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Kap. 7: Land und Staat: Staatliche Verwaltung des Landes. Staatlicher Grundbesitz. Steuer- und Dienstleistungen aus dem Lande für den Staat.

ÜBERSICHT:

I. Kulturvergleichende Vorbemerkungen.

II. Zum westlichen Altertum

A. Die unterschiedlichen staatlichen Typen des Altertums. Die Bedeutung des ausgeprägten kaiserzeitlich-römischen Staates.
B. Staatliche Verwaltung des Landes.
C. Staatlicher Grundbesitz.
D. Steuer- und Dienstleistungen der ländlichen Bevölkerung für den Staat (Transportdienste, Wegebaudienste, Einquartierungen, Requisitions-Abgaben).

III. Die altchinesische Perspektive.

IV. Literatur, Medien, Quellen.

 I. Kulturvergleichende Vorbemerkungen: Landwirtschaft und Staats-Strukturen.

Da der größte Teil eines (fiktiven) Sozialprodukts in Altertumshochkulturen aus der Landwirtschaft stammt, muß der Staat aus dieser auch die Werte und Leistungen entnehmen. die er vor allem für die Aufrechterhaltung seiner militärischen und administrativen Funktionen und zur Bezahlung oder Versorgung seiner Funktionäre und Bediensteten benötigt. Aus diesem Grunde ist der Staat

Im Gegenzuge muß ihm daran liegen, die dafür nötige Verwaltung des Landes 'friedlich und gerecht' zu organisieren, um Widerstand der Landbevölkerung gegen eine Überlastung durch Steuern, Arbeits- und Militärdienste auszuschließen. Der - zumal in bestimmten Belastungssituationen, etwa durch Kriege - besonders große Mittelbedarf des Staates kann - z. B. bei schwankenden oder ausbleibenden landwirtschaftlichen Erträgen, aber auch bei Mißständen in der Steuerverwaltung - zu Aufständen verschiedener Art und Größe führen, wie sie zum Beispiel aus dem chinesischen und aus dem römischen Reich in größerer Zahl bekannt sind. 

II. Zum westlichen Altertum

A. Die unterschiedlichen staatlichen Typen des Altertums. Die Bedeutung des ausgeprägten kaiserzeitlich-römischen Staates.

Ländliche Gebiete werden im Laufe der Altertumsgeschichte auf sehr verschiedene Weise öffentlich verwaltet. Sie hängt naturgemäß von dem Charakter des Staatswesens ab, dem die Gebiete zugehören. Maßgeblich für die Unterschiede ist das jeweilige Gesamtkonzept, in dem die Herrschafts- und Verfügungsrechte einer Obrigkeit gedacht werden; daraus folgen unterschiedliche Rechtskonstruktionen ihrer Verfügunsrechte im Hinblick auf das ihr unterstehende Territorium und ihrer Leistungsbezugsrechte gegenüber den dort siedelnden Menschen. So lassen sich drei Typen solcher Konzepte unterscheiden:

a) der Typus der - profan-herrschaftlichen oder sakralen - Obrigkeit als 'Gesamteigentümerin' am Land (wie in ausgeprägteren Formen während einiger Epochen im alten Mesopotamien und im alten Ägypten; siehe dazu das Skript 'Antike Wirtschaft', Kap. 5: Modellvorstellungen antiker Volkswirtschaften , unter P. 1: Staats- ind Tempelwirtschaft ). Die Folge dieses Konzepttypus ist, daß es theoretisch eine Hierarchie von Landbesitzrechten gibt, an deren Spitze 'die Obrigkeit' (z. B. der Pharao) steht. Abgabe- und Dienstleistungsverpflichtungen der Bevölkerung folgen aus ihren nachgeordneten Besitzrechten und haben damit einen 'öffentlichen' (also nicht primär einen privatrechtlichen) Charakter.

b) der Typus der Obrigkeit als - politischer - 'Obereigentümerin' an dem ihr unterstehenden Territorium. Die Obrigkeit ist konstruiert als politische Struktur, deren Kompetenzen prinzipiell aus denen einer Anzahl sie politisch ermächtigender Staatsangehöriger hervorgeht, diese aber nicht einverleibt oder aufhebt, sondern ihnen als übergeordnete Macht (z. B. als 'magistratus') gegenübersteht, sodaß es eine Späre 'öffentlicher' und eine solche 'privater' Reche gibt. Dieser Typus liegt vor allem in den antiken Stadtsstaaten (Griechenland, Rom) vor, die eine Bürgerverfassung (politeia, res publica) haben. Die Folge daraus ist, daß die Obrigkeit zu einem Zugriff auf die privaten Rechte an Land und auf die Arbeitskraft ihrer freien Bürger prinzipiell nur im Rahmen der von ihr zu erfüllenden öffentlichen Zwecke berechtigt ist. Diese öffentlich-rechtlichen Berechtigungen des Staates zur Besteuerung, Bestrafung oder zum notlagenbedingten Eingriff können in Sonderfällen bis zur Enteignung oder Versklavung (z. B. strafhalber) gehen, allerdings nur unter prinzipiell feststehenden Voraussetzungen des öffentlichen Interesses. Ansonsten besteht eine das soziale Leben bestimmende Privatrechtssphäre, innerhalb derer es maßgebliche privatrechtliche Formen des Grundeigentums und -besitzes sowie der Abgabe- und Diensteistungspflichten gibt.

c) der Typus der Obrigkeit als großer, eher privatrechtlich agierender (patrimonialer) Grundbesitzerin neben anderen kleineren und größeren privatrechtlichen Grundbesitzern. Dieser Typus liegt etwa im Domänenbesitz nach römischem Recht ('res domenica' der späteren Kaiserzeit) vor. Zwar hat dieser privatrechtlich verfaßte Besitz der Obrigkeit deutlich einen öffentlichen fiskalischen Zweck - er dient primär der Finanzierung der Staatsaufgaben - und ist deshalb auch in seiner Größe und in gewissen Vorrechten (z. B. bei obrigkeitlichen Monopolen) deutlich von der normalen Form der Privatrechtsgestaltung abgehoben. Aber sein im ganzen eher privatrechtlicher Charakter zeigt sich daran, daß er ggf. veräußert werden kann oder daß Zahlungen und Dienstarbeiten von Pächtern nicht Steuern, sondern vertraglich vereinbarte Leistungen sind.

Zu b) und c): siehe auch das Skript 'Antike Wirtschaft', Kap. 5: Modellvorstellungen antiker Volkswirtschaften , unter P. 2.

Diese Typen finden sich in den Hochkulturen des Altertums in verschiedenartiger Ausprägung und Mischung. In der Geschichte des römischen Reiches lassen sie sich an verschiedenen Stellen ausmachen, so z. B. der Typus a) am politisch-militärisch (nach Kriegsrecht) erworbenen 'Eigentumsrecht' des römischen Kaisers über 'ganz Ägypten', das sich in dessen jahrhundertelang andauernder besonderer Provinzialverwaltungsform äußert. Generell besteht ein 'Gesamteigentum' des römischen Staates zunächst immer dort, wo ein Territorium ehemaliger Feinde kriegsrechtlich 'römisches Eigentum' geworden ist. Allerdings ist dies zumeist ein vorübergehender Zustand, der auf die Dauer von Eigentumsübertragungen an römische Kolonisten und eigentumsähnlichen Besitzkonzessionen an die einheimische Bevölkerung abgelöst zu werden pflegt. Der Typ b) ist der seit den Anfängen der römischen Republik in Rom traditionelle und auch unter der kaiserlichen Herrschaft fortbestehende Normaltypus. Typ c) äußert sich in den verschiedenartigen Gliederungsformen der Fiskalverwaltung während der kaiserzeitlichen Geschichte immer dort, wo es um den staatlichen Grundbesitz geht.

B. Staatliche Verwaltung des Landes.

In der römischen Kaiserzeit etwa lassen sich drei Typen der öffentlichen Verwaltung des Landes unterscheiden

a) die Verwaltung von einem städtischen Zentrum aus, dem das Land als Umlandgebiet zugehört (civitas),
b) die Verwaltung eines ländlichen Gebiets als 'Limitanbereich' der Militärverwaltung unter einem militärischen Befehlshaber (praefectus, später auch dux oder comes), dem zugleich auch die Erfüllung ziviler Aufgaben übertragen ist, und
c) die Verwaltung eines staatlichen Domänenbereichs durch einen 'procurator' .

Die Verwaltungskompetenzen können sich dabei miteinander verbinden, gelegentlich auch überschneiden.

Gegenstand der Verwaltung sind die Rechtsprechung, die 'polizeiliche Sicherung' der öffentlichen Ordnung, die Sicherung und Erhaltung von Straßen, Häfen und öffentlichen Bauten und vor allem die Feststellung und Durchsetzung öffentlicher Steuer- und Dienstleistungsansprüche, wie sie in dem folgenden Gesetz des Kaisers Justinians aus dem Jahre 535 n. Chr. den neu ernannten Provinzial-Statthaltern als zentrale Pflicht eingeschärft zu werden pflegt.

Nov. Iust. 17, cap. I.

[Opportet te] ... et festinare primum quidem fiscalia tributa exigi vigilanter, nihil deminuens circa publicam curam requirere, ne forte fiscus imminuatur, et salvare ei undique quae propria sunt. Sicut enim privatos iniustitiam passos adiuvamus, sic et publicum illaesum manere volumus. ... .

.... Sodann gehört es vor allem zu Deinen Pflichten, darauf zu drängen, daß die Steuern für den Fiskus eingenommen werden, indem Du nichts unterläßt, im Interesse des Staates darauf zu achten, daß nicht etwa Einnahmen Fiskus geschmälert werden, und ihm das in jeder Hinsicht zu sichern, was ihm zusteht. Ebenso wie wir nämlich Privatleuten helfen, wenn sie Unrecht erlitten haben, so wollen wird, daß auch das ölffentliche Interesse ungeschädigt bleibt. ... .

Die Provinzialverwalter haben in der Spätantike dafür zu sorgen und zu überwachen, daß die Städte (civitates) mit eigenen Beamten (tabularii) die ihnen zukommenden Aufgaben in der Steuerveranlagung und - einnahme ordentlich erledigen, und nur notfalls mit ihrem Beamtenstab einzugreifen (Cod. Iust. 10, 18, 1). Die ordentlichen Steuern bestehen aus Geld- (caput, capitus) oder Naturalabgaben aller verwertbaren Art (annona; Cod. Iust 10, 23 , 1). Sie werden generell aufgrund einer Schätzung des Vermögens ('census') und speziell einer hinzukommenden Bewertung der ertragsbringenden Grundstücke (indictio) der Steuerpflichtigen festgelegt (Cod. Iust 10, 17).

Die Grundstücksbewertung tritt in den Rechtquellen als Hauptthema der Steuererhebung hervor (vgl. Dig. 50, 15 - tit. de censibus). Auch möglich ist dabei eine abstrakte Steuerlast von Grundstücken, unabhängig von ihrem jeweiligen Grundherren (iugatio; vgl. Cod Iust 10, 16, 3). Je nach der Ertragsfähigkeit der Grundstücke werden diese mit verschieden hohen Steuern in einer festgelegten Gradabstufung belegt. Die Steuerfestsetzung erfolgt nach allgemeinen, auch von der Privinzialverwaltung oder anderen dafür nicht zuständigen Behörden nicht abänderbaren Regeln ('forma censualis'; Dig. 50, 15, 4) und muß in einem schriftlichen Bescheid vorgenommen werden (Cod. Iust. 10, 16, 1). Befreiungen oder Nachlässe in Notlagen können regelmäßig nur von der kaiserlichen Hofverwaltung oder von einer Präfekurverwaltung vorgenommen werden (Cod. Iust. 10, 16, 13). Die Ablieferung der Geldabgaben und Naturalsteuern erfolgt an bestimmten dafür örtlich festgelegten Sammel- und Ablieferungsstellen (horrea; Cod. Iust. 10, 26 - tit. de horreis) und Tresoren (thesauri; Cod. Iust. 10, 15 - tit. de thesauris); der Steuerpflichtige ist für den Transport selbst verantwortlich ('Bringeschuld').

Neben der ordentlichen Abgaben gibt es die ordentlichen öffentlich-rechtlichen Dienstleistungen und Belastungen der Bürger und Untertanen (munera personalia), die von Straßenarbeiten und und Transportdiensten über die Duldung von Einquartiertierungen und Requisitionen bis zu ehrenamtlichen Verwaltungsdiensten für die örtliche Gemeinde gehen können. In außergewöhnlichen Lagen gibt es ferner außerordentliche Steuern und Dienstleistungspflichten, die sich ggf. zu dauernden Einrichtungen verfestigen und nicht nur die breiten Bevölkerungsschichten, sondern auch die vermögenderen Kreise besonders belasten können wie z. B. die die großen Grundbesitzer besonders treffende 'collatio glebalis' (Cod. Iust. 12, 2, 2) oder die offenbar von Inhabern größerer Geldvermögen im Fünfjahresabstand eingezogene, in Silber oder Gold zu bezahlende 'auri lustralis collatio' (Cod. Iust. 11, 1).

C. Staatlicher Grundbesitz.

Der Umfang der wirtschaftlichen Tätigkeit antiker Gemeinwesen ist in aller Regel erheblich, wobei Grund und Boden als maßgebliche Basis der Enstehung verfügbarer wirtschaftlicher Mittel eine hervorrragende Bedeutung hat, nicht nur indirekt als besteuerbarer Nutzbereich, sondern auch direkt als staatlich bewirtschaftetes Land. Die Konstruktionen dafür sind in den antiken Kultturen vielfältig. Man muß sich über sie einen detaillierteren organisatorischen Überblick verschaffen, um dies genauer erkennen zu können. Das ist hier nur ansatzweise möglich.

In der Tradition des römischen Staates ist das Gemeinwesen (res publica) im rechtlichen Sinne als 'universitas' (vgl. Inst. Iust. 2, 1. 1 - 6; Kap.4 , unter P. II B 2). Rechtsträgerin unterschiedlicher Vermögensrechte, die teilweise eine eher hoheitlichen bzw. öffentlich-rechtliche (wie z. B. Steueransprüche des Staates), teilweise eine eher privatrechtliche Form haben (wie. z. B. Domänenbesitz); auch im zweiten Fall liegt darin, daß die Vermögensobjekte staatlichen Zecken dienen und staatlicher Verfügung unterliegen, eine Sondersitiation, die, wo nötig, auch zu privatrechtlichen Sonderreglungen zugunsten des Staates führt.

Dem eher hoheitlichen Sektor staatlicher Vermögensrechte dürften ungefähr folgende Gegenstände zuzurechnen sein:

Eher privatrechtlichen, wenn auch auf die Bedürfnisse des Staates zugeschnittenen Rechtscharakter, dürften dagegen folgende Objekte haben:

Die Verwaltung dieser Vermögensobjekte ganz unterschiedlicher Art, innerhalb derer der Grundbesitz immer eine besonders wichtige finanzpolitische Rolle spielt, erfolgt in Organisationsformen, die sich im Laufe der vielhundertjährigen römischen Staatsgeschichrte natürlich erheblich verändern. Zur Zeit der Republik besteht das organisatorische Gerüst aus einer von den Censoren, Quaestoren und einem Verwaltungsunterbau weiterer Staatskassenbeamter verwalteten zentralen Staatsfinanzen ('aerarium') sowie den Sonderkassen für die einzelnen Provinzialverwaltungen oder die im Kriegsfalle bevollmächtigten Militärbefehlshaber ('imperatores'). Dieser Verwaltung unterstehen nicht nur die von den Bürgern erhobenen Steuern, soweit sie erhoben werden, sondern auch Kriegstribute und zu Zeiten auch die kriegsrechtlich in römisches Eigentum übergegangenen Territorien ehemaliger Feinde.. Am Ende der Republik beginnt eine neue Entwicklung der Finanzorganisation. Imperatoren wie Pompeius, Caesar oder Octavian finanzieren ihre Ausgaben aus einer formell 'privaten' (wegen ihres militärischen oder amtlich-politischen Zwecken dienenden Charaketrs letzlich aber öffentlichen), ihrer persönlichen Verfügung vorbehaltenen 'Kasse' ('fiscus'); es geht dabei aber nicht nur um Geld, sondern allgemeiner um sehr großen Vermögenskomplexe, die letzlich öffentlichen Zwecken dienen. Diese gewinnt dann, seit der Kaiserzeit, neben dem altrepublikanischen 'aerarium' immer größere Bedeutung für die öffentlichen Ausgaben, und wird schließlich als 'fiscus Caesaris' oder 'patrimonium Augusti' zum hauptsächlichen Rahmen der Staatseinkünfte und -ausgaben.

Der nachfolgende Textauszüge aus den 'Res gestae divi Augusti' machen die Entsehung und das öffentliche Gewicht der kaiserlichen 'Kasse' seit Augustus anschaulich. Es ist auch erkennbar, daß der Kaiser - was nicht nur für Augustus, sondern alle weiteren Kaiser gilt - ungeachtet der Rechtsform, die die ihm direkt oder indirekt unterstehenden staatsbezogenen Kassen und Vermögensmassen im Laufe der kaiserzeitlichen Entwicklung annehmen, die finanziell einflußreichste Persönlickeit im ganzen Römischen Reiche ist. Die wiederholten Zuwendungen an den formellen Staatshaushalt und an viele andere Adressaten, die wiederkehrenden Ausgaben für öffentliche Bauten, eine eigene Lagerhaltung u. a. setzen notwendig eine ländliche Grundlage des kaiserlichen Vermögenskomplexes voraus, die die immer erneuerten groß dimensionierten kaiserlichen Leistungen durch ständige Einkünfte in großem Maßstabe speist.

Res gestae divi Augusti . Auszüge (1. 16 - 18. Annex)

[Lat. Text und deutsche Übersetzung aus: Augustus, Res gestae. Tatenbericht (Monumentum Ancyranum). Lateinusch, griechsich und deutsch. Pbersetzt kommentiert und herausgegeben von Marion Giebel, Stuttgart 1980]

1. Annos undeviginti natus exercitum privato consilio et privata impensa comparavi, per quem rem publicam a dominatione factionis oppressam in libertatem vindicavi. Eo nomine senatus decretis honorificis in ordinem suum me adlegit C. Pansa et A. Hirtio consulibus consularem locum sententiae dicendae tribuens et imperium mihi dedit. ...

... Et postea ... militibus, quos emeriteis stipendis in sua municipia deduxi, praemia numerato persolvi, quam in rem sestertium quater milliens circiter impendi.17. Quater pecunia mea iuvi aerarium, ita ut sestertium milliens et quingentiens ad eos qui praerant aerario detulerim. Et M. Lepido et L. Arruntio consulibus in aerarium militare, quod ex consilio meo constitutum est, ex quo praemia darentur militibus, qui vicena aut plura stipendia emeruissent, HS milliens et septingentiens ex patrimonio meo detuli. 18. Ab illo anno, quo Cn. et P. Lentuli consules fuerunt, cum deficerent publicae opes tum centum millibus hominum tum pluribus multo frumentarios et nummarios tributus ex horreo et patrimonio meo edidi. ....

[Annex] Summa pecuniae, quam dedit vel in aerarium vel plebei Romanae vel dimissis militibus: denarium sexiens milliens. Opera fecit nova aedem Martis, lovis Tonantis et Feretri, Apollinis, divi luli, Quirini, Minervae, lunonis Reginae, Iovis Libertatis, Larum, deum Penatium, luventutis, Matris Magnae, Lupercal, pulvinar ad circum, curiam cum Chalcidico, forum Augustum, basilicam luliam, theatrum Marcelli, porticum Octaviam, nemus trans Tiberim Caesarum. Refecit Capitolium sacrasque aedes numero octoginta duas, theatrum Pompei, aquarum rivos, viam Flaminiam. Impensa praestita in spectacula scaenica et munera gladiatorum atque athletas et venationes et naumachiam et donata pecunia colonis municipus oppidis terrae motu incendioque consumptis aut viritim amicis senatoribusque quorum census explevit, innumerabilis.

 1. Mit neunzehn Jahren hahe ich aus privater Initiative und aus eigenen Mitteln ein Heer aufgestellt, mit dem ich dem Staatswesen, das durch die Gewaltherrschaft einer illegitimen politischen Machtgruppe unterdrückt wurde, die Freiheit wieder gab. Um dessentwillen hat mich der Senat im Konsulats jahr des Gajus Pansa und Aulus Hirtius [43 v. Chr.] mit ehrenden Beschlüssen in seine Körperschaft aufgenommen. mir den Tang eines Konsularen bei den Abstimmungen zuerkannt sowie die militärische Befehlsgewalt übertragen. ...

... [16.] Und später, unter dem Konsulat des Tiberius Nero und des Gnaeus Piso [7 v. Chr.], ebenso unter den Konslin Gaius Antistius und Decimus Laelius [6 v. Chr.], Gaiui Calvisius und Lucius Pasienus [4 v. Chr.1, Lucius Lentulus und Marcus Messala [3 v. Chr.], Lucius Caninius und Quintus Fabricius [2 v. Chr.] babe ich die Soldaten, die ich nadi Ableistung ibrer Militärzeit wieder in ilire Heimatstädte babe zurückführen lassen, mit Geldsummen belohnt, wofür ich [persönlich] etwa 400 Millionen Sesterzen aufgewandt babe. 17. Viermal habe idi mit meinem eigenen Vermögen die Staatskasse saniert, indem ich den Kassenverwaltern 150 Millionen Sesterzen übergab. Und unter den Konsuln Marcus Lepidus und Lucius Arruntius [6 n. Chr.] habe ich zur Militärkasse, die auf meinen Vorschlag hin eingerichtet wurde, um aus ihr denjenigen Soldaten eine Abfindung zu zahlen, die zwanzig oder mehr Dienstjahre abgeleistet hatten, aus meiner Privatschatulle 170 Millionen Sesterzen beigesteuert. 18. Von dem Jahr an, in dem Gnaeus und Publius Lentulus [18 v. Clir.] das Konsulat innehatten, habe ich, als das Steueraufkommen nicht ausreichte, bald 100000, bald noch weit mehr Menschen Getreide- und Geldspenden aus meinem eigenen Vorratslager und aus meinem eigenen Vermögen zukommen lassen. ....

 

 

[Anhang] Die Gesamtsumme des Geldes, das er für die Staatskasse, das römische Volk oder die Veteranen ausgab, betrug 600 Millionen Denare. An neuen Bauwerken ließ er errichten die Tempel des Mars, des Juppiter Tonans und Feretrius, des Apollo, des vergöttlichten Julius, des Quirinus, der Minerva, der Juno Regina, des Juppiter Libertas, der Laren, der göttlichen Penaten, der Juventus, der Magna Mater; das Lupercal, das Heiligtum beim Circus, die Kurie mit dem Chalcidicum, das Augustusforum, die Basilica Julia, das Marcellustheater, die Octavische Säulenhalle, den Caesarenhain jenseits des Tiber. Wiederhergestellt hat er das Kapitol und das Pompeiustheater, die Wasserleitungen und die Via Flaminia. Die Aufwendungen, die er füt Theateraufführungen, Gladiatorenkämpfe, Athletenwettbewerbe, Tierhetzen und eine Naumachie-Darbietung machte, sowie die Geldgeschenke an Kolonien, Gemeinden und Städte, die durds Erdbeben oder Feuer vernichtet worden waren, oder die Beträge, die er einzeln an Freunde und Senatoren gab, deren Vermögen er damit wieder auf den votgeschrieben Stand bradite,diese Summen entziehen sich einer Berechnung.

Im Laufe der kaiserzeitlichen Entwicklung verliert sich die von Anfang an schwierige Unterscheidung zwischen einem Privtvermögen bzw. einer privaten Kasse des Kaisers für öffentliche Zwecke einerseits und den ohne Bezug auf den Haushalt einer kaiserlichen Person öffentlichen Zwecken gewidmeten Finanzen; dies auch deshalb, weil nach dem Ende von Dynastien und bei Wechsel der politischen Konstellationen die 'Privatvermögen' vormaliger Kaiser ohne vormaligen Personenbezug dem staatlichen Vermögen zugeordnet zu werden pflegen. Es bleibt aber nicht nur aus Traditionsgründen bei Bezeichnungen der staatlichen Finanzverwaltunsabteilungen als 'sacrum patrimonium' oder 'res privatae Caesaris'. Vielmerh kommt darin eben auch eine Analogie zue samaligen Noramform eines großen Privatvermögens zum Ausdruck, das i traditioneller Weise zu erheblichen Teilen aus Grundbesitz zu bestehen pflegt. Manchmal ist im übrigen unklar, in welchem Maße diestaatlichen Finanzverwaltungen immer noch oder erneut auch eine auf das Kaiserhaus bezogene Zweckbindung haben. Überwiegend ist dies allerdings wohl nur bei den den 'domus divinae' für den persönlichen Bedarf der kaiserlichen Majestäten zugeordneten Ländereien der Fall, deren Mittel allerdings manchmal auch wieder für andere öffentliche Zwecke als den der Finanzierung der kaiserlichen Hof- und Lebenshaltung eingesetzt werden.

Für die römische Kaiserzeit des 4. Jhts. n. Chr. ergibt sich ein Einblick in die Organisation der staatlichen Finanzen aus den nachfolgend wiedergegebenen Organisationsschemata der Reichsvermögens und -finanzverwaltungen 'sacrae largitiones' und 'res privatae'. Sie stehen in der 'Notitia dignitatum', einem ursprünglich für amtliche Zwecke erstellten und öfters umgearbeiteten Verzeichnis der wichtigen Reichszentral- und Provinzialbehörden des Imperium Romanum, das in den meisten seiner Elemente dem 4. nachchristlichen Jahrhundert entstammt.

Die bildliche Symbolisierung der beiden, jeweils im Osten und Westen des Reiches bestehenden Verwaltungsabteilungen der kaiserlichen Höfe, die in den Einzelheiten der Bildsymbolik und schriftlichen Abkürzungen - auch wegen der möglichen Weglassungen oder Verformungen im Laufe der nachantiken handschriftlichen Tradition - nicht ganz zuverlässig zu ermitteln sind, lassen dennoch auf den ersten Blick erkennen: außer dem Altar, der das Bild des Amtsinhabers trägt, vor allem Kisten, Körbe, Schalen, verschlossenen ind offene Amphoren mit im einzelnen nicht erkennbaren, aber offenbar (auch) dem ländlichen Bereich entstammendem festen oder flüssigen Speichergut, dazu möglicherweise Rechnungsbücher oder Tabellen. Die Bedeutung insbesondere auch des Landbesitzes und der Naturalsteuern sowie der Lagerung, Verwertung und Veräußerung der beidem hervorgehenden Erzeugnisse und Einkünfte ist insoweit deutlich erkennbar. über das genauae Ausmaß des kaiserlichen Landbesitzes und die Höhe der staatlich verwalteten Naturalsteuern und -Pachtabgaben sind wir nur stellenweise genauer unterrichtet, z. B. darüber daß es in Kappdokien oder in der Provinz Africa zuzeiten sehr große Staatsdomänen gab ; von A. H. M Jones, The Later Roman Empire, 1964, S. 415 ff. werden sie in der Provinz Africa Proconsularisauf 18,5 %, in der beanchbarten Prob´vinz Byzacena auf 15 % des dortigen Kulturlandes geschätzt; diese Rate nimmt er als typisch auch für andere Provinzen an.

  Abb. 1 und 2: Notitia dignitatum, oriens XIII und oriens XIV.

Entnommen aus: Otto Seeck (Ed.), Notitia dignitatum (1876) ND Frankfurt M. 1962, S. 35 - 38.

D. Steuer- und Dienstleistungen der ländlichen Bevölkerung für den Staat (Transportdienste, Wegebaudienste, Einquartierungen, Requisitions-Abgaben).

Öffentliche Steuer- und Dienstleistungspflichten unterstellen die Pflichtigen den Anordnungen von Staatsvertretern und greifen selbst dann tief in die Freiheit der Lebens- und Arbeitsverhältnisse ein, wenn sonst keine Unterstellungsverhältnisse bestehen. Darin ist auch ein oft maßgeblicher Grund für vielfältige Revolten und Freiheitskriege in der Antike, insbesondere im Zusammenhang mit der Ausdehnung staatlicher Hoheitsverhältnisse auf ihnen bisher nicht unterstellte Gebiete, zu sehen (siehe z. B.: Tacitus, Agricola 30 - 32 - Rede des Calgacus gegen die Römer und die von ihnen mitgebrachte Knechtschaft: "Räuber der Welt, durchspüren sie, nachdem den alles Verwüstenden die Länder ausgingen, nun auch das Meer, habgierig, wenn der Feind reich, ruhmsüchtig, wenn er arm ist. Nicht der Osten, nicht der Westen hat sie gesättigt. Als einzige aller Völker begehren sie Fülle wie Leere mit gleicher Leidenschaft. Stehlen, Morden, Rauben heißen sie 'Herrschaft', und wo sie Einöde schaffen, nennen sie das 'Frieden'"). Aber auch die oft prekäre Finanzlage antiker Staaten kann zu Steuerrevolten führen, wenn etwa auf dem Lande die Abgabemöglichkeiten der Landevölkerung aus verschiedenen denkbaren Gründen überfordert werden.

Die Systeme der ländlichen Steuer- und Dienstleistungen, die bereits für die altorientalischen Reiche in Mesopotamien und Ägypten und später insbesondere für das Römische Reich durch Quellen gut belegbar sind, haben verschiedenartige Konstruktionen, sind jedoch in einem Hauptpunkte gleich: sie erheben nach vorgegebenem, kalkuliertem Veranlagungs-Schema bestimmte Abgabesätze von den ländlichen Erträgen der Steuerpflichtigen und setzen bestimmte Dienstleistungen (im Bereich etwa von Bauarbeiten, Transportdiensten, Einquartierungen, Requisitionen und Proviantlieferungen) konsequent durch. Die Abgaben können mehr den Charakter eines Pachtzinses oder Nutzungsentgeltes oder auch mehr den einer öffentlich-rechtlich auferlegten allgemeinen Belastung haben; sie können ferner durch beamtete Staatsvertreter und Verwalter staatlicher Domänen oder aber auch indirekt über private, durch verschiedenartige denkbare Legitimationstitel ermächtigte Privatpersonen oder andere ermächtigte Einrichtungen (z. B. Steuerpächter, Großgrundbesitzer, Tempel) eingefordert und eingezogen werden.

Zum System der römischen Steuererhebung generell: siehe das Skript 'Antike Wirtschaft', Kap. 6: Rechtliche Institute zur 'Ordnung' wirtschaftlicher Interessen , unter P. 1 und 2.

Für das römische System der 'capitatio iugatio' der Spätantike steht die nachfolgend wiedergegebene Rechtsvorschrift aus dem Codex Iustinianus (lib. XI, titulus XXXXVIII 'De agricolis censitis vel colonis', lex 4 . Die Auslegung des Textes gibt Hinweise auf verschiedene Arten von Steuerpflichtigen und Verfahren der Steuereinziehung auf dem Lande. Das eine (capitatio) betseht in der steuerlichen Veranlagung eines Steuerpflichtigen als Person mit besteuerbarem Vermögen. Das andere (iugatio) rechnet bodengebundene ländliche Arbeitskräfte einem Grundstück organisatorisch zu und setzt unter Berücksichtigung ihrer wertschaffenden Arbeitskraft Steuern fest, die der Grundherr zu bezahlen ( d. h. seinerseits durch eigene Einehmer von seinen Arbeitskräften einzutreiben hat). Diese Regelung steht folglich auch in engem Zusammenhang mit dem sog. 'Kolonatsrechts' der Spätantike und deutet den Umfang der damals von der ländlichen Bevölkerung zu tragenden öffentlich-rechtlichen Lasten nur an.

 

Cod. Iust. 11, 48, 4.

Ii, penes quos fundorum dominia sunt, pro his colonis originalibus, quos in locis isdem censitos esse constabit, vel per se vel per actores proprios recepta compulsionis sollicitudine implenda munia functionis agnoscant. - Sane quibus terrarum erit quantulacumque possessio, qui in suis conscripti locis proprio nomine libris censualibus detinentur, ab huis praecepti communione discernimus: eos enim convenit propriae commissos mediocritati annonarias functiones sun solito exactore cognoscere

 Diejenignen, die Inhaber des Grundeigentums sind, sollen für alle erbhörigen Kolonen, die für den Bereich ihres Grundeigentums registriert worden sind, entweder in eigener Person oder durch besondere eigene Steuereinnehmer den nach Übenahme der Steuereinziehungsaufgaben von ihnen zu erfüllenden Pflichten nachkommen. - Diese Vorschrift gilt allerdings nicht im Hinblick auf diejenigen [Kolonen], die als Eigentümer eines noch so kleinen Stückchen Landes unter eigenem Namen in die Listen der Steuerpflichtigen eingetragen sind. Diese haben enstsprechend ihrem ärmlichen, aber freien Status die Steuern an den gewohnten [amtlichen] Steuereinnehmer abzuführen.

Zu den dem Gemeinwesen geschuldeten Aufgaben Dienstleistungen der ländlichen Bevölkerung gehören auch soclhe im Rahmen normaler örtlicher Gemeinschaftsaufgaben und solcher in außergewöhnlichen Lagen, z. B. in Seuchen-, Not-, Kriegs- und Katastrophenfällen. Allerdings ist die bodengebundene ländliche Bevölkerung von solchen Dienstverpflichtungen, die die Wahrnehmung ihrer ländliche Dienstpflicht zur bodengebundenen Landwirtschaftsarbeit ausschließen würden, befreit (vgl. Cod. Iust. 11, 55 (tit. ut rusticani ad nullum obsequium devocentur). 

III. Die altchinesische Perspektive.

 Zu den thematischen Aspekten dieses Kapitels im Alten China: siehe das Verweissystem in Kap.8.

IV. Literatur, Medien, Quellen.

Hinweis auf das allgemeine Literatur- und Quellenverzeichnis:

LITERATURVERZEICHNIS_LV_LANDWIRTSCHAFT_IM_ALTERTUM 

Literatur:

M. I. Finley, Die antike Wirtschaft (dtv-WR 4277), München 1977 (u. a. S. 179 ff.: Der Staat und die Wirtschaft).

Michael I. Rostovtzeff, Wirtschaft und Gesellschaft in der römischen Kaiserzeit (dt. Übers.), 2 Bde., Leipzig 1929 (mit vielen auch dem Steuersystem und dem staatlichen Vermögen der römischen Kaiserzeit gewidmeten Ausführungen).

A. H. M. Jones, The Later Roman Empire (284 - 602). A Social, Economic and Admintrative Survey, 3 Bde. und App., Oxford 1964.

Max Weber, Agrarverhältnisse im Altertum, in: Gesammelte Aufsätze zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Tübingen 1924, S. 1 - 288. 

Quellen:

Augustus, Res gestae. Tatenbericht (Monumentum Ancyranum). Lateinusch, griechsich und deutsch. Übersetzt kommentiert und herausgegeben von Marion Giebel, Stuttgart 1980.

Corpus Iuris Civilis, Vol. II: Codex Iustinianus. Ed. Paul Erueger, Berlin 1895 6 .

Corpus Iuris Civilis, Vol. III : Novellae. Ed Rudolf Schoell und Wilhelm Kroll, Berlin 1904 3 .

Otto Seeck (Ed.), Notitia dignitatum (1876) ND Frankfurt M. 1962, S. 35 - 38.


 

LV Gizewski WS 1997/98

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)