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Kap.9: Zum Erbe der antiken Landwirtschaftsgeschichte in Europa.

 ÜBERSICHT

I. Die landwirtschaftsbezogene Überlieferung aus der Antike in einigen europäischen Sprachen und ihre sachliche Bedeutung für spätere Epochen.

A. Vorbemerkungen.

B. Die Überlieferung im Wortschatz europäischer Sprachen.

1. Heutige sprachgeschichtliche Spuren der Auswirkung einer frühen Diffusion der landwirtschaftsnahen Elemente antiker Kultur auf die 'barbarischen' Vorfelder des Imperium Romanum. Beispiele.

2. Antike Landwirtschaftstradition in der Sprache einer mittellateinischen Textquelle. Beispiel.

3. Antike Landwirtschafstradition im Bauplan eines ländlichen Klosters.

4. Antike Landwirtschaftstradtion oder landwirtschaftsbezügliche Antikentradition in der Rechts-, Bildungs-, Wissenschafts- und Technik-Sprache. Beispiele.

C. Thesen zur Tradition antiker Landwirtschaft und öffentlicher Ordnung auf dem Lande in der nachantiken Geschichte der Wirtschaft und Verwaltung Europas.

D. Thesen zum 'ländlichen Geist' der Antike in der Überlieferung ihrer Bildung und ihrer politischen und religiösen Ideen und Normen.

E. Thesen zur Bedeutung der Landwirtschaftsgeschichte des Altertums für das historische Selbstverständnis der Gegenwartsgesellschaften.

II. Literatur.

I. DIE LANDWIRTSCHAFTSBEZOGENE ÜBERLIEFERUNG AUS DER ANTIKE IN DER SPRACHE UND IHRE SACHLICHE BEDEUTUNG FÜR SPÄTERE EPOCHEN. 

A. Vorbemerkung.

Dies Kapitel kann nur den Zweck haben, in einer Übersicht einige thematische Aspekte der nachantiken Wirkungsgeschichte des Gesamtthemas anzusprechen. Insoweit gilt hier an sich nichts anderes als für die anderen Kapitel dieses Skripts auch. Zusätzlich ist aber zu bedenken, daß eine ausführlichere Erörterung der schon in der Antike selbst einsetzenden, im Mittelalter vor allem im vormals nicht römisch beherrschten Europa in mehreren Diffusionsprozessen - im weiteren Sinne dieses Skripts - vielseitig wirksam werdenden Traditionen aus der antiken Landwirtschaftsgeschichte nur in einem größeren die 'nachantike Geschichte' behandelnden Darstellungszusammenhang möglich wäre. Dieser hätte nicht nur antike Grundmuster und ihre Wirkungsspuren, sondern notwendig immer auch die jeweiligen nachantiken Zeitbezüge einzuschließen und damit die Fachkunde der jeweils mit ihnen besonders befaßten Wissenschaftsteilgebiete etwa der Wirtschafts-, Sozial-, Sprach- oder Ideengeschichte. Das ist an dieser Stelle völlig unmöglich und daher auch nicht vorgesehen. Im Rahmen der traditions- und rezeptionsgeschichtlichen Eigenkompetenz des Fachteilgebiets Alte Geschichte soll lediglich auf die bedeutsamen historischen Perspektiven aufmerksam gemacht werden, in denen das altertumsgeschichtliche Thema bis zur Gegenwart hin steht. Daraus können sich auch sinnvolle und manchmal vielleicht vernachlässigte Erklärungsansätze für nachantike Phänomene ergeben, z. B. für den wissenschaftssprachlich so genannten Komplex der sogenannten 'Grundherrschaft' in seinen verschiedenen Entwicklungsepochen des Mittelalters und der Neuzeit. Eine ausreichende Erklärung für die 'nachantiken' Entwicklungsmomente und Differenzierungsformen dieses zentralen Komplexes europäischer Wirtschafts-, Sozial- und Herrschaftsgeschichte liegt darin aber nicht.

Generell betreffen die aus der Antike stammenden Traditionen ländlichen Wirtschaftens, Lebens und Geistes in historisch späteren Gesellschaften zunächst dieselben Bereiche sozialen Lebens wie in der Antike selbst. So bestehen auch nach dem Ende der Kaiserherrschaft im weströmischen Reichsteil noch lange Zeit wichtige Elemente der römischen Ordnung dort weiter, wo sie bis dahin bestanden haben: z. B. Verwaltungsgliederungen von Stadt und Land, Steuerordnungen, die Strukturen des Großgrundbesitzes einschließlich des komplementären Kolonats-Bauerntums oder die römisch-rechtlichen Privatrechts-Formen der ländlichen Verhältnisse. Dies gilt zumindest für den römischen Teil der unter neuer - zumeist germanischer - Herrschaft befindlichen romanischen Bevölkerung. Doch wandelt sich einerseits allmählich die funktionelle Bedeutung römischer Traditionen in dem Maße, wie neue historische Ordnungsmomente den Aufbau nachantiker Gesellschaften mitbestimmen; dabei ist z. B. zu denken neue Elemente einer lehnsrechtlichen Ordnung oder der kirchlichern Organisation, bei der Stadtgründung, bei der ländlichen Bodenerschließung oder Kolonisation. Andrerseits kann sich die Wirkung der Traditionen auf räumliche und organisatorische Bereiche ausdehnen, in denen sie zuvor keine oder noch nicht die später festzustellende Bedeutung hat; Beispiele dafür sind die Verbindung der intensiven landwirtschaftlichen Erzeugung mit dem ländlichen Klosterwesen oder die Einführung von 'Villikations'-Formen in die Organisation bisher nicht abgabepflichtiger und auf bescheidenem Niveau nur zum Zwecke der Selbstversorgung (Subsistenz) erzeugender Landwirtschaft.

Besonderer Beachtung wert sind auch die Formen der Wiederaufnahme (Rezeption) antiker Muster nach faktisch eingetretenem Traditionsabbruch, etwa im Recht (besonders bei der Rezeption des Römischen Privatechts seit dem 12. Jht. in Norditalien) und in der Bildung (z. B. in der humanistischen Neuerschließung der Handschriften zu Varros 'Res rustica' (14. Jht.), Catos 'De agricultura', Xenophons 'Oikonomos' und 'Columellas' Res rustica (zu Begin des 15. Jhts.). Auf die durch die humanistische Erschließung der Quellen zur Verfügung gestellten Kenntnisse über das Altertum, auch auf diejenigen seines landwirtschaftlichen Lebens und ländlichen Geistes, greifen generell und auch in der Neuzeitgeschichte immer wieder ganz verschiedenartige Interessenten aus der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Sphäre zurück.

B. Die Überlieferung im Wortschatz europäischer Sprachen.

Die Traditionen der Landwirtschaft und der bäuerlichen Lebensform aus der Antike spiegeln sich in starkem Maße zunächst einmal im Wortschatz derjenigen europäischen Sprachen, in deren Entwicklungsgebieten das römische Element schon in der Antike selbst wort- und begriffsbildend aktiv war, wie natürlich im mediterranen Raum, aber auch in den nördlicheren provinzialen Gebieten der römischen Antike, wie im inneren Gallien, in Britannien, Germanien, Raetien, Noricum, Illyrien oder Moesien. Das gilt nicht nur für die romanischen Sprachen wie das Französische, sondern auch für die germanischen wie das Deutsche und das Englische. Diese beiden in unterschiedlicher Weise lateinisch-romanisch mitgeprägten Sprachen weisen in starkem Maße einen Lehnwortbestand auf, dessen landwirtschaftsbezogene Elemente auf einer Übernahme schon in der Römerzeit beruhen. Die übernommenen Worte sind dabei in aller Regel später volkssprachlich geworden und werden heute nicht mehr als Lehnworte empfunden. Ähnliches gilt für manche Lehnworte, die aus dem im Mittelalter im Kirchengebrauch und für das Urkundenwesen weiterbenutzten Latein ('Mittel-Latein') stammen und einen landwirtschaftlichen Bezug haben können. Diese Wortgruppen sind im Französischen und im Englischen zwar viel umfänglicher als im Deutschen. Aber auch im Deutschen haben sie einen beachtlichen, in ihrer Struktur den antiken Kulturdiffusionsprozeß markierenden Umfang. Dabei hat man noch zu beachten, daß im Deutschen eine Vielzahl von Worten, die im Französischen und Englischen deutlich lateinisch-stämmigen Ursprungs sind, nichts weiter sind als relativ deckungsgleiche germanischsprachige Übersetzungen der lateinischstämmigen Homonyme im Französischen und Englischen.

Bei den aus dem Juristen-Latein, dem Universitätslatein und überhaupt aus dem gelehrten altsprachlichen Sprachgebrauch des Mittelalters, der Renaissance und des Humanismus stammenden vielen lateinisch-, romanisch- oder griechischstämmigen Worte mit ihren im weiteren Sinne landwirtschaftlichen Bezügen ist dagegen ihr Fremdwort- und auch ihr zumeist bildungssprachlicher Charakter im Deutschen und Englischen, ihre Herkunft aus der Bildungsssprache auch im Französischen noch heute vielfach bewußt. Wegen der europaweiten Verbreitung des Juristen- und Universitäts-, generell des Bildungslateins als einer allgemeinen Gelehrtensprache ist der von ihm aus geprägte jeweilige Wortschatz der einzelnen europäischen Sprachen auch ähnlich; so gibt es Worte wie deutsch 'Agrikultur', 'Melioration', 'Kapital' im Französischen, Englischen und anderen europäischen Sprachen in ähnlicher - bildungs- oder berufstypischer - Sprachorm.

Alle diese Traditionsmomente, ob volksssprachlich oder bildungsssprachlich, repräsentieren das Gewicht der antiken Überlieferung oder ihrer erneuten Aufnahme (Rezeption) im Bereich der späteren europäischen Kulturentwicklung, die ja über mehr als ein Jahrtausend nach dem Beginn des Mittelalters im wesentlichen landwirtschaftsbasiert bleibt, bis die Gesellschaftsstrukturell-Veränderungen hin zu industriebasierten Gesellschftsformen einsetzen. Angesichts des in charakteristischer Weise nur fragmentarisch hervortretenden Charakters der sprachgeschichtlichen Traditonszusammenhänge wird diese Bedeutung prinzipiell nur in einer systematisch an gelegten Rekonstruktion der Überlieferungsgeschichte erkannbar, die sich nicht nur sprachgeschichtlicher Quellen bedient, sondern auch auch anderer historischer Schlußfolgerungsmöglichkeiten, z. B. aus den inhaltlichen Aussagen der Quellen der allgemeinen und der Wirtschafts-, Sozial-, Technik-, Wissenschafts- , Kirchen- und Ideengeschichte Europas.

1. Heutige sprachgeschichtliche Spuren der Auswirkung einer frühen Diffusion der landwirtschaftsnahen Elemente antiker Kultur auf die 'barbarischen' Vorfelder des Imperium Romanum. Beispiele.

An die Stelle einer systematischen Rekonstruktion treten im folgenden knapp kommentierende Bemerkungen, die in ihrer Kürze - insbesondere in der unmittelbaren Nebeneinanderstellung lateinisch- und modernsprachlicher Worte mit sprachgeschichtlicher Verbindung - die u. U. komplizierten Traditionswege, -synthesen und -überlagerungen, die über andere Sprachen erfolgenden Vermittlungen oder die rezeptiv-bildungssprachlichen Neuanknüpfungen an die antiken Sprachen und die darauf beruhenden Verdrängungen älterer Worttraditionen nicht angemessen wiedergeben, sondern oft nur andeuten können.

Im Hinblick auf die sprachlichen Spuren einer europäischen Wirkungsgeschichte antiker Landwirtschaftstradition i. w. S. lassen sich Wortschatz-Bereiche etwa des Französischen, Englischen und Deutschen bilden, deren Synopse Richtung und Umfang der Prägewirkung der diesbezüglichen Antiken-Tradition in den nördlichen Provinzialgebieten des Römischen Reiches und seinen barbarischen Vorfeldern deutlicher erkennen läßt, als wenn man nur eine Sprache durchmustert. Einzelne Wortbeispiele, wie sie im folgenden zusammengestellt werden, können dabei nur annähernd bestimmte wichtige Momente der Hochkultur-Diffusion und -Rezeption markieren. Ferner können die erkennbaren Unterschiede in Ausmaß und Richtung der sprachlichen Übernahmen zwischen den einzelnen europäischen Sprachen hier nur angedeutet werden.

Die zunächst folgende exemplarische Wort-Auswahl beschränkt sich auf Worte, die relativ früh - also zumeist schon in der Spätantike, jedenfalls aber im früheren Mittelalter - in die Entwicklung hin zu den heutigen europäischen Sprachen eingehen und hier zu tieferreichenden, nämlich die Gestalt der späteren Volkssprachen beeinflussende Prägungen führen.

a) Landschafts-, Siedlungs- und Verkehrswegebezeichnungen.

Die frühe Prägekraft der vom Römischen Reich in West- und Mitteleuropa organisierten Provinzialisierungs- und Kolonisierungsprozesse zeigt sich an einigen zentralen Termini der Landschaftsbeschreibung und an charakteristischen Bezeichnungen für Siedlungsformen und Verkehrswege, deren Anlage zuvor in den später davon berührten Gebieten und bei ihren Bevölkerungen nicht üblich sind. Die im Mittelmeerraum typische soziale und funktionelle Stadt-Land-Differenz, die Anlage großer landwirtschaftlicher Güter und ihre Bewirtschaftung mit Sklaven, Vertragspächtern oder halbfreien Kolonen, die Verteilung von Boden an Bauern-Kolonisten, die Marktbezogenheit landwirtschaftlicher Produktion, die Schaffung städtischer Zenren, die Anlage befestigter oder zumindest gut befahrbarer Militär- , Handelstransport- und Überland-Verkehrswege spiegeln sich teils deutlich, teils in Umrissen schon in den wenigen folgendenWortbeispielen (ohne sich allerdings aus ihnen allein zwingend zu ergeben). Die römische Präsenz und die in ihrem Rahmen übliche Verwaltung und Nutzung der provinzialen Gebiete läßt sich an einer größeren Zahl individueller Ortsnamen ablesen.

BEISPIELE:

Eine 'gegen' den Reisenden gerichtete Objektsqualität des Landes spiegelt sich vermutlich im vulgärlateinischen 'contrata', das im französischen 'contree' [mit accent aigu] und im englischen 'country' zu einer Hauptbezeichnung für das 'nicht-städtische' Land geworden ist. Im Deutschen gibt es das zwar das Bedeutungs-Äquivalent 'Gegend', aber 'Stadt' und 'Land' sind germanischsprachige, für diesen Zweck hauptsächlich gebrauchte Worte mit anderem ursprünglichen Bedeutungshintergrund ('Versammlungsort' bzw. 'freie, unbebaute Fläche) 'als die lateinischen Synonyme. Sie lassen den von der römischen Herrschaft ausgehenden Kulturwandel erkennen. Eine andere lateinische Bezeichnung für nicht-städtische, oft weit von Städten abliegende Landflächen ist das Wort 'pagus' mit dem zugehörigen Adjektiv 'paganus', das zugleich einen Bauern, einen Hinterwäldler und (aus christlicher Sicht) einen Heiden bezeichnet. 'Pagus'/ 'paganus' sind als 'pays' / 'paysan' ins Französische, im Wort 'peasant' ins Englische eingegangen. Im Deutschen ist das gebräuchliche Wort 'Bauer' germanischsprachig und hat eine andere Grundbedeutung (von '-bur': Dorfbewohner'). Dies Wort bezeichnet aber wiederum nicht den Typus des Einzelhof-Besitzers, von dem etwa Tacitus, Germ. 16 auch spricht, sondern den eines Dorf-Siedlers. Es ist denkbar (wenn auch nur eine Hypothese), daß sich hier das mittelalterliche Villikationsprinzip niedergeschlagen hat, indem nur der Begriff 'Bauer' sprachgeschichtlich überlebte.

Zentrale, tendenziell wohl den Nutz- oder Verkehrscharakter betreffende Begriffe der Landschaftsbeschreibung gehen im Französischen und Englischen auf lateinische Ausgangsworte zurück, so 'mont', 'montagne' bzw. 'mount', 'mountains' auf 'mons', 'montana' oder 'vallee' [mit accent aigu] bzw. 'valley' auf 'vallis', 'riviere' bzw. 'river' auf 'riparia'. Auch lateinisch-sprachige Bezeichnungen für die seit dem Frühmittelalter bestehenden Typen der Territorialherrschaft, wie 'comitatus' und 'ducatus' finden im Französischen und Englischen eine Fortsetzung in 'comte' [mit accent aigu] bzw. 'county' oder 'duche' [mit accent aigu]. Nachantiken Eingang ins Französische und Englische hat lat. 'frontaria' (= befestigte Grenze) mit 'frontiere' (mit accent grave) bzw. 'frontier' gefunden (möglicherweise handelt es sich auch um eine historisch spätere Wortbildung). Im Deutschen finden sich auch hier zumeist germanischsprachige Synonyme. Lateinischen Ursprungs sind deutsch 'Straße' und englisch 'street' ('strata'), französisch und englisch 'route' (rupta) und 'avenue' (adventus), französisch 'chaussee' (mit accent aigu , 'calciata'); farnz., engl., dt. 'mille', 'mile', 'Meile' (milia).

Im Französischen und Englischen sind ferner viele Bezeichnungen für Siedlungs- und Stadtformen, wenn nicht keltischen ('dunum', 'magus') und seltener germanischen ('seter'), dann lateinischen Ursprungs: 'ville', 'village' stammen von 'villa', 'villagium', 'chateau' bzw. 'chester', 'castle' von 'castellum', 'castra', 'court' von 'cohorte', vlat. curte', 'cite' [mit accent aigu] bzw. 'city' von 'civitas'. Eine zunehmende Bedeutung der Klöster, als ländlicher Siedlungskomplexe oder auch Mittelpunkten kleinerer Siedlungen seit der Spätantike, kommt im Fortbestand von 'monasterium' in engl. 'minster', deusch 'Münster' zum Ausdruck. All diese Worte treten auch als Namensbestandteile aus der Antike oder aus dem frühren Mittelalter ererbter Ortsnamen hervor, z. B. in 'Winchester' ('Venta castra'), 'Avricourt' ('Ebrardi curte'), 'Ambleville' ('Amalae villa'), 'Westminster' ('~-monasterium'). In der Überlieferung konkreter Ortsnamen haben sich auch im Deutschen häufiger lateinischsprachige Spuren erhalten als im allgemeinen Wortschatz, in dem 'Weiler' ('villarium') einer der ganz wenigen lateinischstämmigen Siedlungsbezeichnungen ist; in der Regel gibt es dafür germanischstämmige Worte. Endungen wie '-stadt', '-ingen', '-burg' machen zwar gelegentlich auf römische Vorformen aufmerksam (z. B. in Regensgurg > Regina castra, Augsburg > Augusta catra, Bitburg > Beda vicus). Aber häufiger sind es Individalnamen, die etwa auf römisches Stadtrecht hinweisen, so: 'Köln', 'Lincoln' ('colonia', 'Lindum colonia), 'Augst', Augsburg, Autun ('Augusta', Augusta castra, Augustodunum), 'Basel' '('basileia'), Chur ('curia') - oder andere Arten von Siedlungen benennen, wie: 'Zabern' ('tavernae' = 'Bretterbuden' = Läden, Werkstätten, Wechslerbuden, Schankwirtschaften und Herbergen), 'Utrecht', 'Maastricht' ('traiectum' = Flußfähre, 'Moesae traiectum' = 'Maas-Fähre'), Altrip ('alta ripa' = hohes Ufer), 'Kastel' ('castellum'), 'Aachen' ('aquae' = Bad; germanischsparchige Namensform 'Baden'), 'Aalen' ('alae' = Standort einer militärischen 'ala'), Xanten ('sancti' = Ort christlicher Märtyrer), Pfyn ('finis' = Provinzgrenze).

 

b) Worte für Nutztier- und -pflanzenarten, ländliche Erzeugnisse, Techniken und Instrumente des Ackerbaus, des Gartenbaus, der Tierhaltung und der Viehzucht.

Die in den folgenden Beispielen nur andeutbareVielfalt der Übernahme antiker Wortmuster für Nutztiere, Nutzpflanzen und ländliche Erzeugnisse im Französischen, Englischen und Deutschen ist nicht nur darauf zurückzuführen, daß die benannten Objekte in den übernehmenden Sprachen zur Zeit der Spätantike und des frühen Mittelalters keine eigene Benennungen haben. Vielmehr weisen sie zumeist eher auf die zivilisatorischen Standards hin, die sich mit den neuen, aus der römischen Sphäre stammenden Worten verbinden. So haben z. B. das Rind und das Pferd in keltischen und germanischen Dialekten sicherlich stets eigene indigen-sprachliche Namen gehabt. Aber bestimmte Arten aus dem antiken Hochzivilisationskreis haben - vielleicht wegen größeren Wuchses oder Ertrages (vgl. Tacitus, Germania 5: "pecorum fecunda, sed improcera": "an Vieh gibt es keinen Mangel, aber es ist unansehnlich"), vielleicht wegen einer bestimmten Gebrauchseignung (z. B. für den Einsatz als Transportpferde in staatlichen Diensten > 'paraveredus') im Barbaricum offenbar maßstabsetzend gewirkt.

Die Vielzahl der Wortübernahmen gerade in diesem Wortschatz-Sektor - und selbst in die nicht-provinzialen germanischen Sprachen, die lateinischen Worten gegenüber sonst sperriger sind - läßt ein gerade hier bestehendes erhebliches Kulturgefälle erkennen, das durch eine frühe praktische und sprachliche Angleichung überwunden wird. Einbezogen sind dabei der gesamte Bereich der Feldbaus, des Gartenbaus und der Viehhaltung. Hinzukommen aber auch Fischerei, Jagd und Wildtiernutzung sowie die Gewinnung von Gewürzen und Drogen (auch aus Wildpflanzen). Auch die sekundärte Herstellung vermutlich deutlich qualitätvoller Abgabe- und Markt-Erzeugnisse ist eingeschlossen. Die Bezeichnungen für Arbeitsverfahren in Viehhaltung und Feldbestelung, für Werkzeuge und Haushaltsgegenstände haben oft lateinischsprachige Ausgangsmuster.

Die gesamte kulturgeschichtliche Bedeutung all dieser Wortübernahmen in ihren Wirkungen und Nebenwirkungen kann sich nur einer detaillierten - die Objekte selbst und nicht nur ihre Namen einbeziehenden - Betrachtung erschließen.

BEISPIELE:

Die deutschen Worte 'Esel', 'Pferd' und 'Pfau' haben lateinischen Ursprung (asinus, veredus, pavo). Französische oder englische, dem Lateinischen entstammende Worte sind 'chevre' (mit accent grave, 'capra)' , 'boeuf', 'beef' (bovis), 'cheval'(caballus), 'brebis', 'agneau' (vervex, agnellus), 'porc' (porcus), 'chien' (canis), 'poule' (pullus), 'oie' (auca), 'pigeon', 'colombe' (pipione, columba); Haustiernamen im Englischen sind wie im Deutschen in größerem Umfang nicht lateinischer Herkunft (wie z. B. 'horse', 'pig' oder 'dog'). Auch im Französischen gibt es einige nicht lateinischstämmige Haustiernamen (wie 'chat', 'mouton', 'coq').

Dem Lateinischen entstammen deutsche Worte für wichtige Tierfutterpflanzen wie die Wicke (vicia), Gemüsepflanzen wie Kohl (caulis), Zwiebel (caepula), Rettich (radix), Beete (beta), Obstarten wie Birne (pirum), Pflaume (prunum), Pfirsich (persicum), Granatapfel (granatum), Kirsche (cerasum), Gewürzpflanzen wie Minze (menta), Kümmel (cuminum), Senf (sinapis), Pfeffer (piper) und Blumen wie Lilie (lilium), Rosa (rosa), Veilchen (viola); dies sind nur wenige Beispiele aus einer großen Liste. Im Französischen und Englischen verhält es sich im Umfang ähnlich (z. B. franz 'vesce', engl. 'vetch' > lat. 'viccia'; franz. 'chou', engl. 'cole' > lat. 'caulis'; franz.'radis', eng. 'radish' > lat. 'radix' etc.).

Die sekundäre Berabeitung bzw. 'Veredlung' ländlicher Erzeugnisse betreffen etwa folgende landwirtschaftlich zentralen Worte: franz., engl. 'grain' (granum); franz., engl. dt. 'vin', 'wine', 'Wein' (vinum); franz., engl., dt. 'huile', 'oil' 'Öl' (oleum); engl., dt. 'cheese', 'Käse' (caseus); franz., engl. dt. 'beure', 'butter', 'Butter' (butyrum); franz., eng., dt. 'sucre', 'sugar','Zucker' (sacchara); franz. 'sauce' (salsa); franz., engl. dt. ''compote' (mit accent circonflexe), 'compost', 'Kumst' ('compositum' = 'Eingemachtes').

Wichtig für die ländliche Arbeitsorganisation und ihre Verfahren sind folgende Worte: franz., engl. 'saison', 'season' ('satio' = Zeit der Aussaat); engl. 'manure' (über altfranz. 'manoyre' > 'manoeuvre', von lat. 'manu[um]opera' = Handarbeit und Düngung); franz., engl., dt. 'planter', 'plant', 'pflanzen' (plantare); dt. 'impfen' (imputare); dt. 'propfen' (properare); engl., dt.'pluck', 'pfücken' (plucare); dt.'Mühle' (molina); franz., engl. f'ond', 'found', 'fonds' (fundus); franz., engl. 'areal' [mit accent aigu]; 'area' (area).

Für den Bereich der Werkzeuge sind folgende Wortbeispiele wichtig: franz. 'araire' (aratrum); dt. 'Karren', 'Karrich '(carrus, carruca); dt. 'Kelter '(calcatura); dt., franz., engl. 'bouteille', 'bottle' 'Bottich' ('butica', 'buticula'; etymolog. abgeleitet von 'apotheca)'; dt. 'Sichel' (secula); franz., engl., dt. 'sac', 'sack', 'Sack' (saccus); dt. 'Matte' (mittellat. matta); dt. 'Korb' (corbis).

Neue Standards für die Gegenstände auch des ländlichen Haushalts spiegeln sich in folgenden Worten: dt. 'Schrein' (scrinium); engl., dt. 'chest', 'Kiste' (cista); engl., dt. 'desk', 'Tisch' (discus); dt. 'Teller' (taliare = Schneidebrett); dt. 'Becher' (bicarium); dt. 'Eimer' (amphora); dt. 'Schüssel' (scetila); dt. 'Spiegel' (speculum); dt. 'Pfanne' (panna, patina); dt. 'Trichter' (traiect-); dt. Mörser (mortarium)dt., engl., candle (candela); dt. 'Kerze' (cerata); franz., dt. 'coussin', 'Kissen' (culcinum).

c) Worte für ländliches Bauwesen.

Das Bauwesen der Antike tritt zwar auffällig in ihren Städten hervor. Doch auch das Land hat seine baulichen Standards im Bau der 'villae rusticae' und ihrer Nutzbauten; diese finden in der uns überlieferten antiken Architekturlehre eigene Erörterung (vgl. Vitruv, De architectura, Buch 6). Im weiteren Sinne sind diesem kulturellen Sektor auch die Anlage von Straßen, Befestigungsanlagen, Brunnen, Wasserleitungen, Bergwerken oder der Einsatz von Maschinen und anderen Nutzvorrichtungen der Landarbeit zuzurechnen. Was die Baukörper ländlicher Anwesen und ihre Fundierung, die Baufunktionen, die Baumaterialien und die Bauformen betrifft, ist der antike Einfluß seit dem frühen Mittelalter auf dem barbarischen Lande dort wirksam, wo die Vermögensverhältnisse der Bauherrren es erlauben und es wünschenswert erscheinen lassen, den Lebensstil der dort oder in der Nachbarschaft lebenden römischer Villenbesitzer nachzuahmen, also z. B. Stein- statt Holzbauten zu errichten. Die verkehrsmäßige Erschließung des Landes und die Anwendung antiker Bautechnik für andere als Wohnzwecke ist in den römisch-provinzialen Gebieten, die unter germanische Herrschaft kommen, als Möglichkeit präsent und verbreitet sich von da aus im Laufe der mittelalterlichen Entwicklungen auch auf andere Regionenen Europas.

BEISPIELE:

Franz. 'mur', dt. 'Mauer' (murus); dt. 'Ziegel' (tegula); dt. 'Pfeiler' (pilarium); dt. 'Estrich' (lat. 'astracum', griech. 'ostrakon').

Franz., engl. dt. 'cuisine', 'kitchen', 'Küche' (coquina); franz., engl. dt. 'chambre', 'chamber', 'Kammer' (camera); franz., engl., dt 'celle', 'cell', 'Zelle' (cella); dt. 'Keller '(cellarium); franz., dt 'chemin', 'Kamin' (caminus).

Dt. 'Kalk' (calx); dt. 'Zement' (caementum); dt. Mörtel ('mortarium', wie für 'Mörser'); dt. 'Pfahl '(palus).

Engl., dt 'street' , 'Straße' (strata); franz. und engl. 'route' (rupta); franz. 'chaussee' (mit accent aigu) (calciata); dt., engl. 'Wall', 'wall' ('vallum'); dt.'Pütt' (puteus); dt. 'Kran' (wohl über 'ceranus' aus griech. 'geranos' = Kranach; im übertragenen Sinne lat-griech. Bezeichnung für ein Hebewerkzeug); dt. 'Silo' ('siro').

d) Worte für die politische und administrative Ordnung auf dem Lande, das Gerichtswesen, das Urkundenwesen, die Ständeordnung, das Steuerwesen, das landwirtschaftliches Betriebswesen, die ländlichen Abgabe- und Dienstsysteme und das Marktwesen.

Die institutionellen Hinterlassenschaften des römischen Reiches prägen die innere Ordnung der Nachfolgeherrschaften auf dem vormaligen Reichsgebiet in erheblichem Umfang weiter. Das beruht auch darauf, daß bereits in der Spätantike manche Momente des späteren Herrschaftswandels wirksam sind, wie z. B. in der - wenn auch begrenzten - Autonomie etwa gotischer, fränkischer oder burgundischer Föderaten auf römischem Reichsgebiet. Mit der Auflösung des Reichszusammenhangs im Westen fällt nicht die gesamte bisherige Ordnung auseinander, sondern wesentliche Elemente der politischen Territorialorganisation, des städtischen Verwaltung, der ländlichen Grundbesitzverhältnisse, der römisch-rechtlichen Rechtserhältnisse (für die romanische Bevölkerung), aber auch des römisch-staatlichen Reichsbegriffs selbst, d. h. einige seiner Formen in politischer Aristokratie und Monarchie, in seiner hohen Ämterstruktur und seiner Militärorganisation haben trotz aller markanten Änderungen zugunsten der neuen staatstragenden Volksgruppen, Militärkräfte und Adelsschichten Bestand. Wenn sich diese Kontinuität auch unter verschiedenen neuen Herrschaften unterschiedlich gestaltet, so ist doch für den Bereich des späteren Frankreich, England und Deutschland festzuhalten, daß sich dort vielfach Elemente römischer Ordnung institutionell und teilweise auch terminologisch fortsetzen.

Die vielen Aspekte wortgeschichtlicher Kontinuitäten in diesem Wortschatzbereich, die aus einer Anzahl von Gründen - vom Bedeutungswandel von Worten bis zur lautlichen Eigendynamik der Sprachentwicklung - nur mit großem, hier nicht zuleistenden Aufwand in einem großen kulturgeschichtlich angemessenen Zusammenhang dargestellt werden könnten, lassen sich in der folgenden relativ kleinen Liste nur andeuten. Doch machen die aufgeführten - dem spätantiken Hoch-Latein der gallorömischen Regionen des Reiches entstammenden, also im klassichen Hoch-Latein manchmal nicht oder so noch nicht vorhandenen - Worte die Kontinuität in wichtigen Teilspekten deutlich, die vom Leser fortgedacht und evtl. selbst weiter untersucht werden können.

Die Regierung der spätantiken Reichsteile und ihrer Provinzen von mehreren kaiserlichen Höfen aus ( > palatia), von den Sitzen der Provinzialverwalter (> iudices) die Tätigkeit hoher Reichsbeamter oder auch - evtl. mit Zivilverwaltungsvollmachten ausgestatteter - Militärkommandeure (> comites, > advocati, > cohortes, curtes) und schließlich auch ihre Rechtsformen (> directum, >breve), und Verfahren (> burellum, > cancelli) wirken sprachgeschichtlich vielfältig nach.

Die römische Rechtssprache ist - lange vor dem Wirksamwerden mittelalterlich-kirchenrechtlicher Spracheinflüsse oder derjenigen aus der Juristensprache seit der Zeit der Rezeption des Römischen Rechts - mit vielen Worten in mittelalterlichen Volkssprachen präsent (> titulus, > demendare, > condemnare, >terminus, >falsus, >carcer, >flagellum); dazu gehört auch das Urkundenwesen (> breve , > sigillum).

Die in der römisch-kaiserzeitlichen Antike durchweg - und so auch in der Spätantike - herrschende ungleiche Verteilung des politischen Einflusses auf Aristokratie und Volk überträgt sich teilweise auf die ganz andersartigen nachantiken Herrschaftsverhältnisse in Worten wie 'populus', 'communes' , 'nobiles', 'honesti', 'status'.

Das römische Steuer- und Besoldungssystem und die Organisation des staatlichen Vermögens gehen mit vielen Worten ebenfalls in die mittelalterlichen Nachfolgesprachen des vormals römischen Bereichs ein (> census, > taxare, > teloneum, > thesaurus, >camera, > finantia, >solidus, > domenica).

Die im Römischen Reich überall größere Teile der ländlichen Gebiete in Anspruch nehmenden Latifundien oder großen Sammelbesitze einschließlich der kaiserlich-staatlichen Großgüter mit ihren charakteristischen Formen (oft) intensiver Feldbewirtschaftung und sonstiger Betriebsökonomie, mit ihrer Organisation des Vertragspachtwesens und der unfreien oder halbfreien Landarbeit (mit Sklaven oder Kolonen) sowie mit ihren spezifischen Siedlungsformen (villae, vici, casae) hinterlassen im Wortschatz der Nachfolgesprachen viele aufschlußreiche Spuren ( > pactus, > debitum, > reddita, > praebenda, > commendata, > villa, villarium, villagium, > opera, operarius, manu[um] opera , > paganus, > familia).

Für die Entstehung der heute wissenschaftssprachlich so genannten 'Grundherrschaft' im frühen Mittelalter und für ihre Fortentwicklung in späteren Epochen bis in die Neuzeit hinein ist eine sprachgeschichtliche Verfolgung einiger für diesen Phänomenkomplex wichtigen Worte wie 'curtis', 'census', 'capitulum' aufschlußreich; denn sie indizieren ein - von der späteren Entwicklung her nicht seöbstverständliches - hoheitliches Element in den Systemen ländlicher Villikation und Rentenbezugsrechte von Anfang des Mittelalters an. Bereits in der Spätantike steht den Grundeigentümern aus öffentlich-rechtlichen Gründen eine mittelbare Steuereinzugskompetenz und eine gewisse disziplinarische Kompetenz gegenüber den bodengebundenen Kolonen auf ihren Ländereien zu (vgl. Kap.6 , P. II B, 2, b). Bei Grundbesitzern mit Amtsbefugnissen oder militärischer Befehlsgewalt verbinden sich die Amts- und Befehlskompetenzen mit ihren öffentlich-rechtlich zustehenden sonstigen Befugnissen und ihren privaten Eigentümerrechten. Das Frühmittelalter kann an diesem Muster ansetzen und es zum generellen Ordnungsprinzip für die Ausübung öffentlicher Gewalt auf dem Lande machen. Zu beachten für die Einschätzung antiken Einflusses auf die strukturelle Form feudaler Beziehungen in späterer Zeit ist ferner, daß auch im Mittelalter die öffentliche Gewalt in vielfältiger Weise ohne Vermittlung einer 'Grundherrschaft' gegenüber den ihr Unterworfenen auftreten kann, z. B. bei der Landkolonisation oder im Städtewesen. Auch hier wirkt eine antike Form des Obrigkeitsvertsändnisses nach.

Die aus der Römerzeit stammenden Städte im vormals römischen Provinzialgebiet (> civitas) behalten auch unter den Nachfolgeherrschaften - in jeweiliger Verbindung mit neuen Herrschafts- und Ämterformen - ihre Territorialverwaltungsfunktionen und ihre Bedeutung als Markt- und Gerichtsorte für das Umland teilweise bei (> mercatus, > moneta, > pretium, > salatium, > caupo, > aequare, > libra > pondo, > centenarius, > numerus, > summa, > massa). Schon aus der Spätantike stammt ferner ihre im Mittelalter ausgedehnte Bedeutung als Zentren der Kirchenorganisation ('metropolis') eines großen Territoriums, in denen ein Bischof (> episcopus) zu residieren pflegt, mit hervorgehobenen Kirchenbauten (> domus) und Klöstern (> claustra, >monasteria), kirchlichen Krankenhäusern und Herbergen (> hospitale), Schulen (> schola) und Bibliotheken (> libri).

 BEISPIELE:

Franz., engl., dt. 'palais', 'palace', 'Pfalz' (palatium); franz. 'droit' (directum > ursprünglich Anordnung eines römischen Provinzialverwalters); engl. 'juge', 'judge' (iudex > ursprünglich die Bezeichnung des römischen Provinzialverwalters oder eines von ihm ernannten Richters); franz., engl. 'comte', 'count' (comes > ursprünglich hoher Beamter der Hof- oder Reichsverwaltung oder hoher Militäkommandeur); franz., engl., dt. 'bureau' ('burellum > ein durch Vorhang gekennzeichneter und von der Öffentlichkeit abgetrennter amtlicher Sitzungsort); franz., engl. dt. chancellier, chancel, chancelor, 'Kanzel', 'Kanzler' ('cancelli' = 'Schranken, die die Öffentlichkeit abhalten' > 'Gerichtsschranken '> 'Schranken eines kirchlichen Altarraumes'; 'cancellarius' = ursprünglich ein Beamter, der über den Zugang zu einer Behörde entscheidet, d. h. eine Sache vorprüft); franz., dt. 'avoue '(mit accent aigu), Vogt (advocatus, vocatus > ein zu einem Amt Berufener); franz., engl. 'court' ('curtis'; dies ist auch die mittellat. Bezeichnung für einen herrschaftlichen Landwirtschafts-Hof); franz., engl., dt.'titre', 'title', (titulus = Rechtsanspruch; dt.'Titel' ist schon juristensprachlich); franz., engl. 'demander', 'demand ' (demandare = fordern, beanspruchen, beantragen); engl., dt.'condemn', 'verdammen' (damnare = verurteilen oder bestrafen); franz., engl., dt. 'term', 'terme', '(terminus > i. S. von 'Rechtsbegriff', 'Grenzziehung' und 'Befristung', dt. 'Termin' ist schon juristensprachlich); franz., engl., dt. 'faux', 'false', 'falsch' (falsus = 'rechtlich unrichtig', 'auf Täuschung beruhend'); dt. 'Kerker' (carcer); dt. Flegel (flagellum = Peitsche); dt., engl. 'Brief', 'brief' (breve); franz., engl., dt. 'sceau', 'seal', 'Siegel' (sigillum); franz., engl. peuple, people (populus); franz. und engl. 'communs', 'commons' (mittellat. 'communes' = Gemeindeangehörige); franz., engl. 'nobles' (nobiles), franz. 'honnete (mit accent circonflexe), franz., engl., dt. 'etat' (mit accent aigu), 'state', 'Staat' (status); dt. 'Zins' (census); engl., dt. 'toll', 'Zoll' (teloneum); franz., engl. dt. 'taux', 'tax', 'Taxe' ('taxare'); franz., engl. 'tresor' [mit accent aigu], treasure (thesaurus); franz., engl. dt. 'chambre', 'chamber', 'Kammer', 'Kämmerer' (camera > spätantik auch Bezeichnung des engeren Bereichs eines kaiserlichen Hofes >'camerarius'); dt. Sold (solidus); franz., engl., dt. 'finance', 'Finanzen' ('finantia' > 'finare' = beenden, erledigen, bezahlen > Mittel zur Bezahlung); franz., engl. 'domaine', 'domain', (dominica; dt 'Domäne' ist französischstämmiges Fremdwort).

Dt.'Pacht' (pactus); franz., engl. 'dette', 'debt' (debitum = private Schuld oder öffentliche Abgabepflicht); franz., eng., dt. 'rente', 'rent', 'Rente' ('reddita' = sowohl 'Zurückzahlung' als auch 'Rechnungslegung' als auch 'Ertrag einer eingesetzten Summe oder Sache'); franz., deutsch 'commende', 'Kommende' (commenda[ta] = das vertrauenshalber zur Aufbewahrung Gegebene) 'Pfründe'; dt. 'Pfründe' (praebenda > allg. Ausdruck für ländliche Lieferungsverpflichtungen); deutsch 'Meier' (maior = Vorsteher, Vorgesetzter >Verwalter eines 'Haupthofs'); dt. 'Weiler' ('villare' = Siedlung bei einm Herrenhof, lat. und mittellat. auch 'vilicus' genannt); franz., engl. 'bachelier','bachelor' (baccalaris = der von einer Herrschaft abhängige Bauer; die spätere universitätssprachliche Umgestaltung des Wortes hat einen anderen sprachgeschichtlichen Hintergund); franz. 'oeuvre', 'ouvrier' ('opera' > Dienstleistung, 'operarius' > (vor allem) ländlicher Arbeiter > s., o. unter b): 'manu opera'); franz., engl. 'paysan', 'peasant' ('paganus' = Landbewohner > [in pejorativer Bedeutung] ein zur Arbeit auf dem Lande Genötigter); franz., engl. 'famille', 'family', ('familia' ; mittellat. 'familia' bezeichnet auch das Gesinde einschließlich der zu einem Gute gehörenden halbfreien Bauern; deutsch 'Familie' wird statt 'Haus' erst im 15. Jht. üblich).

Franz., engl. dt. 'marche' (mit accent aigu ), 'market', 'Markt' (mercatus); franz., engl. 'cite' (mit accent aigu), citoyen, 'city' ('civitas', mittellat. 'civitanus'); franz., engl., dt. 'monnaie', 'money', 'Münze' (moneta); franz., engl., dt. 'prix', 'price', 'Preis' ('pretium'); franz., engl. 'salaire', 'salary' ('salarium' > ursprünglich 'Salzgeld' > Geldverdienst), dt. Kauf[mann] (caupo); dt. 'eichen' (aequare); franz. 'livre' (libra); dt., engl. 'Pfund', 'pound' (pondo); dt. 'Zentner' (centenarius); franz., engl., dt. 'nombre', 'number', 'Nummer' (numerus); franz., engl., dt. 'somme', 'sum', 'Summe' (summa); franz., engl. dt. 'masse', 'mass', Masse (massa); franz., engl dt. 'eveque', 'bishop' (mit accent aigu und accen grave), 'Bischof' (episcopus); franz., engl. dt. 'dome', 'Dom', franz., engl. 'hotel' (mit accent circonflexe), 'hotel' (hospitale); franz., engl., dt. 'ecole' (mit accent aigu), 'school', 'Schule'; franz. 'livre' (liber).

e) Worte mit Bezug auf ländliche Momente der Religion, Moral, Kunst und Bildung. Bezeichnungen aus dem Bereich herrschaftlicher Lebensform.

Obschon sich in der Antike das kulturelle Leben in Städten zu konzentrieren pflegt, so ist doch auch immer, wie in Kap.6, unter. P. 3, ausgeführt wurde, ein ländliche Form gebildeten Lebens und Austausches im Rahmen einer sozial gehobenen Lebensweise möglich. Dazu kommt mit der Entwicklung des Christentums die klösterliche Form bewußt armen, zurückgezogenen, einsamen oder gemeinschaftlichen Lebens in einer ländlichen Umgebung (neben der städtischen Klosterform, > claustrum, > monasterium), in deren Rahmen nach den Klosterregeln einerseits auch landwirtschaftlich gerabeitet und andrerseits geistige Arbeit bei dem Konzipieren und Abschreiben von Büchern und Schriftstücken mancher Art(> dictare, > liber, > tincta, >littera, >tabula) und in der geistlichen Ausbildung (>schola) und Besinnung geleistet wird. Dabei werden auch die antiken 'artes liberales' gepflegt (> ars). Eine insoweit vielseitige geistliche Bildung ist der Grund dafür, Geistliche von Staats wegen mit juristischen Verwaltungsarbeiten zu betrauen; ja das Wort 'Geistlicher' (> clericus) wird später im Englischen sogar zum Inbegriff eines gewissenhaften Subalternbeamten ('clerk'). Ferner entfalten sich die Laien-Formen christlicher Religionsausübung (> signare) auf dem Lande - unter dem jeweiligen amtlichen oder grundherrlichen Schutz stehend - in ihren eigenen Organisationsformen (> capella, capellanus). Der vorherrschendeTypus ländlicher Moral wird dadurch in zunehmendem Maße christlich bestimmt - neben sicherlich fortwirkenden, wenn auch in Schriftquellen schlecht faßbaren religiösen und moralischen Unterströmungen aus vorchristlicher Tradition. Die auf die Welt bezogenen Tugenden des Christentums sind diejenigen der einfachen, reinen, anspruchslosen, selbstbeherrschten, man kann auch sagen idealisiert-ländlichen Lebensführung, wie sie auch den nicht-christlichen Moral-Traditionen in der Antike, etwa des griechischen oder römischen Bereichs, zumeist zurgundeliegen (vgl. Kap.4 , unter P. II, B. 4). Ferner wirken über die kirchliche Rechtsprechung auch römisch-rechtliche Begiffe auf die Sittenordnung ein (> sponsi, > scripulum). All diese schon in der Spätantike vorhandenen Entwicklungen setzen sich im Mittelalter in erheblicher Intensität fort und sind Grund für eine starke Fortwirkung antiker Sprachformen in ihren Lebenszusammenhängen.

Auch der andere Sektor ländlicher Kulturentwicklung in der Antike wirkt sprachgeschichtlich nach, nämlich die im vermögenden Milieu der Grundbesitzer-Aristokratie stattfindende Pflege eines gehobenen, kultivierten Lebensstils auf ländlichen Besitzungen (> villa, auch > palatium). Wenn sich auch die nach-römischen Adelsschichten durch einige veränderte Präferenzen auszeichnen, insoweit etwa, als sie sich akzentuiert als kriegerisch und illiterat zu verstehen pflegen (> curtis, > caballarius), so öffnen sie sich andrerseits doch auch früh einigen Formen des römischen Standesbewußtseins (> gentiles, > honesti), der antiken Bildung (s. o.) und insbesondere des verfeinerten Lebensgenusses (> disportum, > deliciae, > turnare). Dies wird grundlegend für die Entwicklung der mittelalterlichen Ritter-Aristokratien und wirkt im von dort ausgehenden 'Adels'-Begriff noch bis an die Grenze der Gegenwartsgeschichte nach.

 BEISPIELE:

Franz., engl., dt. 'cloitre' (mit accent circonflexe) 'cloister', 'Kloster' (claustrum), dt. 'Münster '(monasterium); franz., engl., dt. 'ecole' (mit accent aigu ),'school', 'Schule' (scola); franz., engl. dt. maitre (mit accent circonflexe); dt.'segnen' (signare = bezeichnen und das Kreuz-Zeichen machen); dt. 'Skrupel' (scripulum); franz. 'epoux' (mit accent aigu ; sponsi); franz., engl. 'art' (ars); dt. 'dichten' (dictare); franz., dt. 'ecrire' (mit accent aigu ), 'schreiben' (scribere); franz. 'livre' (liber); dt. 'Tinte' (tincta); franz., engl., dt. 'table'. 'Tafel' (tabula); franz., engl. 'lettre', 'letter' (litera).

Franz.ville (villa), dt. 'Weiler' ('villare' = Siedlung bei einm Herrenhof); franz. und engl. 'court' ('curtis' = 'cohortis' > ursprünglich Standort des Stabes eines römischen Militärkommandeurs oder Zivilbeamten); franz., engl., dt. 'palais', 'palace', 'Pfalz' (palatium); franz. und engl. 'chevalier', 'cavalier' ('caballarius' > 'eques' > deusch 'Ritter'), franz., engl. 'gentil', 'gentle', 'gentry', ('gentilis' = jemand, der einen Stammbaum hat), honete (mit accent circonflexe) (honestus), Sport ('disportum' = Abwechslung, Kurweil), franz., engl., dt. (Fremdwort) tour, tournier ('turnus', 'turnare' = Kreislauf, Kreise drehen), franz. 'delice' (deliciae = Köstlichkeiten) .

2. Antike Landwirtschaftstradition in der Sprache einer mittellateinischen Textquelle.

Die folgenden Auszüge aus einer lateinisch geschriebenen Biographie eines Bischofs, der im 10./11. Jht. zugleich sein kirchliches Amt in Paderborn ausübt, in Hofdiensten des deutschen Königs tätig ist und die kirchlichen Güter, die seiner Verwaltung unterstehen, beaufsichtigt, lassen wegen der lateinischen Benennung der gemeinten Einrichtungen und Verhaltensweisen seiner Zeit deren Bezug auf die Antike von selbst hervortreten.

Aus der Lebensbeschreibung Meinwerks von Paderborn (um 970 -1036).

Zitiert nach: Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte 1 (bis 1250), Hamburg, 1972, S. 110 - 113 (Auszug). Lat. Text nach: Vita Meinwerci, hrsg. v. F. Tenckhoff (MGH. Script. rer. Germ. 61, 1921).

 

III. Meinwercus igitur liberalibus studiis et spiritualibus imbuendus disciplinis in prefata Halverstadensi ecclesia tenerioris etatis rudimenta, provectioris vero in ecclesia Hildenesheimensi peregit; ubi Heinricus, filius ducis Baioarie Heinrici, cum aliis plurimis honori et decori ecclesie Christi suo tempore pro futuris secum theorie studiis continuam operam dedit ...

V. Meinwercus autem, regia stirpe genitus, regio obsequio morum elegantia idoneus adiudicatur evocatusque ad palatium regius capellanus efficitur, ut Deo ordinante longius innotesceret, qui longius expetendus erat, fieretque in negotiis tam spiritualibus quam secularibus etate doctior, usu tritior, processu temporis sapientior ...

IX. Meinwercus autem novo regi (Heinrico) tam carnis propinquitate quam vite sinceritate iam dudum notissimus, de karo fit karissimus, factusqe est ei in negotiis publicis et privatis comes irremotissimus ...

XCVI. Quidam vir nomine Wulfheri XV agros, quos cum uxore sua in loco, qui Wulfereshusun dicitur, proprietario iure possedit, nimia paupertate constrictus cum consilio et voluntate uxoris sue et heredum suorum ecclesie contulit, eisque episcopus pro amore Christi pro illis XV agris I libram denariorum persolvit.

XCIX. Quidam vir Alfdagus nomine nimia penuria coactus, quicquid hereditatis in marcha Hodanhusun possederat, cum voluntate filii sui Liudulfi ecclesie tali tenore tradidit, ut, quamdiu viverent ambo, de episcopi elemosina alerentur. Episcopus autem hoc pie rependens constituit eis dari cotidie II panes, II bicarios de cervisia, sabbato dimidium caseum, dominica et aliis festis diebus II carnes et omni anno II laneos pannos, I siclum denariorum.

CXLVI. Quia ergo constantiam eius, qua in iusticia sua ut leo confisus est, audivimus, humilitatis pietatisque eius insignia breviter audiamus. Curtes dominicales episcopii sui circumiens frequenter collapsa reparabat, reparata munimine sui firmabat sollerter, sicut in acquirendis utilis, sic in conservandis fidelis. Duram antique servitutis litonum iusticiam per novam paterne pietatis relevavit gratiam, constituens a villicis amminiculari eis in cibi potusque necessariis quod antea non fiebat tempore messis.

III. Meinwerk besuchte also, um in den Wissenschaften und in den geistlichen Lehren unterrichtet zu werden, in zarterem Alter die Schule an dem erwähnten Dom zu Halberstadt, in fortgeschrittenerem Alter aber die am Dom zu Hildesheim, wo Heinrich, der Sohn des Herzogs Heinrich von Bayern, mit vielen anderen, die zu ihrer Zeit einmal zum Ansehen und Glanz der Kirche Christi beitragen sollten, unablässig den Studien der Philosophie nachging.

V.Meinwerk aber, von königlicher Abstammung, wird, da er wegen seiner von feinem Anstand geprägten Lebensart hierzu geeignet ist, zum Königsdienst bestimmt und, an den Hof berufen, zum Königlichen Kapellan gemacht, sodaß er durch Gottes Fügung weiter bekannt wurde, der er schon länger dazu ausersehen war, und in geistlichen wie weltlichen Geschäften mit dem Alter gelehrter, durch die Praxis gewandter, im Verlaufe der Zeit weiser wurde ...

IX.Meinwerk aber, dem neuen König Heinrich sowohl durch Blutsverwandtschaft als auch durch seine Rechtschaffenheit schon lange wohlbekannt, wird ihm der liebste Freund und ist ihm in allen öffentlichen und privaten Angelegenheiten der zuverlässigste Begleiter geworden ....

XCVI. Ein Mann mit Namen Wulfheri übertrug 15 'Äcker', die er mit seiner Frau in dem Ort, der Wülmersen heißt, zu Eigentumsrecht besaß, durch allzu große Armut bedrängt, mit Rat und Willen seiner Frau und seiner Erben der Kirche. Der Bischof zahlte ihnen urn der Liebe Christi willen für diese 15 'Äcker' ein Pfund Pfennige.

XCIX. Ein Mann mit Namen Alfdag - durch allzu große Not gezwungen - übertrug, was er als Erbgut in der Mark Hohenhausen besaß, mit Willen seines Sohnes Ludolf der Kirche unter der Bedingung, daß sie, solange sie beide lebten, vom Bischof durch Almosen ernährt würden. Der Bischof seinerseits vergalt dies getreulich und ordnete an, ihnen täglich 2 Brote, 2 Becher Bier, am Samstag einen halben Käse, am Sonntag und an anderen Festtagen 2 Stück Fleisch und in jedem Jahr 2 wollene Tuche und 1 Pfund Pfennige zu geben.

CXLVI. Da wir also von seiner Unerschrockenheit, die er in seiner Gerechtigkeitsliebe wie ein Löwe gezeigt hat, gehört haben, wollen wir nun etwas von den Zeichen seiner Demut und Frömmigkeit erfahren. Die Fronhöfe seines Bistums besuchend, besserte er oft Verfallenes wieder aus, das Wiederhergestellte sicherte er erfinderisch durdch Schutzvorrichtungen ab, ebenso tüchtig bei den Erwerbungen wie gewissenhaft bei der Bewahrung der Besitzungen. Er linderte das harte Recht der alten Unfreiheit der Liten durch einen neuen Gnadenerweis seiner väterlichen Güte und setzte fest, daß sie von den Gutsverwaltern zur Erntezeit ausreichend mit Speise und Trank versorgt werden sollten, was zuvor nicht geschehen war.

 Auswertung der Textstelle auf ihre Antiken-Bezüge hin.

a) Herkunft, Lebensart, Tugenden:

  • 'regia stirps' > gentiles Adelsverständnis, auch unter Rückgriff auf antike Muster.
  • 'elegantia morum' > antikes Verständnis feiner Lebensart ('Petronius arbiter elegantiarum').
  • 'constantia', 'iustitia' > zwei der vier antiken Kardinaltugenden ('prudentia, iustitia, moderatio, fortidudo').
  • 'vitae sinceritas', 'humilitas', 'pietas' > christliche und teilweise ebenfalls vor-christliche Tugenden.

b) Erziehung, Ausbildung:

  • 'rudimenta' > antike Elementarschule.
  • 'studia liberalia' > antike 'artes liberales'.
  • 'theoriae studia' > antikes Teigebiet der Philosophie.
  • disciplinae spirituales > Theologie.

c) Kirchliche Einrichtungen und Funktionen:

  • 'ecclesia' > (speziell) Bischofskirche i. S. der antiken Metropolitankirche.
  • 'epicopus' > antikes Bischofsamt.
  • 'capellanus' > gallolat. 'capa', 'capella'; spezif. Bedeutung ('Hilfsprediger' im Dienste eines weltlichen Herrschaftsträgers) erst frühmittelalterlich.
  • 'elemosyne' > biblisches Mildtätigkeitsgebot.

d) Höfischer Dienst:

  • 'evovatus' > antike 'evocatio': Berufung oder Herbeizitation eines Amtsträgers durch den Kaiser ( vgl. Cod. Iust. 12, 16, 3).
  • 'palatium' > antiker Kaiserhof.
  • 'obsequium' > (speziell) antiker Hofdienst (vgl. Cod. Iust. 12, 5, 4).
  • 'negotia publica et privata' > römisches öffentliches und privates Recht
  • 'negotia tam spiritualia et secularia' > spätantike Trennung kirchlicher und weltlicher Angelegenheiten.

e) Domänenverwaltung:

  • 'curtes dominicales' > antike 'res domenicae' mit zentralen 'villae'.
  • 'villicus' > antiker Gutsverwalter.
  • 'circumire' > antike Gutsinspektion (dies Wort schon bei Cato, agr. 2, 1).
  • acquirere > römischer Rechtsbegriff für Eigentumserwerb oder Erwerb von Vermögensrechten.
  • 'ius proprietarium', 'ius hereditarium' > antikes 'dominium fundi', allerdings mit charakteristischen familienrechtlichen Einschränkungen anderer (germanischer) Rechtstradition (Mitspracherecht der Ehefrau und der erbberechtigten Kinder bei Veräußerung).
  • 'ius ad aliquem conferre' > römischrechtliche Rechtsübertragungn, allerdings mit Elementen anderer (germanischer ) Rechtstradition (Begründung eines kirchlichen Patronatsverhältnisses mit Alimentationsverpflichtung: 'elemosyne', s. o.).
  • 'agri ' > (speziell) entsprechend ungefähr den antiken 'iugera', deren Maßeinheit auch der Bodenbesteuerung (iugatio) zugrundegelegt wird.
  • 'liti' > spätanatike 'laeti' oder 'coloni'.

f) Alltags-Objekte des ländlichen Lebens:

  • 'caseus' > klass. lat. 'caseus'.
  • 'cervisium' > klass. lat. 'cervisium'.
  • 'bicarius' > klass. lat. 'bacar', 'bacarium' (typischerweise ein Weingefäß).
  • 'carnes' > klass. lat. caro; pl. 'carnes' (für Fleischstücke).
  • laneus > klass. lat. 'laneus'.
  • pannus > klass. lat. 'pannus'.
  • denarius > klass. lat. 'denarius' (in der Spätantike im Wert ca. 1/6000 der Goldmünze 'solidus' [von 1/72 lb. Gold; Cass., var. 12], im Mittelalter im allgemeinen von höherem Wert [zeitweilig 1/12 einer Goldmünze von 1/72 lb. Gold).
 

3. Antike Landwirtschafstradition im Bauplan eines ländlichen Klosters.

Viele Elemente des von Vitruv (De archtitectura , Buch 6) oder Columella (De re rustica, Buch 1) beschriebenen und archäologisch vielfach belegten Typus einer römischen 'villa rustica' finden sich in dem nachfolgend wiedergegeben, nach der Regel des Benedikt von Nursia entworfenen Plan der Klosteranlage St. Gallen aus dem 9. Jht. wieder. Dazu gehören zwar nicht die speziell auf die geistlichen, kirchenorganisatorischen und karitativen Funktionen ausgerichteten baulichen Anlagen wie Basilika, Hospiz, Sakristei, inneres Mönchs-Claustrum, wohl aber die 'Verwaltung' (Abtspfalz und Raum des 'camerarius'), der Arbeitsraum für das Gesinde (d. h. hier die neben dem im Kloster ebenfalls vorhandenen Gesinde arbeitenden Mönche; pensale, pisale), ein Speiseraum (refectorium), ein Schlafraum (dormitorium), Küche, (oberirdischen) Keller (cellarium), Vorratslager (lardarium), Kleiderkammer (vestiarium), Bad, Krankentrakt für das Gesinde (die Mönche), Obst- und Gemüsegärten, Kornspeicher, Pferde-, Ochsen-, Kuh-, Schweine-, Ziegen-, Hühner-, und Gänseställe. Außerdem wird aber deutlich, wie sich die Tradition auch der antiken Bildung mit einer Schuleinrichtung, einer Bibliothek und einer Schreibstube im klösterlichen - und ländlichen - Rahmen fortsetzt. Erkennbar ist ferner, daß es sich um einen großen Gutsbetrieb handelt, der offensichtlich Zulieferungen aus einer bäuerlichen Umgebung erhält und eine Anzahl von Handwerksarbeiten autark organisiert. Die damals nächsten größeren Städte - Konstanz -, dessen Bischof das Kloster ursprünglich - bis zur Verleihung des Kirchenrektorats an den Kloster-Abt - untersteht, und Bregenz sind ca. 30 km entfernt. Die zum Plan gehörenden Auflistung der Gartenpflanzen (hier nicht wiedergegen) deckt sich partiell mit der oben zu 1 b) zusammengestellten Wortliste.

 Das Kloster St. Gallen.

Abb. 1.: Plan der Anlage.

Abb. 2 und Abb. 3: Erklärung der Gebäude in Bild und Text.

Plan und Erklärung entnommen aus: Konrad Hecht, Der St. Galler Klosterplan, Wiesbaden 1997, S. 15 und 60 f.

 4. Antike Landwirtschaftstradtion oder landwirtschaftsbezügliche Antikentradition in der gehobenen Sprache des Rechts, der Wissenschaft, der Kunst, der Bildung, der Technik, der Ökonomie und der Politik. Beispiele.

In der folgenden kleinen Liste werden i. w. S. landwirtschaftsbezogene Worte aus dem Bereich der altsprachlich geprägten, sozial gehobenen Rechts-, Universitäts- und Bildungssprache im Deutschen zusammengefaßt. Wie oben bereits angesprochen, ist das Profil dieser Sprachbereiche wegen der zugrundeliegenden, den ganzen europäischen Raum betrffenden Strukturen in den europäischen Nachbarländern weithin sehr ähnlich. Es lassen sich im deutschen folgende Gruppen unterscheiden:

Beispiele zu a)

Aus dem Bestand latinisierter volkssprachlicher Worte sind von dorther z. B. die folgenden - mit dem Feudalwesen zusammenhängenden - wieder in den allgemeineren Sprachgebrauch zuückgelangt: feudal, allodial, Vassall, Urbar'.

Beispiele zu b) 

Zu den lateinisch-rechtssprachlichen Begriffen, die ihren Fremdwortcharakter weitgehend behalten, aber - zu manchmal ungewissen Zeitpunkten - in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegliedert werden, gehören die folgenden, deren Ubernahmezeit sei es in der politisch-administrative Ordnung für das Land und im Villikationswesen schon des früheren Mittelalters sei es viel später liegt, wie das bei einer Vielzahl seit dem 13. Jht. rezipierter römisch-rechtlicher Begriffe mit Bedeutung (auch oder vor allem) für die ländlichen Rechtssverhältnisse reichen können: Territorium, Distrikt, Region, Staat, Regalien, Kurie, Fiskus, Naturalien, Kameralistik, Honoratioren, Benefiziar, Villikation, Exemtion, Immunität, Investitur, Immobilien, Mobilien, Tradition (in rechtlicher Bedeutung), Parzelle, Hypothek, Servitut, Reallast, Fideikommiß, Kontrakt, Kredit, prekär (Rechtsbegriff: 'rein auf Freiwlligkeit beruhend'), Inventar, Archiv, Akten, Kataster, Kartei, Dokument, Testament, Familie, Parentel, Grad, Patronat, Klientel, Patrimonialgericht, Kapitel, Domdechant, Dompropst, Ökonom, Kapital, Kalkulation, Deputat, Bilanz, Akquisition.

Beispiele zu c)

Landwirtschafts- und landschaftsbezogener höherer Lebensstil mit Bezügen zur Antike finden in folgenden Worten Ausdruck: Villa, Natur, Roman, Romantik, Bukolik, Arkadien, Vivarium, Herbarium, Sport.

Beispiele zu d)

Aus dem Französischen und Englischen sind zum Beispiel folgende, stark auch mit Grundbesitz, Landesverwaltung und ländlicher Wirtschaft zusammenhängenden Worte als Fremdworte ins Deutsche gelangt: Souveränität, Domäne, Kommune, Rayon, Pension, Rendite, Profit, Konto, Kasse, Kompost, Transport.

Beispiele zu e)

Die der ländlichen Erzeugung und Betriebswirtschaft gewidmete wissenschaftliche Sprache nimmt öfters (wenn auch in merklicher Weise zurückhaltend) lateinisch- oder griechischsprachige Termini aus den Wissenschaften und der Praxis der Antike auf, z. B.: Agrikultur, Vegetation, Klima, Ökonomie. Oder sie bildet aus altsprachlichen Wortelementen neue wissenschaftssprachliche Fremdworte, z. B: Kultivierung, Produktivität, Intensivierung, Melioration, Konservierung, Veterinärwesen, Kastration, Trichomonaden, Ammoniak, Klonen (von griech. 'klon' = 'Pflanzensproß' oder '-zweig'). Oder sie übernimmt einige auf ähnliche Weise in europäischen Nachbarspachen gebildtete wissenschaftliche Worte, z. B.: Silage, Vaccine, Pasteurisierung. In ähnlicher Weise werden auch im Bereich der Landwirtschaftspolitik und der Landwirtschaftssoziologie und -geschichtsforschung wissenschaftliche Worte gebildet, z. B.: 'Marktquote', 'Agrarier', 'Subvention' oder 'Domestikation', 'Feudalismus', 'Kameralismus', 'Subsistenzwirtschaft'.

C. Thesen zur Tradition antiker Landwirtschaft und antiker öffentlicher Ordnung auf dem Lande in der nachantiken Geschichte der Wirtschaft und Verwaltung Europas.

Die Bedeutung der Landwirtschaftsgeschichte des Altertums für die folgenden Geschichtsepochen liegt generell darin, daß sich an ihr erweist, wie sich mittels einer intensiven Nutzung der natürlichen Ressourcen im Bereich von Boden und Vegetation die Grundlage nicht nur für eine relativ sichere Versorgung großer Populationen, sondern auch für die Entwicklung hochkultureller Gesellschaften einerseits selbst entwickelt und andrerseits in gewissem Umfang politisch gesteuert entwickeln läßt.

Dabei entstehen wohl mit einer gewissen Zwangsläufigkeit - worauf ein interkultureller Vergleich zwischen fernöstlicher Altertumsgeschichte und der der Antike im westlichen Eurasien deutlich hinweist - typische Strukturen ländlicher Produktion, Dienst- und Besitzverhältnisse, die i. w. S. städtische Märkte zu bedienen vermögen, für staatliche Organisation einen weithin ausreichenden materiellen Unterbau abgeben können und eine Schicht von Großgrundbesitzern zu tragen pflegen.

Durch die Verbindung mit Marktstrukturen und mit dem staatlichen Steuersystem entstehen für die ländliche Produktion ebenso Momente der Intensivierung und Rationalisierung als auch solche des ständigen Werttransfers, welcher einerseits in gewissem Umfang bei begünstigten Stellen und Sozialschichten Finanz- und Kapitalmittel akkumuliert, andrerseits die nicht begünstigten Bevölkerungsschichten entreichert bzw. systematisch auf einem wirtschaftlichen Subsistenzminimum zu belassen pflegt.

Dieser Formationstyp einer landwirtschaftlich basierten Hochkultur entfaltet bereits während der römischen Antike gewisse Kulturdiffusionswirkungen in den reichsinternen Kolonisations- und Urbanisierungsprozessen und außerdem auch ein wenig in den 'barbarischen' Vorfeldregionen des römischen Reiches. Doch ist es wohl charakteristisch, daß sie sich hier in größerem Umfang erst im Rahmen politisch einheitlich regierter Gebiete der nachantiken Herrschaftsysteme auf neue Regionen ausdehnen kann: sie setzt eben eine staatliche Ordnung voraus, die eine erhebliche Umstrukturierung des Landes zumindest auf Dauer durchzusetzen vermag und daran auch ein starkes organisatorisches Eigeninteresse hat.

Für diese hochkulturelle Reorganisation des Landes in gewissem Umfang die Muster vorzugeben ist wohl die Bedeutung der landwirtschaftlichen Antikentradition für die nachfolgenden historischen Formen der Landesverwaltung und der ländlichen Wirtschaftsorganisation. Elemente der spätantiken Militärverfassung - die im Bedarfsfall Zivil- und Militärverwaltung verbindet (vgl. Nov. Iust. 27 de comite Isauriae, praef.) -, des römischen Großgrundbesitz- und Kolonatssystems - mit den ihm in der Spätantike innewohnenden öffentlich-rechtlichen Aspekten - und des römisch-staatlichen Steuersystems sowie des römischen Kirchenstiftungsrechts wirken wohl in stärkerem Maße bei der Synthese des mittelalterlichen adelsständischen Lehenswesens und der sich ausdifferenzierenden und weiterverbreitenden kirchlichen und säkularen Villikationsformen mit, als es einige ihrer zentralen germanischsstämmigen Benennungen und Rechtsaspekte (z. B. der Rechtsbegriff 'feudum') vermuten lassen.

In der späteren Entwicklung des Mittelalters werden römisch-antike Muster immer wieder auch bei der Entwicklung des städtischen Verfassungswesens und insbesondere im Rahmen der kirchlichen und säkularen Rezeption des antiken römischen Rechts wirksam, was mittelbar im Laufe der Zeit auf die Strukturen der Landesverwaltung und des ländlichen Betriebsswesens zurückwirkt (z. B. auf eine römisch-rechtliche Deutung von Lehensverhältnissen) und in einigen Aspekten typisch 'antike' Stadt-Land-Verhältnisse erzeugt (z. B. in der Entstehung von stadtzugehörigen Territorien oder in einer städtisch-behördlichen Marktgerichtsbarkeit).

Fernerhin begründen römisch-antike Muster teilweise auch das Staatsverständnis neuzeitlich-absolutistischer Herrschaften, was sich sowohl in deren zentral regiertem Ämter-, Finanz- und Domänenwesen als auch in einer ökonomisch-betrieblichen und öffentlichrechtichen Reorganisation des als prinzipiell nur staatsuntertänig verstandenen ländlichen Bereichs auswirkt (z. B. in einem Amtscharakter der Gutsherrschaften und ihrer 'Patrimonialgerichtsbarkeit').

D. Thesen zum 'ländlichen Geist' der Antike in der nachantiken Überlieferung ihrer Bildung und ihrer politischen und religiösen Ideen und Normen.

Generell wird man für landwirtschaftsbasierte Hochkulturen einen 'ländlichen Geist', d. h. dominierende Weltvorstellungen und moralische Maßstäbe anzunehmen haben, die durch die ständig hervortretenden Rahmenbedingungen der landwirtschaftlichen Existenzgrundlage der Gesellschaft mitgeprägt sind. Dazu gehört zunächst, daß die 'naturalen' Rahmenbedingungen der Gesellschaft in besonderem - aus der Perspektive der heutigen industrialisierten und technifizierten Zivilisation weithin unverständlich gewordenem - Maße bewußt sind: d. h.: die Bedingungen des Wachsens und der Fruchtbarkeit von Lebewesen und Pflanzen, des jahreszeitlichen Turnus menschlicher Arbeit, der Begrenztheit menschlicher und tierischer Arbeitskraft und der u. U. völligen Vergeblichkeit und Gewinnlosigkeit menschlicher Arbeit, der Unplanbarkeit der Wetterverhältnisse, der Unabwendbarkeit von Seuchen, Schädlingsbefall oder anderen Katastrophen und ihrer u. U. einschneidenden und vernichtenden Konsequenzen. Dieses Moment eines 'ländlichen Geistes' antiker Geisteskultur tritt als selbstverständlich und alternativlos in den antiken Quellen (z. B. eindrücklich formuliert im biblischen Prediger Salomo) auf, und als solches wirkt es auch geistesgeschichtlich prägend weiter, bis eigentlich erst das letzte Jahrhundertet es als etwas im Hinblick auf eine menschliche Technik- und Fortschrittsfähigkeit Nichtselbstverständliches und Vergangenes einzuschätzen begonnen hat. Allerdings bleibt zu beachten, daß der größte Teil der Weltbevölkerung auch heute noch unter agrarischen Verhältnissen lebt.

Ein weiteres dem ländlichen Leben mittelbar verbundenes Moment antiker Geisteskultur mit Traditionswirkung ist das griechische und römische Konzept einer enyklopädischen Bildung abseits aller Zweckbestimmung durch Erwerbs- und Arbeitsnotwendigkeit, in souveräner Gestaltung der Studien und des Austausches und in Abgrenzung von allen theoriewidrigen Störmomenten. Es setzt eine gewisse Freiheit der Lebengestaltung voraus, die, wie früher (Kap.6, unter P. II B 3 d) dargelegt, wesentlich zu einem 'ländlich-grundbesitzerlich-aristokratischen' Lebensstil und seine, nicht nur städtischen, sondern auch ländlichen Residenz-Milieu gehört. Dieser Stil, dessen 'Liberalität' bei Cicero sogar eine ständisch verstandene Grenze gegen andere Bevölkerungsgruppen enthält, wirkt auf spätere europäische Formen des Bewußtseins 'höherer Stände' immer wieder prägend ein. Es ist auch in einem inneren Zusammenhang mit den scharfen sozialen Grenzziehungen zwischen einem 'Oben' und 'Unten' nicht nur antiker, sondern auch historisch späterer - landwirtschaftlich basierter - Hochkultur zu sehen, deren geistige Werte es andrerseits in besonderem Maße verkörpert.

Es gibt zwar auch ein von von ständischen Momenten freies Bildungskonzept aus der Antike, wie es sich etwa in den akzentuiert zynischen und stoischen Richtungen antiker Philosophie äußert. Die dahinter stehende Lebensform, die auch den Sklaven als geistig seinem Schicksals gewachsenen und geistig freien Menschen zu verstehen vermag, hat als 'libertine' ebenfalls größere Traditionswirlung in der Ideengeschichte Europas gehabt, allerdings doch eine vergleichsweise geringe; denn sie sich dort - wie wohl auch in der Antike - in eher städtischen als ländlichen Milieus entfaltet.

Ferner ist auch die Maxime einer 'nüchternen Praxis', wie sie etwa in Catos 'De agricultura' hervortritt, ein Erbe der Antike. Weniger der Inhalt der antiken Landwirtschafts-Schriftstellerei , die erst seit der Zeit Petrarcas wiederentdeckt und - erschlossen wurde, dürfte dabei das wichtige Prägemoment sein als der 'catonische' Geist, der - von Biographen wie Plutarch eindrucksvoll gezeichnet - ein Ethos der unprätentiösen politischen oder wirtschaftlichen Tatkraft bei manchen Verantwortlichen auch in späteren Epochen geistig zu unterstützen vermochte.

Zu den teils mehr im städtischen, teils mehr im ländlichen Geist antiker Lebensverhältnisse wurzelnden geistigen Traditionen aus der Antike gehören die des politischen Gemeinsinns und der Vaterlandsliebe. Das Engagement für die Polis Athen, wie es in der Trauerrede des Perikles für die Kriegsgefallenen des Jahres 431 (Thukyd. 2, 34 ff.) zum Ausdruck kommt, steht als Typus neben dem der Aufopferung des spartanischen Königs Leonidas und seiner Mannschaft in der Schlacht an den Thermopylen (Herodot 7, 228 ) oder dem der Tugend des Bauern und Feldherrn Cincinnatus (Liv. 3, 26 - 29). Diese Typen sind in der späteren europäischen Geschichte vielfach prägend geworden; sogar in den Vereinigten Staaten wurde eine Stadt nach Cincinnatus benannt.

Generell sind die moralischen Traditionen, die uns in den antiken Quellen gegenübertreten - ob es sich um griechische, römische oder die der Bibel handelt, in starkem Maße von ländlichen Lebensverhältnissen und Maßstäben geprägt, wie in Kap.4 (unter P. II B 4) dargelegt wurde. In diesem Sinne entfalten sie späterhin Wirkung, sowohl über die bildungsmäßige Antikenrezeption der verschiedenen Epochen des Mittelalters und der Neuzeit als auch insbesondere durch das Christentum. Dessen religiöse Botschaft richtet sich zwar auch an die Bevölkerung antiker Städte und verbreitet sich im wesentlichen über diese. Aber in den nicht spezifisch religiösen Moralauffassungen von Arbeit, Familie, Ehe, Pietät entspricht es - auch was seine Sittenstrenge betrifft - weitgehend denen der nicht-christlichen antiken Umwelt. Und auch in seinen spezifisch religiösen Einstellungen wie z. B. in seiner Tendenz zur eremitischen Weltabgewandtheit oder in der Maxime der Einfalt und Reinheit der gläubigen Gesinnung atmet - trotz des darin auch liegenden 'kynischen' Moments - ein eher 'ländlicher' Geist, wie er späterhin ja im ländlichen Klosterwesen auch deutlich hervortritt. 

E. Thesen zur Bedeutung der Landwirtschaftsgeschichte des Altertums für das historische Selbstverständnis der Gegenwartsgesellschaften.

Generell liegt die Bedeutung einer kulturgeschichtlich ausreichend weit gefaßten Landwirtschaftsgeschichte des Altertums für eine historische Selbsterklärung Gegenwart darin,

Es könnte sich die Frage stellen, ob nicht in einer Epoche der weltweiten Kulturverflechtung, der Industrialisierung und Technifizierung auch der landwirtschaftlichen Grundlagen menschlicher Kultur und der Internationaliserung der Landwirtschaftsfragen zu 'Welternährungsproblemen' die Prägewirkungen der Altertumskulturen zunehmend an Bedeutung verlieren; denn die kulturkreisspezifischen Traditionen werden in allen Weltregionen mit intensiviertem Austausch aneinander angeglichen, die landwirtschaftlich nutzbare Erdoberfläche ist heute komplett erschlossen und wird in einigen Regionen bis zur Überproduktion intensiv genutzt, und die Landwirtschaft spielt heute in der politischen und der sozialen Ordnung und im Bruttosozialprodukt der 'fortgeschrittensten' Industrienationen durchweg eine Nebenrolle (vgl. KAP_1_BEDEUTUNG_UND_INHALTE_DER_ALTEN_LANDWIRTSCHAFTSGESCHICHTE , unter P. II 1).

Dennoch sind kulturprägende Traditionen in den einzelnen Weltregionen auch heute stark wirksam, wie z. B. die Traditionen der Organisation des bäuerlichen Landes außerhalb der Städte nicht nur in China, sondern auch im größeren Südostasien. Für historische Erklärungen haben sie u. U. zentrale Bedeutung (z. B. für die der 'ländlichen' Ideologiemomente im Selbstverständnis dortiger Kommunismus-Formen). Auch die heute im wesentlichen vom 'Westen' ausgehenden weltweit wirksamen 'Kulturdiffusionswirkungen' folgen ihren eigenen Traditionsmustern; deren genaue Lokalisierung kann für die historische Erklärung ideologischer Gegenwartskonflikte Bedeutung gewinnen (z. B hinsichtlich indigener 'ländlicher' Formen des Bewußtseins in 'anti-westlichen' Strömungen), selbst wenn für alle heutigen Kulturkreise gilt, daß sie sich einerseits aus bäuerlichen Grundlagen mit abstrakt ähnlichen Grundmustern entwickelt haben und andrerseits heute vor ähnlichen Entwicklungsproblemen stehen. Von Bedeutung bleibt schließlich, daß die Ernährungsgrundlage von Populationen auch heute nicht nur ein Weltproblem, sondern mindestens ebenso stark ein Problem der einzelstaatlichen Politik und der Wirtschaftsordnung ist und bleibt, wie dies ja generell bei Wirtschaftsfragen so ist. Der quantitativ sehr kleine Anteil der Landwirtschaftsproduktion am Bruttosozialprodukt einiger Staaten dürfte über seine auch dort u. U. für die soziale und politische Ordnung essentielle Bedeutung - betreffend die die Erzeugerseite, die Konsumentenseite und das staatlich-politische Autarkieinteresse - hinwegtäuschen. Die Aufnahme landwirtschaftlicher und ländlicher Symbole in Staatswappen bringt demgegenüber - aus unterschiedlichen Motiven - diese Bedeutung hin und wieder auch sinnfällig zum Ausdruck. Was die Landwirtschaftspolitik betrifft, so ist folgendes zu berücksichtigen: die Weltkonflikte haben ihre Ursachen hintergründig immer wieder in der Widersprüchlichkeit oder Unvereinbarkeit von Interessen, die knappe Ressourcen betreffen, und es gibt angesichts der heute voll erschlossenen landwirtschaftsfähigen Gebiete der Erdoberfläche keine Wahrscheinlichkeit, daß dies anders werden sollte. Insoweit ist auch davon auszugehen, daß die heutigen, letztlich auf die Altertumskulturen zurückführbaren Formen der Staatsfinanzierung, der inneren Vorsorge-, Lagerhaltungs- und Strukturverbesserungspolitik, aber ggf. auch des kolonisatorischen oder sonstigen Zugriffs auf fremde Interessensphären mit ihren typischen Auswirkungen auf die innere Ordnung der Gemeinwesen fortwähren werden.

 Abb. 4: Staatswappen der Gegenwartsgeschichte mit landwirtschaftlichen und ländlichen Symbolen.

Entnommen aus: Arnold Rabbow, dtv-Lexikon politischer Symbole, München 1970, Abbildungsteil 'Wappen', nach S. 160.

II. LITERATUR.

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Werner Rösener, Einführung in die Agrargeschichte, (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Darmstadt 1997 (betr. vor allem die mittelalterliche und neuzeitliche Entwicklung der europäischen Landwirtschaft).

F. W. Henning. Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Deutschland, Bd. 1 : 800 - 1750, Paderborn 1996 3 .

J. Lüning, A. Jockenhövel, H. Bender, T. Capelle, (Hg.), Deutsche Agrargeschichte. Vor- und Frühgeschichte, begründet von G. Franz, Stuttgart 1997.

Konrad Hecht, Der St. Galler Klosterplan, Wiesbaden 1997.

H. Herrmann, U. Meyer-Ötting u. a., Agrarwirtschaft . Fachstufe Landwirt. Fachtheorie für Ackerbau, Grünland, Waldwirtschaft, Tierzucht, Tierhaltung, Landtechnik, Ölologie, Okonomie, München 1997 5 .

Wilhelm Roscher, System der Volkswirtschaft, Bd. II: Nationalökonomik des Ackerbaus und der verwandten Urproduktionen. Ein Hand- und Lesebuch für Staats- und Landwirte, bearbeitet von Heinrich Dade, Stuttgart und Berlin 1903 13 .

Rudolf E. Keller, Die deutsche Sprache und ihre historische Entwicklung. Übersetzt und berabeitet von Karl-Heinz Mulagk, Hamburg 1995 2 .

Peter Rickard, Geschichte der französischen Sprache. Übersetzt und herausgegeben von E. und H. Bertsch, Tübingen 1977.

Rolf Berndt, A History of the English Language, Leipzig 1989 3 .

Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, berabeitet von Elmar Seebold, Berlin, New York 1995 23 .

Ernst Gamillscheg, Etymologische sWörterbuch der französischen Sprache, Heidelberg 1969 2 .

T. F. Hoad, The Concise Oxford Dictionary of English Etymology, Oxford, New York 1993.

Bernhard Kytzler, Lutz Redemund, Unser tägliches Latein. Lexikon des lateinischen Spracherbes, Mainz 1992.

Arnold Rabbow, dtv-Lexikon politischer Symbole, München 1970.


LV Gizewski WS 1997/98

Autor: Christian Gizewski (EP: gizeoebg@linux.zrz.tu-berlin.de)