenturien haben; wenn von den einhundertvier Zenturien - soviel nämlich sind übrig - nur acht hinzukommen, ist die Gesamtgewalt des Volkes geschaffen, und die übrige viel größere Menge der sechsundneunzig Zenturien würde nicht von der Abstimrnung ausgeschlossen, damit es nicht überheblich wäre,und sie würden nicht all zuviel verrnögen, damit es nicht gefähhrlich wäre. (40) Dabei war er auch in den Worten und selbst in den Benennungen sorgfältig. Während er die Begüterten assidui nannte, vom Geben des Asses, hat er diejenigen, die entweder nicht mehr als 1500 Asse Kupfer oder überhaupt nichts zu ihrer Schätzung als ihre Existenz beibrachten, Proletarier genannt, da von ihnen offenbar gewissermaßen nur die Nachkommenschaft, das heißt die Fortpflanzung der Gemeinde, erwartet werden könne. In einer aber der sechsundneunzig Zenturien wurden jedenfalls damals mehr geschätzt als fast in der gesamten ersten Klasse. So wurde keiner vom Recht der Abstimmung ausgeschlossen, und doch hatte der bei der Abstimmung das meiste Gewiclit, der das meiste Interesse daran hatte, daß der Staat im besten Zustand sei. Ja, sogar die Reserve, die Leichtbewaffneten, Bläser, Proletarier ....

Dies alles ist bedingt dadurch, daß diese antiken Städte damals zugleich Siedlungskonzentrationen und politisch-administrativen Mittelpunkte einer Gesellschaft sind, die zum größten Teil aus Bauern oder aber - auch bei quantitativem Überwiegen - gar nicht oder nur begrenzt bürgerrechtlich anerkannten Anteilen aus grundbesitzlosen Fremden, Nur-Händlern, Dienstabhänigen und 'Proletariern' besteht. Das politische und das mit ihm verbundene politische und religiöse Leben des ganzen Gemeinwesens - also einschließlich des ländlichen Umfeldes, das territorial zu ihm gehört - findet dabei zwar innerhalb der städtischen Mauern statt - und nicht, wie etwa im städtelosen Barbaricum, an bestimmten ländlichen Versammlungsplätzen. Doch wird an den Verfassungen des attischen Stadt-Territoriums, das ganz Attika einschließt, und der Stadt Rom mit ihrem 'ager Romanus' i. S. der römischen Tribuseinteilung eine auch verfassungsmäßig festgelegt enge Verzahnung von Stadtgebiet und umliegendem Land statt. Die unten im Kartenbild rekonstruierte attische Phylen- und Demenordnung etwa, die durch die Reform des Kleisthenes im Jahre 508 v. Chr. eingeführt wird, sieht einen gesamtstaatlichen Verfassungsaufbau vor, der einer zuvor sich abzeichnende Unterschiedlichkeit des politischen Einflusses von Stadtgebiet (asty), Binnenland (mesogeion) und Küstenregionen (paralia) entgegenwirkt, indem die politische Gesamtbevölkerung Attikas auf 10 Phylen verteilt wird, welche sich gleichmäßig aus einem Drittel (trittys) 'Stadt-', 'Küsten-' und 'Binnenland'- Siedlungen ('demoi') zusammensetzen . Der unten in seinen Grenzen erkennbare 'ager Romanus' (i. e. S. des administrativen Stadtgebiets der 'urbs Roma' bezieht den 'städtischen' ('pomerium') und den 'ländlichen' Bereich ein. Seit der Mitte des 3. Jhts. v. Chr. gibt es in Rom traditionell 35 - für Administration, Steuererhebung und die Gesetzgebung der Tribut-Comitien wichtige - Tribus, auf die sich die gesamte römische Bürgerschaft verteilt, und zwar vier 'städtische' (tribus urbanae) und 31 'ländliche' (tribus rusticae). Sogar die römischen Bürger, die dauerhaft weit außerhalb Roms - etwa in Bürgerkolonien - wohnen, werden einer dieser tribus zugeordnet, wobei die Zuordnung durch den 'censor' auch wahlarithmetischen Motiven folgen kann, wie sie etwa durch die oben wiedergegebenen Ausführungen Ciceros (über die Wählerklassen für die Centuriat-Comitien, eine andere Form der römischen Bürgerversammlung) unter Beweis gestellt werden. Da die 'tribus' als Stimmkörper - nach Feststellung der in ihnen jeweils bestehenden Mehrheit - mit nur und je einer Stimme votierten, ging die Tendenz dahin, städtische Wählergruppen, denen man wenig politischen Einfluß zugestehen wollte - dazu gehörten alle Freigelassenen und natürlich das grundbesitzlose städtische Proletariat -, in den vier 'tribus urbanae' zu komprimieren. Am athenischen und am römischen Beispüiel zeigt sich somit die in Auseinandersetzung mit innerstädtischen politischen Kräften und zum Zwecke der Stabilisierung der stadtstaatlichen Einheit (nicht primär aus Sympathie mit den typischerweise armen und immobilen Bevölkerungsteilen auf dem Lande) politisch gewollte Favorisierung der 'ländlichen' Bevölkerung in der Umgebung dieser prominenten antiken Städte.

Abb. 3: Attische Phylenordnung in klassischer Zeit

Abb. entnommen aus: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, hg. von H. Cancik und H. Schneider, Bd. 2, Metzler-Verlag, Stuttgart, Weimar1997, S. 238, s. v. 'Attika' (Hans Lohmann).

Abb. 4: Rom, Teilansicht der städischen und ländlichen Bezirke (tribus urbanae et rusticae).

Abb. entnommen aus: Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., Westermann-Schulbuchverlag, München 1990, S. 31 (Auszug).

Bei den in das Römische Reich eingegliederten oder bei in seinem Rahmen neubegründeten Städten, z. B. den römischen 'coloniae' oder 'municipia', gilt prinzipiell Ähnliches, wenn auch in einer entpolitisierten Form. Einmal sind auch diese Städte - seien sie Kolonistenstädte, seien sie Fortentwicklungen vorheriger Stadtverfassungsformen - trotz eines evtl. größeren Handwerker- und Händleranteils an ihrer Bevölkerung - im Kern ihrer jeweiligen, stadtpolitisch maßgeblichen Bürgerschaft in der Regel 'Grundbesitzerstädte'. Das zeigt deutlich etwa die römische Dekurionatsverfassung, wie sie uns im Recht der Kaiserzeit gegenübertritt. Dem 'ordo decurionum', dem Stadtrat, können dort nur ausreichend vermögende Bürger der Stadt angehören, einmal weil der Stadtrat für die Steuerschulden der Stadt ggf. mit dem Vermögen seiner Angehörigen einstehen muß und weil aus dem Stadtrat die städtischen Amtsträger hervorgehehn, die ggf. das Risiko einer Amtshaftung mit ihrem Vermögen abdecken müssen (vgl. Dig. 50, 4, 14 ; Cod. Iust. 10, 34), zum anderen aber auch deshalb, weil die Stadtverfassungen ihrer ursprünglichen politischen Absicht nach auf die örtliche und regionale, Rom gegenüber im allgemeinen besonders loyale Honoratiorenschicht - die mit der der größeren Grundbesitzer weitgehend identisch ist - zugeschnitten sind.

Bis zur Spätantike entwickelt sich - zum Beispiel in der Provinz Gallien - daraus eine allgemeinübliche Form der provinzialen Territorialorganisation, die der 'civitas'. 'Civitates' sind in dieser Epoche große, oft mit Stammengebieten zusammenfallende Distrikte, in deren Mittelpunkt zivile oder militärische Verwaltungsvororte liegen. Diese führen neben einem Ortsnamen im engeren Sinne auch die den Namen dem Gebietes in Verbindung mit dem Wort 'civitas', das somit einerseits einen Distrikt und zum andern einen für diesen zentralen Siedlungsort mit einer Stadtverfassung bezeichnet. Wie auch sonst im Römischen Reich, führen die städtischen Organe der einzelnen 'civitates' oder die - zumeist exzeptionell - mit Verwaltunsaufgaben betrauten Militärbefehlshaber von Lagerstädten die Verwaltungsaufgaben der unteren Ebene auch für das umliegende Landgebiet aus. Eine Übersicht über die gallischen Verhältnisse etwa im 4. Jht. n. Chr. gibt die 'Notitia Galliarum' , die im folgenden in einer der Edition (siehe unten P. IV) gegenüber etwas verkürzten und deutlicher gestalteten Form wiedergegeben wird. Sucht man auf der danach folgenden (eine frühere Zeit betreffende) Karte Galliens die traditionellen keltischen Stammesgebiete, so wird man sie in den 'civitates' des Verzeichnisses zu einem großen Teil wiederfinden. Das bedeutet, daß der - für die spätere europäischen Geschichte so traditionsbildende ( vgl. engl. 'city', franz. 'cite', ital. citta, span. 'ciudad') - spätantike 'civitas'-Begriff seinem Wesen nach ein großes territoriales Gebilde mit einem administrativen städtischen Mittelpunkt bezeichnet.

IN PROVINCIIS GALLICANIS QUAE CIVITATES SINT:

In provincia Lugdunensi prima civitates num. IIII:

Metropolis civitas Lugdunensium (= Lyon)
Civitas Aeduorum
Civitas Lingonum
Castrum Cabillonense
Castrum Matsonense

In provincia Lugdunensi secunda civitates num. VII:

Metropolis civitas Rotomagensium (= Rouen)
Civitas Baiocassium
Civitas Abrincatum
Civitas Ebroicorum
Civitas Saiorum
Civitas Lexoviorum
Civitas Constantia

In provincia Lugdunensi tertia civitates num. VIIII:

Metropolis civitas Turonorum ( = Tours)
Civitas Cenomannorum
Civitas Redonum
Civitas Andecavorum (= Angers)
Civitas Namnetum
Civitas Coriosolitum
Civitas Venetum
Civitas Diablintum

In provincia Lugdunensi Senonia civitates num. VII:

Metropolis civitas Senonum (= Sens)
Civitas Carnotum
Civitas Atisioderum
[Civitas Autricum]
Civitas Aurelianorum (= Orleans)
Civitas Parisiorum (= Paris)
Civitas Melduorum

In provincia Belgica prima civitates num. IIII:

Metropolis civitas Treverorum (=Trier)
Civitas Mediomatricum, Mettis (= Metz)
Civitas Leucorum, Tullo (= Toul)
Civitas Verudonensium (= Verdun)

In provincia Belgica secunda civitates num. XII:

Metropolis civitas Remorum (= Reims)
Civitas Suessionum (= Soissons)
Civitas Catalaunorum
Civitas Veromandorum
Civitas Atrabatum
Civitas Camaracensium
Civitas Tunacensium (= Tournai)
Civitas Siluanectum
Civitas Bellovacorum
Civitas Morinum
Civitas Bononiensium (= Boulogne)

In provincia Germania prima civitates IIII:

Metropolis civitas Magontiacensium (= Mainz)
Civitas Argentoratensium (= Strassburg)
Civitas Nemetum
Civitas Vangionum (= Bingen)

In provincia Germania secunda civitates II:

Metropolis civitas Agripinensium (= Köln)
Civitas Tungrorum (= Tongern)

In provincia Maxima Sequanorum civitates num. IIII:

Metropolis civitas Vesontiensium (= Besancon)
Civitas Equestrium, Noiodumus
Civitas Eluitorum, Aventicus (= Avenches)
Civitas Basiliensium (= Basel)
Castrum Vindonissense (= Windisch)
Castrum Ebrodunense
Castrum Argentariense
Portus Abucini
In provincia Alpium Graiarum et Poenninarum num. II:
Metropolis civitas Cebtronium, Darantasia
Civitas Valensium, Octodorum

ITEM IN PROVINCIIS NUMERO VII:

In provincia Viennensi civitates numero XIV:

Metropolis civitas Viennensium (= Vienne)
Civitas Genauensium
Civitas Gratianopolitana
Civitas Albensium [nunc Vivarium]
Civitas Deensium
Civitas Valentinorum
Civitas Tricastinorum
Civitas Vasiensium
Civitas Arausicorum (= Orange)
[Civitas Carpebtoatensium, nunc Vindausca]
Civitas Cabellicorum
Civitas Avennicorum
Civitas Arelatsenium (= Arles)
Civitas Massiliensium (= Marseille)

In provincia Aquitanica prima civitates VIII:

Metropolis civitas Biturigum
Civitas Arvernorum
Civitas Rutenorum
Civitas Albigensium
Civitas Cadurcorum
Civitas Lemovicum
Civitas Gabalum
Civitas Vellavorum

In provincia Aquitanica secunda num. VI:

Metropolis civitas Burdegalensium (= Bodeaux)
Civitas Agennensium
Civitas Ecolisuensium
Civitas Santonum (= Santogne)
Civitas Pictavorum
Civitas Petrocoriorum

In provincia Novempopulana civitates num. XII:

Metropolis civitas Ausciorum
Civitas Aquensium
Civitas Lactoratium
Civitas Convenarum
Civitas Consorannorum
Civitas Boatium
Civitas Benarnesium
Civitas Aturensium
Civitas Vasatica
Civitas Turba [ubi castrum Bogorra]

In provincia Narbonnensi prima civitates V:

Metropolis Civitas Narbonnensium (Narbonne)
Civitas Tolosatium (= Toulouse)
Civitas Beterrensium
[Civitas Agatenium]
[Civitas Magalonensium]
Civitas Nemausensium
Cicits Luteuensium
Civitas Uceciense

In provincia Narbonensi secunda civitates num. VII:

Metropolis civitas Aquensium
Civitas Aptensium
Civitas Reiensium
Civitas Foroiulianensium (= Frejus)
Civitas Vappencensium
Civitas Segestericorum
Civitas Antipolitana (= Antibes)

In provincia Alpium Maritimarum civitates num VIII:

Metropolis civitas Ebrodunensium
Civitas Diniensium
Civitas Rigomagensium
Civitas Solinensium
Civitas Sanisienium
Civitas Glannatena
Civitas Gemellensium
Civitas Vintiensium

In provinciis num. XVII civiates numero CXV


Mit leichten Vereinfachungen entnommen aus: O. Seeck (Ed.), Notitia dignitatum. Accedunt Notitia urbis Constantinopolitanae et latercula provinciarum, (1876), ND Frankfurt M., 1962, S. 261 ff.

Abb. 5: Das provinziale Gallien in der römischen Kaiserzeit.

Entnommen aus: Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., Westermann-Schulbuchverlag, München 1990, S. 36 (Auszug).

3. DIE STADT ALS RELIGIÖSES UND ZIVILISATORISCHES ZENTRUM DES LÄNDLICHEN RAUMES.

Die wirtschaftlichen und die politisch-administrativen Funktionen einer antiken Stadt verbinden sich - zwar nicht notwendigerweise, etwa bei reinen Militärlager-Siedlungen oder reinen Ackerbau-Städten, aber doch - zumeist mit einem auffälligeren oder gar sehr starken Hervortreten religiöser und unterhaltungs- und bildungsbezogener Momente im Stadtbild, die oben am Beispiel Pompejis und Kemptens schon angesprochen wurden. Sie bilden eine zivilisatorische 'Atmosphäre', einen 'städtischen Geist' des dortigen öffentlichen und, wo sozial möglich, auch privaten Lebens, der oft als angenehm, glänzend, elegant, fein, mit dem lateinischen Wort als 'urbanus', mit dem griechischen als 'asteios' beschrieben wird. Nicht nur in den großen Städten, aber in diesen besonders, tritt er auch als ein Selbstbewußtsein des Stadtbürgers, als Stolz auf die Vorzüge eines 'guten Lebens' (griech. 'eu zen') in der Stadt hervor, wobei dieses alle diejenigen umfaßt, die ihr politisch-adminstrativ zugehören und an ihrem Leben teilnehmen. Ein solches städtisches Bewußtsein wird auch in Abgenzung zu anderen Städten und Staaten formuliert, die nicht oder weniger 'urban' erscheinen. Der nachfolgende Text ist ein Auszug aus der Totenrede des Perikles im Jahre 431, so wie sie Thukyddes wiedergibt. Zur Begründung der Opfer in dem damals noch nicht sehr lange währenden peloponnesischen Krieg stellt Perikles den Verwandten der Kriegsgefallenen vor Augen, welche besonderen Vorzüge die Stadt Athen habe und daß diese zu der Bereitschaft führten, auch das eigene Leben im Kriege einzusetzen und schmerzliche Opfer an Menschenleben in der eigenen Familie zu ertragen.

Thukydudes, Peloponnesischer Krieg, 2, 40 f.; griech. Text.

 Griech. Text aus und dt. Übersetzung in Anlehnung an: Georg Peter Landmann, Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, 2 Bde., Darmstadt 1993; Bd. 1, S. 240 - 243.

 

Aus der Totenrede des Perikles.

[40] Wir lieben das Schöne und bleiben schlicht, wir lieben den Geist und werden nicht schlaff. Reichtum dient bei uns dem Augenblick der Tat, nicht der Großsprecherei, und seine Armut einzugestehn ist nie verächtlich, ein wenig verächtlich nur, sie nicht tätig zu überwinden. Wir vereinigen in uns die Sorge um unser Haus zugleich und unsre Stadt, und den verschiedenen Tatigkeiten zugewandt, ist doch auch in staatlichen Dingen keiner ohne Urteil. Denn einzig bei uns heißt einer, der daran gar nicht Anteil nimmt, nicht ein stiller Bürger, sondern ein schlechter, und nur wir entscheiden in den Staatsgeschäften selber oder denken sie doch richtig durch. Denn wir sehen nicht im Wort eine Gefahr fürs Tun, wohl aber darin, sich nicht durch Reden zuerst zu belehren, ehe man zur nötigen Tat schreitet. Denn auch darin sind wir wohl besonders, daß wir am meisten wagen und doch auch, was wir anpacken wollen, erwägen, indes die andern Unverstand verwegen und Vernunft bedenklich macht. Die größte innere Kraft aber wird man denen mit Recht zusprechen, die die Schrecken und Freuden am klarsten erkennen und darum den Gefahren nicht ausweichen. Auch in der Hilfsbereitschaft ist ein Gegensatz zwischen uns und den meisten. Denn nicht mit Bitten und Empfangen, sondern durch Gewähren gewinnen wir uns unsre Freunde. Zuverlässiger ist aber der Wohltäter, da er durch Freundschaft sich den, dem er gab, verpflichtet erhält - der Schuldner ist stumpfer, weiß er doch, er zahlt seine Leistung nicht zu Dank, sondern als Schuld. Und wir sind die einzigen, die nicht so sehr aus Berechnung des Vorteils wie aus sicherer Freiheit furchtlos andern Gutes tun. [41] Zusammenfassend sage ich, daß unsre Stadt insgesamt die Schule von Hellas sei, und daß der einzelne Mensch, wie mir dünkt, bei uns wohl am vielseitigsten und voll Anmut und leichtem Scherz in seiner Person wohl alles Notwendige vereine. Daß dies nicht Prunk mit Worten für den Augenblick ist, sondern die Wahrheit der Dinge, das zeigt gerade die Macht unsres Staates, die wir mit diesen Eigenschaffen erworben haben. ...

Besonders deutlich treten die 'urbanen' Züge im Stadtbild dort hervor, wo sie aus politisch-repräsentativen Gründen durch eindrucksvolle öffentliche Bauten besonders in Erscheinung treten sollen, also etwa in politischen Haupt- und herrscherlichen Residenzstädten oder provinzialen Metroploen des Altertums. Die folgenden Abbildungen sollen andeuten, wie die 'typischen' öffentlich-baulichen Einrichtungen von Städten unter griechischer oder römischer Herrschaft, von denen oben schon die Rede war, unter solchen repräsentativen Bedingungen eine nochmalige Steigerung erfahren.

 Rekonstruierte Ansichten des kaiserzeitlichen Rom.

Abb. 6: Forum Romanum.

Abb. 7: Circus Maximus. CircMax.GIF.

Abb. 8: Basilica Maxentii. BasMax.GIF.

Entnommen aus: Illustrierter Führer durch Rom einst und jetzt. [Rekonsrtuktion der Ansichten prominenter Stätten nach den verhandenen archäologischen Relikten]. Wissenschaftliche und künstlerische Beratung: R. A. Staccioli, A. Equini. Vision-Verlag Rom 1979, S. 22, 34, 38.

Ein 'städtischer Geist' wirkt sich aber auch in der Privatsphäre der Städte aus, nämlich in einem privaten Lebensstil der dort ansässigen vermögenderen Gesellschaftskreise, der nicht nur in den archäologiuschen Hinterlassenschaften etwa Pompejis, sondern auch in der antiken Literatur vielfältigen Ausdruck findet. Das Leben der Vermögenderen pflegt sich dabei in charakteristischer Weise zwischen ländlichen Beistztümern und Villen (villae rusticae) einerseits und Stadthäusern (villae urbanae) andrerseits hin und her zu bewegen, wie wir es etwa aus den Briefen des Plinius ablesen können (vgl. Kap.3 , unter P. II A 3). Der nachfolgende Text aus Vitruv, De archtitectura, macht deutlich, daß es sich bei den von ihm im Detail beschriebenen 'villae rusticae' allerdings nur zu einen kleineren Teil um 'urbana-repräsentative' Häuser vermögender Privatleute zu handeln pflegt, überwiegend dagegen um Häuser dort ansässiger Handwerker, Händler und - charakteristischerweise - auch normaler Bauern.

Vitruv, De architectura, 6, 5, 1 f.

 

 

1. ... etiam animadvertendum est, quibus rationibus privatis aedificiis propria loca patribus familiarum et quemadmodum communia cum extraneis aedificari debeant. Namque ex his quae propria sunt, in ea non est potestas omnibus introeundi nisi invitatis, quemadmodum sunt cubicula, triclinia, balneae ceteraque, quae easdem habent usus rationes. Communia autem sunt, quibus etiam invocati suo iure de populo possunt venire, id est vestibula, cava aediurn, peristylia, quaeque eundem habere possunt usum. Igitur [i]is, qui communi sunt fortuna, non necessaria magnifica vestibula nec tabulina neque atria, quod aliis officia praestant ambiundo neque ab aliis ambiuntur. 2. Qui autem fructibus rusticis serviunt, in eorum vestibulis stabula, tabernae, in aedibus cryptae, horrea, apothecae ceteraque, quae ad fructus servandos magis quam ad elegantiae decorem possunt esse, ita sunt facienda.

Item feneratoribus et publicanis commodiora et speciosiora et ab insidiis tuta, forensibus autem et disertis elegantirta et spatiosiora ad conventus excipiundos, nobilibus vero, qui honores magistratusque gerundo praestare debent officia civibus, faciunda sunt vestibula regalia alta, atria et peristylia amplissima, silvae ambulationesque laxiores ad decorem maiestatis perfectae; praeterea bybliothecas, pinacothecas, basilicas non dissimili modo quam publicorum operum magnificentia comparatas, quod in domibus eorum saepius et publica consilia et privata iudicia arbitriaque conficiuntur.

[Editionstext aus und deutsche Übersetzung in Anlehnung an:Vitruv. Zehn Bücher über Architektur. Lateinisch-deutsch. Edition und Übersetzung mit Anmerkungen von Curt Fensterbusch, Darmstadt, 1976 , S. 282 f.]

Über die Anordnung der Räume in privaten Stadthäusern.

1. ... man muß seine Aufmerksamkeit auch darauf richten, in welcher Weise in Privatgebäuden die Zimmer zu bauen sind, die allein den Hausherren gehören, und wie die, die auch Leuten, die nicht zur Familie gehöen, zugänglich sind. Denn in die Privaträume haben nicht alle Zutritt, sondern nur geladene Gäste, z. B. in die Schlafräume, Speisezimmer, Baderäume und die übrigen, die ähnlichen Gebrauchszwecken dienen. Allgemein zugä.ngliche Räume aber sind die, in die auch uneingeladen Leute aus dem Volk mit Fug und Recht kommen können, d. h. Vorhallen, Höfe, Peristyle und solche Räume, die in derselben Weise benutzt werden können. Daher sind für Leute, die nur durchschnittliches Vermögen besitzen, prächtige Vorhallen, Empfangssäle und Atrien nicht notwendig, weil diese Leute anderen durch ihren Besuch ihre Aufwartung machen, aber nicht von anderen besucht werden. 2. Die aber, die sich einer ländlichen Wirtschaftsttäigkeit widmen, in deren vorderem Hausbereich müssen Ställe, Läden, im Hauptgebäude selbst Gewölbe, Getreidespeicher, Lagerräume und andere Räumlichkeiten angelegt werden, die mehr auf die Aufbewahrung von ländlichen Erzeugnissen als auf geschmackvolles Aussehen ausgerichtet sein können.

Ferner muß man für Geldverleiher und Steuerpächtcr den Verhaltnissen angemessene, ansehnliche und gegen Diebstahl gesiclierte Wohnhäuser bauen, fur Rechtsanwälte und Redner elegantete und geräumigere, damit in ihnen Zusammenkünfte stattfinden können. Für höchstehende Personen aber, die, weil sie Ehrenstellen und Staatsämter bekleiden, den Bürgern gegenüber Verpflichtungen zu erfiillen haben, müssen fürstliche, hohe Vorhallen, sehr weiträumige Atrien und Peristyle gebaut werden, Gartenanlagen und geräumige Spazierwege, die der Würde angemessen angelegt sind; außerdem Bibliotheken, Räume fur Gemäldesmmlungen und basilikaähn]iche Hallen, die in ähnlicher Weise prunkvoll ausgestattet sind wie die staatlichcn Gebäude, weil in den Hausern dieser Männer öfter politische Beratungen abgehalten und Urteile und Entscheidungen in privaten Angelegenheiten gefällt werden.

4. STÄDTE ALS ANLAUFADRESSEN AUSLÄNDISCHEN EINFLUSSES UND AUSGANGSPUNKTE DES KULTURWANDELS AUCH IN DEN SIE UMGEBENDEN LÄNDLICHEN RÄUMEN.

Es mag selbstverständlich erscheinen, den Einfluß ausländischer Elemente auf ein antikes Territorium und generell den kulturellen Wandel in ihm in enger Beziehung zu sehen mit der Funktion der Städte als Verkehrsknoten- oder -engpaßstellen, Anlauf- und Ausgangspunkte stark frequentierter regionen-, meeres und politisch-grenzüberschreitender Verkehrslinien. Ein Blick auf die Karte der Verkehrswege eines politischen Terrioriums - wie des Römischen Reiches in der Kaiserzeit - zeigt aber über die allgemeine Selbstverständlichkeit hinaus, wo ausländische Einflüsse und kulturelle Veränderungen in besonderem Maße ansetzen. So erfolgt z. B. die Ausbreitung des Christentums im Römischen Reich von Osten nach Westen entlang der hauptsächlichen Verkehrslinien und jeweils zunächst im Bereich die städtischen Zentren; die 'Heiden' heißen daher im lateinisch-christlichen Sprachgebrauch auch 'pagani' ('Leute vom Lande').

Abb. 9: Städte als Verkehrsknotenpunkte und Anlauforte für ausländische und kulturwandelnde Einflüsse.

Entnommen aus: dtv-Lexikon der Antike. Kulturgeschichte Bd. 2, München 1971, S. 178 (Bearbeiter: T. Pekary / NZ.

Ein anschauliches Beispiel für einen in der Stadt Rom im 2. Jht. ansetzenden Wandel bestimmter kultureller Gewohnheiten - infolge der Tätigkeit einer dort zu Besuch weilenden griechischen Gesandtschaft - gibt der nachfolgende Textauszug aus den Parallelbiographien Plutarchs, hier der Lebensbeschreibung Catos d. Ä.. Cato trat dem griechischen Einfluß in Rom, der bereits seit dem 4. Jht. v. Chr. wahrnehmbar war, aber sich infolge der Expansion Roms auf den östlichen Mittelmeerraum seit dem 2. Jht. v. Chr. in der römischen Senatsaristokratie besonders stark bemerkbar machte, im Rahmen eines alten römisch-traditionellen, d. h. auch bäuerlichen Selbstverständnisses zwar aktiv , u. a. mit sittengesetzlichen Maßnahmen, entgegen, hatte aber damit letztlich keinen Erfolg, wie Plutarch betont, der Vorteil der griechischen Bildung den römischen Aristokraten doch allzu offensichtlich schien. In anderer Hinsicht allerdings dauertedie Differenz eines kulturellen Selbstbewußtseins zwischen Römern und Griechen noch Jahrhunderte an.

 Plutarch, Cato Maior 22, 5 - 23, 3.

Griechischer Text.

Deutsche Übersetzung: Catos Einstellung zu den Griechen.

Cato war von Anfang an unzufrieden damit, daß sich der Ceschmack an den Wissenchaften in Rom einschlich, weil er fürchtete, die Jugend könnte nun auf diese Eifer und Fleiß wenden und den Ruhm der Beresamkeit dem der Taten und des Kriegsdienstes vorziehen. Als aber das Ansehen dieser Philosophen in der Stadt zunahm und ein vornehmer Mann namens Gaius Acilius ihre ersten Reden an den Senat ins Lateinische übersetzte, wozu er eifrig um Erlaubnis bat, entschloß sich Cato, alle Philosophen unter einem anständigen Vorwand aus der Stadt zu entfernen. Er ging also in den Senat und beschwerte sich bei den Behörden, daß eine Gesandtschaft von Männern, die andere zu allem, was sie wollten, bereden könnten, so lange Zeit untätig in der Stadt verweile. "Man muß", meinte er, "möglichst rasch einen Entschluß fassen und den Gesandten ihren Bescheid geben, damit diese in ihre Schulen zurückkehren und die Kinder der Griechen unterrichten, die römisehen Jünglinge aber, wie früher, nur Gesetz und Obrigkeit hören."

Dies tat Cato nicht, wie einige meinen, aus Abneigung gegen Karneades, sondern weil er überhaupt von der Philosophic nichts wissen wollte und seine Ehre darin suchte, jegliche griechischeKunst und Gelehrsamkeit zu verschmähen. So nannte er auch Sokrates einen Schwätzer und Aufrührer, der sich.,so gut er konnte, zum Tyrannen über sein Vaterland machen wollte, indem er die alten Bräuche abschaffte und seine Mitbürger zu Ansichten verleitete, die den Gesetzen entgegen waren. Auch machte er sich über den langwierigen Unterricht des Isokrates lustig und sagte, seine Schüler seien bei ihm alt geworden, um erst im Totenreich bei Minos ihre Kunst anzuwenden und Prozesse zu führen.

Auch seinem Sohn suchte er die griechische Gelehrsamkeit verhaßt zu machen und tat dabei einen für sein Alter doch zu gewagten Ausspruch, indem er im Ton des Sehers vorhersagte. die Römer würden ihre Macht verlieren, wenn sie sich den Kopf mit griechischer Wissensehaft vollstopften. Doch hat die Zeit diese schlimme Weissagung Lügen gestraft, da Rom zur höchsten Macht emporstieg, während die Römer mit allem Eifer nach griechiseher Wissenschaft and Bildung strebten.


Griechischer Text und deutsche Übersetzung entnommen aus: Plutarch, Cato Maior, griechisch-deutsch, in: Marcus Porcius Cato, De agricultura (Über die Landwirtschaft). Edition, deutsche Übersetzung, Einführung und Kommentierung von Otto Schönberger, (Tusculum-Bibliothek) München 1980, S. 316 ff. (367 ff.).

III. Die altchinesische Perspektive.

 Zu den thematischen Aspekten dieses Kapitels im Alten China: siehe das Verweissystem in Kap.8.

IV. Literatur, Medien, Quellen.

Hinweis auf das allgemeine Literatur- und Quellenverzeichnis:

LITERATURVERZEICHNIS_LV_LANDWIRTSCHAFT_IM_ALTERTUM 

Literatur:
D. Hägermann, H. Schneider, Landbau und Handwerk 750 v. Chr. bis 100 n. Chr., Propyläen-Technikgeschichte Bd. 1, Berlin 1997.
Dieter Flach, Römische Agrargeschichte, Handbuch der Altertumswissenschaft III, 9, München 1990.
M. I. Finley, Die antike Wirtschaft (dtv- WR 4277), München 1977 (u. a. S. 146 ff.: Stadt und Land).
J. Lüning, A. Jockenhövel, H. Bender, T. Capelle, Deutsche Agrargeschichte. Vor- und Frühgeschichte, Stuttgart 1979.
M. Rostovtzeff, Gesellschaft und Wirtschaft im römischen Kaiserreich (1931) ND Aalen 1985.
Filippo Coarelli, Rom. Ein archäologischer Führer. Übersetzung von Agnes Allroggen-Bedel, (1974), Freiburg Br. 1975.
 Medien:
Großer Atlas zur Weltgeschichte, hg. von H. E. Stier u. a., Westermann-Schulbuchverlag, München 1990.
Illustrierter Führer durch Rom einst und jetzt. [Rekonsrtuktion der Ansichten prominenter Stätten nach den verhandenen archäologischen Relikten]. Wissenschaftliche und künstlerische Beratung: R. A. Staccioli, A. Equini. Vision-Verlag Rom 1979.
Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, hg. von H. Cancik und H. Schneider, Bd. 2, Metzler-Verlag, Stuttgart, Weimar1997, s. v. 'Attika' (Hans Lohmann), Karte S. 238.
Quellen:
  • Edictum Diocletiani, wie allg. Literatur- und Quellenverzeichnis.
  • Otto Seeck (Ed.), Notitia dignitatum (1876) ND Frankfurt M. 1962.
  • Plutarch, Cato Maior, griechisch-deutsch, in: Marcus Porcius Cato, De agricultura (Über die Landwirtschaft). Edition, deutsche Übersetzung, Einführung und Kommentierung von Otto Schönberger, (Tusculum-Bibliothek) München 1980, S. 316 ff.
  • Thukydides, Peloponnesischer Krieg, Edition: O. Luschnat, Leipzig 1960 2 ; Übersetzung: Georg Peter Landmann, 2 Bde., mit Einleitung, Kommentar, Register und Übersichten, München 1960.
  • Vitruv. Zehn Bücher über Architektur. Lateinisch-deutsch. Edition und Übersetzung mit Anmerkungen von Curt Fensterbusch, Darmstadt, 1976

 

LV Gizewski WS 1997/98

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)