AGiW_REGISTER

Kap. 6: Grundbesitzverhältnisse und soziale Schichtung auf dem Land. Großgrundbesitz und politische Aristokratie.

ÜBERSICHT:

I. Kulturvergleichende Vorbemerkungen.

II. Großgrundbesitz und soziale Schichtung in der Antike.

A. Die Vielfalt der Erscheinungsformen des westlichen Altertums. Die Bedeutung der römischen Verhältnisse.

B. Ländliche Eigentums- oder Besitzformen und die ihnen zugeordneten Sozialschichten.

1. Freie Eigentümer kleiner oder mittelgroßer Landflächen.
2. Kleinpächter, Sklaven und bodengebundene Kolonen.
3. Großgrundbesitzer. Großgrundbesitz als Grundlage der Aristokratie
a) Funktionen des ländlichen Großgrundbesitzes.
b) Rechte (Privilegien) und Pflichten der Großgrundbesitzer.
c) Der Bezug zum Lande in Moral und Standesbewußtsein.
d) Der Bezug zum Lande in Lebensstil und Bildung.

III. Die altchinesische Perspektive.

IV. Literatur, Medien, Quellen.

 I. Kulturvergleichende Vorbemerkungen: Landwirtschaft, soziale Schichtung und die Bildung von Aristokratien in Altertumskulturen.

Als allgemeine Tendenzen einer sozialstrukturellen Entwicklung in Altertumshochkulturen lassen sich, wie schon früher angesprochen,

a) die politische Herausbildung ziviler und militärischer Staatsdiener-und -vorgesetztenschichten in verschiedenartigen Staatsordnungen und
b) die wirtschaftlich-soziale Differenzierung der städtischen und ländlichen Bevölkerung nach speziellen Erwerbstätigkeiten, nach Vermögen oder Einkommen

verstehen (dazu KAP_1_BEDEUTUNG_UND_INHALTE_DER_ALTEN_LANDWIRTSCHAFTSGESCHICHTE).

Zu dieser Differenzierung tragen auch die regionalen Landwirtschafts-Märkte bei, die - allerdings verbunden mit allgemeinerern Faktoren - in der Landbevölkerung typischerweise Schichten der Großgrundbesitzer, der 'selbständigen' kleineren oder mittleren Landbesitzer und der dienstabhägigen Landbevölkerung hevorbringt.

Nicht nur das Marktgeschehen, sondern auch die 'staatlichen' Systemabläufe fungieren - neben den Leistungen für die Allgemeinheit, die sie erbringen, immer auch als Umverteilungs- und Akkumulationsverfahren für wirtschaftliches Vermögen und Positionen der Herrrschaft und der sozialen Geltung. Dies Phänomen tritt auch im interkulturellen Vergleich zwischen der fernöstlichen und der westlich-antiken Hochkulturentwicklung deutlich hervor. Letztlich hat dies Thema unter philosophischen, anthropologischen, wirtschafts- und gesellschaftstheoretischen Aspekten Autoren wie Jean Jacques Rousseau (Discours sur l'origine et les fondements de l'inegalite parmi les hommes, 1754) oder Karl Marx und Friedrich Engels (Über den Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, 1884) bewegt. Es ist aber auch eine historische Frage, deren Bedeutung bis zur heutigen Gegenwart reicht, und zwar insoweit, als sie sich - ungeachtet aller anderen denkbaren nicht-historischen Erklärungsmöglichkeiten, z. B. aus wirtschaftlichen Sachzwängen oder aus einer Natur des Menschen, auch auf die antiken Enstehungsmomente und die nachantike Traditionsgeschichte der genannten Umverteilungs- und Akkumulationsverfahren - in ihrer jeweiligen historischen Form - als Erklärungsansatz richtet.

Die oben genannten Tendenzen haben im Altertum durchweg eine ausgeprägte Polarisierung der Gesellschaften zur Ober- und Unterschichtenbildung hin zur Folge, deren Grenziehung primär an Grundbesitz, sekundär vor allem an der Möglichkeit orientiert ist, Geldvermögen und über diese Grundbesitz zu erwerben.

Oberschichtentypisch ist dabei einmal eine tendenzielle Vereinigung von Vermögen, Bildung und politischem Einfluß, wobei sich diese Momente gegenseitig stärken und induzieren können (z. B. beim Aufstieg eines tüchtigen nicht-vermögenden Politkers als 'homo novus' in die typischerweise grundbesitzende Oberschicht). Zum anderen findet eine rechtliche und politisch-ideelle Selbstabgrenzung der Oberschichten als Personengruppen mit bevorrechtigten Lebensbedingungen statt, die mit dem deutschen Wort wissenschaftssprachlich auch als 'ständisch' bezeichnet werden kann, wenn man dabei eine begriffliche Verallgemeinerung dieses Wortes auch auf die antiken Phänomene im Sinne hat. Der Landbesitz ist in landwirtschaftsbasierten Hochkulturen die einzige zur Verfügung stehende, wirtschaftlich-substanzielle Möglichkeit größerer sozialer Privilegierung. Auch größeren Geldvermögen pflegen zu ihrer Bestandserhaltung und Absicherung zumindest in größerem Umfang in Landbesitz angelegt zu werden ( siehe dazu Plinius, ep. ). Aus diesem Grunde konzentriert sich die Bildung von Aristokratien im Altertum, aber auch in späteren Epochen immer auch auf die Verteilung des Großgrundbesitzes in einem Gemeinwesen.

Es gibt zwar auch 'Mittelschichten'. Ihre Lage ist typisdcherweise durch kleineres oder mittleres Grundeigentumoder durch entsprechende Geldvermögen gekennzeichnet. Typischerweise liegen sie in ihrer sozialen Geltung auch deutlich markiert unter den Oberschichten, ebenso wie sie deutlich abgehoben von den 'Unterschichten' sind.

Diese ihrerseits sind typischerweise grundbesitzlos, arm, unbegildet und/oder politisch einflußlos und ohne größeres soziales Prestige .

Was die Mengenverteilung dieser Schichtenbereiche betrifft, so dürfte, gesezetzt den Fall, moderne Sozialerhebungen wären auch in Altertumskulturen üblich gewesen, eine häufigere Konstellation bei ungefähr 1 : 9 : 90 gelegen haben. Allerdings beruhen derartige Aussagen nur auf Eindrücken, wie sie z. B. aus dem Wahlrecht der attischen Polis oder der römischen Republik (siehe Kap.5 , unter P. II B 2) oder aus steuerbezogenen Erhebungen etwa des Alten China (siehe Illustrationen_7 zu Kap.8: unter P. A.: Zur staatlichen Bevölkerungsschätzung) als Ungefähr-Bild zu gewinnen sind.

Für den ländlichen Bereich wird diese Tendenz zur Schichtenpolarisierung - bei Existenz einer sehr kleinen Oberschicht, einer kleinen Mittelschicht und breiter Unterschichten - noch verstärkt dadurch, daß er in dreifacher Hinsicht eine Wertabschöpfungsbasis für Umverteilungs- und Akkumulationsprozesse ist: über die städtischen Märkte, über die 'öffentlichrechtlichen 'naturalen Steuern und Dienstleistungen an den Staat und über die privatrechtlichen Abgabe- und Dienstleistungsverpflichtungen (dazu siehe Kap.5 unter P. II B 1 b).

II. Zum westlichen Altertum.

A. Die Vielfalt der Erscheinungsformen des westlichen Altertums. Die Bedeutung der römischen Verhältnisse.

Innerhalb der Vielfalt der historischen Gestaltungen der Antike lassen sich historisch recht unterschiedliche Formen der Aristokratiebildungen erkennen, so z. B. die auf Eroberung beruhenden (z. B. in den hellenistischen Reichen), die auf bürgerschaftlichen Gesetzen (etwa einer griechischen Polis) beruhenden oder die aus einheimischen ländlichen Traditionen (etwa griechischer Stämme oder Stammesbünde) hervorgegangenen. Die römische Geschichte vereinigt in sich eine Vielzahl antiker Traditionen Auch wo die folgenden konkretisierenden Ausführungen nur römische Zustände betreffen, enthalten sie daher dennoch auch Hinweise auf das Typische in anderen Epochen und Regionen der antiken Geschichte.

Ein Beispiel für die oben beschriebene polarisierende Struktur sozialer Klassifikation und zugleich ihren Bezug zum grundbesitzerlichen Charakter der gemeinten Aristokratie finden wir für den römischen Bereich in Ausführungen Ciceros zur 'Pflichtenlehre' (officia 1, 150 f.), in denen es um eine Abgrenzung der 'honesti' von den 'tenues' geht. Ciceros Charakterisierung der sozialen Grenze zwischen denjenigen Menschen, die er als "liberales" oder "honesti" bezeichnet, einerseits und denjenigen die er "tenues", "mediocres" oder gar "sordidi" nennt, andrerseits stellt eine prägnante Zusammenfassung eines polarisierenden sozialen Denkens dar , wie es dem grundbesitzenden senatorischen Stande seiner Zeit - und auch einem hoch gebildeten Angehörigen dieses Standes - traditionell, in bewußter Aufrechterhaltung selbst nicht mehr ganz zeitgemäßer Gewohnheiten der Vorfahren eigen ist.

 ZUR ÜBUNG

Aufgabe: Prüfen Sie spontan die folgende Frage: was läßt sich aus der Textstelle für die römische Sozialordnung der Zeit Ciceros und ihren Zusammenhang mit der damaligen Landwirtschaft ermitteln?

Cicero, off. 1, 150.

(150) Iam de artificiis et de quaestibus qui liberales habendi, qui sordidi sint, haec fere accepimus. Primum improbantur ii quaestus, qui in odia hominum incurrunt, ut portitorum, ut feneratorum. Inliberles autem et sordidi quaestus mercennariorum omnium, quorum operae, non quorum artes emuntur; est enim in illis ipsa merces auctoramentum servitutis. Sordidi etiam putandi, qui mercantur a mercatoribus, quod statim vendant; nihil enim proficiant, nisi admodum mentiantur; nec vero est quicquam turpius vanitate. Opificesque omnes in sordida arte versantur; nec enim quicquam ingenuum potest habere officina Minimeque artes eae probandae, quae ministrae sunt voluptatum "cetarii, lanii, coqui, fartores, piscatores", ut ait Terentius. Adde huc, si placet, unguentuarios, saltatores, totumque ludum talarium. (151) Quibus autem artibus aut prudentia maior inest aut non mediocris utilitas quaeritur ut medicina, ut architectura, ut doctrina rerum honestarum, eae sunt iis, quorum ordini conveniunt, honestae. Mercatura autem, si tenuis est, sordida putanda est; sin magna et copiosa, multa undique apportans multisque sine vanitate impertiens, non est admodum vituperanda; atque etiam si satiata quaestu et contenta potius, ut saepe ex alto in portum, ex ipso se portu in agros possessionesque contulit, videtur iure optimo posse laudan. Omnium autem rerum, ex quibus aliquid adquiritur, nihil est agricultura melius, nihil uberius, nihil dulcius, nihil homine, nihil libero dignius [Hervorhebung von mir, C. G.]. De qua in Catone Maiore saltis multa diximus, illinc assumes quae ad hunc locum pertinebeunt.

(150) Was ferner die handwerklichen Berufe und Erwerbszweige angeht, die als eines Freien würdig, bzw. die als schmutzig zu gelten haben, so haben wir etwa folgendes als geltend anzunehmen. Zunächst werden [scil. in dem gültigen ethischen Denken] die Erwerbszweige mißbilligt, die sich der Ablehnung der Menschen aussetzen, wie die der Zöllner oder der Geldverleiher. Eines Freien unwürdig und schmutzig sind ferner die Erwerbsformen aller Tagelöhner, deren reine Arbeitsleistung - und nicht deren besondere Fähigkeiten - erkauft werden. Denn es ist bei ihnen der Lohn ja nichts weiter als einem Handgeld für eine Knechtstätigkeit. Als schmutzig muß man auch diejenigen ansehen, die von den Großhändlern Waren erhandeln, um sie sogleich weiter zu verkaufen. Denn man darf davon ausgehen, daß sie selbst nichts zustandbringen, außer daß sie gründlich lügen. Es gibt aber nichts Schändlicheres als Unwahrhaftigkeit. Auch alle Handwerker befassen sich mit einer schmutzigen Tätigkeit; denn eine Werkstatt kann nichts Edles an sich haben. Am wenigsten kann man die Fertigkeiten gutheißen, die lediglich der menschlichen Genßsucht dienstbar sind: Fischhändler, Metzger, Köche, Geflügelhändler und Fischer wie Terenz sagt. Füge hier, wenn es dir beliebt, hinzu, wie Terenz saht: "Salbenhändler, Tänzer und die ganze Zunft der Schausteller". (151) Diejenigen Fertigkeiten aber, bei denen entweder größere Klugheit beteiligt ist oder durch die ein nicht mittelmäßiger Nutzen angestrebt wird wie bei der Medizin, bei der Architektur und dem Unterricht im Bildungswissen der ,artes liberales', sind für die, zu deren Beruf siegehören, ehrenvoll. Für den Handel gilt folgendes: erfolgt er in kleinem Rahmen, so muß man das als schmutzig bezeichnen; wenn dagegen im großen und umfangreichen Geschäft, das vieles von überallher herbeischafft und es vielen ohne Betrug zur Verfügung stellt,dann darf man ihn durchaus nicht tadeln, und wenn er dann sogar, gesättigt mit Gewinn oder vielmehr zufriedengestellt, sich häufig von hoher See in den Hafen und direkt vom Hafen auf seine Landbesitzungen zu begeben pflegt, scheint er mit vollem Recht Lob zu verdienen. Von allen den Erwerbszweigen aber, aus denen irgendein Gewinn gezogen wird, ist nichts besser als Ackerbau, nichts einträglicher, nichts angenehmer, nichts eines Menschen, nichts eines Freien würdiger. Da ich hierüber in [meiner Biographie über] den älteren Cato genügend mitgeteilt habe, wirst du dort entnehmen, was zu diesem Thema gehört.

Textanalyse zur Übungsaufgabe: Analyse.

B. Ländliche Eigentums- oder Besitzformen und die ihnen zugeordneten Sozialschichten.

1. FREIE EIGENTÜMER KLEINER UND MITTELGROßER LANDFLÄCHEN.

Im allgemeinen gelten in der Antike Vermögensinhaber (z. B. der römische 'pater familias'), Familien und Gemeinschaften (z. B. Erbengemeinschaften oder vertraglich gebildete Gemeinschaften Nutzungsberechtigter an einem Landstück), die für sich und einen ihnen rechtlich zustehenden Verfügungsbereich im Rahmen ihrer Lebens- und Arbeitsverhältnisse ohne Einwirkung Dritter Dispositionen treffen können, als 'frei' (lat. 'liber', griech. 'eleutheros'). Allerdings kennen auch die antiken Rechtsordnungen hier rechtliche Abstufungen (z. B. verschiedene Grade der staatsrechtlichen, familienrechtlichen und personenrechtlichen 'capitis minutio' im römischen Recht). Ferner gibt es auch faktische Einschränkungen eines Freiheitsstatus durch tatsächliche Verhältnisse (z. B. im Rahmen eines Klientelverhältnisses, wie es auch auf dem Lande unter einflußreichen Patronen nicht selten ist). Wirtschaftlich bedeutet 'Freiheit' dennoch, daß eine Person oder eine Rechtsgemeinschaft eigenverantwortlich agiert, als Partner im Rechtsgeschäftsverkehr auftritt und für den Staat im Rahmen der jeweiligen Ordnungen Adressat für Steuer- und Dienstleistungsforderungen ist.

2. KLEINPÄCHTER, SKLAVEN UND BODENGEBUNDENE KOLONEN.

Die dienstabhängige, kleinpächterische, bodengebundene oder sonst halbfreie Existenz der unteren ländlichen Sozialschichten nimmt in den Altertumskulturen - abhängig von der Rechtsform der Grundbesitzverhältnisse, dem Sklavenrecht, dem Pacht- und Steuerrecht u. a. unterschiedliche Formen an, die an dieser Stelle zusammenzufassen nicht möglich ist. Doch zeigen die in der römischen Rechtsentwicklung herausgebildeten Formen vor allem der Sklaverei und der Kleinpacht - letztere einschließlicht ihrer spätantiken Unterform des bodengebundenen Kolonats - ein in landwirtschaftsbasierten Hochkulturen der Antike ein auch anderwärts wirkendes Prinzip der ländlichen Unterordnungsverhältnisse an , nämlich das einer mit prinzipiell sehr weitgehenden Befugnissen ausgestatteten betrieblichen Überordnungrordnung des Grundherren über die von ihm Abhängigen.

Der unten wiedergegebene Text aus Columellas Werk über die Landwirtschaft macht exemplarisch für das 2. Jht. n. Chr. deutlich, unter welchen Umständen und mit welcher wirtschaftlichen Zielsetzung Pächter und Sklaven damals auf Großgütern eingesetzt zu werden pflegen. Wir erfahren auch Charakteristisches über die Personalführung in solchen Landwirtschaftsbetrieben. Sie wirkt in einigen Aspekten gar nicht nur antik, sondern scheint eine gewisse Ähnlichkeit mit modernen Formen innerbetrieblicher Weisungsverhältnisse zu haben. Der Einsatz von Sklaven einerseits und von Pächtern andrerseits verfolgt aber doch für die antike Landwirtschaft charakteristische Zwecke. Um die Organisation der Sklaven- und die Pächterarbeit auf dem Lande etwas plastischer hervortreten zu lassen, ist der Text in einer etwas längeren Form belassen worden. Im allgemeinen zu Rechtsform und Funktion der Sklaverei: siehe WWW-Skript 'Antike Wirtschaft', Kap. 6 : Rechtliche Institute zur 'Ordnung' wirtschaftlicher Interessen , Punkt 5.

Columella, Res rustica, Buch 1, Kap. 7, 1 - 8, 2 und Kap. 8, 10 - 9, 3 (ed. W. Richter).


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DE OFFICIO PATRIS FAMILIAE.

His omnibus ita vel acceptis vel conpositis praeciplia cura domini requiritur cum in ceteris rebus tum maxime in hominibus. atque hi vel coloni vel servi sunt soluti aut vincti. comiter agat cum colonis facilemque se praebeat et avarius opus exigat quam pensiones, quoniam et minus id offendit et tamen in universum magis prodest. nam ubi sedulo colitur ager, plerumque conpendium numquam, nisi si caeli maior vis aut praedonis incessit, detrimentum adfert, eoque remissionem colonus petere non audet. sed nec dominus in unaquaque re, cui colonum obligaverit, tenax esse iuris sui debet, sicut in diebus pecuniarum vel lignis et ceteris parvis accessionibus exigendis, quarum cura maiorem molestiam quam inpensam rusticis adfert. nec sane est vindicandum nobis quicquid licet, nam summum jus antiqui summam putabant crucem. nec rursus in totum remittendum, quoniam vel optima nomina non appellando fieri mala faenerator Alfius dixisse verissime fertur. sed et ipse nostra memoria veterem consularem virumque opulentissimum p. Volusium adseverantem audivi felicissimum fundum esse, qui colonos indigenas haberet et tamquam in paterna possessione natos iam inde a cunabulis longa famitiaritate retineret. ita certe mea fert opinio rem malam esse frequentem locationem fundi, peiorem tamen urbanum colonum, qui per familiam mavult agrum quam per se colere. Saserna dicebat ab eiusmodi homine fere pro mercede litem reddi: propter quod operam dandam esse. Ut et rusticos et eosdem adsiduos colonos retineamus cum aut nobismet ipsisnon licuerit aut per domesticos colere non expedient: quod tamen non evenit nisi si in his regionibus quae gravitate caeli solique sterilitate vastantur. ceterum cum mediocris adest et salubritas et terrae bonitas numquam non ex agro plus sua cuique cura reddidit quam coloni, numquam non etiam vilici, nisi si maxima vel neglegentia servi vel rapacitas intervenit. quae utraque peccata plerumque vitio domini vel conmitti vel foveri nihil dubium est, cum liceat aut cavere. ne talis praeficiatur negotio, aut iam praepositus ut submoveatur curare. in longinquis tamen fundis, in quos non est facilis excursus patris familiae, cum omne genus agri tolerabilius sit sub liberis colonis quam sub vilicis servis habere, tum praecipue frumentarium, quem et minime, sicut vineas aut arbustum, colonus evertere potest et maxime vexant servi, qui boves elocant eosdemque et cetera pecora male pascunt nec industrie terram vertunt longeque plus inputant semini iacti, quam quod severint sed nec quod terrae mandaverunt sic adiuvant, ut recte proveniat, idque cum in aream contulerunt, per trituram cotidie minuunt vel fraude vel neglegentia. nam et ipsi diripiunt et ab aliis furibus non custodiunt sed nec conditum cum fide rationibus inferunt. ita fit, ut et actor et familia peccent et ager saepius infametur. quare talis generis praedium, si, ut dixi, domini praesentia cariturum est, censeo locandum.

DE COLONIS ET MANCIPIIS OFFICIISQUE EORUM.

Proxima est cura de servis, cui quemque officio praeponere conveniat quosque et qualibus operibus destinare. igitur praemoneo, ne vilicum ex eo genere servorum, qui corpore placuerunt, instituamus, ne cx eo quidem ordine, qui urbanas ac delicatas artis exercuerit. socors et somniculosum genus id mancipiorum, otiis campo, circo, theatris, aleae, popinae, lupanaribus consuetum, numquam non easdem ineptias somniat, quas cum in agriculturam transtulerit, non tantum in ipso servo quantum in univresa re detrimenti dominus capit. eligendus est rusticis operibus ab infante duratus et inspectus experimentis. ........

....... Nec tantum operis agrestis sit artifex, sed et animi, quantum servile patitur ingenium, virtutibus instructus, ut neque remisse neque crudeliter imperet semperque aliquos ex melioribus foveat, parcat tamen etiam minus bonis, ita ut potius timeant eius severitatem quam crudelitatem detestentur. id contingere poterit, si maluerit custodire subiectos, ne peccent, quam neglegentia sua conmittere, ut puniat delinquentis. nulla est autem maior vel nequissimi hominis custodia quam operis exactio, ut iusta reddantur, ut vilicus semper se repraesentet. sic enim et magistri singulorum officiorum sedulo munia sua exsequuntur, et ceteri post fatigationem operis quieti ac somno potius quam deliciis operam dabunt. iam illa vetera, sed optimi moris, quae nunc exoleverunt, utinam possint optineri, ne conservo ministro quoquam, nisi in re domini, utatur, ne cibum nisi in conspectu familiae capiat neve alium quam qui ceteris praebetur. sic enim curabit,ut et panis diligenter confiat et reliqua salubriter adparentur. ne extra fines nisi a se missum progredi sinat, sed nec ipse mittat nisi magna necessitate cogente. neve negotietur sibi pecuniamque domini aut animalibus aut rebus aliis promercalibus occupet; haec enim negotiatio curam vilici avocat nec umquam patietur eum cum rationibus domini paria facere, sed ubi numeratio exigetur, rem pro nummis ostendit. in universum tamen hoc maxime optinendum ab eo est, ne quid se putet scire, quod nesciat, quaeratque semper addiscere, quod ignorat. nam cum multum prodest perite quid facere, tum plus obest perperam fecisse. unum enim ac solum dominatur in rusticatione, quidquid exigit ratio culturae, semel facere, quippe cum emendatur vel inprudentia vel neglegentia, iam res ipsa decoxit nec in tantum postmodo exuberat, ut et se amissam restituat et quaestum temporum praeteritorum resarciat.

In ceteris servis haec fere praecepta servanda sunt, quae me custodisse non paenitet, ut rusticos, qui modo non incommode se gessissent, saepius quam urbanos familiarius adloquerer et, cum hac comitate domini levari perpetuum laborem eorum intellegerem, non numquam etiam iocarer et plus ipsis iocari permitterem. iam illud saepe facio, ut quasi cum peritioribus de aliquibus operibus novis deliberem et per hoc cognoscam cuiusque ingenium, quale quamque sit prudens. tum etiam libentius eos id opus adgredi video, de quo secum deliberatum et consilio ipsorum susceptum putant. nam illa sollemnia sunt omnibus circumspectis, ut ergastuli mancipia recognoscant, ut explorent, an diligenter vincti sint, an ipsae sedes custodiae satis tutae munitaeque sint, num quem vilicus aut adligaverit quempiam domino nesciente aut revinxerit nam utrumque maxime servare debet, ut et quem pater familiae tali poena multaverit, vilicus nisi eiusdern permissu compedibus non eximat, et quem ipse sua sponte vinxerit, antequam sciat dominus, non resolvat tantoque curiosior inquisitio patris familiae debet esse pro tali genere servorum, ne aut in vestiriis aut in ceteris praebitis iniuriose tractentur, quanto et pluribus subiecti, ut vilicis, ut operum magistris, ut ergastulariis, magis obnoxii perpetiendis iniuiis et rursus saevitia atque avaritia laesi magis timendi sunt. itaque diligens dominus cum et ab ipsis tam et ab solutis, quibus maior est fides, quaerit, an ex sua constitutione iusta percipiant, atque ipse penis potionisque probitatem gustu suo explorat, vestem manicas pedumque tegumina recognoseit. saepe etiam querendi potestatem faciat de iis, qui aut crudetiter eos aut fraudulenter infestent. nos quidem aliquando iliste dolentis tam vindicamus, quam animadvertimus in eos, qui seditionibus familiam concitant, qui calumniantur magistros suos, ac rursus praemio prosequimur eos, qui strenue atque industrie se gerunt. feminis quoque fecundioribus, quarum in subole certus numerus honorari debet, otium, nonnumquam et libertatern dedimus, cum conplures natos educassent. nam cui tres erant fihi, vacatio, cui plures, libertas quoque contingebat. haec et iustitia et cura patris familiae multum confert augendo patriomonio.

sed et illa meminerit, cum e civitate remeaverit, deos penatis adorare, deinde, si tempestivum erit, confestim, si minus, postero die fines oculis perlustrare, omnis partis agri revisere atque aestimare, num quid absentia sua de disciplina et custodia remiserit, num aliqua vitis, num arbor, num fruges absint; tum etiam pecus et familiam recenseat fundique instrumenturn et supellectilem. quae cuncta si per pluris annos facere instituerit, bene moratam disciplinam, cum senectus advenerit, optinebit, nec erit ulla eius aetas annis ita confecta, ut spernatur a servis.

QUALIS CORPORATURAE MANCIPIA CUIQUE OPERI CONTRIBUENDA SINT.

Dicendum etiam est, quibus operibus quemque habitum corporis aut animi contribuendum putemus. magistros pecoribus oportet praeponere sedulos ac frugalissimos. ea res utraque plus quam corporis statura roburque confert huic negotio, quoniam id ministerium custodiae diligentis et artis officium est. bubulco quamvis necessaria non tamen satis est indoles mentis, nisi eum vastitas vocis et habitus metuendum pecudibus efficit. sed temperet vires dementia, quoniam terribilior debet esse quam saevior, ut et obsequantur eius imperiis et diutius perennent boves, non confecti vexatione simul operum verberumque. sed quae sint magistrorum munia quaeque bubulcorum, suo loco repetam; nunc admonuisse satis est nihil in his, in illis plurimum referre vires et proceritatem. ......

 

 

DIE OBLIEGENHEITEN DES GUTSBESITZERS.

Sind alle diese Einrichtungen übernommen oder geschaften, dann gilt die Hauptsorge des Besitzers neben anderem den in seinem Betrieb tätigen Menschen. Diese sind entweder Pächter oder freilaufende oder gefesselte Sklaven. Den Pächtern gegenüber soll er sich freundlich benehmen und gefällig zeigen und größeren Wert auf Arbeitsleistung als auf Pachtzins legen; denn dies tut weniger weh und bringt dennoch im ganzen mehr Gewinn. Wenn nämlich ein Grundbesitz fleißig bearbeitet wird, bringt das meistens einen Wertzuwachs, niemals aber einen Schaden, es sei denn, er werde durch die höhere Gewalt des Klimas oder Räubers verursacht, und in diesem Punkt wagt der Pächter es nicht, Zinsnachlaß zu fordern. Aber der Besitzer darf nicht in jeder Forderung, auf die er den Pächter verpflichtet hat, hartnäckig auf seinem Recht bestehen, wie etwa in den Zahlungsterminen oder in den Holzlieferungen und anderen zusätzlichen kleinen Verbindlichkeiten, deren Erfüllung den Bauern mehr Lasten als Kosten verursachen, und man darf auch nicht alles ahnden, wozu man berecbtigt wäre, denn das äußerste Recht ist nach der Ansicht der Alten auch die äußertse Plage. Andererseits darf man auch nicht über alles hinwegsehen, weil »auch die besten Namen schlecht werden, wenn man sie nicht ruft&laqno;, wie der Wucherer Alfius zutreffend gesagt haben soll. Aber auch zu meiner Zeit habe ich noch selbst den alten Konsularen und Großgrundbesitzer Publius Volusius versichern hören, der glücklichste Besitzer sei derjenige, der eingesessene Pächter habe, weil sie genau so, als ob sie auf elterlichem Grund geboren wären, von der Kindheit an durch ein Band langdauernder Vertrautheit sich an ihn gebunden fühlen. Ebenso bin ich auch fest davon überzeugt, daß häufiges Verpachten des Gutes eine üble Sache ist; noch übler allerdings ein Pächter aus der Großstadt, der auf dem Hof lieber durch seine Sklaven wirtschaften läßt als selbst wirtschaftet. Saserna pflegte zu sagen, von einem solchen Mann sei statt des Pachtzins meist nur Streit zu erwarten, weshalb man sich bemühen solle, richtige Bauern, und zwar als Dauerpächter, zu halten, wenn man das Gut nicht selber verwalten kann oder wenn es sich nicht lohnt, es durch eigene Sklaven bewirtschaften zu lassen. Doch kommt dies nur in Gegenden vor, die entweder durch ein drückendes KIma oder einen dürftigen Boden verödet sind. Sonst aber, wenn das Klima nur einigermaßen gesund und der Boden halbwegs fruchtbar ist, erzielt die eigene Arbeit stets noch mehr Ertrag als die eines Pächters, stets mehr sogar die Arbeit eines Verwalters, es sei denn, dem stehe die größte Gleichgültigkeit oder Raubgier der Sklaven im Wege. Beide Laster werden zweifellos in den meisten Fällen vom Besitzer selbst verschuldet oder begünstigt; denn er hat es in der Hand zu verhindern, daß so ein Mann die Leitung des Betriebes erhält, oder dafür zu sorgen, daß er ausgeschieden wird, wenn er die Stelle schon innehat. Dagegen ist es in entfernten Gegenden, die dem Besitzer nicht leicht die Möglichkeit zu Besuchen geben, bei jeder Art von Grundbesitz erträglicher, freien Pächtern die Leitung iu übertragen als Verwaltersklaven, am meisten aber bei Ackerland, das der Pächter nicht abholzen kann wie Wein oder Baumbestände und wo Sklaven den meisten Schaden anrichten können, wenn sie Rinder vermieten und diese und die Schafe schlecht versorgen und den Boden nicht eifrig pflügen und mehr Saatgut verrechnen, als sie gesät haben, ja nicht einmal das, was sie gesät haben, so pflegen, da8 es ordentlich aufgeht, und was sie schließlich auf die Tenne bringen, durch Betrug oder Schlamperei während der Druschzeit täglich mindern. Entweder nämlich stehlen sie selbst, oder sie schützen die Ernte nicht gegen fremde Diebe, ja se!bst, wenn sie sie eingelagert haben, führen sie sie nicht ehrlich in ihrer Abrechnung auf. So kommt es, daß der Verwalter und sein Gesinde unredlich handeln und das ganze Gut zuweilen in Verruf kommt. Deswegen halte ich es, wie gesagt, für richtig. einen derartigen Gutsbetrieb, der nicht mit der Anwesenheit seines Besitzers rechnen kann, zu verpachten.

DIE LANDARBEITER UND SKLAVEN UND IHRE AUFGABEN.

Die nächste Sorge betrifft die Sklaven, und zwar die Frage, mit welchen Verantwortungen man die einzelnen beladen und wem man die jeweiligen Aufgaben übertragen soll. Deshalb sei vorweg davor gewarnt, einen Verwalter aus der ZahIlder körperlich ansehn!ichen Sklaven oder auch der Klasse, die in den geselligen Annehmlichkeiten des städtiscben Lebens zuhause ist, zu wählen; denn das ist eine unbekümmerte und verschlafene Sorte von Sklaven, die an Müßiggang, Sportplätze, Zirkus, Theater, Würfelspiel, Kneipen und Bordelle gewöhnt, immer von demselben Schnickschnack träumt; haben sie diese Gewohnheiten einmal in das bäuerliche Leben verpflanzt, dann erwächst dem Besitzer noch mehr Schaden am ganzen Betrieb als am einzelnen Sklaven selbst. Man wählt einen Mann, der von Kindheit an abgehärtet und in Prüfungen erprobt ist. ........

....... Der Verwalter soll nicht nur ein Könner auf dem Gebiet der Landwirtschaft sein, sondern auch, soweit dies bei einem Sklaven zu erwarten ist, derartige menschliche Qualitäten besitzen, daß er seine Befehlsgewalt weder kraftlos noch brutal ausübt und stets einige der tüchtigen Sklaven auszeichnet, aber auch mit den schwächeren schonend verfiihrt, so daß sie eher seine Strenge fürchten als seine Grausamkeit verwünschen. Das kann er dann erreichen, wenn er seine Untergebenen lieber überwacht, damit sie sich nicht vergehen, als durch eigene Nachlässigkeit es soweit kommen läßt, daß er Schuldige bestrafen muß. Es gibt aber keine wirksamere Verhütungsmaßnahme selbst bei den verkommensten Menschen als ein strenges Bestehen auf der Leistung, auf der Einhaltung der Verpflichtungen, auf der ununterbrochenen Gegenwärtigkeit des Verwalters. Dann führen die für die einzelnen Betriebszweige verantwortlichen Ober-Knechte ihre Aufgabe mit Eifer aus, und die übrigen Sklaven werden sich nach der Anstrengung der tägIichen Arbeit lieber der Ruhe und dem Schlaf als dem Vergnügen hingeben. Wie schön wäre es, wenn man noch an den alten, aber ehrenwerten, heute leider ganz abgekommenen Regeln festhalten könnte, daß kein Sklave einen Mitsklaven zu eigenen Diensten, außer im Interesse des Herrn, einsetzen darf, daß er Speisen nur in Gegenwart des übrigen Gesindes zu sich nimmt und keine andere, als sie auch den übrigen geboten wird; denn dann wird er sich darum kümmern, daß das Brot sorgfaltig durchgebacken und auch sonst alles hygienisch einwandfrei zubereitet wird. Ferner soll er niemanden ohne Auftrag sich entfernen lassen, aber auch selbst niemanden fortschicken, wenn es nicht eine zwingende Notwendigkeit gebietet. Auch soll er nicht für sich Geschäfte machen und das Geld seines Herm in Tieren oder anderen Handelswaren anlegen; solche Handelsgeschäfte lenken die Aufmerksamkeit des Verwalters ab und lassen ihn niemals mit den Kalkulationen seines Herm übereinkommen; vielmehr wird er immer, wenn er den Kassenbestand vorzählen soll, Waren statt Geld vorzeigen. Im ganzen wird die wichtigste Forderung sein daß er nichts zu wissen glaube, was er nicht weiß, und stets zu lernen bestrebt sei, was er noch nicht kann. Denn so groß auch der Vorteil fachmännischen Handelns ist, so ist doch der Schaden verkehrten Handelns noch viel größer. Eines steht nämlich in der Landwirtschaft obenan: alles, was die Regel des Ackerbaus erfordert, nur eimmal zu tun; denn wenn infolge von Unklugheit oder Schlamperei erst Korrekturen nötig werden, ist die Sache schon verdorben und gedeiht hinterher nicht mehr in dem Maße, daß sie selbst wieder voll instand gesetzt werden und den vorhergehenden Ertragsverlust ausgleichen könnte.

Bei den übrigen Sklaven ist folgendes zu beachten, und es reut mich nicht, daß ich es selber beachtet habe: daß ich nämlich meine Landsklaven, sofern sie sich auch nur einigermaßen anständig verhalten hatten, häufiger als meine Stadtsklaven auf etwas ungezwungenere Art ansprach und, da ich merkte, daß ihnen durch solche Freundlichkeit des Dienstherrn die anhaltende Arbeit leichter wurde, zuweilen sogar einen Scherz machte und ihnen selbst noch mehr gestattete zu scherzen. Auch dies tue ich nicht selten, daß ich mit ihnen, gleich als hätten sie größere Erfahrung, irgendein neues Vorhaben bespreche und dadurch Art und Klugheit des Denkens eines jeden feststelle. Dann erlebe ich auch, daß sie sich noch lieber an die Arbeit machen, von der sie glauben, sie sei mit ihnen durchgedacht und auf ihren Rat hin beschlossen worden. Über andere Maßregeln sind sich alle vorsichtigen Besitzer einig: daß sie nach den Sklaven im Verschlußraum sehen, daß sie prüfen, ob sie sorgfältig angehängt sind, ob die Orte ihres Gewahrsams selbst hinreichend sicher und zuverlässig sind, ob der Verwalter ohne ihr Wissen irgendeinen Sklaven angebunden oder losgemacht hat. Denn auf beides muß man streng achten: daß der Verwwalter einen Sklaven, über den der Herr eine solche Strafmaßnahme verhängt hat, nicht ohne dessen Erlaubnis aus den Fußfesseln Iöst, und daß er einen Sklaven, den er von sich aus gefesselt hat, nicht freigibt, ehe der Herr davon Kenntnis erhalten hat. Auch die Fürsorglichkeit des Gutsbesitzers zugunsten solcher Sklaven, daß sie nicht etwa in der Bekleidung oder andern Darreichungen sorglos behandelt werden, hat um so gewissenhafter zu sein, als sie einerseits als Leute, die mehreren andern unterstellt sind, wie den Verwaltern, den Oberknechten, den Sperrknechten, auch viel mehr einer ungerechten Behandlung ausgesetzt sind, andererseits, dann, wenn sie durch Brutalität oder Gewinnsucht verletzt werden, mehr zu fürchten sind. Deshalb erkundigt sich ein sorgfältiger Gutsherr bei ihnen und vor allen bei den freilaufenden Sklaven, denen man eher vertrauen darf, ob sie alles nach seinen Bestimmungen ordnungsgemäß erhalten, überzeugt sich persönlich von der einwandfreien Beschaffenheit des Brotes und Getränks und prüft ihre Kleider, Überjacken und Fußbekleidung. Auch soll er ihnen häufig Gelegenheit geben, sich über diejenigen zu beschweren, die sich entweder dureh Grausamkeit oder durch Gewinngier an ihnen vergehen. Ich meinerseits verhelfe jedenfalls immer wieder denjenigen Skiaven, die berechtigte Klage führen, genauso zu ihrem Recht, wie ich solche, die das Gesinde aufhetzen und gegen ihre Herren ausfällig werden, bestrafe, und ich zeichne auch solche, die sich tüchtig und eifrig zeigen, mit Belobigungen aus. Kinderreicheren weibliehen Sklaven, bei denen ja eine bestimmte Kinderzahl einer Ehrung würdig ist, habe ich die Arbeit erlassen, ja manchmal die Freiheit geschenkt, wenn sie mehrere Kinder aufgezogen hatten. Hatte nämlich eine Sklavin drei Kinder, dann erhielt sie Arbeitsbefreiung, hatte sie mehr, dann auch die persönliche Freiheit. Solche Gerechtigkeit und Fürsorge des Hausherrn trägt erheblich zur Mehrung des Vermogens bei.

Auch daran soll der Hausherr denken, daß er bei seiner Rückkehr aus der Stadt zu den Penaten betet, außerdem, wenn er zeitig daran ist, sofort, andernfalls am nächsten Tag seinen Besitz besichtigt, alle Teile seines Landes in Augenschein nimmt und prüft, ob durch seine Abwesenheit etwas an Zucht und Sorgfalt versäumt wurde, ob ein Rebstock, ein Baum, etwas von der Feldfrucht fehlt; dann soll er auch nach dem Vieh und den Sklaven sehen und nach dem Ackergerät des Guts und dem Hausrat. Hat er sich mehrere Jahre lang dazu entschlossen, dies alles zu tun, dann wird er auch im Alter die wohleingeführte Zucht aufrechterhalten, und mag er auch noch so sehr von den Jabren geschwächt sein, so wird er doch niemals von seinen Sklaven mißachtet werden.

KÖRPERLlCHE TAUGLICHKEIT UND ARBEITSZUTEILUNG.

Schließlich ist noch zu sagen, wie nach meiner Meinung die körperliche und geistige Verfassung der Sklaven bei der Arbeitszuteilung berücksichtigt werden muß. So sollen für das Kleinvieh Aufseher von besonderer Gewissenhaftigkeit und Anspruchslosigkeit eingesetzt werden; diese zwei Eigenschaften sind für dies Geschäft wichtiger als grobe körperliche Statur und Kraft, weil eine solche Dienstleistung ganz von der nie versagcnden Wachsamkeit und Geschicklichkeit abhängt. Ein Pflugknecht braucht solche Charaktereigenschaften zwar auch, aber sie genügen nicht, wenn ihn nicht schon eine mächtige Stimme und stattliche Erseheinung für die Zugtiere imponierend macht. Er soll jedoch seine Kräfte durch Güte mäßigen; denn er soll eher furchterregend aussehen als grausam sein, damit die Rinder seinem Befehl einerseits gehorchen, andrerseits durch Arbeit und Schläge nicht zu Tode geschunden werden. Was die Aufseher und Ackerknechte für Aufgaben haben, will ich am gegebenen Orte nachtragen. Hier genügt es darauf hinzuweisen, daß Kraft und hoher Wuchs bei den ersten nichts, bei den letzteren sehr viel bedeuten. ......

In der Spätantike, in den Rechtsquellen feststellbar etwa seit Beginn des 4. Jhts. n. Chr. (Cod. Theod. 13, 10 (de censu et adscriptione) , entwickelt sich aus dem Status der kleinen Vertragspächter auf großen Gütern, im Rahmen einer kaiserlichen Gesetzgebung, die vermutlich vor allem aus fiskalischen Gründen der Steuersicherung einer Landflucht dieser stark belasteten Pächterschichten mit allen Mitteln entgegenwirken muß (vgl. etwa Cod. Iust. 11, 59, 1 oder 11, 51; Zitat s. u.), eine Bodenbindung derjenigen Kolonen, die kein eigenes Grundeigentum haben. Diese Bindung ist öffentlich-rechtlicher Art, macht also die Kolonen im strengen Rechtssinne nicht zu Sklaven, auch wenn die Rechtsquellen selbst von einer Quasi-Sklaverei sprechen. (Cod. Iust. 11, 50, 2). Bodengebundene Kolonen und ihre Nachkommen dürfen ihr Pachtland nicht aus eigenem Entschluß verlassen. Sie dürfen aber auch von den Grundherren nicht entlassen (gekündigt) oder auf andere Grundstücke transferiert ode abgeworben werden. Den Grundherren ist eine mittelbare Steuereintreibungsbefugnis gegenüber den bodengebundenen Kolonen übertragen (Cod. Iust. 11. 48, 4; siehe das Zitat in Kap.7 unter D), und sie können sie mit disziplinarischen Mitteln zu ihrer Arbeit anhalten und zwangsweise an ihren Arbeitsplatz zurückführen lassen. Rechtsstreitigkeiten zwischen Kolonen und Grundherren vor ordentlichen Gerichten sind auf bestimmte Fälle gravierender Ungerechtigkeit, etwa bei der mittelbaren Steeurerhebung, begrenzt (Cod. Iust. 11. 50, 2). Dieser spätantike, in der Rechtsenwticklung auch späterer Epochen fortgeführte Rechtstyp der 'Hörigkeit' einer halbfreien ländlichen Bevölkerung beleuchtet auf seine Weise das grundsätzliche Problem der Organisation dienstabhängiger, abgabe- und steuerpflichtiger Tätigkeit auf dem Lande in der Antike: unter Anknüpfung an das wirtschaftliche Eigeninteresse der dafür benötigten Bevölkerungsschichten ist sie oftmals nicht zu erreichen - schon Columella weist darauf hin, daß Pächter konsequent auf ihren eigenen Nutzen achten -, und so bedarf es ersatzweise einer erheblichen disziplinarischen - wenn nicht sklavenrechtlich möglichen, so eben öffentlichrechtlich ersatzweise geschaffenen erwzingbaren Dienstverpflichtung, um sie aufrechtzuerhalten.

 Cod. Iust. 11, 51.

Die Kaiser Valentinianus, Theodosius und Arcadius [zwischen 384 und 392]: Cum per alias provincias, quae subiacent nostrae serenitatis imperio, lex a maioribus constituta colonos quodam aeternitatis iure detineat, ita ut illis non liceat ex his locis quorum fructu relevantur abscedere nec ea deserere quae semel colenda susceperunt, neque id Palaestinae provinciae suffragetur, sancimus, ut etiam per Palestinas nullus omnono colonorum suo iure velut vagus ac liber exsultet, sed exemplo aliarum provinciarum ita domino fundi teneatur, ut sine poena suscipientis non possit abscedere: addito eo, ut possessionis domino revocandi plena attribuatur auctoritas

Weil in anderen Provinzen, die unserer kaiserlichen Herrschaft unterliegen, eine von unseren Vorgängern eingeführte gesetzliche Regelung [eine bestimmte Art] Kolonen sozusagen auf ewig in der Weise rechtlich bindet, daß es ihnen nicht erlaubt ist, die Orte, von deren Erträgnissen sie sich nähren, zu verlassen oder Land, zu dessen Bestellung sie sich verpflichtet haben, rechtswidrig zu verlassen, und weil diese Regelung den Grundeigentümern Palaestinas noch nicht hilfreich ist, ordnen wir an, daß auch in den Gebieten Palaestinas kein einziger Kolone [bei denen das Gesetz zutrifft] nach eigener Entscheidung gewissermaßen ungebunden und frei entspringen darf, sondern nach dem Beispiel anderer Provinzen dem Eigentum an einem bestimmten Stück Land rechtlich so zugordnet wird, daß er - bei Strafe desjenigen, der ihn aufnimmt - sich nicht entfernen darf; hinzuzufügen ist, daß dem Grundherren in vollem Umfang das Recht zusteht, ihn zur Rückkehr zu zwingen.

3. GROSSGRUNDBESITZER.

a) Funktionen des ländlichen Großgrundbesitzes.

Bei der Unterscheidung verschiedener Typen von 'Großgrundbesitz' ist eine auf antike, landwirtschaftsbasierte Kulturen generell bezogene Begriffsklärung sinnvoll. Besitz soll zunächst bedeuten, daß wesentliche, d. h. die Rechte anderer ausschließende Verfügungsrechte bei einem klar definierten Berechtigten, in der Regel bei einer Einzelperson liegen. D. h. es geht nicht um Kollektivbesitz, z. B. eines Stammes an einem größeren Territorium, oder um kollektive temporäre Nutzungsrechte mehrerer Nomadenfamilien an einem sehr großen zu beweidenden Ödland-Gebiet, sondern um einen in den jeweils gegebenen hochkultutrell-antiken Formen 'staatlich-rechtlich' geschützten, sowohl in der Rechtsmacht als auch in territorialer Hinsicht klar abgegrenzten Bodenbesitz. Als 'groß' soll ein Grundbesitz dabei gelten, wenn er in einer für die gesellschaftliche Ordnung auffälligen, hervorgehobenen Weise über den typischen Besitzgrößen ländlicher Betriebe liegt, wie sie etwa durch einzelne Familien und deren Gesinde bewirtschaftet werden. Wegen seiner das übliche Maß des Landbesitzes überschreitenden Extension setzt derartiger Großgrundbesitz, um gegen Eingriffe von außen gesichert zu sein, in aller Regel eine besondere Verleihung oder eine andere besondere Garantie seines außergewöhnlichen Bestandes durch herrschaftliche oder politische Instanzen voraus, die ihn entweder wollen oder wenigstens als nützlich oder sonst akzeptabel tolerieren. Gerade dieses Moment einer Privilegierung oder zumindest einer besonderen Förderung exzeptioneller sozialer Positionen soll am Phänomen Großgrundbesitz interessieren. 'Herrschaft' soll eine auf eineitiger Behauptung und Begründung beruhende Form obrigkeitlicher Machtausübung gegenüber einer untertänigen Bevölkerung, 'politisches System' eine bürgerschaftlich verfaßte Form einer Staatsgewalt ('politeia' im griechischen 'res publica' im römischen Sinne) bezeichen; der Begriff 'Staat' oder 'Staatsgewalt' soll - in einem von der neuzeitgeschichtlichen Bedeutung abstrahierenden Sinne - beide Formen zusammenfassen. Beide Formen kennen und schützen Großgrundbesitz, wenn auch unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen.

Großgrundbesitz kann insoweit verliehen oder in seinem Bestande aus anderen Gründen gewährleistet sein,

Diese Typeneinteilung schließt natürlich nicht aus, daß sich die Motive für die Entstehung, Verleihung und Gewährleistung von Großgrundbesitz überlagern können. Aber es ist sinnvoll, diese Motive bei der Analyse verschiedener antiker Grundbesitzformen gesondert zu betrachten und in ihrer Auswirkung auf das soziale und auch das politische Schicksal bestimmter Grundbesitzformen und individueller Grundvermögen zu berücksichtigen, wie sie etwa beim Wechsel politischer Konstellationen immer wieder zu beobachten sind.

Der Typus des Staats- und des Tempeleigentums ist schon in den Quellen für das Alten Sumer oder das Alte Reich Ägyptens nachweisbar (s. u.). Ähnlich alt ist der Typ des 'Verwaltungs-' oder feudalen Herrschafts-Großgrundbesitzes'. Ein 'standesgemäßer Großgrundbesitz' setzt eine Aristokratie als tragendes Element einer geschlosseneren, die Privilegien der Oberschicht homogenisierenden herrschaftlicher oder politischen Ordnung voraus. Ein rechtlich geschützter Kapital-Großgrundbesitz schließlich ist nur unter einer auch großen Landbesitz als Objekt privater Verfügung schützenden Privatrechts-Ordnung denkbari und insoweit keineswegs selbstverständlich; 'naturrechtlich' jedenfalls dürfte er sich - als 'nicht allen Lebenwesen gemeinsame Rechtseinrichtung' nicht einmal in der privatrechtlich akzentuierten römischen Rechtsordnung begründen lassen, wenn auch wohl nach 'ius gentium' und sicherlich nach 'ius civile'.

Dig. 1, 1, 1,3 f. und 1, 1, 6 pr. (Ulpian):

Ius naturale est, quod natura omnia animalia docuit. ... Ius gentium est, quo gentes humanae utuntur. ... .

Ius civile est, quod neque in totum a naturali vel gentium recedit nec per omnia ei [s] servit: itaque cum aliquid addimus vel detrahimus iuri communi, ius proprium, id est civile efficimus.

Natürliches Recht ist ein solches, das die Natur allen Lebewesen eingegeben hat. ... Gewohnheitsmäßiges Verkehrsrecht unter den Völkern ist ein solches, dessen sich Völker im Umgang miteinander [gewohnheitsmäßig, im Krieg und im Frieden] bedienen. ... .'Recht für die Bürger' ist ein solches, das sich weder völlig vom natürlichen Recht noch vom allgemeinen, im Verkehr der Völker miteinander üblichen Verkehrsrecht unterscheidet, solchem [Recht] aber auch nicht in jeder Hinsicht untergeordnet ist. Wenn daher unser Gemeinwesen diesen der Menschheit gemeinsamen Rechtsformen etwas hinzufügt oder von ihnen etwas wegnimmt, so stellt es ein eigenes, nämlich sein 'bügerliches' Recht her.

 

In Ansätzen gibt es aber einen Kapital-Großgrundbesitz vielleicht schon im Alten Babylon, etwa im Schutz der in großem Maßstab geldverleihenden Kaufleute durch den 'Codex Hammurabi' ( siehe dazu das Skript 'Antike Wirtschaft', Kap. 5: Modellvorstellungen antiker Volkswirtschaften , unter P. 1 B).

Der nachfolgende Quellentext gibt ein Beispiel für den Typus 'Tempel- und Staats-Großgrundbesitz im Neuen Reich des Alten Ägypten. Als Tempel-Großgrundbesitz ist dabei nicht das durch die Schenkung übertragene Land in der Größe von ungefähr etwa 15 ha anzusehen, sondern das Landeigentum des Amun-Tempels, dem es indirekt eingegliedert wird. Ferner deutet die Schenkung durch den Pharao an, daß dieser in größerem Umfang über Land zu verfügen berechtigt ist, also nicht nur ein formelles Obereigentum am gesamten Lande Ägypten, sondern auch einen Grundeigentums-Fundus im engeren Sinne hat, aus dem Besitzübertragungen der vorliegenden Art vorgenommen werden können. Die Empfänger solcher Grundbesitzzuweisungen können Tempel oder auch Dynastie-Angehörige, Militärs und Beamte sein. Sie stellen ein Klasse bevorrechtigter Grundbesitzer dar, die ihrerseits dem gewöhnlichen landbearbeitenden und abgabepflichtigen Volke vorgeordnet ist (siehe dazu auch das Skript 'Antike Wirtschaft', Kap. 5: Modellvorstellungen antiker Volkswirtschaften , unter P. 1 A).

Landschenkungsstele des Pharao Ramses III. für die Statue des Gottes Amun und für seine eigene Statue (1192 v. Chr.)

Beschreibung, Übersetzung und Erklärung des nachfolgenden Objekts aus: Ursula Kaplony-Heckel, Ägyptische Dokumente, in: Otto Kaiser, Rykle Borger u. a. (Hg.), Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, Bd. I: Rechts- und Wirtschaftsurkunden. Historisch-chronologische Texte, Gütersloh 1982 - 1985, S. 220 f.:

OBJEKTBESCHREIBUNG:

Sandstein-Stele (Medamud-lnv. Nr. 5413.1930) an der Mauer des Month-Tempels in Medamud ausgegraben.

Veröffentlichung: K. A. Kitchen, BIFAO 73, 1973, S. 193-200, und Taf. XVI, XVII; vgl. auch B. Porter und R. Moss, Topographical Bibliography ... V, S.149.

Ein Stiftungsland von 50 Aruren (1 Arure = ca. 2735 m2) wird vom Pharao Ramses III. (1193 - 1162 v. Chr.) demTempel-Archivar Cha-em-ipet und seinen Nachkommen anvertraut; er hat daraus die beiden Statuen zu versorgen. Cha-em-ipet ist der Großvater des bekannten Tempel-Oherarchivars Ji-mi-seba, der im 1125 v.Chr. unter Ramses IX. in Theben-West das Grab Nr. 6 ganz neu dekoriert hat. - Der Text enthält die Kopie eines Dienstleistungsabkommens aufgrund einer Landschenkung.

Der Text steht in Verbindung mit einer Abbildung folgenden Inhalts: der König, die 'hemhem'-Krone auf dem Haupt, kommt von links, um dem stehenden Gott Amun zu opfern. Hinter Amun sind undeutliche Spuren einer weiteren stehenden Person wahrnehmbar. Der König trägt etwas in der Hand, das nicht mehr erkennbar ist, vermutlich eine ,Feld'-Hieroglyphe.

TEXT IN UEBERSETZUNG:

 (1) Jahr 2,1. Frühjahrsmonat unter der Majestat des Königs von Ober- und Unteragypten User-maat-Re Meri-Amun, des Sohnes des Re, des Herrn der Erscheinungen Ramses 'heqa-iunu' [d. h. des Herschers von Heliopolis].

(2) Seine Majestat hat befohlen, daß 50 Aruren 'henkit'-Acker [d. h. Stiftungsland] an die Statue (3) des Amun-Re, des Königs der Götter, und an die Statue von Ramses 'heqa-iunu', dem Sohn des Amun, geboren von (4) [der Göttin] Mut, dem Herr der Speisen, im Distrikt von Per-en-ta, auf den Ackern von Per-Duat gegeben werden. (5) Der Süden [davon ist] am Per-Duat, der Osten [davon] am Per-Duat, der Norden am Per-Amun, der Westen (6) am Per-Month.

Als Dekret vom Jahr 2, vom ersten Frühjahrsmonat, von dem König von Ober- und Unterägypten, dem Herm der beiden Länder User-maat-Re Meri-Amun.

(7) Sie [die 50 Aruren] werden dem Hüter der Schriften Cha-em-ipet vom Haus des Amun-Re, des Königs der Götter, anvertraut, dem Sohn des Osiris [d. h.des verstorbenen] ,Ii-mi-seba, des Hüters der Schriften und Vertreters am Schatzhaus der Domäne des Amun-Re, des Königs der Götter, wahr an Stimme, [und] dem Sohn seines Sohnes [und] den Erben seines Erben, auf ewig.

Den - wie hier- innerhalb eines religiös oder sonst einseitig legitimierten Herrschaftssystems in Erscheinung tretenden Großgrundbesitzverhältnissen gegenüber haben solche Verhältnisse in griechischen Polis-Staaten oder in der römischen Republik bzw. im kaiserzeitlichen römischen Reich einen anderen Charakter. Sie sind eingeordnet in einen politischen Verfassungszusammenhang ( i. S. der oben gegebenen Definition), der den Großgrundbesitzern wahlrechtlich und im Zugang zu den öffentlichen Ämtern eine besondere, hervorgehobene Stellung zuweist und diese durch verschiedenartige zivil-, straf- und prozeßrechtliche Privilegierungen zu unterstreichen pflegt. Diese Rechte werden sogar innenpolitischimmer wieder einmal in irgendeinem wichtigeren Moment in Frage gestellt; es kommt dann zu Parteibildungen und -kämpfen, im klassischen Athen etwa zwischen den 'aristoi' und dem 'demos', im spätrepublikanischen Rom zwischen 'optimates' und 'plebeii'. Solche Konflikte ändern aber wiederum prinzipiell nichts an dem immer wieder im Staatsaufbau politisch maßgeblich hervortretenden Gewicht einer Großgrundbesitzer-Aristokratie. In der römischen Geschichte zeigt sich das eindrücklich etwa daran, daß - nach weitgehender Aufgabe der demokratischen Elemente der republikanischen Epoche - in der Kaiserzeit sowohl die zentrale Reichsverwaltung als auch die provinzialen als auch die städtisch-örtlichen Zivilverwaltungen im wesentlichen nur auf den Schultern der vermögenden Stände sowohl der 'senatores' und der 'equites' liegen; dies gilt bis zum 3. Jht. n. Chr. sogar für die Militärverwaltungen. Auch wo aber zuvor oder hernach Militärs als Kaiser oder Befehlshaber maßgeblichen Einfluß auf die Reichspolitik nehmen, ändert das nichts daran, daß die breite Routine der zivilen Verwaltung auf allen Ebenen maßgeblich durchweg Beamten aus den vermögenden Ständen der Großgrundbesitzer anvertraut zu sein pflegt.

Die römische Grundbesitzeraristokratie, um in den folgenden Ausführungen dieses Abschnitts bei diesem Beispiel zu bleiben, hat natürlich ihr Gesicht im Laufe der jahrhundertelangen geschichtlichen Entwicklung erheblich gewandelt.

führt ein weiter Weg. Und dennoch - vergleicht man die Quellentexte miteinenander - ist in dieser Entwicklung ein Moment sowohl der geistig-traditionellen als auch der sozialstrukturellen Beharrung oder zumindest der immer erneuerten Wiederkehr des aristokratischen Grundbesitzer-Elements im Rahmen der Ordnung einer antiken Gesellschaft beachtlich, was einen bestimmten Typ ständischer Privilegierung und einer ständisch-geistigen Selbsteinschätzun betrifft. Es ist in anderen antiken, - d. h. auch landwirtschaftsbasierten - Kulturkreisen prinzipiell ebenso wirksam wie in dem römisch bestimmten.

b) Rechte (Privilegien) und Pflichten der Großgrundbesitzer.

Die rechtlichen Bedingungen des Großgrundbesitzes unter römischer Herrschaft sind in den in Jahrhunderten sich vollziehenden Wandel der staatlichen und rechtlichen Ordnung Roms eingebunden. Sie haben eine politische, eine öffentlich-rechtliche und eine privatrechtliche Seite.

In politischer Hinsicht ist die Schicht der wohlhabenden Grundbesitzer vom Beginn der römischen Republik an das soziale Milieu, aus dem die Senatoren hervorgehen und aus dem sich die Centuriat-Wählerklasse der 'equites' zusammensetzt. Allerdings gibt es innerhalb dieses Milieus von Anfang an eine deutliche gewohnheitsmäßige Trennung zwischen traditionell im engeren Sine staatstragenden Familien - deren Angehörige die hohen Staatsämter einzunehmen und dem Senat anzugehören pflegen - und den anderen vermögenden Grundbesitzern, zu denen später auch reiche Kaufleute hinzukommen, welche zwar die - in Geld bemessene - Vermögensgröße vorweisen können, die zu ihre Census- Zuordnung zur Ritterklasse zur Folge hat, aber nicht den senatorischen Kreisen zugehören. Diese Grenze innerhalb des Grundbesitzermilieus wird im Laufe der Republikgeschichte mehrhfach umkämpft - so in den 'Ständekämpfen zwischen 'Patriziern' und 'Plebejern' vom 5. bis zum 3. Jht. v. Chr. oder in den Auseinandersetzung zwischen 'Rittern' und 'Senatoren' über die Besetzung der Gerichte zu Beginn des 1. Jhts. v. Chr. -, und verschiebt sich infolgedessen immer auch ein wenig zugunsten neu in den senatorischen Stand aufzunehmender sozialer Gruppen: so etwa zunächst zugunsten der vornehmen alten 'plebejischen' Familien Roms, später generell zugunsten der politisch bewährten Angehörigen des Ritterstandes, die als 'homines novi' in die Senatskreise aufegnommen werden, in der Endzeit der Republik und seit Beginn des Kaisertums auch in zunehmendem Maße zugunsten nicht-römisch-stämmiger Bürger aus den Provinzen. Mit Beginn der Kaiserzeit, begründet durch die Reformen des Augustus, wird die grundsätzliche gewohnheitsmäßige Trennung zwischen Senatskreisen und ritterlichem Milieu auch rechtlich verfestigt, indem aus ihnen zwei staatsrechtlich unterschiedlich definerte 'condiciones' oder 'status' ('Stände') der öffentlich tätigen Honoratioren (personae publicae) gebildet werden. Kommt den Angehörigen des senatorischen Standes unter kaiserlicher Regierung danach weiterhin der 'cursus honorum', die Laufbahn durch die hohen Staatsämter republikanischer Tradition in Rom und in den Provinzen zu, so werden Angehörige des Ritterstandes im Laufe der kaiserzeitlichen Verfasungsentwicklung zunehmend in verantwortlichen Amtsfunktionen des kaiserlichen Hofes oder in der dem direkten kaiserlichen Regiment unterstehenden Provinz-Verwaltung eingesetzt. Bis zur Spätantike hin entwickelt sich im Laufe mehrerer Jahrhunderte ein aus den höchsten höfischen und den höchsten der altrepublikanischen Tration entstammenden Staatsämtern ein 'ordo dignitatum', in dem zwar die zu Beginn der Kaiserzeit gezogene rechtliche Trennungslinie zwischen senatorischem und ritterlichem Stand noch besteht, die wirkliche Abgrenzung der staatstragenden Kreise aber über die höfische Rangfolge erfolgt: zum engeren staatstragenden Kreise gehören danach die spätantiken ersten beiden Hofränge der 'illustres' und der 'spectabiles' - die zugleich als höchstangige Senatoren gelten (vgl. Cod. Iust 12, 8) - während den 'einfachen' Senatoren ('clari') zwar in der Regel für die wichtigeren Provinzialverwaltungsämter in Frage kommen und dem römischen oder byzantinischen Senat angehören, aber eher nur ausnahmsweise am Hofe Einfluß haben, nämlich wenn sie in amtlicher Funktion dort erscheinen oder vom Kaiser ausdrücklich dorthin berufen werden (vgl. Cod. Iust. 12, 1, 18).

Der öffentlich-rechtliche Status der Großgrundbesitzer bestimmt sich im Laufe der römischen Geschichte zwar im wesentlichen immer danach, ob sie ein Staatsamt wahrnehmen oder nicht. Ist das erste der Fall, so gehören der Amtsträger und sein Familie - i. S. des mehrere Generationen einem 'pater familias' zuzurechnender Verwandter umfassenden römischen Familienbegriffs zu den 'honestiores' oder 'honoratiores' (zum Begriff der 'familia' siehe den Beitrag S 4: DIGESTENEXEGESE_UND_SOZIALSTRUKTURGESCHICHTE in der Abteilung SCRIPTORIUM dieser WWW-Seite). Das ist die durch das Verdienst der Ausübung eines bedeutenden öffentlichen Amtes sozial hervorgehobenen Gesellschaftsschicht. Diese kann rechtlich in mancher Hinsicht, z. B. strafrechtlich und steuerrechtlich, privilegiert sein und tritt üblicherweise bei verschiedenen politischen und sonst öffentlichen Anlässen besonders in Erscheinung. Wie früher schon ausgeführt, sind es in der Regel die Vermögenden, d. h. insbesondere die Großgrundbesitzer, die solche Ämter in den Städten übernehmen können, dürfen und in der späteren Kaiserzeit sogar müssen; vgl . Cod. Iust. 10, 32 : 'tit. de decurionibus et ... quibus modis a fortuna curiae liberentur'). Aus diesen Kreisen gehen zumeist dann auch, wie erwähnt, die Amtsinhaber auf den Ebenen der zivilen Provinzialverwaltung und der zivilen Reichsverwaltung hervor, auch wenn es hier Ausnahmen geben kann, die im militärischen Bereich sogar zur Regel werden.

Zum öffentlich-rechtlichen Status der Angehörigen des senatorischen Standes gehört, daß sie als öffentliche Standespersonen (personar publicae) einerseits besonderen, auch gesetzlich formulierten Ehrenanforderungen unterliegen, andrerseits von anderen Gesellschaftsschichten, insbesondere dem 'gemeinen Volk' (plebs) scharf abgegrenzt zu werden pflegen. Die im folgenden wiedergegebenen Normen des spätantiken Kaiserrechts sollen davon einen Eindruck vermitteln. Unter Traditions- und Kontinuitätsgesichtspunkten ist ein Vergleich dieses Textes mit dem oben (unter P. II A) wiedergegebenen Text aus Ciceros 'De officiis' (1, 150 f.) erhellend.

Cod. Iust. 12, 1 (De dignitatibus), leges 2, 4 und 6.

 

(2) [Erlassen von Kaiser Constantin, zwischen 315 und 317 n. Chr.] Neque famosis et notatis et quos scelus aut vitae turpitudo inquinat et quos infamia ab honestorum coetu segregat, dignitatis portae patebunt.

(4) [Erlassen von den Kaisern Constantius und Constans zwischen 346 und 349 n. Chr.] Senatorum substantias, quas in diversis locis et provinciis possident, et homines eorum tam a temonariis oneribus conferendis quam a ceteris praestationibus, quas iudices describunt, nec non etiam ab omnibus sordidis extraordinariisque et vilioribus muneribus liberos esse praecimpmuus nullaque sorte constringi functionis indignae

(6) [Erlassen von Kaiser Constantius zwischen 357 und 360 n. Chr.] Ne quis ex ultimis negotiatoribus vel monetariis abiectisque officiis vel deformis ministerii stationariis omnique officiorum faece diversisque pastis turpibus lucris aliqua frui dignitate pertemptet. sed et si quis meruerit, repellatur: repulsos autem etiam propriis reddi consortiis opportebit.

 (2) Niemand von denen, die wegen ihres Lebenswandels berüchtigt sind oder einen amtlichen Tadel erhalten haben oder die eine unehrenhafte Lebensweise erniedrigt oder denen durch Urteil bürgerliche Ehrenrecht aberkannt worden sind und daher der Umgang mit Honoratioren nicht zukommt, können Angehörige des senatorischen Standes werden.

(4) Wir ordnen an, daß der Grundbesitz der Senatoren, an welch verschiedenen Orten in welcher Provinz sie ihn auch immer haben, und das ihnen untergeordnete [Dienst-, Sklaven- und Kolonen-] Personal von der Last der Rekruten-Gestellung ebenso befreit sein sollen wie von anderen Steueren und öffentlichen Dienstleistungen, die die Leiter der Provinzialregierung anordnen. Natürlich sind einbezogen in diese Befreiung auch die niedrigen [körperlichen] Dienstarbeiten , die außerordentlich angeordneten und die normalerweise vom gemeinen Volk zu erbringenden Dienste und zu tragenden Lasten.

Niemand von denen, die ein sittlich besonders niedrigstehendes Handelsgeschäft betreiben oder Geld verleihen oder zum verworfenen Gerichtsdienerpersonal gehören oder als Unterbeamte in einer unbeachtlichen Stellung Dienst tun, d. h. allgemein: alle, die aus dem Dreck der unteren Behördendienste kommen oder aus irgendwelchen unansehnlichen Erwerbtsätigkeiten, soll es wagen, sich eine senatorische Ehrenstellung anzueignen. Sollte er das dennoch fertig gebracht haben, so soll er daraus entfernt werden. Diejenigen, die solchermaßen zurückgewiesen sind, wird man in ihren angestammten Lebenskreis zurückzuführen haben.

Die Großgrundbesitzer, die überhaupt keine öffentlichen Ämter übernehmen - was allerdings kaum vorkommt und auf der gemeindlichen Ebene in der Spätantike auch rechtlich nicht möglich ist -, pflegen selbst dann eine gewisse öffentlich-rechtliche Bedeutung haben. Sie liegt primär in ihrer rein gesellschaftlich einflußreichen örtlichen oder regionalen Position, und ihrem relativen Reichtum, der sie zu sozialen Leistungen, Stiftungen und auch zur Wahrnehmung der Belange derjenigen verpflichten kann, die sich als Klienten ihrem patronalen Schutz anvertraut haben. In den Rechtsquellen erscheinen sie insoweit als 'potentiores', welchen zwar ein gesetzwidriges Ausspielen ihrer Macht verboten ist (vgl. Dig. 4, 6, 9; Cod. Iust. 2, 14; 11, 54), die aber im Rahmen eines 'patrocinium' ggf. auch öffentliche Belange vor Gericht oder in Verhandlungen mit den Behörden vertreten können. Im spätantiken Kolonatsrecht ist den 'possessores', unter denen man insoweit typischerweise Großgrundbesitzer zu verstehen hat, aus diesem Grunde etwa aufgegeben, für die von ihnen abhängigen bodengebundenen Kolonen die dem State geschuldeten Steuern durch eigene, also private Steureinnehmer einzuziehen, und in einer letztlich öffentlich-rechtlichen, disziplinarischen Vorgesetztenstellung gegenüber den bodengebundenen Kolonen werden sie ausdrücklich durch eine entsprechende gesetzliche Regelung unterstützt (Cod. Iust. 11, 48, 4; 11, 50, 2; siehe oben unter II B 2).

Der wichtigste privatrechtliche Aspekt des Großgrundbesitzes ist, daß der dazugehörige Landbesitz typischerweise entweder Eigentum (dominium i. e. S.) des Großgrundbesitzers ist oder ein eigentumsähnliches, vererbliches Dauernutzungsrecht (ius perpetuum, ius emphyteuticarium, emphyteusis), das dem Grundherren oder seinem Rechtsvorgänger - gewöhnlich vom Staate - gegen die Zahlung einer regelmäßigen jährlichen Nutzungsabgabe eingeräumt wurde (Vgl. Cod. Iust. 4, 66; 11, 65, 4). Der Unterschied zum schuldrechtlichen Pachtvertrag (locatio conductio), der sonst im ländlichen Bereich dem Nichteigentümer eines Grundstücks Nutzungsrecht gibt, liegt auch darin , daß der Pachtvertrag nach römischem Recht nur einen 'Detentions'-Besitz begründet. Dieser hindert den Verpächter nicht daran, die Pachtsache einem anderen als dingliches Recht zu übertragen; d. h. das rein schuldrechtliche Pachtverhältnis ist ggf. jederzeit - wenn auch ggf. gegen eine Schadensersatzleistung des Verpächters - beendbar. Der 'conductor' ist somit grundsätzlich viel abhängiger vom 'locator' als der Inhaber des eigentumsähnlichen, emphyteutischen Dauernutzungsechts vom nominellen Grundeigentümer.

c) Der Bezug zum Lande in Moral und Standesbewußtsein.

Wie oben unter a) schon angesprochen, wandelt sich der Charakter der römischen Großgrundbesitzer-Aristokratie, auf die sich die Ausführungen hier wiederum exemplarisch beschränken sollen, enstprechend ihrer Einbindung in die Entwicklung der staatlichen Verhältnisse erheblich. Das kommt gewiß auch in ihrem Selbstbewußtsein und ihrem Standesstolz zum Ausdruck, dessen Form einem historischen Wandel unterliegt wie alles andere auch. Tritt dieses Bewußtsein als ein zunächst noch direkt von bäuerlichen Lebensformen geprägtes hervor, so verwandelt es sich später zu dem einer weltläufigen und auch intensiv geschäftstätigen Reichs-Aristokratie, um dann in der Kaiserzeit noch das zusätzliche Moment eines höfischen Bezuges zu erhalten. An den in diesem oder anderen Kapiteln wiedergegeben Selbstzeugnissen von Großgrundbesitzern (Cato d. Ä., Cicero, Plinius. d. J. , Columella) kann man die Stationen der Entwicklung ablesen. Als aristokratisches und zugleich literarisch festgehaltenes ist es - wie üblich, für die nachgeordneten sozialen Schichten stilprägend gewesen und ebenso für spätere historische Epochen, die es für ihren 'gehobenen' Lebensstil rezipierten.

Für das im folgenden Text aus Catos 'De agricultura' sich widerspiegelnde Bewußtsein von der moralischen Qualität des Bauerntums hat man daher ihren historischen Hintergrund in Rechnung zu stellen und vielleicht sogar, daß es schon zu Catos Zeit - im 2. Jht. v. Chr. - nicht mehr völlig überzeugt. Andrerseits gehört der Grundgedanke, daß gegenüber der städtischen - und generell der politischen oder geschäftlichen Welt - die Tugenden des Landlebens - Einfachheit, Genügsamkeit, Selbstbeherrschung, Sparsamkeit, Ausdauer, Redlichkeit - eine bessere Form der menschlichen Geistesverfassung seien als alle zum Werteverfall neigenden Überspannungen eines städtisch geprägten Zeitgeistes, zu den Grundvorstellungen, die - ungeachtet aller 'Realität' der Sitten- einem allgemeinen und auch einem aristokratischen Bewußtsein bis zum Ende der Antike innewohnen, als moralischer und kulturkritischer Maßstab, nach dem alle Zeitgenossen beurteilt zu werden pflegen, vom kaiserlichen Herrscher über die vornehmen Stände bis zur städtischen 'plebs'. Anschaulich wird das etwa in Würdigungen einzelner Persönlickeiten und in der Sittenkritik, wie sie Ammianus Marcellinus, Res gestae, etwa 25, 4 (zu den Tugenden des Kaisers Julian) oder 28, 4 (zu den verdorbenen Sitten der vornehmen Kreise und der 'plebs' in Rom) vornimmt; ein kleines Zitat aus der ausführlicheren Beschreibung R. g. 28, 4, das die stadtrömischen Großgrundbesitzer - des 4. Jhts. n. Chr. - betrifft, wird anschließend an die Cato-Stelle präsentiert.

Cato, De agricultura, praefatio

 

1. Est interdum praestare mercaturis rem quaerere, nisi tam periculosum sit, et item fenerari, si tam honestum sit. Maiores nostri sic habuerunt et ita rn legibus posiverunt: furem dupli condemnari, feneratorem quadrupli. Quanto peiorem civem existimarint feneratorem quam furem hinc licet existimare. 2. Et virum bonum quom laudabant, ita laudabant: bonum agricolam bonumque colonum; amplissime laudari existimabatur qui ira laudabatur. 3. Mercatorem autem strenuum studiosumque rei quaerendae existimo, verum, ut supra dixi periculosum et calamitosum. 4. At ex agricolis et viri fortissimi et milites strenuissimi gignuntur, maximeque pius quaestus stabilissimusque consequitur minimeque invidiosus, minimeque male cogitantes sunt qui in eo studio occupati sunt. Nunc, ut ad rem redeam, quod promisi institutum, principium hoc erit.

[Lat. Text nach der Edition O. Schönberger, München 1980, S. 14 f.]

 (1) Mag sein, daß es manchmal besser ist, durch Handel nach Vermögen zu streben. Wäre es nur nicht so gefährlich. Und ebenso, Wucher zu treiben. Wäre es doch nur ehrenhaft. Unsere Voreltern haben es jedenfall so gehalten und auch in den Gesetzen festgelegt, daß ein Dieb mit dem Doppelten, ein Wucherer mit dem Vierfachen [des von ihm zu Unrecht erlangten Wertes] bestraft wird. Um wieviel schlechter, was seine Bürgertugenden betrifft, sie einen Wucherer einschätzten als einen Dieb, läßt sich daraus leicht ermessen. (2) Und wenn sie jemanden als rechten Mann loben wollten, so nannten sie ihn ehrenhalber so: einen rechten Bauern und guten Landwirt. Man glaubte eben, wer so gelobt werde, werde in höchstmöglichem Maße gelobt. (3) Den Kaufmann aber halte ich demgegenüber zwar für einen tüchtigen und sehr fleißig seinem Erwerbsberuf nachgehenden Mann, doch ist er, wie ich oben sagte, dem Risiko, ja dem Unheil ausgesetzt (4) Aus dem bäuerlichen Leben gehen aber die tapfersten Männer und die tüchtigsten Soldaten hervor. In besonderem Maße ermöglicht es aber einen redlichen und sicheren Erwerb, der keinerlei moralischen Bedenken begegnet.Diejenigen, die sich bäuerlicher Arbeit widmen sind auch die, die am wenigsten Schlechtes im Schilde führen. Nun will ich aber zur Sache kommen und mit dem beginnen, was ich versprochen habe.

Amminaus Marcellinus, Res gestae, 28, 4. 18 - 20.

[Lat. Text - der an der zitierten Stelle in der handschriftlichen Überlieferung einige Lücken aufweist - aus und deutsche Übersetzung in Anlehnung an: Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch und deutsch und mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, Berlin 1986 3 , 4. Teil, S. 124 f.]

Pars eorum, si agros uisuri processerint longius aut alienis laboribus uenaturi, Alexandri Magni itinera se putant aequiperasse uel Caesaris, aut si a lacu Auerni lembis inuecti sint pictis Puteolos, Duili certamen, maxime cum id uaporato audeant tempore. ubi si inter aurata flabella laciniis sericis insiderint muscae uel per foramen umbraculi pensilis radiolus irruperit solis,queruntur, quod non sunt apud Cimmerios nati. dein cum a Siluani lauacro uel Mamaeae aquis uentitant sospitalibus, ut quisquam eorum egressus tenuissimis se terserit linteis, solutis pressoriis uestes luce nitentes ambigua diligenter explorat, quae una portantur, sufficientes ad induendos homines undecim; tandemque electis aliquot inuolutus receptis anulis, quos, ne uiolentur umoribus, famulo tradidit, digitis et metatis ... . Enim uero si qui uetus in commilitio principis recens digressus ... .rit in ... aeui prouecti, sub tali praesente . . irio . . . silentii praesul existimatur: ceteri taciturni audiunt dicta . ... . solus pater familias textui narrans aliena et placentia referens erudite pleraque fallendo ... .

 Wenn manche von ihnen weit gereist sind, um ihre Güter zu besichtigen oder zu jagen, wobei sie die Arbeiten dort selbstverständlich anderen überlassen, glauben sie schon, es den Zügen Alexanders oder Caesars gleichgetan zu haben. Oder wenn sie vom Averner See in buntbemalter Gondel nach Puteoli gefahren sind, denken sie an die Seeschlacht des Duilius, und das ganz besonders wenn sie es in der heißen Jahreszeit unternehmen. Setzen sich dann trotz des Wedelns mit vergoldetem Fächer Fliegen auf die seidenen Zipfel ihrer Kleider oder fällt ein klitzekleiner Sonnenstrahl durch einen Spalt ihres schattenspendenden Baldachins, so stimmen sie ein Klagelied an, daß sie nicht in [dem kühlen Lande] Kimmerien geboren sind. Wenn sie dann geschäftig das Gesundheitsbad bei Silvanus oder die Heilwassserkur bei Mamaea erledigt haben, läßt sich jeder von ihnen, kaum daß er ausgestiegen ist, mit feinsten Leinentüchern abreiben und mustert nach Öffnung der Kleiderpressen sorgfältigst die [zur Auswahl in Frage kommenden] feinen, weißglitzernd strahlenden Kleider, von denen man so viele übereinander trägt, daß elf gewöhnliche Menschen damit gekleidet werden könnten. Schließlich hat man aber doch einige ausgewählt und sich darin eingehüllt. Dann läßt man sich die Ringe aushändigen, die man einem Diener in Verwahrung gegeben hat, damit sie nicht durch Feuchtigkeit Schaden nehmen, [wohl zu ergänzen: und entfernt sich erst], nachdem auch die Finger wieder in Ordnung gebracht sind.

Wenn freilich ein alter Soldat am Hof des Kaisers kürzlich entlassen wurde [gemeint ist Ammianus Marcellinus selbst] und sich ins Privatleben zurückzog,... so wird er [in diesen Kreisen offenbar] für jemand gehalten, der Schweigen gebietet. Während alle anderen in einem geselligen Kreise seine Erzählung wortlos anhören, hat allenfals der der Familienvater einige gefällige Geschichtchen beizusteuern, die nicht zur Sache gehören, wobei er meistens noch geschickt schwindelt.

d) Der Bezug zum Lande in Lebensstil und Bildung.

Lebensstil und Bildung in aristokratischen Kreisen antiker Kulturen folgen deren verschiedenartigen Traditionen. Eine mesopotamisch-babylonische, eine altägyptische, eine israelitische etwa mit ganz unterschiedlichen eigenen Inhalten und Formen lassen sich vor und neben der griechischen, später hellenistischen und der stark hellenistisch geprägten römischen Lebensstil- und Bildungstradition ausmachen.

Im klassisch-griechischen, im hellenistischen und im römischen Bereich gibt es einen aristokratischen Lebensstil, der in der Zeit der Muße von den politischen und Erwerbsgeschäften im Rahmen einer allseitigen freien, geistigen Bildung (griech. eggyklios paideia, lat. artes liberales) eine intensive geistige Beschäftigung etwa mit philosophischen, wissenschaftlichen, literarischen, musikalischen, rhetorischen und natürlich auch ganz praxisbezogenen - z. B. politischen oder rechtlichen - Themen ermöglichen soll. Das Lesen und Briefschreiben, das Gespräch mit eingeladenen Gästen (symposion), das Vorlesen und Vortragen, gehören als Lebens- und Umgangsformen unter Gebildeten dazu; sie treten uns, etwa in den Briefen Ciceros, Senecas oder Plinius d. Ä., im einzelnen sehr anschaulich gegenüber. Zu ihnen gehört auch der Aufenthalt auf dem Lande - und zwar auch deshalb, weil die Gebildeten, wenn sie auch gewiß nicht stets Großgrundbesitzer sind, so doch zumindest häufig auch zu den Vermögenderen gehören, die wenigstens ein kleines Haus auf dem Lande ihr eigen nennen. Allerdings dient die Anwesenheit dort, in Rom zumindest seit der Zeit Catos des Älteren, nicht primär eigener ländlich-bäuerlicher Arbeit, sondern entweder der Überwachung von Gutsverwaltern oder aber der Muße, insbesondere bei der Wahrnehmung der Bildungsinteressen und beim geistigen Austausch in einem ländlichen Rahmen, dessen Ruhe nicht nur als dem Getriebe städtischer Geschäfte und Drängelei fern, sondern dessen Nähe zu einer 'Natur' der städtischen Lebensweise als geistig entgegengesetzt empfunden wird.

Aus diesem - in der Bildungsgeschichte traditionsbildend gewordenen - Geist entstehen auch verschiedene Formen der Literatur, die den ländlichen Raum gewissermaßen spiritualisieren, ihm in seiner 'Einfachheit' und 'Ursprünglichkeit' eine heilende, wohltuende, besonders menschengemäße Einwirkung auf die menschliche Natur zuschreiben. Zu ihnen gehört die aus dem griechischen Bereich stammende, in Rom rezipierte literarische Gattung der 'Bukolik' (das Wort ist zusammengesetzt aus den griech. Wortstämmen 'bou-' und 'kol-'; es bedeutet folglich 'eine den Rinderherden oder -hirten gewidmete Dichtung'). Ihr sind die 'Eklogen' Vergils zuzurechnen. In dieser Kunstgattung kommt nicht nur allgemein ein ästhetischer Zusammenhang des gebildeten Beußtseins mit Landleben und Natur zum Ausdruck, sondern indirekt ein Verhältnis zur Zeit, d. h. insbesondere auch eine antithetische Einstellung zu den u. U. beschwerenden und unerträglichen Belastungen, die sie auch für Gebildete, für Großgrundbesitzer und für Aristokraten gleichermaßen mit sich bringen kann.

Vergils Ekloge I ist eine feinsinnige Anknüpfung an sein eigenes Schicksal. Einer vermögenden Familie in Oberitalien entstammend, aber mehr der Bildung und vor allem der Dichtung als der Politik zugetan, gehörte Vergil doch als Dichter dem Freundeskreis des Augustus an, der Vergil gegen eine Enteignung des väterlichen Besitzes bei Mantua in Schutz genommen hatte, welche im Rahmen der inneritalischen Enteignungsmaßnahmen des Jahres 41 v. Chr., nach dem Ende des vorhergehenden Bürgerkriegs zwischen Caesarianern und Anti-Caesarianern drohte; der 'göttliche Jüngling', von dem der Tityrus der Ekloge so respektvoll spricht, ist der spätere Kaiser Augustus. Die Ekloge bringt so nicht nur ein mit dem 'einfachen Landleben' innerlich tief verbundenes, anrührendes Natur- und Heimatgefühl, sondern auch die politischen Umstände der Zeit zum Ausdruck und den Schmerz, in dem sich das eine dem anderen ggf. fügen muß. Sie kann in mehrfacher Hinsicht als repräsentativ für das Bildungsbewußtsein der Gebildeten und Vermögenden in dieser Zeit der Antike gelten, nämlich

P. Vergilius Maro, Ecloga I: Tityrus

[Lateinischer Text und deutsche Übersetzung aus: Vergil, Hirtengedichte. Lateinisch-deutsch. Herausgegeben, übertragen, eingeleitet und erläutert von Heinrich Naumann, München um 1970]

 

Meliboeus:

Tityre, tu patulae recubans sub tegmine fagi

silvestrem tenui musam meditaris avena:

nos patriae fines et dulcia linquimus arva.

nos patriam fugimus: tu, Tityre, lentus in umbra

formosam resonare doces Amaryllida silvas.

Tityrus:

0 Meliboee, deus nobis haec otia fecit.

namque erit ille mihi semper deus, illius aram

saepe tener nostris ab ovilibus imbuet agnus.

ille meas errare boves, ut cernis, et ipsum

ludere quae vellem calamo permisit agresti.

Meliboeus:

Non equidem invideo, miror magis: undique totis

usque adeo turbatur agris. en ipse capellas

protinus aeger ago: hanc etiam vix, Tityre, duco.

hic inter densas corylos modo namque gemellos

spem gregis, a, silice in nuda conixa reliquit.

saepe malum hoc nobis, Si mens non laeva fuisset,

de caelo tactas memini praedicere quercus.

sed tamen iste deus qui sit da, Tityre, nobis.

Tityrus:

Urbem quam dicunt Romam, Meliboee, putavi

stultus ego huic nostrae similem, quo saepe solemus

pastores ovium teneros depellere fetus.

sic canibus catulos similes, sic matribus haedos

noram, sic parvis componere magna solebam.

verum haec tantum alias inter caput extulit urbes,

quantum lenta solent inter viburna cupressi.

Meliboeus:

Et quae tanta fuit Romam tibi causa videndi?

Tityrus:

Libertas, quae sera tamen respexit inertem,

candidior postquam tondenti barba cadebat,

respexit tamen et longo post tempore venit,

postquam nos Amaryllis habet, Galatea reliquit.

namque, fatebor enim, dum mc Galatea tenebat,

nec spes libertatis erat nec cura peculi.

quamvis multa meis exiret victima saeptis,

pinguis et ingratae premeretur caseus urbi,

non umquam gravis acre domum mihi dextra rcdibat.

Meliboeus:

Mirabar quid maesta deos, Amarylli, vocares;

cui pendere sua patereris in arbore poma:

Tityrus hinc aberat. ipsae te, Tityre, pinus,

ipsi te fontes, ipsa haec arbusta vocabant.

Tityrus:

Quid facerem? neque servitio me exire licebat

nec tam praesentis alibi cognoscere divos.

hic illum vidi iuvenem, Meliboee, quotannis

bis senos cui nostra dies altaria fumant.

hic mihi responsum primus dedit ille petenti:

pascite ut ante boves, pueri: submittite tauros.

Meliboeus:

Fortunate senex! ergo tua rura manebunt,

et tibi magna satis, quamvis lapis omnia nudus

limosoque palus obducat pascua iunco.

non insueta gravis temptabunt pabula fetas,

nec mala vicini pecoris contagia laedent.

fortunate senex! hic inter flumina nota

et fontis sacros frigus captabis opacum.

hinc tibi, quac semper, vicino ab limite saepes

Hyblaeis apibus florem depasta salicti

saepe levi somnum suadebit inire susurro.

hinc alta sub rupe canet frondator ad auras:

nec tamen interea raucae tua cura palumbes

nec gemere aeria cessabit turtur ah ulmo.

Tityrus:

Ante leves ergo pascentur in aequore cervi

et freta destituent nudos in litore pisces,

ante pererratis amborum finibus exul

aut Ararim Parthus bibet aut Germania Tigrim,

quam nostro illius labatur pectore voltus.

Meliboeus:

At nos hinc alii sitientis ibimus Afros,

pars Scythiam et rapidum cretae veniemus Oaxen

et penitus toto divisos orbe Britannos.

en umquam patrios longo post tempore finis

pauperis et tuguri congestum caespite culmen

post aliquot mea regna videns mirabor aristas?

impius haec tam culta novalia miles habebit,

barbarus has segetes. en quo discordia civis

produxit miseros! his nos consevimus agros!

insere nunc, Meliboee, piros; pone ordine vites.

ite, meae - felix quondam pecus - ite, capellae!

non ego vos posthac viridi proiectus in antro

dumosa pendere procul de rupe videbo;

carmina nulla canam; non me pascente, capellae,

florentem cytisum et sauces carpetis amaras.

Tityrus:

Hic tamen hanc mecum poteras requiescere noctem

fronde super viridi: sunt nobis mitia poma,

castaneae molles et pressi copia lactis.

et iam summa procul villarum culmina fumant

maioresque cadunt altis de montibus umbrae.

Vergil, Erste Ekloge: Die Vertreibung aus der Heimat

 

Meliboeus:

Du liegst, Tityrus, hier unterm Dach der schattenden Buche

Und ersinnst dir zum Spiel der zarten Flöte ein Waldlied:

Wir verlassen das Land, die liebgewordenen Felder,

Wir sind Heimatvertriebne: Du, Tityrus, ruhst hier im Schatten

Und lehrst von Amaryllis dein Lied nachtönen die Wälder.

Tityrus:

0 Meliboeus, ein Gott hat mir diesen Frieden geschaffen.

Denn mir wird er immer ein Gott sein, und seinem Altar

Wird oft netzen mit Blut ein Lämmlein aus meiner Herde.

Er gab mir, wie du siehst, daß meine Rinder hier weiden,

Gab, daß ich spiele mein Lied, wie ich mag, auf ländlicher Flöte.

Meliboeus:

Nicht bin ich neidisch darum. Ich wundre mich nur: Überall doch

Herrscht ja Vertreibung. Ich selbst, ich treibe in Trauer die Ziegen

Vorwärts, und diese hier, die ziehe ich kaum noch am Halsband.

Eben hat sie im Haselgebüsch mir Zicklein geworfen,

Aber ich ließ sie auf nacktem Gestein, die Hoffnung der Herde.

- Ach, wie waren wir blind! Wie oft hat kommendes Unheil

Angekündigt der Schlag, der vom Himmel die Eichen getroffen!

- Aber wer ist dein Gott? Das mußt du mir, Tityrus, sagen.

Tityrus:

Jene Stadt, die Rom man heißt, ich glaubte sie immer

Ähnlich der unsern, ich Tor, wohin wir Hirten gewohnt sind

Zum Verkauf, Meliboeus, die Frucht unsrer Herde zu treiben.

So sah ich ähnlich dem Hund das Hündchen, der Mutter das Lämmchen,

So war ich immer gewohnt, zu vergleichen dem Kleinen das Große.

Sie aber hebt ihr Haupt so hoch über andere Städte,

Wie über niedres Gestrüpp ihr Haupt erhebt die Zypresse.

Meliboeus:

Und was war es, das dich so trieb, dies Rom zu besuchen?

Tityrus:

S' war meine Freiheit, die, wenn auch spät, dem Trägen zuteil ward,

Da mir schon beim Scheren der Bart ergrauend herabsank.

Dennoch ward sie zuteil mir noch nach langem Verzuge,

Seit mein Herz Amaryllis besitzt, Galatea verlassen.

Denn ich gesteh' es, solang mich Galatea gefesselt,

Kam es mir nicht in den Sinn, an Freiheit zu denken und Spargut,

Wenn aus der Herde auch oft ein Opfertier zum Verkauf ging,

Käse auch, für die Stadt gepreßt, die so wenig dafür zahlt:

Niemals kam mir die Hand gefüllt mit Münzen nach Hause.

Meliboeus:

Und ich wunderte mich, warum du so traurig die Göttcr

Riefst, Amaryllis, für wen du die Äpfcl ließt an den Ästen:

Tityrus war ja verreist! Nach Tityrus riefen die Fichten,

Rief die Quelle, ja rief sogar das niedere Strauchwerk.

Tityrus:

Konnte ich anders denn? Nicht konnt' ich erkaufen die Freiheit

Anderen Ortes und nicht gegenwärtig die Himmlischen schauen.

Hier sah ich ihn, Meliboeus, den Jüngling, dem nun im Jahr mir

An zwölf Tagen raucht von Dankesopfern der Altar.

Hier gab mir jener das Wort von sich aus, als ich ihn ansprach:

Hütet die Rinder, zieht auf wie immer, ihr Hirten, die Stiere!

Meliboeus:

Glücklicher Alter! So bleibt dein Land in deinem Besitz nun.

Dir ist es Reichtum genug, obwohl es nacktcs Gestein nur

Und der Sumpf dir das Gras durchwächst mit schlammigen Binsen.

Nicht macht Futter, das nicht sie gewohnt, dir krank deine Herde,

Nicbt bedroht sie von fremdem Vieh gefährliche Seuche.

Glücklicher Alter! Am Fluß, an dem du als Kind schon gesessen,

Am altheiligen Quell suchst du zur Ruhe dir Schatten.

Wie du's von Kind auf gewobnt, lädt dich die Hecke am Grenzrain,

Wo die hybläische Biene sich nährt von den Weidenblüten,

Oft mit leisem Gesumm, den freundlichen Schlummer zu suchen.

Hier ertönt von dem Fels des Pflückers Lied durch die Lüfte,

Nimmer endet für dich das vertraute Gurren des Täubrichs

Und von der Ulme herab der Holztaube klagendes Rufen.

Tityrus:

Eher weidet der flücbtige Hirsch in den Tiefen des Meeres,

Eher läßt das Meer am Strand verdorren die Fische,

Eher trinkt der Parther vom Rhein, der Germane vom Tigris,

Tauschend die Heimatflur miteinander als arme Vertriebne,

Ehe sich seine Gestalt verliert aus meinem Gcdächtnis.

Meliboeus:

Aber wir andern ziehen hinaus zu den dürstenden Afrern,

Ja, zu den Skythen ein Teil und zu dem kreidigen Oxus,

Zu den Britannern sogar am äußersten Ende der Erde.

- Werde ich je das Land, das mein gewesen, besuchen,

Von meiner ärmlichen Hütte das Dach, das mit Rasen gedeckte,

Wiedersehen, mein Reich, und mich wundern, wie dürftig die Ähren?

Was ich aus Ödland fruchtbar gemacht, ein ruchloser Kriegsknecht

Hat's jetzt; was wir gesät, ein Barbar. Dahin brachte die Zwietracht

Uns unselige Bürger. Für sie bebauten das Feld wir!

- Pfropfe woanders jetzt, Meliboeus, den Birnbaum, die Reben!

Zieht, meine Ziegen, davon, ihr einst eine glückhafte Herde!

Nie mehr seh' ich euch hier, gelagert in grünender Grotte,

Wie ihr am waldigen Fels hoch oben knabbert das Buschwerk.

Niemals tönt hier wieder mein Lied. Nie wieder, ihr Ziegen,

Rupft ihr in meiner Hut hier Klee und bittere Weide.

Tityrus:

Aber du könntest doch wohl noch die eine Nacht bei mir ausruhn

Auf einer Streu von Laub. Ich habe schon reife Äpfel,

Süße Kastanien auch und an Käselaiben die Fülle.

Siehe, schon steigt der Rauch von fern aus den Dächern des Dorfes,

Länger fallen bereits von den hohen Bergen die Schatten.

Abb. 1: Arkadisch-ländliche Motive auf einem Mosaik im Grabmal für die Tochter des ersten christlichen Kaisers Konstantin, Santa Costanza, in Rom.

Quelle: Friedrich Gehrke, Spätantike und frühes Christentum, Kunst der Welt. Die Kulturen des Abendlandes. Ihre geschichtlichen, soziologischen und religiösen Grundlagen, Serie 5, Bd. 2, Zürich, Baden-Bden 1967, S. 93.

III. Die altchinesische Perspektive.

 Zu den thematischen Aspekten dieses Kapitels im Alten China: siehe das Verweissystem in Kap.8.

 

IV. Literatur, Medien, Quellen.

Hinweis auf das allgemeine Literatur- und Quellenverzeichnis:

LITERATURVERZEICHNIS_LV_LANDWIRTSCHAFT_IM_ALTERTUM

Literatur:

Max Weber, Agrarverhältnisse im Altertum, in: Gesammelte Aufsätze zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Tübingen 1924, S. 1 - 288.

M. I. Finley, Die antike Wirtschaft (dtv- WR 4277), München 1977 (u. a. S. 109 ff: Grundherren und Bauern).

Geza Alföldy, Römische Sozialgeschichte, Wiesbaden 1975 (Zu Ober- und Unterschichten der verschiedenen Epochen: S. 39 ff., 93 ff., 144 ff).

Hermann Strasburger, Zum antiken Gesellschaftsideal, Heidelberg 1976.

Horst Blank, Einführung in das Privatleben der Griechen und Römer, Darmstadt 1976.

T. Mommsen, Römisches Staatsrecht, 3 Bde. in 5 Abt. (18871/3) Tübingen 19524 .

A. H. M. Jones, The Later Roman Empire (284 - 602). A Social, Economic and Admintrative Survey, 3 Bde. und App., Oxford 1964.

M. Kaser, Römisches Privatrecht. 1. Abschnitt: Das altrömische, das vorklassische und das klassische Recht, HdA 3, 3, 1, München 19712 ; 2. Abschnitt: Die nachklassischen Entwicklungen, HdA 3, 3, 2, München 19752 .

J. Christes, Bildung und Gesellschaft. Die Einschätzung der Bildung und ihrer Vermittler in der griechisch-römischen Antie, Darmstadt 1975.

Erika Hornung, Einführung in die Ägyptologie, Darmstadt 1993 4 , S. 74 ff. (Der Staat und seine Struktur).

Quellen:

Cato, De agricultura, wie allg. Literatur- und Quellenverzeichnis.

Cicero, De officiis. Lateinisch und deutsch. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Heinz Gunermann, Stuttgart 1978.

Otto Kaiser, Rykle Borger u. a. (Hg.), Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, Bd. I: Rechts- und Wirtschaftsurkunden. Historisch-chronologische Texte, Gütersloh 1982 - 1985.

Corpus Iuris Civilis, Vol I: InstitutionesIustiniani .Digesta,.ed. Theordor Mommsen, Berlin 1895 7 .

Corpus Iuris Civilis, Vol. II: Codex Iustinianus. Ed. Paul Krueger, Berlin 1895 6 .

Vergil, Hirtengedichte. Lateinisch-deutsch. Herausgegeben, übertragen, eingeleitet und erläutert von Heinrich Naumann, München um 1970.

Ammianus Marcellinus, Römische Geschichte. Lateinisch und deutsch und mit einem Kommentar versehen von Wolfgang Seyfarth, Berlin 1986 3 .


 

LV Gizewski WS 1997/98

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)